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Full text of "Otto Schneid Papers--The man-made hell; a search for rescue. Toronto: Source Books, 1970. "Mensch Wohin?" typescript draft--Schneid, Otto. (Box 32, Folders 1-19)"

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in  2014 


https://archive.org/details/ottoschneid32_1_19 


Dem  Andenken 

der  Märtyrer  von  Auschwitz 

Gandhis , 

Kings 


IN  TIEFER  NOT.  EIN  VORWORT 

ffir  sind  in  tiefer  Not,  wir  Alle,  die  territorialen, 
ethnischen,  sozialen  und  geistigen  Gruppen,  aus  denen  die 
Menschheit  besteht,  und  tiefer  noch  ist  die  Not  zahlloser 
Einsamen»  Wir  leben  in  einer  Welt,  die  groß,  aber  nicht  glück- 
lich genannt  werden  kann  und  von  nie  vorher  gekannten  Gefahren 
umgeben  ist»  In  der  Beziehung  des  Menschen  zur  Natur,  in  der 
Natur  an  sich  und  darin,  was  in  uns  selbst  immer  noch  Natur 
ist,  ist  eine  Krise  entstanden,  und  sie  ist  es,  die  auch  die 
Menschheit  in  feindliche  Lager  gespalten  hat  und  alles  Leben  # 
bedroht,  Wir  sind  nicht  geneigt,  das  zu  glauben,  obzwar  manche 
Befürchtungen  $$§SJtö  schon  Wirklichkeit  sind  und  das  Kommende 
teilweise  voraussehbar  ist.  Es  ist  eine  der  schon  eingetretenen 
Folgen  dieser  Lage,  daß  den  meisten  von  uns  die  psychologische 
Fähigkeit  fehlt,  die  Dinge  in  ihrer  drastischen  Tatsächlich- 
keit zu  sehen,  und  das  bedeutet  Mangel  an  Bereitschaft  zur 
Abwehr  und  Rettung.  Kurzsichtiger  Gruppenegoismus  versperrt 
die  Wege  und  lähmt  oder  verhindert  umfassende  Aktionen. 
Bemühungen,  dem  Verderben  vorzubeugen,  werden  daher  unwirksam. 
So  gibt  es  Denker,  die  zu  dem  unheimlichen  Schluß  gekommen 
sind,  die  Menschheit  habe  keine  Zukunft. 

Dennoch  wird  hier  ein  Versuch  unternommen,  die  Fragen 
durch  Schilderung  und  Analyse  zu  klären,  die  Zusammenhänge 
zwischen  ihnen  aufzudecken,  Möglichkeiten  zu  prüfen  und 
Lösungen  zu  finden.  Realistische  Antworten  auf  einen  so  kom- 
plizierten Sachverhalt  können  jedoch  leider  weder  angenehm 
noch  billig  sein.  Es  kann  kein  Angebot  umfassender  Lösungen 
geben,  für  das  allgemeine  Zustimmung  zu  erwarten  wäre,  weil 


II 

es  mächtigen,  von  den  Gegensätzen  der  Interessen  herkommenden 
Widerständen  begegnen  muß.  Nichtsdestoweniger  gibt  es  immer 
noch  Viele,  die  gesund  genug  sind,  die  Frage  von  Sein  oder 
Nichtsein  in  ihrer  schonungslosen  Totalität  zu  sehen.  Sie 
verstehen  oder  können  verstehen,  daß  es  selbstloser  Anstren- 
gungen und  Zugeständnisse  und  schwerster  Opfer  bedarf,  um 
dem  katastrophalen  Ende  zu  entgehen.  An  sie,  die  das  Leben 
höher  schätzen  als  seine  einzelnen  Werte,  Erscheinungsformen 
und  Attribute,  wendet  sich  der  vorliegende  Versuch.  Es  ist 
ein  Memorandum  an  denkende  Menschen,  insbesondere  an  diejeni- 
gen, die  in  bedeutenden  Stellungen  schwere  Verantwortung 
tragen  und  an  der  Abwehr  des  Unheils  direkt  mitwirken  können. 

Jedes  mit  Fragen  der  Gegenwart  beschäftigte  Buch  ist  in 
unserer  geteilten  Welt  dem  begreiflichen  Verdacht  der  Partei- 
lichkeit ausgesetzt,  vielleicht  gerade  dann,  wenn  es  nicht  in 
eigentlich  politischem  Geiste  und  ohne  die  übliche  Phraseo- 
logie geschrieben  ist.  Meine  undoktrinäre  und  unverhüllte 
Stellungnahme  wird  dem  wirklich  lesenden  Leser  ermöglichen, 
das  Maß  meiner  Unabhängigkeit  zu  beurteilen.  Die  Rettung  vor 
dem  nuklearen  Weltkrieg  und  vor  den  andern  Gefahren  der  Ver- 
nichtung bildet  das  Ziel,  dem  andere  Erwägungen  untergeordnet 
werden  müssen  und  in  diesem  Versuch  untergeordnet  werden. 

Dieses  enorm  praktische  Ziel  verlangt  Einschränkung  der 
eigentlich  philosophischen  Untersuchung  auf  das  mit  dem  Haupt- 
thema direkt  Zusammenhängende.  Ergebnisse  über  den  Menschen 
selbst  wie  über  Sein  und  Erkennen  und  fernere  Fragen,  die  alle 
das  Rettungswerk  zur  Voraussetzung  halbes*,  seien  einem  späteren 
Buche  vorbehalten. 

Während  der  Arbeit  an  der  vorliegenden  Schrift  sind  auch 
gute  Omina  aufgetaucht.  -In  mohno^on  Jör\r\  n^n^oraeiiicncn-  von  


III 

Die  hier  im  Abschnitt  über  den  Süd-Sudan  wiedergegebenen  schaurigen 
Berichte  sind  auch  von  holländischen  und  kanadischen  Zeitungen  auf- 
genommen worden,  sodaß  zu  hoffen  ist,  daß  die  Ermordung  eines  Volkes 
nicht  mehr  lange  ungestört  weitergehen  wird»  Und  wichtige  Regierungen 
sind  im  Begriffe,  ihre  Bevölkerungspolitik  gründlich  zu  ändern, 

Nicht  minder  sinnfällig,  ja  in  interkontinentalen  Dimensionen 
sichtbar,  wird  eine  Wendung  zum  Guten,  deren  konsequente  Weiterentwic 
lung  die  gesamte  Beziehung  des  Menschen  zur  Natur  erfassen  und  uns 
zu  der  hier  dargestellten  Erneuerung  unseres  Daseins  in  ihr  führen 
müßte.  Ökologisch  Einsichtige  haben  sich  zu  ansehnlichen  Organisatio- 
nen zusammengeschlossen  und  manche  Regierungen  scheinen  ihrem  Druck 
und  dem  Beispiel  ihres  direkten  Eingreifens  nicht  ungern  zu  folgen. 
Die  ökologische  Perspektive  zeigt  Vielen  die  ungebändigte  Profitgier 
als  blinde  Macht  der  Zerstörung  noch  deutlicher  als  in  ihren  längst 
bekannten  Auswirkungen, 

Anderseits  ist  es  die  enorme  und  vielgestaltige  Schwierigkeit 
der  Herstellung  und  Aufrechterhaltung  regionalen  Friedens  als  Vor- 
bedingung der  Abwehr  totalen  Untergangs,  die  dem  hier  vorgebrachten 
System  zur  Rettung  allzu  klare  und  dringende  Bestätigung  verleiht. 

Dieses  Buch  will  weder  alarmieren  noch  ein  trügerisches  Empfin- 
den der  Sicherheit  begünstigen.  Es  soll  Illusionen  beseitigen  und 
zur  Entwirrung  des  Denkens  beitragen.  Es  soll  autkk  feindselig  geteilte 
Menschen  zu  weitgehenden  Revisionen  anregen  und  zur  Aktion  für  das 
Gemeinsame  zusammenbringen  helfen. 


INHALT 

I.  VERFALL  DES  MENSCHEN  IM  20.  JAHRHUNDERT  

Mensch  und  Natur  heute.  

Ohne  Luft  und  Licht.  

Ein  gehetzter  Flüchtling  

Sein,  Haben,  Kaufen  

Was  beabsichtigt  die  Maschine?  

Konsument  wider  willen  

Ein  entartendes  Geschlechtswesen  

Rauschgift  

Arzneien  und  Ärzte  

Die  Irrealität  des  Geldes  

Der  moderne  Mensch  und  die  Arbeit  

Menschenwürde  

Die  Beziehung  des  modernen  Menschen  zum  Wert  

Wer  ist  glücklich?  

Thank  you,  fine  •  

II.  VERGIFTUNG  UNSERER  HEIMAT  

Chemie  gegen  Atmung.  • 

Psychologie  der  Tötung  

Ein  verfrühter  Rechsstandpunkt  

Gegen  und  für  Insekten,  gegen  und  für  das  Leben. . 

In  memoriam  Rachel  Carson  

Ein  verfrühter  Ausblick  

III.  EXPLODIERENDE  MENSCHHEIT  

Eine  Kurzgeschichte  

Gegen  ein  tödliches  Gedränge  

Der  Vatikan  und  die  Menschheit  

Gegen  den  Hunger  und  fernere  Möglichkeiten  

IV.  GRUNDLEGUInTG  EINER  ALT±NEUEN  ETHIK  1. 

Über  Religion  und  Ethik  

Kar  ma  

Chinesische  Prinzipien  .  

Die  griechische  Philosophie  und  ihre  Ethik  

Spätere  Ethik  

Die  Idee  der  Vollkommenheit  


Menschliche  Vollkommenheit  

Die  Ethik  und  das  Verbrechen  des  Krieges  

Die  Ethik  und  das  Verbrechen  der  Versklavung  

Mensch  und  Tier  

Über  Tod  und  Leben  

Das  Kriterium  der  Ethik  

V.  IDEEN  UNSERER  ZEIT  

Religionsgeschichte  und  Religion  

Ökumenismus  

Ein  Versuch  über  Religion  und  Philosophie  

Das  Wesentliche  und  das  Unwesentliche  

Zum  alten  Problem  der  Ursächlichkeit  und  der  Willensfrei- 
heit. . . 

Über  das  Verhalten  der  Philosophie  

Versuch  über  Beziehung  

In  den  Kirchen  etwas  weiter  unten  

Die  Rolle  der  Erziehung  im  Niedergang  des 

Menschen  

Eine  Zeit  und  ihre  Kunst:  Fünf  Phasen  eines 

Prozesses. . • . 

Kunst  entsagt  ihrem  Inhalt  

Kunst  ohne  Porm  

Kunst  ohne  Gegenstand;  Kunst  ohne  Künstler  

Überbleibsel  einer  Tätigkeit  

Nichts  

Nach  dem  Nichts  

Eine  zusätzliche  Klarstellung  

Ein  Wort  über  Musik  

Ein  V/ort  über  Lyrik  

Die  Kunst  der  Zeit  als  menschliches  Problem 

und  eine  prähistorische  Parallele  

VI.  DIE  SITUATION  DER  MENSCHHEIT:  TIEPSTE  SCHATTEN  UND 

EIN  WENIG  LICHT  

Versuch  einer  Klassifikation  der  Katastrophen  

Tradition  und  Revolution  

Geteilte  Menschheit  

Prinzip  und  Konsequenzen  des  Kapitalismus  

Eine  unkonventionelle  Auffassung  von  Paschismus.... 
Eine  Deutung  des  Kommunismus  


Ein  Versuch  über  Amerika  

China  und  der  Bankrott  doktrinären  Denkens  

Rüstungsindustrie  

Sozialismus  und  Wirklichkeit  - 

Ein  Zwischenspiel:  Die  letzten  Menschen  , 

VII.  NUKLEARER  KRIEG  UND  DIE  ALTERNATIVE  , 

Erfahrung  und  das  Heue  

Der  Globus  als  Spielball.  

Womit  beschäftigen  sich  die  Menschen  heute?... 

Von  öffentlicher  Meinung  

Das  Recht  

Möglichkeiten  der  Entstehung  und  des  Verlaufes 

Nach  dem  Ende  

Schlußfolgerungen  

VIII.  DIE  ALTERNATIVE:  FRIEDENSKONFERENZ  OHNE  KRIEG... 

Grundlegung  •  

Drei  Konferenzen  und  deren  Vorbereitung  

Der  Geist  der  Friedensverhandlungen  

Prinzipien  des  Völkerrechts  

Anwendung  auf  Vietnam  

Anwendung  auf  Tai  wan  

Anwendung  auf  Tibet  *  

Anwendung  auf  Kasnmir  

Anwendung  auf  Afrika  

Was  geht  im  südlichen  Sudan  vor?  

Biaf ra  

Anwendung  von  Völkerrechtsprinzipien 

auf  Deutschland  

Anwendung  auf  Ungarn  

Polen,  Osteuropa  und  die  Tschechoslovakei  

Die  neue  Sowjetpolitik  und  ihre  Opfer  

Die  Revolution  der  Neger  Amerikas  

Südamerika  

Greuelmärchen  aus  Guatemala  

Die  Indianer  leben  

In  Brasilien  wird  ein  Volk  ermordet  , 


Durch  die  Meerengen  zum  Frieden  # 

Das  Hauptziel  der  Friedenskonferenz  

Ein  Recht,  das  die  größte  politische  Errungenschaft 

werden  könnte  

Hindernisse  auf  dem  Wege  zur  Abrüstung  

Die  Liethode  der  Abrüstung  und  die  Arbeiten 

der  Friedenskonferenz.. 

Die  militärischen  Auslandsbasen  

Die  künftige  Rolle  und  Bedeutung  der 

Vereinigten  Nationen  

Souveränität  als  Problem  

Geschichtsschreibung  und  Politik  

Eine  Begründung  des  Prinzips  der  Gewaltlosigkeit. . 
Nachwort : 

Utopie  und  Prophetie  

Ein  Einblick  

Ein  Ausblick  


VERFALL  DES  MENSCHEN  IM  ZWANZIGSTEN  JAHRHUNDERT 


Mensch  und  Natur  heute 

Beginnen  wir  mit  einem  der  Vorkommnisse,  die  an  sich 
belanglos  sind,  aber  als  Symptome  sinnvoll  v/erden,  wenn  sie 
uns  in  eine  ganze  Zivilisation  unerwarteten  Einblick  geben. 

Vor  kurzem  saß  eine  Gesellschaft  in  einem  Garten.  Man 
sah  Allen  an,  daß  sie  sich  selten  in  s±  einer  solchen  Umgebung 
aufhielten.  Sie  waren  nicht  in  ihrem  Element. 

Da  flog  auf  das  normal  geschminkte,  etwas  verfettete 
und  nicht  unintelligente  Gesicht  einer  Frau  in  mittleren 
Jahren  ein  harmloser  Käfer  zu.  Ihre  zusammenfahrende  Abwehr- 
bewegung, ihre  Angst,  ihr  Abscheu,  ihr  unartikulierter  Hilfe- 
ruf, ihre  Erbitterung  über  die  Gleichgiltigkeit  der  Andern, 
ihr  Entsetzen  und  ihre  Wut  über  den  Eindringling,  der  plötzlich 
in  dieser  Welt  erschien,  die  doch  nur  ihr  und  ihresgleichen 
gehörte,  diese  ziemlich  komplizierte  und  doch  in  weniger  als 
einer  Sekunde  erfolgende  Reaktion  wurde  zum  Indikator  unseres 
jetzigen  Zustandes. 

Denn  weniger  drastisch,  aber  im  selben  Sinne,  hätten 
Unzählige  reagiert, und  sie  tun  es  auch,  sooft  das  ihnen  so 
völlig  Entfremdete,  Natur  in  jeder  Gestalt,  ungerufen  im 
Bereich  ihres  künstlichen  Daseins  erscheint,  schon  durch  den  bloßen 
Hinweis  auf  ein  anderes  Sein  empfindlich  störend,  ja  verletzend. 

Diese  Leute  fürchten  also  die  Natur  und  hassen  sie.  Sollten 
wir  es  nicht  Physiophobie  nennen  ?  Es  ist  schwer  zu  sagen,  ob  der 
Haß  der  Furcht  entstammt  oder  ob  eine  Wechselwirkung  besteht. 
Das  zeitlich  Vorausgegangene  und  die  logische  Voraussetzung  ist 
jedenfalls  die  Fremdheit ,  und  diese  kam  nach  der  Entfernung  des 
Menschen  aus  seiner  Weit,  nach  seiner  Flucht  in  eine  selbstgemachte 
Scheinwelt.  Die  Flucht  folgte  dem  Verlust  oder  der  Vertreibung 
der  in  ihm  anwesenden,  ihn  bewirkenden  und  in  ihm  wirkenden 
Gesetzmäßigkeit  und  der  Einsetzung  willkürlicher  Surrogate, 


2 


die  zu  einem  ganzen  System  angewachsen  sind.  Es  ist  ,  als 
hätte  dieses  System  eine  Alleinherrschaft  errichtet,  um  nun 
in  einer  entscheidenden  Offensive  gegen  die  noch  nicht  verdräng- 
ten Heste  der  Natur  ringsum  und  gegen  letzte  menschliche 
Ursprünglichkeit  vorzugehen.  Zunächst  geht  es  um  elementare 
Naturwerte  wie  Luft  und  Licht. 

Ohne  Luft  und  Licht 

Die  Luft,  die  wir  nolens  volens  atmen,  kommt  zwar  immer  noch 
aus  der  Atmosphäre.  Als  Hauptlieferantin  hat  aber  die  Atmosphäre  ± 
in  der  Industrie  eine  Partnerin  von  zunehmender  Bedeutung.  Die 
Fenster  werden  geschlossen  gehalten  und  man  atmet  drinnen  einen  $m 
Luftersatz,  dessen  regulierter  Feucht igkeitsgrad  und  dessen 
wunschgemäße  Temperatur  über  die  fehlende  Frische  und  über  die 
Sauerstoff knappheit  glänzend  hinwegtäuschen.  Man  gewöhnt  sich 
die  Frischluft  einfach  ab.  Mit  der  Erforschung  der  Folgen  befassen 
sich  Spezialisten,  die  uns  von  der  reinen  Luft  noch  weiter  ab- 
sperren und  uns  von  der  Atmosphäre  noch  um  einen  Grad  unabhän- 
giger machen. 

Es  ist  "natürlich"  noch  viel  einfacher,  unsere  Innenräume 
durch  Vorhänge  vor  dem  störenden  Sonnenlicht  zu  schützen  und 
die  elektrische  Beleuchtung  auch  am  Tage  zu  benützen.  Gegen 
die  Blässe  läßt  sich  ultraviolette  Bestrahlung  oder  eines  der 
garantiert  unschädlichen  Färbemittel  verwenden. 

So  sind  wir  in  ständig  abnehmender,  bereits  auf  ein 
Minimum  reduzierter  Fühlung  mit  den  Jahreszeiten,  dem  Wetter, 
der  Sonne,  den  Sternen.  Aber  sehen  und  hören  wir  denn  im  Bildfunk 
nicht  genug  davon?  Es  unterliegt  keinem  Zweifel,  daß  wir  uns 
auch  einer  Architektur  ohne  Fenster  nähern,  da  diese  schon  jetzt 
ziemlich  überflüssig  und  eher  lästig  geworden  sind. 

Unsere  Verkehrsmittel  ergänzen  unsere  Verschanzung  gegn 
die  Luft.  Es  ist  nur  ein  ubergangszustand,  daß  wir  vom  Hause 
in  den  v/agen  und  umgekehrt  eine  gewisse  Strecke  zu  Fuß  zurück- 
legen und  unsere  Lungen  mit  der  Atmosphäre  noch  in  Berührung 
kommen. 


Ein  gehetzter  Flüchtling 

Diese  Flucht  ist  nicht  unsere  einzige,  denn  wir  flüchten 
in  mehreren  Richtungen  gleichzeitig,  vor  dem  Sein  um  uns  und 
vor  dem  Sein  in  uns.  Zugleich  verfolgen  wir  unsere  wirklichen 
oder  vermeintlichen  Ziele  mit  derselben  Hast,  mit  der  wir  vor 
allem,  was  uns  zu  verfolgen  scheint,  davonrennen.  Theoretisch 
müßten  wir  viel  mehr  Zeit  haben  als  unsere  Väter,  denn  wir 
besitzen  ja  die  Maschinen,  die,  wie  man  meinen  sollte,  unsere 
Arbeit  für  uns  tun.  Wir  haben  aber  weniger  Zeit  als  Menschen 
jemals  hatten,  denn  dasjenige  Maß  an  Zeit,  das  wir,  Schwer- 
arbeiter oder  Müßiggänger,  tatsächlich  haben,  füllen  wir  mit 
all  dem  aus,  was  wir  zur  Flucht  brauchen.  Oder  genauer,  die 
Ausfüllung  erfolgt  nahezu  automatisch,  fast  ohne  unser  Hinzutun, 
indem  die  vielzuvielen  Füllstoffe  da  sind,  sich  ansammeln, 
einander  und  uns  stoßen  und  drängen,  ohne  daß  wir  eigentlich 
zu  sagen  wüßten,  wer  sie  gerufen  und  eingelassen  hat  und  wann 
und  woher  sie  gekommen  sind.  Wenn  wir  sie  nach  ihren  Namen 
fragen,  nennen  sie  sich  Geschäfte,  Konkurrenz,  Pflichten, 
Interessen,  Besitz,  Gewinn,  Sorgen,  Intrigen,  Gefahren,  Konflikte, 
aber  sie  tragen  auch  schönere  Hamen,  wie  Verantwdtung ,  Seligion, 
Vaterland,  Familie,  Partei,  Studium,  Carriere,  Beruf,  Vergnügen, 
Sport,  Kunst,  Liebe. Ganz  Iiastig  finden  wir  noch  Zeit,  über  Ent- 
spannung zu  reden  und  zu  lesen,  das  letztere  nach  der  soeben 
rasch  erlernten  Methode  des  Schnell-lesens.  fir  sind  von  Schemen  h 
umzingelt,  umlagert.  Manche  ihrer  Gesichter  sind  uns  seit  langem  x 
vertraut,  andere  tragen  neu  aussehende  Masken  und  wir  erkennen 
sie  nicht. 


Sein,  Haben,  Kaufen 

Veränderungen  in  unserer  Denkungsweise  sind  Ergebnisse 
veränderter  Bedingungen,  wie  vor  allem  unserer  Entfernung  von 
den  Grundlagen;  doch  anderseits  ist  es  unser  Denken,  das  jene 
schlimmen  Veränderungen  bewirkt  oder  zumindest  widerstandslos 
zuläßt. Das  Medium, an  dem  wir  diese  tiefgreifenden  Vorgänge  am 
deutlichsten  erkennen,  ist  unser  Dasein  selbst  und  die  Art  wie 
wir  uns  jetzt  in  ihm  verhalten. 

Haben  steht  höher  im  Kurs  als  das  Sein,  das  Kaufen  aber 
gilt  mehr  als  das  Haben.  Fabrikant  und  Händler  haben  es  erreicht, 
daß  man  es  vorzieht,  von  ihnen  zu  kaufen,  was  man  sowieso  hat. 
Gegenüber  dem  an  sich  Voliandenen  wird  die  besonders  erzeugte 
und  mit  allen  Mit celn  so  nachdrücklich  empfohlene  Ware  schon 


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irgedwelche  Vozüge  haben.  Der  Ankauf  ist  zunächst  der  Ausweis 
über  ein  gev/isses  Können  und  bietet  schon  darum  die  Befriedigung, 
deren  Ausmaß  zur  Zahl  derjenigen,  die  sie  sich  leisten  können, 
in  umgekehrtem  Verhältnis  steht.  So  sind  wir  in  eine  gewisse 
Primitivität  gesunken,  die  ein  negatives  Vorzeichen  hat.  Es 
ist  nicht  die  Primitivität  eines  Frühzustandes,  sondern  die  eines 
Spätzustandes. 

Nach  weiten  Umwegen  sind  wir  nämlich  wieder  in  den  Zustand  der 
Herde  zurückgelangt.  Eine  umfassende  Untersuchung  der  Motive 
jegichen  Handelns  würde  für  keine  der  vergangenen  Geschichts- 
epochen ein  so  trauriges  Ergebnis  haben  wie  für  unsere  Zeit, 
in  der  fast  alles  als  Nachahmung  und  Wirkung  der  bereits  genügend 
bekannten  Gesetze  der  Massenpsychologie  erklärt  werden  kann, 
einschließlich  der  Ambition, originell  oder  doch  anders  zu  sein. 
Hoden  als  solche  sind  ja  nicht  Züge  dieser  Zeit,  sondern  eine 
sozusagen  zeitlose  Eigenheit  aller  Zeiten,  ein  stabiler  Ausdruck 
flüchtiger  Gesellschaf ts^zustände. Aber  die  extrem  unkritische 
Art,  wie  die  Leute  in  Massen  den  verschiedenen  Verlockungen, 
Schlagworten,  Verhetzungen  und  Anpreisungen  folgen,  auch  den 
sinnlosesten,  verantwortungslosesten  und  unmittelbar  verhängnis- 
vollen, ist  ein  offensichtliches  Merkmal  der  Gegenwart. 

<Statt  vieler  Einzelheiten  können  wir  uns  mit  einem  einzigen 
Beispiel  begnügen,  das  eine  Art  Selbstverleugnung  in  grellem 
Licht  zeigt  und  zum  Spiegelbild  einer  Gesellschaft  macht.  Es 
ist  die  wahrscheinlich  aus  Paris  stammende  Poor__Boy  genannte 
Mode.  Dia  reiche  Jugend  scheint  der  vielen  und  unaufhörlich 
wechselnden,  für  Geld  käuflichen  Genüsse  und  schließlich  ihres 
Reichtums  eelbst  überdrüssig  zu  werden.  Das  verbraucht,  abgewetzt, 
geflickt  und  recht  lumpenproletarisch  Aussehende  wird  nun 
angeboten,  gekauft  und  statt  der  Eleganz  getragen  oder  mit  dieser 
kombiniert.  Als  wollte  die  Mode  beweisen,  daß  sie  nicht  immer  nur 
auf  sich  selbet  zurückgreift,  sondern  endlich  etwas  erfinden  kann. 
Solche  Experimente  wurden  allerdings  schon  im  18.  Jahrhundert 
mit  mehr  Geschmack  durchgeführt,  wenn  auch  ohne  satirische 
Zuspitzung  oder\die  Geste  der  Feindseligkeit  einer  Gesellschaft 
gegen  sich  selbst  .\ 

f 

In  gewissem  Maße  gehört  die  jüngst  augetauchte  Vorliebe  für 
ziemlich  unehrv/ürdige  Altertümlichkeit  hierher,  für  Hausrat,  der 
weder  Jahrtausende  noch  Jahrhunderte,  sondern  nur  Jahrzehnte  alt 
ist.  Auch  der  neue  Gebrauchsgegenstand  bezieht  seine  Gestalt  zuwei- 


5 

len  aus  der  Maskenleihanstalt ,aie  nicht  Antikes,  sondern  nur  Veral- 
tetes bietet,  z.B.  ein  wie  vom  Dachboden  heruntergeholtes  Telephon  . 
Ebenso  ahmen  elektrische  Lampen  ihre  <£ür  Petroleum  gemachten  Vor- 
läufer nach.  Mehr  oder  weniger  überzeugend  wirkt  der  Stil  der 
Schäbigkeit  in  den  aus  unbearbeitetem  und  wurmstichigem  Holz 
angefertigten  Bilderrahmen,  denn  diese  werden  damit  motiviert, 
daß  sie  dem  Gemälde  Charakter  geben;  und  warum  sollte  es  denn 
ganz  ohne  Charakter  sein?  Aber  die  tüchtige  Industrie  hat  auch 
diese  Nachfrage  aufgenommen  und  weiß  die  Wurmstichigkeit  mit 
einer  Naturtreue  nachzubilden,  die  den  Fachmann  in  Verlegenheit 
bringt« 

ffas  beabsichtigt  die  Maschine  ? 

Der  abnehmenden  Stärke  des  Renschen  entspricht  die  zu- 
nehmende Stärke  der  Maschine. Daß  sie  nicht  mehr  sei  als  das 
Um  und  Auf  der  eigentlichen  Industrie,  zugleich  ihre  Sklavin  und 
Beherrscherin,  ist  ein  Märchen  aus  uralten  Zeiten,  u.zw.  aus 
den  Jahren  vor  etwa  1930.  Damals  kam  der  technisierte  Mensch 
aus  Fabrik  und  Geschäft  in  sein  Heim,  um  einen  freundlicheren 
Ablauf  von  Vorgängen  zu  genießen,  in  dem  er  selbst  eine  schmei- 
chelhaftere Rolle  spielte  als  die  eines  Dieners  sachlicher  und 
sächlicher  Gebilde.  Seither  ist  aber  nicht  nur  das  Heim  zu  einer 
kleinen  Maschinenhalle  geworden,  sondern  die  andern  Maschinen, 
diejenigen,  auf  die  es  ankommt,  haben  sich  zu  nie  geahnter 
Vollkommenheit  durchgearbeitet,  die  Grenzen  ihrer  damaligen 
Kompetenz  weit  hinter  sich  gelassen  und  Gebiete  erobert,  die 
ihnen  noch  völlig  fremd  waren,  wie  Logik  und  Psychologie. 
Dieses  letztere  Fach  ist  nun  offenbar  der  Brückenkopf,  der 
den  Vorstoß  in  die  eigentliche  Welt  des  Menschen  ermöglichen 
soll,  jene  Welt,  die  für  den  Menschen  selbst  noch  nicht  geheim- 
nislos ist.  Ganz  wie  jene  einfache  infrarote  Zelle,  die  wortlos  in 
den  Makrokosmos  vorstößt  und  die  Temperatur  von  Himmelkörpern 
feststellt,  sollen  die  ihr  artgleichen  wesenlosen  Wesen  in  das 
Innerste  des  Mikrokosmos  dringen,  um  dem  Rätselraten  und  der 
Mystik  ein  Ende  zu  bereiten«  Vorbei  sind  also  jene  Zeiten,  da 
der  Mensch  noch  in  ziemlich  hochmütiger  Einseitigkeitä  über 
die  Maschine  grübelte  und  an  ihrer  Verbesserung  arbeitete. 
Heute  ist  er  eher  ihr  Objekt,  und  sie  meistert  es.  Einst  bot 
sie  ihm  ihre  Dienste  an,  er  nahm  an  und  geriet  unversehens  in 
hoffnungslose  Abhängigkeit.  Noch  wagt  er  da  und  dort  mit  ihr 
^^^o^öcm^i^eiii^^ager  isi^:  raas^itesaajasäaasöK^bßhfe  am? 


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zu  konkurrieren,  aber  sie  macht  ja  alles  nicht  nur  billiger, 
sondern  auch  besser,  m/o  die  Konkurrenz  zwischen  den  Herrensklaven 
der  Maschine  i.mreer  brutaler  wird,  kann  nur  sie  die  Führung  über- 
nehmen, weil  ohne  sie  auch  ihre  Leute  verloren  sind. 

Leichteres,  freieres  Leben  war  einmal  ein  Mittel,  das 
Glück  des  Menschen  war  der  Zweck.  Doch  in  der  Hitze  des  Gefechte,  k 
und  da  eben  dieses  Gefecht  so  lange  dauert,  gerät  der  nicht  erfüll- 
te Zweck  in  Vergessenheit.  Dann  ist  es,  als  ob  das  leichtere  Leben 
der  Zweck  gewesen  wäre.  Doch  an  diesem  wiederholt  sich  der  Vorgang 
des  Vergessens  und  Verwechselns,  und  das  Mittel,  das  zum  entschwun- 
denen Zweck  führen  sollte,  spielt  selbst  dessen  verlassene  Rolle. 

Konsument  wider  Willen 

Das  Fernsehen  macht  uns  kurzsichtig.  Das  gilt  nicht  nur 
für  die  Schwächung  unserer  physischen  Augen,  denn  diese  unablässige 
Unterhaltung,  die  aus  einer  verhängnisvollen  Mischung  schonungs- 
loser Reizungen  besteht,  verschlingt  unsere  Freizeit,  beraubt  uns 
der  eigenen  Aktivität  und  normalen  Produktivität,  erniedrigt  uns 
zu  einem  bloßen  Auf nahmöorgan.  Infolge  der  Menge  und  Dauer  dieser 
Aufnahme,  die  uns  mit  Eindrücken  vollstopft,  merken  wir  nicht, 
wie  unser  Seelenleben  verarmt,  wie  dieses  aufnehmende  Ich  dahin- 
schwindet. Wir  könnten  es  merken,  wenn  uns  dieser  immer  spendende 
und  nie  versiegende  Apparat  infolge  einer  Panne  einmal  fehlt. 
Aber  selbst  wenn  nicht  ein  Reserve-Apparat  sofort  dessen  Platz 
einnimmt,  reagieren  wir  auf  den  chronischen  Sadismus  des  gewohn- 
ten Geräts  einfach  masochistisch,  indem  wir  ohne  die  dauernde 
Verdrängung  und  Verzehrung  unseres  Innenlebens  alles  schal  und 
langweilig  finden.  Unsere  unmeßbar  gewachsene  Leere  gähnt  uns  an. 

Was  wir  außer  diesen  Programmen  zu  sehen  und  zu  hören  bekommen^ 
nehmen  wir  als  notwendiges  Übel  hin,  denn  schwerlich  bereitet  die 
Reklame  jemandem  das  ebenfalls  geplante  Vergnügen.  Es  vollzieht 
sich  aber  unbewußt  oder  halbbewußt,  daß  wir  uns  gerade  von  dieser 
unerwünschten  Reklame  unserer  Freiheit  berauben  und  zu  ungewollten 
Handlungen  bewegen  lassen.  Der  Bildfunk  ist  es  ja  nicht  allein, 
sondern  Rundjfunk,  Presse  und  alle  andern  Organe  der  Propaganda 
v/irken  zusammen.  Der  Bildfunk  ist  nur  der  stärkste  Exponent  dieser 
-acht,  weil  wir  uns  ihm  gegenüber  in  einer  besonders  v/ehrlosen 
Situation  befinden. 


7 

Die  Konkurrenz,  die  immer  noch  frei  heißt,  ihre  Teilnehmer 
aber  nicht  weniger  despotisch  gefangen  halt  als  diese  uns  in 
ihren  Fängen  halten,  muß  viel,  viel,  noch  viel  mehr  produzieren 
und  alles  Produzierte  loswerden,  und  wir  müssen  es  kaufen,  kaufen, 
kaufen.  Um  die  Reste  unserer  Logik  zu  schlagen,  genügt  der  Vor- 
kriegstyp des  Reklamefachmanns  längst  nicht  mehr.  Da  wir  mit 
besserer  oder  mit  ebenso  schlechter  Ware  reichlich  eingedeckt  sind, 
kann  uns  die  Versicherung,  die  neue  Ware  sei  die  beste,  nicht  zu  h 
unzweifelhaft  überflüssigen  Ankäufen  bewegen«  Da  muß  das  gesamte  K 
Wissen  der  Psychologen  herhalten,  um  unwiderstehliche  Tricks  zu 
erfinden.  Wir  sollen  tief  aufatmend  auf  das  neueste  Angebot  zu- 
fliegen, denn  das  ist  es  endlich,  was  wir  bisher  sehnsüchtig 
erwartet  haben.  Ja,  nun  ist  das  Ende  unserer  Not  oder  gar  aller 
unserer  Nöte  gekommen.  Schon  das  bloße  Material  des  von  jeher 

erträumten,  aber  in  solcher  Vollendung  auch  in  unsern  Träumen 

p 

nicht  geahnten  synthetischen  Tepjchs  wird  alle  unsere  drückenden 
Probleme  lösen  und  seine  Farbe  garantiert  uns  ungetrübte  Seligkeit. 
Angesichts  der  in  dem  neuen  Erzeugnis  verkörperten  Lebensfreude 
und  der  nun  verbürgten  paradiesischen  Häuslichkeit  ist  es  also 
eine  selbstverständliche  Kleinigkeit,  die  alten  Teppiche  hinaus- 
zuwerfen. So  müssen  wir  es  eben  mit  allen  noc&  ziemlich  neu  aus- 
sehenden Waren  halten,  um  für  die  neueren  Platz  zu  schaffen. 
Durch  ein  Triumphtor  kommen  sie  herein,  durch  eis  etwas  beschei- 
deneres gelangen  sie  in  den  Hof  und  zur  Müllabfuhr.  Da  jeder  diesen 
sinnlosen  Kreislauf  zur  Genüge  kennt,  machen  die  Psychologen  von 
ihrer  raffinierten  Kenntnis  des  Unbewußten  Gebrauch,  wie  etwa  durch 
die  Bilder,  die  für  den  Bruchteil  einer  Sekunde  erscheinen  und  dafe 
her  nur  in  die  sublogische  Sphäre  gelangen,  von  dieser  aus  sich 
aber  umso  sicherer  in  Realität  umsetzen,  wie  etwa  bei  posthypnoti- 
schen Handlungen,  und  ein  Widerstand  gar  nicht  aufkommt. 

Auf  den  entsprechenden  Gebieten  der  Warenproduktion  werden 
Frauen  und  Kinder  zu  Bundesgenossen  gemacht,  innerhalb  der  Familie 
wird  eine  analoge  Konkurrenz  hervorgerufen  und  der  Sieger  bekommt 
das  Seine,  dessen  er  sich  dann  so  lange  erfreuen  kann,  bis  er  srarHr 
seiner  durch  die  nächste  Lockung  überdrüssig  wird  und  der  Wunsch, 
es  loszuwerden,  stärker  wird  als  das  Verlangen  danach  je  gewesen 
war. 


8 


Die  stärkste  aller  Tendenzen,  die  im  Dienste  dieser  den 
wirklichen  Bedarf  so  vielfach  übersteigenden  Überproduktion 
stehen,  ist  aber  jener  von  der  gesellschaftlichen  Ambition 
angestachelte  Herdentrieb  der  gegenseitigen,  doch  als  einseitig 
ins  Bewußtsein  gelangenden  Nachahmung.  Man  schafft  es  an,  weil  die 
Nachbarn  es  schon  haben  oder  um  ihnen  zuvorzukommen.  Die  verhung 
gernde  und  von  den  neuesten  Wagenmodellen  alljährlich  wieder 
aufgefütterte  Selbstachtung  ist  eines  der  traurigsten  Symbole 
des  entwerteten  Menschen  und  einer  entwerteten  Gesellschaft. 

Nur  in  einer  Hinsicht  war  die  systematische  Überproduktion 
bisher  inkonsequent  und  bereitete  sich  selbst  eine  gewisse  Schwie- 
rigkeit. Noch  schleppte  sie  ein  sinnwidrig  gewordenes  Erbe  mit 
sich,  indem  sie  relativ  dauerhafte  Materialien  verwendete  und 
z.T.  auch  selbst  herstellte.  Schon  in  der  Epoche  zwischen  den 
beiden  Weltkriegen  war  eine  Seihe  von  Industrieländern  sozusagen 
fortschrittlich,  aber  in  konservativeren  Gegenden  machte  sich 
das  Publikum  über  jeme  Eintagsmaterialien  lustig  und  ließ  sich 
deren  Infiltration  nur  widerstrebend  gefallen.  Doch  nur  die 
Erzeugung  für  den  unverhohlen  vorgeseheüaensna:  Zweck  des  baldigen 
Hinauswerf ens  versprach  einen  Verbrauch  wie  er  den  Mengen  der 
Ware  entsprach,  die  produziert  wird  und  produziert  werden  muß» 
Seit  der  Jahrhundertmitte  schrumpft  der  Unterschied  zwischen 
der  Progressivität  des  Tandmaterials  und  der  von  einem  programmlosen 
und  daher  immer  wieder  nachgiebigen  Publikum  schon  halb  aufgegebe- 
nen Behäbigkeit  soliderer  Stoffe.  Z.B.  für  Spielzeug  und  manche 
Büroartikel  war  ja  der  sofort  ablaufende  Verbrauch  längst  das 
Gegebene,  aber  andere  Waren  boten  dem  Konservativismus  bisher 
noch  Unterschlupf.  Taktisch  ist  es  daher  eine  glänzende  Idee  der 
,.aterialprogressivität,ihre  neuestenExperimente  mit  Papier  für  Ssoa 
Damenmode  in  das  grelle  Licht  einer  wohldurchdachten  Propaganda 
zu  rücken  und  Papier  für  Bekleidung  überhaupt  als  eine  Art  Vision 
künftigen  Heils  zu  verkünden,  das  endlich  unser  Aller  Erwartungen 
erfüllen  würde $  zugleich  aber  mit  dem  Papier  in  ein  Geriet  ein- 
zudringen, das  noch  eine  Festung  von  Holz  und  Metall  war,  in  die 
Domäne  des  Möbels.  Wenn  das  neue  Geschäft  das  alte  auch  nur  teil- 
weise verdrängen  sollte,  v/erden  manche  neuen  Eroberungen  automatisch 
folgen.  Pflege  der  Möbel,  Übersiedlungen  und  ähnliche  Scherereien 


9 

haben,  lang  genug  zur  Vergeudung  kostbarer  Zeit  gezwungen.  Die 
neue  Ware,  die  man  nicht  nur  rasch  hinauswerfen  kann,  sondern  muß, 
weil  sie  ephemer  ist  wie  eine  Zeitung,  wird  ihren  Konsumenten 
bald  in  festen  Händen  halten.  Er  wird  nun  ganz  zu  ihrem  Instrument 
werden,  allerdings  zu  einem  nur  leicht  angestrengten,  das  Kauf 
in  Permanenz  und  ebensolche  Abfuhr  nicht  selbst  zu  besorgen,  sondern 
nur  zu  bezahlen  braucht,  da  wie  bei  jedem  Abonnement  der  Ersatz  für 
die  in  regelmäßigen  Zeitabständen  weggeschafften  Möbel  auch  automa- 
tisch ins  traute  Heim  nachgeliefert  wird. 

Ein  entartendes  Geschlechtswesen 

Von  den  natürlichen  Gegebenheiten  immer  mehr  abgeschnitten, 

müssen  "wir"  in  mancher  Beziehung  degenerieren.  Der  Verfall  und 

das  gelegentliche  Wiedererstarken  unserer  erotischen  Gesundheit 

läßt  sich  leicht  bis  in  die  Antike  zurückverfolgen,  die  nicht  nur 

des  Inzestes,  der  Sodomie,  des  Sadismus,  der  Prostitution  und  der 

Homosexualität  voll  war, sondern  auch  in  ihrer  Kunst  da  und  dort 

pornographische  Tendenzen  aufweist.  Die  Präge,  was  diese  eigentlich 

seien,  die  neuerdings  wieder  hübsch  aktuell  geworden  ist,  muß 

endlich  theoretisch  sowohl  den  Krallen  der  Reaktion  als  auch  denen 

übler  Profitmacher  entzogen  werden. 

Der  Geschlechtstrieb  des  Menschen  mit  seinen  gKHaa&KHge samten 
mentalen  Auswirkungen,  vom  primitiven  Eros  bis  zum  sublimen,  ist, 
es    sei  zunächst  in  einfacher  Aussage  festgestellt,  als  Motiv  des 

Schaffens  in  einzigartiger  Fülle  vohanden;  aber  eben  darum  ist 
das  Motiv  in  seiner  vollen  Existenzberechtigung  genügend  erwiesen, 
durchaus  nicht  weniger  als  etwa  religiöse  Motive.  Doch  hier  beginntx 
der  gewisse  Unterschied  zwischen  Eros  und  Eros.  Die  Pairness  sexuel- 
ler Kunst  ist  unbestreitbar,  wofern  sie  das  Triebleben  des  Schaffen- 
den widerspiegelt,  seine  Emotionen  oder  auch  nur  Wunschbilder  zum 
Ausdruck  bringt.  Sie  ist  jedoch  unfair  und  unter  Umständen  ver- 
brecherisch, wenn  sie  ohne  eigene  emotionale  Beteiligung  es  nur 
auf  das  Anstacheln  des  Triebes  bei  Andern  ,  bzhw.  auf  dessen 
Scheinbefriedigung  abgesehen  hat.  Die  verschlungenen  Paare  in 
den  Bildv/erken  der  Schwarzen  Pagode  zu  Konarak  in  Orissa  gereichen 
der  indischen  Kunst  zur  Ehre,  nicht  minder  als  die  vorklassischen 
und  klassischen  Akte  der  Griechen  ihre  zärtliche  Beziehung  zum 
harmonischen  Naturgebilde  verewigen.  Doch  rücken  schon  einige 
hellenistische  und  römische  Aphrodite-,  bzhw.  Venusgestalten 


10 

auf  die  andere  Seite«  Da  wenden  sich  nicht  weniger  geschickte, 
doch  weniger  saubere  Meister  an  den  Fetischismus,  an  die  Pygo- 
philie,  bieten  dem  verbrauchten  Verbraucher  die  gefragte  Ware 
oder  fachen  durch  ihr  Angebot  die  erst  halb  vorhandene  Nachfrage 
an.  Es  ist  gewiß  nicht  immer  einfach,  die  zuweilen  wohlverhüllte 
pornographische  Tendenz  aufzudecken.  In  den  besten  Zeiten  frühe- 
rer Kulturen  trat  diese  nur  vereinzelt  in  Erscheinung,  fand  aber 
ihren  eigentlichen  Nährboden  in  Zuständen  der  Fäulnis,  wie  etwa  im 
Rokoko, 

Der  Unterschied  ergibt  sich  nur  in  drastischen  Fällen  von 
selbst;  im  allgemeinen  sieht  er  nicht  nur  kompliziert  aus,  son- 
dern ist  es  auch.  Zum  größten  Teil  ist  z.B.  die  eher  hypertro- 
phierte  Erotik  der  japanischen  Malerei  und  Graphik  nicht  nur 
Geschäft,  sondern  zugleich  durch  Ursprünglichkeit  und  Echtheit 
gerechtfertigt,  also  als  ehrbare  Kunst  bestätigt.  Solche  Doppel- 
naturen sind  im  Westen  ziemlich  zahlreich,  wodurch  die  eingehende 
Untersuchung  des  Einzelfalles  erst  recht  zur  Glicht  wird. 

Die  künstlerischen  Spiegelbilder  ungesunder  Sexualität 
bereiten  uns  auf  das  eigentliche  Problem  vor,  das  eines  unserer 
Zeitprobleme  ist.  Psychoanalyse  und  verwandte  Heilmethoden  gibt 
es  zwar  erst  neuerdings,  und  sie  selbst  liefern  auch  überreiche 
Beweise  für  ihre  Notwendigkeit;  doch  ist  es  auch  unwahrscheinlich, 
daß  die  Menschen  der  Vergangenheit  solcher  Hilfe  in  gleichem 
Laße  bedürftig  waren.  Wahrscheinlich  ist  vielmehr,  daß  die  einzels 
nen  Durchschnittsmenschen  als  auch  die  Gesellschaft  von  Neurosen 
weit  weniger  angefressen  waren  als  heute.  Dieses Ausmaß  an  Sexual- 
pathologie in  ihren  verschiedenen  Formen  und  Graden  ist  offenbar 
ein  trauriges  Privileg  der  Gegenwart. 

Indem  wir  also  indirekte  Indikatoren  verlassen  und  uns 
direkten  Kriterien  zuwenden,  stehen  wir  vor  der  Frage,  warum 
blutige  Sexualverbrechen  wie  auch  die  häufigen  Vergewaltigungen 
ohne  Mord  in  der  Gegenwart  weitaus  zahlreicher  sind  als  jemals. 
Zunächst  bilden  sie  einen  Teil  der  gegenüber  der  Vergangenheit 
überhaupt  um  ein  Vielfaches  gesteigerten  allgemeinen  Kriminalität. 
Zu  dieser  tragen  z.B.  Umstände  wie  die  Massenverbreitung  der 
Privatwagen  sicherlich  bei,  denn  sie  bieten  dem  Verbrechen  zahl- 
reiche Möglichkeiten  und  Anreize.  Doch  der  Schwerpunkt  liegt 
auch  hier  wieder  im  Psychologischen.  Kriminalität  überhaupt 


11 

spielt  heute  im  "bewertenden  Bewußtsein  eine  stark  veränderte 
Rolle,  die  im  Kult  der  Gewalt  zu  charakteristischem  Ausdruck 
kommt. Innerhalb  der  vielgestaltigen  Gewaltsamkeit  ist  nun  die 
geschlechtliche  eine  besonders  verbreitete  Abart.  Daß  die  Opfer 
so  oft  Wehrlose  sind,  auch  Kinder  und  Halbwüchsige,  ist  nicht 
ein  Merkmal  der  Gegenwart.  Aber  die  weite  Verbreitung  scheint  mit 
einem  in  zahllosen  Menschen  dieser  Zeit  besonders  ausgeprägten 
Zug  zusammenzuhängen,  mit  ihrer  degenerativen  Selbsteinschätzung« 

Denn  wer  durch  die  physische  Verbindung  mit  seiner  Person 
Entwürdigung,  Entwertung,  Schädigung  oder  Zerstörung  des  Partners 
herbeizuführen  wünscht,  bringt  nicht  nur  seinen  Sadismus  zum 
Ausdruck,  sondern  vor  allem  tief  negative  Selbstbewertung.  Er 
definiert  sich  selbst,  auch  ohne  volles  Bewußtsein  dieses  Sach- 
verhaltes, als  Unwert,  dessen  Führung  beleidigend  wirkt  und 
wie  durch  Ansteckung  weiteren    Unwert  zur  Folge  hat.  In  dem 
Maße  des  Bewußtwerdens  tritt  eine  zusätzliche  Reaktion  des 
Hasses  gegen  den  auslösenden  Paktor  hinzu,  und  der  Wusch,  diesen 
dafür  zu  bestrafen,  daß  freiwillige  Liebe  von  ihm  sowieso  nicht 
zu  erwarten  war,  bzhw.  sich  an  ihm  für  das  Pehlen,  oder  für  die 
Empfindung  des  Pehlens  der  eigenen  Liebesfähigkeit  zu  rächen. 
Die  aus  der  Sexualfolter  und  dem  Sexualmord  gewonnene  Befriedigung 
ist  also  hauptsächlich  die  der  Rache,  der  erzwungenen  Begleichung 
einer  Rechnung. 

Der  verirrte  Trieb  muß  aber  nicht  unbedingt  zum  Mord  führen, 

um  auf  die  mit  diesem  gemeinsame  Quelle  zurückzugehen.  Ein  großer 

Teil  des  Geschlechtslebens  unserer  Zeit  ist  von  weniger  schweren, 

doch  ebenfalls  der  Sexualkriminalität  zu  Grunde  liegenden  Sörungen 

heimgesucht.  Häufige,  als  harmlos  oder  witzig  geltende  Äußerungen 

weisen  auf  eine  Umdeutung  hin,  durch  die  das  Liebesorgan  des 

Mannes  zu  einer  Waffe  wird.  Dieser  von  Vielen  entdeckte  und  un- 

«  e 
atfhörlich  bestätigte  Umstand,  dem  ein  weiblicher  Gegnspieler 

entsprechen  mag,  sollte  nicht  nur  warnen,  sondern  zu  umfassender 
Heilung  durch  die  bestehenden  und  durch  noch  zu  schaffende  Institu- 
tionen führen.  Noch  fehlt  die  Methode.  Ihr  Ausgangspunkt  müßte  das 
Bewußtmachen,  bzhw.  Bewußtwerden  der  Störung  sein.  Der  beste  Weg 
zu  ihrer  Erkenntnis  und  der  erste  Schritt  zu  ihrer  Heilung  wäre 


12 

die  Konfrontierung  mit  der  ursprünglichen,  naturgegebenen  Liebes- 
funktion« 

..essen  schämten  sich  Menschen  früher  und  wessen  schämt  man 
sich  heute?  Im  6. Jahrhundert  n.Chr.  sagte  es  Prokopios  in  frappan- 
ter Weise,  daß  er  sich  schäme,  einen  Körper  zu  haben.Dieser  gewisse 
Abscheu  vor  dem  eigenen  Leibe  wurzelt  wahrscheinlich  in  in  einer 
altmesopotamischen,  vielleicht  einem  neolithischen  Erbe  entstam- 
menden Weltanschauung,  von  der  manches  Echo  noch  im  antiken  Juden- 
tum nachhallt.  Das  Christentum  erbte  dessen  Auffassung,  nicht  die 
griechische  Körperbejahung,  und  gelangte  über  Jene  hinaus  zu  der  k 
heute  erschreckenden  Formel  des  Prokopios,  u.zw.  nicht  nur  im  byzan- 
tinischen Raum,  sondern  auch  im  mittelalterlichen  Westen;  wie  manche 
Züge  der  gotischen  Kunst  zeigen,  feilte  es  da  freilich  nicht  an 
Gegenströmungen,  die  dann  in  der  Renaissance  triumphierten. 

Jenen  alten  Gegensätzen  steht  aber  heute  ein  Drittes  gegen- 
über. Man  schämt  sich  alles  dessen,  was  man,  zumeist  völlig 
grundlos,  Romantik  nennt,  einer  Schwärmerei,  eines  Glaubens, 
und  vor  allem  der  Liebe. Die  Terminologie  von  Trinkern,  Prostituier- 
ten und  mehr  oder  minder  destruktiv  gesinnten  Halb-Intellektuellen 
ist  annähernd  gleich,  als  wären  sie  Alle  darauf  bedacht,  einander 
und  sich  selbst  mit  Verachtung  zu  behandeln.  Daß  ihnen  irgend  etwas 
heilig  sein  könnte,  ist  zu  einem  der  vielen  humorlosen  Witze  gewor- 
den. Die  Motive  dieses  Verhaltens  zum  Andern  sind  offenbar  sadistisc' 
wie  die  Erwartung  und  Herausforderung  einer  entsprechenden  Reaktion* 
masochistisch  ist. 

Auch  der  Scham  schämt  man  sich,  falls  man  noch  etwas  von  ihr 
hat.  Ein  Arzt  und  eine  Ärztin,  die  für  den  fachlichen  amerikanischen 
Leser  ein  Buch  über  das  Verhalten  beim  Geschlechtsverkehr  vorbereite- 
ten, stellten  anfangs  Beobachtungen  an  Prostituierten  beiderlei 
Geschlechts  an,  weil  sie  ihre  Zeitgenossen  noch  falsch  einschätzten^ 
und  die  Teilnahme  anderer  Leute  der  vorausgesetzten  Hemmungen  wegen 
für  unmöglich  hielten.Als  es  sich  aber  herumsprach,  hatten  sie  einen 
Massenzulauf  von  Paaren  aus  allen  Kreisen,  alles  klappte  wundervoll 
und  man  ließ  sich  auch  von  diversem  Personal  sowie  von  Photo-  und 
Filmkameras  nicht  stören. 

Unter  der  den  Zeitgeist  so  überdemtlich  anzeigenden  Schicht 


13 

muß  aber  etwas  anderes  stecken,  sonst  gäbe  es  nicht  die  häufigen 
Fälle  von  Bekehrten  und  Büßern  beider  Geschlechter,  die  ihr  Leben 
eines  Tages  schal  finden  und  sich  Religionsgemeinden  oder  radikalans 
Parteien  anschließen.  Es  mag  überraschen,  daß  auch  der  Anschluß  an 

Organisationen  von  Berufsverbrechern  hierher  gehört.  Der  gerne insa- 

■rt  •  j_  j       .   ,       .       ,,n       danach,  was  es  in  rjener  hohlen 

me  Wenner  ist  der  intensive  utfusch  ^-cu-iC^iX»  o 

Gesellschaft  nicht  gibt,  nach  Gemeinschaft.  Jene  vielen  Jugendlichen, 
die  ethischen  Werten  den  Rücken  kehren  und  ihre  Tage  und  itfächte  mit 
einander  verbringen,  fühlen  zuweilen,  daß  sie  im  Grunde  einsam 
sind,  und  dieses  Gefühl  kann  bis  zur  Uherträglichkeit  wachsen. 
Dieser  Typus  und  der  von  vornherein  Einsame,  der  sich  keiner 
andern  Gemeinschaft  anschließen  kann,  findet  oft  unschwer  Aufnahme 
im  organisierten  Verbrechen,  das  in  seiner  unvergleichlichen  Kohä- 
sion  die  schmerzliche  Einsamkeit  aufhebt  und  in  einem  höchst  gefahr- 
vollen Leben  des  Verfolgens  und  Verfolgtseins  ein  groteskes  Gefühl 
der  Sicherheit,  oder  gar  Geborgenheit,  entstehen  läßt. 

Rauschgift 

Doch  diese  Schicht  des  Elementaren  unterhalb  des  Trivialen 
bricht  immerhin  relativ  selten  hervor,  u.zw.  in  den  Fällen,  die  mann 
Dissidenten  oder  Sektierern  vergleichen  könnte,  die  eine  mächtige 
Kirche  verlassen.  Die  Mehrheit  lebt  in  Genüssen  ohne  Befriedigung, 
vor  allem  in  einer  Sexualität  ohne  Liebe.  Die  Zeit  aber  eilt  dahin 
und  Manche  sehen  das  einmalige  Leben  ergebnislos  entschwinden. 
Man  braucht  Ersatz  für  dessen  verstoßene  oder  nie  erreichte  Werte, 
oder  noch  eigentlicher,  Ersatz  für  die  unerreichbare  Realität. 
Indem  so  einer  zum  Warkotiker  wird,  flüchtet  er  im  Grunde  nicht 
aus  der  Realität  in  die  Irrealität,  sondern  aus  einer  Irrealität 
in  die  amdere.Er  vertauscht  nur  die  unlustvolle  mit  einer  lustvollen. 
Und  wie  man  gewohnt  ist,  die  Ware  zu  bekommen  und  später,  bzhw.  auf 
Raten  zu  bezahlen,  genießt  man  auch  die  narkotische  Irrealität,  die 
künstliche  Euphorie,  ohne  viel  an  die  später  fällige  Zahlung  aus  dem 
Schatz  der  Gesundheit  zu  denken,  die  ja  zumeist  auf  Raten  erfolgt, 
sodaß  bis  zum  Ende  noch  Zeit  genug  bleibt.  Das  Opfer  übersieht  ge- 
flissentlich den  krassen  Widerspruch  zischen  dem  exklusiven  Ego- 
ismus, der  ohne  Maske  auftritt  und  die  soziale  Verantwortung  einfach 
abschüttelt,  und  seiner  Selbstauf hebung  durch  Zerstörung  des  Lebens. 


14 

Die  Rauschgifte  waren  auch  eine  der  Plagen  früherer  Jahr- 
hunderte, besonders  des  vorigen,  so  daß  sie  an  sich  nicht  zu  den 
Eigenheiten  der  Gegenwart  gehören.  Auch  die  besonders  in  Südost- 
asien immer  noch  zunehmenden  Dimensionen  der  Produktion  und  des 
Handels  wie  auch  das  Auftauchen  neuer  und  neuester  Gifte  und  die 
Entdeckung  der  narkotischen  Verwendbarkeit  von  Stoffen  des  Alltags 
bfdet  keinen  einschneidenden  Unterschied. Im  Westen  ist  ein  spezi- 
fischer Gegensatz  zur  Vergangenheit  erst  dadurch  entstanden,  daß  ± 
das  mächtige  Handelsinteresse  die  tiefe  psychologische  Schwäche 
der  nassen,  und  am  meisten  die  zahlloser  Intellektuellen,  zur 
künstlichen  Erzeugung  einer  Massenbewegung  auszunützen  wußte,  die 
sich  nicht  mehr  verkriecht  wie  damals,  sondern  sich  eine  Ideologie 
oder  doch  eine  Phraseologie,  ein  ideologisches  Gefasel  zurechtge- 
legt hat  und  unter  Anführung  mä  von  Epigonen  der  alten  Boheme 
schamlos  vor  die  Öffentlichkeit  tritt,  diese  unter  gut  geplanten 
und  vielfachen  Druck  setzt  und  in  einem  fast  legalen  Status  üble 
Vorstellungen  veranstaltet,  die  das  gewaltige  Geschäft  vergrößern 
sollen  und  von  Tag  zu  Tag  und  von  Nacht  zu  Nacht  auch  vergrößern. 
Der  Schmuggel  und  Handel  liegt  einerseits  in  den  unwählerischen 
Tatzen  von  Verbrecherorganisationen  und  in  den  kranken  Händen 
ihrer  in|das  Riemenwerk  der  Erpressung  fest  eingespannten  Opfer,  ms. 
anderseits  in  den  Händchen  moderner  Poeten,  Künstler  und  Künst- 
lerinnen, deren  gesamte  Talente  an  die  der  entschwundenen  Auslagen- 
arrangeure jedoch  nicht  heranreichen;  obwohl  die  LSD-und  Marihuana- 
Agenten  gerade  mit  der  Behauptung  arbeiten,  ihre  Ware  steigere  die 
schöpferischen  Fähigkeiten  ins  Ungemessene.  Es  ist  eines  der  Zeichen 
der  Zeit,  daß  bei  dem  Schmuggel  auch  der  am  lautesten  schreiende 
Professor  erwischt  wurde  und  daß  Kollegen  sich  seiner  heroisch 
annehmen.  Solche  Apostel  wissen  die  Päulnis  zu  einer  Art  Religions- 
ersatz zu  machen  und  wir  dürfen  es  nicht  überhören,  daß  einer  den 
hübschen  Einfall  hatte,  das  LSD  das  westliche  Yoga  zu  nennen,  als 
Ute  er  beweisen,  daß  Spenglers  Prophezeiung  jetzt  in  Erfüllung 
gehe,  v/ir  sollten  noch  weniger  übersehen,  daß  die  wohl  künstlich 
gemachte,  aber  in  ihren  Auswirkungen  die  Natur  der  Menschen  gründ- 
lich genug  erfassende  Rauschgifthysterie  als  Massenphänomen  mit  dem 
Verfall  der  Religion  oder  der  Kirchen  zusammenfällt,  von  dem  bald 
die  Rede  sein  soll.Dieser  Ersatz  für  Religion,  noch  viel  ungeschmink- 
ter kommerziell  und  tos*  noch  viel  giftiger  ^  ^  Aus^ 


16 

rügte  sie  gereizt:  "Du  hast  wohl  zum  Frechsein  eingenommen!" 
"0  nein,"  erwiderte  sie "ich  könnte,  wenn  ich  wollte,  frech  sein, 
ohne  dazu  etwas  einzunehmen, "  In  den  Vorstellungen  des  Apothekers 
hatte  die  Pharmakologie  nach  und  nach  die  Natur  als  treibende 
Kraft  verdrängt.  Alles  menschliche  Tun  erfolgte  da  als  wjFkung 
von  Medikamenten,  so  daß  der  Mensch  kaum  noch  eigene  Funktionen 
hatte.  Unter  dem  Einfluß  des  Berufes  und  gewiß  auch  anderer  Paktoren 
hatte  sein  Denken  den  Begriff  der  Fhysis  verloren.  Dieser  Verlust 
mußte  sich  in  seiner  Lebensf ührung  verheerend  auswirken.  Sicherlich 
war  er  in  hoffnungslose  Abhängigkeit  von  seiner  Apothekerware 
geraten  und  hatte  manche  Punktionen  buchstäblich  eingebüßt.  v'/ahrsEja- 
scheinlich  gab  er  ganze  Serien  von  Lähmungen  auch  an  Andere  weiter  , 
indem  er  Ratsuchenden  einen  dem  seinen  gleichen  Gebrauch  von 
Arzneien  empfahl,  durch  die  relativ  Gesunde  nach  und  nach  zu 
Krüppeln  wurden.Es  wäre  völlig  zwecklos  gewesen,  ihn  eines  bessern 
belehren  und  von  so  schlimmen  Empfehlungen  abbringen  zu  wollen, 
weil  er  an  seine  Verkehrtheiten  glaubte  und  gesunden  Denkens  un- 
fähig geworden  war.  In  den  psychophysischen  Gesamtorganismen 
jener  Leute  war  die  direkte  Verderbnis  zuerst  im  Physischen  vor 
sich  gegangen,  um  dann,  in  ihren  weiteren  Polgen,  die  psychischen 
Punktionen  einzübeziehen.Analoge  stoffliche  Eingriffe  von  außen 
erfolgen  auch  durch  die  Rauschgifte,  und  ein  Unterschied  besteht  ± 
darin,  daß  diese  zunächst  das  Nervensystem  treffen,  auf  die  seeli- 
schen Punktionen  überspringen  und  dann  auch  ihre  Wirkungen  auf 
die  Körperorgane  nicht  verfehlen.  Das  dem  Unterschied  gegenüberste- 
hende Gemeinsame  ist  der  mit  Geld  gekaufte  Stoff,  der  an  die  Stelle 
der  Eigenfunktionen  tritt, um  seine  Superiorität  gleichsam  unter 
Beweis  zu  stellen,  abgesehen  davon,  daß  der  Eidringling  da  und  dort 
die  Herrschaft  an  sich  reißt  und  partielle  oder  totale  Abhängigkeit 
bewirkt.  Für  das  Fremde  und  Gekaufte  wird  das  Eigene  und  Nicht käuf- 
liche aufgegeben.  Auch  wo  ein  Durchschnittsmaß  an  Kritik  vorhanden 
war,  fällt  es  als  eines  der  ersten  Opfer. Es  ist  der  prompt  eintreten- 
de Scheinerfolg,  der  das  kritische  Vermögen  sofort  verschlingt. 
So  merkt  der  Süchtige  nie,  daß  jene  Erlebnisse  nicht  die  seinen 
sind,  und  daß  infolgedessen  er  auch  nicht  mehr  er  ist.  Er  ist  zu  s 
einem  Gehäuse  fremder  Stoffe  und  Vorgänge,  zu  einer  Durchgangs- 
station für  die  Effekte  einer  in  einem  kommerziellen  Laboratorium 


17 

in§ang  gesetzten  Dynamik  geworden.  Von  jenen  fremden  Stoffen 
vorwärts  oder  rückwärts  gestoßen,  abwärts  oder  aufwärts  gedrückt, 
in  Ruhe  versetzt  oder  erregt,  bleibt  ihm  als  Eigenes  nur  eine 
gewisse  Empf indungs^reaktion  auf  das  mit  ihm  und  in  ihm  Geschehen- 
de. Die  Reaktion  kann  Lust  oder  Unlust  sein,  ist  aber  fast  nur 
Lust,  weil  sie  ihm  ja  sonst  nicht  zum  Ersatz  für  das  nie  genügend 
entwickelte,  doch  immerhin  gewesene  und  weggeworfene  Icfi^wfeden 
könnten.  Pur  jene  Genüsse,  die  schon  aus  diesen  entscheidenden 
Gründen  nur  Scheingenüsse  sind,  bezahlt  das  Opfer  also nicht  allein 
mit  seiner  Gesundheit,  sondern  mit  seiner  Essenz;  mit  dieser  ist 
seine  Existenz  wohl  nicht  identisch,  aber  sie  ist  von  ihr  untrennbar. 

Arzneien  und  Arzt ex 

Fast  Alle,  die  nicht  selbst  zu  den  Opfern  der  Rauschgifte 
zählen,  verstehen  deren  verderbliche  Bedeutung;  wennjsie  genug  Oha* 
rakter  haben,  hüten  sie  sich  und  xindere  vor  dem  schlecht  getarnten 
Selbstmord.  Diese  Selbstwehr  fehlt  aber  gegenüber  den  Arzneien, 
den  Produkten  einer  der  größten  Industrien  der  Welt,  die  von 
sämtlichen  Regierungen  nicht  nur  geduldet,  sondern  gefördert, 
von  einem  die  Erde  umspannenden  Handel  vertriehen  und  von  der  Presse 
sowie  allen  andern  Propaganda-Organen  und  vor  allem  von  den 
Ärzten  als  nützlich  und  unerläßlich  empfohlen  werden.  An  sie 
haben  wir  uns  fast  zugleich  mit  der  Muttermilch  zu  gewöhnen. 
Bald  werden  wir  mit  freundlichen  oder  unfreundlichen  Mitteln 
angehalten,  sie  einzunehmen,  bis  unser  natürlicher  Widerstand 
überwunden  ist  und  wir  es  sozusagen  freiwillig  tun.  Selbst  wenn 
wir  erkranken,  wird  unserem  Organismus  kein  Frieden  gegönnt. 
Lan  läßt  der  Natur  keine  Chance,  in  Ruhe  ihre  heilenden  Kräfte 
einzusetzen.  Pillen,  Tropfen  oder  gar  Injektionen  dringen  in 
unsere  Gewebe  ein,  so  daß  der  gegen  die  Kraniche it serreger 
kämpfende  Körper  sich  gleichzeitig  gegen  eine  chemische  Offensive 
zu  wehren  hat. Die  Natur  siegt  trotz  allem  oft,  aber  nicht  immer, 
./enn  die  Polgen  erträglich  sind,  werden  sie  als  unerwünschte 
Begleiterscheinungen  der  Irwünschten  Heilwirkung  hingestellt, 
oind  sie  aber  schlimm,  so  kann  man  sie  entweder  andern  Paktoren 
zuschreiben  oder  eine  übertriebene  Dosis  verantwortlich  machen. 
Die  Polgen  treten  manchmal  spät  ein.  Der  Krebs,  der  nach  Jahren 


1.8 

oder  nach.  Jahrzehnten  erscheinen  mag,  kann  ja  auf  vielerlei 
Ursachen  zurückgehen.  Daß  diesen  im  Einzelfalle  jemand  gründ- 
lich nachforscht,  oder  daß  das  überhaupt  möglich  ist,  kommt 
praktisch  kaum  jemals  vor« 

Da  die  medizinische  Schule,  die  jene  Arzneien  mit  ihrer 
Autorität  deckt,  unbestreitbar  gewaltige  Leistungen  aufzuweisen 
hat,  besonders  auf  den  theoretischen  Gebieten  und  in  der  prakti- 
schen Diagnostik,  hat  sich  bisher  gegen  die  gesamte  Schule  viel 
weniger  Kritik  oder  Opposition  erhoben  als  gegen  alle  Mächte 
der  Erde,  einschließlich  der  geistigen,  Nur  eine  einzige  Scfeule 
bestreitet  hartnackig  die  Richtigkeit  der  herrschenden*  ärztlichen 
Praxis  und  der  ihr  zu  Grunde  liegenden  Theorie*  und  wendet 
andere, z.T.  entgegengesetzte  Grundsätze  an.Es  ist  die  Naturheilkun- 
de, die  in  manchen  Ländern  verboten  ist  wie  übler  Schwindel, 
in  andern  in  bescheidenem  Maße  legal  wirken  kann.  Sie  vernach- 
lässigt zumeist  die  Diagnostik,  v/eil  ihrer  Krankheitslehre  ent- 
sprechend dio  Natur  die  Natur  die  Kraft  hat,  Krankheiten  zu 
heilen,  auch  wenn  diese  nicht  definiert  sindj  vorausgesetzt,  daß 
der  Leidende  zu  naturgemäßen  Lebensbedingungen  zurückkehrt  und 
die  Natur  in  ihrer  automatischen  Therapie  nicht  gestört  wird. 
Ihre  therapeutischen  Leistungen  fallen  gerade  da  auf,  wo  die 
Schulmedizin  versagt. Ihre  Eigenart  und  Stärke  liegt  dennoch 
nicht  in  der  Heilung,  sondern  in  der  Vorbeugung,  im  Verständnis 
für  Prinzipien  der  Natur  und  in  deren  Anwendung  auf  die  Lebens- 
weise des  Menschen  zur  Erhaltung  und  Förderung  seiner  Gesundheit. 
Als  eine  der  wichtigsten  natürlichen  Lebensbedingungen  wurde  die 
vegetarische  Ernährung,  bzhw.  Rohkost  erkannt.  Die  Therapie  dieser 
Schule,  praktische  Heilung,  die  ohne  Medikamente  das  v/irken  der  Na- 
turkräfte erleichtert,  hat  begreiflicherweise  die  stärksten  Erfolge 
bei  denjenigen,  die  nach  ihren  Regeln  der  Vorbeugung  leben.Es 
scheint  zu  stimmen,  daß  noch  nie  ein  konsequenter  Rohköstler 
krebskrank  geworden  ist. 

Eine  Psychologie  der  Medizin  ist  noch  nicht  geschrieben 
worden.  Um  aber  unseren  Schlußfolgerungen  das  mögliche  Höchstmaß 
an  Objektivität  zu  sichern,  wollen  wir  einige  psychologische 
Beobachtungen  zusammenfassen,  die  einer  systematischen  Bearbeitung 
des  Problems  vielleicht  als  Ausgangspunkt  dienen  können. 

äSTir  erinnern  uns  der  im  Anfang  dieses  Kapitels  geschilderten 
Gesellschaft  im  Garten  und  an  das  Erlebnis  der  Dame,  das  nun 


19 

gleichsam  zum  Motto  wird.  Auch  die  Medizin  geht  gegen  die 
nichtmenschlichen  Naturwesen  vor,  als  ob  sie  alle  gegen  uns 
verschworen  wären  und  als  ob  in  keinem  Falle  Symbiose  oder  friedli- 
che Entfernung  in  Betracht  käme,  sondern  nur  ein  einziger  unab- 
lässiger Vernichtungskrieg.  Es  ist  unmöglich,  sich  des  Eindrucks  x 
zu  erwehren,  daß  auch  die  klugen  Köpfe,  die  diesen  Feldzug  planen? 
und  führen,  infolge  gewisser  Vorgänge  in  ihnen,  die  ihnen  unbe- 
wußt bleiben,  der  Natur  gegenüber  in  eine  Situation  unfreiwilliger 
Peinseligkeit  geraten  sind.  Der  konkrete  Umstand  der  Verbindung 
mit  den  Interessen  der  naturfeindlichen  pharmazeutischen  Industrie 
mag  mitwirken,  spielt  aber  gewiß  nicht  die  Hauptrolle.  Die  ent- 
scheidenden Ursachen  liegen  auf  der  bereits  aufgezeigten  Linie, 
und  darauf  weisen  auch  die  sinnfälligen  Symptome  hin.  In  den 
Empfangs-  und  Ordinationszimmern  der  modernen  Ärzte  sind  die 
Fenster  in  jeder  Jahreszeit  geschlossen,  und  auch  in  den  sonnenar» 
men  Ländern  sind  diese  Räume  Tag  und  Nacht  durch  Vorhänge 
verfinstert  und  künstlich  beleuchtet. 

Die  Haupttätigkeit  des  Chirurgen  besteht  im  Wegschneiden 
und  Herausschneiden,  die  des  Internisten  im  Töten  schädlicher 
oder  für  schädlich  gehaltener  Organismen.  Diese  Ärzte  stoßen  immer 
wieder  auf  die  Präge,  wie  die  Tötungen  erfolgen  können,  ohne  daß 
auch  der  Mensch  getötet  oder  geschädigt  wird.  Der  übliche  vernich- 
tende Angriff  auf  Amöben  kann,  um  nur  auf  ein  einziges  Beispiel 
hinzuweisen,  entweder  den  erwünschten  Erfolg  haben  oder  einen 
Teil  von  ihnen  in  die  Leber  treiben,  wo  sie  viel  schlimmeren 
ochaden  anrichten  als  im  Darm;  oder  der  Mensch  wird  durch  den 
chemischen  Angriff  mitgetötet.  Natur heilkundige,  die  nicht  auf 
das  Töten  erpicht  sind,  wenden  mit  erstaunlichem  Erfolg  eine 
Diät  an,  die  das  entzündete  Darmgewebe  heilt,  den  Amöben  also 
die  Lebensbedingungen  entzieht  und  sie  zur  Auswanderung  zwingt, 
nid*  zur  Einwanderung  in  die  Leber.  Daß  die  herrschende  Schule 
nicht  auf  so  naheliegende  Ideen  kommt,  kann  sich  nur  aus  Natur- 
furcht und  Naturfeindschaft  erklären. 

Das  Verhalten  der  so  weithin  anerkannten  Schule  ist  eine 
seiüsame  Mischung  aus  kühnem  Vordringen  in  das  Unbekannte  und 
starr  orthodoxer  Abneigung  gegen  logische  und  einfache  Revisionen, 
die  allerdings  furchtlose  Selbstprüfung  zur  Voraussetzung  hätten 


20 

Die  stärkste  Stütze  dieses  widerspruchsvollen  Standes  ist 
der  nahezu  allgemein  verbreitete  Glaube,  man  habe  keine  Wahl  und 
sei  auf  die  Ärzte  angewiesen,  obwohl  sie  oft  selbst  chronisch 
krank  sind  und  auch  ihren  Familien  nicht  immer  helfen  können 
oder  sogar  schaden» 

Als  wollte  das  von  den  Ärzten  abhängige  populäre  Denken  sich 
an  ihnen  rächen,  lebt  die  Kritik  sich  in  einer  Unzahl  von  Witzen 
aus,  die  jedoch  zumeist  mit  relativ  geringen  Variationen  aus 
Realitäten  hervorgehen.  Daß  dem  so  ist,  wird  z.B.  durch  jene  trag 
sehen  Gegebenheiten  erhärtet,  deren  eine  als  frischer  Reuter- 
Bericht  aus  Buenos  Aires  vorliegt: 

Zur  Entfernung  einer  Deformation  und  Entzündung  an  einer 
großen  Zehe  (hallux  valgus)  kam  ein  Mann  in  ein  Spital.  Aus 
Furcht  vor  den  Schmerzen  ersuchte  der  Patient  um  Narkose  und 
diese  rief  nach  einem  Bericht  der  Zeitung  "El  Mundo"  einen  Herz- 
anfall hervor.  Die  Ärzte  brachten  den  Mann  durch  Herzmassage  zum 
Leben  zurück  und  legten  ihn  in  ein  Sauerstoffzelt,  wo  aber  sein 
Magen  sich  zusammenzog  und  dann  zerriß,  was  Bauchfellentzündung 
zur  Folge  hatte.  Als  er  nach  weiterer  Behandlung  auf  einer  Tragba 
re  transportiert  wurde,  fiel  er  von  dieser  hinunter,  brach  ein 
Schlüsselbein  und  ein  Bein  und  sein  Herz  wurde  noch  mehr  geschä- 
digt, wodurch  Tracheotomie  (Luftröhreneinschnitt)  notwendig 
wurde.  Und  als  er  mit  einem  Abzugsrohr  im  Magen,  einem  Atemröhr- 
chen  in  der  Luftröhre,  einem  Bein  in  Gips  und  einem  Arm  in  der 
Binde  dalag,  war  der  Zustand  der  großen  Zehe  noch  unverändert. 

Wer  sich  in  der  Chemie  und  in  den  Apparaturen  der  diversen 
Anästhesien  ein  wenig  zurechtfindet,  wird  einen  solchen  Fall 
aber  nicht  phantastisch  finden,  sondern  sich  eher  darüber  wun- 
dern, daß  so  eine  Serie  von  Unglücksfällen  sich  fast  nie  ereignet 
Die  Medizin  hat  aber  keinen  Grund,  die  Zahl  der  Todesfälle  infolg 
der  bloßen  Anästhesie  mit  besonderem  Stolz  als  äußerst  gering  zu 
bezeichnen  und  darauf  hinzuweisen,  daß  weniger  als  10%  sämtlicher 
Operationen  tödlich  ausgehen.  Zumal  ja  diese  Statistiken  nur  die 
unmittelbaren  Folgen  in  Betracht  ziehen,  nicht  die  später  oder 
viel  später  eintretenden. 

Die  Abhängigkeit  von  den  Ärzten  wird  ferner  diich  eine  häufig 
Erscheinungsform  der  Trägheit  gefördert.  Es  ist  ja  um  so  viel  ±s± 
leichter,  für  eine  von  Andern  ausgeführte  Behandlung  zu  bezahlen 
als  für  die  eigene  Gesundheit  x  selbst  zu  sorgen,  etwa  durch  täg- 
liche Gymnastik.  Um  operiert  zu  werden,  braucht  der  .Patient  ja 


20a 


zumeist  nicht  viel  mehr  zu  tun  als  sich  hinzulegen.  Ein 
Naturarzt,  mein  Freund,  sagte  es  treffend:  "Die  Leute  glauben 
beim  Arzt  oder  beim  Apotheker  Gesundheit  kaufen  zu  können." 
Doch  die  gefährlichste  Stütze  der  offiziellen  Heilkunde  sind 
sind  die  oft  sofort  sichtbaren  Erfolge  oder  Scheinerfolge 
ihrer  Ph<2makologie ,  die  den  langsamer  wirkenden  Schaden 
verschleiern. 

Der  Flucht  in  die  giftige  Euphorie  entspricht  eine  andere, 
der  dauernde  Drang  zum  Arzt  oder  ins  Krankenhaus.  Vielleicht  m 
wäre  Iatromanie  der  rechte  Name  dafür.  Es  sind  kaum  jemals  reine 
Erfindungen,  die  alle  diese  Leute  zu  den  Ärzten  und  oft  auf 
den  Operationstisch  bringen.  Die  vorgebrachten  Beschwerden  söhJ 
pflegen  einen  wahren  Kern  zu  enthalten.  Aber  psychische  Motive 
werden  diesem  Kern  zum  Treibhaus.  Es  sind  zumeist  Unbefriedigte  ( 
oder  Gescheiterte,  die  Liebe  vergeblich  gesucht  haben,  und 
Andere  brauchen,  die  ihnen  Fürsorge  als  Liebesersatz  angedeihen 
lassen.  Psychisch  Gesündere  unter  ihnen  finden  einen  konstruk- 
tiveren Ersatz,  und  annähernd  auch  Genesung,  in  sozialer 
Arbeit  für  Schwächere,  Unglücklichere.  Darauf  sollten 
Bemühungen  um  psychische  Massenheilung  planmäßig  hinarbeiten. 
Der  doppelte  Erfolg  der  Heilung  und  Aktivierung  wäre  umso 
bedeutender  als  die  irreale  oder  halbreale  Arbeitsunfähig- 
keit zu  einer  volkswirtschaftlich  unerträglichen  Last  zu 
werden  beginnt. 

Die  Irrealität  des  Geldes 

Der  neueste  Abschnitt  der  Gesellschafts-  und  Geistesge- 
schichte sah  einen  alle  Voraussicht  übersteigenden  W. 
Triumph  des  Materialismus,  und  dieser  Triumph  hat  einen 
Januskopf .  Sein  kommunistisches  Gesicht  verkündet  die 
Verwirklichung  der  Ideologie  des  naturwissenschaftlich- 
historischen Materialismus  in  der  marxistisch-leninistischen 
Gesellschaft  von  Staaten,  die  etwa  ein  Drittel  der  Erdbevölke« 
rung  umfassen.  Die  kommunistische  Soziologie  bezeichnet 


21 


die  Kultur  und  das  geistige  Schaffen  als  den  Überbau  der 

Gesellschaft.  Obwohl  dieser  Name  nicht  besonders  gut  gewählt 
ist,  weist  er  doch  den  nicht-materiellen  oder  mehr-als-materiellen 
Gütern  einen  funktionalen  Platz  in  einem  Ganzen  an.  Diese  Sozio- 
logie ist  also  monistisch. 

Das  kapitalistische  Gesicht  des  Januskopfes  proklamiert 
die  Macht  und  Größe  des  ihm  gehörenden  Drittels,  in  dem  ein 
anderer  Materialismus  blüht,  der  ökonomische «Die  Kräfte  dieser 
Ökonomie  scheinen  von  ihrem  Höhepunkt  noch  weit  entfernt  zu 
sein  und  v/erden  von  Tag  zu  Tag  zusehends  größer.  In  seiner 
Ungeheuern  Dynamik  und  in  seinem  Expansions drang  wächst  dieser 
Materialismus  mit  seiner  Ökonomie  nach  innen  und  außen. Aber 
über  die  Grenzen  der  Ökonomie  kommt  er  nicht  hinaus  und  kann 
in  einer  absehbaren  Zukunft  die  ideologischen  Bereiche  seines 
Drittels  nicht  erobern  noch  durchsetzen.  Die  Ideologien  verweh- 
ren ihm  den  Einlaß  und  sind  kohärent  genug,  um  seine  Vorstöße 
abzuweisen.  Diese  Ideologien  werden  zumeist  als  ideale  Werte 
angesehen  und  heißen  Religion,  Nation,  Tradition,  berufen  sich 
auf  einen  Vertrag  mit  dem  philosophischen  Idealismus  und  nehmen 
von  Zeit  zu  Zeit  und  nach  Bedarf  anders  klingende  Namen  an, 
ohne  sich  aber  stark  zu  verändern,  Sie  nemen  nur  an  Radikalität 
zu  und  ab  und  rücken  bald  nach  rechts,  bald  nach  links.  Sie  ver- 
ändern sozusagen  ihre  Temperatur  und  ihr  Volumen,  aber  nicht 
ihre  chemische  Zusammensetzung.  Derselbe  Bankier,  der  nur  aus 
Berechnung  und  Profit  zu  bestehen  scheint,  geht  hie  und  da  auch 
zur  Kirche,  unterstützt  sie  aber  lieber  durch  sein  Scherflein. 
Er  kann  z.B.  auch  dem  Ku  Klux  Klan  angehören,  einem  Operntheater 
großzügig  unter  die  Arme  greifen  oder  einem  Museum  Originale  vqqe 
War hol  und  Moore  schenken.  Hie  Geld,  hie  Ideal, 

Eine  Dame,  die  einen  umfangreichen  Apparat  zur  Propaganda 
ihrer  tüchtigen  Weisheiten,  besonders  zur  Bekämpfung  des  Altru- 
ismus , zustande  gebracht  hat  und  die  amerikanischen  Städte  mit 
ihren  Vorträgen  heimsucht,  scheint  eine  Ausnahme  zu  bilden,  indem 
sie  von  so  etwas  wie  einem  Dollarkult  als  neuester  Religion 
träumt.  Ein  solcher  Versuch  zur  Überschreitung  der  Demarkations- 
linie wird  dem  Materialismus  wenig  nützen.  Denn  dieses  gesamte 
Drittel  versteht  teils  logisch,  teils  instinktiv,  daß  es  seinen 


22 

Dualismus  braucht,  weil  es  aus  ihm  "besteht,  mit  ihm  identisch  ist. 

Es  ist  einer  der  monumentalen  Widersprüche  im  Kapitalismus  , 
daß  die  immensen  materiellen  Werte,  die  seine  gesamte  weit  bewe- 
gen, in  ihm  im  Grunde  einen  untergeordneten  Rang  einnehmen.  Obwohl 
sie  die  wahren  Herrscher  sind,  verneigen  sie  sich  vor  den  Idealen 
wie  vor  Göttern,  die  ihnen  Legitimität  verleihen  und  sie  schütaen. 
Die  Übergeordneten  und  die  Untergeordneten  bleiben  beharrlich  in 
ihren  Rollen,  si©  müssen  es  tun,  und  es  lohnt  ihnen. 

Auf  den  ersten  Blick  könnte  man  meinen,  innerhalb  der 
materiellen  Werte  sei  das  Geld  die  Hauptsache,  Das  gerade  Gegen- 
teil ist  der  Fall.  Nichts  ist  scheinbarer  als  die  Existenz  des 
Geldes,  es  ist  fast  nur  ein  Symbol.  Theoretisch  wäre  es  ziemlich 
leicht,  das  Geld  abzuschaffen  ohne  daß  die  Wirt Schafts -und 
Gesellschaftsordnung  bedeutende  Veränderungen  zu  erfahren 
braucht;  manches  Regime,  wie  das  des  Dritten  Reiches,  hat 
diese  Abschaffung  erwogen,  wenn  auch  nicht  gewagt. 

Dem  ökonomischen  Leichtgewicht  des  Geldes  steht  jedoch 
ein  enormes  Schwergewicht  seiner  psychologischen  Funktion 
gegenüber.  Zwar  sind  es  nicht  mehr  die  berauschenden  Gold-  und 
Silbermünzen,  sondern  nur  von  Maschinen  besorgte  mathematische 
Operationen,  von  denen  die  armen  Reichen  nicht  mehr  in  Händen 
halten  als  die  auch  ästhetisch  wesenlosen  Scheine,  Aber  die 
Bedeutung  dieses  Nichts  für  Arm  und  Reich  ist  viel  größer  als  die 
der  glitzernden  Münzen  es  jemals  war.  Warum? 

Es  braucht  natürlich  nicht  erst  zugegeben  zu  werden,  daß 
das  Geld,  solange  es  in  Geltung  bleibt,  für  jeden  real  notwendig 
ist.  Doch  unsere  Frage  bezieht  sich  auf  die  Überschreitung  der 
Notwendigkeit,  z.B.  auf  die  Geldgier  von  Millionären,  die  in 
manchen  Fällen  nicht  minder  intensiv  ist  als  die  Abhängigkeit  s: 
von  Rauschgiften.  Oder  auf  tödliche  Raufereien  zwischen  Händlern, 
bei  denen  es  um  eine  Scheidemünze  geht.  Die  Lösung  ist  den  frühe- 
ren Ergebnissen  völlig  analog.  Das  Wesenlose  ist  auch  hier  wieder 
ein  Ersatz  für  das  Wesenhafte,  für  echte  Befriedigung,  für  alles 
Echte,  dessen  Kern  für  den  Menschen  ohne  Zweifel  die  Liebe  ist, 
u.zw.  Liebe  im  besten  Sinne,  auch  im  Sinne  des  frühen  Buddhismus 
und  des  frühen  Christentums. 


23 

Denn  das  Verlangen  nach  Liebe  wird  umso  größer,  je  liebloser 
das  Leben  wird.  In  eine  Heilanstalt  für  Geisteskranke  geriet 
ein  seiner  Veranlagung  nach  normaler  und  begabter  junger  Mann, 
v/eil  sein  Leben  zu  einer  Serie  von  Enttäuschungen  und  Erschüt- 
terungen geworden  war.  Herzenskälte,  Feindseligkeit,  Hinter- 
hältigkeit, Wortbruch  und  die  täglich  bewiesene  Flüchtigkeit 
von  Gefühlen  und  Unverläßlichkeit  von  Beziehungen  hatten  ihm 
das  ±k  biologisch  unerläßliche  Minimum  an  Vertrauen  und  Sicherte 
heit  genommen.  In  der  Anstalt  aber  hatte  er  das  Glück,  eine 
Partnerin  zu  finden,  der  dasselbe  widerfahren  war.  So  gaben  Bei- 
de einander  das  Vertrauen  wieder  und  konnten  gemeinsam  ins 
Leben  zurückkehren.  Diese  Kurzgeschichte,  die  fast  zu  rührend  k 
klingen  mag,  um  wahr  zu  sein,  ist  es  dennoch,  aber  es  gibt  im 
Jammertal  der  Wirklichkeit  viele  lange  Geschichten  ohne  happy 
end  und  unzählige  Lebensläufe  ganz  ohne  die  herbeigesehnten 
Ereignisse  und  Fügungen,  Abläufe  menschlichen  Daseins  ohne  den 
geringsten  Trost.  Die  Mechanisierung  der  Gesellschaft  verviel- 
facht die  Beziehimgslosigkeit.  iüfer  schaut  den  Beamten  oder  die 
Beamtin  am  Schalter  an,  wer  hat  für  solche  Studien  oder  für 
solche  Fühlungnahme  Zeit?  Eine  Atmosphäre  der  Unbarmherzigkeit 
verschlingt  wärmere  Hegungen.  Zwischen  Lehrern  und  Schülern  bee 
steht  Fremdheit,  die  Maschine  trennt  auch  siel).  So  gerät  unsere 
1)  Vgl.  S. 

Menschlichkeit  auf  den  Weg  zu  aussichtsloser  Verarmung. 

was  Wunder,  wenn  wir  mit  allem  Käuflichen  prunken,  um 
unseren  Mangel  zu  verbergen,  und  uns  ein  von  Kopf  bis  Fuß  künst- 
liches Exterieur  anschaffen,  um  Andern  und  uns  selbst  vorzu- 
täuschen, daß  wir  der  Liebe  wert  seien  und  sie  reichlich  genießen; 
und  daß  wir  nach  dem  schäbigsten  aller  Ersatzmittel  jagen,  um  j± 
dieses  dagegen  einzutauschen,  was  wir  um  unseretwillen  nie  zu 
erlangen  hoffen  ? 

So  ist  das  Geld,  das  der  moderne  Mensch  für  das  maximal 
fieale,  oder  sogar  für  die  einzige  Healität  hält,  verwiegend 
Fiktion.  Was  wir  tun,  um  es  zu  erlangen,  ist  daher  in  zweiter 

oder  noch  viel  höherer  Potenz  irreal,  von  relativ  harmloser 
Verleugnung  unserer  selbst  bis  in  die  Abgründe  routinierten 
Verbrechens. 


24 

Der  moderne  Mensch  und  die  Arbeit 

Je  zärtlicher  das  Verhältnis  zum  Gelde  wird,  desto  frostiger 
wird  die  Beziehung  zur  Arbeit.  Das  einfachste  Kriterium  der 
Verbundenheit  ist  das  festhalten  anginer  bestimmten  Arbeit  trotz 
lockenden  Aussichten  auf  Verbesserung  des  Einkommens.  Dieser  Prüf- 
stein kommt  allerdings  nur  in  denjenigen  Gesellschaften  in  frage, 
in  denen  freie  Berufswahl  herrscht  und  der  Übergang  von  einer 
wirtschaftlichen  Position  zu  einer  andern  nicht  verboten  ist. 
Solch  ein  Verbot  existiert  theoretisch  und  praktisch  immer  noch 
in  dem  durch  die  religiöse  Weihe  geschützten  starren  Kastenwesens 
Indiens,  das  den  Söhnen  aller  Generationen  die  Berufe  der  Väter 
aufzwingt,  ohne  daß  ihre  individuellen  Neigungen  oder  Begabungen 
etwas  ändern  können.  Aimfo  Außerhalb  der  eigentlichen  Sklaverei 
waren  halb-versklavte  Stände  dem  Fluch  diese  Erbes  auch  in  Europa 
durch  lange  Geschichtperioden  unterworfen,  insbesondere  im  Peuda- 
lismus,  der  ja  auch  heute  lebende  Nachkommen  hat,  wo  immer  es 
noch  Großgrundbesitz  gibt. 

Immer  wieder  tauchen  auch  noch  Autoren  auf,  die  an  der 
Sklaverei  ein  gutes  Haar  finden  wollen  und  mit  der  Behauptung  m 
operieren,  der  Versklavung  von  Kriegsgefangenen  ss±  und  ganzer 
Bevölkerungen  eroberter  Gebiete  sei  der  Brauch  der  allgemeinen 
Kiedermetzelung  vorausgegangen.  Demnach  sei  die  Versklavung  ein 
Aufstieg  von  der  brutalsten  Barbarei  zu  milderer  Behandlung. 
Diese  Annahme  ist  logisch  defektiv. Denn  wo  es  bereits  Arbeit 
zu  tun  gab,  wie  die  der  primitiven  Landwirtschaft  und  Viehzucht, 
oder  Bauarbeit,  wurde  sie  ja  ursprünglich  ndtfendigerweise  von 
eben  denjenigen  getan,  die  sie  später  den  Besiegten  aufbürdeten. 
So  ging  also  die  Entwicklung  von  der  produktiven  eigenen  Arbeit 
zur  mörderischen  Ausbeutung.  Wenn  wir  daher  im  Sinne  von  Wert- 
urteilen Bilder  wie  die  des  Auf-  und  Abstiegs  verwenden  wollen, 
können  wir  den  Übergang  von  einer  produktiven  zu  einer  parasitären 
Gesellschaft  schwerlich  als  Aufstieg  bezeichnen,  auch  wenn  wir 
auf  jede  eigentlich    ethische  Bewertung  verzichten. 

Der  Niedergang  zu  einer  auf  Sklaverei  gegründeten  para- 
sitären Gesellschaft  kam  wahrscheinlich  gleichzeitig  mit  den 
positiven  Entwicklungen,  die  zum  vollen  Neolithikum  führten. 
Es  war  deren  negative  Kehrseite,  oder  das  abwärts  führende  ge- 
sellschaftliche Gegenspiel  eines  starken  Aufstiegs  der  Wirtschaft, 


25 

die  von  der  parasitären  Stufe  der  Jagd  zur  Produktivität  des 
Ackerbaues  gelangte,  was  eine  höchst  bemerkenswerte,  doktrinä- 
rer Auffassung  ausgesprochen  unbequeme  Divergenz  von  Wirtschaft 
und  Gesellschaft  bedeutet. 

Oft  kehrt  auch  die  Behauptung  wieder,  die  Arbeit  ziehe  den 
Menschen  nicht  an,  er  habe  sie  immer  nur  gezwungen  getan.  Solche 
Beobachtungen  können  aber  nur  da  gemacht  worden  sein,  wo  Sklaverei 
oder  ähnlicher  Verfall  der  Gesellschaft  und  des  Menschen  bereits 
den  Hintergrund  bildeten.  Hingegen  ist  erfolgreiche  Bemühung, 
solche,  die  zur  Verbesserung  von  Zuständen  führt,  primär  lust- 
betont wie  die  Freude  des  Kindes  an  seinem  wachsenden  Können. 
Sie  ist  der  Ausgangspunkt  für  Zusammenwirken,  ein  gemeinschafts- 
bildender Faktor.  Es  ist  die  Arbeit  an  sich,  wie  sie  sein  konnte 
und  kann,  im  Gegensatz  zu  der  degradierten  und  degradierenden 
Arbeit. 

Die  üatürliche  Freude  an  der  Arbeit  hat  sich  in  bescheidenem 
Maße  erhalten,  indem  sie  fast  unbemerkt  durch  diejenigen  Bedingun- 
gen hindurchgelangte,  die  als  Zwang,  Fron  und  Erniedrigung  das 
Arbeiten  mit  tiefem  leid  assoziierten. 

Der  lustvollen  Beziehung  zur  Arbeit  sind  aber  nicht  nur 
jene  größtenteils  überwundenen  Greuel  ungünstig,  sondern  auch 
die  modernen  Lebensbedingungen,  jedenfalls  im  kapitalistischen 
Sektor,  vielleicht  auch  im  kommunistischen.  Der  Profit  als  Ziel- 
punkt der  Planung  und  Ausführung  ist  schon  anrieh  eine  Großmacht 
der  Demoralisierung.  Unter  der  Herrschaft  dieses  Prinzips  wird 
Ar^beit  nicht  um  ihres  Wertes  willen  getan,  und  am  allerwenigsten 
um  ihrer  selbst  willen.  Der  Mensch  gerät  wieder  in  eine  geringge- 
achtete Position,  als  Konsument  wie  auch  als  Produzent.  Die  Rolle 
des  Konsumenten  ist  mit  der  Zahlung  fast  schon  beendet.  Wohl  soll 
er  auch  zufrieden  sein,  aber  nur  um  weiter  zu  bezahlen  und  Andere 
zu  Konsum,  d.h.  Bezahlung,  anzuregen.  Die  Rolle  des  Produzenten 
ist  im  Frühstadium  die  des  Konkurrenten  der  Maschine,  doch  aus 
dieser  Konkurrenz  geht  er,  der  weitaus  Schwächere, als  halb  und 
halb  geduldeter  Diener  der  Siegerin  hervor. 

Unter  solchen  Umständen  doch  noch  einer  gewissen  Liebe  zmr 
Arbeit  oder  ihrer  Wertschätzung  zu  begegnen,  ist  überraschend. 
Es  war  in  Jerusalem,  wo  ich  vor  einigen  Jahren  auf  dem  Wege  zu 
einer  Begegnung  bemerkte,  daß  meine  Schuhe  schmutzig  waren. 
Ich  trat  an  einen  Schuhputzer  heran,  der  an  sein  Werk  ging, 


26 


rieb,  glättete,  bürstete,  und  das  noch  und  noch  wiede^üolte , 
als  ob  Sein  oder  Nichtsein  davon  abhinge.  Der  schwarze  Lederer- 
satz  glänzte  schon  wie  ein  Spiegel  und  es  war  für  mich  fast  schon 
zu  spät.  Ich  drängte  ihn  zum  Abschluß,  indem  ich  seine  Arbeit 
lobte  und  bezahlte,  aber  er  ließ  nicht  locker  und  hielt  mich  fast 
wie  einen  Gefangenen  fest,  bis  er  selbst  seine  Arbeit  vollendet 
fand.  Gerade  weil  es  eine  unbedeutende  Aufgabe  war,  der  er  sein 
Können  mit  solchem  Ernst  und  Eifer  widmete,  und  viel  mehr  tat  a 
als  er  mußte,  um  seinen  Lohn  zu  bekommen,  verdient  jener  junge 
Orientale  der  Vergessenheit  entrissen  zu  werden  und  als  Symbol 
fortzuleben.  Er  tat  seine  Arbeit  nicht  nur  für  den  Lohn,  sondern^ 
zugleich  um  ihrer  selbst  willen  und  schöpfte  aus  ihr  reinere 
Befriedigung  als  der  moderne  Durchschnittsmensch  aus  der  seinen.' 

Es  muß  eine  in  tiefen  Schichten  des  Seelenlebens  bewahrte 
Tradition  sein,  die  Integrität  seiner  Beziehung  zur  Arbeit 
trotz  allen  ihr  so  ungünstigen  Bedingungen  aufrechtzuerhalten. 
Die  Stärke  des  Eindrucks  der  Ausnahme  läßt  die  Regel  natürlich 
noch  deutlicher  hervortreten.  Angesichts  der  klaren  Regel  muß 
zugegeben  werden,  daß  der  Kommunismus  einer  gesunden  Beziehung 
zur  Arbeit  günstiger  ist  als  der  Kapitalismus.  Doch  kommt  es  auf 
die  Praxis  an;  nur  lange  und  vielseitige  Beobachtung  des  Lebens 
und  der  Arbeit  hüben  und  drüben  würde  ein  kompetentes  Urteil 
ermöglichen« 

Menschenwürde 

Zu  den  Charakteristika  einer  Zeit  gehört  sicherlich  deren 
Auffassung  von  würde  und  die  Beziehung  der  Menschen  zu  dieser. 
In  den  alten  Königtümern  und  Diktaturen  waren  Hochmut  nach  untoa 
und  Kriecherei  nach  oben  in  Jahrtausenden  derart  zur  Selbstver- 
ständlichkeit geworden,  daß  es  auch  unter  den  am  höchsten  ent- 
wickelten Individuen  nur  ganz  wenige  Ausnahmen  gab. -Man  erinnere 


eich  oinor  wohl  nicht  mithnnti  n^nn ,  lehrreichen  Anekdote  / 

über  das  Benehmen  Goethes  und  dao  Beethovens*  / 

Die  neuen  Diktaturen,  die  mit  der  kommunistischen  begannen, 
mußten  einen  andern  Stil  entv/ickeln.  Dem  vorkominunisti sehen 
Sozialismus  hatte  brüderliches  Benehmen  entsprochen  und  die' 
kommunistische  Diktatur  konnte  es  nicht  bald  verlassen,  ohne 
ihr  proletarisches  Prestige  zu  gefährden.  Der  italienische  und 
der  spanische  Paschismus  hatten  es  in  dieser  Präge  einfacher, 


denn  das  vorausgegangene  Regime  verpflichtete  zu  nichts,  2? 
so  daß  ein  paar  Imitationen  schnoddriger  Vökstümlichkeit  genüg- 
ten. Hingegen  ging  das  in  der  deutschen  Partei,  die  sich  ausge- 
rechnet nationalsozialistisch"  nannte,  nicht  ganz  so  glatt. 
Der  extrem  militaristische  Charakter,  dessen  Kriegspläne  in  die 
Fundamente  eingebaut  waren,  erforderte  straffste  Über-  und  Unter- 
ordnung; aber  die  in  den  Massen  noch  eingewurzelten  Stimmungen, 
sozialistische  und  kommunistische,  verlangten  ein  paar  Nachahmun- 
gen des  brüderlichen  Stils,  der  in  den  Anfängen  Homosexualität 
noch  mehr  anzuregen  drohte,  was  mit  Rücksicht  auf  die  Parteige- 
nossinnen u.s.w.  nicht  anging.  So  stürmte  man  zwischen  Skylla 
und  Charybdis  los.  Alle  Diktaturen,  links  und  rechts,  gelangten 
nach  tastenden  Versuchen  zu  jener  aufrecht  männlichen  Routine, 
die  ganz  gut  geeignet  ist,  Angst,  Unterwürfigkeit  und  Masochis- 
mus einerseits  und  Größenwahn  und  Sadismus  anderseits  zu  tarnen» 

Aber  jede  Staatsform  hat  ihre  Schwächen,  auch  die  von  de- 
finitiver Auswirkung  ihrer  Möglichkeiten  gewiß  noch  weit  entfernte 
Demokratie.  An  sich  ist  sie  für  die  Würde  der  einfachen  Leute 
nicht  ungesund.  Im  Gegenteil,  sie  gibt  ihnen,  besonders  wenn  wählen 
sich  nähern,  ein  erhöhtes  Selbstbewußtsein.  Zwar  leidet  dieses 
unter  der  häufigen  Begleiterscheinung  der  gegenseitigen  Herab- 
setzung, doch  bleiben  solche  Trübungen  in  ihren  krassen  Formen 
so  ziemlich  auf  die  Zeit  des  Wahlkampf es  beschränkt.  Hingegen 
wird  hübsch  viel  von  der  Würde  der  Oberen,  der  Kandidaten,  der 
Popularität  geopfert,  was  schwer  sein  mag,  wenn  viel  von  ihr  vor- 
handen war.  Da  konkurriert  der  Staatsmann  mit  dem  Filmliebling. 
Er  gibt  offen  zu,  sein  verwelkendes  Gesicht  für  den  Bildfunk 
färben  und  schminken  zu  lassen,  um  den  Effekt  der  z.T.  selbstge- 
machten Rede  nicht  durch  ein  erotisch  neutrales  Äußeres  zu  beein- 
trächtigen. Lächeln  und  Erregung  sind  unter  der  Anleitung  von 
Fachleuten  vor  dem  Spiegel  einstudiert  und  der  Klang  der  Stimme 
wird  nach  Tunlichkeit  veredelt.XWomöglich  mobilisiert  der  Mann 
auch  seine  Frau. 

Niemand  kritisiert  diese  Methoden,  im  Gegenteil,  sie  finden 
Nachahmung,  auch  bei  Nichtpolitikern,  für  deren  Geschäft  Beliebt- 
heit von  Wert  ist.  Man  wird  erfinderisch, produziert  Neuheiten 
und  kopiert  einander.  In  der  nächsten  Phase  des  politischen  Lebens 
scheint  der  Mensch  also  zum  Clown  werden  zu  sollen. 


28 


Die  Beziehung  des  modernen  Menschen  zum  Wert 
Wertbegriff e  waren  immer  in  Bewegung,  obwohl  die  religiösen 
und  philosophischen  Lehren  grandiose  Versuche  darstellen,  sie 
ein  für  allemal  festzulegen,  um  spätere  Änderungen  auszuschließen« 
Die  Veränderlichkeit  ist  der  anschauliche  Beweis  der  Subjektivität 
und  weist  darauf  hin,  daß  auch  dasjenige,  was  als  objektiver 
wert  erscheint,  nur  ein  intersüb jektiver  ist,  durch  die  "allgemei- 
ne" Zustimmung  den  Anschein  der  Objektivität  erlangt  hat, 
Subjektivität  bedeutet  zugleich  Relativität«  Wir  haben  also  nie 
die  unbestreitbare  Gewähr  dafür,  daß  die  existenten  oder  postu- 
lierten Dinge  den  Wert,  den  wir  ihnen  beilegen,  an  sich  haben. 
Doch  kann  für  frühere  Epochen  zumindest  das  als  Segel  gelten, 
daß  Menschen  sich  daran  hielten,  was  sie  selbst  als  Wert  er- 
kannten und  anerkannten. 

Die  Betrachtung  der  Gegenwart  erweckt  Zweifel,  ob  das 
immer  noch  gilt.  Die  Leute  beten  z,B,  den  Erfolg  an,  ohne  ihn 
auch  nur  auf  die  eigene  Annahme  einer  Berechtigung  zu  gründen^ 
auch  ohne  zu  bestreiten,  daß  ja  sie  selbst  den  Erfolg  machen 
oder  doch  den  Hauptanteil  an  seinem  Zustandekommen  im  haben« 
Die  neueste  Literatur,  Kunst  und  Musik  bietet  für  die  Nicht Ob- 
jektivität des  Erfolges  manche  klassischen  Belege,  wenn  hingegaac 
gen  ungedruckte  Bücher,  unauf geführte  Theaterstücke,  unbekannt 
gebliebene  Symphonien  und  staubbedeckte  unausgestellte  Skulpturen 
systematisch  aufgenommen  Äsissx  und  mit  den  veröffentlichten 
"Werken  verglichen  würden,  könnte  sich  herausstellen,  käEHisxsdbzk 
daß  die  Summe  des  Verschmähten  gegenüber  der  Summe  des  Anerkann- 
ten Wesensunterschiede  auf  v/eist,  bedeutend  genug,  um  das  §esamt- 
bild  der  Zivilisation  zu  verschieben,  aber  auch  einen  markanten 
wertunter schied  zu  Gunsten  des  Unbekannten  oder  Zurückgewiesenen, 
Wahrscheinlich  würde  aber  an  fast  allen  Werken  dieser  letzteren 
Kategorie  eine  gewisse  Fremdheit  gegen  die  Interessen  und  Tenden- 
zen der  Heutigen  auffallen  und  hie  und  da  wären  sie  in  deutlich 
erkennbarer  Opposition  zum  herrschenden  Geschmack;  während  sich 
für  das  erfolgreiche  Schaffen  als  bezeichnend  erweisen  würde, 
daß  es  dem  Zeitgeschmack  entspricht.  Die  Kongruenz  von  Zeitge- 
schmack und  Erfolg  wird  zum  Teil  darauf  beruhen,  daß  es  eben 
diese  Werke  waren,  die  den  existierenden  Geschmack  erzeugten 


29 

oder  mitbestimmten,  zum  Teil  aber  auf'  elastischer  Anpassung  an 
wohlverstandene  Wünsche  oder  Bedürfnisse.  Sine  solche  Gegen- 
überstellung würde  jedenfalls  mit  Sicherheit  ergeben,  daß  Wert 
und  Geltung  üicht  in  der  naiv  angenommenen  Beziehung  von  Ursache 
und  Wirkung  stehen.  SSTie  Banalität  eine  Welt  erobern  kann,  dafür 
besitzen  wir  ja  in  den  Beatles  und  deren  vielen  Nachahmern  und 
Nachfolgern  ganz  hübsche  Beispiele;  obzwar  eben  diese  auch  die 
Flüchtigkeit  des  auf  nichts  gegründeten  Huhmes  beweisen.  Diejenige 
Jugend,  die  ihresgleichen  nachläuft,  kann  in  solchen  einen  Inhalt 
zur  Füllung  der  schmerzlichen  Leere  nicht  finden  und  sucht  ihn 
wohl  auch  nicht;  aber  sie  findet  Trost  für  die  Leere  wie  sie 
eben  ist,  berauschende  Belustigung  über  große  Armut. 

Damit  soll  keineswegs  gesagt  sein,  daß  der  Gegenwart  Wert 
überhaupt  fremd  geworden  sei  oder  daß  erfolgreiche  Literatur, 
Kunst  und  Musik  insgesamt  minderwertig  seien.  Aber  Wert  und 
Erfolg  bestehen  jetzt  nebeneinander,  als  würde  jeder  von  Beiden 
einer  andern  Ursächlichkeit  angehören.  Es  ist  als  ob  unsere  Zeit 
einen  uralten  Kausalnexus  unterbrochen  hätte. 


Wer  ist  glücklich  ? 

Da  wir  so  wesenlos  und  so  lieblos  geworden  sind,  läßt  es 
sich  für  die  Gegenwart  kaum  noch  aufrechterhalten,  daß  hie  und 
da  ein  Glücklicher  gewesen«  Oder  doch  ? 

^EjsJ^eße  jedenfalls  nicht  Amerika  entdecken,  wenn  man  fest- 
stellte ?/^denen  reichlich  Unterstützung  geschickt,  aber  unterwegs 
zu  einem  hübschen  Teil  gestohlen  wird,  nicht  zu  den  Glücklichen 
gehören.  Die  Millionen  Inder  und  Latein-Amerikaner,  die  sich  im 
Laufe  ihres  kurzen  Lebens  kaum  jemals  satt  essen,  werden  eher  g: 
gefressen,  u.zw.  von  der  eigenen  Erbitterung  über  die  verhaßten 
deichen.  In  Indien  v/erden  sie  durch  dasXverste inerte  Gesellschafts- 
system ganz  unten  gehalten;  im  mittelstandslosen  Westen  leben  x 
sie  unterste  dem  Druck  der  grausamen,  von  Willkür  verschärften 
Bedrohung  durch  Justiz  und  Polizei,  deren  unverhüllte  Aufgabe  s 
es  ist,  die  so  kraß  ungleiche  Verteilung  der  Güter  zu  verteidigen. 
Die  Elenden  fragen  nicht  danach,  ob  die  Heichen  glücklich  sind. 
Für  die  chronisch  Darbenden  ist  das  eine  selbstverständliche 
Voraussetzung,  da  ja  die  Besitzenden  in  Fülle  alles  das  haben, 
dessen  Mangel  so  unglücklich  macht.  Der  Mangel  bringt  infolge 
der  vergiftenden  Akkumulation  von  Haß  und  Wut  auch  ihre  unauf- 
hörlichen Privatkonflikte  und  Familientragödien.  Allerdings 


30 

stellen  sich  die  Reichen,  aus  der  Nähe  "betrachtet,  als  keineswegs 
so  beneidenwert  heraus.  Sie  leben  in  schleichender,  ihnen  nicht 
ganz  bewußter  Unruhe  und  Sorge,  und  eine  Mflk^dLOTMjwRIiaiiLtcxwi; mw 
mehr  oder  minder  vage  Empfindung  des  Barohtseins  vergällt  ihre 
oft  krampfhaft  übertriebenen  Genüsse;  in  ihren  Palästen  können 
sie  den  gelegentlichen  Anblick  von  aus  Abfallblech  errichteten 
wohnbuden  schwer  vergessen.  Auch  der  Trost  der  Kirche  bringt 
sie  nicht  über  den  Argwohn  hJÜweg,  daß  das  nicht  ev/ig  dauern 
kann.  Sie  leiden  auch  unter  Höten,  die  nicht  direkt  auf  ihre 
privilegierte  Stellung  zurückgehen. Ihre  Ernährung  bringt  erst 
recht  Krankheit  und  Tod;  und  der  Luxus  hebt  die  vielen  Spannun- 
gen nicht  auf,  sondern  begünstigt  noch  Konflikte,  in  einzelnen 
Fällen  auch  Lebensüberdruß. 

Betrachten  wir  nun  die  menschlichen  Hintergründe  politischer 
Macht,  so  kommen  wir  zu  einem  nicht  minder  traurigen  Ergebnis. 
Einen  Diktator  beneiden  vernünftige  Leute  nie.  Am  allerwenigste 
tut  er  es  selbst,  es  sei  denn  daß  schizophrene  Euphorie  ihn 
jeder  Selbstkritik  beraubt.  Aber  auch  die  Megalomanie  kann 
zuweilen  von  Anfällen  abgelöst  werden,  die  den  Kranken  in  seiner 
Sebsteinschätzung  noch  kleiner  machen  als  er  ist.  Zermürbende 
Inf erioritätsvorstellungen  mögen  in  andern  Schichten  seines 
Seelenlebens  erhalten  bleiben  und  zu  leidvollen  Spannungen 
führen,  die  von  den  bekannten  Explosionen  gefolgt  sind,  Sie 
können  auch  plötzlichen  Geständnis zwang  oder  die  überraschene 
Enthüllung  eines  empfindlichen  Gewissens  bewirken,  der  Peinigung 
Anderer  kann  die  unerwartete  Reaktion  der  Selbstpeinigung 
folgen.  Der  Diktator  braucht  aber  nicht  in  solche  Hilflosigkeit 
zu  geraten  und  muß  vom  Hormalmenschen  überhaupt  nicht  drastisch 
abweichen,  um  in  ständigem  Unbehagen  zu  leben,  unter  Umständen 
real,  doch  noch  eher  in  seiner  Vorstellung  angegriffen  und  zum 
Gegenangriff  gezwungen  oder  verfolgend,  um  Verfolgung  abzuwehren. 
Den  Diktatoren  fehlt  offenbar  das  bescheidene  Maß  an  Gleich- 
gewicht, da®  dem  durchschnittlichen  Hichtpolitiker  trotz  allem 
noch  geblieben  ist.  Ausnahmen  müssen  freilich  eingeräumt  v/erden  • 
Im  Falle  Chruschtschew  scheint  der  intensive  lille  zur  Macht 
die  einzige  ausgesprochene  Anomalie  gebildet  zu  haben,  und 
auch  von  dieser  scheint  er  durch  seine  Absetzung  kuriert  zu 
sein.xuit  entsprechenden  Einschränkumgen  trifft  die  Konstatierung 
psychologischer  Schwierigkeiten  auch  für  Leute  in  den  obersten 
-rositionen  demokratischer  Länder  zu,  und  sogar  für  weitaus  gerin- 


31 

gere  Großen  der  Politik  und  verwandter  Tätigkeiten,  Selbst 
auf  einem  Gebiet,  das  einst  als  das  gerade  Gegenteil  der 
Politik  und  des  Kriegswesens  galt,  in  der  Wissenschaft ,  sind 
bedeutende  Köpfe  in  schwere  Konflikte  mit  sich  selbst  graten, 
vor  allem  Atomforscher  und  Andere,  die  sich  der  grausamen 
Konsequenzen  ihres  Perkes  wohl  bewußt  sind,  ohne  aber  wie  ein 
-arm  in  allen  Staaten  des  Erdballs  ihre  Arbeit  niederbiegen 
und  ihr  überlegenes  Können  in  den  Dienst  der  Lebenserhaltung 
zu  stellen. 

Mag  sein,  daß  einmal  eine  Zeit  kom  en  wird,  da  Macht- 
hunger von  Überdruß  und  der  Besinnung  auf  die  unersetzbaren 
werte  des  einmaligen  Lebens  abgelöst  sein  wird,Dann  wird  es 
schwer  werden,  Leute  zu  finden,  die  bereit  sein  werden,  die 
Führung  zu  übernehmen.  Ähnliches  soll  schon  vorgekommen  sein, 
Nach  dem  biblischen  Text  wollten  sich  Propheten  mehrmals  vor 
der  Berufung  drücken,  um  in  frieden  zu  leben. 

Der  friede ,  der  das  Glück  ist,  hat  den  Verzicht  auf  die 
vielen  Scheinwerte  gewiß  zur  Voraussetzung,  Der  Verzicht  ist 
aber  noch  nicht  selbst  das  Glück.  Dieses  ist  gestuft  und  nicht 
für  Alle  gleich,  doch  die  unterste  Stufe  ist  für  Alle  dieselbe. 
Es  ist  die  der  Befriedigung  der  elementaren  Bedürfnisse.  Da  die 
Liebe  zu  diesen  gehört,  sollte  das  Recht  auf  Liebe  in  eine 
revidierte  Formulierung  der  Menschenrechte  aufgenommen  werden, 
-de  tt  höchste  Stufe  der  Glückseligkeit  nennen  die  Inder  die 
des  Einswerdens  von  ütman  und  Brahman,  der  individuellen  Seele 
und  der  Weltseele,  Doch  vielleicht  könnte  man  das  einfacher 
sagen.  Dann  wäre  es  unsere  Einheit  mit  uns  selbst  und  mit  Allem, 
v4üiflüiuü  uüuujntori  .nri*!»  dfefc,  vollkommenem  Realität. 

Theoretisch  wäre  es  durchaus  nicht  unmöglich,  die  höchste 
Stufe  zu  erreichen.  Sie  erfordert  nicht  Weisheit,  setzt  sie  nicht 
voraus, denn  sie  schließt  die  Weisheit  ein,  weil  sie  der  Inbegriff 

des  Wissens  ist  und  zugleich  mehr  als  das. Wissen  ist  ja  eine 
gewisse  Bezienung  eines  Subjekts  zu  einem  Objekt;  wenn  aber 
beide  eins  geworden  sind,  ist  das  Wissen  durch  ein  Höheres 
aufgehoben,  durch  die  Identität  von  Subjekt  und  Objekt. 

Die  konkreteste  Frage,  die  uns  Alle  angeht,  ist  die,  ob 
in  unserer  Zeit  einfaches  Menschenglück  möglich  ist.  In  Washington 
Moskau  und  Peking  blüht  es  wahrscheinlich  nicht.  Doch  scheint  es 


32 


im  Ozean  der  Mot  und  der  Angst  irgendwo  Inseln  zu  geben, 
deren  Bewohner  naturverbunden,  einfach  und  zufrieden  sind, 
über  den  Wert  der  Langlebigkeit  läßt  sich  ja  streiten  und 
sie  ist  gewiß  kein  genügender  Beweis  der  Glückseligkeit, 
aber  immerhin  ein  Anzeichen,  denn  sie  beweist  Gesundheit, 
ohne  die  es  eine  einigermaßen  gefestigte  glückliche  Existenz 
nicht  gibt.  Vor  einiger  Zeit  brachte  das  Sunday  Times  Magazine 
einen  mit  farbigen  und  schwarz-weißen  Photos  illustrierten 
Bericht  aus  georgischen  Dörfern,  in  denen  nach  dem  neuesten 
Zensus  der  Sowjetunion  fast  2000  uberhundertjährige  leben, 
in  den  Weinbergen  und  auf  dem  Felde  arbeiten,  maßvoll  Wein, 
Weib  und  Gesang  lieben.  Sie  werden  von  einem  gerontologischen 
Institut  beobachtet;  die  Angaben  über  ihr  Alter  wurden  mit 
den  erreichbaren  Urkunden  verglichen  und  größtenteils  bestä- 
tigt. Der  älteste  Georgier  ist  123«  Die  Musikalischen  unter 
ihnen  haben  ein  Orchester  gegründet,  das  in  Suchomi  am 
Schwarzen  Meer  Konzerte  gibt.  Da  uns  die  Maßstäbe  zur  Schätzung 
solchen  Alters  fehlen,  läßt  sich  nach  den  Bildern  nur  sagen, 
daß  sie  viel  jünger  aussehen.  Zv/ei  kernige  Gestalten  machen 
fast  den  Eindruck  von  Fünfzigern.  Als  der  älteste  lebende 
Mensch  gilt  ein  anderer  Kaukasier,  ams  Aserbeidschan,  der  im 
genannten  Bildbericht  als  Eseltreiber  zu  sehen  ist.  Er  soll 
1805  geboren  sein,  lach  unsern  Begriffen  würden  wir  ihn  für  einen 
hohen  Siebziger  halten. 

Die  Ostseite  des  Kaukasus  mit  dem  Ufer  des  Kaspiscnen 
Meeres  gehört  offenbar  zu  jenem  Paradies  der  Langlebigkeit. 
Von  dort  ging  später  ein  von  der  Associated  Press  verbreitetes 
Photo  durch  die  nordamerikanische  Presse,  mit  einem  seit  101 
Jahren  verheirateten  Paar,  er  130,  sie  114.  Beide  blicken 
gesund  und  fast  unternehmungslustig  drein  und  ihre  zufriedenen 
Gesichter  sind  vollkommen  überzeugend.  Schließlich  liegt  noch  e 
ein  vom  Chicago  Daily  News  Service  wiedergegebener  Bericht  der 
Bulgarischen  Telegraphenagentur  vor,  nach  dem  in  ihrem  Lande 
unter  &x  8,200.600  Jüngern  1412  uberhundertjährige  leben. 

Wohl  hat  schwerlich  einer  von  uns  Andern  den  Wunsch  nach 
so  hohem  Alter  noch  auch  Aussichten  auf  ein  solches,  doch  ist 
es  ein  Trost  zu  sehen,  daß  die  Menschenrasse  noch  verborgene 
Kraftquellen  hat. Diese  könnten  uns  ja  helfen,  manches  zu  überstehen, 


und  Antworten  besteht?  Erfordernisse  einer  vom  Menschlichen 
astronomisch  weit  entfernten  Höflichkeit  werden  in  solchen  Phra- 
sen auf  jeden  i'all  ohne  Rücksicht  auf  dessen  Eigenart  wahllos  an- 
gewendet, so  daß  sie  durch  Kollision  mit  gelegentlicher  Tragik 
komisch  werden.  Man  hat  für  jede  Nachfrage  zu  danken,  was  immer 
man  sich  dabei  denken  mag;  der  befragten  Person  und  allen  Andern 
geht  es  natürlich  wundervoll,  nur  daß  die  Itformalantwort  nach 
dem  Befinden  des  Gatten  ausnahmsweise  noch  die  Hinzufügung  er- 
fordert, er  sei  gestern  leider  gestorben. 


Diepordamerikanischen  parties,  die  den  europäischen  Haus- 
bällenxnur  wenig  entsprechen,  bieten  zu  Studien  dieser  menschli- 
chen Situation  konzentrierte  Gelegenheit,  auch  wenn  es  an  rich- 
tigen Individuen  auch  da  nicht  ganz  fehlt.  Der  angegebene  Zweck 
ist  Entspannung  durch  freien  Genuß  der  Geselligkeit,  Aber  schon 
die  Kleidung  der  Männer  und  fast  auch  die  der  brauen  zeigt,  daß 
sie  ja  Uniformen  tragen,  Uniformen  eines  längst  toten  Zeremoniells 
oder  zuweilen  die  eines  outrierten  und  humorlosen  Unsinns;  und 
in  dieser  wenn  auch  für  den  Reiz  erdachten  Uniform  fühlen  und  fe 
benehmen  sie  sich  entsprechend  unfrei»  Sie  sind  darauf  bedacht, 
einander  in  allem  zu  gleichen,  auch  in  dem  auffallenden  Wunsche, 
sich  durch  Verschiedenheit  und  Besonderheit  auszuzeichnen  in 
leerem  Lächeln  und  in  leeren  Worten  völlig  konform  zu  sein, 
alles  zu  loben,  alles  entzückend  zu  finden,  auch  wenn  sie  es  weder 
sehen  noch  hören  noch  kosten;  zu  lachen,  ohne  zu  wissen  worüber 
und  ausgelassene  Freude  zu  äußern,  weil  die  Andern  es  tun.  Da  sie 
satt  sind,  müssen  sie,  um  essen  und  trinken,  also  irgend  etwas 
tun  zu  können,  was  als  Genuß  gilt,  erst  appetizer  vorgesetzt  be- 
kommen, die  schließlich  leicht  modifiziert  in  ihrem  sozusagen 
eigentlichen  Privatleben  wiederkehren  und        in  gewissem  Sinne 
zu  Symbolen  eines  Kulturzustandes  werden.  Diese  Beobachtungen 
erinnern  an  die  alte  Weisheit,  daß  extreme  Armut  und  extremer 
Reichtum  dem  Menschen  gleich  schädlich  sind;  aber  es  ist  nicht 
ganz  so.  Wie  fast  alles,  ist  zuweilen  auch  der  Reichtum  nur 
scheinbar,  imitiertes  Gebaren,  denn  manche  der  parfümierten 


Herren  sind  Kunden  von  Frackverleihern. 


Sie  und  ihre  Artgenossen 


34 

auf  andern  Kontinenten  geben  sich  in  nichts  so  wie  sie  sind, 
v/eil  sie  im  Grunde  vielleicht  überhaupt  nicht  sind.  Dieses 
Benehmen  ist  ihnen  zur  zweiten  Natur  geworden,  nicht  weil 
sie  eine  erste  Natur  verloren  haben,  sondern  weil  ihnen  eine 
solche  nicht  eigen  gewesen  war.  Im  Sinne  einer  Entwicklung 
wären  sie  zu  einem  Eigenwesen  noch  nicht  gelangt;  doch  da  Entwick- 
lung nur  als  Punktion  eines  Zeitablaufes  verstanden  werden  kann 
und  der  Zeitbegriff  in  diesem  Zusammenhang  zur  Erklärung  des 
Phänomens  nicht  viel  beiträgt,  werden  wir  besser  tun  , einen 
Entwicklungs Standpunkt  hier  nur  mit  Vorbehalt  einzunehmen. 
Sie  haben  ihre  Persönlichkeit  wohl  so  wenig  verloren  wie  die 
von  ihnen  geknabberten  Kücken  ihre  Freiheit,  da  sie  hinter 
Draht  schon  aus  dem  Ei  geschlüpft  waren  und  ein  anderes  Dasein 
nie  gekannt  hatten. 

Ist  es  für  Menschen  ein  Glück  oder  ein  Unglück,  daß  sie 
nie  zu  einem  Bewußtsein  ihrer  Identität slosigkeit  gelangen? 
Ist  es  nicht  tragisch,  daß  sie  in  ihrem  "Verhalten  eben  dadurch 
echt  sind,  daß  sie  nichts  zum  Ausdruck  bringen?  Anderseits  werden 
wir  uns  noch  v/iederholt  überzeugen  müssen,  daß  wir  hier  keineswegs 
reinem  Nichts  gegenüberstehen.  Ihrer  Qualität,  odm?  ihrem 
Zustand,  sind  reichliche  Polgen  gegeben.  Da  es,  um  die  vVärmeenergie 
zum  Vergleich  heranzuziehen,  nur  der  Nullpunkt  einer  von  Menschen 
festgesetzten  Skala,  aber  nicht  der  absolute  Nullpunkt  ist, 
verbinden  sich  die  immerhin  vorhandenen  Energien,  die  quantitativ 
nicht  unterschätzt  werden  sollten,  zu  Wirkungen,  die  nicht  so 
belanglos  sind  wie  man  annehmen  könnte,  sondern  ihrerseits  Gefahren 
bilden,  die  bisher  noch  unerkannt  geblieben  sind.  Die  materielle 
Armut  wird  so  der  seelischen  zum  Gleichnis;  potenziell  sind 
beides  zerstörerisch.  In  weiterer  Folge,  indirekt,  können  aller- 
dings beide  zu  irgend  einer  Positivität  führen. 

Das  hat  nicht  viel  mit  den  ähnlich  dre inblickenden,  doch  g 
ganz  anders  gearteten  Kategorien  der  Unechtheit  zu  tun,  wie  z.B  . 
mit  der  tückischen,  in  ihrer  Wurzel  verbrecherischen,  die 
böse  Pläne  zu  verhüllen  hat  und  von  solchen  einen  Teil  bildet. 
Das  ausgeweidete  Benehmen,  das  jedes  Sinnes  bar  ist,  stammt  «ätee- 

von  Konventionen  ab,  die  ihre  Geschichte  haben,  einmal 
Standesbräuche  mit  Symbolbedeutungen  waren  und  durch  Nachahmung 
und  dann  durch  Nachahmung  von  Nachahmung  zu  Schemen  für  den 


35 

Gebrauch  einer  Gesellschaft  geworden  sind,  in  der  Alle  etwas 
sagen  möchten,  aber  nur  noch  wenige  etwas  zu  sagen  wissen. 
Die  spätesten  Ahnen  dieses  Mangels  waren  die  Briefsteller  des 
19.  Jahrhunderts,  die  ungenügend  gebidete  Leute  unter  leichter 
Anpassung  an  den  Sonderfall  als  Ersatz  für  eigene  Ausdrucksfähig- 
keit benützen  konnten.  Ein  präfabriziertes  Surrogat  für  ein 
Gespräch  scheint  es  damals  noch  nicht  gegeben  zu  habenx2).Die 
2 Allerdings  ist  z.B.  die  jenen  Generationen  entstammende 
Bezeichnung  "Konversationslexikon"  verdächtig,  denn  sie  meint 
ja  das  Angebot  eines  Wissens  oder  Wissensersatzes  für  den  Zweck 
einer  Gesprächsführung,  in  der  man  sich  versiert  zeigen  kann, 
schematisierte  Konversation  von  heute  ist  ein  Teil  eines  allge- 
meineren Phänomens;  es  ist  so  etwas  wie  eine  nicht-industrielle, 
private  Nachbildung  der  Industrie.  Die  eigentliche,  warenprodu- 
zierende  Industrie  hat  sich  durch  überspringen  in  geistige  Gebiete 
einerseits  neuer  Artikel  bemächtigt,  anderseits  weiß  sie  ihre  Ab- 
satzgebiete zu  erweitern,  indem  sie  einen  zunehmenden  Teil  der 
Produzenten  zu  Konsumenten  macht  und  ihnen  fertig  liefert,  was 
sie  nach  wie  vor  zu  produzieren  vorgeben. Vortragende  z.B.,  pro- 
fessionelle wie  Dilettanten,  können  sich  viel  Kopfzerbrechen 
und  Umstände  ersparen,  denn  fachmännisch  ausgearbeitete  Texte 
sind  seit  langem  zu  haben.  Ebenso  werden  für  Schriftsteller 
bereits  Pezepte  hergestellt,  die  der  Kachfrage  genau  entsprechen 
und  ihre  Rückwirkung  auf  den  Geschmack  des  Publikums  nicht  ver£ 
fehlen.  Die  frühen  und  späten  homiletischen  Bücher  haben  ja 
längst  für  den  ggfey«H«k  Prediger  gesorgt;  und  schließlich  ist 
das  Gebet,  das  nicht  spontan  aus  dem  Herzen  hervorbricht, 
sondern  als  fertiger  Text  vorliegt,  ein  antiker  Vorläufer 
der  Industrie,  die  demjenigen  Konsumenten,  der  selber  Produ- 
zent ist  oder  zu  sein  hat,  die  Arbeit  abnimmt.  Umso  mehr  natürlich 
allen  den  Konsumenten,  die  v/eder  den  Produzenten  zu  spielen 
noch  auch  sonst  eine  Ware  an  Andere  weiterzugeben  haben.  Die 
Schwierigkeiten  der  Meinungsbildung  werden  ihnen  schließlich  sk 
ebenso  abgenommen,  durch  Presse,  Fernsehen,  Hundfunk,  und  der 
ästhetische  Geschmack  der  Heutigen  kann  ja  gar  nicht  anders  er- 
klärt werden  denn  als  Präfabrikat,  das  die  ideale  Methode  wurde, 
gewissen  Interessen  zu  annähernd  totaler  Herrschaft  zu  verhelfen. 
Spontaneität  und  jenes  Maß  an  Produktivität,  das  jedem 


36 

gesunden  Menschen  gegeben  ist,  gehören  ebenso  zusammen  wie 
das  vorfabrizierte  Fühlen,  Denken  und  Benehmen  einerseits 
und  die  Hohlheit  und  Unechtheit  anderseits  zusammengehören. 
Auf  diese  letztere  Gruppe  von  Paktoren  des  Verfalls  stoßen 
wir  auch  ohne  planmäßige  Beobachtung  so  oft,  daß  unsere  Kritik 
beinahe  abgestumpft  genug  ist,  um  diese  Erscheinungen  als  Norm 
hinzunehmen,  so  daß  wir  uns  über  die  wahrscheinlichen  Folgen 
leicht  hinwegtäuschen  lassen.  Umsomehr  finden  wir  durch  kon- 
sequente Beobachtung  deutliche  Beispiele  für  manche  Spiel- 
arten eines  Benehmens,  das  weder  einer  Eigenart  noch  einem 
Gemütszustand  oder  Trieben  des  Menschen  entspricht,  noch  auch 
seinem  Wissen  und  Urteilen,  ob  dieses  hochentwickelt  oder  un- 
entwickelt sei. Begnügen  wir  uns  jetzt  mit  einer  Reminiszenz. 

In  meiner  frühen  Jugend  sah  ich  einen  Film,  in  dem  erst 
das  tatsächliche  Betragen  von  Leuten  gezeigt,  dann  aber  jenes 
rekonstruiert  wurde,  das  sie  an  den  Tag  gelegt  hätten,  wenn  sie 
sich  freimütig  benommen  hätten,  ohne  ihre  Gefühle  zu  unterdrük- 
ken.  Die  Gegenüberstellung  ergab  lehrreiche  Komik,  aber  doch  nur 
Komik.  Leicht  können  wir  aber  auch  zu  einer  andern  Rekonstruktion 
gelangen,  u/enn  wir  uns  vergegenwärtigen,  daß  es  ein  Verdrängungs- 
vorgang ist,  u.zw.  ein  umfassender,  der  sich  in  manchem  Leben  bis 
an  den  Rand  des  Grabes  hinzieht,  ahnen  wir  die  Grausamkeit 
dessen,  was  selbst  eine  weitgehend  demokratisierte  und  verwis- 
senschaftlichte Gesellschaft  der  individuellen  Freiheit  antut, 
der  von  innen  her  gesehen  eigentlichen  Freiheit,  der  des  Aus- 
drucks von  Empfinden  und  Denken.  Es  liegt  also  auf  der  Hand,  daß 
das  unter  Hochdruck  chronisch  gepreßte  Triebleben  zwei  Auswege 
hat,  die  auch  in  Mitteldingen  oder  in  Mischungen  resultieren 
können.  Der  eine  ist  eine  Verkrüppelung  des  Charakters,  die  in 
zahlreichen  Fällen  im  derartige  Erstarrung  übergeht,  daß  sie 
durch  nichts  mehr  gutgemacht  werden  kann,  es  sei  denn,  daß 
ein  Erlebnis  die  Wunderwirkung  einer  Schocktherapie  hätte.  Der 
andere  Ausweg  ist  der  durch  das  unsichtbare  Ventil,  das  sich, 
zumeist  still,  nach  dem  Verbrechen  hin  auf tut,  oder  nach  dessen 
allotroper  Modifikation,  dem  Selbstmord.  Rückschließend  können 
wir  also  nicht  umhin,  die  große  Flage  der  Kriminalität,  und 


37 


sobald 


deren  arme  kleine  Verwandte,  die  Selbstzerstörung,  zumindest 
teilweise  der  Herrschaft  der  Konvention  zuzuschreiben,  die  uns 
sowohl  von  geschriebenen  als  auch  ungeschriebenen  Gesetzen  auf- 
erlegt und  von  einem  kritiklosen  Erziehungssystem  von  Generation 
zu  Generation  übertragen  wird. 

x^ommen  wir  nun  auf  die  Komik  zurück,  die  zuweilen  zu  begrü- 
ßenswerter, nämlich  harmloser  Auflösung  führt. In  einer  alten 
Stadt,  die  für  mich  ziemlich  neu  war,  suchte  ich  einmal  ein 
der  Bevölkerung  wenig  bekanntes  Institut.  Ein  Bürger  jener 
Stadt  war  höflich  genug,  mir  nicht  nur  Auskunft  zu  erteilen, 
sondern  mich  auch  noch  ein  Stück  zu  begleiten.  Ich  war  sicherlich 
mitschuldig  daran,  daß  das  Gespräch  nichtssagend  und  übertrieben 
höflich  war; es  mag  auch  die  Verschiedenheit  der  Nationalitäten 
gewesen  sein,  die  zu  einer  Atmosphäre  von  sozusagen  außenpoliti- 
scher Courtoisie  beitrug.  Als  ich  mich  dankend  verabschiedete, 
s±&  ich  mich  genügend  zurechtfand,  und  mich  dann  nach  ein  paar 
Schritten  durch,  irgend  einen  Zufall  umdrehte,  sah  ich  ihn  für 
den  Bruchteil  einer  Sekunde  mir  nachblicken,  vornübergebeugt, 
mit  ausgestreckter  Zunge  und  mit  einer  Grimasse,  die  sein  Gesicht 
fast  bis  zur  Unkenntlichkeit  entstellte.  Indem  ich  weiterging, 
als  hätte  ich  es  nicht  bemerkt,  verstand  ich  unmittelbar  die 
Notwendigkeit  der  Entladung,  die  viel  schlimmer  hätte  ausfallen 
können.  Es  war  der  ausnahmsweise  durch  ein  Verkleinerungsglas 
gesehene  Eluch  der  Unecht heit. 

Im  frühen,  nochjrelativ  unverfälschten  Menschen  war  das 
Fundament  der  Echtheit  vor  allem  eine  Beziehung  zum  eigenen 
Körper,  die  im  Industriezeitalter  geradezu  spurlos  verschwunden 
ist. Während  für  den  Körper  der  Arzt  zu  sorgen  und  alles  das  zu 
veranlassen  hat,  wovon  der  Betroffene  nicht  einmal  eine  Ahnung 
zu  haben  braucht,  liefert  der  Industriekoloß  alles  nicht  nur  iäop. 
ihm,  sondern  auch  dem  Arzt;  auch  die  Verantwortung  wird  mitgelie- 
fert, indem  der  Arzt  sich  auf  den  mächtigen  Erzeuger  nicht  nur 
verlassen  kann,  sondern  auch  muß. Der  Apotheker  selbst  kocht  nicht 
mehr  noch  mischt  er,  sondern  gibt  nur  die  ihm  gelieferte  Ware 
an  den  Kunden  weiter. 

Die  Distanz  von  den  Dingen  erzeugt  Abhängigkeit  vom  Fabri- 
kant en,  und  einmal  begonnen  nimmt  die  Abhängigkeit  automatisch 


38 

zu  und  dringt  in  immer  weitere  Gebiete  ein,  indem  sie  zugleich 
befreit  und  versklavt,  wie  es  an  der  Hausfrau  besonders  deutlich 
wird.  Ähnlich  geht  es  dem  modernen  Maler,  der  nicht  nur  nicht 
weiß,  was  er  malt,  sondern  auch  nicht,  womit  er  malt.  So  glaubt 
er  dem,  der  es  ja  wissen  muß,  wenn  er  ihm  versichert,  er  könne 
die  Farben  ruhig  vermischen,  sie  würden  nicht  nachdunkeln, 
zumal  der  nichts  produzierende  Produzent  sich  nicht  mehr  einbil- 
det, das  wäre  ein  Malheur.  Der  Essende  weiß  ja  zumeist  ebenso- 
wenig, was  er  ißt,  denn  er  hat  es  nie  als  Ganzes  gesehen,  nicht 
auf  dem  Baume  noch  auf  dem  Felde,  bevor  es  zur  ursprungsverlas- 
senen Ware  wurde. 

Das  sind  keineswegs  spezifische  Züge  eines  bestimmten 
Landes,  sondern  sie  kommen  eher  von  den  großen  Städten  her,  in 
denen  u.a.  der  moderne  Mensch  fabriziert  wird.  Wir  sprechen 
uns  selbst  ein  hartes  Urteil,  indem  wir  eingestehen,  daß  nur 
dort,  wo  sich  noch  eine  gewisse  Primitivität  erhalten  hat, 
Menschen  tiMlM  eine  gewisse  Beziehung  zu  den  Dingen  und  zu  sich 
selbst  haben.  Die  in  ihrer  Anzahl  so  beschränkten  Dinge,  mit 
denen  der  Primitive  in  lebendigem  Zusammenhang  steht,  kennt 
er  intim  und  ist  in  hohem  Maße  Erzeuger.  ''Mit  Ausnahme  uesYImports 
erlangt  er  alles  an  seinem  Ursprung  und  bildet  es  von  da  bis  zur 
Verwendbarkeit  und  zum  Verbrauch.  Das  Denken  derjenigen,  die  wir 
primitiv  nennen,  ist  im  Einklang  damit  elementar  und  nie  inhalts- 
los noch  sinnlos.  Es  hat  oft  irrationalen  Sinn,  ist  aber  nie 
rationaler  Unsinn. 

Auch  der  Kaufmann  hat  in  wenig  entwickelten  Ländern  zu  sei- 
ner  Ware  eine  intime  Beziehung. '  DerVorientalisches  Händler  kennt 
keine  fixen  Preise,  die  doch  alle  Emotionalität  annullieren 
würden.  Er  und  der  Käufer  verzichtete  nicht  auf  die  Lustprämie, 
die  dem  westlichen  Warenhaus  bei  allen  seinen  raffinierten 
Anreizen  dennoch  fehlt.  Verglichen  mit  dem  Osten  und  manchen 
südlichen  Ländern  ist  der  moderne  Einkauf  wie  ein  mit  allen 
Reizen  ausgestattetes,  aber  liebloses  Geschlechtsleben. 

Von  der  Präge  des  ökonomischen  Hintergrundes  und  anderer 
Paktoren  der  menschlichen  Unecht he it  können  wir  nun  zu  dieser 
selbst  zurückkehren,  um  zu  erwägen,  welche  Eigenkräfte  oder 


39 

welche  erzieherischen  Faktoren  unsere  Echtheit  wiederherstellen 
könnten«  Da  kann  ein  großer  Erzieher  dieses  Jahrhunderts*  uns 
zum  legweiser  werden,  A.S.  Neill  3),  dem  Weisheit,  Opfermut 

3)Alexander  Sutherland  Neill,  Summerhill.  A  radical  approach 

to  child  rearing.  Hart,  Uew  York  1963 
und  selbstlose  Hingabe  mit  Verkennung,  Undank  und  Anfeindung 
vergolten  wurden.  Die  Idee,  der  dieser  durch  und  durch  echte 
Charakter  sein  Leben  gewidmet  hatte,  ist  einfach  die  eines 
natürlichen  laisser  faire  als  Prinzip  einer  Erziehung,  die 
nicht  unterdrücken  und  nicht  verkrüppeln,  sondern  jedem  Menschen 
die  gesunde  Entfaltung  seiner  Anlagen  ermöglichen  soll,  um  ihn 
persönlich  möglichst  glücklich  und  dadurch  auch  für  die  Gesell- 
schaft verhältnismäßig  nützlich  zu  machen. Seine  Erziehung  müßte 
in  mancher  Hinsicht  uns  Alle  umerziehen,  uns  von  künstlichen 
Ambitionen  befreien,  von  kläglicher  Titelsucht?:  als  Zweck  des 
Studiums,  von  dem  krankhaften  Bedürfnis  nach  Anerkennung  als 
Zweck  der  Leistung,  von  Bildung  um  des  Eindrucks  willen,  den 
wir  auf  Andere  zu  machen  wünschen,  von  der  chronischen  Jagd  nach 
Scheinwerten,  denen  wir  unser  Wesen  opfern.  Seine  Erkenntnis, 
daß  ein  gesunder  und  glücklicher  Schuster  einem  kranken  und 
unglücklichen  Gelehrten  oder  Millionär  vorzuziehen  sei,  ist 
eine  der  elementaren  *Vahrheiten,Adie  degenerierte  Majorität  kei- 
ne Macht  haben  noch  haben  können  und  erst  eine  Zeit  lang  wirken 
müßten,  um  verstanden  zu  v/erden.  In  der  Gefahr  dieses  circulus 
vitiosus  liegt  ja  die  eigentliche  Schwierigkeit  aller  analogen 
Vorschläge,  auch  der  vorliegenden.  Aber  itfeills  Mut,  sein  Glaube 
und  seine  Beharrlichkeit  sind  schon  manchen  Zeitgenossen  zum 
.-aßstab  und  zum  Vorbild  geworden. 

Von  ihm  lernen  wir  zunächst,  eine  gewisse  Destruktivität 
nicht  unbedingt  zu  verdammen.  So  sehr  wir  Höflichkeit  als 
Regulator  des  Gesellschaftslebens  schätzen  müssen,  müssen  wir  a: 
auch  bedenken,  daß  sie  mit  Freundlichkeit  und  Menschlichkeit 
weder  identisch  sein  muß  noch  ist,  da  sie  der  Verlogenheit 
dienstbar  sein,  die  verächtlichsten  Absichten  bemänteln  und 
den  übelsten  Handlungen  Vorschub  leisten  kann.  Doch  auch  ohne 
diese  Extreme  Auswirkung  ist  die  Höflichkeit  besonders  für  die 
westliche  Zivilisation  fast  schon  verhängnisvoll  geworden,  da 
sie  in  ihr  in  ein  System  ausgeartet  ist,  in  dem  die  Emotionalität, 


40 


die  Freiheit  und  die  Aufrichtigkeit  den  Erstickungstod  erleiden, 
Sie  ist  zu  einem  der  Züge  gewoden,  die  das  20,  mit  dem  18.  Jahr- 
hundert gemeinsam  hat.  In  weiterer  Folge  bedeutet  das  Entwertung 
des  Menschen  selbst  und  der  zwischenmenschlichen  Beziehungen, 
auch  der  besten.  Bis  zu  einem  gewissen  Punkte  war  ja  die  Erziehung 
zup  Höflichkeit  sicherlich  notwendig  und  für  uns  Alle  günstig. 
Aber  dadurch,  daß  wir  uns  auf  den  Scheidewegen  von  heute  so 
oft  zwischen  Höflichkeit  und  Aufrichtigkeit  entscheiden  müssen, 
ist  eine  Lage  entstanden,  in  der  sich  vorwiegend  die  Hegativität 
der  Höflichkeit  auswirkt  und  es  wieder  verdienstlich  wird,  sich 
an  Primitiven  oder  doch  Primitiveren  ein  Beispiel  zu  nehmen. 
Dem  geleckten  Gewäsch  der  präfabrizierten  Phraseologie  v/erden 
wir  also  eine  gewisse,  wenn  nur  nicht  allzu  zerstörerische  Agres- 
sivität  vorziehen;  u.zw.  nicht  allein  wegen  ihres  Nutzwertes  als 
günstigeres  Abreagieren,  sondern  weil  sie  an  sich  eine  höhere 
Ethik  verkörpert  als  die  völlige  Falschheit. Zank  und  Grobheit 
werden  entschieden  zum  kleineren  Übel  und  beinahe  verdienstlich, 
wenn  wir  das  gläserne  Lächeln  vom  Puppenmenschen  in  seiner  gan- 
zen Jämmerlichkeit  durchschauen  und  endlich  verstehen,  daß  es 
nicht  mehr  die  Kultur  ist,  sondern  nur  noch  deren  Karrikatur. 
Das  sind  ja  die  Vielzuvielen,  die  nichts  um  seiner  selbst  willen 
tun  noch  tun  können» 

Bei  näherem  Hinsehen  bemerken  wir  bei  ihnen  sogar  einen 
deutlichen  Verfall  des  Egoismus.  Denn  als  dieser  noch  einige 
Kraft  besaß,  kauften  sie  sich  den  neuen  Wagen,  weil  er  ihnen 
besser  gefiel  oder  bequemer  war  als  der  vorjährige.  Heute  schaf- 
fen sie  ihn  kaum  noch  für  sich  an,  sondern  um  auf  andere  Puppen- 
menschen Eindruck  zu  machen.  Diesem  einen  Beispiel  ließen  sich 
noch  Hullen  anhängen,  der  Zahl  der  heutigen  Hullen  entsprechend, 
die  gestern  noch  mathematische  Größen  waren. 

Doch  wäre  nichts  verfehlter  als  nur  die  Komik  dieser  ganzen 
Unechtheit  zu  sehen.  Ihre  Tragik  ist  viel  größer,  und  sie  be- 
steht darin,  daß  Millionen  Menschen  ihr  Selbst  immer  mehr 
verlieren,  zu  hohlen  Schalen  werden,  zu  Mechanismen  ohne  eine  e 
eigene  treibende  Kraft,  zu  Spiegelbildern  der  in  der  Industrie 
sich  vollziehenden  Automatisierung.  In  diesem  hohl  tönenden 


41 


Innern  ist  wohl  noch  ein  bis  zur  Unkenntlichkeit  geschrumpfter 
und  verdorrter  Kern«  Der  Ifonf  orniismus  hat  sie  nicht  ihrer 
gesamten  Kritik  beraubt,  sie  besitzen  ein  noch  zuweilen  zu 
worte  kommendes  Halbbewußtsein  ihres  wesenlosen  Lebens,  Mit 
diesem  halben  Blick  sehen  sie  sich  immer  auf  einer  Bühne,  von 
der  sie  nie  heruntergelangen,  was  immer  sie  tun  oder  sagen, 
muß  mit  Rücksicht  auf  Zuschauer  und  Zuhörer  getan  und  gesagt  szs 
werden.  Den  Ausdruck  ihrer  selbst  haben  sie  sich  nur^einmal 
versagt  und  er  bleibt  ihnen  versagt,  wenn  sie  einmal  einen 
Nicht konformen  erblicken,  können  sie  die  Begegnung  kaum  ertragen 
und  suchen  sie  rasch  zu  vergessen,  um  der  Pein  der  Konfrontierung 
zu  entgehen. 

Der  furchtbare  Prozeß  der  Entselbstung  scheint  alle  Gesell- 
schaftsschichten erfaßt  zu  haben.  Es  ist  als  hätte  der  Reichtum 
den  Reichen  seines  Menschentums  beraubt  und  als  würde  der  Arbei- 
ter durch  seine  Lebensbedingungen  das  Analoge  erfahren,  da  ihn 
seinerseits  die  Automatisierung  zum  Automaten  macht,  zu  einem 
immer  weniger  bedeutenden  Teilchen  einer  ihm  unbekannten  Pro- 
duktion, von  der  er  mehr  als  das  Geld  nicht  einmal  erwartet. 
So  ist  seine  Menschlichkeit  auf  dieselbe  schiefe  Ebene  geraten. 
Nur  daß  in  dieser  fatalen  Parallelität  die  menschlichen  Aussich- 
ten des  Arbeiters  günstiger  stehen.  In  psychologischer  Beziehung 
ist  die  größere  Dynamik  auf  seiner  Seite,  schon  weil  das  Bewußt- 
sein der  ökonomischen  Ungleichheit  und  Benachteiligung  ihn  nie 
zu  völliger  Ruhe  kommen  läßt  und  daher  sein  kritisches  Vermögen 
wachhält.  Er  denkt  an  ein  Morgen,  Selbst  wenn  er  nicht  mehr  gei 
lernt  hat  als  eine  dürre  Doktrin,  weiß  er,  daß  die  Rolle,  die 
er  heute  spielt,  nicht  die  endgiltige  ist.  Mit  der  Persönliches 
keitslosigkeit,  in  die  der  Bürger  geraten  ist,  verbindet  sich 
hingegen  der  Wunsch,  das  Bestehende  zu  erhalteni  und  ihm  ist  das 
mit  seinem  Besitz  mehr  oder  weniger  gleichbedeutend,  zumal  sein 
Realitätsbegriff  kaum  noch  einen  andern  Inhalt  hat.  So  tut  er  s 
sein  Bestes,  sich  einzubilden,  sein  Zustand  sei  mehr  oder  weniger 
definitiv.  Er  will  es  Tieren  und  Kindern  gleichtun,  indem  er 
versucht,  in  einer  Art  ewiger  Gegenwart  zu  leben  und  die  ihn 
anspringenden  Zeitgefühle  nach  Tunlichkeit  zurückweist.  Für 
das,  was  er  als  Zukunft  ansieht,  hat  er  ja  genug  getan,  wenn  er 
Versicherungen  eingegangen  ist  und  ein  Testament  gemacht  hat, 


4-2 

das  den  Status  quo  auf  seine  Erben  at&lehnen  soll.  Und  wenn  das 
alles  noch  nicht  genügt,  um  ihn  in  einem  wesenlosen  Äein  zu  fe 
befestigen,  kann  er  sich  alles  kaufen,  was  das  Wesen  ersetzt 
und  diesem  zu  gleichen  vorgibt,  den  Genuß  und  den  Rausch,  ein 
Schein-Du  und  ein  Schein-Es,  das  die  hohle  Resonanz  des  Schein- 
Ichs  zu  übertönen  hat. 

Je  mehr  Menschen  der  Unechtheit  verfallen,  desto  sinnloser 
wird  auch  das  öffentliche  Leben  mit  seinen  Institutionen.  Der 
jeder  Echtheit  bare  Mensch  hat  auch  in  der  Politik  keine  eigent- 
lichen Wünsche  und  ist  heilsfroh,  sich  des  Stimmzettels  ent- 
ledigen zu  können,  v/eil  er  trotz  der  schreienden  Selbsttäuschung 
weder  Anteil  nehmen  will  noch  kann.  Er  stirbt,  ohne  je  gewußt  x 
zu  haben,  daß  es  schon  wegen  der  Existenz  an  sich  sein  Sinn 
gewesen  war,  irgend  etwas  zu  bewirken,  etwa  eine  Besserung  des 
allgemeinen  oder  doch  des  eigenen  Daseins.  Er  war  auch  unfähig 
gewesen  zu  erfahren,  daß  der  Mangel  eines  Selbst  auch  den  Besitzx 
zur  Illusion  gemacht  hatte,  weil  diesem  das  Substrat  fehlte, 
so  daß  -e*  ohne  das  Ich  war,  nicht  besessen. 

Sicherlich  ist  jeder  Versuch,  das  Rad  der  Geschichte 
zurückzudrehen,  zum  Scheitern  verurteilt.  Aber  muß  die  Vorwärts- 
bewegung alle  Tendenzen  zur  Annullierung  des  Menschen  notwendig 
vollenden? 

Unter  der  Voraussetzung,  daß  es  dem  vorhandenen  Maß  an 
Eisicht  gelingen  wird,  die  drohenden  Katastrophen  durch  Zusam- 
menarbeit abzuwehren,  wären  allen  verstreuten,  verschiedenen 
und  gegensätzlichen  Kräften  Wege  zu  positivem  Zusammenwirken  ge- 
öffnet, um  den  Menschen  als  ein  höchst  vollkommenes,  für  ihn 
selbst  wichtigstes  Naturgebilde  zu  rekonstruieren.  In  vielen  Hin- 
sichten wäre  die  Auferstehung  des  Menschen  im  Gefolge  gesünderer 
Arbeits-  und  Lebensbedingungen  als  selbsttätig  erfolgender 
Prozeß  vorstellbar.  Dennoch  bedarf  es  wohl  eines  umfassenden 
Programms.  Viele  Ansätze  zu  eimem  solchen  liegen  vor  und  manche 
Zeitgenossen  arbeiten  an  Programmen,  auch  ich, 

Biese__  Jxigend 

Es  ist  erst  wenige  Jahre  her  seit,  in  unverkennbarem  Zusam- 
menhang mit  der  chinesischen  Kulturrevolution,  den  Altern  und 
Eltern,  den  Regierenden 


42  a 

und  Regierten  Frankreichs,  Deutschlands,  Italiens  und  l>einafie"ganz 
Europas  einschließlich  Polens,  fast  zugleich  aber  auch  Amerikas, 
der  große  Schreck  in  die  Glieder  fuhr.  Sie  standen  ja  nicht  nur  vor 
der  an  sich  keineswegs  neuartigen  Frage,  wie  man  sich  dieses  über 
die  Landesgrenzen  dahinstürmenden  Aufruhrs  erwehren  könnte,  sondern 
vor  dem  weitaus  schwierigeren  und  nicht  nur  theoretischen  Problem 
des  Sinnes  dieser  Bewegung,  die  in  den  kapitalistischen  Ländern  ein 
kommunistisches,  im  Bereich  der  kommunistischen  Herrschaft  ein  eher 
itjjcommunistisches  Gesicht  machte  und  durch  widerspruchsvolle  program- 
matische Erklärungen  noch  verworrener  schien.  Jeder  weiß,  daß  dieser 
Sturm  sich  nur  halb  und  nur  zeitweilig  gelegt  hat.  Die  Universitäten 
suchen  den  Wünschen  ihrer  Studenten  zuvorzukommen,  was  freilich  durc 
die  Inkonsequenz  und  üneinheitlichkeit  dieser  Wünsche  erschwert  wird. 
Unzählige  tauschen  ihre  Studien  gegen  Gelegenheitsarbeit  ein,  oder 
gegen  ein  arbeitsloses  Leben  des  leichten  Genusses,  der  Entbehrung 
und  der  Mystik  aus  dessen  Bitterkeit  das  Rauschgift  nicht  her- 

aushilft. Nicht  minder  hilflos  sind  die  verlassenen  Eltern.  Und 
hilflos  scheinen  oft  die  Mächte,  die  diese  Jungen  zum  Schutze  des 
Hergebrachten  grausam  verfolgen  zu  sollen  glauben.  Dennoch  gilt  die- 
ser nicht  beneidenswerten  Jugend  Liebe  als  der  höchste  Wert  und  das 
stärkste  Band.  Ein  Widerspruch  zwischen  dem  Prinzip  der  Liebe  und 
der  leidenschaftlichen  Zerstörungstendenz  sowie  diversen  Verbindungen 
mit  dem  Verbrechen  oder  zwischen  ihr  und  der  Promiskuität  wird  nicht 
zugegeben.  Zuweilen  hat  es  den  Anschein,  als  entschiede  keine  Ideolo- 
gie mehr,  sondern  der  Bart  und  das  verwahrloste  Äußere,  denn  Fälle 
kultischen  und  noch  schnöderen  Mordes  werden  von  gef üäsmäßiger 
Solidarität  nicht  wirklich  ausgeschlossen. 

Wenn  wir  aber  versuchen,  die®  Abscheulichkeiten  den  im  voraus- 
gegangenen Abschnitt  beobachteten  Phänomenen  vergleichend  gegenüber- 
zustellen, um  von  gesellschaftskritischer  und  kulturkritischer  Be- 
trachtung zu  der  Präge  vorzustoßen,  welcher  der  beiden  Gegensätze  für 
unsere?  Hoffnung  auf  Herstellung  menschlicher  Echtheit  günstiger 
ist,  halten  wir  in  unserer  Ablehnung  oder  Verurteilung  der  Jungen 
von  heute  inne.  Wenn  das  ginge,  würden  wir  gewiß  aus  dem  "Guten" 
beider  Lager  einen  Extrakt  zu  gewinnen  suchen,  wie  er  den  Tm^gx 
kommenden  Trägern  der  Verantwortung  am  besten  zu  Gesicht  stünde. 
Falls  es  ein  Morgen  gibt,  setzt  es  einen  Teil  eines  solchen  Vor- 
gangs wohl  voraus;  also  nicht  ein  synkretistisches  Ideal,  sondern 
das  denkbare  Mindestmaß. 


II 


43 


VERGIFTUNG  UNSERER  HEIMAT 


Unter  unserer  Heimat  verstehe  ich  die  Erde  mit  ihrer 
Lufthülle,  ihren  Meeren,  Seen,  Flüssen  und  Bächen.  Sie  ist 
unsere  Heimat,  die  aller  Menschen,  Tiere  und  Pflanzen. 

Chemie  gegen  Atmung 

Wenige  Jahre  vor  dem  ersten  Weltkrieg  widerfuhr  der  Bevölke- 
rung einer  mittelgroßen  Stadt  Zentraleuropas  etwas  recht  Unan- 
genehmes, An  einem  Sommermorgen  fand  man  es  mitten  im  städti- 
schen Park,  vor  dem  Aufgang  zum  Musikpavillon.  Sofort  wurde 
der  Platz  gründlich  gereinigt  und  desinfiziert  und  die  Polizei 
begann  eine  umfangreiche  und  lange  Untersuchung.  Alle  wußten  es, 
aber  niemand  sprach  davon.  Man  versuchte  zu  lächeln,  aber  anfangs 
ging  es  nicht  recht,  man  war  nicht  mehr  so  gesprächig  wie  sonst} 
nur  Wenige  spazierten  in  den  Stfaßen,  die  Meisten  gingen  nur 
ihren  Geschäften  nach.  Einige  Tage  öffneten  Manche  trotz  dem 
warmen  Detter  ihre  Fenster  nur  für  eine  Weile.  Es  war,  als 
würde  man  den  Atem  anzuhalten  versuchen. 

Dann  kam  eine  Zeit,  da  die  Städte  und  Städtchen  Europas 
und  der  andern  Erdteile  viel  schlimmer  verunreinigt  wurden 
und  man  hörte  ganz  auf,  so  frei  und  so  tief  zu  atmen.  Viele 
vergessen  fast,  daß  Fenster  ursprünglich  zum  Öffnen  und  Schließen 
da  waren.  Die  meisten  modernen  Fenster  lassen  sich  «fow  K^M^ky^«^ 
schwerer  öffnen,  und  manche  gehen  überhaupt  nicht  auf.  Die  Archi* 
tektur  scheint  Fenster  überhaupt  abschaffen  zu  wollen, denn  sie 
werden  immer  überflüssiger. Vor  allem  ist  die  Luft  draußen  kaum 
noch  frischer  als  drinnen,  im  Gegenteil,  innen  scheint  sie  etwas 
besser  zu  sein.  Auch  in  öffentlichen  Fahrzeugen  hat  ja  die  Partei 
derjenigen,  die  immer  auf  Schließen  der  Fenster  bestanden,  auf 
der  ganzen  Linie  gesiegt. In  Autobussen,  Eisenbahnen,  Schiffen 
und  Flugzeugen  sind  wir  vom  umgebenden  Luftmeer  so  ziemlich 
abgeschnitten.  Es  ist  uns  verwehrt,  zu  nehmen,  was  uns  die 
Natur  ringsum  in  unbegrenzter  Fülle  bietet.  Wir  haben  zu  kaufen, 
was  die  Industrie  für  uns  erzeugt. Wie  man  zu  Hause  nicht  mehr 
darauf  neugierig  ist,  was  auf  der  Straße  vorgeht,  weil  es  näher 


44- 

p 

liegt,  fenzusehen, blickt  man  auch  während  der  Fahrt  durch  die 
Landschaft  in  die  spannende  Bilderkiste,  ^s  kann  passieren,  daß  ± 
in  ihr  etwas  ähnliches  sichtbar  wird  wie  draußen,  doch  das  ist 
kein  Grund  mehr,  es  aus  erster  Hand  zu  beziehen. 

..o  aber  ist  die  berühmte  gute  Luft?  Irgendwo  wird  sie 
wohl  sein,  aber  hier,  um  uns,  ist  sie  nicht.  Wicht  nur  infolge 
der  Ausatmung  der  Industrie,  sondern  vor  allem  wegen  der  Autos, 
die  das  Leben  so  bequem  machen  und  sej?g  Grundbedingungen  in 
Frage  stellen.  Abgesehen  vom  Verderbnis  Aäv  Atmosphäre  haben  sie 
auch  sonst  mehr  als  genug  sozusagen  auf  dem  Gewissen.  Wir  drücken 
uns  gern  vor  Statistik,  daher  erzählt  sie  uns  nicht  viel,  aber 
es  ist  doch  allerhand,  daß  in  den  56  Jahren  von  1899  bis  1955 
mehr  Amerikaner  an  Autounfällen  starben  als  in  allen  Kriegen 
einschließlich  der  beiden  Weltkriege.  Der  unaufhörlich  steigende 
Preis,  den  die  Zivilisation  für  ihre  eleganten  Fahrzeuge  zu  bezah- 
len hat,  ist  damit  aber  noch  lange  nicht  errechnet.  Da,  wie  wir 
Alle  gelernt  haben,  das  Kohlendioxyd  auch  eine  thermische  Wirkung 
hat,  die  in  globalem  Maßstab  noch  unfühlbar,  aber  erkennbar  ein- 
gesetzt hat,  muß  die  weitere  Verschlechterung  der  Luft,  wenn  sie 
so  v/eitergeht,  dem  größten  Teil  der  Kontinente  fast  tropische 
oder  tropische,  und  schließlich  noch  höhere  Temperatur  bringen, 
daraus  folgt,  daß  die  arktischen  und  antarktischen  Eismassen 
sich  in  die  Ozeane  ergießen  und  ihren  Spiegel  derart  heben  müs- 
sen, daß  viele  Inseln,  Halbinseln  und  Küsten  dem  Versinken  aus- 
gesetzt säM  werden.  Da  aber  die  Erdbevölkerung  nicht  abnimmt, 
sondern  in  beängstigender  Weise  zunimmt,  würde  die  Abnahme  frucht- 
baren und  bewohnbaren  Festlandes  für  die  Menschheit  zu  einer 
Katastrophe  werden,  bzhw.  eine  andere  Katastrophe,  die  der  Bevölfe 
kerungsexplosion,  vergrößern  und  beschleunigen.  Wir  brauchen  nur 
an  das  mittelländische  Meer  zu  denken,  um  uns  zugleich  vorstellen 
zu  können,  was  das  Eintreten  solcher  Befürchtungen  für  die 
hohen  Kulturen  bedeuten  würde. 

Um  die  bedrohte  Menschheit  illusionslos  zu  beurteilen, 
müssen  wir  unsere  Lage  von  zwei  Gesichtspunkten  her  betrachten, 
von  dem  des  Durchschnittsmenschen  und  von  dem  eines  Milliarden- 
geschäftes.  Da  das  allgemeine  Unglück  einer  nicht  mehr  gutzuma- 
chenden Verpestung  der  Atmosphäre  mit  ihren  weiteren  Folgen 
weder  sofort  noch  auch  irgendwann  plötzlich  zu  erwarten  ist, 
sondern  im  Laufe  von  Jahrzehnten  zunehmend  Wirklichkeit  werden 


4-5 

muß,  wenn  es  nicht  durch  radikale  Maßnahmen  rechtzeitig 
abgewehrt  wird,  können  viele  in  den  Sorgen  und  Genüssen  des 
Augenblickes  befangene  und  gefangene  Leute  sich  in  ein  klägliches 
apres  nous  le  deluge  zurückziehen,  und  sie  tun  es. 

Dem  willen,  aus  einem  Verderben  hinauszugelangen,  dem 
Wunsche,  das  große  Kollektivum  der  Lebenden  und  der  Kommenden 
und  zugleich  das  kleine  und  nächste  Kollektivum  zu  erhalten, 
stehen  noch  Interessen  gegenüber,  die,  an  Umfang  und  Sinn  der 
Gefahr  gemessen,  nm\i  viel  bedrohlicher  erscheinen  als  jene 
nur  aus  Beziehungslosigkeit  und  Trägheit  bestehende  Porm  des 
Egoismus.  Natürlich  gibt  es  kein  Zurück;  es  ist  uns  völlig  un- 
möglich geworden,  aus  einer  Stadt  in  die  andere  Tage  und  Wochen 
zu  Fuß  zu  gehen  oder  zu  den  nur  noch  als  sentimentale  Erinnerung 
gehegten  Pferden  zurückzukehren.  So  hingt  für  die  nähere  und  ferne 
Zukunft  das  meiste  von  der  Autoindustrie  ab,  dem  Milliardenge- 
schäft, das  einer  Einschränkung  oder  Festlegung  auf  den  gegenwär^ 
tigen  Zustand  nicht  zustimmen  kann,  da  es  unter  dem  Zwange,  dem 
es  selbst  ausgesetzt  ist,  auf  unablässiger  Ausdehnung  bestehen 
muß. Glücklicherweise  bestehen  Möglichkeiten  zu  einer  tiefgreifend 
den  .Reform,  die  das  Hauptübel  abschaffen  würde,  ohne  die  im  fam 
Gesamtsystem  der  industriellen  Produktion  unerläßliche  Dynamik 
aufzuheben  oder  auch  nur  einzudämmen.  Das  Hauptübel  ist  der 
Benzinmotor,  und  dieser  konnte  dank  einer  erstaunlich  rasch  ent- 
wickelten Akkumulationstechnik  schon  im  Anfang  des  Jahrhunderts 
durch  Elektrizität  ersetzt  werden.  Es  waren,  abgesehen  von  der 
Vorsintflutlichkeit  der  damaligen  Modelle,  im  Grunde  nur  geringe 
technologische  Schwierigkeiten,  die  den  frei  bewegten,  nicht  an 
bestimmte  Fahrbahnen  gebundenen  Wagen  bisher  auf  wenige  und  dem 
Publikum  fast  unbekannt  gebliebene  Beispiele  beschränkten,  so 
daß  er  sich  nicht  in  dem  großen  Maßstab  durchsetzen  konnte,  der 
allein  den  Benzinmotor  mit  seinen  verderblichen  Polgen  besei- 
tigen kann.  Nun,  seit  die  Not  zusehends  wächst  und  seit  über  das 
der  Atmosphäre  unaufhörlich  Angetane  und  über  den  prognostischen 
Sinn  verschiedene  Meinungen  nicht  mehr  möglich  sind,  konnten  sich 
die  führenden  Pinnen  der  Autoindustrie  den  zunehmend  dringenden 
Warnungen  nicht  länger  verschließen  und  gingen  an  die  Bearbeitung 
des  Problems  mit  der  erforderlichen  Dringlichkeit  heran.  Es  muß 
besonders  optimistisch  stimmen,  daß  es  die  größte,  die  amerikani- 
sche Industrie  ist,  die  den  kühnen  Vorstoß  unternimmt, 


46 

da  sie  nicht  nur  die  westliche  Halbkugel  beherrscht,  sondern  taz 
durch  ihren  Export  auch  für  das  Schicksal  der  östlichen  bestimmen! 
wird  und  der  konkurrierenden  Autoindustrie  Europas  und  der  übri- 
gen -Zelt  zum  Vorbild  werden  dürfte,  so  daß  die  Lösung  einer  bren- 
nenden internationalen  .Frage  in|greifbare  Nähe  rückt. 

Seit  dem  Ende  der  50er  Jahre  gehen  Experimente  in  mehreren 
Zentren  der  amerikanischen  Produktion  gleichzeitig  vor  sich,  so 
daß  es  mehrere  Methoden  sind,  in  denen  die  Probleme  angegriffen 
werden.  Die  Programme  bestehen  nicht  allein  in  in  der  £hx  Her- 
stellung der  für  direkte  Lieferung  der  Energie  zweckmäßigsten 
Batterien;  sondern  zugleich  in  Kraftstoff zellen,  die  statt  der 
relativ  einfachen  Aufspeicherung  und  sukzessiven  Abgabe  der 
Energie  die  Umwandlung-  von  Stoff  in  Kraft  vollziehen,  wodurch  ein 
in  der  ßaumschif fahrt  bereits  angewandtes  Prinzip  auf  den  Kraft- 
wagen übertragen  wirdx  4).  Kleine  Zellen  dieser  Art,  die  Wasser- 
4)_Eine  anschauliche  Darstellung  der  beschichte  dieser  Por- 
^S£6en;^™™""""Mii^™«M^veröff entlichte  C.P.Gil- 
mofe^im  Dezember  1966  in  Populär  Science.Sfew  York,  "Electric 

Autos  they're  on  the  Vfay".   '  JLJ-ecT;:r:LC 

Stoff  und  Sauerstoff  aufnehmen  und  diese  Stoffe  in  Wasser  und 
elektrischen  Strom  verwandeln,  sind  versuchsweise  bereits  in  Ge- 
brauch, einer  der  Beweise  dafür,  daß  Technik  keineswegs  nur 
Unheil  hervorzubringen  brauchte. Die  an  der  weiteren  Entwicklung  a 
arbeitenden  Fachleute  betonlpdaß  mehrere  Prägen  des  elektrisch 
betriebenen  Wagens  noch  ungelöst  sind. 

Als  Nebenprodukt  der  technischen  Neuerung  ergibt  sich  eine 
ästhetische  Umgestaltung/Wenn  die  den  Benzinmotor  verdrängende 
Apparatur  in  den  Boden  des  Fahrzeugs  verlegt  wird,  wodurch  der 
Schwerpunkt  nach  unten  gerückt  und  die  Sicherheit  verbessert  wäre, 
wäre  die  Gesamtform  auch  von  einem  Klumpen  befreit,  der  bisher 
durch  Einbeziehung  aus  der  Not  zur  lugend  gemacht,  aber  nicht  be- 
seitigt werden  konnte^).  Es  geschähe  nicht  zum  ersten  Mal,  daß  i 
Der  Entwurf  wäre  damit  aus  chronischer  Gebundenheit  plötzlich 
in  unerwartete  Freiheit  gelangt.  Da  viele  Zeichner  gerade  in  ä 
der  Auseinandersetzung  mit  Schwierigkeiten  zu  Hause^ind!  SimJ 
te  es  kommen,  besonders  im  Frühstadium,  daß  die  Befreiuni  auf 

allein^*  W±rken  ZiTd>  Wenn  lb"e  ^antaSe!1^  tfoh 
rfi    S    1  -i    gelassen,  nichts  rechtes  anzufangen  wissen  wird 
Gebundenheit  und  Freiheit  als  ästhetisches  Problem  sind  ein 
Teilchen  eines  großen  Gesamtproblems ,  und  diese  ist  unsere 

Pin^6^6^6^  mit  der  Scheit  überhaupt? 

eine  ästhetische  Vervollkommnung  dem  Erfolg  eines  technischen 

Bemühens  zu  krönender  Bestätigung  wird.lV 

eder  weiß,  daß  das  Vordringen  und  die  Ausbreitung  von 


Daß  die  Menschheit  dank  der  Elektrizität  der 

Befreiung  von  einem  ihrer  "bösesten  Heinde  ganz  nahe  sei, 

cn  ~j  qqq  Hoff  nun££ 

ist  eine  unserer  großen  Hoffnungen,  doch  Haft  sa*  einen  schweren 
Schlag  erlitten.  Eine  offizielle  Kommission,  deren  Urteil 
sicherlich  höchste  praktische  Bedeutung  hat,  hat  sich  zwar 
nicht  gegen  den  elektrischen  Wagen  überhaupt  ausgesprochen, 
aber  diesen  als  ein  noch  fernes  Ideal  hingestellt.  Wer  gut 
lesen  kann,  mußte  die  Begründungen  schwach,  ja  seltsam  finden 
und  schließlich  verstehen,  daß  es  auf  diese  nicht  besonders 
ankommt,  wo  mächtige  Interessen  betroffen  sind.  So  wird  die  VergiJ 
giftung  der  Atmosphäre  einen  noch  unmeßbar  großen  Vorsprung 
gewinnen. 

Während  die  Benzinmotoren  sich  mit  den  Automobilen 
stündlich  mehren,  und  professionelle  Beschwichtigung  kaum  noch 
etwas  vorzubringen  hat,  ist  es  zugleich  höchste  Zeit,  sich 
auch  dessen  bewußt  zu  werden,  was  die  Luftschiffahrt  der  Atmo«|sM 
Sphäre  antut.  Was  von  einem  einzigen  Düsenflugzeug  auf  uns 
niederregnet,  soll  der  Verpestung  der  Luft  durch  tausend  Auto- 
mobile gleichkommen. 

Für  das  Auto  und  vielleicht  auch  für  Flugzeuge  sollen  nun 
Versuche  mit  einem  chemischen  gjtenosscüi&ü  Ersatz  für  die  Rein- 
haltung der  Atmosphäre  folgen.  Die  schlimmsten  der  gasförmigen 
Abfallprodukte  sollen  sich  in  feste  Körper  verwandeln  und  wie 
alle  Schlacken  entfernt  werden  können.  Eine  teilweise  Besserung 
ist  auf  diesem  Wege  sicherlich  zu  erwarten,  selbst  wenn  sie 
die  totale  Vergiftung  nur  verlangsamen  sollte. 


47 

C02  nicht  alles  ist.  Mit  CO,  dem  Kohlenmonoxyd,  verglichen, 
wirkt  es  erst  durch  eine  gewisse  Menge  und  durch  Beeinträchti- 
gung des  Säuerst offgehaltes  der  Luft,  während  das  letztere 
schon  in  verschwindend  geringen  Quantitäten  durch  Reduktion 
unseres  Hämoglobins  Bewußtlosigkeit,  bzhw.  den  Tod  zur  Folge 
hat.  Daß  Schwalben  und  andere  schnell  fliegende  Vögel  zuweilen 
tot  in  Schornsteinen  aufgefunden  werden,  so  daß  der  Mensch  sich 
selbst  vor  dem  Zurückströmen  des  aufgehaltenen  Gases  nur  durch 
ihre  Entfernung  retten  kann,  kommt  daher,  daß  die  Zeit,  die  sie 
brauchen,  um  die  Öffnung  zu  überfliegen,  nicht  ausreicht,  um  sie 
auch  nur  außen  niederfallen  zu  lassen.  Und  die  deutschen  Techniker 
des  Dritten  Reiches  brauchten,  um  die  in  Autos  eingesperrten 
Juden  schon  während  der  Fahrten  zu  töten,  das  Auspuffgas  nur  in 
das  Innere  umzuleiten.  Das  moderne  Leuchtgas  wird  als  ungiftig 
bezeichnet,  und  das  j^teine  ziemlich  relative  Wahrheit.  An 
Kohlenmonoxyd  scheinend?) er  immer  nur  Linzelwesen,  obzwar  zusammen I 
reichlich  viele,  zu  sterbei^feie  eigentliche  Bedrohung  für  die 
Gesamtheit  der  Atmosphäre  liegt^^tem  an  sich  viel  harmloseren 
Dioxyd.  Und  dieses  ist  nicht  mehr  als  ein  einzelner  Faktor  in 
einer  Flut  feindlicher  Stoffe,  denen  wir  seit  dem  Beginn  des 
^aschinenzeitalters  ausgesetzt  sind,  wir,  die  Menschen,  Tiere  und 
Lflanzen.  Die  böse  Flut  geht  sowohl  drastisch  sichtbar  als  auch 
unsichtbar,  z.T.  auch  unriechbar,  auf  alles  unterschiedslos 
nieder,  besonders  in  den  Städten,  aber  nicht  nur  in  ihnen.  Schon 
im  19.  Jahrhundert  sah  der  v/anderer  oder  der  Reisende  die  Vege- 
tation immer  spärlicher  werden,  je  mehr  er  sich  Städten  näherte, 
ochon  damals  schlössen  sich  Menschen  zusammen  und  debattierten 
über  die  Möglichkeiten  der  Abwehr  gegen  die  Verbrennungs-  und 
Zerre ibungsprodukte  von  Kohle,  von  Oxyden  der  Metalle  und  des 
Siliziums,  von  Beton, bzhw.  Zement,  und  von  Kunstdünger,  die  als 
Rauch  und  Staub  in  Millionen  Tonnen  jährlich  Städte  und  Länder  zu 
ersticken  drohten  und,  wie  die  schwefelige  Säure,  die  Atmosphäre 
weithin  zu  durchsetzen  begannen.  Aber  alles  das  drohte  nicht  nur, 
und  in  den  industriell  hochentwickelten  Ländern  kam  es  außer 
chronischen  und  schleichenden  Schädigungen  der  Volksgesundheit 
zu  Katastrophen  wie  1952  zum  Vergiftungstod  von  fast  4000  Per- 
sonen in  6  Tagen  in  London,  der  Hauptstadt  des  Landes,  das  seit 
langem  eine  führende  Rolle  in  den  theoretischen  und  praktischen 
Bemühungen  um  Wiederherstellung  elementarer  Lebensbedingungen 
gespielt  hatte. \7ty 


4?a 

nach  russischen  Forschungen  ist  das  Maximum  des  für  den 
Menschen  noch  nicht  direkt  Gefährlichen  ein  Millionstel  der 
Atemluft.  In  eurppäischen  Industriezentren  und  insbesondere 
in  nordamerikanischen  Großstädten  ist  dieses  Maximum  aber  schon 
erschreckend  überschritten;  in  einer  Stadt  wie  Toronto 
fünf zehnfach,  in  Los  Angeles  dreißigfach. 


47b 

Auch  Kanadas  bislang  noch  relativ  rein  gebliebene 
Atmosphäre  ist  nun  intensiver  Vergiftung  ausgesetzt.  Im 
Südosten  Ontarios  starb  in  den  letzten  Jahren  Vieh,  und  eine 
chemische  Fabrik  auf  dem  Lande  zahlte  den  Landwirten  Entschädi- 
gungen. Seit  auch  Menschen  aus  denselben  Ursachen  umgekommen 
sind,  beginnt  man  zu  verstehen,  was  vorgeht;  und  was  mit 
unerbittlicher  Notwendigkeit  folgen  muß,  wenn  nicht  radikale 
und  umfassende  Maßnahmen  einsetzen,  durch  die  der  Mensch 
endlich  sich  selbst  höher  stellt  als  seinen  Besitz;  und  wenn 
unsere  Entschlossenheit  unseren  Fatalismus  und  unsere  Trägheit 
nicht  endlich  überwindet. 


48 


Die  Stoffe  dieser  Kategorien,  die  selbst  anorganische 
Materialien  angreifen,  müssen  naturgemäß  auf  Organismen  umso 
destruktiver  wirken.  Eine  ihrer  von  Jahr  zu  Jahr  zunehmenden 
Polgen  ist  der  Krebs,  der  wahrscheinlich  von  den  verschieden- 
sten, mit  einander  schwerlich  zusammenhängenden  Faktoren  her- 
kommt. Obwohl  es  unter  diesen  unzweifelhaft  solche  gibt,  die 
viel  früher  existierten  als  der  Mensch  und  sogar  jedes  Lebewesen, 
haben  alle  diese  Zerstörer  für  uns  doch  mit  einander  gemeinsam, 
daß  wir  uns  ihnen  nicht  anpassen,  mit  ihnen  nicht  zusammen 
leben  können,  und  daher  Wege  suchen  müssen,  um  Gegenkräfte  zu 
mobilisieren  oder,  da  es  mit  solchen  Aussichten  nicht  allzu  gut  s 
steht,  um  ihre  Einwirkung  auszuschließen.  Vor  allem  dürfen  wir 
diese  mächtigen  Feinde  nicht  selbst  herbeirufen  oder  schaffen. 
Wie  sich  aber  an  Ruß  und  Teer  und  anderen  Beispielen  gezeigt 
hat,  tun  wir  das.  Die  Zahl  der  karzinogenen  Substanzen  ist 
nach  offiziellen  Angaben  bereits  auf  500  angewachsen,  aber  ich 
wage  zu  behaupten,  daß  die  Wirklichkeit  bei  weitem  schlimmer  ist. 
Jene  Annahmen  stützen  sich  auf  Laboratoriumsevidenz ,  deren  Wert  a 
aber  in  diesem  Falle  stark  überschätzt  wird,  weil  die  (der  Inku- 
bationsfrist bakteriogener  Krankheiten  analoge)  Latenzzeit  des 
Karzinoms  sich  oft  genug  als  Periode  von  Jahrzehnten  erwiesen  hat 
und  uns  überraschende  Entdeckungen  über  die  potenzielle  oder  reai 
le  Länge  der  Latenz <*vio 11 eicht  noch  bevorstehen.  Theoretisch  ist 
es  nicht  ausgeschlossen,  daß  sie  die  Lebenszeit  von  Individuen 
überschreitet.  Obzwar  die  Krankheit  bisher  nicht  als  erblich 
erwiesen  war  und  nur  die  Erblichkeit  der  Neigung  angenommen 
wurde,  könnten  genetische  Veränderungen,  die  sich  heute  voll- 
ziehen, ihr  hereditären  Charakter  verleihen.  Ihre  Eigenschaften*!^ 
Auswirkungen  sind  nicht  im  voraus  für  immer  festgelegt.  Unter  den 
rapid  wechselnden  Einflüssen,  der  zunehmenden  Menge  und  Intensität 
der  ungünstigen  und  der  Ausschaltung  oder  Schwächung  der  günstigst 
gen,  kann  sie  sogar  epidemisch  werden. 

Zu  den  erkannten  Krebserregern  gehören  einerseits  alte  Be- 
kannte, wie  die  Zigarette,  der  in  Nordamerika  Manche  jetzt  ein 
Drittel  aller  Todesfälle  zuschreiben,  anderseits  eine  Reihe  der 
erst  in  unserer  Generation  hergestellten  Stoffe*  einschließlich 
scheinbarer  Harmlosigkeiten  wie  Cellophan;  aber  vor  allem  die 
fast  schon  unübersehbar  zahlreichen  Produkte  der  chemischen 
Industrie,  mit  denen  eine  militante,  auf  dem  möglichen  Maximum 


49 


an  'Tötung  bestehende  Landwirtschaft  ihre  wirklichen  oder  angeb- 
lichen Schädlinge  schonungslos  verfolgt,  insbesondere  Insekten, 
und  ungewollt  unter  Renschen,  ihrem  Vieh,  Säugetieren  der  Felder 
und  Wälder,  Fischen,  Vögeln,  Würmern,  Mikroben  und  nährenden 
Pflanzen  Tod  und  Verderben  sät. 

Unsere  anorganischen  Feinde  und  die  das  Leben  und  dessen 
Bedingungen  bekämpfenden  organischen  Gifte  haben  eine  höchst 
verhängnisvolle  Eigenschaft  gemeinsam,  Sie  wirken  nicht  allein 
auf  dem  Schauplatz  ihres  ersten  Auftretens  oder  ihrer  absichtli^fe 
chen  Anwendung  und  Rennen  keine  topographischen  Beschränkungen, 
auch  keine  Landesgrenzen.  Wenn  die  kanadische  Provinz  Ontario  über 
Mittel  berät,  um  die  Wolken  von  Gasen  und  festen  Stoff teilchenf 
die  von  Detroit,  dem  Industriezentrum  von  Michigan,  herübergeweht 
werden,  wo  jede  ^uadratmeile  alljährlich  einem  Hegen  von  864 
Tonnen  so  zerstörerischer  Stoffe  ausgesetzt  ist,  so  ist  das  in- 
sofern eines  der  kleineren  Übel, als  Vereinbarungen  zwischen  den 
Regierungen  der  Vereinigten  Staaten  und  Kanadas  unschwer  zustande- 
zukommen pflegen.  Staubmassen,  die  sich  über  Afrika  erheben  und 
die  Alpenländer  und  selbst  Nordeuropa  heimsuchen,  bilden  hingegen 
eine  der  komplizierten  Fragen,  bei  denen  die  beteiligten  Parteien 
nicht  einmal  definierbar  sind.  Die  Ausfallprodukte  der  fortge- 
setzten Atomversuche  Chinas  und  der  anscheinend  milderen  franzö- 
sischen werden  von  den  Winden  über  den  ganzen  Erdball  getragen 
und  sinken  allmählich,  ohne  daß  die  Topographie  oder  die  Geschwin- 
digkeit dieser  fatalen  Niederschläge  voraugesagt  werden  könnte. 

Hicht  minder  unlenkbar  ist  die  Wanderung  der  ebenfalls  von 
Menschen  erzeugten  Gifte,  die  den  Boden  wie  auch  die  Gewässer 
in  den  Tiefen  und  oben  die  luftumhüllte  Landschaft  durchdringen 
und  unter  deren  vielgestaltigen,  für  einander  und  für  die  Gesamt- 
heit der  Lebenden  höchst  wesentlichen  Bewohnern  langen  und  immer 
wieder  erneuerten  Massenmord  verüben,  mit  dem  ungescheuten  Ziel 
der  Ausrottung  ganzer  Arten. 

Mit  den  zunehmenden  und  in  zunehmendem  Tempo  anwachsenden 
Übeln  aller  dieser  Kategorien  beschäftigen  sich  Regierungen  von 
Staaten  und  die  Behörden  von  Provinzen  sowie  städtische  und  dörf- 
liche Gemeinden,  die  freilich  durch  Irrtum  und  Irreführung  und 


die  eine  allzu  mächtige 


50 

Industrie  ausübt,  zumindest  mit  einem  Fuß  im  lebensfeindlichen 
Lager  stehen«  Internationalität  der  Destruktion  setzt  aber 
jedem  guten  Hillen  einzelner  Behörden  und  Volksvertretungen 
allzu  enge  Grenzen,  abgesehen  von  den  solche  Grenzen  weithin 
überschreitenden  Einflüssen  der  an  der  Zerstörung  direkt  betei- 
ligten Wirtschaf tsmächte.  Die  Menschüeit,  die  in  der  Natur  und 
mit  ihr  leben  will  und  weder  einer  gänzlich  verblendeten  Profit- 
sucht noch  der  §egenwehr  der  im  Großen  und  Kleinen  immer  noch 
stärkeren  Natur  zum  Opfer  fallen  will,  wird  nicht  nur  radikale, 
sondern  auch  umfassende  Maßnahmen  ergreifen  müssen,  um  diesen  nun 
einmal  begonnenen  Krieg  gegen  die  Natur,  zugleich  aber  auch 
deren  schon  begonnene  Gegliof  f  ensive  zu  beenden  und  für  einen 
Frieden  zu  sorgen,  der  unsere  Erhaltung  sichert.  Deshalb  Kescheid 
nen  alle  nationalen,  regionalen  und  lokalen  Bemühungen  dankens- 
wert, doch  schließlich  mit  aller  Wahrscheinlichkeit,  selbst  unter 
der  Voraussetzung  einer  systematischen  Serie  internationaler 
Abmachungen,  zum  Scheitern  verurteilt  zu  sein.  Das  ist  mit  allen 
Verzweigungen  und  Teilfragen  eines  der  ganz  großen  Probleme  unse- 
res Portbestandes,  mit  denen  zu  ringen  und  die  zu  bezwingen  nur 
die  Vereinigten  Nationen  hoffen  können.  Schon  das  Ziel  der  Lösung 
dieses  Fragenkomplexes  würde  die  Weiterentwicklung  der  VN  recht- 
fertigen, die  planmäßige  Erweiterung  ihrer  Hechte  und  die  syste- 
matische Ausgestaltung  der  internationalen  Zusammenarb eit( vgl. S.  ), 

Die  Ernsthaftigkeit  der  durch  den  Großkrieg  gegen  das  Leben 
geschaffenen  Lage  und  die  Dringlichkeit  eines  ebenso  planmäßigen 
und  gründlichen  Abwehr  können  wir  ermessen,  wenn  wir  bedenken, 
daß  jene  lebensfeindlichen  Einwirkungen  gleichzeitig  mit  Angriffen 
von  zahllosen  bekannten  und  unbekannten  Krankheitsepregern  anderer 
Kategorien  erfolgen,  das  einander  den  weg  zu  unserer  Vernichtung 
bahnen.  Sie  müssen  uns  nicht  sofort  töten,  um  unsere  Widerstands- 
kräfte zu  lähmen  und  die  Gefahr  unserer  genetischen  Verkrüppelung 
heraufzubeschwören;  schon  durch  ihre  noch  wenig  erklärten  Wechsel- 
wirkungen vervielfachen  sie  sich  alle  zu  einer  Macht,  die  uns 
unter  den  heutigen  Umständen  nicht  viel  Hoffnung  auf  Erhaltung  un- 
serer Art  läßt. 

Das  alles  haben  wir  selbst  heraufbeschworen;  wir  haben  unsere 
erfindungsreiche  und  intensive  Arbeit  zur  allgemeinen  Mobilisier 
rung  gegen  uns  selbst  noch  nicht  aufgegeben.  Sittlich  und  geistig 
so  bedeutende  Zeitgenossen  wie  Albert  Schv/eitzer  haben  die  Mensch- 


51 


heit  der  Selbstzerstörung  angeklagt.  Das  ist  leider  unbestreitbar 
richtig,  aber  in  dieser  verallgemeinerten  Form    wird  die  Anklage 
zur  Abstraktion,  die  nur  die  eigentlich  Schuldigen  in  einen  Nebel 
hüllt  und  ihnen  die  Portsetzung  ihres  furchtbaren  Werkes  erleich- 
tert. Diese  Schuldigen  sind  in  der  Wissenschaft  zu  suchen.  Nicht 
in  der  Wissenschaft  an  sich  und  nicht  in  der,  die  den  Menschen 
aus  der  Primitivität  zur  Zivilisation  geführt  hat.  Sondern  in 
derjenigen  Wissenschaft,  die  für  Geld  zu  allem  bereit  und  zu 
einem  charakterlosen  Instrument  ökonomischer  Mächte  geworden  ist. 
Das  Folgende  wird  dazu  beitragen,  zu  zeigen,  wie  die  chemische 
Industrie  mit  ihren  Forschungsinstituten  und  in  Verbindung  mit 
Universtäten  die  Natur  bekämpft  und  deren  noch  unverbrauchte  Gegen-| 
kräfte  herausfordert,  während  die  antike  und  klassische  Wissen- 
schaft an  der  Verbesserung  unseres  Loses  arbeitete,  glauben  viele 
moderne  Forscher  dasselbe  zu  tun,  aber  sie,  wie  jedenfalls  ein 
Großteil  der  modernen  Chemie,  tun  objektiv  ebenso  das  Gegenteil 
wie  die  heutige  Nuklearphysik. 

Sollte  man  nicht  schon  lange  verstanden  haben,  daß  auch 
Studien  ihre  Psychologie  haben?  Was  für  jedes  Beobachten  und 
Forschen  einerseits  und  Lernen  anderseits  gilt,  muß,  sollte  man 
meinen,  auch  für  das  Studium  der  Vergiftung  unserer  Naturumgebung 
gelten.  Wir  gehen  unklaren  Tatsachen  wie  auch  Rätseln  mehr  oder  m 
minder  gern  nach,  soweit  diese  Aktivität  unserem  Wissenwollen 
entspricht.  Um  aber  ermessen  zu  können,  wie  mächtig  in  uns  das 
Nichtwissenwollen  ist  und  wie  es  uns  lähmt  und  blendet,  brauchen 
wir  nur  den  Umfang  des  Wissens  einer  Anzahl  von  Durchschnitts- 
gebildeten ein  wenig  zu  analysieren.  Da  stellt  sich  bald  heraus, 
daß  manches  unbequem  ist,  daß  das  Lernen  in  seiner  Thematik 
selektiv,  siebend  oder  zensurierend  vorgeht  und  daß  Verdrängungs- 
vorgänge leicht  Erfahrbares  in  dunkle  Hintergründe  außerhalb  des 
Horizonts  der  Interessen  abschieben.  Das  ist  ein  häufiges  indivi4 
duelles  und  zugleich  ein  chronisches  kollektives  Phänomen* 

Nicht  nur  Ignoranten,  sondern  auch  zahllose  Vertreter  der 
intellektuellen  Oberschicht  sehen  z.B.  in  Meeren  nur  eine  Art  cHm 
dynamischer  Oberfläche,  und  unterhalb  dieser,  nur  ein  wenig  tiefer, 
macht  der  Gedanke  halt.  Da  gibt  es  keine  Gebirge  mehr,  in  denen 
sich  die  der  sichtbaren  Erde  fortsetzen,  keine  Ströme,  keine 
Schluchten,  keine  Ebenen.  Man  hört  und  liest  von  einem  überrei- 
chen .beben  in  den  Ozeanen,  in  den  Seen  und  Sümpfen,  und  schließlich 


52 

in  jenen  Gewässern,  die  den  Gesetzen  ihrer  Bewegung  in  den 
Tiefen  unter  unseren  Füßen  folgen«  Wir  erfahren  davon,  doch 
das  Wissen  darum  verwurzelt  sich  in  uruä  nicht,  verflüchtigt 
sich  bald«  Unsere  Konsequenz  bleibt  auf  andere  Gebiete  beschränkt. 
So  ergeht  es  auch  der  Erde,  die  in  der  Auffassung  Vieler  lebloses 
Material  ist,  auch  wenn  darin  da  und  dort  ein  Wurm  kriecht.  Daß 
das  eine  anorganisch- organische  Masse  mit  einer  höchst  kompli- 
zierten und  konzentrierten  Flora  und  Fauna  in  unaufhörlicher 
und  zyklischer  Bewegung  ist,  in  unablässiger  Wechselwirkung 
ihrer  Wesen  und  Substanzen  untereinander  und  mit  denen  der  für 
uns  sichtbaren  feit,  kann  unsere  Vorstellungen  nicht  allein 
verwirren,  sondern  ruft  noch  ein  besonderes,  durch  Schuldgefühle 
bestimmtes  Unbehagen  hervor. 

Doch  ist  diese  gesamte  Begrenztheit  nicht  ganz  ursprünglich« 
Antike  Menschen  müssen  die  Lebendigkeit  des  Bodens  intuitiv 
empfunden  haben«  Das  mosaische  Gesetz  fand  ihn  gewisser  Ruhe- 
pausen  der  ausbeutenden  Bearbeitung  bedürftig.  In  der  chinesische^ 
indischen  und  griechischen  Literatur  lassen  sich  bo stimmt  Stellen 
finden,  die  ein  ähnliches  Gefühl  für  die  Natur  des  Bodens  reflek- 
tieren; so  etwas  gibt  es  gowiß  auch  in  indianischen  Überlieferun- 
gen* Das  Verständnis  für  den  Boden  ist  erst  später,  namentlich 
im  Zeitalter  der  ausbeuterischen  Beziehung  zu  allem,  in  Verfall 
geraten.  Wir  sind  zwar  sicher,  daß  unser  Wissen  unvergleichlich 
weit  ist,  aber  es  ist  in  vielen  Hinsichten  verkümmert,  z.T.  in- 
folge unseres  vielfachen  Nichtwissenwollens. 

Die  Abfälle  unseres  Lebens  und  unserer  Arbeit  schütten  und 
gießen  wir  "weg". Die  Probleme  des  Unrats  und  der  Verwesung 
sollen  für  uns  gelöst  und  aus  der  Welt  geschafft  sein,  sobald 
die  von  uns  stammenden  oder  von  uns  erzeugten  und  verwendeten 
scheußlichen  oder  schädlichen  Stoffe  für  uns  unsichtbar  und  wo- 
möglich auch  unriechbar  geworden  sind.  Unsere  Aufmerksamkeit 
will  ihnen  nicht  in  jene  Unterwelt  folgen,  in  der  sie,  wenn  sie 
nicht  an  der  Luft  vermodern  und  auf  der  Erdoberfläche  einem  nie 
endenden  Prozeß  von  Umwandlungen  ausgesetzt  sind,  den  lebendigen 
Schwärmen  der  Tiefen  begegnen,  den  schwimmenden  wie  jenen  graben- 
den und  wühlenden,  die  sich  durch  das  Erdreich  fressen,  es  durch* 
lüften,  befruchten  und  sein  unbändiges  Werden  bewirken.  Schütten 
wir  etwa  über  sie  dieselben  beißenden  und  zersetzenden  Waschmittel, 


53 

vor  denen  wir  uns  halb  und  halb  in  Acht  nehmen,  wenn  wir  sie 
für  Küchengeräte  und  vVäsche  verwenden?  Verseuchen,  verpesten 
und  verwüsten  etwa  unsere  Fabriken  das  Heim  der  Fische  und  der 
schwimmenden  Insekten?  Gewiß,  es  ist  viel  einfacher,  die  Angele- 
genheit als  erledigt  zu  betrachten, sobald  ein  Kanalrohr  den  grau- 
sigen Schmutz  aufgenommen  und  ins  Unbekannte  entführt  hat.  So 
stellen  wir  uns  dumm  und  merken  nicht,  daß  wir  in  Gefahr  gera- 
ten, es  zu  werden. 

Unser  Kichtwissenwollen  nützt  uns  freilich  nicht  viel,  denn 
das  Verderben,  das  wir  weithin  aussenden,  bleibt  in  den  so  vage 
vorgestellten  Fernen  nicht  stehen.  Seltsame  Kreisläufe  führen  es 
zu  uns  zurück.  Ob  wir  es  mögen  oder  nicht,  sind  wir  in  das  Schick- 
sal, das  wir  unzähligen  Bekannten  und  Unbekannten  bereiten,  in 
zunehmendem  Maße  auch  selbst  einbezogen.  Das  drastischeste  Teil- 
problem dieser  schlimmen,  doch  unvermeidlichen  Naturtat Sachen 
ist  die  Frage,  was  man  mit  den  greulichen  Abfällen  der  Erzeugung 
von  Atomenergie  anfangen  soll,  um  ihre  Rückwirkung  auf  uns  zu 
verhindern,  sie  also  "weg"zukriegen.Da  eine  Lösung  noch  nicht 
gefunden  wurde,  behilft  man  sich  mit  Betonbehältern,  Pandorabüch© 
sen,  denen  nur  die  Hoffnung  fehlt.  Denn  v/ehe  uns,  wenn  sie  durch 
irgend  ein  künftiges  Unglück  bersten  oder  wenn  das  selbst  durch 
kleine  Kriegshandlungen  geschehen  sollte,  wovor  uns  weder  tiefes 
Vergraben  noch  das  Versenken  auf  den  Meeresgrund  sichern  kann, 
unter  den  vielen  Vorschlägen  verdient  ein  besonders  absurder 
Erwähnung,  daß  diese  Betongefäße  des  Unheils  auf  den  Mond  ge- 
schleudert werden  sollen.  Dieser  Vorschlag  zeigt  nämlich  das  Maß 
unserer  .Ratlosigkeit. 

wem  eigentlich  verdanken  wir  diese?  Vielleicht  dem  Mangel 
an  Verständnis  für  unsere  Grenzen,  dem  Mangel  eines  Gefühles 
dafür,  daß  wir  nicht  alles  erobern  dürfen.  Im  Abendland  haben  bis-l 
her  nur  Religiöse  eine  solche  Selbstbeschränkung  zum  Ausdruck  gefe  | 
bracht  oder  angedeutet  und  gegenüber  der  Räume roberung  eine  war-  j 
nende  Haltung  eingenommen,  u.zw.  auf  Grund  des  Verses  der  Psal- 
men 115,16%  6). Sollte  eine  soche  Frömmigkeit  im  v/eltlichen  Sinne 
6 feines  Wissens  hat  bisher  nur  ein  einziger  bedeutender 
Wissenschaftler  gegenüber  den  modernen  Raumprogram  :en  eine 
negative  und  auf  belangvolle  Argumente  gestützte  Stellung- 
nahme geäußert,  u.zw.  der  Nobelpreisträger  Max  Born,  in  einem 
Aufsatz    Blessings  and  Evil  of  Space  Travel",  Bulletin  of  the 
Atomic  Scientists,  Chicago, Oktober  1966. 
allen  andern  Menschen  entschwunden  sein?  Sollte  sie  sich  nicht 


54- 

in  erster  Linie  auf  die  uns  nächste  lebendige  .Natur  beziehen? 
Am  einfachsten  läßt  sich  die  Erklärung  unserer  Ratlosigkeit 
dahin  formulieren,  daß  wir  uns  seit  langem  mit  Dingen  beschäf- 
tigen, die  wir  äußerst  ungenügend  kennen  und  denen  wir  nicht 
gewachsen  sind,  wir  haben  Kämpfe  mit  vielen  unbekannten  Kräften 
begonnen  und  der  Ausgang  ist  entsprechend ungewiß.  Die  alten  Griee 

chen,  die  diese  Einsicht  zweifellos  von  älteren  orientalischen 
__  .  e 

Erkenntnissen  lernten,  nannten  ein  Verhalten  wie  das  des  modrnen 

menschen  hybris  ^^Frevel,  und  darunter  verstanden  sie  hauptsäch- 

lieh  Anmaßung,  Frechheit,  iffie  die  klassischen  Griechen,  in  deren 
Charakter  Stolz  und  Demut  vereint  waren,  sowie  auch  die  ihnen 
gefolgten  Kulturen  in  ihren  epischen,  dramatischen  und  lyrischen 
Werken  merken  ließen  und  stellenweise  ausdrücklich  sagten,  waren 
sie  intuitiv  überzeugt,  daß  Arroganz  ein  Fluch  sei,  der  notwen- 
dig zum  Abgrund  führe.  Alle  ihre  Dichter  und  Denker  wußten,  daß 
der  Arme,  dem  die  Demut  fehlt,  verloren  ist;  es  ist  denkwürdig, 
daß  die  griechische  Literatur  dieses  Gefühl  mit  den  biblischen 
Büchern  gemeinsam  hat.  Weijsich  als  Teil  dieser  großen  Tradition  ± 
fühlt,  wird  also  zu  dem  Schluß  gelangen,  daß  der  Mensch  zur 
Demut  zurückfinden  muß.  würde  das  seine  Größe  beeinträchtigen? 
Bedeutet  es  Verneinung  oder  Bejahung  und  Bestätigung  der  Größe, 
daß  sie  verpflichtet?  So  sohlten  wir  uns  wohl  in  konsequenter 
Selbstprüfung  unserer  Grenzen  bewußt  werden;  wenn  v/ir  uns  selbst 
Rechte  zuerkennen,  sollten  wir  die  der  Andern  nicht  vergessen. 

Um  das  Verständnis  der  im  Folgenden  betrachteten  Fragen 
zu  vereinfachen,  knüpfen  wir  an  eine  im  ersten  Kapitel  berührte 
Angelegenheit  an.  Das  Töten  ist  weder  eine  zufällige  Handlung  von 
Wenigen  oder  Vielen  noch  aus  den  im  allgemeinen  und  in  der 
kehrzahl  der  Einzelfälle  angegebenen  Motiven  erklärlich.  Der 
Antrieb  zur  Tötung,  dessen  Stärke  sich  im  Umfang  der  Ergebnisse 
spiegelt,  ist  leider  in  unsere  Tiefen  gerückt.  Ihn  theoretisch 
aufzufinden  wird  nicht  wertlos  gewesen  sein,  wenn  seine  prak- 
tische Überwindung  dadurch  erleichtert  wird. 

Zur  Psychologie  der  Tötung  >^^^ftMtö) 

Wir  Menschen  dieses  Jahrhunderts  sind  in  unserer  Charaktero- 
logie so  uneinheitlich  wie  nur  irgend  eine  Generation  es  jemals 


54-a 


...we  praise  all  His  works,  with  fervent 

enthusiasm  -  of  words;  and  in  the  same 

moment  we  kill  a  fly,  which  is  as  much 

one  of  His  works  as  is  any  other. • •  we 

do  it  in  a  spirit  of  measureless  disapproval 

even  a  spirit  of  hatred,  exasperation,  **Mrii« 

vindictiveness. • . 

Mark  Twain,  The  Intelligence  of  God, 
in  Letters  from  the  Earth 


55 

war.  Uneinheitlich  sind  wir  Zeitgenossen  untereinander  und 
jedes  kollektive  wie  jedes  individuelle  Ich  ist  überdies 
höchst  uneinheitlich  in  sich  seihst.  So  z.B.  fällt  gegenüber  hypo- 
chondrischer Sorge  um  die  Gesundheit  eine  seltsame  Gleichgiltig-kg 
keit  auf,  eine  Nichtbeachtung  des  eigenenLebens,  das  den  Leuten 
oft  weniger  wichtig         erscheint  als  die  Erfüllung  einer  Laune, 
als  ein  flüchtiger,  manchmal  unverhüllt  schäbiger  Genuß;  oder 
ein  Gewinn,  der  fast  schon  weg  ist,  sobald  man  ihn  erlangt  hat, 
oder  so  klein,  daß  er  nur  durch  das  Vergrößerungsglas  systemati«E 
scher  Selbstverkleinerung  sichtbar  wird.  Dieses  Phänomen  der 
Gewichtslosigkeit  des  eigenen  Daseins  bildet  einen  Teil  eines 
noch  viel  größeren  Mißverhältnisses.  Es  ist  das  zwischen  dem 
bewertenden  Denken  und  demLeben  überhaupt,  nicht  nur  dem  eigenen 
und  dem  Menschlichen;  vielleicht  Mangel  an  Beziehung  zum  Leben 
schlechtweg,  oder  eine  ungesunde,  verdorbene  Beziehung. 

Schon  im  ersten  Kapitel  waren  wir  nahe  daran,  zu  merken, 
mit  welcher  Leichtigkeit  Leben  weggeworfen  wird,  das  eigene  und 
fremdes,  als  ob  eine  uralte,  in  der  Geschichte  des  Menschen 
dem  Tötungswahn  entgegenwirkende  Tendenz  zur  Lebenserhaltung 
im  Begriffe  wäre,  verloren  zu  gehen.  Um  uns  für  die  folgenden 
Erörterungen  von  Tatsachen  und  Fragen  vorzubereiten,  indem  wir 
die  Problemstellung  vereinfachen,  versuchen  wir,  Tötung  aus- 
schließlich von  der  Subjektivität  des  Tötenden  her  zu  betrach- 
ten und  hier  vom  Getöteten  abzusehen,  das  Erlebnis  des  den  Tod 
Erleidenden  und  die  Polgen  des  Vorgangs  für  ihn  außer  Acht  zu 
lassen,  um  zunächst  nur  den  Täter  zu  verstehen. f „ ^  ^ 

Dieser  Abstraktionsvorgang  schließt  sich  an^^das  Verständ- 
nis fundamentale  Präzedenz  an.  Denn  der  primitive  Mörder  -  und 
diese  Qualifizierung  trifft  wahrscheinlich  für  die  meisten  zu  - 
vollzieht  selbst  diese  Abstraktion  als  Erster,  da  er  nur  seinen  ± 
Trieb  befriedigen  will  und  nur  mit  seinen  Motiven  beschäftigt 
ist,  gleichviel  ob  diesen  reale  oder  vermeintliche  Existenz  zu- 
kommt, ob  er  sie  selbst  ersinnt  und  ob  sie  ihm  vor  oder  nach 
seiner  Handlung  oder  während  dieser  zur  Rechtfertigung  einfallen. 
Doch  sind  solche  Hinzufügungen  eher  sekundär;  auf  der  untersten 
Stufe  der  Primitivität  mag  der  schicksalhafte  Vorgang  sich  noch 


56 

ohne  motivierendes  Bewußtsein  abspielen.  Kain  «»mordet  zwar 
infolge  eines  als  primär  dargestellten  Motivs,  aber  nach,  der 
Aussage  der  Umstände  ist  er  der  Inbegriff  des  primitiven  Mörders, 
da  er  sich  um  Abel  fast  nicht  kümmert  und  ihn  tötet,  um  einen 
Druck  loszuwerden,  den  er  nicht  ertragen  kann. 

Die  primitive  Tötung  seitens  des  Menschen  hat  einen  überaus 
bedeutenden  Vorläufer,  den  animalischen  Häuber,  der  wohl  nicht 
zu  den  vollkommensten  Naturwesen  zählt,  aber  im  Haushalt  der 
Natur  eine  unübersehbar  ernste  J^unktion  erfüllt; in  dem  unsagbar 
mächtigen,  nur  den  eigenen  Gesetzen  folgenden  Naturhaushalt , 
der  nicht  sittlich  noch  unsittlich,  sondern  vorsittlich  oder 
nichtsittlich  ist,  sich  außerhalb  der  dem  Menschengeiste  ent- 
stammenden Ethik  vollzieht.  Das  raubende  Tier  besorgt  etwas 
elementar  notwendiges,  dem  wirken  des  Parasiten  ähnliches, 
indem  es  die  Vermehrung  einer  Art  oder  mehrerer  Arten  eindämmt, 
ihrem  unproportionalen  Überhandnehmen  vorbeugt,  die  Explosion 
ihrer  Bevölkerung  verhindert  und  zumeist  den  erbeuteten  Stoff 
passiv  an  einen  übergeordneten  fiäuber  weitergibt,  indem  es  ihm 
erliegt.  Andersartig  ist  die  Position  der  Vegetarier  des  Tier- 
reiches, die  nur  Andern  zur  Nahrung  werden,  während  ihnen  selbst 
das  Töten  als  Tendenz  HHifcÄfcmE  fremd  ist.  Dem  entspricht  auch 
ihr  Triebleben,  denn  wenn  sie  überhaupt  gelegentlich  angreifen, 
tun  sie  es  offensichtlich  ohne  den  Wunsch  nach  Tötung  ,  so  daß  ä± 
diese  in  den  meisten  derartigen  Fällen  eher  ein  Nebenprodukt  einer 
ursprünglich  relativ  harmlosen  Kauflust  bildet,  wenn  sie  nicht 
etwa  in  der  Defensive  erfolgt  und  Überschreitung  einer  Notwehr 
ist.  Manche  der  nichtagressiven  Pflanzenfresser  sind  jedoch 
besonders  stark,  mutig  und  geschickt  in  der  Verteidigung  und 
viele  von  ihnen  sind  vor  gut  oder  besser  bewaffneten  Räubern 
durch  Zusammenschluß  als  Herde  oder  kleinere  gesellschaftliche 
Einheit  in  hohem  Maße  geschützt,  wenn  auch  nicht  völlig  gefeit. 
Zu  dieser  Kategorie  gehören  injden  weitaus  meisten  Zügen  ihrer 
Lebensführung  die  von  so  ziemlich  allen  Zoologen  als  unsere 
Cousins  anerkannten  Affen.  Jedenfalls  haben  sie,  wie  wir  aus  den 
uns  heute  zur  Verfügung  stehenden  anthropologischen  Gegebenheiten 
vergleichend  schließen  können,  die  Eigenschaften  und  das  Verhal- 
ten der  gemeinsamen  Ahnen  treuer  bewahrt  als  wir.  Als  frühe,  doch 
nicht  früheste  Generationen  unserer  Kasse,  einer  durch  Natur- 


57 

Vorgänge  verursachten  Knappheit  an  nährenden  .Früchten  folgend, 
von  den  Bäumen  herunterstiegen,  den  durch  die  frühere  Haltung 
nur  teilweise  vorausgenommenen  aufrechten  Gang  annahmen, 
der  für  das  Überblicken  der  Ebene,  für  die  Verwertung  der 
vorderen  Gliedmaßen  und  Kampfhandlungen  besser  geeignet  ist, 
und  später  die  reißenden  Tiere  imitierten,  indem  sie  Andern 
nachjagten  und  auflauerten,  um  sie  zu  erlegen  und  zu  fressen, 
wurden  wir  unserer  Art  untreu.  Unserem  Ursprung  und  unserem  wesen 
entsprechend  sind  wir  nichtagressive  Eruktivoren,  unserer  später 
angenommenen  Lebensführung  nach  mörderisch  und  Karnivoren. 
Dieser  Umschwung  ist  erst  vor  relativ  kurzer  z^eit  erfolgt,  #  . 
jedenfalls  vor  nicht  mehr  als  hunderttausend  Jahren,  die  nur.  om- 
^«^uZehntel  des  Alters  unserer  Rasse  bilden.  Einem  so  tiefgreifenden 
Umbruch  in  unserer  Lebensweise,  Ernährung  und  Mentalität  konnte  s 
sich  unser  Organismus  in  dieser  Zeitspanne  noch  nicht  anpassen. 
Liane he  unserer  Krankheiten,  an  deren  individueller  Erwerbung 
noch  Niemand  gezweifelt  hat,  weisen  auf  phylogenetischen 
Charakter  hin,  sind  Krankheiten  der  Menschenrasse;  als  wollte 
die  Natur  uns  daran  erinnern,  wer  wir  waren  und  was  wir  aus 
uns  gemacht  haben. 

Diese  anthropologischen  Schlußfolgerungen  werden  gev/iß 
früher  oder  später  Gemeingut  aller  derjenigen  sein,  die  Tatsachen 
sehen  wollen  wie  sie  sind.  Viele,  auch  Gelehrte  verschiesädener 
Gebiete,  verschließen  sich  der  anthropologisch-prähistorischen 
Wirklichkeit?:  und  glauben  die  Naturgemäßheit  und  Ursprünglichkeit 
ihrer  heutigen  Lebensweise  verteidigen  zu  sollen,  indem  sie  z.B. 
altsteinzeitliche  Höhlengemälde  mit  unverkennbaren  Jagddarstel- 
lungen zu  ihren  Gunsten  anführen,  ohne  aber  in  Betracht  zu 

ziehen,  daß  diese  noch  viel  später  entstanden  sind,  u.zw.  frühe- 
30.000 

stens  vor  -25000  Jahren,  also  einige  Zehntausende  von  Jahren 
nachdem  der  Mensch  sich  seiner  Natur  derart  entfremdet  hatte, 
Wie  immer  zu  leben  wir  uns  entscheiden,  müssen  wir  der 
.'ahrheit  zu  Ehren  zugeben,  daß  vegetarisches  und  friedliches 
Leben  unsere  Natur  ist  und  daß  wir  demnach  logisch  handeln, 
wenn  wir  unsere  Ethik  und  unsere  Gesellschaft  auf  unsere  Natur 
gründen;  daß  es  aber  unlogisch  ist  und  deshalb  unzweckmäßig 
und  für  uns  ungünstig  sein  muß,  wenn  wir  unserer  Natur  zuwider- 
handeln. 

Dieses  Zuwiderhandeln  vollzieht  sich  seit  jenen  Zeiten 
unaufhörlich,  in  und  zwischen  den  Gemeinschaften  der  Menschen 


58 

und  im  Leben  der  Einzelnen.  Es  bildet  einen  Hauptteil  der 
menschlichen  Geschichte  und  hat  uns  bisher  gehindert,  glücklich 
zu  sein  oder  zu  werden,  niemand  kann  glücklich  sein,  wenn  er 
nicht  seiner  Natur  entsprechend  lebt.  Auch  unser  geistiges  Tun 
muß  widerspruchsvoll  und  Stückwerk  bleiben,  solange  e©  unserem 
Wesen  entgegengesetzt  ist. 

oo  ist  es  einer  unserer  ersten  Schlüsse,  daß  das  Morden 
imitativ  und  nicht  originell  ist,  Ergebnis  und  zugleich  Enste&inag 
hungsursache  unserer  Selbstentf remdung.  Ein  Gefühl  der  Befriedige 
gung  durch  Tötung  konnte  nur  dadurch  entstehen,  daß  der  so  han- 
delnde mensch  sich  in  eine  ihm  fremde  Holle  versetzt  hatte. 
Im  laufe  von  Jahrtausenden  haben  Menschen  so  in  fremden  Rollen 
gehandelt  und  fremde  Erlebnisse  sich  zu  eigen  gemacht.  Je  allgess 
meiner  dieser  Rollentausch  wurde  und  je  mehr  ihm  entsprechende 
Ideologien  und  Prinzipien  überhandnahmen  und  verkehrt  erziehe- 
rischer kten,  desto  mehr  verflog  auch  das  Gefühl  des  Mangels 
unserer  Kongruenz  mit  uns  selbst.  Die  Mängel  der  jeweiligen 
Ethik  entsprechen  der  Größe  der  sich  aus  der  Inkongruenz  erge- 
benden Lücken. 

Der  wirkenden  Zeit  entspricht  das  Wirken  der  schiefen 
Ebene.  Einmal  betreten,  führt  sie  tiefer  hinab  und  weiter  weg. 
Mit  dem  wissen  und  Rönnen  nimmt  die  Technik  des  Mordens  zu 
und  die  fremde  Befriedigung  wird,  zum  Ersatz  für  vieles  fehlende, 
wohl  vor  allem  für  die  in  immer  v/eitere  Eernen  gerückte  und  un- 
erreichbar gewordene  eigene  Natur.  Das  Bedürfnis  nimmt  zu  und 
die  primitive  Ereude  am  Können  wird  in  verfeinerte  Eormen  über- 
setzt. Sie  erfährt  durch  eben  jene  wachsende  Technik  auch  phan- 
tastische Liultiplikationen.  Das  fremde  Bedürfnis  verlangt  nach 
-assentötung  und  die  Technik  bietet  die  noch  fremdere  Befriedi- 
gung. Nur  hie  und  da  enthüllt  sich  eine  Leere,  die  von  einem 
wenn  auch  ganz  selten  auftauchenden  Gefühl  für  die  Rieht identität 
mit  einem  solchen  Bedürfnis  und  einer  solchen  Erfüllung  herkommt. 

Es  ist  nicht  wahr,  daß  Kinder  Mörder  sind.  Sie  wollen  nur  s± 
etwas  Beängstigendes  oder  nur  Lästiges  entfernen,  es  irgendwohin 
entschwiaen  machen,  wie  die  großen  Kinder,  daß  es  für  sie  unsicht- 
bar  werde;  denn  mehr  als  das  ist  die  Nichtexistenz  für  sie  nicht. 
Erst  die  Erwachsenen  depravieren  solche  Harmlosigkeit  durch 
ihre  ümdeutung,  durch  Entgegenkommen  in  ihrem  Sinne  und  durch 


59 

ihr  Vorbild.  Sadismus  ist  weder  ein  erbliches  Übel  noch  epi- 
demisch. Er  wird  von  relativ  Wenigen  durch  Umstände  des  eigenen 
Lebens  individuell  erv/orben,  während  die  vielen  Andern  nur  mit 
einer  gewissen  Zugänglichkeit  belastet  sind.  In  den  meisten 
Fällen  ist  Sadismus  also  gezüchtet. 

Für  das  Töten  ist  es  keineswegs  der  einzigg:  entscheidende 
Unterschied,  ob  ein  uns  nur  eh  in  wenigen  oder  in  den  meisten 
und  sinnfälligsten  Zügengleiches  Wesen  das  Opfer  ist.  Innerhalb 
der  Subjektivität  des  Tötenden  erfüllt  das  Tier  eine  ursprünglich 
vom  menschlichen  Opfer  nur  graduell  verschiedene,  aber  analoge 
Funktion. Daher  bestehen  zwischen  Krieg  und  Jagd  unabweisbare 
Analogien  und  intensive  Wechselwirkungen.  In  der  Menschenjagd 
und  dem  Krieg  gegen  die  Tiere  sind  die  Differenzen  auf  ein 
Minimum  reduziert.  Aber  die  alten,  in  unserer  Generation 
sowohl  qualitativ  als  auch  quantitativ  enorm  gesteigerten  G^uel  st 
der  Jagd  verblassen  nun  angesichts  zweier  Phänomene,  Das  eine 
ist  ein  alljährlich  am  Ende  des  Winters  im  ho hen^ Nor den Nieder- 
metzeln und  Schind eil  von  mehreren  Zehntausenden  neugeborener 
Seehunde,  eine  Schmach,  deren  Erwähnung  ich  dem  Leser  lieber 
ersparen  würde  (S.   );  das  andere  ist  eine  neue,  planmäßig  auf 
die  Vernichtung  ganzer  Arten  ausgehende  Wissenschaft  der  Massentö- 
tung« Es  ist  wohl  eine  denkwürdige  Eigenheit  der  modernen  Zivilie 
sation,  daß  auch  so  etwas  Motivierungen  findet. 

Nicht  nur  Taten,  sonder  auch  ihre  Begründungen  haben  ihre 
Geschichte.  Motivierungen  sehen  wir  mit  andern  Augen,  seit  uns 
die  Freud1 sehe  Tiefenpsychologie  gelehrt  hat,  daß  die  vom  Pa- 
tienten angegebenen  logischen  Motive  richtig  und  gleichsam 
triftig  sein  können,  ohne  die  eigentlichen  zu  sein.  In  den  als  ßa- 
tionalisierungen  bezeichneten  Fällen  kann  der  Antrieb  hochgradig 
real  sein,  ist  aber  dem  Bewußtsein  unzugänglich  und  dieses  hat 
die  Aufgabe  übernommen,  die  fehlende  Begründung  aufzutreiben. 
Was  der  mehr  oder  weniger  Kranke,  der  nicht  als  buchstäblich 
krank  angesehen  werden  muß,  im  nachninein  als  Motivierung  liefert, 
glaubt  er  meistens  selbst.  Die  Mehrheit  der  Menschen  hat  durch 
Jahrtausende  geglaubt,  daß  Menschen  Tiere  töten  müssen,  weil  sie 
ihr  Fleisch  zur  Ernährung  brauchen. 

fahrend  dieser  Epoche  spielte  sich  aber  im  eigentlichen 
Menschen  ein  anderer  Vorgang  ab,  der  mit  den  landläufigen 
Angaben  wenig  zu  tun  hat.  Das  Töten  wurde  einerseits  zur 


60 

Routine  und  produzierte  anderseits  jene  Befriedigung,  die 
aus  JJiflwäer  prähistorischen  und  in  vervielfachten  formen  fort- 
gesetzten Selbstentf remdung  stammt.  Die  fremde  Holle  bot  die 
höhere  Lustprämie.  Die  aus  der  Übereinstimmung  mit  der  eigenen 
^atur  und  aus  ihrer  Betätigung  erwachsenden  Freuden  verlieren 
an  Reiz.  So  betrachtet  erscheinen  Systeme  der  Ethik  als  Schuts- 
keller,  in  denen  sich  noch  Elemente    von  Ursprünglichkeit 
erhalten;  dennoch  vollzieht  sich  insofern  eine  grünliche  Ver- 
wandlung ihrer  Urgestalt,  als  Freuden  echten  Daseins,  des  Da- 
seins in  Harmonie  mit  dem  eigenen  ■.■/eseny  und  mit  der  Welt, 
in  Gebote  und  Verbote  umgebidet  sind,  aus  denen  schließlich 
Prinzipien  und  Ideale  werden,  wie  stark  die  Lustprämie  der  frem- 
den Holle  ist, beweist  gerade  die  Ethik  als  Versuch  ihrer  Bezwing* 
gung.  So  wird  die  Ethik,  das  wenn  auch  verzerrte  Spiegelbild 
des  Ureigenen,  zu  einem  der  Beweise  für  die  Macht  des  Fremden. 
Mag  sein,  daß  das  Verbot  noch  zur  würze  wurde,  als  jene  Lust- 
prämie sich  zum  Verhängnis  des  Sadismus  auswuchs. 

Die  Vergesellschaftung  mit  dem  Gegentrieb  oder  gefnkom- 
plex,  dem  Masochismus,  enthüllt  den  Charakter  des  Sadismus 
vollends.  Zerstörung  von  Leben, partielle  oder  totale,  ist  das 
Gemeinsame,  während  die  Hichtung  nach  dem  Objekt  hin  oder  die 
Inversion  in  das  Subjekt  den  Unterschied  bezeichnet. Die  Houtine 
ist  nur  einer  Schmiere  vergleichbar,  die  einer  Bewegung  glatten, 
unbehinderten  Ablauf  ermöglicht,  ohne  aber  selbst  treibende 
Kraft  zu  sein.  Eine  solche  ist  jedoch  der  Sadismus. Auch  er 
tritt  in  der  Hegel  nicht  nackt  auf,  sonder  in  mehr  oder  minder 
konventionell  gewordenen  Kleidungen.  Seit  der  verlassene  Ursprung 
zum  Gewissen  und  dann  zur  Ethik  geworden  ist,  zieht  der  Sadismus 
es  vor,  sich  in  Interessen  zu  kleiden,  die  wie  jede  Rationali- 
sierung- einigermaßen  fundiert  sein  und  ihn  überdies  gut  verhüllen 
mögen.  In  der  Verwendung  solcher  Hüllen  ist  er  nicht  wählerisch. 
Das  schwächere  und  leicht  zerstörbare  Lebewesen  braucht  nur 
ein  wenig  unbequem  zu  sein,  um  zum  Tode  verurteilt  zu  werden. 
Eine  Beschuldigung  kann  kaum  zu  unwahrscheinlich,  zu  unbewiesen 
und  zu  willkürlich  sein,  um  zur  Begründung  der  vorausgewollten 
und  vorausbeschlossenen  Vernichtung  benützt  zu  werden.  Solche 
Begründungen  ohne  Inhalt  werden  im  Laufe  der  Zeit  leicht  zu 
Konventionen,  zu  stillschweigenden  Voraussetzungen,  wenn  nicht 
gar  zu  völligen  Überflüssigkeiten.  Der  oft  gründlich  verkannte 


61 

Einfluß  der  Religion  auf'  die  Beziehung  des  Menschen  zum  Tier 
wird  Gegenstand  einer  besondern  Untersuchung  werden  müssen; 
in  den  monotheistischen  Religionen  war  es  namentlich  eine 
Interpolation  oder  eine  spätere  Redaktion  einer  Stelle  der 
Genesis,  die  viel  konkretes  und  viel  geistiges  Unheil  gestiftet 
hat.  Auf  jene  Stelle  gründet  sich  die  seit  dem  Altertum  ein- 
gebürgerte jüdisch-christliche  Auffassung,  Tiere  seien  geschaffen, 
um  dem  Menschen  zur  Nahrung  zu  dienen  &  8)» 

8)  Es  ist  9»  2-3.  Diese  Stelle  steht  mit  der  vegetarischen 
Ethik  von  1,  29-30,  in  unversöhnlichem  Widerspruch,  über 
den  kein  Kommentator  hinweggekommen  ist.  In  einem  späteren 
Buche  hoffe  ich  den  ursprünglichen  Text  zu  rekonstruieren. 

Eine  unverkennbare  Affinität  besteht  zwischen  dem  Verlangen 
nach  Tötung  und  dem  für  Viele  unwiderstehlichen  Drang,  in 
möglichst  vieles  einzugreif en, möglichst  vieles  zu  ändern. 
Der  Zusammenhang  zwischen  den  beiden  Trieben  geht  schon  aus 
dem  ihnen  gemeinsamen  Gegenteil  hervor.  Dieses  ist  eine  gewisse 
Duldsamkeit  gegenüber  dem  Bestehenden,  Wichteinmischung,  in 
Frieden  lassen.  Der  vom  Bedürfnis  nach  verändernder  Intervention 
Besessene  merkt  fast  nie,  daß  das  Bedürfnis  primär  ist  und  daß 
er  sich  chronisch  auf  doppelter  Suche  befindet,  nach  Argumenten 
und  nach  mehr  oder  weniger  geeigneten  Objekten.  Tötung  wird  zuwei- 
len die  Form  sein,  die  dieser  Interventionsdrang  annimmt,  doch 
dürfte  in  vielen  Fällen  ein  noch  unter  dieser  Schicht  entsprun- 
genes Tötungsbedürfnis  der  eigentliche  Antrieb  sein  und  der 
Einmischungsdrang  eher  eine  Begleiterscheinung  büden. 

Bekanntlich  ist  die  Natur  vielgestaltig  genug,  um  beiden 
Bedürfnissen  reichlich  Angriffsflächen  zu  bieten,  und  der  Mensch 
ist  erfinderisch  genug,  vor  sich  selbst  und  Andern  beide  hinter 
Rationalisierungen  zu  bergen. Diese  Tendenz  kommt  zugleich  einem 
dritten  sublogischen  Faktor  entgegen,  dem  bereits  beobachteten 
Beschuldigungsbedürfnis.  Das  System  der  vorwiegend  vagen  und 
oost  factum  zuweilen  als  irrig  zurückgezogenen  Beschuldigungen 
als  Ausgangsbasis  für  Vernichtungsfeldzüge  ist  nun  mitten  im 
20.  Jahrhundert  in  die  Naturwissenschaft  eingedrungen,  seit 
diese  in^Ab*hängigkeit  von  den  großen  '//irtschaf tsmächten  geraten 
ist.  Nur  Einzelne  bringen  noch  die  Kraft  auf,  unbeeinflußt  und 
frei  zu  forschen  und  zu  denken  und  ihre  Ergebnisse  furchtlos 
auszusprechen. Diese  einem  tief  entmutigenden  Niedergang  entgegen- 
wirkenden Kräfte  helfen  uns,  unsern  so  schwer  verwundeten  Stolz 


62 

auf  unser  ivlenschsein  aufrechtzuerhalten. 

Vor  der  Erörterung  so  bedeutsamer  Tatsachen,  die  notwendig 
zu  einer  Auseinandersetzung  mit  der  geg%wärtigen  Wissenschaft 
führen,  war  es  gut,  sich  über  ihren  dem  Unbewußten  entstammen- 
den und  gänzlich  unwissenschaftlichen  Hintergrund  klar  zu  werden. 


Ein  verfrühter  Rechtsstandpunkfc 

vorauf  gründen  wir  Renschen  unser  Recht  zu  leben?  Es  ist 
wohl  nicht  mehr  die  Liehrheit,  aber  immerhin  eine  überaus  an- 
sehnliche Minderheit  der  Menschheit,  die  das  Leben  auf  göttli- 
chen Ursprung  zurückführt.  Doch  v/er  seinen  religiösen  Glauben 
aufgibt  oder  verliert,  verzichtet  damit  nicht  auf  sein  Recht 
zu  leben.  Er  stellt  sich  auf  eine  andere  Begründung  um,  auf  eine 
wohl  weltliche,  die  jedoch  von  seinem  Erleben  aus  gesehen  nicht 
minder  heilig  sein  muß,  zugleich  aber  schwerer  angreifbar,  ja 
sogar  unbestreitbar  wird  und  sich  durch  die  eigene  Existenx 
beweist;  Indem  das  Leben  sich  nicht  mehr  auf  eine  ihm  von  außen 
verliehene  Berechtigung  stützt,  beruft  es  sich  auf  sich  selbst, 
auf  die  Berechtigung,  die  in  ihm  ist. Das  ist  denkwürdig  einfach, 
läßt  sich  aber  noch  einfacher  sagen,  u.zw.  schweigend,  ohne 
Begründung^,  indem  man  lebt,  ohne  diese  Tatsache  überhaupt  moti- 

vierungs^u^f-nden.  n,  *  TT  T  , 

^  — -^ul:)  man  den  2  Ursprung  des  Lebens  und  dessen 

.;esen  im  Göttlichen  sieht  oder  die  Zweiheit  in  der  Eigenberech- 
tigung des  Lebens  überwindet,  sind  es  zwei  konvergente  Auffassun- 
gen, da  der  Endpunkt  gemeinsam  ist.  Auf  beiden  Wegen  gelangen 
wir  also  zur  Annahme  der  Heiligkeit  unseres  Lebens.  Diese  Grund- 
lage ist  recht  breit,  ja  allgemein,  aber  eben  darum  stoßen  wir 
sofort  auf  die  Notwendigkeit,  dieses  "Unsere"  zu  definieren, 
wenn  ich  nur  dem  eigenen  Leben  höchste  Anerkennung  gewährte, 
würde  ich  mich  zu  einer  Engherzigkeit  oder  Schäbigkeit  bekennen, 
die  meinen  Anspruch  von  vornerein  geradezu  aufhöbe  oder  doch 
kompromittierte,  üm  einen  Grad  weniger  kläglich  wäre  demgegenüber 
schon  die  faschistische  Zuerkennung  des  vollen  Lebensrechtes 
an  die  eigene  Sippe,  das  eigene  Volk  und  Land,  die  doch  die 
Aberkennung  des  gleichen  Recnts  aller  Andern  impliziert.  Oder 
können  wir  den  Aufbau  unserer  ^ogik  und  Ethik  als  abgeschlossen 
betrachten,  wenn  wir  zu  einer  kosmopolitischen  Ideologie  gelan- 
gen, die  das  Recht  auf  Leben  innerhalb  der  Menschenrasse  gleich 
verteilt,  so  daß  ein  und  dieselbe  Grenzziehung  den  "Umfang  beider 


63 

Begriffe,  des  Lebensrechtes  wie  der  kenschenspezies,  bestimmen 
würde?  Eines  solchen  Standpunktes  brauchte  sich  niemand  zu 
schämen,  denn  er  ist  dem  unserer  größten  Lehrer  und  unerreichten 
Vorbilder  nachgebildet  oder  innerlich  verwandt.  Nichtsdestowe- 
niger ist  Kritik  an  dieser  Anschauung  möglich  und  darum  auch 
notwendig. 

Zunächst  soll  uns  weder  die  Liebe  zu  bestimmten  Menschen 
noch  die  Vorliebe  für  die  eigene  Art  abhalten,  uns  der  ethischen 
Relativität  einer  Haltung  oder  eines  Prinzips  bewußt  zu  werden, 
durch  das  wir,  wieder  ohne  ausdrückliche  Proklamation,  der 
gesamten  übrigen  Natur  das  Hecht  zu  leben  absprechen.  Unver- 
sehens gleiten  wir  von  einer  solchen  Prämisse  in  eine  noch 
weitaus  traurigere  Konsequenz,  in  den  Anspruch  auf  Entscheidung 
über  Leben  und  Tod  alles  nichtmenschlichen  Lebens,  in  die  Bean- 
spruchung eines  ethisch  völlig  hinfälligen,  weil  auf  nichts 
gegründeten  Eigentumsrechtes .Um  aber  zunächst  das  definierte 
Monopol  und  den  entsprechenden  Ausschluß  auf  irgend  etwas 
stützen  zu  können,  müßten  wir  entweder  in  extreme  Primitivität  m 
verfallen  oder  uns  infolge  der  Unmöglichkeit  des  in  diesem  Falle 
erforderten  Beweises  einer  willkürlichen  Behauptung  bedienen. 
Im  ersten  Fal-Le  müßten  wir  so  genügsam  sein,  zuzugeben,  daß  wir 
für  uns  allein  das  elementare  Recht  nur  darum  beanspruchen, 
weil  wir  eben  wir  sind,  die  Beanspruchenden.  Jis  ist  durchaus  nisfe 
nicht  einzusehen,  daß  nicht  jede  Spezies  dasselbe  tun  könnte; 
nur  daß  man  sich  bei  einiger  Einbildungskraft  auch  vorstellen 
könnte,  daß  jene  Spezies,  wenn  sie  einen  Anspruch  formulieren 
könnte  und  wenn  es  ein  i'orum  gäbe,  vor  das  sie  ihn  brächte,  es 
wahrscheinlich  unterließe,  weil  sie  der  gegenseitigen  Abhängig- 
keit eingedenk  wäre«  Im  andern  Jj'alle  müßten  wir  uns  auf  die 
Vorzüglickeit  unserer  Art  berufen,  und  auf  mehr  als  diese, 
nämlich  auf  eine  über  alles  Leben  derart  erhabene  Überlegenheit, 
daß  sich  aus  ihr  die  absolute  Ausschießlichkeit  mit  logischer 
Notwendigkeit  ergäbe;  und  erst  dann  v/äre  der  weitere  Schluß 
auf  die  Rechtlosigkeit  aller  Inferioren,  der  Schluß,  auf  den  es 
ankommt,  noch  mehr  als  fragwürdig. 

Die  uneingeschränkte Inferiorität  als  die  andere  Seite 
der  uneingeschränkten  Superiorität  könnte  aber  nicht  nur  nicht 
bewiesen  werden,  sondern  gegen  ihre  Annahme  sprächen  die 
Resultate  der  Zoologie  und  Erkenntnisse  vieler  Generationen, 
die  trotz  tierfeindlichen  Ideen,  v/ie  etwa  denen  eines  Lescartes, 


64 

immer  wieder  nur  zum  Ergebnis  der  Andersartigkeit  geführt  haben, 
nicht  zu  dem  einer  generellen  Überwertigkeit  einerseits  und 
lückenlosen  Unt erwert igkeit  anderseits.  Je  empirischer  die 
Naturwissenschaft  vorgeht,  desto  deutlicher  zeigt  es  sich, 
Haß  den  unleugbaren  Vorzügen  der  Menschen  Vorzüge  vieler  Tiere 
entsprechen,  daß  sie  hohe  Fähigkeiten  besitzen,  die  uns  fehlen 
und  die  für  uns  teilweise  sogar  noch  unerklärlich  sind.  Ander«s±i 
seits  f  indenjvir  bei  Tieren  Leistungen,  die  von  meschlichen 
zwar  äußerst  verschieden,  ihnen  aber  analog  sind.  Unsere  Sprache 
anerkennt  das  unwillkürlich,  indem  wir  z/B.  nicht  nur  von  Gesell- 
schaften und  Staaten,  sondern  auch  von  Zivilisationen  vieler 
Ameisenarten  reden. Die  für  uns  so  bequeme  Behauptung  der  Inferior 
rität  der  gesamten  Tierwelt  erf  o%ert  also  höchst  belangvolle  Vorh 
behalte,  so  daß  von  einer  Exklusivität  unserer  Rechte,  wenn  wir 
xsh  dem  jeder  Spezies  bis  zu  einem  gewissen  Grade  eigenen  Ego- 
ismus endlich  das  Wort  entziehen,  nicht  viel  übrig  bleibt. 

Wir  haben  an  Klarheit  der  Begriffe  nichtsdestoweniger  erst 
v/enig  gewonnen,  solange  wir  nur  das  Lebensrecht  als  solches  in 
Betracht  ziehen,  weil  es  injsolcher  Isolierung  abstrakt  bleiben 
muß,  ohne  rechte  Anwendbarkeit,  die  allein  seinen  vollen  wert 
bestimmen  kann.  Wir  müssen  ebenso  auch  diejenigen  Ansprüche 
prüfen,  aus  denen  das  Lebensrecht  besteht  und  die  sich  aus  ihm 
direkt  ergeben,  wie  das  Recht  auf  ifehrung  oder  Behausung.  Denn 
erst  durch  diese  thematische  Erweiterung  treten  wir  in  die  Erör- 
terung des  unablässigen  Kampfes  als  eines  unübersehbaren  Begleit- 
umstandes ein,  der  sich  auf  die  theoretische  Begriffsbildung 
überträgt  und  uns  zu  konfliktreicherer  Entscheidung  zwingt. 
Indem  wir  den  als  Regulator  der  Beziehungen  zwischen  den  Orga- 
nismen längst  genügend  erkannten  und  geschilderten  Kampf  ums 
dasein  auch  zur  Motivierung  unserer  Ansprüche  und  unseres  Han- 
delns machen,  geraten  wir  in  Widersprüche.  Die  Rücksichtslosigkeit 
die  der  Rolle  des  Kämpf enden  und  insbesondere  der  des  nur  Kämpfen- 
den eigen  ist,  paßt  schlecht  zu  der  eines  übergeordneten,  der  üfegp 
über  denjenigen  zu  stehen  behauptet,  die  notwendig  immer  nur 
irartei  sind  und  nur  für  sich  selbst  einstehen  können.  Sie  paßt 
schlecht  zu  den  weit  höheren  Ansprüchen  des  Denkenden  und 
erkennenden,  zu  allen  religiösen,  philosophischen  und  quasi 
philosophischen  Ideologien,  durch  die  wir  uns  über  das  Tierreich 


65 


Zu  erheben  vermeinen  und  die  wir  ebenfalls  zur  Ernährung  ver- 
wenden, u.zw.  zu  der  unseres  Selbstbewußtseins.  Jedenfalls  haben 
wir  uns  theoretisch  zu  entscheiden,  wir  können  Tiere  sexn  wxe 
die  andem.fressen  und  uns  nach  Tunlichkeit  gegen  das  Gefres- 
senwerden wehren;  oder  wir  können  die  überparteiliche  Rolle 
für  uns  in  Anspruch  nehmen  und  uns  auf  die  uns  von  3enen  unter- 
scheidende Erkenntnis  und  andere  Vorzüge  berufen.  Doch  diese 
Holle,  und  insbesondere  die  Erkenntnis,  ist  verpflichtend,  und«x 
wir  würden  damit  Verbindlichkeiten  auf  uns  nehmen,  denen  wir  Ä 
schwerlich  gewachsen  wären;  es  sei  denn,  daß  wir  zu  deren  Er- 
füllung weitgehende  Änderungen  unserer  Handlungsweise  wxe  auch 
Revisionen  unserer  Prinzipien  durchführen  würden.  Wir  müßten 
bereit  sein,  unseren  persönlichen  und  kollektiven  Egoismus,  von 
dem  unser  Leben  nun  einmal  nicht  absolut  frei  sein  kann,  wexse 
zu  beschränken  und  zu  diesem  Zwecke  vor  allem  aufs  neue  zu  prü- 
fen, was  tatsächlich  für  uns  günstig  ist  und  alles  ausznschlxe- 
ßen,  was  als  Genuß  anzusehen  wir  uns  gewöhnt  haben,  während  es  * 
objektiv  auch  uns  schädigt. 

Eine  solche  fundamentale  Präge  ist  die  der  Fleischnahrung, 
die,  wie  gesagt,  der  Menschenrasse  fremd  war  und  die  sie  erst 
in  einer  nicht  nur  naturgeschichtlich,  sondern  auch  anthropologx 
gisch  späten  Zeit  angenommen  hat. Nehmen  wir  zur  Kenntnis,  daß 
gegenwärtig  eine  Majorität  der  biologisch,  anthropologisch  und 
prähistorisch    ungenügend  oder  gar  nicht  geschulten  Arzte  die 
Karnivorennahrung  mit.  einer  gewissen  Leidenschaftlichkeit  oe- 
fürwortet,  während  e^TS.a.  aus  Naturheilkundigen  bestehende 
Minorität  ist,  die  vor  der  Fleischnahrung  als  Quelle  moralischer 
Degeneration  und  der  meisten  Krankheiten  einschließlich  des 
Krebses  warnt  und  vegetarische  Ernährung  als  hygienisch,  ethisch 
und  sozialökonomisch  heilsam  empfiehlt.  Diese  Frage  sei  hier 
nur  in  einem  eher  indirekten  Zusammenhang  mit  dem  üechtsproblem 
erwähnt,  da  aus  ihr  die  große  Flut  unserer  Konflikte  mit  der 
Tierwelt  entspringt;  diese  Konflikte  sind  schon  dadurch  als 
überflüssig  definiert,  daß  sie  unserer  Verkennung  der  eigenen 

Interessen  entstammen. 

Wenn  wir  uns  nicht  für  eine  ausschließlich  animalische 
oder  radikal  animalische  Haltung  entscheiden,  sonder  die  auch 
von  uns  selbst  als  höher  bewertete  wählen,  werden  wir  nicht 
alleinfuSs  mmm  südlichen  Praxis,  sondern  auch  mancher 


66 

andern  Gewohnheit  entsagen  müssen,  und  einem  unser  unwürdigen 
Tun  auch  dann,  wenn  es  uns  tatsächlich  Vorteile  bringt.  Wenn 
wir  die  der  Erfahrung  abgewonnenen  Prinzipien  menschlichen 
Zusammenlebens  auf  unsere  Behandlung  der  Tiere  auch  nur  versuchs- 
weise anwenden,  muß  es  uns  moralisch  unerträglich  werden, 
etwa  für  Belästigung,  oder  für  noch  viel  weniger,  die  Todes- 
strafe zu  verhangen  und  zugleich  auszuführen.  Wenn  wir  auf 
Lebewesen,  die  durch  ihre  vitalen  Handlungen  oder  durch  ihre  üsk 
Behausung,  also  infolge  höchster  Notwendigkeit,  uns  stören 
oder  wirtschaftlich  schädigen,  tödliche  Angriffe  unternehmen, 
können  wir  uns  selbst  mit  den  von  den  zwischenmenschlichen 
Beziehungen  empfangenen  Maßstäben  nicht  genug  verurteilen. 
Wenn  aber  solche  Handlungen  zum  System  werden  und  zu  vernich- 
tenden Offensiven  gegen  ganze  Arten  führen,  um  noch  unbeteiligte 
und  unseren  Interessen  günstige  Arten  einzubeziehen,  wird 
unser  Tun  in  der  Natur  zu  dem  unter  Menschen  Völkermord  oder 
genocide  genannten  Wahn  und  Verbrechen.  Dessen  ethische  oder 
juridische  Betrachtung  zeigt  uns  grell ,  in  welche  Erniedrigung  x 
wir  auf  der  Höhe  unserer  Zivilisation  geraten  sind.  Zugleich 
müssen  wir  mit  Bestürzung  erkennen,  daß  unsere  Seligion  uns 
von  diesem  Abgrund  nicht  abgehalten  hat. Ganz  im  Gegenteil  hat  s± 
sie  uns  durch  Verbote,  die  ihr,  aber  nicht  uns  günstig  waren, 
von  der  Erkenntnis  unseres  Wesens  und  von  den  ethischen  Möglich- 
keiten unserer  ursprünglichen  Natur  abgelenkt.  Aber  auch  die 
meisten  Philosophen  sind  von  Einseitigkeit  und  Inkonsequenz,  ja 
von  einer  völligen  Pehlauf f assung  der  Natur  nicht  freizusprechen» 
Das  gilt  namentlich  von  denjenigen,  die  nicht  einmal  eine  die 
ganze  Menschheit  in  gleicher  weise  umfassende  Ethik  erreicht 
haben. 

.io  selbst  einer  nur  noch  formalen  Apologetik,  deren  alleini- 
ger Zweck  es  zuweilen  noch  sein  mag,  irgend  etwas  zu  sagen, 
kaum  ein  Rest  von  Sinn  geblieben  ist,  v/ollen  wir  mit  einem 
Blick  nocn  den  offenen  .Raubmord  streifen,  der  seit  vielen 
Jahrtausenden  auf  jede  Begründung  verzichtet.  In  einer  sachli- 
chen Aufzählung  dessen,  was  wir  seit  unserem  Auftauchen  auf 
diesem  Planeten  getan  und  vollbracht  haben,  wird  weder  Jagd  und 
Fischerei  noch  deren  Verherrlichung  ein  Ruhmesblatt  bilden. 


6  7 

Indem  wir  die  im  menschlichen  Zusammenleben  erworbenen 
Grundsätze  auf  unsere  Beziehung  zum  Tier  anwenden,  dürfen  wir 
uns  schließlich  darauf  berufen,  daß  die  Berechtigung  dieser  Anwen- 
dung zwar  bestritten,  aber  nicht  widerlegt  werden  kann;  zumal 
die  Menschheit  als  Ganzes,  einschließlich  ihrer  primitivsten 
Vertreter,  nur  dann  über  die  Tierwelt  als  Ganzes,  einschließlich 
ihrer  am  höchsten  entwickelten  Vertreter,  gestellt  werden  kann, 
wenn  man  extrem  subjektiv  bewertend  vorgeht  und  Andersartigkeit 
mit  Minderwertigkeit  hartnäckig  verwechselt. 

Die  praktische  Folgerung  oder  Empfehlung,  zu  der  diese 
Erwägung  führt,  mag,  wie  die  Erwägung  selbst,  unzeitgemäß  oder  x 
verfrüht  erscheinen,  da  ja  die  Mehrheit  der  Menschen  sogar  von  s 
einem  für  die  eigene  Spezies  gleichen  Beurteilungsmaßstab  noch 
allzu  weit  entfernt  ist  und  die  Zugehörigkeit  zur  Menschenrasse 
überdies  Dü  in  allen  Gesetzgebungen  die  wenn  auch  unausgespro- 
chene Vorbedingung  jeglichen  Rechtes  bildet.  Mit  dem  notwendigen 
Zugeständnis,  daß  diese  Empfehlung  heute  nur  bei  einer  kleinen 
Minorität  Verständnis  finden  kann,  sollte  sie  immerhin  vorge- 
bracht werden  dürfen,  tfie  die  Tiere  mit  einer  Notwendigkeit, 
deren  Härtegrad  wir  nicht  immer  beurteilen  können,  einander 
bekämpfen,  dürfen  wohl  auch  wir  kämpfen,  soweit  unser  Kampf 
Verteidigung  ist.  Doch  dürfen  wir  es  nur  mit  der  Einschränkung, 
die  wir  ebenfalls  von  dem  unter  Menschen  geltenden  Hecht  ablei- 
ten können:  Notwehr  steht  uns  zu,  deren  Überschreitung  nicht. 
Dieser  Grundsatz  dürfte  sich  in  der  folgenden  Auseinander- 
setzung nützlich  erweisen. 

Gegen  und  für  Insekten,  gegen  und  für  das  Leben 
wir  mögen  die  Ameisenvölker  hassen,  weil  zwischen  ihnen 
und  unserer  Landwirtschaft  Interessenkonflikte  bestehen.  Und 
wir  mögen  sie  verabscheuen,  weil  in  ihren  Staaten  die  furcht- 
barsten Übel  der  menschlichen  Gesellschaft  vorausgenommen  und 
offensichtlich  unabschaffbar  konserviert  sind,  wie  Sklaverei, 
Ausbeutung,  Kastenwesen,  Diktatur,  Raubkrieg  und  Völkermord; 
auch  weil  die  Rolle  des  Individuums  in  ihren  Gesellschaften 
im  Großen  und  Ganzen  eine  überaus  traurige  ist.  Aber  abgesehen  x 
von  einzelnen  ihrer  Eigenschaften  und  Leistungen,  denen  wir 
Sympathie  und  sogar  Bewunderung  nicht  versagen  können,  haben 
diese  Völker  eine  Geschichte,  von  deren  gedrängter  Fülle, 


6  7 

Indem  wir  die  im  menschlichen  Zusammenleben  erworbenen 
Grundsätze  auf  unsere  Beziehung  zum  Tier  anwenden,  dürfen  wir 
uns  schließlich  darauf  berufen,  daß  die  Ber'chtigung  dieser  Anwen 
dung  zwar  bestritten,  aber  nicht  widerlegt  werden  kann;  zumal 
die  Menschheit  als  Ganzes,  einschließlich  ihrer  primitivsten 
Vertreter,  nur  dann  über  die  Tierwelt  als  Ganzes,  einschließlich 
ihrer  am  höchsten  entwickelten  Vertreter,  gestellt  weraen  kann, 
wenn  man  extrem  subjektiv  bewertend  vorgeht  und  Andersartigkeit 
mit  Minderwertigkeit  hartnäckig  verwechselt. 

Die  praktische  Polgerung  oder  Empfehlung,  zu  der  diese 
Erwägung  führt,  mag,  wie  die  Erwägung  selbst,  unzeitgemäß  oder  x 
verfrüht  erscheinen,  da  ja  die  Mehrheit  der  Menschen  sogar  von  s 
einem  für  die  eigene  Spezies  gleichen  Beurteilungsmaßstab  noch 
allzu  weit  entfernt  ist  und  die  Zugehörigkeit  zur  Menschenrasse 
überdies  JllÖ.  in  allen  Gesetzgebungen  die  wenn  auch  unausgespro- 
chene Vorbedingung  jeglichen  Rechtes  bildet.  Mit  dem  notwendigen 
Zugeständnis,  daß  diese  Empfehlung  heute  nur  bei  einer  kleinen 
Minorität  Verständnis  finden  kann,  sollte  sie  immerhin  vorge- 
bracht werden  dürfen,  fie  die  Tiere  mit  einer  Notwendigkeit, 
deren  Härtegrad  wir  nicht  immer  beurteilen  können,  einander 
bekämpfen,  dürfen  wohl  auch  wir  kämpfen,  soweit  unser  Kampf 
Verteidigung  ist.  Doch  dürfen  wir  es  nur  mit  der  Einschränkung, 
die  wir  ebenfalls  von  dem  unter  Menschen  geltenden  Recht  ablei- 
ten können;  Notwehr  steht  uns  zu,  deren  Überschreitung  nicht. 
Dieser  Grundsatz  dürfte  sich  in  der  folgenden  Auseinander- 
setzung nützlich  erweisen. 

Gegen  und  für  Insekten,  gegen  und  für  das  Leben 
wir  mögen  die  Ameisenvölker  hassen,  weil  zwischen  ihnen 
und  unserer  Landwirtschaft  Interessenkonflikte  bestehen.  Und 
wir  mögen  sie  verabscheuen,  weil  in  ihren  Staaten  die  furcht- 
barsten Übel  der  menschlichen  Gesellschaft  vorausgenommen  und 
offensichtlich  unabschaf fbar  konserviert  sind,  wie  Sklaverei, 
Ausbeutung,  Kastenwesen,  Diktatur,  Raubkrieg  und  Völkermord; 
auch  weil  die  Rolle  des  Individuums  in  ihren  Gesellschaften 
im  Großen  und  Ganzen  eine  überaus  traurige  ist.  Aber  abgesehen  x 
von  einzelnen  ihrer  Eigenschaften  und  Leistungen,  denen  wir 
Sympathie  und  sogar  Bewunderung  nicht  versagen  können,  haben 
diese  Völker  eine  Geschichte,  von  deren  gedrängter  Fülle, 


68 

beispielloser  Intensität  und  globaler  Weite  Forschungen 
dieses  Jahrhunderts  uns  eine  Vorstellung  geben,  allerdings 
nicht  mehr  als  eine  Vorstellung,  Denn  diese  unbekannte  Geschich- 
te,  die  zumindest  50  Millionen  Jahre  umfaßt,  also  50mal  tiefer 
in  die  Vergangenheit  des  Planeten  zurückreicht^:  als  die  zum 
weitaus  größten  Teil  ebenfalls  unbekannte  Geschichte  unserer 
Hasse,  wäre  selbst  für  den  Fall,  daß  uns  Quellen  zu  ihrer  Erfor- 
schung offenstünden,  zu  reich,  um  jemals  von  Menschenhänden 
geschrieben  zu  v/erden. 

Von  der  frühesten  bis  zur  spätesten  Vergangenheit  menschli- 
cher Gruppen  ereignete  es  sich  wiederholt,  daß  in  einer  Situation 
stärkster  Gärung,  materieller  und  geistiger,  und  in  einer  äußerst; 
komplizierten  Problematik  antagonistischer  Energien  statt  einer 
Lösung  von  Problemen  ein  unvorhergesehener,  mit  dem  gesamten 
inneren  Geschehen  nicht  erkennbar  zusammenhängender  Überfall 
einer  höchst  brutalen  Macht  erfolgte  und  allem  plötzlich  ein 
Ende  setze.  Auch  ruhige  Entwicklungen  wurden  zuweilen  ebenso 
unerwartet  wie  restlos  von  Ungeheuern  gebrochen.  Historiker 
und  Schriftsteller  werden  immer  wieder  zu  rekonstruieren  ver- 
suchen, was  inPompeji  dem  Untergang  vorausgegangen  sein  mag« 
Auchjlm  Dasein  jedes  Einzelnen,  in  jeder  Hütte,  in  jedem  Lehr- 
hause und  in  jedem  Spital  Osteuropas  erstarb  eine  phantastische 
Verkettung  von  Ereignissen  durch  den  Beginn  des  2.V/eltkrieges. 
Autoren  von  Büchern,  Grübler,  Ekstatiker,  Mathematiker  und 
Künstler  fanden  statt  ihrer  Lösungen  den  grausamen  Tod« Andere 
Riesengebiete  der  östlichen  Halbkugel  erlitten  dann  das  gleiche 
Schicksal,  das  aus  lauter  Einzelschicksalen  bestand,  die  ihrer- 
seits äußerst  komplexe  Gebilde  betrafen.  Bedenken  wir  nun,  daß 
es  dem  niedergetrampelten  Ameisennest  und  dem  ausgeräucherten 
Termitenbau  ebenso  ergeht.  Grausig  potenziert  ist  das  seit  den 
40er  Jahren  unseres  Jahrhunderts  das  unablässig  wiederholte 
Los  vieler  Arten  in  weiten  Gebieten  von  Festländern  und  Gewässern» 
Das  Dasein  dieser  Seesen,  das  von  der  Geburt  bis  zum  Tode  eine 
kurze,  aus  Leid,  Kampf  und  maximaler  Anstrengung  zusammenge- 
setzte Dynamik  ist,  die  nur  selten  von  flüchtiger  Befriedigung 
unterbrochen  wird,  ist  nun  Katastrophen  preisgegeben,  die  der 
Mensch  ausheckt  und  herbeiführt  und  die  den  Zweck  haben,  nicht  h 
nur  die  unübersehbaren  Scharen  der  betroffenen  Individuen, 


69 

sondern  auch  ihre  ganze  Nachkommenschaft  rapid  aus  der  weit 
zu  schaffen. 

Dem  zweibeinigen  Täter  aber  gleitet  die  Herrschaft 
über  sein  Tun  sofort  aus  den  Händen,  Die  weiteren  Vorgänge 
folgen  nicht  seinen  wünschen,  sondern  den  alten  Bahnen  der 
Natur, in  denen  die  Arten  sich  in  bestimmten  Folgen  von  ein- 
ander nähren«  So  geht  das  gegen  Insekten  gerichtete  Gift 
auf  die  kleinen  Singvögel  über,  die  in  Massen  und  oft  unter 
langen  Qualen  sterben  und  unter  den  mildesten  Umständen 
ihrer  Fruchtbarkeit  beraubt  werden  und  tote  oder  lebensun- 
fähige Eier  legen;  und  zugleich  auf  Insektenarten,  denen 
kein  Mensch  etwas  vorzuwerfen  hat,  auf  Nager  und  viele 
andere  Säugetiere,  auf  Reptilien  und  Amphibien,  Es  gelangt 
hoch  hinauf  bis  in  die  Nester  der  Adler,  deren  es  schon  seit  ±sch 
langem  immer  weniger  wird.  Tödliche  Attacken  werden  teils 
gegen  unerwünschte  Pflajizen  gerichtet,  teils  fallen  erwünschte 
wie  unerwünschte  den  Anschlägen  auf  das  Dasein  der  Insekten 
nebenbei  zum  Opfer.  Die  Winde  dehnen  Tod  und  Entartung  weit- 
hin aus.  Aber  der  Hegen  macht  das  Verderben  tief  in  den  Boden 
einsickern,  das  chemische  Gemetzel  geht  in  der  Flora  und  Fauna 
des  Erdreichs  weiter,  auch  unter  den  ganz  Kleinen,  den  nur 
mikroskopisch  Sichtbaren,  und  von  da  geht  es  nochmals  aufwärts, 
zur  Oberwelt  zurück.  Der  Hegen  schwemmt  das  grausige,  von 
vielen  Leuten  als  harmloses  Hausmittel  gehandhabte  DDT  und 
andere  Chlorkohlenwasserstoff gif te  wie  die  scheußlichen  Alkyle, 
die  organische  Phosphate  sind,  über  Felder  und  Ladfetraßen  in  die 
Bäche,  Flüsse  und  Seen,  wo  das  winzige  Plankton,  die  zarten 
Insekten  des  Wassers  und  die  Fische  von  den  kleinsten  bis  zu 
den  stärksten  und  größten  rasch  dahinsterben  oder  allmählich 
verelenden  und  vergehen.  Es  gibt  uns  eine  Vorstellung  von  den 
Dimensionen  der  Vergiftung,  daß  neuerdings  in  den  Gewässern 
von  British  Columbia  allein  40.000  tote  Lachse  gefunden  wurden. 
Auch  das  Lebens he iligtum  des  Waldes  schützt  seine  Geschöpfe 
vor  den  chemischen  Eindringlingen  so  wenig  wie  vor  den  Jägern, 
und  Tswkwxrk  an  den  Küsten  und  Mündungen  der  Flüsse  ergießt  sich 
der  chemische  Tod  auch  in  die  Meere«  Und  während  die  vielen 
einzelnen  Zerstäuber  doch|nur  ouckwerk  vollbringen,  schweben 
Flugzeuge  über  die  Landschaft  dahin,  um  die  Fülle  $e**s 


70 

der  Kreaturen  ganz  v/ahllos  chemisch  hinzurichten.  Und  Aerosol- 
wolken schweben  über  Feldern  und  Wäldern,  um  mit  Hilfe  der 
schuldlosen  winde  undefinierbare  und  unzählbare  Wesen  umzu- 
bringen. So  muß  der  Mensch  bald  vor  dem  eigenen  Tun  erschrec- 
ken. Zuweilen  überkommt  es  einen  und  er  wünscht,  eijkönnte  es 
rückgängig  machen  oder  einhalten.  Denn  die  Singvögel,  die 
Bienen,  die  Schmetterlinge  und  die  wilden  Blumen  mag  er; 
und  das  Sterben  seines  Viehs  trifft  ihn  gerade  an  der  empf indiis 
lichsten  Stelle  seines  Daseins,  am  Gelde,  das  ihm  ja  leider  mehr 
gilt  als  alles.  Doch  um  eben  dieses  Giftes  willen  wendet  er  die 
andern  Gifte  an,  sodaß  sein  Bedauern,  seine  Reue  und  selbst  sein 
Schmerz  über  wirtschaftliche  Verluste  ihn  nicht  abhalten,  es 
immer  wieder  aufs  neue  zu  tun,  um  sich  von  den  angeblichen 
Vorteilen  der  zerstörenden  laren  zu  überzeugen,  die  von  Labora- 
torien und  Fabriken  in  schier  unübersehbaren  Zusammensetzungen 
und  in  ungeheueren  Mengen  produziert  werden. 

Die  Massentötungen,  deren  Maßstab  inkier  Geschichte  des 
Lebens  auf  Erden  erstmalig  ist,  haben  seltsame  Nebenprodukte, 
lie  jeder  beobachten  kann,  sind  es  z.B.  nicht  mehr  alle  Zug- 
vögel, äBk  die,  wenn  die  Zeit  gekommen  ist,  aus  den  kalten 
und  kühlen  Ländern  in  die  warmen  und  heißen  fliegen.  So  manche 
bleiben  im  Norden,  und  auf  der  südlichen  Halbkugel  vollzieht  sich 
wahrscheinlich  das  entsprechende;  viele  der  zurückbleibenden 
Vögel  kommen  um.  Haben  sie,  wie  man  behauptet,  ihren  Wanderin- 
stinkt verloren?  Und  wenn  dem  so  ist,  sind  die  heillosen  Strah- 
lungen daran  schuld?  Näher  liegt  es  wohl,  diese  Wirkung  den  Ghem 
mikalien  zuzuschreiben,  deren  zu  jenen  Individuen  gelangte 
Dosis  zu  klein  war,  um  sofort  zu  töten,  aber  genügt,  um  im 
Nervensystem  Lähmungen  hervorzurufen.  Die  langen  Flüge  erfordern 
aber  zunächst  einen  bedeutenden  Energie vorr at ,  und  dieser  muß  ts. 
fehlen,  wo  Vögel  sich  von  Würmern  nähren  und  diese  infolge  der 
Durchgiftung  des  Bodens  allzu  spärlich  geworden  sind.  Ander- 
seits kann  in  Betracht  gezogen  werden,  daß  in  diesen  den  natur- 
widrigen Aktionen  folgenden  Phänomenen  destruktive  Strahlungen 
und  Stoffe  zusammenwirken  und  selbst  Wechselbeziehungen  möglich 
sind  $  9), 
9).. 

oJ:?1110?  liesS  die  PraSe  bei  den  "radiomimetischen" 
Stpen,  deren  Verhalten  als  eine  Art  Nachahmung  des 

Januar  Iskolß^^^^^^^&J^TA 


71 

der  Exaktheit  oinor  oo  exakten  "Wiooonoohaf t  wie  der  Chemie 

annehmen,  da  die  Zuerkennung  der  primären  oder  der  sekun- 
dären Holle  in  der  Deutung  der  beiden  Faktoren  w^w*  am 
Deutenden  liegt.  Die  Deutung  ist  nämlich|uiakehrbar,  da  die 
Strahlen  als  sekundär  und  gleichsam  als  Nachahmer  von 
Stoffen    aufgefaßt  und  etwa  als  "hylomimetisch"  bezeichnet 
v/erden  könnten, 

Zu  den  tiefgreifenden  Änderungen,  die  das  neu  herausgebilde- 
te System  und  dessen  Praxis  zur  Folge  hat,  gehört  auch  eine 
nie  geahnte  Umkehrung  von  Hechtsbegrif f'en.  Nie  und  nirgends  hat* 
te  jemand  als  berechtigt  gegolten,  das  Vieh  seines  Nachbarn 
zu  töten  oder  auch  nur  zu  schlagen  oder  fremde  Felder  zu  be- 
schädigen, Nun  ist  ein  Maßstab  der  Tötung  entstanden,  für  den 
es  Eigentumsgrenzen  nicht  mehr  gibt,  auch  nicht  in  Ländern, 
in  denen  das  Privateigentum  dreimal  he ^^^l"^-  i^f^g*1  der 
legalen  Situation  ist  da  Recht  und  Praxis/\und  öffentlicher 
Institutionen  verwickelt;  Gemeinde,  Provinz  und  Staat  sind 
zuweilen  verschiedener  Meinung,  aber  umfassende  Vernichtungs- 
aktionen gehen  meistens  recht  einheitlich  und  ungestört  von- 
statten. Ziemlich  selten  kommt  es  zu  Schadenersatzklagen, 
weil  die  moderne  Routine  sie  zu  vermeiden  weiß, 

üuch  eine  andere  Rechtsgrundlage  hat  sich  stark  verscho- 
ben. Als  die  Alten  von  heute  jung  waren,  hatten  nur  Chemiker 
und  Apotheker  legalen  Zutritt  zu  Giften,  und  auch  ihre  Manipula- 
tionen waren  recht  scharf  bewacht.  Verglichen  mit  den  teuflische. 
Substanzen  von  heute  waren  jene  zwar  nicht  harmlos,  aber  eher 
primitiv  und  für  iviassenmord  schlecht  geeignet.  Mit  den  Produkten 
der  modernen  Laboratorien  beschäftigen  sich  hingegen  Zahllose, 
von  denen  v/eder  eine  besondere  Befähigung  noch  eine  amtliche 
Lizenz  verlangt  wird. Es  sind  Arbeiter  und  Angestellte  jener 
riesengroßen  und  bescheidenerer  Fabriken  oder  Winkelbetriebe, 

ferner  Transportarbeiter,  Kleinhändler,  P0stboten,  landwirt- 
scnaftliche  Arbeiter  und  ganze  Bauernfamilien.  Nicht  alle  haben 
eine  Ahnung  davon,  womit  sie  in  Berührung  kommen  und  was  es  ist, 
wovor  auch  gute  Verpackung  nicht  immer  schützt.  Bei  dieser  Preis- 
gabe der  schlimmsten  Gifte  an  die  Allgemeinheit  und  der  Allge- 
meinheit an  die  Gifte  wirkt  es  eher  als  Ironie,  daß  die  Vorsichts- 
maßnahmen innerhalb  der  Apotheke  noch  aufrechterhalten  k±s±too: 
werden. 


72 

Doch  nicht  allein  diejenigen,  durch  deren  Hände  die  neuen 
chemischen  Waffen  gehen,  sind  von  ihnen  bedroht.  In  einem  von 
zerstörerischen  Strahlungen  durchzogenen  und  von  so  mächtigen 
Chemikalien  durchgifteten  Lebensraum  mußte  auch  der  Sieger  in 
manchen  Beziehungen  zum  Besiegten  werden.  Die  Fälle  von  Tod  und 
Verkrüppelung^hnungslosen  Erwachsenen  und  Kinder,  die  mit  sol- 
chen Giften  oder  auch  nur  mit  leerem  Packmaterial  in  Berührung 
kommen,  würden  die  Schuldigen  zwar  lieber  verschweigen,  aber  sie 
sind  längst  allgemein  bekannt.  Immerhin  ist  Unglück  dieser  Art 
bisher  auf  Einzelfälle  beschränkt  geblieben.  In  die  Zukunft  blicken 
können  wir  nicht,  zumal  die  Erzeugung  dieser  Tötungsmittel  erst  x 
unlängst  begonnen  hat  und  die  Anwendung  der  vielen  neuen  und  neu- 
esten jeder  Erfahrungsgrundlage  entbehrt,  so  daß  auch  die  amtliche 
Freigabe  der  neuen  Gifte  zur  Verwendung  höchst  anfechtbar  erscheint 
Die  Besorgnis,  daß  wir  die  schwersten  genetischen  Folgen  zu  gewär- 
tigen haben,  zieht  immer  weitere  Kreise.  Die  interessierte  Industrie 
die  nicht  nur  für  ihre  wissenschaftliche  Arbeit,  sondern  auch  für 
ihre  Propaganda  tüchtige,  z.f.  sogar  prominente  Fachleute  beschäf- 
tigt, sieht  sich  genötigt,  das  Publikum  möglichst  autoritativ  be- 
ruhigen zu  lassen.  So  geben  sich  auch  anerkannte  Gelehrte  dazu  her, 
in  Wort  und  Schrift  zu  beschwichtigen  ,  Vorzüge  der  tötlichen  Sub- 
stanzen  zu  behaupten  und  um  Beweise  für  den  Widersinn  zu  bemühen. 
Inzwischen  freilich  mehren  sich  harte  Tatsachen.  Der  Umstand,  daß 
iriloten,  die  das  Unheil  über  Felder,  Teiche  und  Bäche  sprühen, 
gerade  in  ihren  männlichen  Punktionen  Schaden  nehmen,  gehört  zu 
denjenigen,  die  auf  die  genetischen  Gefahren  deutlich  hinweisen. 
Die  Bedeutung  anderer  Gefahren  scheint  sich  vorläufig  auf  Einzel- 
fälle zu  beziehen^:  10). 

10)  Piloten  sind  auf  solchen  Flügen  wiederholt  in  einer  bisher 
unerklärten  Weise  abgestürzt,  wovon  die  Öffentlichkeit  allerdings 
?/enig  erfahren  hat.  Der  Grund  dürfte  in  Siniiesverwirrung  zu 
suchen  sein,  bzhw.  in  der  direkt  lähmenden  'Wirkung  der  Gifte 
auf  Gehirnzentren;  ob  der  Tod  der  Piloten  dem  Absturz  nicht  etwa 
vorausging,  hätte  sich  feststellen  lassen. 

S©oh  di©  Befürchtung,  die  heute  die  Meisten  befallen  hat, 

bezieht  sich  auf  den  Krebs,  der  seit  dem  Aufblühen  der  Industrie 
des  chemischen  Todes  unaufhaltsam  zunimmt.  Was  sich  jetzt  vollzieht, 
könnte  das  Anfangs Stadium  einer  viel  böseren  Ausbreitung  werden, 
weil  nicht  viel  Phantasie  dazu  gehört,  sich  vorzustellen,  daß 
dieselben  Eingriffe  in  die  Physiologie  unserer  Zellen,  die  von 
Radiationen  und  Chemikalien  bisher  nur  in  Einzelfällen,  wenn  auch 
in  zunehmend  zahlreichen,  bewirkt  wurden,  epidemischen  Charakter 


annehmen  können.  Der  Krebs^  als  Massenkrankheit  auch  eine  von 
mehreren  katastrophalen  Folgen  unserer  Tötungssucht  und  Profit- 
gier werden  oder  er  könnte  seine  "bisher  manifesten  Eigenschaf- 
ten ändern,  Wie  die  angewandten  Agentien  selbst  neu  sind, 
könnten  sie  außer  der  Sxtensivierung  und  Intensivierung 
existierender  Übel  auch  gänzlich  neue  Reaktionen  herbeiführen, 
deren  weitere  Auswirkung  auf  drastische  phylogenetische  Ver- 
kümmerung der  Menschenrasse  hinauslaufen  könnte^.  Mit  solchen 
Erscheinungen  wüßten  wir  gewiß  nicht  viel  anzufangen,  zumal 
wir  es^^em  alten  Krebs  gegenüber  zwar  zu  einer  gut  f unktiojaaaaBBSBf 
nierenden  Diagnostik  gebracht  haben,  aber  etiologisch  aus  dem 
Stadium  der  Versuche  und  Hypothesen  noch  nicht  hinausgelangt 
sind  und  therapeutisch  seit  Generationen  außer  der  Chirurgie 
noch  nichts  eigentliches  besitzen,  abgesehen  von  Fastenkuren, 
mit  denen  Matur heilkundige  beachtenswerte  Erfolge  hatten. 
Vielleicht  sind  wir  überhaupt  auf  dem  Holzwege,  wenn  wir  nach  h± 
einem  bestimmten  Zusammenhang  zwischen  den  Chemikalien  und 
der  Krebsbildung  suchen.  Sffie  es  der  neuen  Gifte  so  viele  gibt, 
können  auch  ihre  Einwirkungen  mehrfach  sein  und  auf  verschie- 
denen v/egen  erfolgen,  was  wir  schom  einigermaßen  kennen,  ist  die 
Fähigkeit  unserer  Leber,  manche  der  eindringenden  Feinde,  bis 
zu  einem  gewissen  Grade  wahrscheinlich  auch  an  sich  karzinogene 
Substanzen,  durch  ihre  Enzyme  entgiftend  abzuwehren.  Aber  die 
arme  Leber  ist  selbst  allerhand  Angriffen  ausgesetzt.  Scnon  ihre 
schv/ere  Überanstrengung  durch  das  ihr  aufgezwungene  Hingen  mit 
einer  plötzlich  vervielfachten  Zahl  von  Krankheitserregern, 
vor  allem  mit  völlig  neuartigen,  mit  denen  unsere  Abwehrkräfte 
sich  nie  zu  messen  hatten,  ist  ein  schlimmer  Angriff,  der 
genügen  würde,  neoplasmatische  Entartung  dieses  unsagbar 
wesentlichen  Organs  zu  erklären.  Darüber  hinaus  ist  nicht  abzuwa- 
schen, durch  welche  der  vielen  in  Betracht  kommenden  Einfalls- 
tore unsere  neuen  Feinde  nocbjä  indringen  könnten.  Demnach  ist 
einfach  jede  pathologische  Veränderung  als  phylogenetische  Folge 
unseres  Umgangs  mit  den  im  Grunde  unbekannten  Kräften  vorstell- 
bar. Es  ist  für  die  Spezies  Mensch  eine  der  furchtbarsten 
Aussichten. 

Ein  Kampf,  in  dem  einer  sich  für  vielfach  stärker  hält, 
in  dem  aber  die  Waffe f  auf  die  er  seine  Hoffnung  gesetzt  hatte, 


74 

sich  als  Bumerang  herausstellt,  ist  tragisch  genug,  wenn 
der  Verfolger  selbst  verfolgt  zu  sein  glaubte  oder  es  gar  war. 
Wenn  er  aber  einen  geschlagenen  und  für  tot  gehaltenen  Gegner 
mit  erneuter  Kraft  aufstehen  sieht,  kann  er  mit  Grauen  an 
geheimnisvolle  Mächte  glauben,  die  schützend  dem  Feinde  bei- 
stehen« Und  noch  schlimmer  als  die  Opfer  und  Verluste  mag 
für  den  verzweifelten  Angreifer  die  Vergeblichkeit  einer 
Offensive  sein.  Denn  die  mit  den  satanischen  Giften  massakrier- 
ten Insekten  und  andere,  die  gelähmt,  verkümmert  und  fast 
lebensunfähig  davonkommen,  haben  eine  kurze  Lebensspanne, 
ihr  Generationswechsel  vollzieht  sich  rasch;  doch  irgend  etwas 
ist  in  diesen  kurzlebigen  Generationen  vor  sich  gegangen 
und  auf  einmal  sind  die  gemeuchelten  Arten  wieder  da.  Die 
Wissenschaftler  der  Ausrotbingsindustrie  kratzen  sich  die 
Köpfe,  mischen  neue,  womöglich  noch  intensivere  Gifte.  Sie  lauBßi 
hoffen  nicht  mehr  aufs  Spiel  zu  setzen  als  in  früheren  Schlach^E 
ten  desselben  Krieges  und  sehen  nach  wie  vor  dem  Endsieg  ent- 
gegen. Andere,  die  diesen  nicht  ernstlich  erhoffen,  wollen 
jedenfalls  den  Krieg  fortsetzen,  um  die  Rüstungsindustrie 
und  die  Profite  in  Gang  zu  halten. 

Alle  forschen  nach  den  Ursachen  der  rätselhaften  Auf- 
erstehung und  des  unerwarteten  neuen  Widerstandes.  Fromme 
Landwirte  denken,  ob  es  ihnen  gut  oder  schlecht  gehe,  in 
theologischen  und  teleologischen  Kategorien.  Hingegen  suchen 
die  Helfer  der  Industrie  keinen  überlegenen  Intellekt  hinter 
dem  Vorgang.  Sie  schließen  sich  iijdieser  Frage  objektiv  gesinn- 
ten Forschern  an,  und  die  meisten  von  diesen  denken  an  das  er- 
wähnte entgiftende  Enzym,  das  die  verfolgten  Arten  in  ihrer  Not 
mobilisiert  haben  konnten,  und  eine  solche  Erklärung  ist 
verhältnismäßig  einleuchtend.  Dieses  Enzym  wird  seit  den  Anfang oo. 
jener  Arten  vorhanden  gev/esen  sein,  vorher  aber  eine  andere 
Funktion  gehabt  haben  und  nun  gegen  den  größten  Feind  mobili- 
siert worden  sein,  dem  es  durch  Fermentation  einigermaßen  bei- 
kommt. Es  ist  wohl  auch  nicht  ausgeschlossen,  daß  sich  in  der  he 
normalen  Physiologie  der  Insekten  mehrere  rasche  Änderungen 
abgespielt  haben,  Funktionswechsel  innerhalb  mehrerer  Organe, 
die  Anpassung  an  die  äußerst  erschwerten  Lebensbedingungen 
ermöglichen,  vielleicht  eine  Art  eingeschränkter  Fortsetzung 
des  Daseins  ohne  die  durch  die  Vergiftung  m^&^SSmmtmm  Orga- 
ne, oder  Teilung  des  Organismus  in  tote  und  lebende  Partien. 


75 

Obwohl  das  nicht  v/under  im  religiösen  Sinne  sind,  wird  man 
nicht  umhin  können,  die  lebenserhaltende  Natur,  wie  immer 
sie  es  gemacht  habe,  aufs  neue  staunend  zu  verehren. 

Wie  der  ü'eldzug  aus  sublogischen  Motiven  hervorge- 
gangen und  auf  falsche  Logik  gegründet  ist,  ist  auch  die 
Konsequenz,  die  man  aus  dem  großen  Pehlschlag  zieht,  nur 
von  Gewinnsucht  und  Unmenschlichkeit  diktiert,  aber  kurzsichtig 
und  sicherlich  zu  neuen  Niederlagen  verurteilt.  Grausamkeit 
ohne  Rationalität  wird  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  auch 
das  Schicksal  neuer  Ausrottungsträume  bestimmen.  In  Auschwitz 
haben  die  Gamma-Strahlen  den  Sterilisierungsprof essoren  alle 
Ehre  gemacht,  weil  die  Widerstandskraf t  des  menschlichen 
Organismus  gegen  das  tückisch  Neue  viel  schwächer  ist  und 
Anpassungsfähigkeit  auf  eine  enge  Auswahl  von  Bedingungen 
beschränkt  zu  sein  scheint.  Bezüglich  der  bedrohten  animali- 
schen Arten  läßt  sich  hingegen  nach  den  bisherigen  Erfahrun- 
gen hoffen,  daß  sie  auch  den  andern,  nicht  chemischen,  sondern 
physikalischen  Greueln  entgehen  werden,  wie  der  umfassenden 
i.iassentötung  durch  Überschallelektronik.  Die  Wirksamkeit 
neuer  chemischer  Sterilisierungsmittel  ist  ebenfalls  noch 
zweif elhaf ter  als  ihre  voraussichtliche  Rückwirkung  auf 
den  keuschen. 

Dieser  Standpunkt  scheint  den  Interessen  der  eigenen 
Basse  entgegengesetzt  zu  sein.  Doch  was  sich  als  Kampf  zwischen 
unserer  Rasse  und  andern  Rassen  ausgab,  hat  sich  als  Kampf 
gegen  das  Leben  erwiesen.  Daraus  ergibt  sich  sowohl  die  prak- 
tische als  auch  die  sittliche  Notwendigkeit,  sich  fest  auf 
die  Seite  des  Lebens  zu  stellen. 

In  memoriam  Rachel  Carson 

In  ihrem  Leben  war  eine  Sendung  und  auch  ihr  Tod  war 
nicht  ohne  einen  Sinn. 

Die  konventionellen  Mitteilungen,  die  über  sie  in  einigen 
Nachschlagewerken  zu  finden  sind$  und  sich  von  einander  nur 
wenig  unterscheiden,  können  diesen  ruhig  überlassen  bleiben. 
Dieser  Zweig  der  Literatur  ist  durchaus  berechtigt  und  nütz- 
lich, denn  an  diesen  biographischen  Abrissen  ist  etwas.  Indem 
sie  Zeiten  und  Örtlichkeiten  von  Geburt  und  Tod  und  die  dazwi- 
schen liegende  Karriere  der  Studien  und  ihrer  Verwertung 


76 

notieren,  mit  den  Daten  des  Porschens,  Lehrens  und  Veröff entliefe 
chens  von  Büchern,  nebst  einigen  Berichten  über  deren  Erfolge, 
gehen  sie  das  Skelett  eines  Lebens.  Und  da  Skelette  einander 
ähnlicher  sind  als  die  Gesamtge stalten  der  Menschen,  könnten 
manche  Lebensdarstellungen  dieser  Art  fast  verwechselt  oder 
ausgetauscht  werden.  Das  sind  also  keineswegs  Fälschungen, 
es  ist  vielmehr  Realität,  wenn  auch  nicht  die  ganze.  Bis  an  & 
einen  gewissen  Punkt  verläuft  manches  überduchschnittliche 
Leben  so,  bis  jener  Tag  da  ist,  der  sowohl  im  Normalverlauf  als 
auch  in  der  Normaldarstellung  ausbleibt.  An  jenem  Tage,  oder 
in  jener  Nacht,  genügt  das  Erreichte  nicht  mehr,  man  mag  nicht 
im  selben  Geleise  fortfahren,  weil  man  nun  weiß,  daß  es  ein 
falsches  Geleise  ist.  Der  Mensch  hat  sich  selbst  entdeckt 
und  versteht  kaum  noch,  wie  er  das  Ziel,  das  sich  erst  jetzt 
deutlich  abzeichnet,  bisher  übersehen  konnte.  Dieses  Ziel  ist 
die  vielfach  größere  objektivierte  Projektion  seiner  selbst 
in  das  Werk.  Sein  Anblick  gibt  einen  nie  gekannten  Mut  und 
das  Begreifen  gibt  eine  nie  erfahrene  Sicherheit.  Die  Züge 
der  furchtbaren  Sphinx,  der  man  bange  gegenübergestanden 
war,  sind  nicht  mehr  dieselben,  sie  sind  vertraute  Wahrheit. 

Im  Leben  der  Rachel  Louise  Garson  kam  ein  großer  Tag, 
dem  ein  nicht  viel  kleinerer  vorausgegangen  war.  Sie  hatte 
der  Arbeit  gelebt;  hingebungsvolle  Naturforschung  und  die  Preude 
an  wissenschaftlichem  Lehren  mag  ihr  zuweilen  geholfen  haben, 
ihre  Praulichkeit  zu  vergessen.  Ihre  Liebe  war  offenbar  viel 
weiter,  gehörte  den  ±ke  uSi^i^8feMe"n  Kreaturen.  An  jenem  kleinen 
Tage  gab  sie  den  schönen  Beruf  auf,  um  einer  Berufung  zu  folgen. 
Daß  sie  nur  noch  Bücher  schreiben  wollte,  kam  gewiß  von  dem 
Verlangen,  zu  vielen  Tausenden,  indirekt  sogar  zu  Millionen 
zu  sprechen.  Der  große  Tag  aber  brachte  den  Umschwung  zu 
gänzlicher  Selbstlosigkeit,  zu  nahezu  selbstvergessener 
Arbeit  an  einer  Sache,  denn  diese  Sache  war  nun  erkannt. 

Es  war  die  Sachfe  der  gefolterten  Natur,  des  von  einem 
Milliardengeschäft  verfolgten  Lebens.  Den  Wesen,  die  in  keiner 
Sprache  für  ihre  Rechte  eÄreten  und  sich  gegen  die  Anklagen 
ihrer  unzugänglichen  Mörder  nicht  verteidigen  können,  erstand 
in  unserer  Generation  noch  vor  ihr  mancher  gerechte  Pürsprech. 
Außer  den  Verfolgern  des  Lebens,  den  Mitarbeitern  der  Vernich- 
tungsindustrie, waren  auch  viele  uneigennützige  und  objektive 


77 

Forschers^  um  die  Probleme  der  Beziehungen  zwischen  Mensch 
und  Itfatur  bemüht«  Ihre  Schriften  sind  zu  einer  Literatur  an- 
gewachsen, in  der  es  schon  schwer  fällt,  sich  auch  nur  klar 
zurechtzufinden,  geschweige  denn  f st  alles  zu  lesen  und  zu 
verarbeiten«  Die  erschöpfende  Bibliographie,  die  dem  wichtig- 
sten Buch  von  Kachel  Carson  folgt,  und  die  Gegenüberstellung 
zwischen  der  bibliographischen  Übersicht  und  ihrem  Buch  selbst, 
bezeugen  unverkennbar,  wie  sie  in  umfassender  Kompilation  und 
zugleich  in  höchst  eigenen  Forschung  und  Gedankenarbeit  vorge- 
gangen war,  um  aus  den  Leistungen  vieler  Einzelnen  und  den 
eigenen  Ergebnissen  das  entscheidende  Gesamtwerk  zu  machen. 
"Silent  Spring"  mm  fckw  11)  mußte  sich  gegen  die  zuweilen  recht 

^"^Bei  Houghton  Mifflin,  Boston,  1« Auf läge  1962«  Im  selben 
Jahre  und  später  erschienen  weitere  Aufla.gen,  auch  in 
Paperback  (Grest  Books),  schließlich  Übersetzungen  in 
etwa  30  Sprachen. 

traurige  Polemik  und  eine  noch  traurigere  Verspottung  einfach 
darum  durchsetzen,  weil  es  durch  und  durch  echt  und  den  grau- 
sigen Tatsachen  getreu  ist. Wie  die  Aktionen,  die  es  bekämpft, 
wurde  auc&  dieses  Buch  zu  einem  der  Phänomene,  die  unsere 
Zeit  charakterisieren. 

So  öffnete  sie  Augen  ohne  Zahl,  auch  halb  offene  wie 
die  meinen,  die  schon  gesehen  hatten,  was  zwischen  dem  Menschen 
und  der  flatur  vorging,  denen  aber  erst  sie  den  vollen  Umfang 
der  Untat  und  ihrer  Rückwirkung  auf  den  Menschen  zeigte.  Doch 
wenn  sie  später,  als  es  allzu  schwer  wurde,  der  Gegenoffensive 
der  mächtigen  Industrie  standzuhalten,  den  geraden  Rücken  ein 
wenig  neigte,  indem  sie  zugab,  ganz  ohne  Zerstäuben  gehe  es  nicti; 
und  sie  sei  nur  gegen  das  wahllose  Zerstäuben,  so  war  das  sicher— | 
lieh  ein  schmerzliches,  ihren  reinen  und  intensiven  Gefühlen 
abgezwungenes  Zugeständnis.  Daher  wird,  wer  ihre  Menschlichkeit, 
ihre  Ideale  und  ihren  wissenschaftlichen  Standpunkt  tiefer  ver«t 
steht,  sich  weder  gedrängt  fühlen  noch  verpflichtet  finden, 
ihr  auch  in  diese  Abweichung  von  ihrer  Generallinie  zu  folgen. 
Die  Generallinie  ist  Stärke,  die  Abweichung  Schwäche,  und  wer 
weiß,  ob  diese  nicht  auch  physisch  verursacht  war,  zumal  die 
tödliche  Krankheit  schon  in  ihr  steckte  und  ihrem  Bewußtsein 
bald  zugänglich  geworden  war. 

wie  weit  ihr  Leiden  zurückreichte,  war  offenbar  auch 
damals  nicht  feststellbar,  doch  wenn  sie  in  ihrem  magnum  opus 


78 

den  Zusammenhang  zwischen  dem  chemischen  Krieg  gegen  die 
Insekten  und  den  rapid  zunehmenden  Krebsfällen  unter  den 
Renschen  mit  solchem  Nachdruck  wiederholt  hervorhob,  war  es 
fast  unmöglich,  sich  des  Eindrucks  zu  erwehren,  daß  sich  hinter 
der  objektiven  Warnung  schmerzliche  eigene  Erfahrung  barg. 
Vor  dem  Verderben,  dem  sie  sich  nicht  mehr  entwinden  konnte, 
wollte  sie  ihre  Mitmenschen  schützen.  Oder  sollte  die  tödliche 
Erkrankung  sie  erst  im  nachhinein  überfallen  haben,  wie  um  dem 
von  ihr  aufgezeigten  Zusammenhang  zu  unverkennbarer  Bestätigung 
zu  werden  ? 

An  14. April  1964  ging  sie  selbst  in  den  schweigenden 
Frühling  ein.  Ein  Jahr  und  ein  paar  Tage  vorher  war  ihren 
Lesern  eine  willkommene  Ergänzung  und  vielen  Ahnungslosen  eine 
Enthüllung,  als  sie  im  Bildfunk  des  Columbia  Broadcasting  System 
die  nach  ihrem  Tode  von  den  New  York  Times  wiedergegebenen 
Erklärungen  abgab  :["Es  ist  die  Öffentlichkeit,  von  der  verlangt 
wird,  die  von  den  Insektenbekämpf ern  errechneten  Gefahren  auf 
sich  zu  nehmen.  Die  Öffentlichkeit  hat  zu  entscheiden,  ob  sie 
auf  dem  bisherigen  Wege  fortfahren  will,  und  das  kann  sie  nur 
dann  tun,  wenn  sie  volle  Kenntnis  der  Tatsachen  besitzt.5' 

"Wir  sprechen  immer  noch  so,  als  ginge  es  um  Eroberung. 
SÄTir  sind  noch  nicht  reif  genug,  um  uns  als  winzigen  Teil 
eines  unermeßlichen  und  unglaublichen  Universums  zu  betrachten. 
Die  Beziehung  des  Menschen  zur  Natur  ist  heute  entscheidend 
wichtig  geworden,  einfach  darum,  weil  wir  jetzt  eine  schicksal- 
hafte Macht  erlangt  haben,  die  Natur  zu  verändern  und  zu  zer- 
stören. " 

"Der  Mensch  ist  aber  ein  Teil  der  Natur,  und  sein  Krieg 
gegen  siefist  unvermeidlich  ein  Krieg  gegen  ihn  selbst.  Der 
Hegen  ist  zu  einem  Mittel  geworden,  die  tödlichen  Produkte 
der  Atomexplosionen  aus  der  Atmosphäre  herabzubringen.  Vom 
Wasser,  das  gewiß  unsere  wichtigste  Naturgabe  ist,  wird  jetzt 
ohne  Unterlaß  unglaublich  rücksichtsloser  Gebrauch  gemacht'1. 

"Nun  glaube  ich  wirklich,  daß  wir,  diese  Generation, 
zu  einem  Ausgleich  mit  der  Natur  gelangen  müssen,  und  ich 
meine,  daß  von  uns  gefordert  wird  wie  nie  zuvor  von  der 
Menschheit,  zu  beweisen,  daß  wir  reif  sind  und  Beherrschung 
besitzen,  nicht  über  die  Natur,  sondern  über  uns  selbst." 

Julian  Huxley,  der  die  Ausgabe  des  "Silent  Spring"  für  Eh 


79 


England  mit  einem  Vorwort  versah,  schrieb  wenige  Tage  nach 
ihrem  Tode  in  den  New  York  Times:  "Als  ich  meinem  Bruder 
Aldous  die  Tatsachen  erzählte,  sagte  er: Wir  zerstören  die 
Hälfte  von  den  Grundlagen  englischer  Dichtung." 


Ein  ttöLguswbmßM 


Ausblick /9<c    >  u-r) 


Die  alte,  längst  vergessene  Degenerationstheorie , 
nch  der  dem  frühesten  Menschen  die  höchste  Offenbarung  und 
Erkenntnis  Gottes  zuteil  geworden  ist,  mit  der  es  dann  von  Stufe 
zu  Stufe  abwärts  ging,  hat  etwas  für  sich.  Hur  müßte  sie  der 
religiongescfeichtlichen  Gasubla  entkleidet  werden,  um  durch  ! 
viel  allgemeinere  Anwendbarkeit  zu  einer  der  einigermaßen 
brauchbaren  Evolutionshypothesen  beizutragen, Davon,  was  dann  m 
noch  von  ihr  übrig  bliebe,  müßte  die  ganz  einseitig  pessimisti- 
sche Auffassung  der  Entwicklung  als  dauernder  Abwärtsbewegung 
durch  die  landläufige  Idee  der  einfachen  Aufwärtsbewegung 
ergänzt  werden,  um  einer  aus  unvoreingenommener  prähistorisch- 
historischer Erfahrung  gewonnenen  Kritik  standzuhalten. 

f  I 

Denn  so  war  es.  Nicht  nur,  daß  umfassender  Austieg  und  umfassend 
der  Niedergang  einander  ablösten,  sondern  innerhalb  des  gesam- 
ten Habitus  des  kenschen  und  der  Gesellschaft  vollzogen  sich 
beide  Bewegungen  gleichzeitig,  so  daß  dem  Verfall  einer  Kompo^ss: 
nente  des  menschlichen  Daseins  der  Aufbau  einer  andern  entsprach 
oder  die  Waage  hielt.  Da  das  Bekenntnis  zu  unvoreingenommener 
Forschung  uns  verbietet,  uns  aus  Furcht  vor  Konsequenzen  einer 
Realität  zu  verschließen,  dürfen  wir  nicht  zurückweichen, auch 
wenn  auf  dem  Horizont  hohler  Nihilismus  auftaucht.  So  müssen 
wir  die  Entwicklung  als  das  ansehen  ,  als  was  sie  sich  immer 
wieder  bietet,  als  unablässiges  Auf  und  Nieder,  dessen  Anfang 
so  unsichtbar  ist  wie  das  Ende.  Wir  können  nur  einzugreifen 
versuchen,  indem  wir    durch  uns  selbst  und  mit  dem  Einsatz 
unserer  schöpferischen  Kräfte  den  einen  Vorgang  fördern,  den 
andern  hemmen. 

Die  Fragen,  denen  wir  jetzt  gegenüberstehen,  erfordern 
in  erster  Linie  zur  Ergänzung  des  im  Abschnitt  "Zur  Psychologie 
der  Tötung"  Gesagten  einen  unschematischen  und  möglichst 
vorurteilslosen  tfückblick  auf  die  Beziehung  des  kenschen 
zum  Tier.  Die  Geschichte  dieser  Beziehung  würde  ich  in  drei 
Hauptabschnitte  einteilen,  die  durch  das  Vorwiegen  je  eines 


79a 


Der  Wolf  wird  mit  dem  Lamm  wohnen,  der 
Tiger  mit  dem  Zicklein  lagern,  das  Kalb,  der  junge 
Löwe  und  das  junge  Mastvieh  gehen  zusammen  und 
ein  kleines  Kind  führt  sie.  Die  Kuh  wird  mit  dem 
Bären  weiden,  zusammen  werden  ihre  Jungen  lagern 
und  der  Löwe  wird  wie  das  Rind  Gras  fressen.  Ein 
Säugling  wird  am  Loch  der  Giftschlange  spielen, 
ein  Kleinkind  seine  Hand  in  die  Höhle  der  Viper 
stecken.  Auf  meinem  ganzen  heiligen  Berge  wird 
man  nicht  böse  handeln  noch  zerstören,  denn  die 
Erde  wird  des  Wissens  Gottes  voll  sein  wie  das 
Wasser  das  Meer  erfüllt. 

// 

Jesaja  5s,6-9 


80 

Inhalts  oder  je  einer  Qualität  dieser  Beziehung  charakterisiert 
sind:  a)  Relativ  friedliches  Zusammenleben,  b)  Jagd,  c)  Krieg 
gegen  die  Konkurrenten, 

vir  müssen  den  Versuch  eines  kurzen  Überblicks  mit  der 
zweiten  Ära  beginnen,  weil  es  die  Jagd  ist,  durch  deren  künst- 
lerische Reflexe  und  direkte  Darstellungen  das  Dunkel  unserer 
Vergangenheit  die  erste  starke  Aufhellung  erfährt  und  durch  die 
das  Bild  als  Dokument  zugleich  zum  Vorläufer  der  Schrift  wird, 
JJie  Kulturen  des  jungem  Paläolithikums  in  Westeuropa  und  ihre 
nordafrikanischen  Ausläufer  geben  im  Anschluß  an  eine  Serie  bild- 
hauerischer Ausdrücke,  in  denen  das  Tier  noch  selten  in  Erschei- 
nung tritt  und  das  Weib  als  Thema  der  Interessen  des  Mannes 
vorherrscht,  durch  Malereien  in  Höhlen  und  an  Felswänden 
beredten  Einblick  in  die  Erlebnisse  und  Wünsche  des  Jägers. 
Diese  Gemälde  waren  es,  die  zu  der  bereits  erklärten  Fehlbeurtei- 
lung als  Dokumentation  des  gesamten  Paläolithikums  führten, 
nicht  allein  seiner  spätem  Epochen.  Im  Hinblick  auf  diese 
Hauptwerke  der  steinzeitlichen  Malerei,  die  im  vorigen  Jahr- 
hundert bekannt  wurden,  war  es  allzu  leicht,  den  Menschen  als 
ursprünglichen  Karnivoren  zu  deuten,  wenn  man  nicht  in  Betracht 
zog,  daß  diese  Malereien  eine  anthropologische  Spätzeit  reprä- 
sentieren. 

Der  früher  dargestellte  Abstieg  der  vorzeitlichen  Men- 
schen von  den  Bäumen  hinterließ  in  ihren  Nachfahren  die  Vor- 
stellung vom  einstigen  Leben  als  Erinnerung  an  ein  verlorenes 
Paradies  und  eine  in  tieferen  Schichten  der  Seele  fortlebende 
Sehnsucht.  Ein  Widerstand  gegen  jenen,  schon  im  späten  Diluvium 
offenbar  restlos  verallgemeinerten  Umschwung  läßt  sich  dement- 
sprechend in  zahllosen  Ausdrucksformen  der  Legende,  der  Kunst 
und  der  Literatur  sowie  in  einzelnen  Zügen  der  Religionen 
nachweisen.  Ein  Empfinden  für  das  dem  Menschen  nicht  Gemäße 
einer  jagenden,  tötenden  und  zerfleischenden  Lebensweise 
spiegelt  sich  wohl  in  manchen  religiösen  Einschränkungen, 
doch  noch  mehr  in  einer  erstaunlichen  psychologischen  Opposi- 
tion, in  Kundgebungen  inniger  Vertrautheit  mit  dem  Tier. 
Obwohl  die  Annahme  von  der  Nützlichkeit,  ja  ünentbehrlichkeit 
der  Pleiscinahrung  die  Majorität  derart  beherrscht,  daß  nur 
eine  kleine  Minorität  zur  friihpcsfpn  tök. 

_  zui  iruhesten  Lebensweise  zurückgekehrt 

ist,  und  ohne  zu  wissen,  daß  es  eine  Rückkehr  war,  hat  es 


81 


auch  in  der  Philosophie  und  insbesondere  in  der  Ethik  und 
im  Leben  mancher  bedeutenden  Menschen  alter  und  neuerer  Zeiten 
an  mehr  oder  minder  bewußtem  Verständnis  für  das  Gesetz  unserer 
Art  nicht  gefehlt.  Dennoch,  trotz  allen  Gegenkräften,  sind 
Jagd  und  Eleischnahrung  vorherrschende  Züge  der  letzten 
100.000  Jahre  geblieben. 

Der  v/unsch,  sich  vom  Tier  zu  nähren,  hat  zwar  im  Laufe  der 
Zeit  noch  v/eitere  Ausartung  erwiesen,  indem  die  Jagd  unter 
Vorantritt  der  oberen  Klassen  noci^viel  tiefer  gesunken  und 
zu  einem  Sport  geworden  ist,  wie  auch  die  Fischerei  mit  ihrem 
gruseligen  Zubehör  nicht  unter  innerem  Widerstand  betrieben, 
sondern  wegen  ihrer  angeblich  beruhigenden  Wirkung  empfohlen 
wird.  Die  Verheerung,  die  durch  die  jagende  Verfolgung  unter 
der  Tierwelt  unaufhörlich  angerichtet  wird,  ist  jedoch  trotz 
ihrer  zuweilen  schier  unglaublichen  Massenhaf tigkeit  und  trotz 
der  das  Töten  so  schäbig  erleichternden  modernen  Technik 
eher  primitiv  zu  nennen,  wenn  man  sie  mit  den  Tötungsprogrammen 
und  der  Tötungstechnik  vergleicht,  die  erst  in  der  dritten 
Periode  der  Mensch-Tier-Beziehung  eingesetzt  haben.  '.Venn  wir  in 
diesem  Zusammenhang  von  der  früher  aufgedeckten  psychologischen 
Tötungstendenz  absehen,  fällt  die  mehr  oder  weniger  auch  offi- 
ziell adoptierte  Motivierung  auf,  daß  eine  Reihe  von  Insekten 
in  die  »Sphäre  unserer  Landwirtschaft  eingedrungen  sind  und 
uns  wirtschaftlich  geschädigt  haben.  Es  ist  also  ein  Konkur- 
renzverhältnis, das  ihnen  unverhüllt  zum  Vorwurf  gemacht  wird. 
Wir  übersehen  dabei  zunächst,  daß  es  im  Grunde  um  einen  genau 
umgekehrten  Sachverhalt  geht,  weil  ja  wir  um  viele  Millionen 
Jahre  später  auf  diesem  Planeten  aufgetaucht  sind  als  die 
meisten  Insektenarten,  und  später  auch  als  die  von  uns  ver- 
folgten Fische  und  Säugetiere«  Bei  näherer  Untersuchung  stellt 
sich  aber  oft  genug  die  Beschuldigung  als  ausgesprochen  falsch 
heraus,  und  auch  in  dieser  Hinsicht  verdanken  wir  Rachel 
Carson  bedeutungsvolle  objektive  Richtigstellungen.  Es  muß 
übrigens  auffallen,  daß  die  ganz  auf  freie  Konkurrenz  gestellte 
Gesellschaft  noch  nirgends  so  ohne  eine  Spur  von  Menschlichkeit 
verfahren  ist  wie  gegen  die  der  Konkurrenz  Bezichtigten; auch 
wenn  es  in  Wirklichkeit  zuweilen  nicht  mehr  als  Belästigung 
ist,  die  doch  unter  Menschen  nie  mit  dem  Tode  bestraft  wird, 
jedenfalls  nicht  mit  Massenvertilgung.  Da  die  Chemie  auch 


82 

gegen  Pflanzen  Vernichtungskriege  führt,  u.zw.  sowohl  mit  den 
neuerdings  vorgezogenen  selektiven  Giften,  die  bestimmte  Pflan- 
zen umbringen,  als  auch  mit  denjenigen  herbiziggn^Gggueln,  die 
alles  pflanzliche  Leben  wailos  zerstören,  auch" dxej ernlgen^  die 
das  Erdreich  erhalten  und  Erosion  verhindern,  wird  die  Vegeta- 
tion in  die  ideologischen  Attacken  der  schonungslosen  Selbst- 
sucht und  in  die  auf  Konkurrenz  gegründeten  Anklagen  einbe- 
zogen. Das  einzig  Überzeugende,  das  von  der  gesamten  Natur- 
feindschaft nach  einiger  Prüfung  ihrer  Argumentation  übrig 
bleibt,  ist  das  Programm  gigantischer  und  immer  noch  größerer 
Profite,  das  die  künstliche  Anfachung  einer  chemischen  Hysterie 
braucht,  um  höchst  notwendig  zu  erscheinen,  das  also  ein  all- 
gemeines Gefühl  des  Angegriffenseins  und  des  Notstandes  er- 
zeugen und  so  zur  allgemeinen  Bereitschaft  führen  soll,  den 
Krieg  auf  möglichst  viel  von  allem  Lebenden  auszudehnen  und 
für  das  eigene  Interesse  auch  das  eigenste  zu  riskieren, 
nämlich  den  Portbestand  unserer  Art  in  einer  lebendigen, 
lebensfähigen  und  lebenspendenden  Naturumgebung, 

In  tiefste  Entartung  ist  der  homo  sapiens  auch  im  Norden 
der  Erde  verfallen,  in  Aktionen,  die  offizieller  Euphemismus 
als  Jagd  bezeichnet,  die  mit  dieser  aber  nur  Tötung  zwecks 
Beraubung  gemeinsam  haben,  jedoch  nicht  den  zahlenmäßigen  Um- 
fang noch  die  ethische  Abgründigkeit.  Alljährlich  im  März 
bedecken  sich  die  riesigen  Eisflächen  der  Nord-  und  Nordost- 
küsten Nordamerikas  fast  auf  einmal  mit  vielen  Scharen  neuge- 
borener Seehunde.  Pür  diese  Tierchen  mit  ihren  großen  Augen 
fühlt  der  Normalmensch  unv/illkürlich  Sympathie  und  es  ent- 
spricht eher  seinem  natürlichen  Wunsch,  sich  dieser  unschul- 
digen, lieblichen  und  wehrlosen  Wesen  anzunehmen.  Aber  bevor  sie 
sich  noch  in  dieser  Welt  umsehen  können,  kommen  auf  Schiffen  und 
von  der  Landseite  viele  Zweibeinige,  und  die  Luft  ist  voller 
Plugzeuge  und  Hubschrauber,  und  Knüttel  und  Keulen  gehen  über 
die  Köpfchen  der  Seehundekinder  nieder  und  sie  v/erden  aufge- 
schlitzt und  geschunden.  An  der  Mündung  des  St. Lorenz Stromes 
dürfen  gesetzlich  "nur"  50.000  neugeborene  Pelze  davonge schleppt 
werden,  die  der  Erwachsenen  sind  ganz  ungeschützt;  dann  geht 
an  die  neuf undländische  Küste  und  weiter,  wo  es  auch  für  das 
Niede^metzelnjnid  Häuten  der  Neugeborenen  keine  Beschränkung 
gibt.  ^w^mtMKKk  dauerte  die  Arbeit  an  den  50.000  nur  3 
läge,  jp@p  etwas  länger.  Die  Proteste  mehren  sich,  obwohl 


83  I 

sää  die  Presse  sich  mehr  als  flau  benimmt.  Doch  wird  der  Mei- 
nungsaustausch auf  ein  Nebengeleise  abgeschobeil,  von  der  I 
himmelschreienden  Tatsache  selbst  zu  den  Fragen  des  Grades 
der  Grausamkeit.  Als  ob,  wenn  man  sicher  sein  könnte,  daß 
die  Tierchen  von  den  Keulenhieben  wirklich  schon  tot  sind,  k  ' 
bevor  sie  aufgeschlitzt  werden,  bereits  alles  in  Ordnung 
wäre,  Von  der  so  grob  gefälschten  Thematik  der  Fragestellung 
läßt  man  sich  über  die  Ungeheuerlichkeit  ohne  weitere  Einwände 
hinwegtäuschen,  lie  in  Auschwitz  und  in  den  andern  Todeslagern,  I 
gab  es  anfangs  auch  unter  den  Schlächtern  des  hohen  Nordens 
diverse  Meinungen  über  die  zweckmäßigste  Methode,  Auf  dem  I 
Eise  arbeitete  man  erst  wild  mit  Fußtritten,  mit  Aufspießen, 
mit  raschem  Häuten,  mit  Ertränken;  das  Sterben  dieser  Lungen- 
atmer  des  Meeres  soll  aber  20  Minuten  dauern,  und  Zeit  ist  I 
Geld,  Ein  weißer  Pelz  bringt  8  Dollar.  Neben  andern  offiziellen 
Motivierungen  war  das  charakteristische  Argument  zu  hören, 
die  Seehunde  würden,  wenn  man  sie  alle  am  Leben  ließe,  zu  viel 
Fische  fressen;  was  aber  keineswegs  Besorgnis  um  die  Fische  istf'l 
sondern  um  die  Erträge  der  Fischerei.  So  daß  es  offenbar  die 
Konkurrenz  ist,  die  auch  hier  beim  Verlust  der  Identität  des 

Menschen  mit spieltxl 2). Immerhin  kamen  Vorschriften  heraus, 

12)  Ich  konnte  allerdings  nicht  ermitteln,  ob  Menschen  und 
Seehundft  sich  tatsächlich  von  denselben  Fischarten  nähren, 

gegen  das  Lebendschinden,  und  über  eine  gewisse  Länge  und 

Härte  der  Keulen,  und  4-8  amtliche  Aufseher  sollen  sHrs?  ZehntauescE 

sende  von  Behandlungen  der  Säuglinge  und  d^nrx w  ifwa< «Vi mm mmh- 

ihrer  Eltern  und  Geschwister  überwachen  und  für  die  Einhaltung 

der  Hegeln  sorgen  13 )• 

13)  Qualifizierende  Ausdrücke  würden  da  nicht  viel  weniger 
versagen  als  gegenüber  Auschwitz.  Können  offene  Augen  umhin, 
den  Zusammenhang  zu  sehen?  -  Der  Leser  sei  auf  eine  ATcucrSfyj. 
ccriftcinung  aufmerksam  gemacht,  Peter  Lust,  The  Last  Seal  Pup^' 
Harvest  House,  Montreal  1967.  Der  Autor  ist  sicher,  daß  diese 
Praxis  in  wenigen  Jahren  zum  Aussterben  der  Art  führen  muß. 

Auch  wo  der  Vernichtungsfeldzug  gegen  das  Tier  sich  in 
kleinerem  Maßstab  vollzieht,  können  die  Tatsachen  oft  nicht  i| 
mehr  diskutiert  v/erden,  ohne  daß  die  Frage  von  Sein  oder 
Nichtsein  ganzer  Arten  zum  Thema  wird.  In  einer  Press ephotogr 
graphie  sind  31  an  einen  Baum  gehängte  Wölfe  mit  4  Fallen-  | 
stellern  zu  sehen,  und  der  kommentierende  Text  bringt  Mei- 
nungen für  und  wider  großangelegte  Ausrottungspläne,  Wölfe 
können  gewiß  nie  unsere  Lieblinge  werden,  aber  ihre  Qualen 
in  der  Falle* ddas  Verdursten, Verhungern  und  Erfrieren  noch 


84 

vor  der  Tötung  sind  ihnen  dersrt  anzusehen,  daß  sie 
unversehens  an  menschliche  Märtyrer  erinnern,  die  solches 
von  menschlichem  Intellekt  und  Menschenhänden  erlitten 
haben. 

Es  wäre  vielleicht  am  Platze,  dem  Leser  wenig  bekannte 
Tatsachen  in  Erinnerung  zujruf  en  oder  von  unbekannten  zu 
berichten;  z.B.  weiß  der  Außenstehende  herzlich  wenig 
über  die  normale  Laboratoriumspraxis.  Doch  betrachte  ich 
es  nicht  als  mein  Ziel,  die  Greuel  an  sich  zu  bekämpfen, 
weil  das  vom  Menschen  aus  gesehen  nur  eine  Art  Palliativ- 
behandlung wäre.  Das  Ziel  ist  ein  Beitrag  zur  Rettung  des 
Menschen  aus  seinen  gegenwärtigen  Nöten  und  darüber  hinaus 
ein  Versuch,  unsere  eigentliche  Natur  zu  rekonstruieren. 
Erst  dann  wird  unsere  gesunde  Beziehung  zur  Natur  als  Kern 
der  Rekonstruktion  unser  selbst  wieder  lebendig  werden. 

Der  Kampf  gegen  das  Tier  als  Konkurrenten,  neben  dem 
der  alte  Kampf  um  das  Tier  als  Nährstoff  zwar  fortgesetzt 
wird,  wenn  auch  nicht  ohne  schmerzlich  beklagte  Schädigungen 
durch  das  neue  Programm,  hat  ssäs.  seinerseits  Vorläufer  im  Tier» 
reich.  Das  direkte  Erjagen  und  Zerfleischen  der  Beute  ist 
wohl  der  übliche,  aber  nicht  der  einzige  Weg.  Manche  jagen 
andern  Räubern  die  Beute  ab,  entreißen  sie  ihnen,  beteiligen 
sich  gewaltsam  am  Verschlingen,  üb  es  so  etwas  wie  ein  Besitz*: 
tum,  geschweige  denn  ein  Eigentumsrecht,  gibt  oder  nicht, 
tritt  die  Konkurrenz  in  Kraft,  wo  immer  eine  Möglichkeit 
erspäht  wirdx  ±£14-).  In  der  durch  keinen  Vertrag  einge- 
igt-) «Tie  uralt  und  wie  allgemein  diese  Erfahrung  ist,  in 
welchem  Maße  sie  also  die  Auffassung  vom  Instinkt  als 
Erfahrung  der  Art  zu  bekräftigen  geeignet  ist,  können 
wir  selbst  noch  am  Verhalten  von  Haustieren  beobachten, 
die  auch  dann,  wenn  ihnen  ihr  Bissen  von  niemandem  strei- 
tig gemacht  wird,  sich  mit  diesem  zumeist  irgendwohin 
zurückziehen,  wenn  auch  nur  wenige  Schritte  abseits. 

schränkten,  also  völlig  freien  Konkurrenz  kann  nur  der 
Stärkere  siegen,  um  dann  dem  noch  Stärkeren  zum  Opfer  zu 
fallen.  Außer  solchen  Schlachten  zwischen  Individuen  gibt  es 
im  Tierreich  Kriege  großen  Maßstabs  zwischen  Staaten,  wie 
zwischen  Insektennationen,  um  Land  oder  ganze  Länder,  und 
für  eine  der  konkurrierenden  Nationen  ist  der  Ausgang  in 
der  Regel  vernichtend. 

Von  ihnen  ist  hingegen  ein  Eigenlob  wie  daß  sie  die 
höchste  Rasse  und  die  Krone  der  Schöpfung  seien,  bisher  nicht 
bekannt  geworden,  Alle  handeln  einfach  nach  dem  Gesetz  ihrer 
Art,  darin  vom  Menschen  verschieden,  der  den  höchsten  Platz  in 
der  Rangordnung  der  Kreaturen  von  jeher  für  sich  in  Anspruch 
nimmt,  tfenn  wir  unserer  Spezies  diese  Stellung  lassen  sollen, 


85 

müssen  wir  allerdings  auf  dem  alten  Grundsatz  noblesse 
oblige  "bestehen  und  uns  gegn  die  Inkonsequenz  und  die 
doppelzüngige  Moral  verwahren,  die  das  Privileg  des  Niedrigsten 
zugleich  mit  dem  des  Höchsten  besitzen  und  ausüben  will. 
Wir  können  nicht  die  Arten  imitieren,  die  wir  für  tief  inferior 
zu  erklären  pflegen,  und  uns  gleichzeitig  über  alle  Geschöpfe 
stellen,  um,  von  zwei  einander  vervielfachenden  Egoismen, 
einem  materiellen  und  einem  geistigen,  angetrieben,  verviel- 
fachten Gewinn  einzuheimsen.  S¥ir  dürfen  mit  Tieren  tierisch 
oder  mit  Göttern  göttlich  sein,  wenn  damit  Qualitäten  definiert 
sein  sollen;  aber  unser  Hecht  dürfen  wir  nicht  je  nach  Bedarf 
in  beiden  Richtungen  drehen. 

Da  unser  in  der  Tat  unrühmlicher  Dualismus  uns  verwehrt, 
uns  unseres  Lebens  zu  freuen  und  als  Selbstvergeltung  des 
Tuns  im  indischen  Sinne (S.  )  uns  zu  zerstören  droht,  suchen 
wir  einen  logischen  und  sicheren  Ausweg,  Wir  können  ihn  finden, 
vtfir  müssen  uns  nur  auf  uns  selbst  besinnen,  auf  unsere  fried- 
liche, freundliche  und  kraftvolle  Natur,  zu  der  wir  noch 
zurückkehren  künnen. 

Das  muß  keineswegs  Rückfall  in  die  Primitivität  bedeuten. 
Es  war  der  Schatten  einer  solchen  Konsequenz,  der  die  licht- 
vollen Ideen  Jean  Jacques  Rousseaus  nicht  zu  konkreten  Weg- 
weisern der  Menschheit  werden  ließ.  Um  aus  dieser  Krise 
unserer  Essenz  und  unserer  Existenz  hinaus zugelangen,  müssen 
wir  uns  nur  ein  uns  adäquates  Leben  aufbauen.  Der  Wegweiser 
zu  einem  solchen  kann  nur  eine  unserer  unverfälschten  Natur 
gemäße  Ethik  sein.  Der  afrikanische  Elefant  hat  die  seiner 
Art  entsprechende  Gesellschaft,  Denkung sweise  und  Lebensweise; 
warum  sollte  es  uns  unmöglich  sein,  das  analoge  Gut  zu  erlangst 
gen  ?  Auf  das  allmenschliche  und  interanimalische  Recht  auf 
direkte  Notwehr  haben  wir  weder  in  unserer  Urzeit  verzichtet 
noch  brauchen  wir  ihm  künftig  zu  entsagen.  Wir  dürfen  unsere 
Selbstwehr  nur  nicht  drastisfah  überschreiten  und  aus  der  Über- 
schreitung die  herrschenden  Systeme  errichten,  wenn  wir  uns 
selbst  treu  sein  und  glücklich  v/erden  wollen. 

Es  widerspricht  nicht  dem  Prinzip  der  Notwehr  ,  wenn 
einsichtige  Naturforscher  uns  nahelegen,  eine  in  der  Natur 
vorgesehene  Methode  anzunehmen,  indem  wir  verschiedene 
Arten  ge^h  einander  ausspielen.  Offenbar  ist  es  in  der 


86 

durch  jahrmillionenlanges  Wirken  mit  einander  und  gegen  einander 
gestalteten  vVeltordnung  festgelegt,  daß  die  vielen  Gruppen, 
die  sich  gegnseitig  dulden  oder  verdrängen,  berauben  und 
fressen,  auch  zu  Regulatoren  der  ihnen  gegenüberstehenden 
Bevölkerungen  werden,  sie  eindämmen  und  ihre  Explosion  ver- 
hindern. In  der  letzten  Zeit  fest  mehren  sich  seltsame  Mach- 
richten über  kollektive  Selbstmorde  im  Tierreich^?),  die 

15)  Aus  den  antiken  Literaturen  ist  mir  nur  ein  Beitrag 
zu  diesem  Problem  erinnerlich,  die  Geschichte  vom  Selbst- 
mord der  Schweineherdt  in  Matth. 8,  28-32.  Dort  wird  das 
Vorkommnis  Dämonen  zugeschrieben,  die  aus  zwei  besessenen 
i.-ännern  in  die  Herde  gefahren  sind. 

vielleicht  auf  unser  3hm  zurückgehen.  Mag  sein,  daß  jene  Bevölteä 
kerungen  aus  Nahrungsmangel  zur  Selbst Zerstörung  gezwungen 
sind,  da  infolge  unserer  unmenschlichen  Einmischung  die  Feinde 
fehlen,  die  sie  in  Schach  hielten  und  vor  einem  die  gegebenen 
Ernährungsmöglichkeiten  übersteigenden  Zuwachs  schützten. 
Daß  das  System  des  gegenseitigen  Schutzes  vor  Übervölkerung 
da  und  dort  zusammenbricht,  scheint  sein  Vorhandensein  und 
seinen  Sinn  vom  Negativen  her  zu  bestätigen. 

Die  uns  vorliegenden  Empfehlungen,  deren  Nützlichkeit 
durch  überraschend  einhellige  Berichte  bereits  bewiesen  ist, 
würden  sich  in  das  Rahmenwerk  organischen  Lebens  und  Sterbens 
einfügen.  Sie  meinen  das  üusf indigmachen  und  Herbeiholen 
von  Arten,  die  sich  von  den  uns  gefährlich  gewordenen  nähren. 
Auch  Pflanzen  können  diese  Solle  des  natürlichen  Feindes 
übernehmen  16).  Biologische  Eingriffe  solcher  Art  sind  auch 
16)Einem  von  Rachel  Carson  zitierten  Beispiel  aus  Holland 
zufolge  waren  es  Dotterblumen,  die,  in  ein  vonFadenwürmern 
Nematodes ;  angegriffenes  Rosenbeet  gepflanzt,  diesen  Wür- 
mern die  Lebensbedingungen  entzogen  und  so  die  Rosen  auf- 
olunen  machten. 

Kriegshandlungen,  aber  weder  naturwidrig  wie  die  chemische 

Kriegsführung  noch  auch  mit  deren  sinnlos  in  alle  Windrichtun- 
gen rasenden  Massenmorden  vergleichbar.  Sie  sind  örtlich  genau 
begrenzbar  und  begrenzt  und  auf  bestimmte  Objekte  gerichtet, 
also  ein  relativ  erträglicher  Tribut  an  einen  gemäßigten  Ego- 
ismus, ein  Kompromiß,  ein  Mittelding  zwischen  der  Praxis  von 
heute  und  dem  erstrebenswerten  Verhalten. 

Es  gibt  noch  andere  Methoden  der  Notwehr.  Guter  Wille 


87 

und  kompetente  Forschung  können  noch  viele  erfinden,  eine 
gründliche  Revision  unserer  bejammernswerten  Auffassung  von  ferira 
Natur  und  von  unserer  Rolle  in  ihr  vorausgesetzt.  Die  längst 
erprobten  populären  Techniken  sollten  nicht  vergessen  werden. 
Als  das  einfachste  Mittel,  um  das  den  Menschen  direkt  belästi- 
gende, in  seine  Haut,  Kleidung  und  Behausung  eindringende 
parasitäre  Insekt  abzuhalten,  hat  von  jeher  Reinlichkeit 
gegolten.  Wenn  wir  von  diesem  unserer  Würde  wahrhaft  unschädli^fej 
chen  Mittel  vollen  Gebrauch  machen,  brauchen  wir  uns  weder 
zum  Mord  herabzuwürdigen  noch  unsere  gegenwärtige  und  künftige 
Gesundheit  und  Lebensfähigkeit  zu  riskieren.  Auch  das  Prinzip 
der  zur  Abhaltung  bestimmten  Fliegennetze  in  den  Fenstern, 
die  uns  und  den  Fliegen  den  Kampf  ersparen,  ist  v/eiteren  Aus- 
baues fähig.  Ich  glaube  dem  unvoreingenommenen  Leser  aus 
eigener  Erfahrung  versichern  zu  sollen,  daß  es  durchaus  mög- 
lich ist,  zu  leben  ohne  je  zu  töten  oder  aus  irgend  einer 
Tötung  Nutzen  zu  ziehen. 

Auf  diesem  Abschnitt  unseres  Weges  stehen  wir  schon  einem 
höhern,  auch  praktisch  für  uns  ungemein  belangvollen  Prinzip 
geg*hüberf  der  Symbiose.  Als  eines  der  hohen  Prinzipien  können 
wir  sie  allerdings  nur  dann  bezeichnen,  wenn  wir  einige  der 
nach  manchen  Autoren  dazugehörigen  Beziehungen  zwischen  Tieren 
oder  zwischen  Pflanzen  oder  zwischen  Organismen  beider  Kategos?±s 
rien  aus  diesem  Begriff  ausschließen,  etwa  den  Parasitismus 

in  allen  seinen  Formen  wie  auch  jedes  antipathetische  Verhält- 
nis zwischen  den  Partnern.  Als  ein  solches  betrachten  wir 
etwa  die  Beziehung  des  Bauern  zu  "seinem"  Vieh, und  ooinon  Go 
troidobau,  ferner  das  Halten  und  "Melken"  von  Blattläusen 
durch  Ameisen  wie  auch  deren  Pilzzucht  und  die  der  Termiten. 
Die  eigentlich  symbiotische  Beziehung  ist  ohne  Tyrannei,. noch  ist! 
-es-    Sklaverei.  Wenn  ganz  kleine  Fische  großen  zwischen  ihren 
Zähnen  die  Speisereste  wegfressen,  was  von  den  großen  gern 
geduldet  wird,  da  es  zu  gegenseitigem  Nutzen  geschieht,  oder  2 
Insekten  durch  ihre  Nahrungsaufnahme  die  Fortpflanzung  von 
Blütenpflanzen  besorgen,  sind  beide  Partner  frei  und  begehen 
keine  einseitige  Ausbeutung.  Doch  ohne  eine  solche  oder  selbst 
mit  dieser  stehen  dem  erfinderischen  Menschen  zahllose,  auch 
noch  ungeahnte  Wege  symbiotischer  Ausgestaltung  seiner  Rolle 
in  der  Natur  offen.  Auf  solchen  Wegen  mag  unserer  Existenz 


88 


immense  Verbesserung  und  Bereicherung  ohne  Krieg  gegen  die  Mit- 
bewohner der  Erde  erreichbar  sein,  wenn  wir  von  unserer  Seelen- 
kraft und  unserem  Verstand  Gebrauch  machen  werden,  um  droiATUA. 
Voraus Setzungen  zu  erfüllen: 

a)  Unsere  falsche  und  für  alle  Beteiligten  fatale  Beziehung 
zur  Hatur  von  Grund  auf  zu  revidieren; 

b)  unsere  Auffassung  vom  Tier  zu  entgiften; 

c) jeden  Kampf  nach  gründlicher  Prüfung  seiner  Unerläßlichkeit 
auf  wirkliche  Hotwehr  zu  beschränken; 

d)  das  mögliche  Maximum  an  Symbiosen  aufzubauen,  auch  mit 
solchen  großen  und  kleinen  Arten,  die  wir  bisher  nur  tödlich 
verfolgen  zu  sollen  glaubten. 

.  1t  der  letzteren  Serie  wäre  eine  machtvoll  produktive 
Kettenreaktion  eröffnet.  Zu  den  ersten  Gliedern  der  Kette  würde 
die  Lösung  des  Problems  der  Geg^nschläge  des  Tierreiches  gehören, 
die  jetzt  so  viel  Kopfzerbrechen  verursacht.  Das  Ende  dieser  Ent- 
wicklung und  ihre  Höhen  sind  nicht  abzusehen,  weil  uns  das  unserem 
Stamm  entfremdete  Leben  für  viele  Möglichkeiten  blind  gemacht 
hat.  In  Feindseligkeit,  Ausbeutungs sucht,  Engherzigkeit,  Habgier 
und  Angst  befangen,  können  wir  uns  eine  ganz  weit  gespannte  Freund- 
schaft mit  der  Tierwelt  nicht  vorstellen.  Einzelne  Beispiele, 
wie  freundliches  Zusammenleben  von  Menschen  mit  Tigern  und  Wölfen, 
vermögen  uns  infolge  unserer  noch  ungelösten  Befangenheit  nicht 
zu  überzeugen,  auch  wenn  wir  an  der  Tatsächlichkeit  der  Berichte 
und  Bilder  nicht  zweifeln.  Und  der  unumstößliche  Umstand,  daß  uns 
seit  prähistorischen  und  protohistorischen  Zeiten  Domestizierungen 
in  größtem  Maßstab  gelungen  sind,  deren  halb  und  halb  rekonstru- 
ierbare Vorgeschichte  wie  eine  Legende  oder  eine  nicht  auf  Glaub- 
haftigkeit berechnete  Sage  klingen  würde,  lädt  unsere  Phantasie 
nicht  ein,  weitere  Konsequenzen  zu  ziehen,  weil  wir  in  unserer 
Verstocktheit  so  erstarrt  sind.  Pferde  und  .Rinder  sind  zwar  ur- 
sprünglich friedlich,  aber  wie  weitgehend  der  Mensch  die  Hunde 
und  Katzen  verändert  hat,  zeigen  ihre  Verwandten,  die  der  Inbegriff 
reißenden  Getiers  sind.  Vom  Frieden  auf  Erden  haben  wir  Alle  in 
der  oder  jener  Form  gehört,  aber  es  ist  uns  bequemer,  nämlich  kon- 
fliktloser, solche  Ideen  messianischen  Schwärmern  zu  überlassen. 
Doch  eben  darum,  weil  wir  uns  heute  in  solchen  Abgründen  des 
Fühlens  und  Handelns  befinden,  dürfen  wir  vielleicht  zu  hoffen 
wagen,  daß  es  mit  uns  nicht  noch  weiter  abwärts  gehen  wird, 


89 


oder  wir  dürfen  glauben,  daß  es  nicht  so  weiter  gehen  muß.  _ 

Für  jede  weiter  Fortbildung  unserer  Wünsche  und  Ideen  ist 
die  Zeit  noch  nicht  gekommen;  leider  ist  es  sogar  unsicher,  oh 
sie  jemals  kommen  wird.  Für  Ideen  jenseits  der  bisher  erörterten 
können  wir  nur  ein  einziges  Hecht  in  Anspruch  nehmen,  das  fiecht 
auf  Traum  und  Utopie,  das  jedem  zusteht,  der  denkend  sich  seinem 
Gewissen  verantwortlich  weiß.  Umso  mehr,  wenn  die  Verantwortung 
nicht  allein  dem  eigenen  Gewissen  verbindet,  sondern  einer  groß« 
Gemeinschaft  des  Lebens,  wie  sie  einmal  gewesen  sein  und  durch 
Einsicht,  liebe,  Mut  und  Ausdauer  wieder  auferstehen  konnte. 


90 


III 

WBMmwmm  Menschheit 

Eine  Kurzgeschichte 

Der  Apparat,  der  die  vor  fast  hundert  Jahren  Eingefrorenen 
zu  überwachen  und  sowohl  jeden  lall  endgiltigen  Erlöschens 
als  auch  jede  Eegung  der  erstarrten  Nerven  zu  melden  hatte, 
schien  letztens  außerstande,  die  eigenen  Schwächen  und  Schwie- 
rigkeiten mit  der  alten  Genauigkeit  zu  registrieren.  Ein  Todes- 
fall war  ihm  entgangen.  Während.  Auf  sieht  sapparat  e ,  oder  mit 
ihnen  verbundene  Personen,  einander  unbekannt  und  für  niemanden 
auffindbar,  über  die  Präge  einer  umfassenden  Untersuchung  oder 
den  Ersatz  des  gesamten  Systems  durch  ein  neues  verhandelten, 
meldete  die  Apperzeptionszentrale,  die  offenbar  einen  schlagen- 
den Beweis  für  ihre  ungeminderte  Verläßlichkeit  erbringen  wollte, 
eine  neue  Lebensregung,  Die  erste  automatische  Bestrahlung  be- 
stätigte zwar  den  Befund,  brachte  aber  noch  keinen  deutlichen 
Fortschritt.  So  wendete  die  Zentrale  die  zweite  und  dritte 
regenerative  Behandlung  und  die  Anfangsdosis  von  Energiezufuhr 
an,  die  nach  der  üblichen  Pause  zu  neuem  Einsetzen  des  Bewußt- 
seins führte.  Der  Wiederbelebte  sah  und  hörte  noch  nicht,  hatte 
aber  eine  Empfindung  des  eigenen  Daseins,  ein  Gefühl  seiner  Kör- 
perlichkeit und  die  normalen  Schmerzempfindungen,  die  zugleich 
mit  der  Wiederkehr enden  Atmung  aufzutreten  pflegen.  Mail  beseitigt 
sie  nicht,  weil  sie  für  das  weitere  Erwachen  förderlich  sind. 
Nun  machte  er  einen  verfrühten  Versuch  zu  sprechen,  da  er  ja 
nicht  wissen  konnte,  wie  überflüssig  das  für  die  Verständigung 
geworden  war. 

Der  unsichtbare  Partner,  ob  er  nun  eine  Verbindung  von 
Stoffen  und  unpersönlichen  Energien  war  oder  gar  ein  aus  natür- 
lichen Geweben  bestehendes  Gehirn,  war  sofort  ein  Teil  der 
neuen  Besinnung  und  Wahrnehmung,  antwortete  und  stellte  Fragen. 
Ob zwar  Stimmen  nicht  zu  hören  waren,  wurde  das  Gespräch  nach 
und  nach  genügend  deutlich. 

"Wo  bin  ich?8'  hatten  auch  seine  meisten  Vorgänger  in  der 
selben  Lage  gefragt,  noch  bevor  ein  Ich  sich  selbst  einigermaßen 
wahrgenommen  hatte.  Es  war  ein  Unbehagen,  eine  Unsicherheit, 

in  einzelnen  Fällen  Angst. 

"In  Sicherheit.  Man  sorgt  für  dich."  Diese  Antwort  war 
reichlich  ungenau,  indem  sie  auf  die  Sache  der  ürtlichkeit 


91 


gar  nicht  einging,  doch  schien  sie  wohldurchdadt ,da  sie  Vertrauen 
erweckte  und  das  weitere  Interesse  anregte, 

"luan?  wer?  Habe  ich  geschlafen?  Bin  ich  krank?  Wie  lange 
bin  ich  schon  -  " 

mehrere  fragen  zugleich  waren  nicht  ungewöhnlich,  Sie 
zeigten  vor  allein,  daß  die  Erinnerung  wiederkehrte  und  daß  die 
Beschleunigung  ihrer  Wiederherstellung  zu  erwarten  war.  Es  war 
so  auch  leichter,  die  erste,  die  unbequeme  Präge  zu  überhören 
und  nur  auf  die  andern  zu  erwidern. 

"Du  hast  geschlafen,  lang  geschlafen.  Du  bist  vom  langen 
Schlaf  geschwächt,  wir  flößen  dir  neue  Kraft  ein.  Fühlst  du  sie?" 

"0  ja.  Ich  danke  dir.  Wer  bist  du?" 

"Das  kannst  du  noch  nicht  verstehen.  Aber  du  wirst  mit  mir 
reden  können,  sooft  du  willst." 


"Gut.  Aber  wo  ist  denn  -  wie  heißt  sie  doch?  Wo  sind  j&exheds 
meine  -?  Könnte  ich  nicht  wieder  aufstehen?" 

"Ja,  aber  nicht  sofort.  Sobald  du  kräftiger  wirst." 

"wissen  sie,  daß  ich  hier  bin?  Was  machen  sie?" 

"Vieles  hat  sich  geändert.  Die  Xeute  von  damals  sind  nicht 
mehr  da, " 

"0  weh!"  Es  war  die  erste  am  andern  Ende  auch  akustisch 
wahrnehmbare "Äußerung,  Sie  glich  einem  Stöhnen:  "Warum  sind 
sie  nicht  mehr  da?" 

"Wegen  der  langen  Zeit.  Auch  ist  es  gut,  daß  sie  nicht 
mehr  da  sind," 

".jeh  mir!  Wie  kann  es  dich  freuen,  daß  sie  nicht  mehr 
da  sind?" 

"Die  guten  Zeiten  sind  vorüber.  Damals  war  für  Jeden  Platz, 
jeder  konnte  essen  wie  viel  er  wollte  und  tun  was  er  wollte." 

"Ich  weiß  nicht  mehr  genau,  was  Jeder  wollte." 

"  Männer  und  Frauen  waren  beisammen  und  alles  war  erlaubt 
und  sie  hatten  Kinder,  viele,  viele  Kinder,  und  die  Kinder  hatten 
noch  mehr  Kinder," 

"Konnten  sie  keinen  Platz  finden?" 

"Das  eben  ist  es." 

"Auch  nicht  auf  andern  -  ?" 

"Auf  andern  Planeten?  Das  ging  bis  heute  nicht." 
"Sie  haben  .ja  schon  damals  versucht,  wir  haben  experimen- 
tiert, o  ich  bin  ja  selbst  -" 
"Weißt  du  es  schonV  " 


92 

Für  eine  Weile  war  keine  Antwort  vernehmbar ,  als  ob  der 
Befragte  von  einem  innern  Vorgang  ganz  in  Anspruch  genommen 
wäre,  so  daß  er  erst  nach  einer  Pause  reagierte. 

"Ob  ich  schon  weiß?  Ja.  Aber  ich  habe  solche  Schmerzen. 
Ich  glaube,  daß  ich  einmal  auf  alles  verzichtet  habe,  um 
Eutzen  zu  bringen. !! 

"Das  tust  du.  Du  wirst  jetzt  untersucht." 

"Wer  untersucht  mich  denn?" 

"Strahlen  untersuchen  dich.  Es  geht  gut.  Du  hilfst  uns, 
Platz  zu  finden." 

"Nun  weiß  ich  alles  wieder.  Ihr  macht  es  gewiß  besser. 
Ihr  sucht  in  weiter  Ferne  Platz.  Ihr  wollt  die  Heise  überleben. 
Nun  sage  mir  doch,  wie  sind  die  Menschen  von  heute?  Wann  werde 
ich  sie  sehen?" 

"Du  wirst  nicht  viele  sehen  können." 

"Du  sagst  doch,  daß  es  viel  zu  Yiele  gibt." 

"Eben  darum." 

"Geht  es  ihnen  schlecht?  Hungern  sie,  sind  sie  krank? 
Finden  sie  Hilfe?" 

"Hilfe?  Das  gab  es  in  deinen  Zeiten.  Für  Jeden  war  Platz 
und  Futter  genug.  Man  freute  sich,  wenn  Leute  lang  lebten 
und  wenn  sie  Kinder  hatten.  Heute  muß  man  Platz  schaffen." 

"Durch  Krieg?" 

"Das  will  keiner  mehr,  denn  dann  müßten  Alle  umkommen. 
Heute  will  jeder  selber  übrig  bleiben  und  die  Andern  -" 

"Beseitigen?  0  ihr  Armen,  was  habt  ihr  aus  dem  Leben 
gemacht ! " 

"Was  das  Leben  aus  uns  gemacht  hat.  Ich  kann  es  dich  zwar 
nicht  sehen  lassen,  aber  du  wirst  gleich  etwas  hören." 

Ein  betäubendes  Stimmengewirr  folgte.  Menschliche  und 
tierische  Schreie  waren  mit  fiöcheln,  Drohen  und  Jammern 
vermischt,  dann  schien  ein  Gerüst  oder  ein  Gebäude  einzu- 
stürzen. Mit  einer  Menge  kreischender  Stimmen  war  Getöse  wie 
von  Maschinen  zu  hören.  Plötzlich  schwieg  der  ganze  Spuk. 

Angst  und  Schaudern  erdrückten  die  erwachenden  Erinnerun- 
gen an  sein  altes  Heldentum,  das  ihn  dazu  gebracht  hatte,  aus 
einer  bessern  Welt  zu  scheiden  und  eine  solche  zu  erleben.  Nun 
war  der  Unbekannte  wieder  da: 

"Sei  zuversichtlich.  Du  stehst  unter  dem  Schutz  einer 


mächtigen  Gruppe."  93 

"Werdet  ihr  mich  schützen  müssen,  damit  nicht  auch  ich  -?** 
"Wir  haben  dein  Verdienst  anerkannt,  wir  werden  dich 

schützen  wie  jeder  sich  selbst  schützt  und  wie  wir  einander 

schützen. " 

"Wollt  ihr  mich  verstecken?" 

"Das  würde  nicht  genügen,  denn  bald  würden  sie  dich  finden. 
Wir  machen  dich  unsichtbar." 
"Ist  das  möglich?" 
"Du  bist  ja  schon  unsichtbar." 
"Vielleicht  auch  unhörbar?" 

"Sicherlich,  so'fet  würde  ja  deine  Unsichtbarkeit  nichts 
nützen."  .  , 

"Vielleicht.  Aber  ich  brauche  dich  nicht  zu  sehen, denn 
wir  sind  in  untrennbarer  Verbindung  für  die  ganze  garantierte 
Lebenszeit. " 

"Für  wie  lange  ist  das  Leben  garantiert?" 

"Für  kürzere  Zeit  als  damals  dein  uligarantiertes  Leben 
gedauert  hat.  Deine  Zeit  wird  demnächst  errechnet." 

"Wie  v/ird  denn  die  Zeit  berechnet?" 

"Auf  Grund  des  Hutzens  und  auf  Grund  von  Verträgen,  an 
die  wir  gebunden  sind." 

"Es  gibt  also  noch  Verträge?"  Der  alte  Neuankömmling  hätte  s 
eine  solche  Kritik  aber  lieber  zurückgezogen.  Da  die  andere  Seite 
sein  Unbehagen  merkte,  bekam  er  eine  sofort  beruhigende  Antwort: 

"Gewiß.  Sonst  ginge  es  ja  auch  uns  wie  den  Fressern,  die 
immer  um  Platz  kämpfen  und  ihn  nie  erobern." 

"Du  bist  wohl  ein  Arzt.  Bist  du  da  nicht  genügend  geschützt?" 

"Gut,  daß  dich  niemand  hören  kann.  Wenn  ich  Arzt  bin,  darf 
es  keiner  wissen.  Ärzte  werden  scharf  gesucht  und  radikal  besei- 
tigt. Auch  Pflegerinnen.  Alle,  die  beschuldigt  v/erden,  das  Leben 
der  Fresser  zu  verlängern  und  Plätze  besetzt  zu  halten.  Man 
bleibt  so  unsichtbar  und  unhörbar  wie  möglich." 

"Werde  ich  bald  aufstehen  können?" 

"Ja.  Dein  Platz  und  alle  Schutzmaßnahmen  werden  vorbereitet. 
Für's  erste  bist  du  genügend  informiert.  Hast  du  besondere 
Dünsche?" 

"Ich  habe  noch  keinen  Appetit.  Aber  sobald  er  sich 


9*4-  M 

einstellt?" 

"Du  hast  keinen  Appetit,  weil  du  dauernde  Energiezufuhr 
hast.  Du  wirst  sie  weiter  bekommen.  Zu  essen  brauchst  du  nicht 
yüe  ich  dir  sagte,  sorgt  man  für  dich." 

"Vielen  Dank.  Aber  mein  Leben  braucht  ihr  nicht  zu  garan- 
tieren. " 

"Warum  nicht?" 

"Ich  ziehe  es  vor,  Platz  zu  machen." 


Gegen  ein  tödliches  Gedränge 

Die  üblich  gewordene  Bezeichnung  "Explosion"  ist  insofern 
unrichtig  und  sogar  irreführend, als  wir  unter  einer  solchen 
einen  rapiden  Vorgang  der  Entladung  zusammengedrängter  Energien 
und  der  Hervorschleuderung,  bzhw.  räumlichen  Ausbreitung  von 
Materie  verstehen.  Aber  die  Multiplikation  der  Bevölkerung, 
für  sie  selbst  eine  der  schwersten  verstellbaren  Gefahren, 
nicht  viel  geringer  als  die  des  Atomkrieges,  ist  ein  schritt- 
weise vor  sich  gehender,  tief  in  die  Vergangenheit  zurückrei- 
chender Prozeß,  der,  wenn  er  ungehindert  v/eitergeht,  erst  in 
Jahrzehnten  seinen  Höhepunkt  und  seine  mörderische  Selbstauf- 
hebung erreichen  wird.  Die  Folgen,  bzhw.  Begleiterscheinungen, 
werden  nach  und  nach  eintreten,  und  zu  einem  gewissen  Teile 
sind  sie  bereits  da,  ohne  daß  wir  sie  als  solche  erkennen 
und  in  der  Vielheit  ihrer  Ursachen  die  eigentlich  entscheidende 
entdecken,  weil  wir  immer  schwerer  erträgliche  Übel  unserer 
Zeit  auf  andere  Paktoren  zurückzuführen  pflegen.  Wie  z.B.  den 
nach  einem  vorübergehenden  Abstieg  weiter  ansteigenden  Haß  von 
menschen  gegen  Menschen,  dessen  verschiedenartige  Namen  und 
Motivierungen  uns  von  der  für  uns  wichtigsten  ursächlichen 
Herkunft  ablenken. 

Solche  Zusammenhänge  sollten  uns  vor  einseitiger  Betrachtung 
der  direkten  und  direkt  sinnfälligen  Polgen  von  allgemein  bekann- 
ten 'Patsachen  warnen.  Die  von  der  Unesco  errechneten  63 ,100. 000 
jährlicher  Geburten  bedeuten  nicht  allein  Mangel  an  Nahrung  und 
Wasser,  an  v/ohnraum  und  Rohstoffen  sowie  den  Mitteln  zu  deren 
Verarbeitung  und  daher  auch  Mangel  an  lebensnotwendigen  Konsum- 
gütern aller  Kategorien,  sondemauch  Multiplikation  anderer 
Übel  und  Bedrohungen,  auch  solcher,  deren  Peststellung  und 


95 

Deutung  uns  noch  bevorstehen.  Daher  muß  die  Übervölkerung 
als  ein  Unheil  verstanden  werden,  das  die  Lösungen  aller 
Probleme,  seiner  selbst  und  der  andern,  geradezu  hoffnungs- 
los erschwert. 

Um  uns  nicht  zu  täuschen  und  die  Drohung  realistisch  zu 
beurteilen, sollten  wir  vor  allem  den  psychologischen  Veitfalls- 
prozeß  in  Betracht  ziehen, dem  eine  nicht  nur  zahlenmäßig, 
sondern  auch  prozentuell  zunehmende  Masse  von  Individuen 
zugleich  mit  der  Gesamtheit  als  solcher  ausgesetzt  ist; 
wobei  dieseDiff  erenzierung  einerseits  die  Schädigung  des  Einzelnen, 
anderseits  die  Zerrüttung  aller  zwischenmenschlichen  Beziehun- 
gen meint,  die  das  bedeutendste  Plus  geschaffen  haben,  eben 
jenes,  das  wir  bald  Gesellschaft,  bald  Zivilisation  nennen. 
Die  Neurosen  überhaupt  müssen  nicht  nur  in  einem  noch  nicht 
feststellbaren  mathematischen  Verhältnis  zur  fortschreitenden 
Verschlimmerung  der  Bedingungen  wachsen,  sondern  ihrerseits 
die  Verschlimmerung  der  objektiven  Bedingungen  fördern  und 
beschleunigen.  Die  Neurosen  der  Massen  sind,  so  paradox  es 
klingen  mag,  u.a.  eine  Polge  der  kassenhaf tigkeit  der  Neurosen 
oder  der  Massenhaf tigkeit  tatsächlicher  und  virtueller  Neuro- 
tiker.  Schon  jetzt  wirkt  sich  diese  Dynamik  intensiv  aus,  wenn 
auch  zu  einem  großen  Teil  noch  latent.  Und  die  kollektive  Neu- 
rose überträgt  sich  mehr  oder  weniger  automatis¥ft?Sur'rSiÖ(3"Eiii- 
zelnen,  wird  zur  Krankheit  des  Individuums.  Wir  wissen  nicht,  wie 
viele  Ärzte,  Chirurgen,  Apotheker,  Polizisten,  Offiziere,  Richter, 
Beamte,  Gesetzgeber,  Staatsführer  und  Andere,  denen  diemG^asä- 
heit  und  Wohlfahrt  ihrer  Mitmenschen  anvertraut  ist,  schon  heute 
krank  sind  und  in  welchem  Maße  Krankheit  ihr  Tun  unmittelbar 
und  im  Zusammenwirken  mit  andern  destruktiven  Paktoren  bestimmt. 
Wir  merken  es  ja  annähernd,  wie  Wenige  in  Situationen  der  Be- 
drängnis, besonders  wenn  diese  zugleich  von  innen  und  außen 
kommt,  die  volle  Rationalität  ihres  Handelns  aufrechterhalten 
können;  und  wie  stark  die  Zahl  derjenigen,  die  es  können,  in 
unserer  Generation  abnimmt.  Beijnäherem  Zusehen  und  im  Umkreis 
unserer  direkten  Beobachtungsmöglichkeiten  erfahren  wir  auf 
Schritt  und  Tritt,  daß  v/irklich  Gesunde  immer  seltener  werden 
und  daß  viele  es  immer  schwerer  haben,  im  menschlichen  Zusam- 
menleben ihre  ff licht  zu  tun  oder  zumindest  die  Maske  der 
Normalität  zu  wahren.  Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  in  dem  drohen- 
den wilden  Gedränge  jedem  alles  aus  den  Händen  gestoßen  werden 


96 

kann,  vor  allem  jede  Xontrolle,  auch  die  über  sich  selbst,  auch 
die  über  die  Atomwaffen, 

Für  einen  Autor,  der  Menschen  wichtiges  sagen  will,  hat  es 
wenig  Sinn,  Zahlen  zu  zitieren,  an  deren  Errechnung  er  keinen 
Anteil  hat,  so  daß  es  besser  scheint,  sich  auf  die  notwendigsten 
Erwähnungen  zu  beschränken,  zumal  demographische  Berechnungen 
seit  langem  vorliegen  und  in  einigen  weit  verbreiteten  Untersu- 
chungen und  in  allgemein  zugänglichen  Machschlage werken  zu  finden 
sind.  Die  letztens  publizierten  Schätzungen  der  Erdbevölkerung, 
von  denen  so  viel  abhängt,  gehen  leider  derart  auseinander,  daß  s± 
sich  in  den  möglichen  Schlußfolgerungen  eine  schwer  überbrück- 
bare Kluft  ergibt.  Das  gereicht  aber  nicht  den  Demographen  und 
Statistikern  zum  Vorwurf,  denn  gerade  aus  den  volkreichsten 
Ländern,  aus  China  und  Indien,  sind  nur  ungenaue  Mitteilungen 
über  Volkszählungen  mit  nicht  wider spruchslosen  Zahlen  über 
Geburt  und  Tod  zu  erlangen;  ähnlich  steht  es  mit  den  Angaben 
über  Indonesien  und  über  die  meisten  afrikanischen  Länder.  So 
beträgt  heute  die  Gesamtzahl  der  Menschen  nach  minimalen  Berech- 
nungen, bzhw.  Schätzungen,  2.7  Milliarden,  nach  maximalen  3»  5 
Milliarden.  Da  aber  nicht  nur  die  Bevölkerung,  sondern  sogar 
deren  Zunahme  zunimmt,  nützt  es  uns  nicht  viel,  wenn  wir,  unter 
dem  Einfluß  von  Beschwichtigungshof räten  und  von  den  eigenen 
wünschen  geleitet,  uns  an  das  Minimum  halten.  Denn  auch  aus 
dieser  optimistischen  Annahme  resultiert  für  das  nicht  mehr 
ferne  Jahr  2000  der  Alptraum  einer  Bevölkerung  von  annähernd 
sechs  Milliarden.  Selbst  für  den  Fall,  daß  bis  dahin  neue  Ernäh- 
rungsmöglichkeiten erschlossen  werden  sollten,  was  mit  hoher  Wahr- 
scheinlichkeit zu  erhoffen  ist,  besteht  für  jene  Zeit  kaum  noch 
eine  Aussicht  auf  Erreichung  des  biologischen  Minimums  17)« 

17)  Es  ist  bemerkenswert,  daß  bedeutende  Demographen  der  uns 
vorausgegangenen  Generation,  wie  der  Amerikaner  Prof.  Raymond 
Pearl  und  seine  Mitarbeiter,  für  die  Vergangenheit  genaue,  aber 
für  die  Zeit,  die  damals  Zukunft  war,  ganz  verfehlte  Berechnung 
gen  anstellen  konnten.  Um  1630,  also  während  des  30jährigen 
Krieges,  soll  die  Erdbevölkerung  W?  Millionen  umfaßt  haben. 
Auf  Grund  des  Zensus  von  1910  sagte  er  den  Vereinigten  Staaten 
für  das  Jahr  2100  eine  Bevölkerung  von  197  Millionen  voraus, 
aber  nach  dem  Zensus  von  194-C1  setzte  er  seine  Voraussage  auf 
184-  Millionen  herab,  die  ja  X960  last^chon  erreicht  war.  Viel 
schlimmer  erging  es  ihm  1936  mit  seiner  Schätzung  der  Erdbevöl- 
kerung des  Jahres  2100  auf  2650  Millionen,  die  ja  schon  heute 


99 

Zerrüttung  hin,  die  so  lange  dauern  muß,  bis  die  nach  dem  bittern 
Ende  hindrängenden  Energien  über  die  noch  v/irksamen  natürlichen 
und  sozialen  Abwehrkräf te  die  Oberhand  gewonnen  haben.  Auf  dem 
wege  dahin  sind  in  dicht  bevölkerten  Ländern  Hungersnöte  zu  er- 
warten, die  sich  mit  dem  bisher  aufgebrachten  Kraftaufwand  kaum 
noch  bekämpfen  lassen  werden,  vielleicht  schon  in  10  Jahren  oder 
früher.  In  einer  solchen  Lage  kann  es  geschehen,  daß  die  heute 
noch  überreichen  Territorien  keine  Überschüsse  mehr  haben  werden 
und  selbst  von  Hunger  bedroht  sein  werden«  Tragödien  von  Millionen 
wie  die  von  Bihar  in  Indien  müßten  sich  dann  von  Land  zu  Land  aus- 
breiten, wie  Epidemien,  und  im  Verein  mit  anderem  Unheil  in  die 
jetzt  noch  wohlhabenden  Länder  eindringen.  Zugleich  ist  Demorali- 
sierung jeder  Art  überall  zu  gewärtigen,  und  diese  muß  in  quanti- 
tativ und  qualitativ  präzedenzloser  Kriminalität  zum  Ausdruck 
kommen,  in  grenzenlosem  Suchern  von  Elend,  Krankheit  und  Entartung; 
vor  allem  aber  in  unaufhaltsamer  Ausbreitung  unbezähmbaren  Hasses 
zwischen  Individuen  und  diversen  Gruppen,  hauptsächlich  von  solchen 
Gruppen,  die  noch  nicht  da  sind  und  erst  aus  dem  maximalen  Haß 
heraus  entstehen  müssen.  Unter  solchen  Umständen  dürfte  bald  alle 
Autorität  aufgezehrt  sein.  Die  größte  Gefahr  für  die  künftige 
Konsistenz  der  Gesellschaft  bilden  gewiß  weder  Revolutionen  noch 
Konterrevolutionen  mit  bestimmten  Programmen,  sondern  Wühlerei 
und  Plünderung  überall,  programmloser  Umsturz  in  Serien,  rasende 
Wut  und  Gewalt  ohne  soziale  Ziele  und  ohne  Motivierungen.  Noch 
bestehende  Staaten  oder  andere  Organisationen  und  Machtgruppen, 
die  zersetzte  und  umgekommene  Staaten  beerbt  haben  v/erden,  werden 
vergeblich  versuchen,  die  geraubte  Herrschaft  aufrechtzuerhalten, 
denn  da  sie  in  jenem  Stadium  nicht  mehr  Nahrung  uns  Platz  werden 
schaffen  können,  werden  die  Kräfte  der  Anarchie  alle  verzweifelten 
Versuche  zur  Wiederherstellung  irgend  einer  Ordnung  verschlingen. 

Im  nächsten  Stadium,  in  dem  kaum  noch  jemand  eine  bestimmte 
Wohnung  haben  wmä  oder  einen  bestimmten  Platz  einnemen  wird, 
werden  Mord  und  Kannibalismus  offen  dahinstürmen.  Massenhafte 
geg^hseitige  Menschen jagd  wird  nur  scheinbare  Druckabnahme  und 
psychologische  Erleichterung  bringen  können,  weil  infolge  bodenlo- 
ser Demoralisierung  und  Verkommenheit  jegliche  Rückkehr  zu  Mensch- 
lichkeit und  Menschenwürde  unmöglich  werden  muß.  Die  Fortsetzung 
der  Vision  des  Grauens  ist  kaum  noch  möglich,  sondern  nur  noch 
die  Hoffnung,  daß  irgend  eine  gnädige  Fügung,  wie  etwa  die 


100 

Zerschmetterung  des  Planeten  durch  eine  kosmische  Katastrophe, 
die  Agonie  seiner  nicht  mehr  lebensfähigen  Bevölkerung  abkürzen 
wird.  Es  sei  denn,  daß  die  Menschheit  jetzt,  solange  sie  noch  so 
vernünftig,  so  geordnet  und  so  mächtig  ist,  sich  zu  ihrer  Bettung 
aufraffen  wird« 

Dennoch  soll  wohl  verstanden  werden,  daß  schon  die  Forderung 
nach  psychologischer  Umstellung,  die  doch  nur  eine  Voraussetzung  ± 
für  die  unumgänglich  notwendigen  konkreten  Maßnamen  bildet,  zunächst 
grausam  oder  unannehmbar  klingen  muß.Die  Fortpflanzung  ist  ja  nicht 
nur  allgemeinstes  Maturgesetz,  und  nicht  nur  mit  unserem  animali^ 
sehen  Wesensgrund  schier  unlösbar  verbunden,  sondern  bildet  auch 
einen  überaus  kostbaren  Inhalt  des  Gefühlslebens  der  meisten 
Männer  und  Frauen.  Es  würde  der  personifizierenden  teleologischen 
Auffassung  entsprechen,  anzunehmen,  die  Fortpflanzung  sei  das  Ziel, 
um  dessentwillen  die  Matur  uns  die  libido  eingegeben  und  beide 
Geschlechter  so  gebaut  und  ausgestattet  habe,  daß  sie  erregt  werde 
und  schier  unwiderstehlich  sei.  Die  Entwicklung  des  Geisteslebens 
und  neuere  Tendenzen  der  Zivilisation  haben  aber  dem  Naturtrieb, 
bzhw.  dem  Gesetz,  das  er  zu  erfüllen  scheint,  zwei  Gegnspieler 
erstehen  lassen.  Der  eine  ist  der  weitabgewandte,  die  Lust  negieren- 
de, den  Trieb  verurteilende  asketische  Sinn,  durch  den  besonders 
seit  der  Mitte  des  letzten  vorchristlichen  Jahrtausends  Mönche 
und  Nonnen  sich  dem  Liebesleben  und  damit  auch  dessen  natürlicher 
Folge  entzogen.  Der  andere  Gegnspieler  besteht  in  der  schon  im 
Altertum  begonnenen  Reihe  von  Erfindungen, durch  die  der  Mensch, 
wenn  die  Natur  ihn  durch  Trieb  und  Lockung  auch  ohne  seinen  Hillen 
zu  Zeugung  und  Geburt  veranlaßt,  die  Watur  seinerseits  betrügt, 
indem  er  die  Lust  genießt,  ohne  der  Natur  den  Tribut  zu  bezahlen, 
der  ihre  Zweckerfüllung  zu  bilden  scheint. Es  ist  offensichtlich, 
daß  die  beiden  von  einander  derart  wesensverschiedenen  und  einan- 
der feindlichen  Faktoren  eine  gemeinsame  Funktion  haben,  sie  wirken 
der  Fortpflanzung  entgegen.  Wenn  es  Wege  gäbe,  zu  errechnen,  wie 
lange  und  in  welchem  Umfang  die  Zunahme  der  Bevölkerung  durch  die 
beiden  Kräfte  eingeschränkt  worden  ist,  wüßten  wir,  für  wie  lange 
sie  die  Übervölkerung  der  Erde  hinausgeschoben  und  die  Existenz 
der  Menschenrasse  prolongiert  haben.  Auch  ohne  Kenntnis  von  Zahlen 
können  wir  wohl  annehmen,  daß  ea  eine  geraume  Zeit  war.  Es  war 
gewiß  ein  Glück  für  die  Menschheit,  daß  die  höchste  Not  nicht 
plötzlich,  ohne  verständliche  Vorboten,  und  nicht  schon  in  einer 
Epoche  eintrat,  in  der  Rettungsmaßnahmen  noch  viel  schwerer  gewe- 
sen wären  als  sie  heute  sind;  und  daß  es  in  der  gegenwärtigen 


101 

Notlage  eine  Anzahl  von  Köpfen  gibt,  die  denken  können  oder  es 
gelernt  haben« 

Obwohl  es  eben  diese  Köpfe  und  andere  Gegnkräfte  gab  und  gibt, 
haben  wir  jedoch  damit  zu  rechnen,  daß  es  immer  noch  die  Majorität 
der  Menschheit  ist,  der  ein  Verzicht  auf  Kindersegen  oder  dessen 
systematische  Einschränkung  gefühlsmäßig  zuwiderläuf t.  Aber  nicht 
immer  kann  sman  den  Gefährdeten  fragen,  ob  er  gerettet  zu  werden 
wünscht,  insbesondere  wenn  er  seine  Lage  nicht  beurteilen  kann. 
Im  Falle  der  heutigen  Menschheit  liegt  zugleich  eine  weit  verbrei£ 
tete  Weigerung  vor,  die  Lage  der  Gesamtheit  überhaupt  in  Betracht 
zu  ziehen,  bzhw.  eine  aus  emotionalen  Bindungen  erklärliche  Ver- 
antwortungslosigkeit, die  es  vorzieht,  die  Rücksicht  auf  die 
Gesamtheit  Andern  zu  überlassen.  Die  Leute  dieser  Kategorie  ent- 
behren durchaus  nicht  logischen  Denkens,  aber  es  versagt,  wenn 
der  Maßstab  sich  bedeutend  vergrößert  und  wenn  ihre  im  Unbewußten 
verankerten  Interessen  auf  dem  Spiele  stehen.  Ohne  spezifische 
Kollision  mit  jenen  Interessen  verstehen  sie  z.B.  ohne  weiteres, 
daß  ein  für  8  Personen  gebauter  Aufzug  aller  Wahrscheinlichkeit 
nach  auch  10  oder  12  ertragen  kann,  daß  aber  das  Unglück  unabwend- 
bar wird,  wenn  100  Personen  eindringen.  Freilich  gibt  es  außer 
dem  blinden, dem  in  den  Bedingungen  unseres  Zeitalters  noch  fort- 
vegetierenden naiven  Egoismus  eine  gefährlichere  Abart, die  im 
Zusammenhang  mit  allen  akuten  Gefahren  Erwähnung  verdient;  das 
ist  ein  schamloser,  planmäßiger  Egoismus,  ein  skrupelloser  Versuch, 
den  destruktivsten  aller  aus  menschlichen  Schwächen  erwachsenen 
Gesellschaftsschäden  zu  einem  System  zu  machen. 

Die  absichtliche  Ermutigung  des  Zeugens  und  Gebärens  wurde 
von  altersher  von  schnöden  Interessen  genährt,  die  trotz  allen 
historischen  Veränderungen  immer  noch  fortwirken.  Sie  war  das 
billigste  Mittel  zur  Sicherung  des  Nachwuchses  und  der  Vermehrung 
von  Sklaven  einschließlich  der  kolonialen,  von  Leibeigenen,  von 
Industrieproleten  und  von  Kanonenfutter.  Die  männlichen  wie  die 
weiblichen  Geschlechtsorgane  hatten  also  in  jenen  Bedingungen 
die  Scheinfunktion  der  Lockung  mit  der  Lustprämie,  diexa^afee: 
Aufgabe  eines  Köders,  während  die  Zweckerf üllung  die  dem  Sklaven- 
halter, Feudalherrn,  Kapitalisten  und  Fürsten  genehme  war.  BSlr 
müssen  auch  in  Betracht  ziehen,  daß  in  allen  Formen  der  Sklaverei 
und  Halbsklaverei  das  natürliche  Glück  von  Eltern  und  Kindern, 
ihre  gegenseitige  Liebe  und  die  Freude  an  einander,  illusorisch 
geworden  und  im  Grunde  abgeschafft  v/aren.  Mit  dem  Grade  der 


102 

Ausbeutung  wuchs  die  Nachfrage  danach,  was  in  den  modernen  Sprachen 
so  hübsch  Menschenmaterial  heißt.  Seit  der  schlimmste  Mißbrauch  vcn 
Menschen  teilweise  vorüber  und  der  Bedarf  an  Arbeitsarmeen  infolge 
der  Mechanisierung  und  Automatisierung  mehr  als  gedeckt  ist,  ist 
freilich  die  Benützung  des  Menschen  zur  Kriegführung  noch  voll  er- 
halten geblieben  und  alle  diesem  Zweck  dienenden  Ideologien  werden 
in  beiden  Lagern  der  heutigen  Menschheit  aufrechterhalten  und  wei- 
terentwickelt. Seit  es  Herrendienst  gibt,  beginnt  er  mit  der 
Zeugung  und  ist  mit  dem  Tode  beendet.  Im  Laufe  unzähliger  Generatio- 
nen war  für  den  einzelnen  Menschen  aus  dem  Volke  die  Askese  der 
einzige  Weg,  sich  der  totalen,  auch  seine  Genitalien  einschließen- 
den Hörigkeit  mitsamt  der  Knechtung  seines  Kachwuchses  zu  ent- 
ziehen. Diese  Befreiung  hatte  er  allerdings  mit  der  Unfreiheit 
des  Klosters  und  mit  einem  oft  lebenslänglichen  Kampfe  gegn  den 
eigenen  Trieb  zu  erkaufen.  Neben  der  Beschränkung  der  Bevölkerungs- 
vermehrung hatte  die  Askese  zu  allen  Zeiten  auch  ein  Ergebnis  von 
unvergleichlich  hoher  Bedeutung,  die  Sublimierung  des  Triebes, 
die  Quelle  einzigartiger  Geistestaten  und  des  m  vielleicht  be- 
deutendsten Antriebes  zum  Kulturschaffen,  Als  fegenkraf t  gegen 
§ie  rapide  Vermehrung  ihrer  Mitmenschen  sind  jedoch  die  Mönche 
und  Können  der  ganzen  Erde  viel  zu  schwach  geworden,  da  ihre 
Wirkung  nur  als  schwache  Subtraktion  einer  Ungeheuern  Multi- 
plikation entgegenarbeitet. 

Koch  im  Anfang  unseres  Jahrhunderts  wurde  gelehrt  und  gelernt* 
daß  Kriege  auf  die  Bevölkerung  regulierend  wirken.  Viele  können  sich 
ein  solches  Gerede  iimner  noch  nicht  abgewöhnen.  Obzwar  gegn  die  be- 
rühmte Regelung  durch  systematischen  Massenmord  seit  langem  einiges 
gesagt  worden  ist  und  noch  manches  zu  sagen  ist,  hat  die  heutige 
Lage  dem  Kriege  auch  diesen  aus  so  unmoralischen  Motiven  prokla- 
mierten  Scheinvorteil  genommen.  Der  Krieg  in  Vietnam  mit  don  Vor 
boroitungon  zur  Erweiterung  genügt  ja,  jedem  klarzumachen,  daß 
die  konventionelle  Unmenschlichkeit  über  kurz  oder  lang  zur  nukle- 
aren Unmenschlichkeit  führen  kann  oder  gar  muß,  und  in  diesem  Falle 
gäbe  es  schwerlich  viele,  die  aus  der  Katastrophe  Nutzen  ziehen 
könnten;  zumal  die  Überlebenden  "Siechtum,  Hunger, Verelendung  und 
späterem,  doch  unvermeidlichem  Dahinsterben  auf  einer  vergifteten 
Erde  verurteilt  wären.  Wenn  es  also  in  der  Vergangenheit  vernünfti- 
ge und  subjektiv  anständige  Leute  geben  konnte,  die  für  Krieg  eine 


103 

Rechtfertigung  suchten,  kann  es  solche  heute  nicht  mehr  geben. 
So  haben  wir  die  Idee  irgend  eines  Nutzens  von  Kriegen  für  immer 
aufzugeben,  Zur  Kettling  vor  dem  Untergang  durch  Übervölkerung 
müssen  wir  also  andere  Wege  beschreiten. 

Die  Gesetzgebung  ging  bisher  in  allen  Staaten  auf  der 
gleichen  Linie  vor,  hier  schärfer,  dort  weniger  scharf.  Mussolini 
war  seinerzeit  hemmungslos  genug  gewesen,  sein  legislatives  Pro- 
gramm eine  demographische  Peitsche  zu  nennen.  Wenn  ich  nicht  irre, 
ist  die  Unterbrechung  der  Schwaiigerschaf t  ohne  amtlichs  bescheinig- 
te iajsk  Indikation  auch  heute  noch  überall  verboten,  w ob eT>  in  Man- 
chen Staaten  nebst  der  medizinischen  auch  eine  soziale  Indikation 
Geltung  hat  und  zumeist  nicht  so  heiß  gegessen  wie  gekocht  wird* 
Zwischen  dem  noch  nicht  gestrichenen  Wortlaut  und  der  Handhabung 
bestehen  deshalb  noch  da  und  dort  groteske  Unterschiede,  wenn  z.B. 
alle  Parteien  einer  Volksvertretung  sich  für  progressive  Maßnahmen 
aussprechen,  die  Drogisten  aber  Artikel  des  für  Manche  täglichen 
Bedarfes  nur  im  Hintergrund  ihres  Ladens  verkaufen.  In  Kanada 
scheint  die  Liquidierung  solcher  Widersprüche  bevorzustehen,  da 
ein  Parlamentskomitee  g  einhellig  gegen  das  sinnwidrig  gewordene 
Gesetz  Stellung  genommen  hat.  Da  aber  die  Realität  ungeduldig  ist, 
sehen  sich  Menschen  und  Institutionen  oft  genug  genötigt,  der 
legalen  Prozedur  ein  wenig  vorzugreifen.  -&we±  Universitätskliniken 
haben  ihre  Praxis  bereits  liberalisiert ,  indem  sie  Mädchen,  die 
heiraten  zu  wollen  erklären,  "die  Pille"  verabfolgen;  andere  Spitä- 
ler sind  zu  anerkennenswert  freisinnigen  Interpretationen  des  medi- 
zinischen Indikationsprinzips  übergegangen^fZwischen  langwierigen 
Erwägungen  und  Beratungen  anderer  Regierungen  und  Parlamente  Imk&n 
KäKkxtoxMgttgMH  und  ihrer  Praxis  haben  sich  hingegen  Ge^nsätze  er- 
geben, da  trotz  realistischen  Erklärungen  und  Ankündigungen  einer 
günstigen  Lösung  drakonisch  reaktionäre  Kanhabung  unverändert  ausge- 
übt wird  ünd  sinnlose  Terrorisierung  von  Prauen  und  Männern  die 

Hoffnungen  auf  den  Sieg  der  Einsicht  untergräbt.  Ein  bedeutender 
Lichtblick  wird  nichtsdestov/eniger  durch  das  orale  Kontrazeptiv 
eröffnet,  das  im  Westen  weite  Verbreitung  gefunden  und  begonnen 
hat,  das  vorwärts dräng ende  Unheil  einzudämmen.  Japan,  dessen 
Übervölkerung  eine  der  Ursachen  des  Zweiten  Weltkriegs  gewesen 
war,  sah  sich  nach  dem  Ausgang  in  allen  Erwartungen  enttäuscht, 
vor  allem  in  der  Hoffnung  auf  Territorien  für  Auswanderung, 
und  unternahm,  um  das  herannahende  Verhungern  der  Massen 


104 

abzuwehren,  radikale  gesetzgeberische  und  praktische  Schritte 
einschließlich  der  Verteilung  desselben  Vorbeugungsmittels •  Auch 
die  Sowjetunion  soll  dessen  Erzeugung  beschlossen  oder  schon 
begonnen  haben.  Erf indimgen  mit  noch  höheren  Sicherheitskoeffi- 
zienten sind  unterwegs. 

Doch  inzwischen  wird  die  begonnene  neue  Linie  diskreditiert 
und  Verwirrung  und  Demoralisation  gesät,  indem  ein  in  der  heutigen 
Lage  kraß  antisozialer  Kinderreichtum  offiziell  belohnt  wird, 
mit  barer  ivlünze,  mit  kostspieligen  Geschenken  und  mit  Steuernach- 
lässen, die  zur  Nacheiferung  anspornen  sollen.  Hie  und  da  fehlt  es 
auch  nicht  an  schwer  reaktionären,  bzhw.  unverhüllt  faschistischen 
Erklärungen,  die  an  ausgesprochen  militaristischen  Programmen 
keinen  Zweifel  lassen.  Auf  beiden  Seiten  des  eisernen  Vorhangs 
fällt  dieser  Geisteszustand  auf,  die  Blindheit  für  das  nahende 
Unglück  Aller,  auch  des  eigenen  Volkes. 

Um  die  Warnungen  seitens  der  Sehenden  zu  schwächen,  weisen 
solche  Leute  mit  Vorliebe  auf  Aussichten  hin,  die  sich  bei  nähe- 
rem Hinsehen  als  irreal  erweisen  und  durch  Ablenkung  von  der 
Wirklichkeit  und  Behinderung  oder  Verzögerung  der  Lösung  dem 
Zusammenbruch  der  kommenden  Generation  vorarbeiten.  Gewiß,  wir 
könnten  glücklich  sein,  wenn  systematische  Besiedlung  der  Sahara 
und  anderer  Wüsten  und  Steppen  möglich  würde;  wenn  die  JÜfordterrito» 
rien  von  Kanada  und  andere  subarktische  oder  gar  arktische  Zonen 
für  Millionen  Menschen  bewohnbar  würden;  wenn  der  vor  sich  gehende 
Landverlust  aufhörte  und  umgekehrt  den  Ozeanen  und  kleineren 
Meeren  Land  abzugewinnen  wäre;  wenn  im  Wasser  von  Meeren  und  Seen 
nährende  Gewächse  in  großen  Mengen  gepflanzt  und  Salzwasser  in 
Süßwasser  verwandelt  werden  könnte;  wenn  Menschen  in  Kiemenatmer 
verwandelt  werden  und  mäßig  tiefen  Meeresboden  besiedeln  könnten; 
und  wenn  schließlich  der  Mond  oder  gar  ein  Planet  kolonisiert  gmi 
werden  könnte.  Aber  keine  dieser  extrem  phantastischen  Aussichten 
hältfrealistischer  Prüfung  stand.  Selbst  die  größten  der  noch  unbe- 
siedelten  Landflächen  der  Erde  wären  schon  in  kurzer  Zeit  voll, 
wenn  sie  auch  nur  die  berstenden  Überschüsse  Indiens  aufnähmen. 
Insbesondere  werden  Siedlungen  außerhalb  der  Erde,  die  z.B.  der 
Moskauer  Astrophysiker  Prof.  Dimitri  Martinow  unter  der  Voraus- 
setzung vorheriger  Überpflanzung  niederer  Lebensformen  für  möglich 
hält,  voraussichtlich  trotz  allem  Träume  bleiben,  weil  nicht 
einzusehen  ist,  woher  jemals  die  für  die  Überfahrten  von  Millionen 


105 

Personen  erforderlichen  Raumfahrzeuge  und  Energiemengen  und  die 
für  deren  Erlangung  und  Anwendung  notwendigen  wirtschaftlichen 
Energien  kommen  sollen.  Doch  was  laßt  sich  selbst  auf  einleuch- 
tende oder  theoretisch  überzeugende  Ideen  gründen,  solange  sie 
reine  Phantasien  sind  und  unter  keinen  Umständen  abzusehen  ist, 
ob  sie  jemals  realisierbar  sein  werden  oder  wie  fern  wir  von 
ihrer  Verwirklichung  sind,  während  das  Verderben  in  Siebenmeilen- 
stiefeln  heranmarschiert? 

fie  irreal  alles  das  ist,  zeigt,  um  nur  ein  Beispiel  heraus- 
zugreifen, eine  ohne  Bedenken  publizierte  Idee,  nach  der  in  einer 
vielfach  vermehrten  Menschheit  auch  die  Zahl  der  Genies  verviel- 
facht wäre,  die  eine  Lösung  schon  finden  würden.  Auf  üngeborene 
soll  also  die  Verantwortung  für  unsere  schmähliche  Gedankenlosi^- 
keit  und  Fahrlässigkeit  abgewälzt  werden.  Wir  können  das  Ungeheuer 
also  ruhig  noch  um  ein  Vielfaches  wachsen  lassen;  sie  werden  sich 
schon  Hat  schaffen.  Auch  der  Einfall,  daß  in  einem  verzweifelten  ä 
Gedränge,  in  dem  Verhungernde  einander  niedertrampeln,  fenies 
gezeugt  und  geboren  werden  sollen  und  injsolchen  Bedingungen 
segensreiche  Ideen  werden  aushecken  können,  ist  nicht  gerade 
genial.  Was  in  einer  solchen  Situation  der  Massen  aus  dem  Indi- 
viduum werden  muß,  ist  desto  leichter  vorauszusagen,  mit  je  ein- 
facherer Logik  man  verfährt. 

äfie  manche  realistisch  Denkenden,  fühle  ich  mich  also  ver- 
pflichtet und  daher  berechtigt,  Vorschläge  zu  unterbreiten.  Die 
Annahme  der  folgenden  seitens  einer  Regierung  wäre  ein  höchst 
wertvoller  Schritt,  doch  immerhin  nur  ein  einleitender,  da  sie 
nur  in  internationalem  Maßstab  voll  wirksam  v/erden  können. 

1.  Planmäßige  Aufklärungsarbeit  für  Umstellung  der  populären 
Anschauungen  auf  die  aus  der  wachsenden  Gefahr  resultierenden 
Erfordernisse. 

2.  Einstellung  aller  iüaßnahmen,  die  als  Gutheißung  von 
Kinde Aichtum  gedeutet  v/erden  können. 

3.  Umstellung  der  Steuerpolitik:  Kleine  Steuernachlässe 
für  Familien  mit  einem  Kind;  Wegfall  des  Nachlasses  für  Familien 
mit  zwei  Kindern;  Übertragung  der  Hauptlast  von  Alleinstehenden 
und  Kinderlosen  auf  Familien  mit  drei  oder  mehr  Kindern. 

4«  Freie  Verteilung  wirksamer  Kontrazeptive. 

5.  Auf  Wunsch  kostenlose  Aufnahme  jeder  Frau  vor  Ablauf 
des  dritten  Schwanger sc haf tsmonats  in  einem  öffentlichen  Kranken- 
haus zur  Unterbrechung  der  Schwangerschaft. 


106 

6.  Auf  Wunsch  kostenlose  Aufnahme  jedes  Mannes  in 
ein  öffentliches  Krankenhaus  zur  Durchführung  einer  die  potentia 
coeundi  erhaltenden  und  die  potentia  generandi  aufhebenden 
Operation« 

7«  Verbot  der  Zeugung  von  mehr  als  drei  Kindern«  Abge- 
stufte Geldstrafen,  Obligate  Operation  nach  Punkt  6  an  Vätern  von 
vier  Kindern. 

8#  Obligate  Operation  nach  Punkt  6  an  einwandfrei  für 
unverantwortlich  befundenen  Männern,  von  denen  die  Einhaltung  des 
in  Punkt  7  genannten  Verbotes  nicht  zu  erwarten  ist. 

Diese  Vorschläge  mögen  bei  allen  emotional  Interessierten 
vehementen  Widerstand  hervorrufen  und  von  Verblendeten  als  un- 
menschlich hingestellt  werden.  Wer  sie  bringt  oder  unterstützt, 
muß  den  Pluch  der  Unbeliebtheit  oder  Verhaßtheit  in  weiten  und 
mächtigen  Kreisen  auf  sich  nehmen.  Aber  die  beantragten  Reformen 
sollen  die  kommenden  Menschen  vor  dem  bellum  omnium  contra  omnes, 
der  gegenseitigen  Vernichtung  retten,  und  zunächst  dem  für  den 
Fall  der  Ablehnung  unvermeidlichen  Zwang  zu  weitaus  schlimmeren, 
von  einer  schon  verzweifelten  Xage  diktierten  Abwehrmaßnahmen 

vorbeugenx  19)« 
19  ) 

'  J  In  der  Präge  internationaler  Giltigkeit  von  Reformen,  die  von 
der  Mehrzahl  der  Menschen  oder  ihrer  gewählten  Vertreter  als 
notwendig  anerkannt  werden,  vgl.  S.  . 

Die  Richtigkeit  offizieller  Erklärungen  und  ihrer  Wiedergabe 
in  g-gr,  Presse  vorausgesetzt,  verhalten  sich  die  meisten  in  dxsser 
Prage/Vwi^feHgifi^^g^Srungen  wie  folgt: 

Afrika,  Mehrheit:  Schwankend,  inaktiv. 

Ägypten:  Preundlich,  mit  Ansätzen  zur  Aktivität« 

Australien:  Inaktiv. 

Britannien:  Preundlich,  inaktiv. 

Chile:  Preundlich,  aktiv. 

China:  Preundlich,  schwach  aktiv. 

Europa,  Mehrheit:  Preundlich,  inaktiv. 

Prankreich:  P  e  indl  ic  hyc  t  ar  I  c 

Indien:  Preundlich^Saktiv« 

Israel:  Schwankend,  inaktiv. 

Japan:  Preundlich,  aktiv.         sCsbzA**  vitM»  ^Urv^u^U . 

t 

Kanada:  Preundlich,  inaktiv. 
Kenya:  Preundlich,  aktiv. 

Latein- Amerika,  Mehrheit:  Unfreundlich,  inaktiv« 
Pakistan:  Preundlich,  aktiv. 


Rumänien:  Unfreundlich,  aktiv, 
Sowjetunion:  Freundlich,  aktiv, 
Südafrika:  Feindlich,  aktivT 


107 


Vereinigte  Staaten:  VorwiegenöTTreundlich,  aktiv. 
Diesem  Überblick  steht  ein  ausführlicher  Bericht  des 
Chicago  Daily  Hews  Service  gegnüber,  der  sich  auf  Mitteilungen 
ost-  imd  mitteleuropäischer  Regierungen  beruft.  Nach  diesen  soll 
dort  eine  Schrumpfung  der  Geburten  und  eine  Verschiebung  nach 
Überalterung  und  Sterblichkeit  hin  stattgefunden  haben,  wie  auch 
ein  Üo erhandnehmen  der  Frauen  gegenüber  den  Männern;  offiziell 
werden  diese  Erscheinungen  auf  weitgehende  Liberalität  in  der 
Anwendung  der  Gesetze  über  Unterbrechung  der  Schwangerschaft 
und  auf  übertriebene  "Verbreitung  der  Mittel  zu  ihrer  Verhütung 
zurückgeführt. Am  meisten  klagen  Ungarn,  Ostdeutschland  und  die 
Gzechoslovakei  über  den  Rückgangs:  20). 

20)  Ich  bin  der  Meinung,  daß  Nachrichten  aus  dem  Osten  im  all- 
gemeinen weder  mit  größerer  noch  mit  geringerer  Vorsicht  aufzu- 
nehmen sind  als  westliche.  Doch  bezüglich  der  hier  w *  ugbikuil  faww 
wiedergegebenen  Mitteilungen  ist  der  Zweck  propagandistischer 
Einleitung  zu  konkreten  Maßnahmen  durchsichtig.  In  Ungarn 
wendet  sich  diese  Propaganda  auch  schon  offen  gegen  die  zu 
niedrige  Besteuerung  von  Kinderlosen  und  gegen  Mangel  an  Be- 
günstigung von  Kinderreichen,  parallel  der  klassisch  verkehrten 
Bevölkerungspolitik^^.gP*»eÄi»at  FranJb?eich*4^Ä^«44fi4^^Ä^ 
Es  wäre  wohl  ein  Wunder,  wenn  die  Diktatur  der  Apartheid, 
die  das  weiße  Antlitz  schamrot  färbt,  nicht  auch  eine  ihrer 
würdige  Tätigkeit  zur  Vermehrung  ihrer  Weißen  entfaltete,  um  deren 
Kraft  zur  Unterdrückung  der  afrikanischen  Bevölkerung  noch  zu 
steigern. 

Die  im  voranstehenden  Überblick  erwähnten  Aussichten 
bezüglich  Chinas  beruhen  leider  nicht  auf  nachprüfbaren  Einzel- 
heiten, was  umso  bedauerlicher  ist  als  China  und  Indien  für  die 
nächsten  Jahre  das  Hauptproblem  der  Erdbevölkerung  bilden.  In 
Indien  wird  offiziell  zugegeben,  daß  die  Bevölkerungszahl  schon 
mehr  als  eine  halbe  Milliarde  betrage  und  daß  auf  1000  Einwohner 
die  entsetzliche  Zahl  von  40  Geburten  entfalle.  Wenn  der  Präsident 
Sarvapalli  Radhakrishnan  erklärt,  die  Regierung  wolle  die  Propor- 
tion auf  25  zu  reduzieren  suchen,  so  klingt  das  im  Vergleich  mit 
der  Horm  von  14-15  wie  Hohn,  besonders  angesichts  der  grausamen 
Tatsache,  daß  Indien  sich  selbst  nicht  ernähren  kann  und  schon 
durch  Beanspruchung  amerikanischer  Hilfe  auch  andere  bedrohte 
Länder  gefährdet.  So  stoßen  wir  v/ieder  auf  ein  Schulbeispiel 
für  die  Farce  der  "inneren  Angelegenheit". 


3r  1  ^  „ 


108 

Der  Vatikan  und  die.  Menschheit 

Für  die  Entschlüsse,  die  das  Menschengeschlecht  über  das 
eigene  Schicksal  und  zunächst  in  der  Frage  der  Geburt enkontr olle 
durch  seine  Führer  und  Beauftragten  frald  fassen  müssen  wird, 
ist  die  Haltung  des  Vatikans  von  vielfach  höherer  Bedeutung  als 
man  sich  bei  flüchtiger  Überlegung  vorstellen  kann.  Man  sollte 
annehmen,  die  Stellungnahme  der  katholischen  Kirche  sei  nur  für 
katholische  Eheleute  in  aller  Welt  maßgebend,  und  v/ohl  auch  nicht 
für  alle,  zumal  Viele  eine  günstige  Entscheidung  nicht  nur  erwar- 
teten, sondern  sich  seit  geraumer  Zeit  so  verhalten  als  ob  eine 
solche  erfolgt  wäre.  Doch  das  kann  Realisten  nicht  veranlass 

sen,  die  Bedeutung  des  päpstlichen  Beschlusses  zu  unterschätzen, 
auch  nicht  dessen  Bedeutung  für  die  nichtkatholische  Menschheit. 
Manche  nichtkatholischen  Regierungen  konnten  sich  erst  durch  eine 
freundliche  Erklärung  des  Papstes  ermutigt  fühlen,  die  seit  langem 
erwogenen  Schritte  vor  ihre  Parlamente  zu  bringen,  bzhw.  durch- 
zuführen. Auch  Washington  wünschte  im  Einklang  mit  dem  Vatikan 
seiner  Hilfe  für  notleidende  Länder  Mittel  zur  Regelung  der 
Geburten  in  zweckmäßigen  Mengen  hinzuzufügen  oder  nicht. Angesichts 
der  menschheitlichen  Bedeutung  der  Frage  war  der  von  Papst  PaulVI. 
erwartete  Beschluß  gewiß  der  schwerste,  den  er  T>ihor  zu  fassen 
hatte.  Dieser  Beschluß,  nichts  weniger  als  eine  innere  Angelegenes: 
heit  der  Kirche,  war  darum  auch  für  sie  von  schicksalhafter 
Bedeutung. 

Nach  dem  Ökumenischen  Konzil,  in  dem  so  viel  Licht  unerwartet 
aufleuchtete,  hatte  sich  eine  komplizierte  Lage  ergeben,  indem 
Einsicht  und  guter  Wille  mit  vitalen  Interessen  der  Kirche  zu 
kollidieren  drohten.  Längst  war  die  Untersuchung  fertig,  die 
Ärzte,  Soziologen,  Theologen  und  andere  Fachleute  ausgearbeitet  hat- 
ten, um  dem  Papst  für  seinen  schweren  Entschluß  eine  sachliche 
Grundlage  zu  bieten.  Durch  viele  Monate  wurde  eine  Erklärung  und 
Entscheidung  mit  wachsender  Ungeduld  erwartet,  während  dieser  Zeit 
trafen  wiederholt  eher  unheilvoll  klingende  Meldungen  ein.  Seit 
de  facto  eine  gewisse  Demokratisierung  im  Vatikan  Platz  gegriffen 
hat,  ist  die  Situation  des  Papstes  in  manc*br  Hinsicht  schwerer. 
Es  ist  verständlich,  daß  seine  Rolle**^  nicht  ausschließlich 
aktiv  sein  kann,  da  er  zwischen  relativ  fortschrittlichen  Kräften 
und  solchen,  die  päpstlicher  sein  wollen  als  er,  die  Mitte  halten 
muß  und  doch  nicht  leicht  zugeben  kann,  in^der  Defensive  zu  sein. 
In  dieser  Lage  muß  es  ihm  ungemein  schwer /coi-a,  einzusehen,  daß 


109 

die  Menschheit  wichtiger  ist  als  die  Kirche  oder  gar  danach  zu 
handeln  und  sich  zu  vergegenwärtigen,  daß  mit  der  Menschheit  auch 
die  Kirche  dahin  wäre.  Dieser  beispiellosen  Verantwortung  wird 
das  Unfehlbarkeitsdogma  durch  die  Bedingungen  unserer  Zeit  zu 
einem  gefahrvoll  komplizierenden  Faktor.  tHUuja  dieses  Dogma, 
das  dem  Vatikanischen  Konzil  von  1870  entstammt  und  durch  das 
zweite  Konzil  oder  durch  dessen  Geist  seiner  logischen  Funktion 
beraubt  wurde,  den  Papst  nach  wie  vor  an  seine  Unfehlbarkeit 
bindet,  macht  es  ihn  zum  Gefangenen,  läßt  ihn  nur  unter  bedeuten- 
den theoretischen  Schwierigkeiten  seine  Beschlußfassung  mit  einer 
Körperschaft  teilen,  und  am  schwersten  mit  einer  nicht kirchlichen, 
ausschließlich  ethischen.  Die  objektive  Schwierigkeit  ist  leichter 
zu  verstehen  als  sie  zu  beheben  war.  Man  muß  kein  so  weitblickender 
Politiker  sein  wie  der  Papst  und  seine  Berater,  um  die  furcht- 
baren Ziffern  zu  einer  Wahrscheinlichkeitsrechnung  zu  machen, 
die  keinen  denkenden  und  fühlenden  Menschen  gleichgiltig  lassen 
kann.  Man  muß  auch  nicht  einseitig  modern  gesinnt  sein,  um  zu 
begreifen,  daß  es  Ixjder  zweiten  Hälfte  des  zwanzigsten  Jahrhun- 
derts nicht  angeht,  den  katholischen  Ehepaaren  aller  Länder 
die  Einschränkung  ihrer  intimen  Beziehungen  bis  auf  die  Zeugung; 
und  auf  dio  aus  ihr  rocultiorondo  Zoitspanno  aufzuerlegen,  darüber 
hinaus  aber  auf  Enthaltsamkeit  zu  bestehen  oder  die  Paare  an  den 
leider  unsicheren  Kalender  zu  verweisen.  Anderseits  mußte  unbe- 
dingte Bejahung  der  ohne  Hechtfertigung  durch  die  Fortpflanzung 
genossenen  Lust  als  allzu  rasche  Versöhnung  mit  dem  Allzumensch- 
lichen erscheinen.  So  manchen  Köpfen  war  es  gegeben,  diese  Proble- 
matik gründlich  zu  verstehen;  diejenigen,  die  Einfluß  zu  haben 
glaubten,  setzten  ihn  in  verdienstvoller  Weise  ein.  Schon  im  Sommer 
1966  hatte  eine  große  Gruppe  von  untereinander  stark  verschiedenen 
und  nicht  ausschließlich  katholischen  Prominenten,  unter  ihuon 
nicht  weniger  als  21  Hob elpreis trägerer  an  den  Papst  einen  Appell  g 
gerichtet,  der  erst  viel  später  veröffentlicht  wurde.  In  diesem 
heißt  es,  es  sei  ein  Merkmal  großer  Religionen  und  die  Pflicht 
großer  Führer,  anzuerkennen,  daß  geänderte  Bedingungen  auch 
Änderungen  in  der  Anwendung  unabänderlicher  sittlicher  Werte  ver- 
langen. Die  Verantwortung  des  Menschen  gegenüber  der  nächsten 
Generation  bedeute  va? allem  die  Pflicht,  deren  Umfang  einzuschrän- 
ken. Gewiß,  sich  diesem  fiuf  zu  verschließen,  schien  geradezu 


110 

unmöglich»  zumal  die  ebenso  bescheiden  wie  eindringlich 
formulierte  Begründung  nichts  enthält,  was  nicht  so  ziemlich 
jeder  wüßte.  Was  aber  Papst  Paul  VI.  seinerseits  in  lew  York 
vor  das  Weltforum  der  Vereinigten  Nationen  brachte,  ließ  sei- 
ne  Schwierigkeiten  recht  deutlich  merken  und  viele  hörten 
es  mit  Bestürzung:  "Euere  Aufgabe  ist,  für  den  Tisch  der 
Menschheit  genügend  Brot  zu  sichern,  nicht  künstliche  Ge- 
burtenbeschränkung zji  begünstigen,  weil  es  irrational  wäre, 
die  Zahl  der  Gäste  beim  Gastmahl  des  Lebens  zu  verringern." 
Auf  v/elcher  Seite  war  die  Irrationalität?  Ist  es  denkbar, 
daß  der  Papst  so  gesprochen  hätte,  wenn  er  nicht  selbst 
in  einer  so  komplizierten  läge  gewesen  v/äre?  So  erwiderte 
U  Thant  nur,  daß  es  in  unserem  Jahrhundert  unmöglich  sei, 
genug  Brot  zu  beschaffen. 

Die  heikle  Lage  innerhalb  der  katholischen  Kirche  ging 
daraus  hervor,  was  die  Beichtväter  berichten  konnten,  ohne 
ihre  Pflicht  der  Geheimhaltung  zu  verletzen.  Zahllose  gläu- 
bige Männer  und  Erauen  waren  letztens  von  Gewissens quälen 
und  Schuldgefühlen  gepeinigt. Es  ist  wohl  das  erste  Mal  in 
der  Geschichte  der  Kirche,  daß  die  Beichtväter  selbst 
ihre  alten  Satzungen  mit  der  gewohnten  Eifachheit  anwenden 
konnten,  sondern  in  jedem  der  unzähligen  Einzelfälle  aufs 
neue  nach  einer  Lösung  suchen  mußten.  Zum  ersten  Mal  waren 
sie  genötigt,  Beichtkindern  Prinzipien  und  Probleme  zu  er- 
klären, um  ihnen  selbst  einen  den  Meisten  nicht  einmal  er- 
wünschten  Anteil  an  der  Lösung  einzuräumen  oder  eigentlich 
aufzuerlegen;  was  ja  sowohl  mit  dem  sakramentalen  als  auch 
insbesondere  mit  dem  psychologischen  Sinn  der  Beichte  schwer 
in  Einklang  zu  bringen  ist.  In  Amerika  wurde  die  Lage  zugleich 
durch  öffentliche  Befragung  beleuchtet.  Eine  solche  zeigte 
im  Jahre  1955»  daß  30  %  der  römisch-katholischen  Frauen  das 
noch  bestehende  kirchliche  Verbot  verletzen,  i960  waren  es 
58  %,  1965  55  %•  Spätere  Mitteilungen  liegen  noch-  nicht  vor. 
Im  Grunde  war  so  etwas  wie  eine  faktische  Entscheidung  damit 
schon  erfolgt,  besonders  seit  jene,  die  nicht  umhin  konnten, 
die  freundliche  Entscheidung  im  eigenen  Leben  schon  vorweg- 
zunehmen, zur  Mehrheit  geworden  waren. 

Das  offizielle  Organ  der  United  Church,  "Observer", 
beging  in  Anbetracht  der  eigenen  Schwierigkeiten  des  Papstes 
gewiß  einen  Fehler,  indem  es  in  der  Hitze  des  Gefechts 


■ 


111 

im  Namen  der  verarmten  und  hungernden  Mchtkatholiken  einen 
in  seiner  Leidenschaftlichkeit  und  Schärfe  übertriebenen 
Leitartikel  publizierte,  dessen  Argumente  in  der  Sache  aller- 
dings unbestreitbar  berechtigt  waren.  Abgesehen  von  der  sti- 
listischen Vehemenz  hatte  jener  Artikel  jedoch  ein  gutes 
Stück  Weltmeinung  hinter  sich.  Viele  erwarteten  deshalb 
vom  Vatikan  schon  damals  ein  Meisterwerk  der  Diplomatie, 
ein  Salomonisches  Urteil,  das  den  Fähigkeiten  des  Vatikans 
zur  Ehre  gereichen  würde.  -  * 

Am  27. März  1967  ie£  d-iooo  Entscheidung  im  Prinzip  er- 
folgt. Ein  erleichtertes  Aufatmen  in  den  verschiedensten 
sozialen,  ethnischen  und  politischen  Gerden  und  eine  Flut 
von  Danksagungen  und  begeisterten  Anerkennungen  bS^I,  daß 
sowohl  sowohl  das  Bwußtsein  der  Schwierigkeiten,  die  zu  über- 
winden waren  als  auch  die  gerechte  Bewertung  der  Lösung 
allgemein  &3.nd.  Es  wäre  aber  weniger  gerecht,  die  textliche 
Fassung  der  Enzyklika  "Über  die  Entwicklung  der  Völker" 
allzu  kritisch  zu  analysieren.  Im  Gegenteil,  die  Art,  wie 
da  eine  grundsätzliche  Zustimmung  ausgesprochen  ist,  ohne 
daß  der  extremen  Reaktion  eine  Angriffsfläche  ausgesetzt  s 
wird,  und  wie  eine  einschränkende  Warnung  hinzugefügt  wird, 
abstrakt  genug,  um  der  Linken  Wie  der  Hechten  für  einige  In- 
terpretation Raum  zu  lassen,  zeigt  eine  alte  Schule  hochge- 
züchteter Intelligenz  in  ihrem  besten  Lichte.  Wer  auf  der 
umgeänderten  Richtung  besteht,  kann  hier  eine  neue  Bestäti- 
gung der  sowieso  schon  früher  gebilligten  Vorbeugungsmethode 
nach  dem  Kai ende rrythmus  hineindeuten,  aber  nicht  minder 
naheliegend  und  berechtigt  ist  die  Auffassung,  daß  der  oralen 
und  jeder  noch  verläßlicheren  Kontrazeption  nichts  mehr  im 
Wege  stehe:  öffentliche  Behörden  können  eingreifen,  in- 

dem sie  die  Erreichbarkeit  geeigneter  Information  fördern 
und  entsprechende  Maßnahmen  ergreifen. "  Die  Betonung  der 
unveräußerlichen  Rechte  der  Ehe  und  der  Zeugung  im  Zusammen- 
hang mit  der  Menschenwürde  ist  offensichtlich  gegen  die  zu- 
nehmende Promiskuität  gerichtet.  Doch  die  andere  Seite  die- 
ser Rechte,  auf  die  es  in  unserer  Generation  ankommt,  ist 
genügend  eindeutig  hervorgehoben:  "Es  liegt  an  den  Eltern, 
die  Zahl  ihrer  Kinder  zu  bestimmen  und  ihre  Verantwortung 
gegenüber  Gott,  sich  selbst,  den  Kindern,  die  sie  schon 


112 

in  die  Welt  gesetzt  haben  und  der  Gemeinschaft,  der  sie 
angehören,  in  Betracht  zu  ziehen." 

In  dieser  so  lang  und  so  gründlich  durchdachten  Formulie- 
rung fällt  auf,  daß  es  nicht  einfach  eine  den  Katholiken  erteil- 
te Erlaubnis  ist,  sondern  ein  den  Staaten  ausgestellter  Frei- 
brief, den  Staaten  ohne  Unterschied  ihrer  Beziehungen  zur 
katholischen  Kirche  und  ohne  Beschränkung  auf  Nationen  mit 
katholischer  Majorität.  Es  kann  nicht  bestritten  werden, 
daß  das  ein  origineller  und  besonders  kluger  Schachzug  ist. 
Durch  diesen  wird  einerseits  die  Hauptlast  der  Verantwortung 
für  die  Ausführung  auf  die  Regierungen  übertragen.  Indem 
anderseits  der  Papst  ihnen,  allen  Regierungen,  eine  Bewil- 
ligung erteilt,  um  die  keine  von  ihnen,  auch  nicht  die  gegen 
wart ige  Regierung  Italiens,  ihn  formell  hätte  ersuchen  können , 
stellt  er  die  Kirche  nun  wieder  über  sie.  Das  geschieht  in 
einer  Weise,  der  man  sich  nicht  gut  widersetzen  kann,  da  die 
in  Betracht  kommenden  Regierungen  an  jeder  Erleichterung  der 
Geburtenkontrolle  interessiert  sind  und  eine  Ermutigung  darum 
nur  willkommen  heißen  können,  ausdrücklich  oder  stillschweigend. 
Die  einmal  faktisch  durchgesetzte,  von  den  Beteiligten  angenom- 
mene Gutheißung  in  einer  Angelegenheit  schließt  theoretisch 
smeria-  die  Anwendbarkeit  des  Prinzips  auf  umgekehrte  Fälle  ein, 
bedeutet  grundsätzlich  auch  den  Anspruch  auf  das  Recht  zu 
verbieten  und  dessen  Anerkennung,  auch  wenn  es  kein  verbrief- 
tes Vetorecht  ist,  sondern  ehier  ein  Brauch,  der  zur  Tradition 
werden  oder  eigentlich  in  ein  verlassenes  Geleise  zurückkehren 
kann. 

Es  entspräche  der  Mentalität  der  meisten  Zeitgenossen, 
daß  ihre  Stellungnahme  zuroinor  Erneuerung  eines  Tatbestandes 
aus  früheren  Zeiten  nur  von  Ideologien  oder  Doktrinen  bestimmt 
sein  kann,  und  eine  solche  Auffassung  kann  nicht  als  unberech- 
tigt abgelehnt  werden.  Doch  sollten  Fragen  von  virtuell  mensch- 
heitlicher Bedeutung  nicht  ausschließlich  von  Gesichtspunkten 
der  politischen  Doktrin  aus  betrachtet  werden,  es  sollte  also 
nicht  allein  eine  prinzipielle  Stellungnahme  zum  Papsttum  als 
solchem  und  zu  dessen  internationalen  Rechten  sein,  sondern 
in  erster  Linie  sollte  das  Individuelle,  die  Frage  der  agieren- 
den Persönlichkeit  berücksichtigt  werden.  Als  Paul  III.  starb, 
strömte  Alt  und  Jung,  Arm  und  Reich  in  die  Straßen  und  auf  st 


113 

die  Plätze  Roms,  man  jauchzte  und  umarmte  einander  vor  Freude.  Wer 
die  Geschichte  des  Psfettums  einigermaßen  kennt,  kann  dem  einen  Beispiel 
viele  gleichartige  wie  auch  gegensätzliche  und  dramatische  Mischungen 
von  Li<rht  und  Finsternis  hinzufügen.  Zu  den  auffallenden  Unterschieden 
innerhalb  eines  Jahrhunderts  gehört  der  zwischen  Pius  XII.  und  Johannes 
XXIII.  Die  Aussicht  auf  ein  Wiedererstarken  der  päpstlichen  Macht  hat 
daher  ein  Doppelantlitz,  ein  segensreiches  und  ein  schauriges.  Die 
Präge,  welcher  Geist  jeweilig  überwiegen  kann,  ist  in  hohem  Maße  von 
individuellen  Paktoren  mitbestimmt.  In  der  für  das  Geschick  der  Mensch- 
heit so  belangvollen  Präge  hat  der  gegenwärtige  Papst  sich  unverkennbar 
für  Menschlichkeit  und  Einsicht  entscheiden  wollen  21). 

21)  Ein  mit  dem  Hauptthema  derselben  Enzyklika  eher  indirekt  zusam- 
menhängender Satz  erinnert  an  den  Geist  des  frühesten  Christentums: 

Überflüssiger  Reichtum  sollte  in  den  Dienst  der  armen  Nationen  gestellt 
werden. ..denn  weitere  Habgier  der  reichen  Nationen  würde  das  Gericht 
Rottes  und  die  Wut  der  Armen  mit  ihren  unabsehbaren  Polgen  herausfordern'! 

Aber  die  Anerkennung  dieser  Enzyklika  hat  ihre  Grenzen.  Angesichts 
der  noch  offen  gebliebenen  Möglichkeiten  für  ihre  Interpretation  hatte 
sie  in  der  Auffasung  weltlicher  Kreise  und  in  der  zahlreicher  Kirchen- 
männer einschließlich  oppositioneller  Jesuiten  nur  Sinn  und  Wert  eines 
ersten  Schrittes.  Sofort  erhob  sich  also  die  Forderung  nach  Konkretisier 
rung,  nach  unzweideutiger  Billigung  der  Kontrazeption.  Die  Dringlichkeit 
des  Wunsches  nach  völliger  Klarheit  war  zu  begreiflich,  um  verurteilt 
werden  zu  können.  Der  Papst  konnte  selbst  oder Jurch  einen  Bevollmäch- 
tigten eine  Form  finden,  um  die  zwar  nicht  mehr^drückende ,  aber  keines- 
wegs gewicheie  internationale  Besorgnis  zu  beseitigen.  Anderseits  war 
jedoch  der  Weg  zu  den  Regierungen  der  kürzeste  zu  legaler  und  praktischer 
Realisierung  gewoden;  sie  waren  jafnaclider  Enzyklika  berechtigt,  das 
Einverständnis  des  Papstes  anzuwenden  wie  sie  es  für  richtig  fanden. 
Methodisch  waren  sie  es  also,  die  eilends  überzeugt  werden  mußten,  daß 
sie  die  aktive  Geburtenkontrolle  nicht  länger  aufschieben  dürfen.  Ihr 
so  unnötiges  weiteres  Zögern  konnte  doch  niemandem  weniger  erwünscht 
sein  als  dem  Papst.  Es  mußte  ihn  geradezu  zwingen,  eine  eindeutige 
Entscheidung  folgen  zu  lassen,  die        als  Reaktion  auf  ihre  Inaktivität 
nur  negativ  sein  konnte.  Die  unschlüssigen  Regierungen  haben  also  haupt- 
sächlich sich  selber  zuzuschreiben,  was  sie  leicht  hätten  abwenden 
können.  Daß  sie  die  bestmögliche  Konjunktur  versäumt  haben,  können  sie 
nur  noch  mit  weitaus  größerer  Entschlossenheit  gutmachen. 

Denn  die  Welle  der  flehentlichen  Appelle  und  feierlichen  Warnungen, 
von  international  geachteten  Individuen,  zusammengeschlossenen  Staats- 
oberhäuptern und  Regierungen  einschließlich  der  amerikanischen,  ist 
nach  ihrem  Scheitern  für  unvorhersehbar  lange  Zeit  vorüber.  Innerhalb 


114 

des  Katholizismus  und  auf  der  ganzen  Erdoberfläche  mehren  sich  noch 
andere  Probleme,  ja  alles  ist  gedrängt  voll  von  -Fragen,  die  sofortige 
Lösungen  erheischen.  So  bleiben  die  teils  erst  erwogenen,  teils  schon 
in  Angriff  genommenen  Maßnahmen  zur  Eindämmung  der  Übervölkerung  in 
ihren  noch  wirkungslosen  Anfängen  stecken  und  unser  Eilmarsch  zum 
Abgrund  geht  beschleunigt  weiter.  Es  ist  wahrscheinlich  weit  mehr  als 
die  Hälfte  aller  Menschen,  die  von  ihrer  Lage  noch  iramgr  nicht  die 
geringste  Ahnung  haben.  Selbst  zahllose  Intellektuelleynaben  noch  nicht 
begonnen,  zu  begreifen,  warum  sie  denn  Zeugung  und  Geburt  auf  das  Min- 
destmaß beschränken  sollen,  wenn  sie  sich  das  Vergnügen  uneingeschränkt 
leisten  können;  ebenso  wollen  regierende  und  Oppositionsparteien  sich 
bei  ihren  Wählern  nicht  unbeliebt  machen  und  ziehen  es  vor »abzuwarten. 
In  dieser  Hoffnungslosigkeit  entsinnen  wir  uns  der  ausgestorbenen  Arten, 
die  an  Zahl  den  noch  existierenden  vielleicht  nicht  nachstehen.  Um  eine 
Vorstellung  davon  zu  gewinnen,  wie  die  Übervölkerung  ihr  eigenes  Ende 
herbeiführen  könnte,  erinnern  wir  uns  tragischer  Vorgänge  im  heutigen 
Tierreich,  wie  des  Massensterbens  ohne  erkennbare  Ursachen;  des  skandi- 
navischen Lemmings,  der,  ähnlich  seiner  amerikanischen  Abart,  weite, 
auch  jahrelange  Massenwanderungen  über  Land  und  durch  Flüsse  unternimmt, 
zum  Meer,  um  in  diesem  zu  ertrinkenx;  der  Scharen  jener  nordkanadischen 
Pelztiere,  die  alle  i  9,7  Jahre  dahinsterben,  ohne  daß  die  Zoologen  zu 
sagen  wüßten,  woran.  Sollte  unserer  Spezies  ein  wilder  und  wüster  Tod 
bevorstehen,  von  langer  Dauer,  in  verschiedenen  Stadien  physischen  und 
moralischen  Verfalls  infolge  Hungers  und  aller  denkbaren  und  vielleicht 
auch  unvorhergesehener  folgen  unserer  verantwortungslosen  Vermehrung? 
Oder  gar  eine  Art  psychologischen  Absterbens  ohne  oder  fast  ohne  soma- 
tische Zerstörung?  Oder  ein  multiformes  Ende,  regional  und  sogar  indi- 
viduell verschsieden? 

Aber  verzweifeln  wir  noch  nicht:  Solange  solche  Symptome  der 
letzten  Phase  noch  nicht  eingetreten  sind,  können  Lebenswille,  Vernunft 
und  Beherztheit  uns  noch  retten. 

*  * 

Der  eigentliche  Schlag  war  die  Enzyklika  "Humanae  vitae",  die  dem 
Rest  einer  Illusion  ein  Ende  bereitete.  Obwohl  niemand  überrascht  sein 
konnte,  waren  beinahe  Alle  bestürzt,  selbst  diejenigen,  die  es  nicht 
zugeben  wollten  und  die  es  erwartet  hatten:  die  mitschuldigen  Regierun- 
gen, denkende  katholische  Laien,  Massen  einfacher  Gläubigen  und  eine 
in  der  neuen  Lage  unerf orschlich  gewordene  Anzahl  katholischer  Priester 
und  Lehrer;  und  überdies  die  zahllosen  nichtkatholischen  Christen, 
deren  Glaube  an  die  Möglichkeit  der  christlichen  Einheit  mit  einer 


•  ■  I 


115 

allzu  schweren  Enttäuschung  zu  ringen  hat;  und  die  Mehrheit  in  den  ars* 
nichtchristlichen  und  teilweise  christlichen  Wationen,  die  zu  begreifen 
beginnen,  daß  sie  alle  ohne  rasche  und  gründliche  Bekämpfung  der  Über- 
völkerung elend  und  hilflos  umkommen  müssen. 

Wäre  es  im  alten  Stil  weitergegangen,  so  hätte  ja  alle  Welt 
zwischen  Menschlichkeit  und  andern  Interessen  zu  unterscheiden  gewußt; 
so  hätten  alle  Gläubigen  nach  wie  vor  verstanden,  daß  ihnen  unbeding- 
ter Gehorsam  auferlegt  ist  und  daß  Kritik  und  Freiheit  ihnen  nicht 
zustehen;  und  daß  sie  einem  kompromißlosen  Absolutismus  für  immer  I 
Untertan  sind.  Aber  durch  die  Großtat  der  Vermenschlichung  hatte 

^SL^ut^r^  Licht  des  MorSens  geöffnet,  und 
herrlich^versprechen  wiederholt  und  anfangs  zum  I 
Teil  erfüllt.  Bis  ein  Schauder  vor  den  Konsequenzen  der  Befreiung 
über  ihn  zu  kommen  schalen  und  er  dem  Schwanken  zwischen  zwei  Welten 
ein  Ende  bereiten  zu  müssen  meinte. Ist  es  nicht  allzu  tragisch,  daß 
das  im  Namen  der  Menschenwürde  geschah?  Und  unter  so  intensivem, 
zwischen  den  Zeilen  so  deutlich  lesbarem  Widerstreben? 

Doch  kann  jeder,  der  Geschichte  studiert,  sich  leicht  überzeugen, 
daß  es  so  etwas  wie  einen  Abschluß  nie  gegeben  hat,  denn  was  so  aus- 
sieht oder  so  gemeint  ist,  ist  immer  zugleich  auch  ein  Anfang:  Eine 
tiefe  Krise  innerhalb  der  katholischen  Kirche  und  eine  lange  und  viel- 
gestaltige Serie  von  Krisen  zwischen  ihr  und  der  gepeinigten  Menschheit 
hat  begonnen. 

aas 


Johann .XXIII 
PauTTlVhl 


Der  Zustand,  aus  dem  die  Menschheit  jetzt  befreit  werden  muß,  um 
fortleben  zu  können,  ist  ein  seltsames  Dilemma:  Zwischen  einem  Trieb, 
den  die  Natur  ihr  gegeben  zu  haben  scheint,  damit  sie  lebe,  dessen 
gegenwärtige  Auswirkungen  aber  ihre  Existenz  bedrohen;  und  dem  EntschluJ 
zu  partieller  Aufhebung  der  Polgen  dieses  Triebes,  damit  sein  Ursprung* 
licher  Sinn  erfüllt  werde. 

Gegen  den  Hunger  und  fernere  Möglichkeiten 

Innerhalb  unserer  gegenwärtigen  Problemstellung  betrachten  wir 
das  Thema  der  Ernährung  nur  indirekt  auch  als  anthropologische,  ethi- 
sche und  gesundheitliche  Frage,  doch  zunächst  als  eine  rein  volks- 
wirtschaftliche Angelegenheit;  als  solche  ist  sie  für  die  Aussichten 
unseres  Kampfes  gegen  Übervölkerung 


117 

oio  für  dio  Auooiohton  unooroc  Kampf oo  gogon  tfecrvölkorung 
und  Verhungern  entscheidend.  Der  wichtigste  Punkt  sei  voraus- 
genommen: Was  an  sich  genügen  würde,  die  Aussichten  auf  Fort- 
bestand des  Menschengeschlechtes  über  die  Schwierigkeiten 
der  nahen  Zukunft  hinweg  bedeutend  zu  verbessern  ,  wäre 
vegetarische  Ernährung,  selbst  wenn  si£  nicht  lückenlos  auf 
dem  ganzen  Erdball  durchgeführt  würde.  Wie  auch  alle  gebilde- 
ten Gegner  des  Vegetarismus  wissen,  stammen  die  Nährwerte  von 
der  Energie  der  Sonne.  Der  pflanzliche  Organismus  setzt  sie 
in  Materie  um,  und  das  Tier,  das  die  Pflanze  frißt,  vollzieht 
die  Rückumwandlung  der  Materie  in  Energie.  Wenn  dieses  Tier 
seinerseits  gefressen  wird,  wiederholt  sich  die  Umsetzung 
von  Materie  in  Energie,  u.s.w.  Wie  aber  errechnet  wurde  und 
allgemein  angenommen  wird,  nimmt  die  Pflanze  nur  etwa  0,1 
Prozent  von  der  ihrer  Oberfläche,  dem  Strahlungswinkel  und 
der  Expositionszeit  entsprechenden  Sonnenenergie  auf.  Von 
diesem  Bruchteil  nehmen  Pflanzenfresser  etwa  ein  Zehntel 
auf,  Fleischfresser  jedoch  nur  ungefähr  ein  Zehntel  dieses 
Zehntels;  so  entfällt  auf  diese  letzteren  nur  ein  Hundertstel 
der  von  der  Pflanze  selbst  verzehrten  Energie.  Die  wirklichen 
Karnivoren  können  die  für  sie  so  ungünstige  Ungleichheit  der 
Verteilung  nicht  ändern,  weil  sie,  obzwar  es  einzelne  zoolo- 
gische Gegenbeispiele  gibt,  nicht  Herbivoren  werden  können, 
zumindest  nicht  in  ihrer  Gesamtheit.  Die  Fleischnahrung  der 
Menschenrasse  ist  hingegen,  wie  wir  wissen,  keineswegs  ur- 
sprünglich (S.  )  und  nachweisbar  unvorteilhaft  (S.     ).  Es 
liegt  also  an  uns,  die  erworbene  Lebensweise  aufzugeben 
und  zu  der  uns  eigenen  zurückzukehren,  ganz  oder  teilweise, 
über  Nacht  oder  schrittweise.  Wo  immer  Lebensmittel  knapp 
werden,  und  insbesondere  da  das  der  gesamten  Menschheit  in 
präzedenzlosem  Maße  bevorsteht,  hört  die  uns  gemäße  Nahrung 
auf,  nur  eine  empfehlenswerte  Reform  zu  sein  und  wird  zu 
einer  gebieterischen  Notwendigkeit,  zu  einer  Bedingung 
unserer  Selbst erhaltung.  Wer  die  neuere  Geschichte  Europas 
kennt,  wird,  wie  die  noch  lebenden  Zeugen  jener  Zeit,  sich 
erinnern,  daß  im  ersten  Weltkrieg  die  durch  die  Blockade 
arg  behängte  Regierung  Dänemarks  einen  Pionier,  den  Arzt 
Mikkel  jlSffiede^Ss  der  soeben  wiedergegebenen  naturwissen- 
schaftlichen Erkenntnis  gemäße  Experiment  mit  ihrem  ganzen 
Volke  durchzuführen. Man  hatte  keine  Zeit  zu  verlieren.  Die 


118 


Schweinezucht  wurde  zwar  nicht  ganz  abgeschafft,  aber  auf 
ein  Fünftel  reduziert.  Die  Dänen  aßen  damals  hauptsächlich 
Kartoffeln  und  Gerstegrütze  und  tranken  weder  Alkohol  noch 
Kaffee,  sondern  Wasser  und  Milch.  Vorher  war  1913  das  Jahr 
ihrer  niedrigsten  Sterblichkeit  gewesen,  doch  in  der  Kriegs- 
zeit sank  sie  noch  um  6300  unter  jenes  Minimum,  und  in  ebenso 
überraschendem  Maße  verringerten  sich  die  Erkrankungen  22). 

22)Die  Zahlen  entnehme  ich  Alfred  Braue hie,  Das  große 
Buch  der  Naturheilkunde ,  C.  Bertelsmann  Verlag,  Gütersloh 
1957. 

In  der  viel  schwereren  Zeit,  für  die  sich  nicht  ein  klei- 
nes Land,  sondern  die  ganze  Menschheit  zu  rüsten  hat,  kann 
die  aus  jenem  gelungenen  Versuch  zu  ziehende  lehre  entschei- 
dende Bedeutung  erlangen.  Nach  neuesten,  unter  Berücksichti- 
gung aller  vorhersehbaren  Faktoren  angestellten  Berechnung  ein 
würde  die  Landfläche,  die  heute  noch  nötig  ist,  um  das  von 
einer  Person  zu  verzehrende  Schlachtvieh  zu  züchten,  genügen, 
um  sechs  Personen  mit  Getreide,  Gemüsen  und  Früchten  für 
ihren  gesamten  Ernährungsbedarf  zu  versorgen.  Mehrere  Regie- 
rungen sollen  gegenwärtig  aus  diesen  rein  wirtschaftlichen 
Gründen  Reformen  erwägen,  sehen  aber  keinen  Weg  zur  Verstän- 
digung mit  der  Karnivorenmentalität  des  Publikums,  weil  sie 
selbst  von  dieser  beherrscht  sind. Konsequent  in  den  ganz  großen 
Maßstab  übertragen,  müßte  die  richtige  Ernährung  im  Verein 
mit  den  früher  empfohlenen  Maßnahmen  in  allen  Ländern  das 
Unheil  nicht  allein  hinausschieben,  sondern  definitiv  verhin- 
dern. Betrachten  wir  diese  Chance  kurz  und  sachlich. 

Die  dem  heutigen  Stand  des  Wissens  entsprechende  vegeta- 
rische Ernährung  besteht  nicht  einfach  im  Weglassen  der  ani- 
malischen Kost,  sondern  in  einer  Reihe  von  Revisionen  gegenüber 
schädlichen  Gepflogenheiten,  die  sich  seit  der  Einführung  von 
Jagd  und  Fischerei  nach  und  nach  als  Begleiterscheinungen 
eingebürgert  haben.  Wie  sich  auch  während  der  beiden  Weltkriege 
mit  aller  Deutlichkeit  gezeigt  hat,  sind  wir  zu  gefahrvoller 
Überschätzung  der  Kalorien  gelangt  und  unterschätzen  die  Bedeu- 
tung der  Vitamine  und  Mineralien.  Dieser  Einseitigkeit  gesellt 
sich  seit  frühgeschichtlichen  Epochen  ein  unaufhörliches 
Kochen,  Backen  und  Braten,  das  den  Wert  der  Nährstoffe  wesent- 
lich herabmindert  und  uns  noch  viel  weiter  vom  Ursprung  ent- 
fernt. Da  es  v/ahllos  angewendet  wird,  vermehrt  es  noch  die 


119 

Krankheiten,  die  auf  die  schon  in  ihren  Grundlagen  falsche 
Ernährung  zurückgehen. Es  zerstört  überdies  den  natürlichen 
Gesfchmack  der  Speisen,  der  durch  die  Hitzebehandlung  so 
übel  wird,  daß  er  durch  Gewürze  korrigiert  werden  muß;  und 
diese  tragen  zu  unserer  weitern  Entartung  noch  ihr  Scherf- 
lein bei.  Es  ist  ein  altes,  Reich  und  Arm  umfassendes,  alle 
Zivilisationen  schwächendes  System  der  Verwöhnung.  Diese  Ten- 
denz mag  einen  gesunden  Kern  haben,  den  Wunsch  nach  Verbesse- 
rung der  Daseinsbedingungen,  doch  führt  sie  auf  allen  jenen 
ausgetretenen  Wegen  zum  gegenteiligen  Ergebnis.  Rein  wvrkmrk 
wirtschaftlich  sind  jene  Unnatürlichkeiten  in  ihrem  realen 
Maßstab  nicht  nur  ungeheuere  Energievergeudung,  sondern 
haben  noch  grausam  extensive  Kettenreaktionen  von  Verlusten 
zur  Folge,  denn  die  Flut  der  Krankheiten,  der  Verkrüppelungen, 
des  Siechtums,  der  noch  ihrerseits  degenerativ  wirkenden 
medizinischen  Behandlungen  und  der  Massenerzeugung  der  zer- 
störerischen Arzneien  gehören  sämtlich  hierher.  All  dem  gegen- 
über ist  Vegetarismus  weit  mehr  als  eine  Diät  zum  Zwecke  der 
Heilung  oder  Vorbeugung,  Es  ist  eine  auf  systematischer  Revi- 
sion beruhende  Lebensweise,  die  in  wirtschaftlicher  Hinsicht 
tiefgreifende  Ökonomisierung  bedeutet. 

Die  günstigen  Ergebnisse,  die  für  die  menschliche  Gesell- 
schaft von  vegetarischer  Lebensführung  in  andern,  nicht  er- 
nährungspolitischen Beziehungen  zu  erwarten  sind,  können  hier 
aber  nicht  unerwähnt  bleiben,  v/eil  auch  sie  mit  der  Übervöl- 
kerungsgefahr zusammenhängen.  Die  naturgemäße  Ernährung  bietet 
nicht  allein  die  Aussicht  auf  baldige  Ab?/ehr  des  Hungers  und 
somit  Milderung  des  Leidens  der  Menschen  und  ihrer  Reaktion 
auf  das  Leiden.  In  Anbetracht  der  früher  ins  Auge  gefaßten 
Gefahr  einer  unauf halt s amen  Zunahme  aller  unserer  nicht  pri- 
mären, sondern  erworbenen  wild  zerstörerischen  Tendenzen 
gewährleistet  die  unserer  Art  eigene  Nahrung  auch  die  eigent- 
liche Menschlichkeit  unseres  Trieblebens,  die  gesunde  Ent- 
faltung unserer  Naturanlage,  die,  wie  sich  schon  früher  ge- 
zeigt hat  und  im  nächsten  Kapitel  weiter  ausgeführt  werden 
soll,  nicht  destruktiv  noch  agressiv  ist.  Diese  Auswirkung 
der  Ernährung  wird,  wie  die  bisherige  Erfahrung  zu  schließen 
gestattet,  sich  auf  zwei  Wegen  vollziehen,  direkt  somatisch 
und  neuro-psychologisch.  Beobachtungen  an  der  vegetarischen 


120 

Minorität  im  Vergleich  mit  der  Majorität  erweisen  den  Vege- 
tarismus als  eine  den  Neurosen  entgegenwirkende  Kraft,  die 
jedoch  heute  quantitativ  noch  viel  zu  unentwickelt  ist,  um 
genügend  wirksam  zu  sein.  Allerdings  zeigt  die  Statistik  die 
vegetarische  Bewegung  im  Anstieg,  gewiß  nicht  dank  einer  all- 
zu schwachen  Aufklärungsarbeit,  sondern  wahrscheinlich  durch 
ein  gewisses  Wieder erwachen  eines  eher  instinktiven  Verständ- 
nisses als  ifaktion  auf  den  allgemeinen  Wahn  der  Widernatür- 
lichkeit. Erst  unter  der  Voraussetzung  voller  Restitution 
der  elementaren  Erfordernisse  und  Rechte  unserer  Natur  können 
wir  auf  eine  Atmosphäre  hoffen, in  der  Menschen  verschieden- 
st  er  Art  unschwer  zusammenarbeiten  können  werden,  Mkkm  den 
Sinn  des  Gemeinwohls  ms.  vergessen  oder  der  Selbstsucht  im 
verfallen,  die,  wenn  wir  nicht  fähig  sein  sollten,  ihr  vermöge 
unserer  ursprünglichen  Natur  Einhalt  zu  gebieten,  in  immer 
sinnloserem  Rasen  sich  selbst  aufheben  müßte. 

Zur  Abwehr  des  Hungers  für  Jahrhunderte  oder  gar  Jähr- 
ig* 

tausende  würde  der  Vegetarismus  nur  dann  genügen,  wenn  im  auf 
der  andern  Seite  nicht  ein  fortgesetzt  hemmungsloses  Anwach- 
sen der  Bevölkerung  entgegenarbeitete.  Die  Dauer  und  der  Grad 
der  Wirksamkeit  bilden  eine  mathematische  Frage,  deren  Lösung 
von  der  Gesamtheit  der  aufgezeigten  Paktoren  abhängt,  nament- 
lich von  allgemeiner  und  konsequenter  Durchführung  des  notwen- 
digen Maßes  an  Geburtenkontrolle.  In  Anpassung  an  die  künfti- 
ge demographische  Entwicklung  müßte  die  Ernährung  gegebenen- 
falls noch  weiter  rationalisiert,  bzhw.  verwissenschaftlicht 
werden,  öbzwar  die  bisherigen  Versuche  mit  Vegetabilien  im 
Wasser,  bzhw.  auf  dem  Wasser,  bewiesen  zu  haben  scheinen,  daß 
auf  diesem  Wege  nie  auch  nur  annähernd  der  Ertrag  zu  erwarten 
ist,  den  das  Festland  hervorbringt,  werden  die  Kommenden  auf 
diesen  Zusatz  gewiß  nicht  verzichten  dürfen.  Auch  die  wenigen 
Forschungen  über  rein  chemische  Ernährung  haben  zwar  noch 
nirgends  hingeführt,  sollten  aber  als  Teillösung,  bzhw.  als 
Ergänzung  nicht  für  immer  verworfen  sein.  In  ihrer  Fortsetzung 
würde  sich  der  heute  in  gigantischen  Ausmaßen  zerstörerischen 
chemischen  Industrie  ein  neues,  geradezu  unbegrenzt  weites 
Feld  zu  produktiver  Arbeit  bieten;  so  könnte  sie  vielleicht 
endlich  von  der  hoffnungslosen  Massentötung  zum  Dienst  an 
der  Erhaltung  des  Lebens  übergehen, 

Doch  früher  oder  später,  je  nach  dem  Druck  der  Umstände, 


121 

wären  noch  zwei  bisher  in  keiner  Form  bestehende  Neuerungen 
vorstellbar.  Eine  von  ihnen  wäre  der  "Übergang  zu  andern 
Energiequellen  als  Grundlage  der  Ernährung;  theoretisch  steht 
es  ja  durchaus  nicht  fest,  daß  die  Sonnenstrahlung  für  immer 
die  einzige  Quelle  bleiben  muß.  Der  drohende  Fluch  der  frei- 
gewordenen Energie  des  gespaltenen  Atoms  könnte  so  zum  Segen 
der  Menschheit  werden,  die  auch  schon  ohne  einen  nuklearen 
Krieg  unter  ihren  Erfindungen  genug  gelitten  hat.  Die  andere 
denkbare  Neuerung  ist  jeder  Verwirklichungsmöglichkeit  gegen- 
wärtig noch  viel  ferner.  Im  Gegensatz  zu  unserem  physiologi- 
schen Assimilationsvorgang  könnte  irgendwann  eine  Methode  der 
Lebenserhaltung  gefunden  werden,  die  überhaupt  nicht  auf  Er- 
nährung im  bekannten  Sinne  beruht,  sodern  auf  einer  direkten 
Übertragung  von  Energie  auf  den  Organismus,  sei  es  von  der 
Sonne  oder  von  einer  andern  Quelle,  u.zw.  auf  dem  in  der 
Pflanzenphysiologie  vorgebildeten  oder  auf  einem  unserer 
Erfahrung  noch  unbekannten  Wege.  Diese  Idee  wird  freilich 
zu  einem  ungewollten  Vorstoß  in  die  Metaphysik,  denn  hier 
erhebt  sich  die  Frage,  ob  der  als  Ernährung  bezeichnete  fun- 
damentale Naturvorgang  nur  eine  der  Bedingungen  zur  Erhaltung 
animalischen  Lebens  ist  und  in  diesem  Falle  theoretisch 
durch  einen  andern  Prozeß  ersetzbar  wäre  oder  ob  er  das 
tierisch-menschliche  Leben  selbst  ist  und  von  diesem  so  unab- 
trennbar wie  die  Oxydation.  Wenn  eine  direkte  Umwandlung 
fremder  Energie  in  eigene  sich  als  möglich  erweisen  sollte, 
wäre  das  jedenfalls  ein  von  dem  aller  tierischen  Organismen 
unseres  Planeten  verschiedenes  Leben.  Vielleicht  werden  ein- 
mal systematische  Versuche  Klarheit  darüber  schaffen  können« 
Die  Möglichkeit  einer  direkten  Energiezufuhr  würde  unsere 
Problemstellung  bis  auf  den  Grund  ändern;  von  der  theoreti- 
schen Entdeckung  einer  Möglichkeit  bis  zur  Anwendung  können 
sich  ungeahnte  Wege  eröffnen  23).  ^ 

±23)  In  der  voranstehenden  Kurzgeschichte  habo  ich  die 
Möglichkeit  als  gegeben  angenommen,  aber  noch  als  Privi- 
leg weniger  Eingeweihten. 

Eine  Rettung  erstrebende  Maßnahme,  ob  sie  nun  in  unserer 
Generation  angebahnt  und  später  vervollkommt  oder  erst  nach 
uns  erfunden  v/erden  sollte,  hat  jedenfalls  WtäB&mlgmgm.  zur 
Voraussetzung,  in  denen  sich  menschliche  Intelligenz  voll 
auswirken  kann.  Die  Grundbedingung  ist  deshalb  die  Verhütung 
globaler  und  regionaler  Katastrophen.  Eine  andere  Bedingung 


■  .-••.■* 


WM 


122 


7 


ist  die  Verhütung  jener  menschlichen  Entartung,  in  der  dem 
wüsten  Egoismus  keine  Schranken  mehr  gesetzt  wären,  so  daß 
er  alles  bis  ans  Ende  verschlingen  würde.  Über  die  Zweckmä- 
ßigkeit der  Aufeinanderfolge  oder  des  Ineinandergreif ens 
der  empfehlenswerten  Maßnahmen  läßt  sich  gewiß  streiten. 
Es  ist  aber  sicherlich  bes&i^feehler  zu  begehen  als  untätig 
das  Unglück  herankommen  zu  lassen. 

Bleiben  wir  schließlich  dessen  eingedenk,  daß  die  Ernäh- 
rung nicht  das  einzige  unserer  von  ungehemmter  Fortpflanzung 
bedrohten  Lebensbedürfnisse  ist.  Auch  wenn  wir  die  Existenz 
an  sich  so  hoch  über  alles  stellen,  daß  wir  um  ihretwillen 
auf  alles  das  verzichten,  was  wir  mit  dem  Sammelnamen  Zivi- 
lisation bezeichnen,  bleiben  noch  elementare,  praktisch  mit 
dem  Dasein  gleichbedeutende  Bedürfnisse  übrig,  wie  etwa  ein 
gewisses  Minimum  verfügbaren  Raumes.  Doch  auch  in  dieser  Hin- 
sicht beraubt  uns  die  unerbittliche  Mathematik  aller  Illusio- 
nen. Wenn  es  zu  jener  angsttraumhaften  Vermehrung  käme,  würden 
"wir"  nicht  nur  den  Tieren  keinen  Lebensraum  übrig  lassen, 
sondern  selbst  ohne  Gebäude  und  Städte  die  für  Landwirtschaft 
geeignete  Eläche  der  Kontinente  so  dicht  beschatten,  daß  für 
den  Anbau  von  Getreide  und  anderer  uns  ernährenden  Pflanzen 
nicht  genug  Platz  an  der  Sonne  bliebe  würden  also  mit 

den  Bedingungen  unserer  Existenz  in  einen  höllischen  Wettbe- 
werb treten  und  nicht  nur  mit  einander,  sondern  auch  mit 
ihnen  'um-Ma&m  kämpfen  müssen. 

Auf  allen  Wegen  gelangen  unsere  Erwägungen  also  in  ein 
Inferno,  aus  dem  unsere  Phantasie  nur  einen  einzigen  Ausweg 
findet.  Es  ist  die  klare  Folgerung,  daß  alle  gegen  die  Aus- 
wirkung der  Übervölkerung  in  Betracht  gezogenen  Maßnahmen 
nur  dann  v/irksam  und  sinnvoll  sein  werden,  wenn  sie  Ergän- 
zungen der  zu  erfüllenden  Grundbedingung  bilden  werden, 
 der  radikalen  Geburtenkontrolle. 

i^och  schlimmer  als  alles  wäre  es,  wenn  unsere  Bauten  und  alle  von  uns 
erzeugten  Objekte  die  Photosynthese  ersticken  müßten,  die  Hauptquelle 
des  atmosphärischen  Sauerstoffs. 


BT 


123 


GRUNDIßGUNG  EINER  ALT-HEUEN  ETHIK 


Das  unweise,  unreife  oder  ungesunde  Walten  des  Menschen  in 
der  Natur  hat  in  ihr,  zwischen  ihr  und  uns  und  in  uns  selbst 
einen  Zustand  geschaffen,  der  nicht  fortdauern  kann,  ohne  in 
absehbarer  Zeit  zu  unserem  Untergang  zu  führen;  auch  wenn  es 
nicht  die  drastischeste  Folge  der  großen  Disharmonie  sein  sollte, 
nämlich  die  Teilung  der  Menschheit  in  feindliche  Lager,  die  unser 
Ende  am  frühesten  und  radikalsten  herbeiführen  wird.  Was  uns 
jedoch  vor  Verzweiflung  schützt  und  uns  ermutigen  sollte,  ist 
die  Gewißheit,  daß  wir  uns  nicht  fatalistisch  dem  herankommen- 
den Unheil  zu  überlassen  brauchen,  sondern  denken  und  handeln 
können,  um  das  Verfehlte  und  Falsche  in  unserer  Rolle  zu  erkennen 
und  unser  Leben  aufs  neue  aufzubauen.  Wenn  wir  mit  der  erforder- 
lichen Serie  von  Revisionen  auch  nur  beginnen,  werden  wir  uns  ä 
überzeugen  können,  daß  eine  Revision  die  andere  erleichtern  wird; 
daß  das  Heil  nicht  weltenfern,  sondern  ganz  nahe  ist,  vielleicht 
in  uns  selbst;  daß  wir  Erkenntnisse,  die  für  dieses  Heil  höchst 
bedeutend  sind,  noch  nicht  erlangt  haben,  daß  wir  ihnen  aber  nahe 
sind  oder  sie  virtuell  in  uns  haben;  daß  wir  in^iner  an  sich  guten 
Welt  leben  und  in  ihr  glücklich  werden  können,  wenn  wir  entschlos- 
sen und  konsequent  die  Fehler  beheben,  die  wir  seit  langem  und 
neuerdings  noch  mit  vervi elf acht erE  Tragweite  begehen.  Es  ist  der 
Einblick  in  die  eigenen  Fehler  und  der  Ausblick  nach  einem  echten 
und  guten  Leben,  was  ich  Ethik  nennen  möchte,  nicht  ein  System 
von  Vorschriften,  die  Menschen  andern  Menschen  erteilen.  Wenn  es 
sich  in  der  Ethik  um  Prinzipien  handelt,  so  sollen  es  diejenigen 
sein,  die  wir  in  uns  haben,  die  unsere  ursprüngliche  Natur  sind. 

Wer  so  denkt,  fühlt  sich  nicht  berechtigt,  den  vorhandenen 
Systemen  der  Ethik  ein  neues  hinzuzufügen.  Iclinöchte  eher  versu- 


chen,  so  tief  ich  kann  in  unsere  Menschennatur  zu  schauen,  zurück, 
durch  die  während  unserer  vdwiegend  unsittlichen  Geschichte  ent- 
standenen Systeme  hindurch  nach  unserem  Ursprung,  von  dem  aus 
wir  zur  Erfüllung  des  uns  virtuell  Gegebenen,  zu  unserer  Erfüllung 
gelangen  könnten. Die  aus  dieser  Betrachtungsweise  sich  ergebende 
Ethik  ist  also  alt,  sehr  alt.  Sie  ist  nur  insofern  neu,  als  die 
Notwendigkeit,  das  zwischen  dem  Ältesten  und  der  Gegenwart  Gedachte 
und  Gelehrte  kritisch  zu  betrachten, 


124 

Achtung,  ja  Verehrung  gegenüber  vergangener  Größe  zwar  ermöglicht, 
aber  Unabhängigkeit  erfordert;  und  diese  bedeutet  eigene  Kritik, 
eigene  Verantwortung  und  eigene  Stellungnahme  auch  zu  den  längst 
festgelegten  Prinzipien  und  Idealen.  Was  an  den  Sittenlehren  der 
klassischen  Zivilisationen  auffällt,  sind,  um  das  vorauszunehmen, 
vor  allem  drei  Mängel: 

a)  Bas  Fehlen  der  Verurteilung  des  Krieges, 

b)  die  Duldung  der  Sklaverei, 

c)  der  Ausschluß  der  Tierwelt  aus  Rechtsgrundsätzen  und 
Heilslehren. 

Über  Religion  und  Ethik 

Zwischen  den  vielen  Religionen  gibt  es  nicht  allein  die 
altbekannten  Unterschiede  und  Gegensätze,  sondern  auch  Gemein- 
samkeiten, die  heute  in  stärkeres  Licht  rücken,  weil  die  Geneigt- 
heit, sie  zu  sehen  und  anzuerkennen,  überall  zunimmt.  Daher  ist 
es  heute  leichter  als  je,  sowohl  die  positiven  als  auch  die  nega- 
tiven Gemeinsamkeiten  aufzuzeigen.  So  ziemlich  jede  Religion  hat 
ihre  Morallehre,  und  diese  nennt  gewisse  Handlungen  gut,  deren 
Gegenteil  schlecht  oder  böse.  Für  das  "Gute"  verspricht  sie 
Belohnungen,  das  "Böse"  bedroht  sie  mit  Strafen.  Die  soziale 
Verdienstlichkeit  dieser  primitiven  Erziehungsmethode  ist  unbe- 
streitbar. Sie  hat  die  Menschenrasse  vor  völligem  Versinken  in 
bodenlose  Abgründe  des  Egoismus  und  der  Barbarei  geschützt. 
Dieses  Verdienst  darf  uns  aber  nicht  hindern,  zu  sehen,  auf  einer 
wie  niedrigen  Stufe  diese  Sittlichkeit  an  sich  steht.  Das  Tun 
von  Dingen  um  einer  Belohnung  willen  und  ihre  Unterlassung  aus 
Furcht  vor  Strafe  hat  daher  auch  keine  im  vollen  Sinne  des  Wortes 
philosophische  Schule  als  sittlich  anerkannt.  Alle  Denker,  die 
Philosophie  und  Religion  jemals  mit  einander  zs  versöhnen  oder 
gar  verbinden  zu  können  glaubten,  hatten  es  schwer,  konsequente 
Kritik  dieses  Standpunktes  zu  vermeiden,  der  eher  der  Anleitung 
des  Kleinkindes  gemäß  erscheint.  Er  ist  es,  der  den  Religionen 
eine  historische  Doppelfunktion  auferlegt  hat:  Die  Menschen  über 
die  niedrigste  Stufe  zu  erheben  und  sie  auf  der  nächsthöheren 
festzuhalten.  Erst  auf  den  dem  religionsgebundenen  Menschen  ver- 
sagten Stufen  sittlicher  Entwicklung  werden  Dinge  um  der  ihnen 
eigenen  Verdienstlichkeit  willen,  bzhw.  um  ihrer  selbst  willen 
getan  oder  ihrer  Verwerf lichkeit  wegen  unterlassen.  Der  Maßstab 
der  Beurteilung  ist  nach  innen  gerückt.  Ein  solches  Bewußtsein 


125 

positiven  oder  negativen  Wefcfces  unserer  Handlungen  nennen  wir 
von  altersher  Gewissen. Bei  Sokrates,  einem  seiner  Entdecker, 
heißt  es  in  der  Sprache  seiner  Zeit  und  Gesellschaft  2  "irgend 
ein  Gott",  also  ein  nicht  identifizierter  oder  identif izier- 
barer,  #£05- .  Zwar  liegt  darin  zugleich  der  Ansatz  zu  einer 
Personifikation,  die  weiterzuentwickeln  auch  wir  geneigt  sind, 
wenn  wir  dem  Guten  und  Bösen  eine  Art  objektiver,  von  unserem 
Seelenleben  losgelöster  und  an  dieses  nicht  gebundener  Existenz 
zuschreiben.  Doch  das  hohe  Gut,  das  Sokrates  uns  hinterlassen  hat, 
ist  die  Gewißheit,  daß  wir  es  virtuell  in  uns  haben  und  es  nicht 
von  einem  deus  ex  machina  zu  empfangen  brauchen. 


Karma 

In  allen  Erdteilen  und  zu  allen  Zeiten  gläubige  und  denkende 
Menschen  oder  solche, die  zwischen  Glauben  und  Denken  schwankten, 
der  Frage  gegenüber,  warum  es  den  Bösen  gut  gehe  und  die  Guten 
leiden.  Das  großartigste  Dokument  des  Ringens  mit  diesen  Zweifeln 
ist  sicherlich  das  Buch  Hiob.  In  der  noch  vorphilosophischen 
früh-indischen  Gedankenwelt  war  es  die  Idee  der  Wanderung  und 
wiederholten  Fleischwerdung  der  Seele,  die  zur  Begründung  eines 
beneidenswerten  oder  beklagenswerten  Loses  herhalten  konnte  und 
mußte,  unter  der  Voraussetzung,  daß  Verdienst  oder  Staf Würdigkeit , 
auch  die  neugeborener  Kinder,  in  einem  früheren  Leben  erworben 
sein  konnte.  Der  alte,  wenn  auch  nicht  älteste  Hinduismus  nennt 
Lohn  und  Strafe  Karma.  Doch  ist  das  nicht  Vergeltung  durch  einen 
Gott,  denn  keine  beurteilende  oder  richtende  Instanz  schaltet  sich 
zwischen  Tat  und  Folge  ein.  Es  ist  ein  eigenartiger  Automatismus, 
vermöge  dessen  die  Taten  selbst  von  ihrer  Vergeltung  gefolgt  sind, 
sie  direkt  ursächlich  auslösen,  u.zw.  in  kommenden  Reinkarnationen. 
Es  ist  ein  zweischneidiges  Schwert,  denn  einerseits  bedeutet  es 
eine  absolute,  über  jede  Willkür  erhabene  Gerechtigkeit,  aber  ander- 
seits fesselt  es  den  Menschen  für  immer  durch  eine  unentrinnbare 
Notwendigkeit  25).  öamit  versperrt  das  Karma  den  Weg  zur  Idee  des 

nll  Di?.a?-te2  Recken-  ha°en  den  Begriff  einer  metaphysischen 

^t^^t9**"^**       doch  bei  iimen  ist  es  <*er  ein  mytho- 
logisches Motiv,  durch  das  nur  die  Macht  der  Götter  beschränkt, 

^L-^?SC£  ab£jL.nxch'?  konse<luent  gebunden  erscheint.  In  der 
!?ä^iS°£en  J^ogonie,  ^hw.  Theogonie,  bildet  diese  Notwen- 
digkeit eher  den  Ausgang spunkt  als  eine  das  Geschehen  für  alle 
Zukunft  bestimmende  Macht. 

freien  Willens,  der  auch  wenn  wir  ihn  metaphysisch  nicht  unein- 
geschränkt gelten  lassen  können,  für  jede  Ethik  als  solche  uner- 


126 

läßlich  ist,  weil  die  Verantwortung  mit  der  wenn  auch 
nur  relativen  Willensfreiheit  steht  und  fällt  25)»  Der 

25)  Vgl.  S.  . 

Jainismus  und  der  Buddhismus  empfingen  die  Idee  des  Karma 
vom  Hinduismus  und  unternahmen  in  ihren  Spekulationen  kühne 
Versuche,  sie  mit  den  fundamentalen  Erfordernissen  einer 
praktisch  brauchbaren  Ethik  auszusöhnen. 

Chinesische  Prinzipien 

In  den  ältesten  Urkunden  chinesischer  Metaphysik  ist 
das  Universum  als  aus  ssan  ts'ai,  drei  Mächten,  "bestehend  ge- 
dacht, die  der  Himmel,  die  Erde  und  der  Mensch  sind.  Daraus, 
daß  wir  nur  das  dritte  der  Elemente  des  Seins  sind,  ergibt  sich 
für  uns  eine  eher  bescheidene,  aber  sichere  Rolle  im  WeltgaarfP 
zen.     Wir  folgen  der  Führung  der  Natur,  die  als  ebenso  dyna- 
misch wie  regelmäßig  vorgestellt  wird,  u.zw.  der  Natur  in 
ihren  beiden  Aspekten,  dem  kosmischen  und  dem  tellurischen« 
Daß  wir  der  Natur  folgen,  wird  zugleich  feststellend  als 
Tatsache  behandelt  und  als  an  sich  höchst  verdienstlich 
postuliert.  Der  Anschluß  an  die  Natur  wird  uns  zum  Segen 
und  er  ist  es,  der  uns  unsere  volle  Identität  gibt.  Das 
sittlich  Gute  und  die  Glückseligkeit  v/erden  dadurch  kv,mxx%& 
eins  26).  Es  hat  die  logische  Doppelfunktion  von  Voraussetzung 

26)  Dieser  Grundgedanke  kehrt  in  den  besten  ethischen 
Systemen  mehrerer  Völker  wieder. 

pga xVMKaaa  und  Folge  zugleich,  daß  der  Mensch  ursprünglich 

gut  ist  27). 

27)  Vgl.  S.  . 

Die  griechische  Philosophie  und  ihre  Ethik 
Im  Vergleich  mit  chinesischem  Geist  und  der  ganzen  Ideen- 
welt des  übrigen  Orients  scheint  dem  griechischen  Denken  von 
dem  beinahe  noch  legendären  Genie  des  Pythagoras  bis  zu  den 
Neuplatonikern  und  den  spätesten  Aristotelikern  nur  ein  ein- 
ziges Prinzip  gemeinsam  zu  sein,  u.zw.  die  zentrale  Rolle 
des  keuschen,  wie  sie  Protagoras  am  einfachsten  proklamierte: 
Das  Maß  aller  Werte  ist  der  Mensch,  jtiviuy  ^ ^itiov  /i^txqov  ZyMponof. 
Obzwar  alle  untereinander  so  herrlich  verschiedenen  Schulen 
das  Gute  (ro  tyccüov     )  empfehlen  und  die  Tugend  (  *?ct^  ) 
preisen,  kann  erst  das  Werk  Zenos  und  der  Stoischen  Schule 


127 


als  ein  eigentliches  System  der  Ethik  bezeichnet  v/erden. 
In  diesem  ist  dem  konsequenten  Anhänger  moralischer  Grund- 
sätze der  höchste  Rang  unter  den  Geschöpfen  zuerkannt.  Er 
wird  als  Überwinder  der  Notwendigkeit  gefeiert,  der  die 
Kette  von  Ursache  und  Wirkung  zerreißen  konnte  und  stärker 
ist  als  das  Schicksal.  Die  Stoiker,  zu  denen  auch  "bedeutende 
Römer  gehören,  wie  Seneca  und  der  Kaiser  Marcus  Aurelius, 
gehen  so  weit,  Ethik  nicht  als  ein  Entwicklungsergebnis 
anzusehen,  sondern  als  primär  und  zeitlos,  ein  lex  naturae. 

Von  dieser  und  einigen  verwandten  Schulen  ist  die 
andere  Seite,  der  Eudämonismus ,  bzhw.  Hedonismus,  nicht  so  k 
weit  entfernt  wie  Viele  glauben.  Diese  Schule  bejaht  wohl  die 
Lust  als  das  Ziel,  und  selbst  die  "Vorbedingung,  sittlichen 
Lebens,  doch  ist  es  keineswegs  die  triviale,  billige  Lust, 
sondern  die  Heiterkeit  des  Geistes,  dessen  Erlebnis  und 
Genuß  seiner  selbst.  Der  richtunggebende  Meister  dieser  weit 
verbreiteten  und  lange  Geschichtsepochen  umfassenden  Strömung 
ist  ein  in  späteren  Generationen  und  deren  lebensf eindlichen 
Lehren  oft  als  Widersacher  der  Religion  und  Moral  angegriffener 
Denker,  Epikur.  Wer  aber  seine  Werke  nicht  vom  Hörensagen 
kennt,  sondern  ihn  auch  nur  ein  wenig  wirklich  gelesen  hat, 
für  den  ist  er  ein  maßvoller  Reformator  und  einer  der  frei- 
esten  Köpfe  eines  freien  Volkes,  ein  eigenartiger  Wegweiser 
durch  Sittlichkeit  zur  Glückseligkeit. 


Von  den  Denkern  des  Mittelalters  und  der  Neuzeit  wird 
wohl  gesagt  werden  können,  daß  sie  ihren  geistigen  Ahnen  an 
Originalität,  aber  nicht  an  Tiefe  nachstehen.  Im  Denken  des 
Mittelalters  und  der  frühen  Neuzeit  waren  die  alten  Probleme 
noch  nicht  gelöst.  Begründer  von  Systemen,  wie  die  Christen 
Abelard,  Bonaventura,  Thomas  von  Aquino,  Roger  Bacon  , 
Duns  Scotus,  Hugo  Grotius  und  wohl  auch  Bentham,  die  Juden 
Maimonides  und  Spinoza  und  die  Mohammedaner  Avicenna  und 
Averroes  nahmen  das  alte  Ringen  mit  den  Fragen  gerechten 
Lebens  und  seines  Zieles  wieder  auf,  doch  war  ihr  Forschen 
in  theologische  Schwierigkeiten  verwickelt  und  dementsprechend 
erschwert.  Wenn  Viele  einem  Maimonides  das  Verdienst  zuerkennen, 
sein  gewaltiges  Lebenswerk  sei  die  Ifepsöhnung  zwischen  der  S 


127a 

Der  gute  Wille  ist  nicht  durch  das,  was  er  3s 
bewirkt  oder  ausrichtet,  nicht  durch  seine 
Tauglichkeit  zur  Erreichung  irgend  eines  vorge- 
setzten Zweckes,  sondern  allein  durch  das  Wollen, 
d.i.  an  sich,  gut,  und,  für  sich  selbst  betrachtet, 
ohne  Vergleich  weit  höher  zu  schätzen  als  alles, 
was  durch  ihn  zu  Gunsten  irgend  einer  Neigung, 
ja  wenn  man  will,  der  Summe  aller  Neigungen, 
nur  immer  zustande  gebracht  werden  könnte. 

Kant,  Grundlegung  zur  Metaphysik 

der  Sitten 

Endlich  gibt  es  einen  Imperativ,  der,  ohne 
irgend  eine  andere  durch  ein  gewisses  Verhalten 
zu  erreichende  Absicht  als  Bedingung  zum  Grunde 
zu  legen,  dieses  Verhalten  unmittelbar  gebietet. 
Dieser  Imperativ  ist  kategorisch.  Er  betrifft  nicht 
die  Materie  der  Handlung  und  das,  was  aus  ihr  er- 
folgen soll,  sondern  die  Form  und  das  Prinzip, 
woraus  sie  selbst  folgt,  und  das  Wesentlich-Gute 
derselben  besteht  in  der  Gesinnung,  der  Erfolg 
mag  sein,  welcher  er  wolle.  Dieser  Imperativ 
mag  der  der  Sittlichkeit  heißen. 


Ebenda 


128 

überkommenen  Theologie  und  völlig  freiem  philosophischen 
Denken,  so  kann  objektiv  vergleichende  Prüfung  wohl  das 
kühne  Bestreben  anerkennen,  aber  das  Ziel  nicht  erreicht 
finden.  Ihn  und  wohl  alle  Philosophen  des  Mittelalters 
ließ  Religionsgebundenheit  nie  dazu  gelangen,  was  sie  nur 
in  vollkommener  Geistesfreiheit  hätten  erreichen  können. 
Aus  der  Zwiclaaühle  mancher  harten  Tatsachen,  wie  etwa 
unheilbaren  Krankheiten  neugeborener  Kinder,  gab  es  für 
eine  theologisch  umrahmte,  einem  Glauben  untergeordnete 
Ethik  keinen  logischen  Ausv/eg,  sondern  nur  ein  im  Grunde 
apologetisches  Bemühen,  dessen  Tragik  nur  die  ebenso  Gebundene! 
übersehen  können, Der  gemeinsame  Nenner  aller  Kant  vorausgehenden 
ethischen  Ideen  war  ihre  Beziehung  zu  bestimmten  Zwecken  und 
ihre  Rechtfertigung  durch  diese. Gegenüber  allen  auf  Zwecke 
gegründeten  Deduktionen  und  Postulaten  war  Kants  Prinzip 
einer  Sittlichkeit  um  ihrer  selbst  willen  die  erste  unab- 
hängige Ethik  und  die  reinste  und  freieste  aller  bestehenden 
Morallehren. 

So  war  das  Denken  seit  der  Antike  ein  Antagonismus 
verschiedener  Zweckhaf tigkeiten,  auch  der  erhabensten,  auf 
der  einen  Seite,  und  des  KanSschen  Absolutismus  der  Ethik 
auf  der  Andern.  Sollte  zwischen  diesen  großen  Gegensätzen 
nicht  eine  dritte  Lösung  möglich  sein?  Vielleicht  liegt  sie 
in  einer  Ethik  der  Vollkommenheit. 


Die  Idee  der  Vollkommenheit 

Als  ihr  Symbol  kann  der  Kreis  gelten,  denn  gx  ±s±  in  ihm 
ist  seine  platonische  Idee  gänzlich  verkörpert,  da  er  mit  dem 
Begriff  der  Bewegung  in  einer  Ebene  in  immer  gleichem  Abstand 
von  einem  Punkt  identisch  ist^ Diese  Idee  ist  jedoch  nicht  auf 
die  von  Plato  gelehrte  außerweltliche  Existenz  beschränkt.  Sie 
ist  zugleich  das  Vollkommene  mitten  im  Unvollkommenen,  das 
virtuelle  Vorhandensein  der  Vollkommenheit  in  unserem  Dasein. 
Obzwar  der  Kreis,  den  wir  zeichnen  können,  immer  nur  eine  un- 
genaue, aus  unregelmäßigen  Quantitäten  von  Materie  bestehende 
Kurve  sein  kann,  beweist  er  die  Anwesenheit  des  Kreises  als 
eines  Prinzips  und  daher  seine  Realität.  Die  Realität  des 
Prinzips  besteht  darin,  daß  es  wirkt,  daß  Polgen  sich  aus 
ihm  ergeben.  Dank  dieser  zweifachen  Existenz  des  Kreises, 
der  idealen  und  der  konkreten,  verstehen  wir,  daß  uns  in 


129 


unserer  Wirklichkeit  ein  Anteil  am  Absoluten  gegeben  ist; 
und  daß  in  unserer  Fehlerhaftigkeit  das  Ideal  wohnt. 

Das  ist  die  Funktion  des  Ideals  in  unserem  leben: 
Gleichsam  abwesend  und  für  ewig  unerreichbar,  doch  immer 
führend  erhebend,  gestaltend,  schaffend.  Zerstörerische 
Kräfte  bekämpfen  es  unablässig  und  besiegen  es  immer  wieder, 
sowohl  in  der  sogenannten  Außenwelt  als  auch  in  uns  selbst. 
Dieser  nie  endende  Kampf  selbst  ist  unser  ewiger  Sieg.  Das 
Streben  ist  das  Erreichen. 

Menschliche  Vollkommenheit 

Indem  die  Menschheit  in  ihren  Legenden  Gestalten  frei 
erfand  und  historische  Persönlichkeiten  verschönerte  und  ver- 
größerte, schuf  sie  sich  die  Vorbilder,  nach  denen  sie  sich 
sehnt,  die  sie  anzubeten  und  xwj  zu  denen  sie  sich  zu  erheben 
wünscht.  Durch  Nachahmung  solcher  Gestalten  ahmen  die  Leute 
hauptsächlich  ihre  Illusionen  nach.  So  haben  verschiedene  Kul- 
turen die  eigenen  Charaktere  in  ihre  Übermenschen  projiziert. 
Wie  jene  Kulturen  und  ihre  vielen  einzelnen  Träger,  sollten 
nicht  auch  wir  das  Recht  haben,  den  Vollkommenen  zu  schildern 
wie  unsere  Phantasie  ihn  formt? 

Gleich  den  Königen  der  Sage,  die  unter  den  gewaltigen 
Schwingen  göttlicher  Beschützer  herrschten,  schließt  sich 
auch  unser  vollkommener  Mensch  hohen  Mächten  an.  Die  Kräfte 
der  Natur  sind  seine  Väter  und  Mütter.  Weder  erobert  noch 
bedrückt  er,  noch  auch  helfen  sie  ihm,  solches  zu  tun.  Er  ist 
allen  lebenden  Wesen  der  Freund;  Vater-Mutter,  Brüder  und 
Schwestern  sind  mit  ihm.  So  ist  seine  Kraft  unermeßlich,  und 
von  Zeit  zu  Zeit  wird  uns  erzählt, er  habe  Höhere  übeirwunden, 
das  Joch  von  Weltgesetzön%abgeschüttelt ,  das  Schicksal  besiegt. 
Er  ist  der  Gerechte.  Wo  die  Sonne  aufgeht  und  wo  sie  untergeht, 
wissen  Leute  von  seiner  uferlosen  Weisheit.  Was  keiner  je  er- 
fuhr, ist  sein  Erbe.  Viele  sagen,  er  habe  viel  gelernt,  aber 
Andere  wissen  zu  berichten,  er  habe  nie  gelernt  und  immer 
gewußt.  Quellen  rauschten, vertrauten  ihm  ihre  Geheimnisse  an, 
Büsche  flüsterten,  sagten  es  ihm,  er  lauschte  Vögeln,  blickte 
Kühen  in  die  Augen,  Sterne  brachten  ihm  Kunde.  Mit  ihnen  schloß 
er  einen  Bund.  Sie  alle  sind  er,  und  er  ist  sie.  Er  tut  keinem 
ein  Unrecht,  er  könnte  es  ja  nicht,  sonst  würde  er  es  sich 


130 

selbst  tun.  Der  Duft  der  Felder  ist  mit  ihm,  Bäume  geben  ihm 
ihre  Frucht. 

Wie  jene  Ahnen,  ist  auch  er  eins  in  Leib  und  Seele. 
Solange  er  dem  Bund  der  Natur  treu  bleibt,  weiß  er  nicht, 
was  Krankheit  sei.  Langes  leben  ist  sein  rechtmäßiges  Erbgut. 
Nicht  kennt  er  die  Lüste  von  Entarteten  noch  verläßt  er  die 
Natur,  um  es  mit  den  Asketen  zu  halten.  Er  segnet  die  Schön- 
heit der  Welt  und  Urenkel  singen  von  seiner  Weisheit,  seiner 
Reinheit,  seinem  Glück. 

Die  Ethik  und  das  Verbrechen  des  Krieges 

Pourquoi  me  tuez-vous?    -  Eh  quoi, 
ne  demeurez-vous  de  l'autre  c6te 
de  lf  eau? 

Pascal,  Pensees 
Der  Krieg,  den  Menschen  gegen  Menschen  führen,  ist  nicht 
so  alt  wie  die  Menschheit.  Ich  wage  zu  behaupten,  daß  es  erst 
spät  zu  den  ersten  Kriegen  kam,  nicht  vor  der  Jüngern  Stein- 
zeit. Die  Waffen  früherer  Perioden  sind  nicht  gegen  Menschen 
gemacht,  sondern  gegen  Tiere. Selbst  als  der  Mensch  schon  sein 
idyllisches  Leben  auf  Bäumen  aufgegeben  hatte  und  statt  ihrer 
kräftigenden  Früchte  das  anstachelnde,  aber  schwächende  Fleisch 
von  getöteten  Tieren  aß,  bestand  noch  lange  kein  Grund  dafür, 
daß  auch  die  wenigen  Menschen  blutig  aneinander  gerieten.  Erst 
als  Landwirtschaft,  Seßhaftigkeit,  Aufhäufung  von  Vorräten, 
Halten  von  Herden,  Landbesitz  und  Ungleichheit  den  Anreiz  für 
Neid,  Haß  und  Gier  hervorbrachten,  und  das  halbf er^^e^lchon 
freie  Hand  hatte,  Menschen  auch  dazu  zu  bringen,  was  nicht  in 
ihrer  Natur  lag,  waren  die  Voraussetzungen  für  brutale  Agres- 
sion  geschaffen.  Das  geschah  also  während  des  Neolithikums, 
das  in  Europa  viel  später  begann  und  entsprechend  später  be- 
endet war  als  im  Orient.  Unter  jenen  immer  noch  nicht  zahlrei- 
chen Menschen  waren  unsere  wirklichen  Ahnen.  Hasch  lernten  sie, 
kollektiv  zu  rauben,  zu  morden  und  Nachbarn  in  die  Sklaverei 
zu  schleppen.  Verbesserung  der  Methoden  und  Waffen  führte  mit 
gewissen  Rückfällen  in  das  Atomzeitalter. 

Die  Vorbilder  der  Menschheit  sahen  das  nimmer  endende 
Schlachten  von  Unschuldigen  und  hörten  das  Geschrei  des  Kampfes 
und  die  Verzweiflung  der  Opfer.  Doch  in  ihren  unsterblichen 
Lehren  suchen  wir  vergeblich  nach  irgend  einer  adäquaten  Ver- 
urteilung des  großen  Verbrechens,  das  der  zweite  Verrat  des 


131 

Menschen  an  sich  selbst  war.  Die  Weisheit  Mesopotamiens  war 
mit  den  Bahnen  der  Planeten  und  ihren  Umlauf Zeiten  vertraut, 
aber  dachte  nicht  an  Wege  zur  Einstellung  des  chronisch  gewor- 
denen Gemetzels»  Das  alte  Ägypten  war  weniger  blutdürstig, 
doch  selbst  in  den  herrlichen  Hymnen  eines  Genies  wie  des 
friedensliebenden  Königs  Echnaton  ist  kein  deutliches  Wort 
gegen  den  Krieg  zu  finden.  Die  großen  griechischen  Philoso- 
phen schwiegen  über  das  dringendste  aller  Themen.  Über  das 
unrühmliche  Schweigen  hinaus  lobte  noch  ein  Sokrates  militä- 
rische Tapferkeit.  Nur  vom  Pazifismus  des  Pythagoras  haben 
wir  eine  nicht  ganz  vage  Vorstellung.  Durch  Kleinasien  konn- 
ten ihm  Ideen  des  weiteren  Morgenlandes  zugänglich  geworden 
sein.  Vielleicht  solche  der  biblischen  Propheten,  von  denen 
einige  der  späteren  seine  Zeitgenossen  waren.  Vielleicht  9cse% 
gelangten  Gedanken  aus  Indien  bis  zu  ihm. 

Auf  dem  indischen  Subkontinent  war  ja  religiöse  Abnei- 
gung gegen  Tötung  von  alter sher  zu  Hause.  Man  muß  sich  daher 
eher  darüber  wundern,  daß  sie  nie  zu  allgemeiner  und  radikaler 
Ablehnung  des  Krieges  geführt  hat,  daß  vielmehr  schäbig  selbst- 
süchtige Politik  viele  Kriegsunternehmungen  zur  Folge  hatte. 
Auch  der  Buddhismus  war  als  Lehre  des  Friedens  nicht  konsequent 
und  in  den  geographischen  Gebieten  seiner  Ausbreitung  wie  in 
verschiedenen  Generationen  von  stark  ungleicher  Wirksamkeit. 
Im  dritten  vorchristlichen  Jahrhundert  führte  Ashoka,  der  erste 
buddhistische  König,  eine  ausgesprochen  pazif istisbhe  Politik, 
aber  schließlich  wurden  buddhistische  Mönche  Ostasiens  zu  be- 
waffneten kriegerischen  Horden. 

Obwohl  in  der  ältesten  Literatur  Chinas,  soweit  sie  er- 
halten ist,  markante  Friedenslehren  nicht  zu  finden  sind, 
deuten  die  der  späteren  Philosophen  auf  eine  weit  zurückreichen- 
de Tradition.  Der  chinesische  Charakterf^wof ern  es  einen 
einem  ganzen,  namentlich  einem  so  großen  Volk  eigenen  Charakter 
überhaupt  geben  kann,  in  einer  viertausendjährigen  Geschichte 
keine  unzweideutige  Kriegslust  bekundet.  Die  T 1 ang-Periode 
(618-907),  die  in  der  Regel  als  besonders  militärisch  gesinnt 
hingestellt  wird,  war  das  Ergebnis  dynastischer  Herrschsucht, 
des  Expansionsdranges  und  wiederholter  Zusammenstöße  von 
Sippschaften,  für  die  nur  eine  ganz  unkritische  Ge Schicht sse- 
schreibung  die  Massen  verantwortlich  machen  kann.  Im  Gegenteil, 


132 

es  waren  die  Gefühle  des  Volkes,  die  ihren  Ausdruck  im 
schönsten  Gedicht  jener  Zeit  fanden,  in  dem  Li  tai  po 
jeglichem  Krieg  fluchte. 

Im  Osten  jener  Mittelmeerländer,  die  zum  Schauplatz 
unaufhörlicher  Kriege  geworden  waren, und  westlich  von  jenem 
Zweistromland,  in  dem  Völker  wie  das  ohne  Erbarmen  verfolgte 
Jagdwild  lebten,  erstanden  die  Propheten.  Die  früheren  bib- 
lischen Bücher  sind  ganz  und  gar  nicht  pazifistisch.  Aber  die- 
selben Revolutionäre,  die  alle  gebotenen  blutigen  Opfer  ver- 
warfen, verkündeten  auch  ewigen  Frieden,  in  Visionen,  deren 
Größe  wir  nur  im  Zusammenhang  mit  der  Zeitgeschichte  erfassen 
können,  wie  ässg  Jesaja  11,2-4;  IX, 6;  XI, 6-9}  Arnos  IX, 15-15; 
Micha  IV, 1-4.  Ihre  frühesten  uns  bekannten  Nachfolger  lebten 
erst  Jahrhunderte  nach  ihnen.  Es  waren  die  Bruderschaften  der 
Essäer,  von  denen  wir  gerade  genug  wissen,  um  ihre  historische 
Rolle  als  Pazifisten  und  Vegetarier  würdigen  zu  können*  20). 
2^)Vgl.  S.  7 

Es  ist  geradezu  undenkbar,  daß  zwischen  ihnen  und  der 
ersten  Christengemeinde  nicht  ein  gewisser  Zusammenhang 
bestanden  haben  sollte.  Einige  Stellen  des  Neuen  Testaments 
sprechen  scheinbar  dagegen,  da  von  Fleischgenuß  a^drück\ich 
die  Rede  ist;  doch  nur  seitens  der  Jünger,  iinTtuf^in^pbetle 
geht  hervor,  daß  Jesus  selbst  Fleisch  aß.  Auch  werden  Soldaten 
wie  jeder  andere  Beruf  nur  berichtend  und  ohne  besondere  Kritik 
erwähnt,  was  für  die  Annahme  des  Pazifismus  eher  ungünstig  ist, 
obzwar  anderseits  die  Idee  der  die  Feinde  einschließenden 
Liebe  (Matth.V,44)  mit  der  Billigung  des  Krieges  schwerlich 
zu  vereinbaren  gewesen  wäre.  Diskrepanzen  müssen  also  wohl 
beachtet  werden,  aber  sie  heben  die  Wahrscheinlichkeit  einer 
teilweisen  Identität  xhh  des  ersten  Christentums  mit  Lehre  h 
und  Lebensführung  der  Essäer  nicht  auf.  Denn  die  Essäer  waren* 
keine  Partei  oder  Sekte,  sondern  eine  Bewegung,  zwischen  deren 
einzelnen  Gruppen,  die  z.T.  Orden|waren,  bedeutende  Unterschiede 
bestanden,  geistige  und  praktische,  wie  z.B.  in  ihren  Auffas- 
sungen von  Askese.  Daß  der  Messianismus,  der  zu  den  Bindeglie- 
dern des  ganzen  Volkes  gehörte,  in  den  essäischen  Lehren  eine 
zentrale  Stellung  einnahm,  ist  sicher.  Angesichts  der  losen 
Verbindung  der  essäischen  Gruppen  unter  einander  kann  also  s 
angenommen  werden,  daß  das  Urchristentum  aus  einer  von  ihnen 
hervorgegangen  ist.  Essäischem  Geiste  entsprach  es  auch 


133 


durchaus,  daß  damals  von  einer  gewaltsamen  Verbreitung  des  & 
Glaubens  noch  keine  Rede  sein  konnte;  auch  die  Idee  einer 
Einbeziehung  von  Heiden  war  noch  nicht  aufgetaucht. 

Wenn  man  ferner  versuchen  will,  zu  einer  objektiven 
Gesamtbeurteilung  der  Ethik  des  Späteren  Christentums  zu 
gelangen,  und  insbesondere  zu  einem  Ergebnis  über  seine 
Haltung  zum  Kriege,  ist  es  ungemein  schwer,  der  Versuchung 
naheliegender  und  doch  völlig  unzulässiger  Rückschlüsse  zu 
widerstehen,  wie  etwa  von  den  Quäkern  und  vielen  andern 
selbstlosen  Pionieren  des  Friedens  und  der  Menschlichkeit 
auf  vorausgegangene  Epochen  und  Richtungen;  oder  von  Idee 
und  Praxis  grausam  ausgerotteter  Minoritäten  auf  die  herr- 
schende Kirche. Wir  können  z.B.  ,  heute  unvoreingenommener 
als  je,  an  das  furchtbare  Martyrium  der  Albigenser  denken, 
die  durch  Inquisition  und  einen  mörderischen  Kreuzzug  ins- 
gesamt umkamen.  Oder  an  die  fast  vernichteten  Waldenser. 


von  denen  es>  WBfflmm r&oc n Tiesree*  g«b Wir  haben,  alles 
in  allem,  wohl  die  beste  Aussicht,  der  Kirche,  und  nach  den 
Teilungen  auch  noch  jeder  Kirche  für  sich,  Gerechtigkeit  wider- 
fahren zu  lassen,  wenn  wir  sie  als  komplexes  und  Änderungen 
unterworfenes  Gebilde  betrachten.  Und  umgekehrt,  je  konser- 
vativer wir  an  der  Vorstellung  von  einheitlichen  Mächten 
festhalten,  desto  weniger  verstehen  wir  die  Geschichte  und 
desto  mehr  Rätsel  bietet  sie  uns.  Darüber  hinaus  ist  diese 
unreife,  von  emotionalen  Motiven  durchsetzte  simplifizierende 
Geschichtsauffassung  selbst  zu  einem  Faktor  geschichtlichen 
Geschehens  geworden.  Sie  begünstigt  jene  billig  schematisieren- 
den Verallgemeinerungen,  von  denen  auch  nichtreligiöse  poli- 
tische Strömungen,  wie  etwa  der  Faschismus,  beherrscht  und 
teilweise  sogar  venJsacht  sind. 

Die  Uneinheitlichkeit  und  Bewegtheit  trifft  in  noch  sinn- 
fälligerer Weise  für  die  ethische  Stellung  der  christlichen 
Philosophen  und  für  ihre  Beziehung  zur  Frage  des  Krieges  zu. 
Auch  in  dieser  Hinsicht  erhebt  sich  Kant  über  alle.  Auch  wenn 
er  nicht  mehr  vollbracht  hätte  als  jenes  Manifest  für  den 
ewigen  Frieden  zu  schreiben,  wäre  sein  Genius  einer  an 
schöpferischem  Geschehen  immerhin  reichen  Zeit  weit  genug 
vorausgeeilt.  Doch  auch  die  unsere  spricht  seiner  Verkündung 


Hohn,  und  mehr  als  jede  frühere,  da  Krieg  einen  Sinn  beko: 


134 

hat,  den  er  nie  hatte,  als  noch  kein  Despot  inder  Lage  war, 
zu  tun,  was  heute  ein  demokratischer  Präsident  oder  ein 
kommunistischer  Diktator  ge|benenf alls  kann,  das  Leben  auf 
diesem  Planeten  ertöten.  Wodurch  jeder  konventionelle  Klein- 
krieg zum  potenziellen  Auslöser  des  totalen  Untergangs  wird. 

Wenn  wir  die  Haltung  eines  Kant,  der  in  einer  Zeit 
geringeren,  aber  fast  ununterbrochenen  Blutvergießens  lebte, 
zum  Augangspunkt  machen,  ra  damit  uns  auch  die  ethische  Stel- 
lungnahme der  neuesten  Philosophie  klarer  werde,  müssen  wir  aa* 
zunächst  der  zahllosen  denkenden  und  doch  in  ihrer  Mehrheit 
einfachen  Menschen  bewußt  werden,  die,  von  brennender  Sorge 
um  das  Los  der  Menschheit  in  verzweifelte  Opposition  getrie- 
ben, ihre  Stellung,  ihr  Brot,  und  in  nicht  wenigen  Fällen  ihr 
Leben  gefährden  oder  es  sogar  nach  dem  Vorbild  von  Heiligen 
früherer  Zeiten  buchstäblich  opfern.  Wir  müssen  zugleich 
jedes  gutwilligen  Menschen  von  heute  gedenken,  der  ursprünglich 
nichts  wollte  als  in  Frieden  leben  und  arbeiten,  aber  durch 
die  Realität  in  die  Problematik  der  Zeit  und  in  den  politi- 
schen Kampf  gedrängt  wurde.  Von  eben  dieser  Realität  und  von 
der  Not  des  einfachen  Menschen  her  gesehen,  nimmt  es  Wunder, 
daß  die  meisten  zeitgenössischen  Denker  überhaupt  umhin  kön- 
nen, im  grellen  Licht  der  Gegenwart  die  Fragen  von  Sein  oder 
Nichtsein  aufs  neue  zu  ihren  zentralen  Themen  zu  machen  und 
sich  so  vielfach  mit  Problemen  beschäftigen,  denen  überzeugende, 
nämlich  menschliche  Aktualität  abgeht;  und  die  auf  dem  schau- 
rigen Hintergrund  unserer  unaufhörlich  drängenden  Zeitprobleme 
uns  durch  ihre  Belanglosigkeit  befremden.  In  der  Philosophie 
versteht  es  sich  ja  von  selbst,  daß  Aktualität  mit  der  des 
Journalismus  nicht  gleichbedeutend  sein  kann.  Im  Philosophie 
sehen  Denken  würde  es  darum  gehen,  mit  dem  erhöhten  Ernst 
erhöhter  Verantwortung  sich  auf  diejenigen  Untersuchungen 
oder  Erörterungen  zu  konzentrieren,  die  leicht  die  letzten 
sein  könnten  und  schon  darum  die  eigentlichen,  die  wesentli- 
chen sein  sollten.  Und  zugleich  auf  welcher  Ebene  immer  den- 
jenigen beizustehen,  die  sich  um  Abwehr  der  Katastrophe 
bemühen. 

Das  in  einem  bedauerlichen  Sinne  zeitabgewandte  Denken 
scheint  mancher  innerhalb  unserer  Zeit  spezifisch  gewordenen 
Fragen  nicht  gewahr  zu  werden,  namentlich  derjenigen,  die  den 
nach  Frieden  verlangenden  und  der  Verzweiflung  chronisch  nahen 


135 

Menschen  sowohl  theoretisch  und  prinzipiell  als  auch  enorm 
praktisch  bedeutsame  Schwierigkeiten  entgegensetzen. Die 
Bejahung  des  Friedens,  bzhw.  die  Verneinung  des  Krieges, 
kann  absolut  oder  relativ  sein,  und  von  dieser  Entscheidung 
hängt  eine  ganze  Serie  weiterer  schicksalsschwerer  Entschei- 
dungen ab.  Wie  steht  es  also  mit  dem  Gebot  der  Selbstwehr? 
Gegen  was  für  einen  Feind  ist  sie  ein  Recht,  in  was  für  Fällen 
Pflicht?  Bezieht  sie  sich  ausschließlich  auf  den  eigenen 
Körper  oder  auf  die  Famil^e1^  Freunde ,  die  Heim^^daa  Volk? 
In  den  für  die  politische  Ethik  un^e^s^'ja^nunderts^ildete 
diese  Schicksalsfrage  ein  überaus  großes  Problem;  im  Text  des 
Briand-Kellog-Paktes  und  in  manchen  andern  Dokumenten  bedeu- 
tender Friedensbemühungen  ist  die  nicht  restlos  überwundene 
Schwierigkeit  noch  fühlbar.  Gewiß,  es  gibt  auf  dieser  blutge- 
tränkten Erde  auch  Menschen,  die  beschlossen  haben,  nie  und 
unter  keinen  Umständen  eine  Waffe  zu  berühren.  Sicherlich  ge- 
bührt ihnen  höchste  Achtung,  aber  es  ist  schwer, zu  beurteilen, 
ob  es  das  Ausbleiben  von  ganz  schwierigen  und  zwingenden  Situ- 
ationen in  ihrem  Leben  ist,  das  ihnen  ermöglicht,  die  eines 
Heiligen  würdige  Integrität  bis  ans  Ende  aufrechtzuerhalten 
oder  ob  es  doch  einen  Ernstfall  geben  kann,  dem  ihre  Unbeugsam- 
keit nicht  gewachsen  wäre.  Es  ist,  um  eine  Situation  aus  unse- 
rem Jahrhundert  zu  zitieren,  eine  genügend  verbürgte  Tatsache, 
daß  unter  den  Warschauer  §hettokämpf ern,  den  lebenden  Skeletten, 
die  gegen  die  deutsche  Armee  mit  selbstgemachten  Molotowf laschen 
und  Museumsgewehren  losgingen,  manche  waren,  die  zum  ersten 
Mal  ein  Kriegsgerät  in  der  Hand  hielten.  Gereicht  auch  ihnen 
die  Relativität  ihres  Pazifismus  oder  ihre  Inkonsequenz  zum 
Vorwurf?  Die  Tragweite  der  Frage  erhellt  einfach  aus  dem  Um- 
stand, daß  die  prinzipielle  Zulassung  der  Verteidigung  jeder 
Erweiterung  und  schließlich  jedem  Mißbrauch  Tür  und  Tor  öffnet. 
Vergessen  wir  nicht,  daß  so  ziemlich  jeder  Angriff  heute  Ver- 
teidigung genannt  werden  kann  und  auch  tatsächlich  genannt 
wird.  Trotz  einigen  achtbaren  Versuchen  ist  das  also  eines  ä 
der  noch  nicht  wirklich  gelösten  Probleme.  Es  ist  aber  auch 
eine  der  Schwierigkeiten,  die  keinen  billigen  Aus?/eg  vertragen. 
Die  adäquate  Lösung  müßte  sowohl  für  Jedermann  verbindlich  x 
sein  können,  u.zw.  im  Kant» sehen  Sinne,  als  auch  ausnahmslos 
in  jeder  Lage  anwendbar  sein.  Ich  gebe  zu,  eine  solche,  die 
diesen  Anforderungen  vollkommen  entspräche,  noch  nicht  bieten 


■ 


136 

zu  können.  Ich  fürchte,  daß  Viele  immer  noch,  wer  weiß  wie  i 
lange,  mit  den  Besonderheiten  jeder  Situation  emotional 
und  ideologisch  zu  ringen  haben  werden,  um  der  vollen  Zu- 
stimmung ihres  Gewissens  sicher  au  sein. 

Außer  den  ethischen  Fragen,  die  mit  den  Bemühungen  um  £ 
Rettung  des  Lebens  auf  Erden  direkt  zusammenhängen,  gibt  es 
solche,  bei  denen  es  -  unter  der  Voraussetzung  der  Abwehr 
des  nahenden  Untergangs  -  um  Möglichkeiten  einer  bessern 
Zukunft  geht.  Wir  alle  sind  nach  Systemen  erzugen  worden, 
die  uns  Heldenverehrung  lehrten,  wobei  unter  dem  Helden  ^rhr*- 
schlechtweg,  auch  ohne  ausdrückliche  Definition,  der  Kriegs- 
held gemeint  war.  Zur  Prüfung  der  grundlagen  einer  Erziehung, 
deren  Ergebnisse  in  vielen  Belangen  unser  Denken  bestimmen, 
müssen  wir  uns  vor  Augen  halten,  daß  alle  Interessengruppen 
ihre  spezifische  Auswahl  von  Tugenden  zu  treffen  pflegen 
und  diese  in  ihren  Erziehungsmethoden  zur  Geltung  bringen. 
In  einer  auf  Sklaverei  oder  Feudalismus  gegründeten  Gesell- 
schaft galt  blinder  Gehorsam  als  besonders  rühmenswerte  Tugend, 
während  die  Funktion  der  Kriegführung  in  dieser  Gesellschaf  t 
wie  in  jeder  andern  die  stammverwandte  Tugend  des  Heroismus 
erfordert.  Blinder  Gehorsam  wird  nicht  mehr  mit  der  alten 
Allgeme ingilt igkeit  und  mit  dem  altgewohnten  Nachdruck  als 
Zier  des  Mannes  angesehen,  seit  die  gesellschaftlichen  Bedin- 
gungen einige  Änderungen  erfahren  haben.  Doch  auch  die  imnenx 
noch  so  aktuelle,  den  Erfordernissen  der  Kriegführung  ent- 
stammende und  ihr  gemäße  Verehrung  des  Kriegers,  der  seine 
Mitmenschen  tötet,  müßten  wir  endlich  überwinden,  seit  die 
Zweckhaf tigkeit  dieses  Ideals  und  seine  Herkunft  aus  Inter- 
essen so  durchsichtig  geworden  sind.  Zugleich  sollten  wir  zu 
verstehen  beginnen,  daß  der  Kriegsheld  selbst,  ob  er  nun 
mit  dem  Leben  davonkam  oder  kämpfend  fiel,  irregeführt  und 
geopfert  war.  Wann  also    wird  die  Jugend  lernen,  den  kon- 
struktiven Arbeiter,  den  Forscher,  den  Schöpfer  und  den 
Liebenden  zu  bewundern? 

Analoge  Tendenzen  führten  zu  verhängnisvoller  Hypertro- 
phie der  natürlichen  Beziehung  des  Menschen  zu  seinem  Volke 
und  seinem  Lande.  Sowohl  der  ungeschminkte  Faschismus,  auf 
den  ich  von  andern  Gesichtspunkten  her  zurückkomme,  als  auch 
dessen  diverse  Verkleidungen  üben  noch  immer  eine  fatale 
Macht  über  die  Majorität  der  Menschheit  aus.  Die  kommunistischen 


137 

Länder,  die  den  Faschismus  auf  das  schärfste  verurteilen 
und  ihn  als  den  Hauptfeind  bekämpfen,  haben  niemals  konse- 
quenten Internationalismus  eingeführt,  sondern  manchen  Ersatz 
faschistischen  Benehmens  und  faschistischer  Phraseologie 
aufrechterhalten.  Es  braucht  wohl  nicht  besonders  aufgezeigt 
zu  werden,  daß  das  andere  Lager,  in  dem  die  bekannten  Seuchen- 
herde stärker  fortwirken,  noch  viel  weiter  geht.  Wo  in  aller 
Welt  wird  ein  Handeln,  eine  Bemühung,  ein  Opfer  für  die 
Menschheit  höher  bewertet  als  ein  entsprechendes  Tun  für 
einen  ihrer  Teile,  wo  gilt  Humanismus  mehr  als  Patriotismus? 

Die  Ethik  und  das  Verbrechen  der  Versklavung 
Es  geht  nicht  um  die  verschiedenen  Anwendungen,  nicht 
um  den  besondern  Punkt  innerhalb  des  weiten  Umfangs  eines  x± 
vielgestaltigen  Verbrechens.  Nicht  um  den  Unterschied  zwischen 
dem  Lebendbegraben  oder  Schlachten  von  Sklavenim  im  Grabe  bei 
der  Bestattung  von  Königen,  wie  es  in  Sumer  Brauch  war,  und 
den  Milderungen  des  Loses  der  Knechte,  wie  sie  das  seiner  Zeit 
vorauseilende  mosaische  Gesetz  vorsah.  Es  ist  auch  weder  der 
Gegensatz  zwischen  dem  relativ  erträglichen  Schicksal  der 
Versklavten  in  Griechenland  und  ihrer  grausigen  Behandlung  in 
Rom,  besonders  in  den  Bergwerken,  noch  sind  es  die  Abgründe 
des  neuzeitlichen  Sklavenhandels.  Es  ist  die  Institution  selbst, 
die  unserem  Stolz  auf  unsere  Zugehörigkeit  zur  Menschenrasse 
einen  unaufhörlich  schmerzenden  Schlag  versetzt. 

Allerdings  haben  wir  nicht  mit  jenen  abzurechnen,  die 
Überfälle,  Menschenraub,  Folter  und  Mord  von  Wesen  wie  wir 
seit  vorgeschichtlichen  Epochen  bis  in  die  Neuzeit  verübten, 
sondern  mit  unsern  moralischen  Führern,  die  dessen  Zeugen 
waren  und  es  duldeten.  In  den  klassischen  Werken  von  Plato 
und  Aristoteles  findet  sich  keine  Spur  einer  Verdammung  der 
Ungeheuerlichkeit,  aus  der  sie  persönlich  Nutzen  zogen.  In 
dieser  geistigen  Höhenluft  stoßen  wir  sogar  auf  Äußerungen 
der  Verachtung  jener  Unglücklichen,  deren  Geschick  den  glück- 
lichen Weisen  nur  dank  Zufällen  erspart  blieb,  da  in  ihren 
Zeiten  jedes  Kind  und  selbst  jeder  Erwachsene  leicht  geraubt 
und  Sklavenhändlern  oder  Sklavenhaltern  verkauft  werden  konnte. 
Ohne  übertriebene  Phantasie  können  wir  uns  vorstellen,  daß 
unter  den  Unzählbaren,  deren  Persönlichkeit  auf  diese  Weise 
vernichtet  wurde,  auch  solche  waren,  deren  Anlagen  denen 


138 

unserer  großen  Lehrer  ebenbürtig  waren. Von  den  elementar  ethi- 
schen Erwägungen  der  bedeutendsten  Denker  waren  somit  alle 
jene  Opfer  ausgeschlossen,  deren  ursprüngliche  Gleichwertig- 
keit und  Unschuld  keinem  Zweifel  unterligen  konnten.  Eicht 
die  Menschlichkeit  der  Philosophen,  sondern  nur  ihr  Nationalis- 
mus regte  sich  insofern  als  sie  sich  gegen  das  Halten  griechi- 
scher Sklaven  in  Griechenland  aussprachen.  Die  Epikuräer, 
deren  meiste  auf  ein  ungestört  genußreiches  Leben  besonders 
bedacht  waren,  mochten  am  allerwenigsten  auf  die  Sklavenarbeit 
verzichten,  die  sie  selbst  jeder  Anstrengung  enthob.  Die  Stoi- 
ker verschanzten  sich  in  ihrer  Indifferenz  gegenüber  der  auch 
für  sie  derart  bequemen  Institution,  indem  sie  ihrer  nur  als 
eines  belanglosen  Umstandes  Erwähnung  taten;  einwandfreie 
Bewertung  dieser  unbeirrbaren  Weisen  ergibt  sich  aus  der  ein- 
fachen Präge,  ob  etwa  einer  von  ihnen  das  §eschick  der  Sklaven 
als  belanglosen  Umstand  angesehen  hätte,  wenn  er  selbst  das 
Opfer  gewesen  wäre.  Da  also  selbst  im  Bereich  der  antiken 
Philosophie  jeder  erzieherische  Einfluß  fehlte  und  kein  Pionier 
auftrat,  war  die  Freiheitsberaubung  eines  Teiles  der  Mensch- 
heit für  die  Ausnützer  eine  solche  Selbstverständlichkeit, 
daß  das  Trägheitsgesetz  unbehindert  v/alten  konnte.  Wenn  etwa, 
was  theoretisch  möglich  gewesen  wäre,  Marc  Aurel  die  Sklaverei 
hätte  abschaffen  wollen,  hätte  er  gewiß  einen  riesenhaften 
Aufstand  und  Bürgerkrieg  riskiert,  aber  er  scheint  es  nie  auch 
nur  erwogen  zu  haben,  zumal  ein  das  Los  der  Sklaven  noch  ver- 
schärfender Paragraph  ihm  zugeschrieben  wird.  Was  die  privaten 
und  Klasseninteressen  gefährdete,  wurde  also  dem  ethischen 
Denken  der  griechisch-römischen  Antike  zum  Fallstrick,  lockte 
es  unwiderstehlich  in  die  Selbstnegation. 

Was  Christen  über  Sklaverei  dachten,  war  nie  homogen. 
Auch  die  christlichen  Kaiser  Horns  schafften  das  Ungeheuer 
weder  ab  noch  verurteilten  sie  es.  Priester  waren  Sklavenhalter. 
Erst  fünf  Jahrhunderte  nachdem  Christus  geboren  war,  saäss&&k 
beseitigte  Justinian  ein  Greuel,  nicht  etwa  die  eigentliche 
Knechtung  von  Menschen,  sondern  nur  die  Vorstellungen  ihrer 
blutigen  Kämpfe  mit  wilden  Tieren  zum  Vergnügen  der  Zuschauer. 
So  überlebte  die  Sklaverei  das  römische  Weltreich  und  viele 
späteren  Mächte.  In  den  Südstaaten  Amerikas  waren  die  meisten 
Kirchen  für  Milderung  der  Sklaverei,  aber  ihrer  Aufhebung  ab- 
hold. Schließlich  war  es  dennoch  christlicher  Geist, der 


139 

an  der  Sklavexibef reiung  einen  Hauptanteil  hatte +  namentlich 
unter  den  Völkern  des  englischen  Sprachkreises, 

Das  Scheusal  ist  aber  noch  nicht  tot.  Nach  in  der  Encyclo- 
paedia  Britannica  vorliegenden  Schätzungen  wurden  in  arabi- 
schen Ländern  noch  gegen  Ende  der  ^Oeio  Jahre  unseres  Jahrhun- 
derts 500.000  bis  700.000  Sklaven  gehalten.  Neuere  Berichte 
gibt  es  meines  Wissens  nicht.  Der  Unterschied  gegenüber  der 
Vergangenheit  besteht  j edenfalls  darin,  daß  alles,  was  sich 
ethisch  nennt,  endlich  dagegen  ist.  Für  diese  Stellungnahme 
wäre  das  frühe  Altertum  die  geeignete  Zeit  gewesen. 

Mensch  und  Tier 

In  den  Augen  des  neuzeitlichen  Menschen,  der  nicht  nach 
Hechten  fragt,  sondern  hauptsächlich  in  Kategorien  faktischer 
Macht  denkt,  ist  das  Tier  eines  der  Materialien,  die  er  zu  s 
seinem  Nutzen  oder  zu  seinem  vermeintlichen  Nutzen  verwendet ; 
solche  Entartung  seines  Denkens  ist  freilich  vom  Ursprung 
ebenso  weit  entfernt  wie  der  heutige  Mensch  vom  ältesten. 
Zwar  waren  wir  durch  Jahrtausende  Gefangene  unserer  Delusion 
des  Jagens  und  Fischens  und  sind  neuestens  in  noch  viel  tie- 
fere Abgründe  des  Mordens  geraten.  Die  neue  Wendung,  die  wäh- 
rend des  zweiten  Weltkriegs  einsetzte,  brachte  Vervielfachung 
des  Egoismus  und  der  Destruktionssucht  wie  auch  das  weitere 
Erlöschen  positiver  Gefühle;  während  der  technologische  Fort- 
schritt, besonders  der  &  chemische,  Zerstörung  in  einem  nie 
geahnten  Maßstabe  ermöglichte.  Doch  besitzen  wir  in  einer 
Anzahl  erhaltener  Werke  alter  Kunst  höchst  beredte  Zeugnisse 
dafür,  daß  es  der  Menschenseele  an  Gegenkräften  nicht  ganz 
fehlt.  Es  ist  wohl  berechtigt,  daß  solche  Zeugnisse  auf  uns 
den  stärksten  Eindruck  machen,  wenn  sie  mitten  in  einer  blut- 
rünstigen Umgebung  auftauchen,  wobei  unter  Umgebung  sowohl 
gesellschaft  und  Staat  als  auch  die  herrschende  Mentalität  g 
gemeint  sind.  Die  bedeutendsten  jener  Werke  gehören  der 
klassischen  Kunst  Assyriens  an.  Um  die  in  diesen  fielief s 
erkennbare  Beziehung  zum  Tiere  zu  kennzeichnen,  amcte  benannte 
ich  diese  Beziehung  in  meinem  frühesten  Buche  nach 

30)  Das  chinesische  Vordergrundbild.  Wien-Prag-Leipzig  1954 
Bergson  "communication  sympathique"  und  "Sympathie  divinatrice" 
und  nach  Wundt  "Einfühlung"™  Beide  Denker  hatten  das  intuitive 
Verständnis  eines  Wesens  und  den  aus  einem  solchen  Verständnis 

£W3ov*^ — >  3/)  —5. 139 et 


139  a 

3<f)  Vgl.  Prov.12,10:  Der  Gerechte  weiß  die  Seele  seines 
Viehs..  Hier  sind  alle  klassischen  Übersetzer  fehlgegangen, 
vielleicht  unter  dem  Einfluß  desjfc olgenden  Halbverses,  in 
dem  von  Mitleid  die  Rede  ist.  Die  Konkordanz  des  "Wissens" 
beweist,  daß  die  Begriffe  Bergsons,  und  noch  mehr  der 
vVundts,  mit  dem  biblischen  übereinstimmen. 


resultierenden  Yorgang  einer  Ar£\  Identif  izierung/mit  diesem 

Wesen  gemeint.  Den  assyrischen  Darstellungen  sterbender  Tiere 

sind  eine  Reihe  chinesischer  und  japanischer  Tiermalereien 

und  in  gewissem  Grade  auch  indische  und  persische  Miniaturen 

kongenial,  währen  europäische  Künstler  in  der  Erfassung  von 

Tieren  nur  ganz  selten  in  solche  Tiefen  hinabstiegen.  Und  auch 

jene  einzelnen  Meisterwerke  des  Westens  sind  von  der  Gefahr 

eines  gewissen  Anthropomorphismus  beschattet;  wenn  der  AbecLlän- 
der  dem  dargestellten  Tier  Seele  verleiht,  wird  diese  Seelen- 

haftigkeit  eher  eine  vermenschlichte  als  spezifisch  animalische. 
Was  im  Westen  auf  die  Beziehung  zum  Tiere  besonders  nachhaltig 
einwirkte,  wobei  der  Begriff  der  Beziehung  in  einem  allgemei- 
neren Sinne  verstanden  sei,  war  der  Rationalismus,  der  für  die 
Entwicklung  auf  den  meisten  Gebieten  die  eigentliche  Verant- 
wortung trägt.  Die  extrem  rationalistische  Tendenz  war  es 
schließlich,  die  einerseits  die  Landwirtschaft  und  anderseits 
die  Lab Oratoriumspraxis  dorthin  brachte,  wo  beide  heute  sind, 
in  einem  Zustand,  in  dem  sie,  der  Zweckhaf tigkeit  ganz  ver- 
kauft* und  der  Menschlichkeit  beraubt,  die  Erniedrigung  unserer 
Spezies  am  treffendsten  symbolisieren. 

Die  Wiedergeburt  des  Menschen  und  die  Wiederherstellung 
seiner  ursprünglichen  Beziehung  zu  den  Mitwesen  hängen  not- 
wendig voneinander  ab.  Eine  umfassende  Revision  unseres  Verhal- 
tens zum  Tiere  bedeutet  darum  unsere  Rückkehr  zur  Harmonie 
mit  dem  Kosmos  und  mit  uns  selbst. 

über  Tod  und  Leben 

Groß  ist  die  Gemeinschaft  der  Menschheit,  größer  die 
alles  organischen  Lebens.  Noch  weit  größer  als  dieses  ist  jedoch 
das  Reich  des  anorganischen  Seins,  dessen  Ausdehnung,  Vielheit 
und  Kraft  wohl  keine  Phantasie  noch  irgend  eine  andere  mentale 
Punktion  adäquat  erfassen  kann.  Aber  noch  unermeßlich  größer 
als  alles  Sein  ist  das  Nichtsein,  das  Leere,  Raum  genannt. 
Wenn  wir  die  Theorie,  auch  dieses  sei  endlich,  uns  zu  eigen 
machten,  würden  wir  in  einencirculus  vitiosus  geraten;  wir 
wüßten  ja  nicht  zu  sagen,  was  es  sei,  das  den  Raum  begrenzt, 
was  also  jenseits  des  Raumes  sei.  Nur  vergleichsweise  können 
wir  das  vom  Nichtsein  umgebene  Seiende  eine  Insel  im  Ozean 
nennen  und  diese  Insel  in  unserer  Vorstellung  zu  einem 
Stäubchen  machen.  Vorgänge,  zu  denen  weder  die  Erfahrung 
noch  der  Gedanke  je  einen  Zugang  fanden,  zogen  immer  den 


141 

poetischen  Genius  an,  aus  dessen  lyrischem  und  narrativea 
Ersatz  für  das  Wissen  religiöse  Doktrinen  gebaut  wurden.  Wir 
nehmen  ganz  vage  an,  daß  die  geistige  Welt  von  der  organischen 
stammt,  die  ihrerseits  aus  anorganischer  Materie  entstanden  ist, 
und  wir  sind  geneigt,  den  Ursprung  des  Anorganischen  in  jenem 
unerf orschlichen  Nichts  zu  suchen,  das  der  Ausgangspunkt 
und  die  Voraussetzung  jeglicher  Ontologie  ist. 

Doch  neben  diesen  unergründlichen  Verwandlungen  oder  Umge- 
staltungen, oder  gegen  s±£  sie,  oder  als  ihr  Ausgleich,  wirkt 
die  umgekehrte  Folge,  die  uns  als±  die  negative  erscheint.  Durch 
die  ebenso  geheimnisvollen  Prozesse  dieser  Folge  werden  wir  zu 
organischem  Stoff  reduziert  und  kehren  dann  zu  anorganischer 
Substanz  zurück,  die  ihrerseits  zu  ihrer  Quelle,  der  Nichtexi- 
stenz,  zurückfinden  wird.  Den  ersten  dieser  Übergänge  nennen  wir 
das  Sterben,  dessen  Ergebnis  heißt  der  Tod.  Da  wir  die  entgegen- 
gesetzte, aber  analoge  Katastrophe  der  Geburt  völlig  vergessen, 
pflegen  wir  an  das  Ende  unseres  persönlichen  Lebens  mit  Furcht 
oder  gar  mit  Schaudern  zu  denken;  und  noch  weniger  sind  v/ir  be- 
fähigt, uns  mit  dem  Gedanken  an  unser  definitives  Nichtsein  zu 
befreunden.  Die  Vosrtellung  von  dieser  allen  bevorstehenden  Tat- 
sache ist  allzu  oft  von  Angst  und  Verzweiflung  begleitet,  und 
diese  erzeugen  seit  jeher  viele  individuelle  und  kollektive  Ver- 
suche, dem  Unentrinnbaren  zu  entrinnen.  Diese  unsere  Schwäche 
wurde  zur  treibenden  Kraft  großer  geistiger  Leistungen,  vor  a± 
allem  monumentaler  Deutungen  des  Weltgeschehens;  doch  ist  dieser 
Antrieb  zumeist  wohlverborgen  und  nur  selten  kommt  zum  Vorschein, 
daß  solche  Geistestaten  einer  Furcht  entstammen  und  eine  Flucht 
sind.  Auf  eben  dieser  Flucht  gelangt  man  aber  auch  in  so  manche 
Trunkenheit  oder  in  tiefsten  Pessimismus,  der  ein  Schatten  des 
Todes  im  Leben  ist.  Der  Trieb,  Lebendes  zu  martern  und  zu  zer- 
stören, der  Sadismus,  ist  die  andere  Seite  jener  Furcht.  Die  Tbl 
Beseitigung  dieser  Plage  allein  würde  wahrscheinlich  genügen, 
uns  und  unsere  Mitwesen  direkt  und  indirekt  von  einem  Großteil 
unserer  Leiden  zu  befreien.    Erlösung  hängt  also  in  erster 
Linie  von  der  Überwindung  der  Todesfurcht  ab. 

Der  Weg  zur  Heilung  der  Menschheit  vom  &  Übel  der  Todes- 
furcht ist  jedoch  leider  allzu  lang  und  allzu  schwierig.  Vor- 
derhand haben  nur  Individuen  die  Aussicht,  sich  davon  zu 
befreien;  und  dazu  könnte  folgende  einfache  Erwägung 
uns  einige  Hilfe  bringen: 


V 

IDEEN  UNSERER  ZEIT 


143 


Religionsgeschichte  und  Religion 

Si  Dieu  nous  a  fait  a  son  image,  nous  le  lui 
avons  bienrendu. 

"Voltaire,  Le  Scottisier 
Es  ist  nicht  die  Religion  an  sich  und  die  Philosophie 
an  sich,  zwischen  denen  ein  unabänderlicher  Antagonismus  oder 
ein  unüberbrückbarer  Gegensatz  besteht.  Denn  der  Buddhismus, 
wenigstens  der  ursprüngliche,  ist  eine  atheistische  Seligion, 
und  anderseits  waren  manche  der  bedeutenden  Philosophen 
gottesgläubig  in  einem  mehr  oder  weniger  kirchlichen  Sinne, 
Die  entscheidenden  Gegensätze  liegen  im  Spezifischen  bestimm- 
ter Religionen  und  bestimmter  philosophischen  Systeme, 

Gehen  wir  von  einem  der  kleinen  Gegensätze  aus,  der  sich 
jedoch  auf  das  Ganze  bezieht  und  die  fundamentale  Methode  zum 
Gegenstand  hat.  Religionen  jeden  Reifegrades  berichten  und 
stellen  dar,  erteilen  Befehle  und  erlassen  Verbote.  Das  Berich- 
tete und  Dargestellte  soll  geglaubt  werden,  und  dieser  Glaube  ist 
die  hauptsächliche  Forderung  oder  doch  die  Voraussetzung  für 
alle  Vorschriften*  Das  zu  Glaubende  wird  aber  nicht  bewiesen, 
weder  durch  Erfahrungstatsachen  noch  durch  Logik,  und  stützt  sich 
nur  auf  Zeugnisse,  die  keiner  Nachprüfung  zugänglich  sind.  Die 
Annahme  des  Glaubens  erfolgt  auf  nicht-empirischen  Wegen  vermöge 
nicht-logischer  psychologischer  Vorgänge,  die  jedoch  einem  Spiel 
überaus  bedeutender  Kräfte  entsprechen.  Das  Festhalten  am  Glauben 
und  die  dauernde  Befolgung  der  Vorschriften  ist  hingegen  ein 
vorwiegend  kollektives  Phänomen,  an  dem  sowohl  das  psychologi- 
sche Trägheitsgesetz  als  auch  wirtschaftliche  und  politische  Mäch- 
te mitwirken. 

Zwar  ist  auch  die  Philosophie  nicht  ohne  treibende  Kräfte, 
die  aus  dem  Sublogischen  stammen;  über  Annahme  oder  Ablehnung 
ihrer  Lehren  entscheiden  zuweilen  ebenfalls  emotionale  Reaktio- 
nen. Doch  dasjenige,  worauf  es  hier  ankommt,  ist  der  Beweis. 
Er  kann  mehr  oder  weniger  restlos  gelingen,  und  selbst  die  An- 
sprüche an  einen  Beweis  sind  in  ihrer  Strenge  verschieden  und 
veränderlich,  aber  er  ist  es,  auf  den  die  Philosophie  Behauptungen 
zu  gründen  unternimmt  und  der  jedenfalls  von  ihr  gefordert  werden 
kann  und  gefordert  wird.  So  ergibt  sich  die  Evidenz  einerseits 


144 

aus  der  Übereinstimmung  des  Vorgebrachten  mit  Erfahrung  und 
Logik,  anderseits  aus  der  Urteilskraft  des  Lesers  oder  Hörers. 

Wir  können  diesen  Unterschied  zwischen  Religion  und  Philo- 
sophie einen  der  kleineren  Unterschiede  nennen,  weil  auf  beiden 
Wegen  annähernde  Gleichheit  der  Resultate  im  Prinzip  denkbar 
wäre.  Es  ist  nicht  unmöglich,  daß  die  bewiesene  Behauptung 
und  die  unbewiesene  dasselbe  besagen.  Die  größeren  Gegensätze 
zwischen  den  Religionen  und  den  Philosophien  liegen  im  Inhalt, 
Die  Religion  hat  eine  narrative  Grundlage,  und  diese  liegt 
philosophischem  Denken  so  fern,  daß  die  Religion  vermöge  eben 
dieses  Motivs  der  Dichtung  desto  näher  rückt,  je  größer  die 
Divergenz  zwischen  Religion  und  Philosophie  wird.  Der  Philosoph 
hat  bescheiden  zu  sein,  und  ist  es  wohl  auch,  indem  er  nur  im 
eigenen  Itfamen  spricht,  während  die  Religion  sich  in  ihrer  beweis- 
losen Belehrung  auf  die  höchsten  Mächte  beruft,  die  nach  eben 
dieser  Lehre  den  Menschen  immer  erreichen  und  für  ihn  immer  un- 
erreichbar sind.  Doch  auch  da  bildet  der  Buddhismus  eine  Aus- 
nahme, da  sein  Stifter  die  Lehre  nur  im  eigenen  Namen  verkün- 
dete, als  Ergebnis  eigenen  Denkens. 

Die  immense  Literatur  zur  Geschichte  der  Religion  streut 
uns  viel  Sand  in  die  Augen,  und  ihre  Hauptwerke  sind  nicht  min- 
der tendenziös  geschrieben  als  die  der  politischen  Geschichte, 
Die  Anfänge  der  Religion  sind  nicht  ganz  so  dunkel,  sie  werden  s 
eher  verdunkelt,  denn  unsere  psychologische  Erfahrung  bringt 
immerhin  einige  Helligkeit,  Wer  erinnert  sich  nicht  an  Beobach- 
tungen wie  die  der  Katze,  die  einen  kleinen  Teppich  fürchtet? 
Das  nennen  sie  Pananimismus.  Es  ist  die  Projektion  der  eigenen 
Lebendigkeit  in  das  Leblose,  der  eigenen  Absichten  und  Fähig- 
keiten in  das  Nicht-ich.  Die  Proportion  zwischen  dem  Projizieren- 
den und  dem  Projizierten  verschiebt  sich  zu  Gunsten  des  letzteren 
wie  die  wachsenden  Schatten. So  werden  Dämonen,  und  diese  wachsen 
weiter,  von  Scheinerfahrung  genährt,  werden  zu  Göttern,  Die 
Priester,  die  sie  zu  nähren  haben,  nähren  sich  redlich  mit, 
Sie  behaupten  von  ihrem  Gott,  er  sei  der  stärkste.  Sobald  er 
im  Wettstreit  der  Götter  alle  andern  machtvoll  überragt,  so 
daß  sie  nur  noch  irgendwo  am  Rande  der  w"elt  halb  vergessen 
dahinleben,  ist  die  Stufe  des  Henotheismus  erreicht.  Schließlich 
scnwinden  alle  Schatten  und  nur  eine  einzige  strahlende  Riesen- 
erscheinung bleibt  übrig. 

Eine  so  drastische  Vereinfachung  der  Religionsgeschichte 


145 

war  notwendig,  um  endlich  die  vielen  Komplikationen  auszubalancie- 
ren, deren  Autoren  enorme  Gelehrsamkeit  aufwenden,  um  aus  gener 
Kette  von  Geschehnissen  mit  ihren  Strömen  menschlichen  und  tieri- 
schen Blutes  eine  "brauchbare  Vorgeschichte  ihres  Glaubens  zu 
machen,  der  Seligion  jedes  Autors,  die,  da  sie  ja  die  absolute 
Wahrheit  ist,  das  Endziel  der  Entwicklung  bilden  muß. 

Es  ist  schwer  zu  sagen,  ob  es  jemals  einen  von  Massen  getra- 
genen und  durch  Generationen  herrschenden  reinen  Monotheismus 
gegeben  hat.  Das  l.Buch  Mosis  v/eist  deutliche  Spuren  protohistori- 
scher,  offenbar  mesopotamischer  Vorläufer  der  Idee  des  Monotheis- 
mus auf  33).  Von  ihnen  mögen  verborgene  Pfade  zu  Pharao  Echnaton, 

33)  Vgl.  14,18-20 
dem  Psalmisten  der  Sonne,  führen,  der  dem  Anfang  des  mosaischen 
Monotheismus  zeitlich  merkwürdig  naherückt.  An  unzähligen  Stellen 
der  Bibel  aber  schimmert  Henotheismus  durch  oder  ist  sogar  un- 
zweideutig ausgesprochen.  Hartnäckiger  als  man  zugeben  will, 
erh^-ält  sich  die  Vorstellung  von  dem  nationalen  Gott,  der  über 
die  Götter  der  Völker  triumphiert,  doch  ohne  die  von  uns  Späten 
hineingedeutete  ontologische  Negation  ihres  Daseins.  Wenn  ich 
nicht  irre,  ist  das  Buch  Jonah  die  erste  anti-henotheistische, 
klar  monotheistische  Tendenzschrif t ,  die  Proklamation  einer 
Gottheit  ohne  geographische  Grenzen,  einer  göttlichen  Universalität 

Das  Christentum  als  Ganzes  ist  keineswegs  eindeutig  monothe- 
istisch. Wohl  ist  die  Dreizahl  der  Einzahl  näher  als  die  Zweizahl, 
die  Dreieinigkeit  vom  Ideal  des  Monotheismus  weniger  verschieden 
als  der  iranische  Dualismus  oder  dieser  von  ihr.  Doch  die  Idee 
der  Dreieinigkeit  als  solche,  der  sich  die  Unitarier  in  denk- 
würdiger Weise  entgegenstellen,  mag  als  eine  aus  dem  Ebenbilde 
des  Menschen  entstandene  mystische  Vision  und  Daseinsdeutung 
bewundernswert  sein,  ist  aber  gewiß  nicht  konsequenter  Monotheis- 
mus. Noch  weniger  sind  es  die  eigentlich  mystischen  Sichtungen 
im  Christentum,  die  im  Rahmen  der  herrschenden  Kirchen  gedulde- 
ten wie  die  verketzerten  und  verfolgten,  die  vor  allem  von 
pantheistischen  Neigungen  aus  dem  Monotheismus  hinausgeführt 
wurden.  Spinoza  hält  im  Grunde  noch  an  der  alten  theologischen 
Terminologie  fest,  obzwar  seine  Begriffe  von  ihr  so  yttMh»>  ver- 
schieden sind.  Die  Terminologie  ist  in  jenen  Zeiten  oft  ein 
verzweifelter  Versuch,  Überzeugung  und  Leben  durch  ein71  Kompro- 
miß mit  den  herrschenden  Mächten  zu  retten.  Es  war  nicht  die 
direkte  Inquisition  allen,  die  von  der  Agonie  der  Antike  bis 
zur  französischen  Revolution  und  über  diese  hinaus  alle  Denker 


146 

unter  einem  Terror  hielt,  der  innen  nur  ein  paar  Atempausen 
gönnte.  Nur  wenige  Bewunderer  der  großen  Geister  jener  langen 
Epoche  der  Gefahr  sind  sich  darüber  klar,  daß  die  ganze  Geschich- 
te der  rhilosophie  völlig  anders  aussehen  würde,  wenn  alle  so  | 
geschrieben  hätten  wie  sie  wirklich  dachten  und  wenn  die  über- 
mächtige Zensur  nicht  auch  ihr  Denken  beeinflußt  hätte*.  Abgesehen 
von  dem  unvo"stellbar  reichen  Gedankengut,  das  nie  zu  Papier  ge-  I 
bracht  wurde,  Noch  ein  Mark  Twain  sah  sich  genötigt,  die  Geheim- 
haltung seiner  freigeistigen  Ideen,  von  deren  literarischem 
Niederschlag  das  Publikum  keine  Ahnung  hatte,  testamentarisch 
anzuordnen.  Die  Verfügung,  daß  die  Veröffentlichung  erst  in 
einem  halben  Jahrtausend  erfolgen  sollte,  hatte  er  gewiß  nicht  j 
so  ernst  gemeint,  so  daß  sie  doch  schon  erfolgte,  und  wohl  mit 
Recht  34- )•  Eine  eigene  Ironie  aber  liegt  darin,  daß  es  ein  Sohn  j 

3>4)Ref lections  on  Religion.  Hudson  Review,  Quarterly, 
Uew  York,  Oktober  1963 

des  monotheistischen  Volkes  war,  Spinoza,  der  einerseits  der 
französischen  Revolution  mit  allen  ihrenvSrgebnissen  den  Weg 
bahnte,  anderseits  aber  auch  das  Ende  einer  Vorstellung  vorbe- 
reitete, die  bis  in  unser  Jahrhundert  einen  ansehnlichen  Teil 
der  iäenschheit  beherrscht  hat. 

Es  ist  die  Vorstellung,  daß  alles  Seiende  von  einem  ewig 
seienden  Wesen  geschaffen  wurde  und  immerdar  von  ihm  geleitet 
wird.  Dieser  fundamentale  Mythos,  dem  das  Judentum  keine  von  ihm 
wesensverschiedenen  Elemente  hinzugefügt  hat,  ist  sowohl  im 
Christentum  als  auch  im  Islam  Voraussetzung  ihrer  spezifischen 
Mythen  geblieben.  Der  gemeinsame  Nenner  hat  eine  tiefe  Wurzel. 
Bevor  Gott  die  Welt  schuf,  war  er  allein;  sobald  er  ihr  ein 
Ende  bereiten  wird,  wird  er  wieder  allein  sein.  Viele  Variatio- 
nen dieser  schaurigen  Vorstellung  finden  sich  in  mystischen  Tradi- 
tionen, Sie  ist  das  Thema  eines  Hymnus,  mit  dem  fromme  Juden  ihre 
täglichen  Gebete  beschließen.  Vielleicht  steckt  in  dieser  Idee  32 
ein  nicht  ganz  bewußter  Versuch,  den  Dualismus  von  Gott  und 
Welt  aufzuheben,  oder  ist  dieser  Versuch  konsequenten  Bemühungen 
dieser  Art  zumindest  affin;  denn  die  Welt  erscheint  hier  als 
zeitweilige  Punktion  Gottes,  als  vorübergehende  Auswirkung  seiner 
Realität,  die  als  die  alleinige  aufgefaßt  wird.  Gegenüber  allen 
pantheistisAn  Richtungen  fällt  hier  zugleich  Gegensatz  und 
Übereinstimmung  auf«  D&  die  Pantheisten  Gott  mit  der  Welt 
identifizieren,  ist  eigentlich  er  es,  der,  auch  wenn  sie  es 


147 

nickt  zugeben,  seine  Realität  verliert.  Doch  das  da  und  dort 
Gemeinsame  ist  die  Aufhebung  der  Zweiheit.  Beiden  Bestrebungen  m 
mag  ein  Gefühl  für  die  Schwäche  der  naiven  Religion  zu  Grunde 
liegen« 

In  jeder  naiven  Religion  wird  die  Frage  des  Anfangs  zu- 
rüc Jever sc hoben,  nicht  gelöst.  Es  ist  die  Frage,  der  Atheisten 
lieber  ausweichen,  um  nicht  hören  zu  müssen,  Gott  habe  die 
Welt  erschaffen.  Während  die  Theisten  aufi  die  Frage,  wer  Gott  er- 
schaffen habe,  imaer  nur  zu  v/iederholen  wissen,  er  sei  ewig  und 
unerschaff en.  Es  ist,  als  wären  sie  die  Gewinnenden  in  einer 
Situation,  in  der  Glaube  gegen  Glauben  zu  stehen  scheint.  Doch 
es  scheint  nur  so.  Denn  die  Annahme ,  daß  die  Welt  geschaffen 
worden  sein  müsse,  und  daher  einen  Schöpfer  voraussetzte,  ist 
eine  uralte  und  immer  noch  nicht  genug  untersuchte  Fehlleistung, 
die  einer  Scheinanalogie  entstammt.  Alle  Kinder  beobachten  von 
jeher,  daß  der  Tischler  den  Tisch  bewirkt,  die  Sonne  das  Licht, 
der  Vater  den  Sohn«  Aus  diesem  Ursprung  der  Einzelerscheinungen 
in  andern  Einzelerscheinungen  ziehen  Kinder  selbst  in  vorge- 
schrittenem Alter  und  trotz  hoher  Gelehrsamkeit  den  Trugschluß, 
auch  die  Summe  alles  Einzelnen  habe  einen  Erzeuger.  Es  ist  aber 
ungemein  schwer  und  erfordert  hohe  Reife,  den  sich  derart  auf- 
drängenden, u.zw.  uns  von  einer  verfehlten  Erziehung  systematisch 
aufgedrängten  Trugschluß  loszuwerden;  und  dessen  Überwindung  mit 
der  Erkenntnis  zu  beginnen,  daß  die  für  die  Einzelwesen  richtige 
Beobachtung  für  das  Weltganze  durchaus  nicht  zutreffen  muß.  Und 
sich  ferner  zu  vergegenwärtigen,  daß  nicht  nur  keine  Notwendigkeit^ 
sondern  auch  keine  Berechtigung  für  eine  solche  Anwendung  auf 
das  Ganze  gefunden  oder  von  irgend  etwas  abgeleitet  werden  kann. 
Erst  die  Befreiung  von  der  Notwendigkeitsannahme  ermöglicht  uns, 
die  logische  Absurdität  der  gleichsam  selbstverständlichen  Über£ 
tragung  einzusehen.  Wenn  das  Sein  an  sich  einen  Anfang  hatte, 
könnte  dasjenige,  welches  es  geschaffen  hat  ,  auch  nur  als  seiend 
vorgestellt  werden,  müßte  also  selbst  dem  Sein  angehören,  die  $k 
Welt  oder  ein  Teil  von  ihr  sein,  was  de#  Negation  des  Schöpf ungs-# 
begriff es  gleichbedeutend  wäre;  oder  müßte  dasjenige,  was  das  &k 
Sein  geschaffen  hat,  selbst  nicht  sein,  wodurch  sich  die  Ver- 
neinung des  Schöpfungsaktes  auf  dem  umgekehrten  Wege  ergibt. 
So  fällt  die  Idee  eines  Anfangs.  Mit  der  falschen  Prämisse  ist 
auch  jene  fundamentale  Fragestellung  aufgehoben  und  die  Religion 
verliert  ihr  metaphysisches  Kernstück. 


■  I 


148 

Daß  der  Gottesbegriff  im  Sinne  des  Monotheismus  eine  der 
bedeutendsten  kulturschöpf erischen  Kräfte  war,  unterliegt  so  wenig 
einem  Zweifel  wie  seine  einschränkende,  ja  lähmende  Rolle  im  philoso- 
phischen Denken.  Kant  unternahm  es  nicht,  seinen  persönlichen  Gottes- 
glauben metaphysisch  zu  fundieren;  und  die  einzigartige  Leistung, 
die  er  in  seiner  Erkenntnistheorie  vollbrachte,  wurde  nur  dadurch 
möglich,  daß  er  sie  von  jeder  Verquickung  mit  religiös  gesinnter 
Metaphysik  frei  hielt.  Nur  in  seine  Ethik  mischte  sich  ein  Element 
ein,  das  von  seiner  religiösen  Gebundenheit,  also  von  einer  Beschrän- 
kung seiner  ansonsten  unvergleichlichen  Freiheit,  herstammte«  Daß 
er  im  Gottesbegriff,  oder  genauer,  im  Begriff  der  Existenz  Gottes, 
eine  sittliche  Notwendigkeit  fand,  ist  seine  als  Zeitgebundenheit 
erklärliche  Relativität,  eine  Lücke  in  seinem  höchst  geeinten  Werk« 
Seiner  vollendeten  Logik  hätte  viel  mehr  das  Gegenteil  entsprochen, 
nämlich  Theismus  und  Ethik  einander  ausschließend  zu  finden,  da 
theistische  Grunsätze  ein  lun  um  seiner  selbst  willen  nicht  zulassen 
und  anderseits  eine  rein  auf  sich  selbst  gestellte  Ethik  den  Gottes- 
begriff zumindest  als  Fremdkörper  behandeln  oder  unerwähnt  lassen  müß- 
te, selbst  wenn  der  Ethiker  aus  der  Unvereinbarkeit  nicht  die  metaphy- 
sisce.  Konsequenz  der  Negation  des  Gottesbegriffes  zöge« 

Das  ist  das  Wort  der  Logik,  doch  nur  der  Logik«  Nöda  besteht 
die  ungelöste  Frage,  ob  die  Logik  das  letzte  Wort  haben  muß  oder  ob 
sie  das  kann;  ob  sich  menschlichem  Geist  nicht  etwa  noch  irgend 
eine  andere  Möglichkeit  erschließen  könnte,  eine  nicht  unlogische,  ± 
doch  nichtlogische.  Rühren  wir  aber  zunächst  nur  an  Dinge,  die  mit 
den  ausschließlichen  Mitteid  der  Logik  zu  klären  sind« 

Eine  andere  so  konkrete  Schicksalsfrage  der  Religion  ist  die, 
wo  Gott  sei.  Die  Gottheit  kann  sich  nicht  in  der  Welt  befinden,  denn 
das  wäre  degradierend  und  mit  den  proklamierten  Eigenschaften  Gottes 
unvereinbar,  da  die  Welt  so  viel  Böses  und  Unreines  enthält;  es 
ist  das  Dilemma,  an  dem  auch  der  Pantheismus  leidet.  Eine  Lokali- 
sierung Gottes  außerhalb  der  Welt  wird  anderseits  besonders  schwer, 
wenn  man  deren  Unendlichkeit  annimmt.  Auch  verliert  die  Idee  des 
Wirkens  Gottes  in  der  Welt  im  Falle  seiner  extramundanen  Existenz 
den  letzten  Rest  ihrer  Anschaulichkeit,  d«h«  ihrer  psychologischen 
Wirksamkeit.  Gerade  dem  primitiven  Raumsinn  des  einfachen  Menschen 
läuft  ein  solches  Außerhalb  zuwider.  Die  Schwierigkeit  wächst  noch 
angesichts  der  zahllosen  Anthropomorphismen,  die  der  Vorstellung 
von  Gott  bis  in  die  Gegenwart  anhaften  und  für  den  Durchschnitts- 
menschen kaum  jemals  von  ihr  ablösbar  v/erden  können.  Die  christliche 


149 

Kunst  hat  an  der  Eonservierung  des  auf  der  Kindheitsstuf e 
ganz  natürlichen,  schlechtweg  anthropomorphen  Gottes  einen 
Hauptanteil.  Das  Bedürfnis  nach  Lokalisierung  wird  aber  umso 
zwingender,  je  sinnfälliger  die  alteingebürgerte  Menschen- 
ähnlichkeit ist«  Anderseits  wird  es  immer  schwerer,  in  dem 
schon  ein  wenig  durchforschten  Kosmos  einen  noch  in  Betracht 
kommenden  Platz  zu  finden.  Ein  russischer  Astronaut  sagte  es 
ziemlich  grob,  er  habe  unterwegs  keinen  Gott  entdecken  können. 
Im  Rahmen  der  primitiven  Materialität  der  üblichen  Fragestellung 
wird  eine  befriedigende  Antwort  auch  nie  zu  fiimden  sein, 

ÜTun  haben  gegenüber  den  frommen  Blicken  nach  oben  Einige 
immer  schon  auf  das  menschliche  Herz  verwiesen,  in  dem  Gott  wohne« 
Ein  solches  Gefühl,  doch  veredelt,  durchdacht  und  vertieft,  ist 
zur  Grundlage  einer  neuen,  überaus  belangvollen  Bewegung  geworden. 
Vor  ihr  wollen  wir  aber  des  Ökumenismus  gedenken,  von  dem  die 
geistige  Selbständigkeit  unserer  Zeit  kraftvolle  Impulse 
empfangen  hat. 


Ökumenismus 


von 


Das  Zweite  Vatikanische  Konzil,  das  Johann  XXIII.  eröffnet 
und  von  Paul  VI,  geschlossen  wurde,  hob  die  Starrheit  der  rö- 
misch-katholischen Kirche  auf  und  es  scheint,  daß  es  den  früher 
für  unabänderlich  gehaltenen  Zustand,  der  sie  zu  einem  Synonym 
der  Reaktion  und  zu  einer  der  unmenschlichsten  Mächte  auf  Erden 
gemacht  hatte,  zu  beseitigen  begann.  Schon  daß  Johann  XXIII. 
trotz  dem  Unfehlbarkeitsdogma,  auf  das  er  theoretisch  und  sogar 
praktisch  so  ziemlich  jede  persönliche  Entscheidung  gründen 
konnte,  das  Konzil  überhaupt  einberief,  war  ein  Echo  der 
Demokratie,  In  seinem  Verlauf  war  das  Konzil  nichts  weniger 
als  eine  Parce,  denn  die  Bischöfe  hatten  miteinander  zu  ringen 
und  beide  Päpste  hatten  es  oft  schwer  genug,  ausgleichend  ein- 
zugreifen. Nichtkatholiken  und  später  auch  Prauen  waren  als 
Beobachter  eingeladen.  Die  monolithe  Einheitlichkeit  war  also 
vorbei,  eine  Mehrheit  von  Richtungen,  die  einander  nicht  ver- 
ketzern, sondern  als  legitim  anerkennen,  war  manifest. 

Dem  weitgehenden  Liberalismus  der  Prozedur  entsprachen 
die  Ergebnisse  nicht  ganz,  doch  um  gerecht  und  realistisch 
zu  urteilen,  müssen  wir  uns  vor  Augen  halten,  wie  groß  die  zu* 
rückgelegte  Strecke  dennoch  war  und  welche  Stärke  der  steinharte 


150 

widerstand  besaß,  der  immerhin  teilweise  überwunden  wurde. 
Als  es  zum  Beispiel  darum  ging,  nicht  nur  die  Juden  von  heute, 
sondern  auch  die  der  Zeit  Christi  von  der  mörderischen  Beschul- 
digung des  Gottesmordes  endlich  freizusprechen,  waren  es  die  ara- 
bischen Bischöfe,  gegen  die  nur  ein  Kompromiß  durchzusetzen 
war.  So  stießen  in  allen  Fragen  sehr  konkrete,  keineswegs  nur 
religiöse  Interessen  zusammen.  Und  brennende  Fragen  mußten  unge- 
löst bleiben,  wenn  vitale  Interessen  der  Kirche  selbst  auf  dem 
Spiel  standen.  Die  teilweise  Ersetzung  der  lateinischen  Litur- 
gie durch  eine  in  Landessprachen  übersetzte  war  eine  der  klei- 
neren Überraschungen;  nichts  aber  war  so  neu  und  kühn  wie  die 
prinzipielle  Annahme  der  Idee  religiöser  Toleranz. 

Ist  das  die  endgiltige  Absage  an  Scheiterhaufen  und  Folter? 
Aller  Wahrscheinlichkeit  nach  haben  nicht  nur  die  beiden  Päpste, 
sondern  auch  die  meisten  Häupter  des  Klerus  das  ehrlich  gewollt. 
Was  beinahe  als  Beweis  für  die  Echtheit  der  Absicht  gelten  kann, 
ist  die  logische  Verbindung  zwischen  der  Wendung  zur  Toleranz 
und  dem  Hauptziel  des  Konzils,  der  christlichen  Einheit;  zumal 
wohl  an  der  Erreichbarkeit,  aber  nicht  an  der  Ernsthaftigkeit 
dieses  Ziels  gezweifelt  werden  kann.  Unsere  Erinnerung  kehrt 
zu  der  langen  Kette  der  Kriege  von  Christen  gegen  Christen  im 
Namen  des  Christentums  zurück,  und  zu  schonungslosem  Massen- 
mord wegen  dogmatischer  Verschiedenheit.  Die  astronomische  Distaaz 
zwischen  der  Idee  der  Einheit  durch  Unterdrückung  oder  Ausrottung 
und  der  Idee  einer  freiwilligen  Einheit  selbstbewußter  und  un- 
beugsamer, doch  einsichtiger  Verhandlungspartner  ist  entscheidend, 
nicht  nur  die  Frage,  wie  weit  die  Bemühungen  um  Einheit  bisher  g 
gediehen  sind.  Und  die  christliche  Einheit  als  Postulat  könnte, 
heute  trotz  dem  Konzil  fast  noch  utopisch,  irgendwann  zu  noch 
viel  höherer  Bedeutung  gelangen.  Sie  wird  zwar  schwerlich 
jemals  zum  Kern  für  die  Einheit  der  Menschheit  werden  können, 
aber  die  um  so  vieles  wichtigere  Einheit  könnte  aus  einer  ge- 
einten Christenheit  Ermutigung  schöpfen. 

Leute,  die  immer  dann  auftauchen,  wenn  es  gilt,  eine 
monumentale  Sache  durch  Verkleinerung  der  Motive  zu  bagatel- 
lisieren, oder  zu  diskreditieren,  hatten  im  Stadium  der  Vorberei- 
tung behauptet,  die  eigentliche  treibende  Kraft  sei  die  Furcht 
vor  dem  Kommunismus.  Dieser  Versuch  scheint  vor  keinem  belang- 
vollen Forum  eine  ernste  Diskussion  hervorgerufen  zu  haben. 
Aber  auch  wenn  er  seine  Berechtigung  hätte,  würden  die  Gesehen- 


151 

nisse  an  Saul  erinnern,  dem,  als  er  Eselinnen  suchte,  das 
Königtum  zuteil  wurde. 

So  ist  der  Ökumenismus  zum  Symbol  geworden.  Zu  dem  der 
unbestreitbaren  Manifestation  guten  Willens,  wo  sie  am  schwierigsten 
war  und  ganz  und  gar  nicht  erwartet  wurde« 


Ein  Versuch  über  Religion  und  Philosophie 

We^5e  veux  que  tout  me  soit  explique  ou  rien. 

Albert  Camus,  Le  mythe  de  Sisyphe. 

Peut-on  etre  un  saint  sans  Dieu:  c'est  le  seul  probleme 

concret  que  ^e  connaisse  aujourd'hui. 

Camus,  La  peste 

Die  Wendung  im  Katholizismus  war  wie  ein  Auftauen  des  dicksten 
Eises,  das  dem  Schmelzen  dünnerer  Schichten  in  andern  Gegenden  gefolgt 
und  von  ihm  begleitet  war,  viele  ähnliche  Folgeerscheinungen  aber  auch 
ihrerseits  ermöglichte.  Das  Wasser  dieses  ehemaligen  Eises  bringt,  um 
im  Bilde  zu  bleiben,  Freude  den  Sterblichen,  mehr  als  das  der  Elüsse,  ä 
die  immer  lebendig  waren,  weil  wir  der  Änderung  zum  Guten  höhere  Bedeu- 
tung beizulegen  neigen  als  dem  Guten  selbst. So  wollen  wir  nun  auch  nicht 
Meistern  der  voraussetzungslosen  Philosophie  huldigen,  sondern  Kirchen- 
männern, die  ein  schweres  Joch  zu  brechen  hatten  und  es  brachen. 

Die  ihnen  gemeinsamen  evangelischen  Wegbahner  waren  Albert 
Schweitzer  und  Rudolf  Bultmann.  Als  Schweitzer  sich  zu  der  Erkenntnis 
durchrang,  daß  Jesus  ein  Mensch  gewesen  sei,  war  dazu  für  einen  gläubi- 
gen Christen  noch  ein  nahezu  unerhörter  Mut  erforderlich,  nach  außen 
und  innen.  Als  Theologe  ging  Bultmann  insofern  über  ihn  hinaus  als  er 
sich  mit  der  Gestalt  Jesu  in  neuartiger  Weise  auseinandersetzte,  die 
Erzählungen  von  seinem  Leben  von  der  drückenden  Dogmatik  befreite  und 
sich  auf  die  Suche  nach  einem  Christentum  ohne  die  Vorherrschaft  des 
Mythos  begab.  Keiner  klärte  uns  so  lichtvoll  wie  er  über  die  Unecht he it 
unserer  Existenz  auf  35); doch  blieb  er  in  einer  tragischen  Schwäche 

55)Kerygma  und  Mythos.  Mit  Beiträgen  von.. Rudolf  Bultmann. .. »heraus- 
gegeben von  Hans  Werner  Bartsch, Evangelischer  Verlag, Hamburg  1948.  - 
Kerygma  und  Mythos.  5  Bde,  hg. von  H.W0Bartsch,  mit  Beiträgen  von 
Rudolf  Bultmann  et  al. »ebenda, 1952, 1954, i960.-  Von  den  übrigen  Wer- 
ken Bultmanns  sei  in  unserem  Zusammenhang  "Jesus  Christ  and  Mytho- 
logy"hervorgehoben,  Scribner,  New  York  1958,1965. 

stecken,  indem  er  für  den  Menschen  keinen  Weg  zur  Erlösung  seiner  selbst 

fand,  so  daß  diese  einem  göttlichen  Gnadenakt  vorbehalten  blieb. 

Statt  einer  Reihe  von  Denkern,  die  annähernd  gleichen 


151  a 


Gott  ist  ein  lauter  Nichts,  ihn  rührt  kein  Nun  noch  Hier 
Je  mehr  du  nach  ihm  greifst,  je  mehr  entwird  er  dir, 

Johannis  Angeli  Silesii  Cherubinischer 

Wandersmann 


Gott  will  im  Neoel  wohnen. 


I  Könige,  8,12 


152 

Zielen  zustreben,  seien  dann  drei  genannt,  deren  sittliches 
und  gedankliches  Verdienst  es  berechtigt  erscheinen  läßt,  die 
ihnen  gemeinsamen  Ideen  stärker  hervorzuheben  als  die  Beson- 
derheiten ihrer  Leistungen:  Die  deutschen  protestantischen 
Theologen  Paul  Johannes  Tillich  36)  und  Dietrich  Bonhoeff er  37) 

36)  Gesammelte  Werke,  Evangelische  Verlagsanstalt, 
Stuttgart  1959  ff . "Philosophie  und  Schicksal"  und 
"Systematische  Theologie"  sind  wohl  seine  Hauptwerke, 

37)  Gesammelte  Schriften,  4  Bde,  G.Kaiser  Verlag, 
München  1958  ff-  Als  seine  Hauptwerke  können  die  "Christo- 
logie",  die  "Ethik"  und  "Widerstand  und  Ergebung"  gelten. 
Vgl.  J.D.  Godsey,  The  Theology  of  Dietrich  Bonhoeff er ,1960. 
Einige  von  Bonhoeff ers  und  von  Tillichs  Werken  sind  auch 
englisch  erschienen. 

und  der  Anglikaner  A.T.  Robinson*  der  Bioohof  von  Woolwioh  38). 

38)  Honest  to  God,  1963;  Christian  Morals  Today,  1964; 
The  New  Reformation?  1965;  alle  in  s  SGM  Press,  London. 

Den  Geistestaten  Bonhoeff ers  gesellt  sich  sein  Leben  für 
Wahrheit  und  Menschlichkeit  und  sein  Martyrium.  Kurz  vor  dem  Ende 
Nazideutschlands  wurde  er  für  aktive  Teilnahme  an  der  Wider- 
standsbewegung in  einem  Konzentrationslager  gehängt. 

Wenn  jemand  zu  der  pessimistischen  Meinung  neigte,  die 
großen  gedanklichen  Leistungen  der  Vergangenheit  seien  in 
der  Gegenwart  ohne  Portsetzung  geblieben,  so  würden  schon  der 
Mut,  die  Hingabe  und  die  Selbstlosigkeit  solcher  Menschen  genü- 
gen, ihn  eines  bessern  zu  belehren.  Während  sie  sich  in  ihrem 
schweren  Ringen  von  einer  machtvollen  Glaubenstradition  befrei- 
ten, gruben  sie  zugleich  nach  einem  Kern,  den  sie  bewahren 
könnten.  Diese  Synthese  von  gedanklicher  Voraus setzungslosig- 
keit  und  gefühlsmäßiger  Wurzelhaf tigkeit  und  Treue  scheint 
sicherlich  würdig,  als  Vorbild  zu  gelten,  wenn  wir  an  Vorbild- 
lichkeit im  Kantschen  Sinne  denken. 

Das  Um  und  Auf  dieses  Ringens  ist  der  Gottesbegriff,  mit 
dem  ja  in  der  Theologie  die  meisten  theoretischen  und  praktischen^ 
Konsequenzen  stehen  und  fallen.  Vorausnehmend  soll  anerkannt  wer- 
den, daß  keine  Philosophie  in  der  Läuterung  dieses  Begriffes 
weiter  ging,  wofern  sie  ihn  nicht  aufhob.  Nicht  nur  daß  er 
von  allen  Ssfes  Resten  anthropomorpher  Kindereien  befreit  wird 
wie  von  vermoderten  Kleidern.  Gott  ist  keine  Person  mehr  und 
hat  keine  Eigenschaften  einer  Person,  weder  die  einer  realen 
noch  die  einer  gänzlich  idealisierten  Person.  Ebensowenig 
wird  er  im  pant heistischen  Sinne  dem  Weltbegriff  einverleibt. 


153 

Er  wird  zum  Urgrund  unseres  Seins,  ist  dessen  Tiefe. 

Dadurch  wird  er  nicht  minder  real,  sondern  wird  zur  eigentlichen 

Realität, 

Diese  Autoren  sind  Christen  und  wollen  es  "bleiben.  Damit 
beginnt  eine  neue  Phase  ihres  schweren  Mühens,  aus  dem  Christus 
als  der  leidende,  liebende,  für  Andere  lebende  Mensch  hervor- 
geht, Vorbild  und  Wegweiser  innerhalb  dieser  Welt  wie  sie  ist. 
Erinnern  wir  uns  nun  an  die  tragische  Größe  des  Van  Gogh,  der 
damals  als  Priester  der  Bergleute  scheitern  mußte,  weil  seine 
ganze  Kirche  gegen  ihn  war.  Das  neue  Postulat  ist  ein  Christen- 
tum, das  nicht  Seligion  ist.  Die  vor  einem  Menschenalter  noch 
überraschende  Differenzierung  zwischen  Religion  und  Religiosität 
hatte  Martin  Buber  in  seiner  Prühzeit  hervorgehoben.  Es  ist 
eine  denkwürdige  Verwirklichung  der  Idee  einer  religionslosen 
Religiosität,  der  wir  nun  begegnen. 

Mit  Zustimmung  oder  Ablehnung  ist  es  da  gewiß  nicht  getan. 
Die  metaphysische  und  logische  Schwäche  des  Gottesbegriffes 
in  seiner  erstarrt  traditionellen  Formel  einschließlich  seiner 
noch  starreren  Kosmogonie  wird  nun  zum  ziemlich  genauen  Negativ 
der  Stärke  neuer  Begriffe.  Der  neue  Gottesbegriff  ist  in  der 
Tat  so  groß,  daß  wir  unwillkürlich  die  Enge  der  bisherigen 
Terminologie  entdecken  und  es  nicht  mehr  notwendig  noch  adäquat 
finden,  den  Urgrund,  die  tiefste  Realität, Gott  zu  nennen. 
Tillich  gibt  die  Unzulänglichkeit  des  alt ehrwürdigen  Wortes  mit 
bewundernswertem  Freimut  zu.  Erst  jetzt  ist  der  Theismus  zum 
ersten  Mal  in  unserer  Zeit  von  innen  her  wirklich  besiegt. 

Wer  aufhört,  einen  Namen  anzubeten,  der  sein  Ideal  nicht 
mehr  zu  wahrem  Ausdruck  bringt,  wird  sich  nicht  scheuen  dürfen, 
auch  die  eigene  Benennung  zu  ändern.  Der  ehemalige  Theist,  der 
zu  solchen  Konsequenzen  gelangt  ist,  wird  sich  nicht  Atheist 
nennen  müssen,  aber  können«  In  bösen  Jahrhunderten  hat  dieses 
Wort  den  giftigen  Dunst  der  Beschuldigung  und  den  Blutgeruch 
der  Verfolgung  eingesogen.  Nun  wird  es  immer  öfter  mit  Sympathie 
und  Achtung  ausgesprochen,  denn  man  lernt  nach  und  nach,  Über- 
zeugungen zu  ehren,  unter  der  einzigen  Voraussetzung,  daß  sie 
echt  sind.  Was  mich  selbst  betrifft,  bekenne  ich  mich  nicht 
zum  Atheismus,  u.zw.  mit  folgender  Begründung: 

Außer  dem  sinnfälligen  Unterschied  zwischen  Theismus  und 
Atheismus  besteht  zwischen  ihnen  auch  eine  bedeutende  Gemeinsam*' 
keit.  Beide  beruhen  auf  einem  Axiom,  das  fortgesetzte  Prüfung 


154 

ausschließt  oder  den  Verzicht  auf  Prüfung  einschließt.  Beiden 
fehlt  also  die  Voraussetzungslosigkeit ,  die  das  philosophische 
Denken,  wie  es  als  Postulat  reichlich  anerkannt  ist,  ohne  aber 
ebenso  lückenlos  auch  durchgeführt  zu  werden,  von  den  vielen 
populären  mentalen  "Vorgängen  unterscheidet,  von  einer  Fortbewe- 
gung, die  in  lauter  "Voraussetzungen  watet.  Im  philosophischen 
Denken  ist  der  Schluß  zugleich  ein  Anfang»  Er  eröffnet  neue 
Möglichkeiten,  auch  die  seiner  Aufhebung,  Was  Theismus  und 
Atheismus  "setzen",  läßt  Polgerungen  nur  dann  zu,  wenn  sie  dem 
a  priori  Gesetzten  nicht  widersprechen.  Beide  sind  infolgedessen 
im  Grunde  Glaubenslehren, 

Der  Sinn  der  Überwindung  eines  Glaubens  kann  nur  die  Er- 
langung höherer  Freiheit  sein.  Der  Übergang  von  einem  Glauben 
zum  andern  ist  jedoch  nur  die  Vertauschung  einer  Unfreiheit 
mit  einer  andern. 

Zu  dieser  logischen  Gewißheit  kommen  die  folgenden  Erwä- 
gungen: Seit  langem  haben  viele  Denker  auf  die  Grenzen  unseres 
Wissens  hingewiesen.  Es  ist  aber  nicht  nur  ä±x  hohe  Wahrschein- 
lichkeit, daß  die  Zeitspanne,  die  der  Menschenrasse  noch  übrig- 
geblieben sein  mag  -  auch  wenn  sie  nicht  durch  eine  selbstver- 
schuldete Katastrophe  vernichtet  werden  s ollte  °~-\r^  mit;  den 
bestehenden  oder  sogar  noch  vielfach  verbesserten  Mitteln 
alles  Seiende  einschließlich  des  eigenen  Daseins  zu  erforschen 
und  jemals  zu  annähernder  Allwissenheit  zu  gelangen.  Es  sind 
vielmehr  die  ererbten,  unsere  Natur  und  Konstitution  bildenden, 
sicherlich  unverrückbaren  Vorbedingungen  unseres  Denkens,  aus 
denen  sich  dessen  Endlichkeit  und  Begrenztheit  im  Sinne  einer 
erkenntnistheoretischen  Tatsache  ergibt;  trotz  Hypnose  und 
andern  möglichen  oder  vorstellbaren  Eingriffen  und  trotz 
spontanen  Erlebnissen,  die  weit  mehr  als  jede  derartige  Inter- 
vention die  gegebenen  Grenzen  des  Menschen  zuweilen  zu  erwei- 
tern vermögen. 

Da  unser  Wissen  also  partiell  und  daher  relativ  bleiben 
muß,  haben  wir  uns  dieses  Umstände s  bewußt  zu  werden  und  aus  ihm 
eine  unausweichliche  Konsequenz  zu  ziehen:  Daß  dasjenige,  was 
uns  notwendig  unbekannt  bleibt,  das  Wichtigste  sein  kann,  dem 
gegenüber  das  Erkennbare  unwichtig  sein  mag^Alle  uns  erreichbare 
Erkenntnis  wird  darum  untrennbar  von  einem  Fragezeichen  begleitet. 
Wenn  manche  unserer  Erfahrungen  und  Vorstellungen  in  uns  eine 
Ahnung  hervorruft,  deren  Entstehung  sich  unserer  introspektiven 


155 

Beobachtung  entzieht,  und  unter  Umständen  auch  inhaltlich  von 
den  Ergebnissen  unserer  normalen  Denkprozesse  ganz  verschieden  ± 
ist,  hindert  uns  nichts,  für  möglich  zu  halten,  daß  diese 
Ahnung  eine  Reflexion  des  Unerkennbaren  sei,  und  diese  Deutung 
auf  die  Erfahrung  von  Ahnungen  aller  Art  auszudehnen. 

Daß  wir  der  als  Ahnung  bezeichneten  vagen  Vorstellung, 
die  zuweilen  von  intensiven  Emotionen  begleitet  ist,  eine  so 
bedeutende  Funktion  zuerkennen,  ist  sicherlich  eine  weitgehende 
Einschränkung  der  Schätzung  unseres  Wissens.  Sie  ist  aber  not- 
wendig und  überdies  nützlich,  denn  virtuell  erweitert  sie  unsern 
Horizont,  vervielfacht  unsern  Sinn  für  Möglichkeiten.  Erst  die 
Offenheit  für  solche,  ihre  Einbeziehung  in  unser  Vorstellen 
und  Denken,  ist  Voraussetzungslosigkeit  und  daher  Freiheit, 
iffir  nennen  diese  Denkungswtfise  oder  diese  Gesinnung  agnostisch. 
Die  Benennung  möchte  auch  ich  niaht  überschätzen,  sondern 
bereit  bleiben,  sie  durch  eine  bessere  zu  ersetzen,  um  nicht 
etwa  durch  den  Kult  eines  Hamens  aus  der  Freiheit  zurück  in 
die  Bindung  eines  Glaubens  zu  geraten. 

Doch,  in  jenes  Unbekannte  dürfen  wir  unsere  intensivsten 
Gefühle  projizieren  und  es  in  uns  selbst  suchen,  in  unserem 
Subjekt  als  Objekt,  oder  in  unserer  Subjekt-Objekt-Identität. 
Wir  dürfen  es  als  die  eigentliche  Realität  erleben;  in  einer 
nie  wirklich  definierbaren  Weise,  die  nicht  das  religiöse 
Erlebnis,  aber  ihm  affin  ist.  Die  Beziehung  zu  diesem  Unbe- 
kannten wird  unwillkürlich  als  unsäglich  kostbar  und  zentral 
wichtig  empfunden.  Der  Denkende  ist  sich  ihrer  Irrationalität  xh 
voll  bewußt.  Für  irgend  einen  Formalismus  isinSfirSSi^er  Beziehung 
so  wenig  Platz  acwie  in  der  Beziehung  des  Menschen  zu  sich  selbst^ 
Und  vielleicht  ist  diese  letztere  Beziehung  jener  noch  enger 
verwandt.  Mit  aller  Deutlichkeit  läßt  sich  beobachten,  daß 
die  Beziehung  zum  Unbekannten  auf  unser  gesamtes  Leben  bestimmend 
einwirkt,  es  veredelt  und  unsere  Beziehungen  zu  allen  Objekten 
vertieft,  und  zuweilen  ist  es,  als  würden  diese  das  Unbekannte 
widerspiegeln.  Es  scheint  die  Objekte  zu  seinem  Symbol zu 
machen.  Auch  Liebe  kann  zu  einer  Auswirkung  unserer  Verbindung 
mit  dem  Unbekannten  werden. 


Nun  kann  ich  auf  die  unkirchlichen  Kirchenmänner  und  auf 
meine  Bewunderung  für  sie  zurückkommen.  Abgesehen  von  nicht  ganz 
überzeugend  ausgefallenen  Versuchen,  ihren  neuen  Gottesbegriff 


156 

durch  Berufung  auf  das  Neue  Testament  mit  dem  des  frühesten 
Christentums  zu  versöhnen,  bekennen  sie  sich  mit  edlem  Freimut 
zu  einer  Metaphysik  ohne  Gott,  und  sie  tun  es  um  jeden  Preis 
und  unter  jeder  Gefahr,  heroisch  nach  innen  und  außen;  es  un- 
terliegt keinem  Zweifel,  daß  sie  von  Anbeginn  alle  Konsequen- 
zen bedacht  haben,  auch  die  in  ihren  Schriften  nicht  ausdrück- 
lich erwähnten«  Die  erste  Konsequenz  müßte  doch  der  Wegfall 
jedes  Zeremoniells  sein;  wenn  man  aber  die  Bedeutung  des 
Ritus  für  jede  Kirche  in  Erwägung  zieht,  versteht  man  die  manifest 
widerspruchsvolle  Not  des  Meeres,  das  auf  sein  Wasser  verzichten 
und  doch  Meer  bleiben  soll.  Dieser  Vergleich  ist  schwerlich 
übertrieben,  wenn  wir  bedenken,  daß  es  ja  auch  außerhalb  der 
Religion  kaum  Gemeinschaften  ganz  ohne  Riten  oder  rituelle  Elemen- 
te gibt.  Fortgesetzte  Pflege  des  überkommenen  Ritus  gliche 
fetischistischer  Zärtlichkeit  für  ein  Gewand,  das  einmal  einen 
lieblichen  Körper  bekleidet  hat.  Ein  neuer  Ritus  wäre  nur  ein 
neues  Gewand,  das  «iHMafr yffdHMM  in  keiner  Weise  an  jenen  Körper 
erinnern  würde.  Das  hieße  alsox  eine  Gemeinde  ohne  Vergangenheit 
gründen,  was  immerhin  möglich,  doci^in  recht  unsicheres  Unter- 
fangen wäre.  Ein  Kompromiß  würde  wohl  auch  die  Nachteile 
beider  Extreme  verbinden. 

Warum  der  Verzicht  auf  den  Ritus  so  schwer  sein  muß,  macht 
uns  sein  intensiv  deutlicher  Sinn  verständlich.  Den  einzelnen 
Inhalten  des  Glaubens  und  dessen  Hauptsachen  ist  er  Bestätigung 
durch  Betätigung,  Widerspiegelung  und  Wiederholung  der  unter 
Schauern  der  Angst  und  der  Wonne  vorgestellten  Vorgänge  von  höch- 
ster Bedeutung,  die  symbolisch  in  gesetzmäßigem  Rhythmus  wieder- 
kehrende Deutung  des  Daseins,  durch  die  der  einfache  Mensch 
einen  Anteil  am  Göttlichen  erhält,  so  daß  auch  er  durch  die 
Symbolhandlung  zu  einer  gewissen  Heiligkeit  emporrückt.  Die 
rhythmisch  wiederholten  entsühnenden  Handlungen  befreien  ihn 
zugleich  von  seinen  in  entsprechendem  Rhythmus  angesammelten 

Schuldgefühlen..  Die  Bindung  an  das  Göttliche,  die  er  frei- 

ie 

willig  zu  vollzähen  glaubt,  ist  ihm  eine  reiche  Quelle  der 
Beruhigung,  des  Gefühles  der  Sicherheit,  erhöhter  Selbstachtung. 
Der  Versuch,  eine  Gemeinde  unter  Verzicht  auf  die  Magie  des 
Ritus  umzubauen,  ist  also  eines  der  Wagnisse,  deren  Aussichten 
angesichts  der  Präzedenzlosigkeit  kaum  prognostizierbar  sind. 

Dem  Ritus  ist  ein  anderer  Paktor  von  einzigartigem 
menschlichem  Wert  verbunden,  der  durch  die  furchtlose  Revision 


157 

oder  Revolution  dasselbe  Schicksal  erfahren  muß,  das 
Gebet.  Indem  diesem  sein  Ziel  genommen  ist  und  der  Adressat  zu  s 
einem  ortlosen  und  zugleich  im  Heilssuchenden  selbst  anwesen- 
den Prinzip  wird,  gerät  der  Mensch  in  noch  tiefere  Einsamkeit. 
Auch  für  den  mit  der  Religion  nur  lose  oder  nur  gelegentlich 
Verbundenen  wird  eine  letzte  Zufluchtsstätte,  die  ihm  in 
größter  Not  noch  offen  stand,  unerbittlich  geschlossen;  als 
hätte  er  als  Reicher  aufgehört,  arm  zu  sein  oder  wäre  als 
Erwachsener  kein  Kind  mehr.  Der  Vater,  dessen  Echo  fernab  den 
Aussagen  des  Verstandes  noch  nachhallt,  ist  ihm  genommen,  er 
kami  sich  nicht  mehr  an  ihn  wenden.  So  wird  auch  vom  kleinen 
Mann  ein  nicht  geringer  Heroismus  verlangt.  Erhöhte  Menschlich- 
keit muß  das  ins  Abstrakte  entschwundene  Göttliche  ersetzen. 

Die  menschliche  Deutung  Christi  erfährt  durch  ihre  kurze 
Vorgeschichte,  insbesondere  in  der  Gemeinde  der  Unitarier  und 
der  mit  ihnen  vereinigten  Universalisten,  sicherlich  Ermutigung. 
In  ihren  dem  Mittelalter  am  weitesten  entrückten  Kirchen  konnte 
die  alte  Ikonographie  nicht  weiter  gepflegt  und  das  zur  Anbetung 
auffordernde  Bild  mußte  aufgegeben  werden,  was  sollte  nun  im 
Gebäude  einer  den  menschlichen  Kern  des  ursprünglichen  Christen- 
tums wahrenden  und  anderseits  einer  stark  visuellen  Kultur 
angehörenden  Kirche  die  Stirnwand  einnehmen,  welches  Motiv  soll- 
te den  Blicken  begegnen,  die  früher  den  machtvollen  Darstellun- 
gen im  Altarraum  und  in  der  Apsis  zugewendet  waren?  Die  glück- 
lichste Lösung  war  wohl  die  Fußwaschung,  der  zum  echten  Menschen 
gewordene  Gott,  der  nicht  mehr  kniefällig  und  in  Zerknirschung 
angebetet  sein  will,  sondern  selbstlose  Liebe  gibt. 

Doch  in  weiterer  Ferne  erwachsen  aus  so  ergreifender  Ver- 
menschlichung neue  Probleme.  Obzv/ar  das  Erlebnis  des  menschli- 
chen Christus  tiefer  sein  muß  als  das  seiner  Apotheose,  ist 
dieses  Erlebnis  nun  auf  sich  selbst  gestellt,  der  neue  Christus 
ist  auf  die  eigene  Kraft  angewiesen,  die  einst  übermächtige 
Autorität  schützt  ihn  nicht  mehr.  Seine  Stellung  als  menschliches 
Vorbild  hebt  seine  Einzigartigkeit  auf.  Eür  den  zugleich  von 
andern  menschlichen  Idealen  umworbenen  Christen  ist  Christus 
mit  der  Idealität  einer  Mehrzahl  von  Religionsstiftern,  Genies, 
Propheten,  Heiligen  und  Märtyrern  in  Wettbewerb  getreten. 

Diese  Position  ist,  wie  die  gesamte  Konzeption,  für  den 
am  höchsten  entwickelten  Leser  und  Hörer  gewiß  nicht  nur  annehm- 
bar, sondern  ungemein  anziehend.  Wie  aber  aus  andern  Aspekten  des 
Problems  bereits  klar  geworden  ist,  nimmt  die  umfassende 


158 

Neuorientierung  dem  einfachen  Mann  weit  mehr  als  sie  ihm  gibt. 
Er  verliert  seinen  unfruchtbar  gewordenen,  doch  anscheinend 
noch  ziemlich  festen  Boden  und  gerät  in  einen  leeren  Raum,  in 
dessen  Schwerelosigkeit  er  weniger  zu  Hause  ist  als  der  Astronaut« 
So  ist  das  gesamte  Ergebnis  zunächst  eine  Lehre  für  eine  Minder- 
heit, deren  Umfang  undefinierbar  bleibt,  solange  die  Ansprüche 
an  eine  solche  Auserlesenheit  nicht  auf  Grund  neuer  Erfahrung 
präzisiert  sind.  Bis  dahin  können  wir  uns  unter  dieser  Minorität 
nur  eine  dünne  intellektuelle  Oberschicht  vorstellen,  gefolgt  von 
verwirrten,  haltlos  gewordenen,  durch  die  Bedingungen  des 
Maschinenzeitalters  ihrer  geistigen  Bodenständigkeit  beraubten 
einfacheren  Leuten. 

So  stehen  wir  unversehens  vor  der  Frage,  ob  durch  die 
praktischen  Ergebnisse  der  Erkenntnisse  und  der  menschlichen 
Erneuerung  Einzelner  den  konkreten  Bedürfnissen  der  Heutigen 
Genüge  getan  s&t  oder  in  welchem  Maße  das  geschieht.  Es  muß  wohl 
nicht  erst  bewiesen  werden,  daß  die  Gesellschaft  einer  praktixsja- 
schen  Lebenslehre  bedarf,  einer  harten  und  belastungsfähigen 
Gebrauchsethik,  und  eine  solche  kann  nicht  auf  reine  Einsicht 
gegründet  sein,  sondern  verlangt,  um  verbindlich  zu  sein  und 
zu  bleiben,  eine  einigermaßen  autoritative  Stütze.  Ohne  eine 
solche  muß  es  viel  schwerer  werden  als  es  dem  jungen  David  ging, 
der  Goliath  gegenüberstand.  Wenn  wir  MFWMMtäxxsjsümja.,  daß  die 
Religion  trotz  den  nie  ganz  unwirksamen  Gegenkräften  sich  fe±  so 
lange  erhalten  konnte,  u.zw.  nicht  durch  ihre  brutale  Macht  aüeda] 
allein,  muß  sie  als  System  zumindest  einem  Teil  der  allgemein 
menschlichen  Bedürfnisse  entsprechen.  Und  wenn  wir  in  Betracht  x 
ziehen,  daß  in  dieser  von  so  Vielen  als  Endstadium  der  Religion 
angesehenen  Zeit  ganz  seltsame  Reversionen,  Rückfälle  in  antike 
Ekstase,  auf  einmal  wieder  da  sind,  wie  die  nahezu  massenhaft 
auftauchende  Glossolalie,  oder  wenn  wir  nur  an  den  noch  unge- 
milderten  religiösen  Fanatismus  orientalischer  Länder  denken» 
können  wir  solche  ±fcaoc  Phänomene  nicht  einfach  als  vereinzelte 
Atavismen  deuten;  da  erheben  sich  vielmehr  Zweifel  an  der  Dok- 
trin vom  unaufhaltsamen  Niedergang  aller  Kirchen.  Im  vVesten 
hatte  wohl  eine  Therese  von  Konnersreuth  genügt,  um  uns  fühlen 
zu  lassen,  wieviel  Leben  der  alte  Glaube  noch  in  sich  haben 
muß.  Wenn  wir  in  allen  Anzeichen  seiner  intensiven  Lebendigkeit 

nach  einem  Gemeinsamen  suchen,  ist  es  eine  Dynamik  extrem  irra- 
tionaler,   ,       r»  .  . 

der  Rationalität  sogar  polar  entgegenwirkender 


159 

Fairtoren,  Gerade  aus  denjenigen  Elementen,  die  unsere  Logik 
mit  besonderer  Entschiedenheit  ablehnt,  bezieht  die  Religion 
offenbar  auch  heute  den  Hauptteil  der  wenn  auch  unsichtbaren 
Energien  ihrer  Selbsterhaltung, 

Der  rationale,  doch  von  intensiver  Emotionalität  deutlich 
begleitete  Umschwung,  der  sich  heute  sowohl  ideologisch  als  auch 
methodisch  vollzieht,  ist  also  schon  angesichts  der  Kräfte, 
mit  denen  er  zu  kämpfen  hat,  nicht  weniger  revolutionär  als 
das  Christentum  in  statu  nascendi  war.  Das  erst  teilweise 
aufgebaute  neue  Christentum  wird  aber  die  benötigte  Bestätigung 
und  Festigung  nicht  durch  theologischen  Disput  erfahren  können, 
sondern  durch  eine  den  veränderten  Bedürfnissen  entsprechende^ 
Praxis.  Das  ist  seine  eigentliche  Schicksalsfrage.  Das  neue  Chri- 
stentum könnte  sich  wahrscheinlich  durchsetzen,  wenn  es  dem 
Vorwurf  des  Atheismus  und  den  andern  Argumenten  nicht  theologisch 
oder  durch  sonstige  Versuche  theoretischer  Apologetik  begegnete, 
sondern  tätig,  durch  die  von  seinen  Autoren  selbst,  besonders 
von  Bonhoeff er,  verkündete  Pragmatik,  Nicht  einem  Gott  des 
Interstellarraumes  noch  einem  Gott  des  Kircheninnern,  aber  auch 
nicht  dem,  den  Menschen  in  der  Einsamkeit  suchen,  sondern  dem- 
jenigen, der  mit  den  Menschen  mitten  im  Elend  dieses  Lebens 
leidet,  sollen  seine  Priester  dienen.  Da  solche  Priester  in  be- 
achtenswerter Anzahl  noch  nicht  vorhanden  sind,  müßte  die  beste 
und  wirksamste  Ausbildung  sie  entwickeln,  die  Selbsterziehung. 
Sie  sollten  gesünder  und  glücklicher,  aber  nicht  weniger  selbsti 
los  sein  wollen  als  Van  Gogh  es  gewesen  war. 

Ehe  wir  zu  einer  Zusammenfassung  gelangen,  werfen  wir  einen 
Blick  hinüber  in  die  kommunistische,  jedenfalls  theoretisch 
religionslose  Gesellschaft.  Wodurch  hält  sie  den  Kräften  der 
Zersetzung  stand?  Wenn  diese  in  ihr  schwächer  sein  sollten  - 
warum  sind  sie  es?  Und  mit  welcher  Kraft  begegnet  sie  ihnen? 

Offenbar  ist  die  Selbstidealisierung  dieser  Gesellschaft 
stark  genug  geworden,  um  das  Individuum  zu  einem  uns  unbekannten 
Grade  an  Identifizierung  seiner  selbst  mit  dem  Kollektivum  zu 
bringen.  Die  Verdienstlichkeit  des  positiven  Handelns  zu  Gunsten 
der  Gesellschaft  wird  daher  dort  stärker  bewußt.  Sowohl  die 
Ethik  als  auch  die  Sebstbewertung  des  Einzelnen  ergeben  sich 
aus  seinem  Kollektivismus. 


160 

Auch  die  auf  freie  Konkurrenz  gestellte  Gesellschaft 
versucht  ähnliche  Tugenden  hervorzubringen  und  zu  verwerten« 
Zu  diesem  Zwecke  mobilisiert  si£  Patriotismus  und  Nationalismus, 
die  jedoch  den  Zauberbesen  in  sich  bergen  und  auf  Gelegenheiten 
warten,  die  hervorbringende  Demokratie  zu  verschlingen. 

Obwohl  es  nicht  heilsam  sein  kann,  sich  einer  im  realen 
Leben  wirkenden  Kraft  zu  verschließen,  sollte  die  neue  Kirche 
ihre  politischen  Bindungen  und  Interessen  nach  Tunlichkeit 
abbauen.  Die  gewaltigen  Energiemengen,  die  durch  Abschaffung 
des  Zeremoniells  und  so  vieler  überflüssig  und  sinnlos  gewor- 
denen Tätigkeiten  frei  werden  müssen,  könnte  sie  dann  in  das  rein 
Menschliche  überleiten,  um  dem  Menschen,  nicht  nur  der  Gesellest 
schaft,  echte  Hilfe  zu  bringen.  Das  könnte  sie  dadurch  bewerk- 
stelligen, daß  sie  als  neue  Kirche  begänne,  um  aber  bald  zu 
einer  ebenso  notwendigen  wie  neuartigen  Hilfsorganisation  zu 
werden.  Diese  Organisation  müßte  mit  der  Erforschung  ihres 
virtuellen  Wirkungskreises  anfangen. 

Außer  der  normalen  und  typischen  Hilfsbedürftigkeit, 
die  weder  unterschätzt  noch  als  Angelegenheit  problemloser 
ßoutine  behandelt  werden  dürfte,  gibt  es  eine  unter  den  Heuti- 
gen weit  verbreitete  und  für  organisierte  Hilfe  schwer  zugäng- 
liche. Die  meisten  dieser  Leute  gehören  nicht  eigentlich  einer 
Klasse  an  und  stehen  eher  außerhalb  der  bekannten  Gruppen. 
Sie  sind  unvorstellbar  einsam,  und  darin  besteht  ihr  Haupt- 
problem, nicht  in  materieller  Not.  So  einer  übernachtet  gewöhnir 
lieh  nicht  auf  einer  Bank  in  einem  öffentlichen  Park,  denn  er 
hat  ein  Obdach,  aber  mit  denen,  die  es  mit  ihm  teilen,  spricht  er 
nur  böse  Worte  oder  nichts.  Er  hat  Ideen,  Träume,  Gefühle, 
aber  im  Laufe  der  Zeit  verwandelt  sich  alles  in  ihm  in  Bitterkeit, 
wie  die  in  seinem  Darm  faulende  Nahrung  zu  Gift  wird.  Er  möchte 
sich  entladen,  sprechen,  jemandem  alles  erzählen,  beneidet  die 
frommen  Katholiken,  die  zur  Beichte  gehen.  Ihm  will  keiner  zu- 
hören, Alle  sind  feindselig,  hochmütig,  verschlagen,  wollen 
alles  besser  wissen,  und  vielleicht  wissen  sie  es  wirklich  besser. 
So  bleibt  nichts  übrig  als  - 

Diese  Einzelnen,  die  man  hie  und  da  sieht,  aber  nicht  recht 
wahrnimmt, von  denen  man  aber  eher  liest,  im  Polizeibericht  und 
in  der  Gericht ssaalrubrik,  summieren  sich  in  großen  Städten 
zu  einem  nicht  unbeträchtlichen  Sektor  der  Gesamtbevölkerung. 
Dennoch  sind  sie  unaufdringlich  und  halb  verborgen,  müssen 
zumeist  gesucht  werden.  Wenn  man  nur  ihren  Argw0hn  beheben 


161 

kann,  sprechen  sie,  denn  auf  diese  Gelegenheit  haben  sie  lange 
genug  gewartet.  Vor  allem  haben  sie  nicht  geglaubt,  daß  sie  noch 
kommen  würde,  Wenn  man  ihnen  nur  ein  wenig  Hoffnung  geben  kann, 
schmilzt  zuweilen  ihr  Nihilismus  wie  Schnee  in  starker  Sonne. 
De|i  Fülie  der  Beobachtungen,  die  der  Hilfsbereite  machen  kann, 
entlohnen  ihn  oft  für  einen  Großteil  der  Mühe  und  Gefahr, 

Manche,  denen  jede  Lebensfreude  versagt  zu  sein  scheint,  ver- 
kennen völlig  ihren  realen  Zustand,  Sie  meinen,  es  gehe  für  sie 
um  die  Beseitigung  eines  unerträglichen  einzelnen  Übelst  wie  m 
eines  physischen  Leidens,  einer  gehässigen  Frau,  eines  tyranni- 
schen Vorgestzten,  oder  eines  bösen  Nachbarn.  Daß  das  aber  nur 
Rationalisierungen  sind,  geht  schon  daraus  hervor,  daß  noch  vor 
jeder  Intervention  und  vor  jedem  Versuch, zu  helfen,  eine  sicht- 
liche Erleichterung  eintritt,  die  deutliche  Reaktion  auf  die 
an  sich  zum  Erlebnis  werdende  Aufmerksamkeit,  So  gern  sie  spre^k 
chen,  so  schwer  fällt  es  manchen,  weil  sie  an  Gelegenheit  zu 
zusammenhängender  Rede  nicht  gewöhnt  sind,  sondern  an  Unterbro- 
chenwerden, Mißachtung  und  Hohn,  an  Gespräche,  die  in  Feind- 
seligkeit enden  und  am  besten  überhaupt  vermieden  werdenx  39)» 

39)  Das  mag  auch  der  private  Zauber  politische  Situationen 
sein,  in  denen  auf  einmal  Alle  eines  Sinnes  sind  und  nicht 
einander,  sondern  einen  Abwesenden  bekämpfen. 

Ob  der  Kontakt  zwischen  dem  Redenden  und  dem  Hörenden  den  von 
jenem  angegebenen  Zweck  erfüllt,  ist  deshalb  nicht  immer  das 
Entscheidende,  jedenfalls  nicht  das  allein  Entscheidende. 

Um  ihren  neuen  Sinn  allen  Ernstes  erfüllen  zn  können, 
wird  die  zur  Schwester  der  Leidendenfeewordene  Kirche  den  zur 
Unauf richtigkeity^hleitenden  Sprechstundenstil  verwerfen  und 
die  realen  Schwierigkeiten  in  furchtloser  und  undoktrinärer 
Weise  angreifen  müssen.  Sie  würde  gewiß  gut  tun,  auf  ihre  salfeHE 
bungsvollen  Predigten  und  Zitate  sowie  auf  ihre  Theatergarderobe 
zu  verzichten  und  den  Geist  solcher  Neuerungen  auch  auf  die 
Architektur  neuer  Gebäude  zu  übertragen.  Sie  wird  nicht  den 
ethischen  Gesellschaften  mit  ihren  glänzenden  Vorträgen  und 
anregenden  Diskussionen  zu  gleichen  haben,  sondern  wird,  um 
adäquate  Methoden  pragmatischer  Menschlichkeit  zu  finden,  die  Säe 
Tätigkeit  verschiedener  Gruppen  ungeachtet  ihrer  Weltanschauungen 
studieren  müssen,  wie  die  der  Quäker,  oder  der  Heilsarmee,  und 
wahrscheinlich  läßt  sich  auch  von  orientalischen  Bruderschaften 
manches  lernen.  Die  Geste  der  routinierten  Philanthropie  wird 
durch  ein  schlichtes,  nicht  uniformes  Benehmen  zu  ersetzen  sein. 
Die  Propaganda  für  die  eigene  Institution  wird  aufzugeben 


162 

sein,  niemand  soll  das  Gefühl  haben,  daß  er  mit  Anerkennung , 
Dankbarkeit  oder  Empfehlung  zu  bezahlen  hat.  Der  Empfänger  der  fi 
Hilfe  soll  nur  verstehen,  daß  Leute  sich  für  ihn  einsetzen 
wollen,  weil  es  ihm  schlechter  geht  als  ihnen  und  v/eil  dieser 
Unter sc h&l  sie  verpflichtet.  Und  daß  sie  von  ihm  nichts  er- 
warten als  daß  auch  er  Andern  hilft,  wenn  er  kann.  NPV 

Aktive  Selbstlosigkeit  is£  die  beste  Selbsterziehung. 
Wer  sie  ausübt,  wird  mit  den  als  Pfarrer  oder  Rabbiner  ver- 
kleideten Reklamehelden  und  Börsenspekulanten  bald  nicht 
mehr  gemeinsam  haben  als  die  Bezeichnung  eines  Berufes. 

Das  Wesentliche  und  das  Unwesentliche 

mensch, werde  wesentlich: denn  wann  die  Welt  vergeht,- 
So  fällt  der  Zufall  weg, das  Wesen, das  besteht. 

Johannis  Angeli  Silesii  Cherubinischer  Wandersmann 
Der  Leser  erzählender  Literatur  erwartet  und  genießt 

Scheinidentif ikationen  und  Ersatzbefriedigungen.  Je  mehr 
die  fiktiven  Personen  und  Vorgänge  die  Bedürfnisse,  Besorg- 
nisse und  Wünsche,  oder  mit  einem  Wort,  die  Situation  des  Lesers 
zur  gegebenen  Zeit  reflektieren,  desto  besser  gelingt  es  ihm,  sx 
sich  mit  jener  Welt  der  Piktion  zu  vereinigen,  sie  seiner 
Realität  einzuverleiben  und  aus  solchem  Gewinn  Befriedigung 
zu  schöpfen.  Die  ideale  Fiktion  wäre  demnach  eine  für  einen 
bestimmten  Leser  in  Kenntnis  seines  Lebens  und  seiner  Bedürf- 
nisse verfaßte.  Am  nächsten  kommt  dieser  völligen  Zweckerfüllung 
das  für  eine  bestimmte  Kategorie  von  Lesern  geschriebene  Buch, 
etwa  für  Mädchen  einer  bestimmten  Altersstufe,  eines  bestimmten 
Landes  und  einer  bestimmten  Gesellschaftsschicht.  Je  primitiver 
die  Leser  sind,  desto  besser  wird  der  Allen  zusammen  gebotene 
Lesestoff  jedem  Einzelnen  passen,  wie  die  Konfekt ionskleidung 
dem  Durchschnittsbau. 

Mit  philosophischer  Lektüre  verhält  es  sich  nicht  ganz  so. 
Denn  wenn  im  Leben  des  Lesers  der  Epik  allmähliche  oder  plötzlie 
che  Änderungen  eintreten,  wenn  seine  Situation  derjenigen,  in 
der  er  jene  Erzählung  gelesen  hat,  nicht  mehr  entspricht, 
gehören  auch  die  Ansprüche  an  die  ehemalige  Lektüre  der  Ver- 
gangenheit an.  Damals,  als  sie  einen  Zweck  hatte,  erfüllte  sie  ± 
ihn;  in  der  neuen  Situation,  in  der  sie  keinen  mehr  hat,  kann 
jene  Lektüre  in  Vergessenheit  geraten.  JSTur  literarische  Werke 
von  besonderer  menschlicher  Tragweite  werden  nicht,  oder  nicht 


Das  praktische  Christentum,  das  wir  noch       ^  162a 
einfacher  selbstlose  Menschenliebe  nennen  können, 
ist  seit  langem  mehr  als  eine  abstrakte  Idee.  Der  kühne  Versuch, 
ein  Stück  Urchristentum  in  die  Tat  umzusetzen,  hat  seit 
Van  Gogh  eine  ganze  Reihe  echter  Verkörperungen  erfahren, 
die  vorwiegend  dem  protestantischen  Lager  entstammen. 
Gedenken  wir  aber  ehrend  und  liebevoll  auch  katholischer 
Menschlichkeit  in  unserem  Jahrhundert.  Einen  historischen  Akt 
hat  Paul-Emile  Leger  vollbracht,  als  er  seinen  Kardinalshut 
ablegte  und  seinen  Palast  in  Montreal  verließ,  um  Leprakranken 
in  Afrika  Bruder  und  Helfer  zu  sein.  Nach  der  jüdischen  Legende 
von  den  sechsunddreißig  Gerechten  sind  es  solche  Menschen, 
um  derentwillen  die  Welt  erhalten  bleibt,  )t#t**Jk***m<  dU^iUm. 


163 

im  selben  Maße,  inaktuell,  bleiben  in  der  Erinnerung  lange 
erhalten,  und  angesichts  neuer  Ereignisse  führen  Assoziationen 
immer  wieder  zu  ihnen  zurück. 

Philosophisches  Lesen  wird  hingegen  nie  mit  ausgesprochen 
ephemeren  Wünschen  unternommen.  Der  Leser  sucht  darin  Klärung 
der  Prägen,  die  ihn  und  Andere  mehr  oder  minder  konstant  be- 
schäftigen, Lösung  von  Problemen,  d±eren  Geltung  sich  mit  der 
Beendigung  der  Lektüre  nicht  verflüchtigt.  Der  philosophische 
Autor  soll  sein  Wegweiser  zu  größerer  Klarheit  in  solchen 
Dingen  sein,  an  deren  Kenntnis  und  Verarbeitung  er  selbst 
einen  Anteil  hat.  Der  Erwartung  des  vorausdenkenden,  mitden- 
kenden und  nachdenkenden  Lesers  entsprechend,  sollen  philoso- 
phische Erkenntnisse  weitgehende  Allgemeinheit  besitzen. 
Lehren  der  Philosophie  sollen  auf  jede  Situation  anwendbar 
sein.  Während  etwa  in  der  Not  eines  Schiffbruchs  die  Erin- 
nerung an  einen  Rokokoroman  oder  an  ein  Lehrbuch  der  Etikette, 
falls  sie  durch  Einmischung  einer  selbstquälerischen  Tendenz 
überhaupt  zustande  kommt,  zu  einem  peinlichen  Witz  wird,  soll 
das  Ergebnis  philosophischer  Studien  immer  seinen  Sinn  bewahren. 
Es  soll^icht  nur  trotz  der  Notlage  behalten,  sondern  ihn  in 
einer  solchen  Situation  erst  recht  erweisen.  Es  kann  als  sicher 
angenommen  werden,  daß  eine  weite  Umfrage  nach  dem  philosophier 
scher  Lektüre  zugeschriebenen  Wert  diese  Erwartung  als  inter- 
subjektive  Tatsache  beweisen  würde;  auch  wäre  schwerlich  ein 
Argument  gegen  das  Recht  auf  eine  solche  Erwartung  zu  f inden^O). 

40)  Es  gehört  nicht  eigentlich  zu  diesem  Thema,  ist  aber  an- 
läßlich dieser  Erörterung  erwähnenswert ,  daß  Schopenhauer 
(in  den'Tarerga  und  Paralipomena" )  dem  Leser  den  Rat  gab, 
Autoren,  deren  Gedanken  weniger  klar  sind  als  die  seinen, 
•angelesen  zu  lassen  und  diejenigen  zu  lesen,  die  ihm  zu 
höherer  Klarheit  verhelfen. 

Das  philosophische  Denken  ist  zu  einem  großen  Teil  ein 
Prüfen,  doch  von  Zeit  zu  Zeit  muß  es  auch  selbst  geprüft  werden. 
Das  Folgende  ist  ein  Versuch,  einige  für  das  Denken  der  Gegenwart 
repräsentative  Schulen,  bzhw.  Richtungen  darauf  zu  prüfen,  in 
welchem  Maße  sie  dem  Anspruch  auf  Sinn,  also  Giltigkeit,  in  ; 
allen  Situationen  entsprechen;  ferner  ist  es  auch  ein  Versuch, 
den  bestehenden  Lehren  und  Lösungen  einige  neue  Ergebnisse 
gegenüberzustellen. 

Die  Situationen,  die  alle  geistigen  Güter  auf  die  schwerste 
Probe  stellen,  sind  persönliche  und  noch  mehr  kollektive  Katastro- 
phen. Wie  ein  Glaube,  oder  allgemeiner:  eine  intensiv  erlebte 


164 

Gewißheit,  sich  mit  dem  Zusammenbruch  der  gesamten  individuellen 
Realität  auseinandersetzt  und  ihn  nicht  etwa  nur  passiv  übersteht, 
sondern  aus  einem  Ringen  siegreich  hervorgeht,  ist  wofcüjnirgends 
so  tief  dargestellt  und  gestaltet  wie  im  Buche  Hiob.  Welche 
Idee  oder  Lehre  hat  einem  solchen  Zusammenprall  jemals  so  stand- 
gehalten? Es  ist  vorstellbar,  daß  Plato,  Spinoza  oder  Kant  sich 
im  Leben  eines  Menschen  in  so  monumentaler  Weise  als  Heilsbringer 
bewähren  könnten.  Vielleicht  könnten  wir  mit  Sicherheit  fest- 
stellen, daß  es  der  Fall  war,  wenn  wir  von  einer  Situation  wie 
Auschwitz  nicht  nur  Tatsachenberichte,  sondern  auch  eingehende 
Protokolle  über  das  geistige  Agieren  und  Reagieren  der  Märtyrer 
besäßen.  Nun  geht  uns  die  Präge  an,  ob  es  in  der  Philosophie 
unserer  Zeit  Kräfte  gibt,  die  Menschen  das  Rüstzeug  für  einen  sol- 
chen Kampf  verleihen  können.  Betrachten  wir  also  eine  ganz  enge 
Auswahl  einiger  Ideen,  gleichviel  ob  sie  eine  weit  zurückreichende 
Vorgeschichte  haben  oder  mit  einiger  Ausschließlichkeit  der 
Gegenwart  angehören.  (&xnUvv>  **&4+,  Uty**  fc£~**.t  *~u*+  JW^mvc  azM 

Zum  alten  Problem  der  Ursächlichkeit  und  der  Willensfreiheit 
Seit  dem  vorigen  Jahrhundert  ist  das  uralte  Problem  der 
Willensfreiheit  zu  enormer  Aktualität  gelangt.  Es  hat,  um  das 
Ergebnis  dieser  Auseinandersetzung  teilweise  vorauszunehmen, 
einen  metaphysischen  und  naturwissenschaftlichen,  logischen 
und  ethischen  Aspekt  einerseits,  einen  sozialen  anderseits. 
Der  erste  kann  zusammenfassend  theoretisch,  der  zweite  praktisch 
genannt  werden.  Nur  diese  methodische  Trennung  führt  zu  einer 
anwendbaren  und  daher  berechtigten  Lösung.  In  den  Lehren,  denen 
diese  Trennung  fehlt  oder  durch  einseitige  Argumentation  ersetzt 
ist,  muß  eine  gewisse  Konfusion  der  Standpunkte  eintreten,  so 
daß  aus  umfangreicher,  von  verdienstvollen  Denkern  unternommener 
Arbeit  nur  eine  neue  Phase  im  häufigen  Wechsel  der  Meinung, 
ein  erneutes  Setzen  von  Annahme  gegen  Annahme  resultiert,  nicht 
eine  reale  Lösung. 

Konfusion  entsteht  zuweilen  daraus,  daß  man  eine  Annahme  machtl 
und  sie  mit  oder  ohne  Erfolg  zu  beweisen  unternimmt,  weil  man  sie 
braucht.  Der  Existentialismus  brauchte  die  Annahme  der  Willens- 
freiheit, wenn  auch  nur  die  einer  weitgehenden.  Schon  sein  Alt- 
meister Kierkegaard  entblößte  eine  unbestreitbare  Schwäche, 
indem  er  in  einem  Atem  sowohl  den  Willen  für  frei  erklärte  als 
auch  auf  die  Angst  hinwies.  Der  Psychologie  seiner  Zeit  war  die 


165 

gegenseitige  Ausschließung  von  Freiheit  und  Angst  wohlbekannt; 
u.zw.  nicht  allein  als  Ergebnis  empirischer  Forschung,  denn 
schon  aus  den  beiden  Begriffen  muß  ihre  Unvereinbarkeit  not- 
wendig deduziert  werden.  Auch|iie  spätere  Existenzphilosophie 
einschließlich  Heideggers,  die  ja  kein  eigentliches  System, 
und  mit  Ausnahme  von  Jaspers  auch  nichts  einem  System  annähernd 
Entsprechendes  hervorgebracht  hat,  setzt  an  die  Stelle  von 
Beweisen  oft  genug  Behauptungen  und  Pos^ulate.  MI    Die  Argu- 
mentation des  Existenzphilosophen  wird  unter  Umständen  zu 
reinem  Ausdruck  von  Wünschen,  etwa  wenn  er  den  eigenen  Glauben 
an  Willensfreiheit  gleichsam  als  Beweis  anführt. 

Zu  einem  noch  entschiedener  negativen  Resultat  führen 
die  gegen  das  eigentliche  Kausalitätsprinzip  gerichteten 
Bemühungen.  Daß  der  Willensakt  ohne  Ursache  sei,  kann  man 
nur  proklamieren,  wenn  man  einen  Vorstoß  gegen  die  Logik  begeht, 
indem  man  übersieht,  daß  ohne  Ursache  sein  mit  Nichtsein  gleich- 
bedeutend sein  muß,  sodaß  der  extreme  Indeterminismus  sich 

hier  selbst  aufhebt.  Q^^Ji 

Denn  wer  die  Möglichkeit  einer  inVallett.  Geschehens  waltenden 
Ursächlichkeit  zugibt,  begeht  nicht  einfach  eine  Inkonsequenz; 
er  unternimmt  damit  eine  partielle  Deutung  seiner  Erfahrung. 
Doch  weiß  er  nicht  zu  sagen,  auf  Grund  wessen  sich  das  übrige 
Geschehen  vollzieht,  das  innerhalb  und  das  außerhalb  der  Reichwei- 
te seiner  Erfahrung  vor  sich  gehende.  Er  muß  jedenfalls  zugeben, 
daß  seine  Erfahrung  ursachenlose  Vorgänge  nie  erwiesen  hat.  So 
wird  die  Einräumung  der  Möglichkeit  der  Kausalität  zur  ersten, 
wenn  auch  indirekten,  Bestätigung  ihrer  Allgemeingiltigkeit. 
Damit  sind  wir  aber  noch  nicht  am  Ende  der  mit  ihr  verbundenen  £ 
Fragen  angelangt,  sondern  erst  an  deren  Anfang. 

Wohl  bestätigt  die  Logik  das  metaphysische  Kausalitätsprinzip 
direkt,  da  schon  sein  bloßer  Begriff  begrenzten  Umfang  seiner 
Geltung  nicht  zuläßt,  doch  dadurch  wird  die  Notwendigkeit  noch- 
maliger Befragung  unserer  allgemeinsten  Erkenntnisgielle,  der  Er- 
fahrung, keineswegs  überflüssig.  Um  diese  in  ihrer AGänze  zu  erfas- 
sen und  nicht  willkürlich  zu  teilen,  müssen  wir  die  Ergebnisse 
der  Introspektion  und  Selbstbeobachtung  in  den  Begriff  der  Erfah- 
rung einbeziehen,  nicht  minder  als  psychologische  Beobachtung 
Anderer.  Aber  diese  introspektive  Erfahrung  liefert  uns  unauf- 
hörlich auch  Beweise  für  die  Existenz  des  Willens,  den  wir 


166 

unmittelbar  in  uns  selbst  erfahren,  sogar  unmittelbarer  als 
alles  andere.  Indem  wir  den  Willensakt  in  uns  wahrnehmen  und, 
zugleich  oder  fast  zugleich,  durch  unsere  Sinne  seiner  Auswir- 
kung gewahr  werden,  machen  wir  zwei  Erfahrungen,  deren  zweite 
die  erste  bestätigt.  Diese  Doppelerfahrung,  die  der  Existenz 
des  Willens  und  die  seiner  Wirkung,  erfüllt  fast  unser  ganzes 
Leben.  In  Schlaf  und  Traum  verläuft  sie  lückenhaft  oder  anders, 
bei  pathologischen  Willenslähmungen  oder  Sinnestäuschungen 
fehlt  sie  oder  wird  durch  Scheinerfahrung  ersetzt.  Die  Rolle 
der  Erfahrung  des  Willensaktes  in  unserem  Leben  wird  schon  in 
den  Frühstadien  ihres  Auftretens  deutlich.  Die  Entdeckung  des 
Kleinkindes,  daß  es  sein  Begehren  durch  Aktionen  in  Wirkungen 
umsetzen  kann,  ist  von  Lustgefühlen  gefolgt,  aus  denen  nach 
einiger  Wiederholung  die  Vorstufe  des  Bewußtseins  hervorgeht. 
So  fällt  die  eigentliche  Entstehung  des  Ichs  mit  dessen  Ent- 
deckung zeitlich  fast  zusammen.  Dieser  Vorgang  entspricht  nicht 
dem  Cogito  ergo  sum  des  Descartes,  das  erst  die  Reflexion  und 
Selbstbestätigung  reifsten  Intellekts  ist.  Das  Bewußtsein  ent- 
steht aus  einem  Vorgang,  der  Volo  ergo  sum  genannt  werden  könnte, 
da  auf  den  Willensakt  immer  wieder  aus  dessen  Folgen  geschlossen 
wird;  und  da  der  selbsttätig  weitere  Rückschluß  die  Existenz  des 
Wollenden  ergibt.  Die  Funktion  des  Wollens  führt  uns  also  auf 
jener  Stufe  zur  Entdeckung  unsererselbst.  Die  Entdeckung  des  Ichs 
können  wir  klarer  beurteilen,  wenn/\in  Betracht  ziehen,  daß  sie 
der  Apperzeption  anderer  Objekte  entwicklungsmäßig  immer  erst 
folgt,  ihr  nie  vorausgeht.  Selbstentdeckung  ist  in  ihrem  ersten 
Stadium  ein  fragmentarischer  und  wenig  auffallender  Vorgang« 
"Weitere  und  immer  reichere  Erfahrungen  und  Rückschlüsse  folgen 
ergänzend  der  Erfahrung  des  Willens  als  ersten  Objekts  des  ent- 
stehenden Selbstbewußtseins. Erst  das  Zusammenströmen  der  verschie- 
denen Erfahrungen  in  derselben  Richtung  schafft  das  allen  gemein- 
same Substrat,  die  Subjekt-Objekt-Beziehung  ist  hergestellt,  und 
aus  dieser  ergibt  sich  durch  einen  schrittweisen  Isolierungs- 
prozeß der  vollendete  Begriff  des  Ichs. 

Der  zumeist  im  zweiten  Lebensjahr  gemachten  elementaren 
Erfahrung  sind  die  späteren  Wahrnehmungen  unseres  Willens  analog  • 
Sie  Ergeben  eine  Evidenz,  deren  Grad  geradezu  jede  andere  Evidenz 
übertrifft,  so  daß  die  primär  psychologische  Existenz  des  Willens 
schv/erer  geleugnet  v/erden  könnte  als  jede  andere  Existenz.  Er 
ist  der  Inbegriff  der  auf  direkte  Empirie  gegründeten  Gewißheit. 


167 

Wenn  man  unter  der  Führung  der  Logik  zu  zwei  Erkenntnissen 
gelangt,  die  weder  identisch  sind  noch  auch  vereinbar  zu  sein 
scheinen,  wird  man  geneigt  sein,  der  Schwierigkeit  zu  entgehen, 
indem  man  eine  von  beiden  zurückweist;  sich  für  eine  von  "beiden 
zu  entscheiden,  ist  immerhin  das  einfachste. .  Doch  versuchen  wir, 
der  Schwierigkeit  bis  ans  Ende  zu  folgen. 

Der  Begriff  der  Kausalität  an  sich  erfordert  keine  neue 
Nachprüfung.  Doch  ergibt  sich  aus  ihm  die  Frage,  ob  die  nun 
gewisse  Existenz  des  Willens  mit  seiner  Freiheit  gleichbedeutend 
sei.  Fragen  wir  auch  danach  zunächst  die  Erfahrung.  Deren  ebenso 
einfaches  wie  häufiges  Ergebnis  ist,  daß  wir  nicht  nur  beschlie- 
ßen und  handeln,  sondern  auf  Grund  unseres  Beschlusses  die  Handi 
lung  auch  unterlassen  können.  Wir  können  auch  abwechselnd  positiv 
und  negativ  beschließen  und  entsprechend  handeln,  und  das  Ex- 
periment nach  Belieben  wiederholen.  Schon  aus  dieser  einfachsten 
Erfahrung  geht  hervor,  daß  unsere  Willensakte  nicht  völlig 
unfrei  sein  können.  Allerdings  geht  aus  ihr  ebensowenig  hervor, 
daß  sie  völlig  frei  sind. 

Wenn  wir  uns  nun  der  notwendig  ausnahmslosen  Geltung  des 
Kausalitätsprinzips  erinnern,  ergibt  sich  die  besonders  schwieri- 
ge Frage,  wie  etwas  zugleich  unfrei  und  frei  sein  kann.  Frei  in 
einem  idealen,  u.zw.  im  absoluten  Sinne,  wäre  etwas,  das  wirkt, 
ohne  selbst  bewirkt  zu  sein;  wofür  jedoch  die  Erfahrung  kein 
Beispiel  bietet.  Unfrei  hieße  etwas,  was  bewirkt  ist  und  wohl 
auch  seinerseits  wirkt  oder  wirken  kann,  aber  nur  in  einer  Weise,  , 
die  durch  die  ihm  vorausgegangenen  Ursachen  bestimmt  ist;  das  so 
Definierte  läßt  sich  empirisch  vielfach  belegen.  Da  aber  unser  $ 
Willensakt  einerseits  bewirkt  ist,  wie  alles,  aber  anderseits  aus 
der  Erfahrung  der  Wahl  oder  der  Entscheidung  zwischen  entgegen- 
gesetzten Möglichkeiten  seine  Freiheit  hervorgeht,  muß  für  ihn  ± 
die  Eigenschaft  des  zugleich  Unfreien  und  Freien  zutreffen. 
Der_Willensakt  ist  notwendig  bewirkt,  aber  virtuell  befähigt , 
Ifl  äSinga  Fortwirkung  die  Richtung  des  auf  ihn  Wirkenden  zu 
zu  ändern  41).  Durch  anfänglich  widerspruchsvoll  erscheinende 
41)  Der  Begriff  einer  Ursache  und  ihres  Fortwirkens,  also 
der  Übertragung,  die  wir  Kausalität  nennen,  unter  Änderung 
ihrer  Richtung,  hat  hier  eine  eher  einem  Gleichnis  ähnliche 
Gestalt  angenommen.  Abstrakt  und  grundsätzlich  würde  es 
lauten:  Wir  können  weder  sein  noch  wirken,  ohne  bewirkt 
zu  sein;  docfe_muß  die  Wirkung,  die  wir  ausüben,  der 
empfangenen  nicht  gleichen. 

Gegebenheiten  gelangen  wir  also  zum  Ergebnis  einer  relativen 


168 

Willensfreiheit,  zum  Begriff  eines  komplexen  Willens,  dessen 
Ursachen  und  Wirkungen  potenziell  heterogen  sind,  also  zu  einem 
in  sich  selbst  determinierten  Determinismus. 

Die  weitere  Erforschung  des  Willens  im  Zusammenhang  mit 
der  Kausalität  ist  eine  Frage  rein  empirischer  Beobachtungen, 
die  allenthalben  im  Gange  sind  und  den  Begrenzungen  unserer  MHJl 
Willensfreiheit  nachzugehen  haben,  u.zw.  ihren  pathologischen  und 
andern  Lähmungen  und  Störungen. 

Die  theoretische  Lösung  des  Problems  der  Willensfreiheit 
bedeutet  zunächst  an  sich,  daß  wir  endlich  einerseits  die  meta- 
physische und  logische  Schwäche  eines  in  der  Luft  schwebenden, 
aus  dem  universellen  Kausalgesetz  herausgehobenen  Indeterminis- 
mus überwinden,  uns  aber  auch  von  einem  absolutistischen  Deter- 
minismus befreien,  innerhalb  dessen  für  bedeutende  Tatsachen 
wie  die  aufgezeigten  kein  Raum  zu  finden  ist.  Schließlich 
ergibt  sich  noch  ein  Resultat  von  hoher  Wichtigkeit. 

Von  der  Allgeme ingilt igkeit  der  Kausalität  war  bereits 
die  Rede.  Die  metaphysische  Evidenz,  daß  es  eine  partielle 
Ursächlichkeit  nicht  geben  kann,  muß  selbst  gegn  Kant  aufrecht- 
erhalten werden.  Denn  der  Umstand,  daß  es  uns  nicht  gelingt, 
alles  als  Folge  von  Ursachen  zu  erklären,  wie  im  Sinne  Kants 
das  sittliche  Erlebnis,  kann  keineswegs  besagen,  daß  Kausalität 
nur  da  bestehe,  wo  sie  nachweisbar  is£.  Unter  solchen  Umständen 
müßten  wir,  statt  nach  den  Ursachen  der  vielen  uns  noch  unerklär- 
lichen Naturtatsachen  zu  forschen,  uns  damit  begnügen,  sie 
einfach  als  ursachenlos  zu  bezeichnen,  was  wohl  keiner  so  ent- 
schieden abgelehnt  hätte  wie  Kant.  Dem  scheinbaren  Ausschluß 
bestimmter  Vorgänge  aus  dem  Kaus^lprinzip  ist  entgegenzuhalten,  j 
daß  die  Kausalität  nur  unbegrenzt  allgemein  sein  kann,  da  sie  | 
sonst  mit  der  gleichen  Allgemeinheit  geleugnet  werden  müßte. 
Diese  Alternative  ist  abstrakt  logisch  durchaus  möglich, 
doch  würde  eine  totale  Negation  der  Ursächlichkeit  mit  der 
auf  die  konstante  Erfahrung  gegründeten  Evidenz  zusammenstoßen. 
Auf  dem  empirischen  Wege  gelangen  wir  also  nochmals  zur 
Allgemeingiltigkeit  der  Kausalität. 

Schließlich  erfährt  ein  der  Naturwissenschaft  entlehnter 
Begriff,  der  des  voraus sagbaren  Eintretens  von  Vorgängen, 
abwegige  Anwendung,  die  infolgedessen  zu  falschen  Resultaten  führt, 
Ursächlichkeit  und  Voraus sagbar keit  sind  völlig  verschiedene  Dinga 


169 

Was  voraussagbar  ist,  muß  zwar  ursächlich  bedingt  sein, 
aber  dieser  Satz  ist  nicht  umkehrbar,  das  ursächlich  Bedingte 
muß  durchaus  nicht  voraussagbar  sein.  Das  wird  durch  jede 
Überraschung  und  jedes  unerwartete  Vorkommnis  bewiesen.  Die 
Voraussage  hat  die  Kenntnis  des  Kausalnexus  im  gegebenen  Falle 
zur  Voraussetzung,  nicht  nur  den  Kausalnexus  selbst. 

Den  Versuchen  Sartre s  und  andere  Existenzphilosophen 
zu  Gunsten  eines  weitgehenden  Indeterminismus  muß  dennoch  ein 

VB 

ungemein  verdienstvolles  Ziel  zarkannt  werden.  Der  Begriff 
der  Freiheit  mit  allen  seinen  positiven  Auswirkungen,  den 
psychologischen  und  den  noch  konkreteren,  soll  gefördert  werden, 
Mensch  und  Gesellschaft  sollen  von  lähmendem  Fatalismus  in 
allen  seinen  Formen  befreit  sein,  schöpferische  Kräfte  sollen 
wachsen  können.  Im  Zusammenhang  damit  soll  eine  tiefere  Beziehung 
zwischen  den  Menschen  rekonstruiert  werden,  wie  auch  der  Begriff 
des  Menschenrechtes  Vertiefung  erfährt»  Ferner  muß  den  Existen- 
tialisten  zugutegehalten  werden,  daß  ein  gewisser  Verzicht  auf 
Systematik  mit  gelegentlichen  Ausflügen  ins  Literarische  eine 
gesunde  Reaktion  gsgxH  auf  formalistische  Erstarrung  war. 
Sartre  und  der  Existentialismus  haben  den  Stil  des  Gedankens 
und  des  Wortes  n«Klr  verlebendigt.  Dank  ihnen  haben  Viele  sich 
von  dem  Vorurteil  befreit,  Trockenheit  sei  an  sich  ein  Vorzug« 
Den  so  schwer  verdaulichen  Stil  Kants  zu  imitieren,  ist  gewiß  ±k 
leicht,  aber  keine  derartige  Nachahmung  ist  in  irgend  einer 
Hinsicht  bedeutend« 

Die  Verdienste  der  Existent ialisten  anzuerkennen,  heißt  ggfcü 
natürlich  nicht,  auch  ihrer  Argumentation  en  bloc  zuzustimmen. 
Die  Erkenntnis  der  Kausalität,  die  durch  die  Arbeit  der  Natur- 
wissenschaft des  19. Jahrhunderts  bis  zu  einer  gewissen  Lücken- 
losmgkeit  gediehen  war,  muß  in  Geltung  bleiben,  bzhw.  aufs 
neue  in  ihre  Rechte  eingesetzte  werden,  solange  wir  sie  nicht 
durch  eine  evidentere  Deutung  unserer  Erfahrung  ersetzen  können. 

Doch  auch  mit  der  notwendigen  theoretischen  Rückkehr  zum 
Determinismus  ist  es  nicht  getan  und  er  kann  nicbt  das  letzte 
Wort  sein,  denn  es  gibt  noch  eine  Frage  von  höchster  Bedeutung, 
die  er  allein  nicht  lösen  kann.  So  kommen  wir  auf  die  eingangs 
(S.     )  aufgezeigte  Seite  des  Problems  zurück.  Es  ist  eine  sinn- 
fällige und  mit  keinem  Scharfsinn  bestreitbare  Schwäche  des 
Determinismus,  daß  er  mit  dem  Prinzip  der  Verantwortung  schlecht 
zusammengeht.  Jede  konsequente  Negation  der  Willensfreiheit 


170 

zwingt  mit  unweigerlicher  Notwendigkeit  zum  Ausschluß  von 
Lohn  und  Strafe,  Wer  nicht  frei  wählen  und  entscheiden  kann, 
wer  es  nur  scheinbar  frei  tut,  aber  in  einer  weniger  sicht- 
baren oder  unsichtbaren  Wirklichkeit  dem  unentrinnbaren  Zwang 
der  Ursächlichkeit  unterworfen  ist,  von  der  seine  ihm  als 
Willensakte  zu  Bewußtsein  kommenden  Funktionen  einen  Teil 
bilden  wie  alle  andern  Vorgänge  im  Universum,  verdient  für 
sein  Tun  nicht  Verherrlichung  noch  Verurteilung,  nicht  Lohn 
noch  Strafe.  Zu  dieser  immer  wieder  erschreckenden  Schlußfol- 
gerung gelangen  wir  ungachtet  der  vorausgegangenen  theoreti- 
schen Erwägungen  und  in  gewissem  Grade  durch  sie.  Die  Folgerung 
muß  uns  erschrecken,  weil  sie,  jedenfalls  in  dieser  Fassung, 
u.a.  die  Abschaffung  jeglicher  Justiz  erfordert.  Bekanntlich  ist 
eine  solche  Maßnahme  bisher  von  keiner  noch  &E  so  revolutio- 
nären Gesellschaft  durchgeführt  oder  auch  nur  geplant  worden, 
abgesehen  von  den  vorderhand  verfrühten,  auf  psychopatholo- 
gischen  Forschungen  beruhenden  Hypothesen,  die  alle  antiso- 
zielen  Handlungen  für  pathogen- Erklären  und  das  Strafgericht 
durch  verbesserte  und  verallgemeinerte  Therapien  ersetzen 
wollen.  Für  den  Fall,  daß  die  Menschheit  dem  nuklearen  Untergang 
und  den  andern  drohenden  Katastrophen  entgehen  sollte,  werden 
die  vorhandenen  Heilungs-  und  Erziehungsmethoden  voraussicht- 
lich manche  Vervollkommnung  erfahren,  und  es  ist  nicht  einzusehen, ] 
warum  unter  der  Voraussetzung  allgemeinen  neiien  Aufstiegs  oder 
doch  einer  erträglichen  Gesamtlage  nicht  konduktiv  zweckmäßige, 
wenn  auch  radikale  Neuerungen  erfunden  und  durchgeführt  werden 
sollten.  Doch  haben  wir  zunächst  mit  der  Realität  von  heute 
und  morgen  zu  rechnen  und  müssen  das  Strafgesetz  deshalb  gsEBBCHan 
permanent  reformieren,  doch  im  Prinzip  daran  festhalten.  Die 
Reform  in  Permanenz  muß  nicht  allein  ein  qualitativer,  sondern 
auch  ein  quantitativer  Prozeß  sein:  Je  mehr  Boden  Erziehung 
und;  Heilung  gewinnen,  desto  mehr  muß  die  Justiz  an  Boden  ver- 
lieren; sobald  Erziehung  und  Heilung  neue  Anwendbarkeit  erweisen, 
hat  döe  Anwendung  des  Strafgestzes  auf  eben  diesem  Gebiete 
aufzuhören. 

So  bleibt  das  Strafrecht  an  die  grundsätzliche  Voraussetzung 
der  Willensfreiheit  geknüpft,  ohne  die  es  auch  nicht  zeitweilig 
bestehen  kann. In  ihrer  Komplexität  wird  der  Willensfreiheit 
ein  entscheidend  wichtiger  Platz  im  Leben  gewahrt,  als  soziales 
Erfordernis,  als  gesellschaf tserhaltendes  Prinzip;  während  die 


171 

Erkenntnis  und  die  Anerkennung  ihrer  Relativität  ihre 
Anwendbarkeit  sichert:  Die  Unfreiheit  des  Willens  muß  in 
allen  drastisch  deutlichen  Fällen  gelten  und  selbst  in  Grenz- 
fällen Strafbarkeit  ausschließen,  vorderhand  auch  überall,  wo 
Erziehung  und  Heilung  in  der  Tat  noch  ohnmächtig  sind.  Praktisch 
wird  die  Freiheit  des  Willens  somit  zur  Arbeitshypothese, 
und  als  solche  unentbehrlich.  Sowohl  der  Theorie  des  unter- 
suchten Begriffes  als  auch  der  Praxis  wird  durch  dessen  Doppel- 
funktion als  komplexe  Erkenntnis  und  einfache  Arbeitshypothese 
Autonomie  gewährleistet  und  gegenseitige  Störungen  wie  die 
Notwendigkeit  von  Kompromissen  sind  aufgehoben»  4-2) 

4-2)  Analoges  geschieht  de  facto  auf  vielen  Gebieten«  Was 
z.B.  die  thermische  Energie  sei,  ist  eine  Präge,  die  auf 
Erzeugung,  Erhaltung,  Regulierung  und  Verwertung  von  Wärme 
keinen  Einfluß  ausübt.  Selbst  wenn  klar  werden  sollte, 
daß  es  eine  solche  Energie  nicht  gibt,  müßte  die  Wärmetech- 
nik in  ihrer  Arbeit  ungestört  fortfahren. 

Es  bedarf  wohl  nicht  besonderer  Hervorhebung,  daß  der 
hier  dargestellte  Willensbegrif f  in  einer  Hinsicht  dem 
Schopenhauers  nahe  ist,  u.zw.  in  der  Kritik  des  als 
Willensfreiheit  Erscheinenden;  doch  ohne  Übereinstimmung 
in  metaphysischen  und  andern  Voraussetzungen  und  Polgerungen. 

tfoer  das  Verhalten  der  Philosophie 

Erinnern  wir  uns  nun  an  das  erwähnte  und  ziemlich 

allgemein  anerkannte  Prinzip,  daß  Philosophie  einen  Sinn  haben 

muß. 

Von  altersher  wurden  die  großen  und  kleinen  Gebilde  und 
Stoffe  sowie  die  Organismen  einschließlich  des  Menschen  beob- 
achtet. Seit  dem  Altertum  war  aber  die  Beobachtung  ihres  Verhalt 
tens  an  sich  fast  irrelevant.  Es  kam  auf  die  Polgerungen  an,  auf 
die  Gebäude,  die  über  diesen  Fundamenten  errichtet  wurden. 
Die  Bedeutung  der  Beobachtung  ist  der  Rolle  der  Rohstoffe  in  der 
Industrie  vergleichbar.  Sie  sind  die  Vorbedingung  für  alles 
und  als  solche  von  höchster  Wichtigkeit;  an  sich  aber  sind 
sie  nichts.  Dieses  Nichts  ist  in  der  Ge^hwart  sehr  anspruchs- 
voll geworden.  Der  stummen  Rolle  des  Materiallieferanten 
überdrüssig,  gibt  es  sich  als  Philosophie  aus,  nennt  sich 
Behaviourism  und  füllt  seine  Leere  mit  geschickt  gemachter 
latein-griechischer  Terminologie.  Es  ist  die  Munition  für  eine 
noch  nicht  beendete  Offensive,  in  der  es  ums  Ganze  geht.  Immer 
gab  es  verschiedene  Wege  und  iimaer  ging  man  auf  ihnen  zu  einem 
Ziel.  Für  alles,  was  sich  jemals  Philosophie  nannte,  war  die 


172 

Erkenntnis  des  Wesens,  oder  zumindest  die  des  Wesentlichen, 
das  Ziel,  Das  Wesen  oder  das  Wesentliche  läßt  man  nun  links 
liegen  und  lächelt  nicht  einmal  über  so  etwas  verschrobenes. 
In  der  Psychologie  wie  in  der  Physik  und  Chemie  studiert  man  das 
Verhalten  der  Objekte,  wodurch  man  sich  um  die  Erweiterung  der 
geistigen  Rohstoff lager  unbestreitbare  Verdienste  erwirbt; 
während  die  Frage,  was  die  Objekte  seien,  und  gar  die,  ob 
sie  seien,  als  unzulässig  gilt.  Man  nennt  solche  Problem- 
stellungen Metaphysik  und  spricht  dieses  Wort  aus  wie  die 
Bezeichnung  für  eine  nicht  zimmerreine  Handlung,  Viele  Andere, 
die  sich  gar  nicht  Behaviouristen  nennen,  halten  es  zur  Vor- 
sicht ebenso.  Der  Begriff  des  Beweises  wird  ohne  Scheu  vor 
Absurdität  derart  entstellt,  daß  ein  Beweis  kaum  noch  möglich 
ist.  Daß  ein  von  einem  brennenden  Zündholz  berührter  Haufe 
trockenen  Strohs  ebenfalls  brennt,  ist  für  diese  Schule  kein 
Beweis  einer  Kausalbe Ziehung  zwischen  den  beiden  Erscheinungen, 
auch  die  beliebige  Wiederholbarkeit  des  Experiments  ist  es  nicht 
Man  erklärt  es  einfach  für  unerwiesen, <iaß  die  Polge  nicht  auch 
ausbleiben  konnte. 

Der  völlig  willkürlichen  Simplif ikation  setzt  die  Realität 
selbst  gewisse  Grenzen,  Da  man  den  asketischen  Beschluß,  sich 
rein  deskriptiv  zu  verhalten,  nicht  durchführen  kann,  ohne  auch 
solche  Vorgänge  aufzunehmen,  die  das  Kausalprinzip  direkt  demon- 
strieren, wie  Aktionen  mit  den  ihnen  unmittelbar  folgenden  Re- 
aktionen, sieht  man  sich  genötigt,  das  Zugeständnis  der  Ursäch- 
lichkeit hinter  einer  sehr  mathematisch-naturwissenschaftlichen 
Terminologie  zu  tarnen.  Die  Ursache  heißt  von  nuna:  an  S, Stimulus, 
die  Polge  R,  response.  R  und  S  zu  definieren,  oder  zu  erklären, 
inwiefern  sie  sich  von  aller  abgetanen  Etiologie  unterscheiden, 
kann  man  sowieso  ruhig  ablehnen,  denn  das  zu  untersuchen  wäre 
ja  Metaphysik.  So  verliert  man  sich  prinzipiell  an  Einzelheiten 
und  verurteilt  sie  alle  zur  Sinnlosigkeit. 

Nicht  so  der  Atomismus,  dessen  kleine  Welt  sehr  groß  ist. 
Zwar  ist  es  möglich,  daß  die  technologischen  Konsequenzen  zur 
Zerstörung  des  Lebens  auf  unserem  Planeten  führen  werden,  da  sie 
wenigen  oder  gar  Einem    eine  Macht  geben  wie  sie  Sterbliche 
nie  hatten.  Der  schlimmste  Angsttraum  unseres  Jahrhunderts 
darf  aber  nicht  den  Maßstab  für  die  Bewertung  von  Forschungen 
bilden,  die  um  der  Erkenntnis  willen  seit  der  griechischen 
Antike  bis  in  die  Gegenwart  unternommen  wurden.  Was  einem  Demo- 


173 

kritos  vorschwebte  und  woran  noch  früher  Parmenides 
arbeitete,  war  die  Ergründung  des  Wesens  der  Materie,  und 
von  da  aus  hofften  sie  und  ihre  Nachfolger  zu  Lösungen  aller 
Rätsel  zu  gelangen.  Ist  es  nicht  das  Streben  nach  dem  Ganzen, 
durch  das  wir  unsern  Sinn  erfüllen? 

Es  ist  nicht  das  Ganze,  aber  es  sind  immerhin  Ganzheiten 
und  somit  Brücken  zum  Ganzen,  die  durch  die  Gestalttheorie 
jenem  den  Verfall  der  Begriffe  einleitenden  Verhalten  ent- 
wunden und  wiederhergestellt  werden.  8fir  mußten  es  endlich 
erfahren,  daß  ein  Brief  mehr  ist  als  ein  mit  Buchstaben  be- 
kritzeltes Stück  Papier  und  ein  Mensch  mehr  als  eine  Anzahl 
von  Singeweiden  mit  Zubehör  samt  ihren  einzelnen  Punktionen. 
Man  wagt  also  wieder  an  das  Wesen  der  Dinge  zu  denken,  und 
das  ist  wesentlich. 

Versuch  über  Beziehung 

In  der  folgenden  Skizze    sei  eine  Qualität  oder  Wesen- 
heit behandelt,  die,  bisher  zu  wenig  beachtet,  unserer  Daseins- 
deutung eine  Möglichkeit  erschließt. 

Die  vielen  Doppelsterne,  die  Sterngruppen,  die  Milchstraßen 
und  die  ihnen  noch  übergeordneten  Gruppierungen  von  Himmels- 
körpern, aber  auch  die  Planeten  unseres  Sofiensystems  und  ihre 
Satelliten,  sowie  die  der  andern  Gestirne,  und  schließlich 
die  Bauteile  der  Atome  kreisen  in  Bahnen,  die,  wie  wir  auf 
Grund  von  Beobachtung  und  Vergleich  annehmen,  von  den  selben 
Kräften  bestimmt  sind,  die  wir  aus  unserem  Alltag  kennen  oder  zu 
kennen  glauben.  Als  sicher  kann  gelten,  daß  zwischen  allen 
jenen  Einheiten  Beziehungen  bestehen  und  daß  sie  ohne  diese 
Beziehungen  nicht  denkbar  sind,  daß  also  Beziehung  einen  integra- 
len Teil  ihrer  Natur  oder  gar  ihr  eigentliches  Wesen  bildet. 
Auch  in  unserer  Lebenssphäre  beobachten  wir  zahllose  Objekte, 
bzhw.  Subjekte,  die  durch  Beziehungen  definiert  sind.  Kein 
Kind  kann  ein  Kind  sein  ohne  Eltern  zu  haben  oder  gehabt  zu 
haben,  die  Zeugung  kann  nur  durch  Zwei  erfolgen,  ein  Arzt 
setzt  Kranke  voraus,  und  auch  Haß  und  Feindschaft  kommen  ohne 
den  Hasser  und  den  Gehaßten  nicht  zustande.  Zur  Vervollstän- 
digung dieser  Beispiele  müßten  wir  geradezu  unsere  gesamte 
Erfahrung  heranziehen.  Darüber  hinaus  gibt  es  auch  solche 
Beziehungen,  die  nicht  in  einem  so  einfachen  Sinne  eine  direkte 
Resultante  zweier  Komponenten  sind. Heimattreue  z.B.  ergibt  sich 


174 

nicht  allein  aus  einem  Land  und  einer  in  ihm  geborenen  Person, 
da  Andere,  die  im  selben  Land  geboren  sost  wurden,  diesem  nicht 
treu  sind.  Dritte  Faktoren,  wie  der  Charakter  oder  die  Er- 
ziehung, waren  für  das  Zustandekommen  oder  die  Au1t?echfcea?hal- 
tung  einer  solchen  Beziehung  bestimmend.  Solche  dritte  Faktoren 
bestimmen  den  Grad  der  Beziehung  oder  ihre  Intensität.  In 
gewissen  Kategorien  psychologisch  qualifizierbarer  Beziehungen 
füllen  diese  das  Subjekt  so  restlos  aus,  als  bestünde  es  ganz 
aus  dieser  Beziehung  und  hätte  keine  Existenz  außerhalb  ihrer. 
Wie  etwa  ein  Soldat,  der  ganz  aus  soldatischen  Tugenden  zu 
bestehen  und  keinerlei  andere  Wünsche  zu  haben  scheint; 
oder  der  sexuell  Hörige,  der  alles  leichter  opfern  könnte  als 
seine  Ansprüche  an  de)i  Person,  von  der  er  abhängt.  Hierher 
gehören  auch  Erscheinungen  der  Tierpsychologie  wie  die  der 
Anhänglichkeit  des  Hundes. 

Die  mathematischen  Operationen  beruhen  ebenfalls  auf 
Beziehungen  oder  reflektieren  solche.  Die  Musik  macht  uns 
die  Bedeutung  der  Beziehung  erst  völlig  klar,  wenn  wir  die  kh 
Charakterlosigkeit  eines  einzelnen  Tones  mit  seiner  aktiven  und 
passiven,  durch  Gegenseitigkeit  bestimmten  Rolle  in  der  Melodie 
und  in  der  Polyphonie  vergleichen.  Der  naive  Betrachter  von 
Gemälden  und  anderen  farbigen  Gebilden  hat,  wie  die  meisten 
der  heutigen  Maler,  kaum  eine  Vorstellung  von  der  Unwesentlich- 
keit und  Bedeutungslosigkeit  einer  einzelnen  und  isolierten  üfa wia 
Parbe,  weil  er  nicht  beachtet,  daß  sie  als  wirkende  Kraft  erst 
durch  die  Wechselwirkung  mit  andern  Farben  entsteht,  daß  also 
die  Parben  an  sich  leblos  und  sinnlos  sind,  jedoch  einander 
Leben  und  Sinn  geben. 

Beachten  wir,  daß  für  die  Parben  nicht  nur  ihre  gegen- 
seitigen Beziehungen  entscheidend  sind,  sondern  auch  die  zu 
andern  Elementen,  wie  etwa  zum  Objekt.  Daraus  ergibt  sich 
der  Unterschied  zwischen  einem  grünen  Peld  und  einem  grünen 
Gesicht  oder  der  zwischen  gelben  Blumen  und  einem  gelben 
Himmel.  Ähnliche  Gesetze  gelten  für  die  Beziehung  zwischen 
einer  Melodie  und  der  Begleitmusik  oder  für  die  fugale  Beziehung 
zwischen  zwei  Melodien.  Ein  analoger  Unterschied  ergibt  sich 
aus  einer  Melodie,  die  in  einem  Rhythmus  fröhlich,  in  einem 
andern  elegisch  wird« 

Jede  entwickelte  Sprache  hat  ein  reiches  Vocabulaire 
zur  Bezeichnung  von  Beziehungen,  reicher  als  die  Arbeit, 


175 

welche  die  Logik  und  die  Metaphysik  an  ihnen  bisher  geleistet 
haben.  Sie  erfordern  aber  nicht  nur  qualitative  Analyse  und  S± 
Klassifizierung,  sondern  bilden  auch  quantitative  Probleme.  In 
welchem  Maße  sind  z.B.  Liebende  mit  der  Liebesbeziehung  iden- 
tisch, durch  sie  definiert,  und  in  welchem  Maße  ist  jedem 
von  Beiden  extrarelationale  Existenz  gewahrt?  Dafür  ließen  sich 
wahrscheinlich  Prozentzahlen  finden,  und  solche  wären,  in  die 
Psychologie  eingeführt,  voraussichtlich  nicht  wertlos.  So  könn- 
ten auch  andere  emotionale  Bindungen  nach  entsprechenden  Vor- 
arbeiten mathematisch  definiert  werden.  Um  die  Bedeutung  eines  x 
solchen  neuen  Arbeitsfeldes  zu  ermessen,  brauchen  wir  uns  nur 
an  die  früher  erörterte  praktische  Seit  des  Problems  der  Willens- 
freiheit zu  erinnern.  Die  Errechnung  des  Prozentsatzes  der 
Unfreiheit  würde  der  forensischen  Praxis  ermöglichen,  die  noch 
vage,  der  Realität  kaum  jemals  entsprechende  Alternative  von 
frei  oder  unfrei  durch  eine  gewisse  Präzision  zu  ersetzen. 

Der  prozentuelle  Anteil  einer  Beziehung  an  ihren  Kompo- 
nenten ist  eine  variable  Größe,  wofern  es  um  psychologische  äbsag 
Prägen  geht.  Eine  gev/isseVariaüüfcät  besteht  aber  selbst  in  der 
Astronomie,  denn  nur  so  werden  kosmische  Katastrophen  erklär- 
lich. Katastrophale  ksmische  Kettenreaktionen  wären  ein  Ein- 
bruch der  Variabilität  in  die  Konstanz  einer  Gruppe,  oder 
eines  relationalen  Systems. 

Die  Bedeutung  der  Beziehung  für  den  Makrokosmos,  die  uns 
schon  durch  die  Gravitation  genügend  anschaulich  wird,  trägt  zu 
der  Vorstellung  von  Weisen  und  Astronomen  bei,  daß  alle  Welt- 
körper einmal  eine  einzige  Masse  gewesen  seien.  Obzwar  eine  Tat« 
sache  erwähnt  werden  muß,  die  in  der  Präge  einer  objektiven 
Berchtigung  dieser  kosmogenetischen  Annahme  nicht  übersehen 
werden  kann,  u.zw.  die  Gleichheit  der  physikalischen  Struktur 
jeder  uns  bekannten  Materie  und  sogar  die  Identität  der  spek- 
tralanalytisch zugänglichen  Elemente  des  Universums,  bleibe 
dieses  Problem  selbst  hier  unberührt;  nur  eine  auffallende 
Analogie  der  Denkungsweise ,  bzhw.  Phantasie  sei  in  Erinnerung 
gebracht,  die  auch  für  das  menschliche  Leben  die  Beziehung 
einem  ursprünglichen  Einssein  zuschreibt.  Die  Alten  hielten 
die  Liebe  für  eine  Sehnsucht  der  Zweiheit  nach  dem  Urzustand 
des  Einsseins.  Wenn  wir  solche  Legenden  nicht  als  vorwissenssk 
schaftlichen  Versuch  zur  Rekonstruktion  der  Entstehung  werten, 
sondern  als  mythologischen  Ausdruck  für  die  metaphysische 


176 


Einschätzung  der  Beziehung,  nötigt  uns  die  Intuition  der 
frühen  Menschheit  wieder  Bewunderung  ab. 

Sowohl  auf  den  animalischen  Vorstufen  der  Entwicklung  eines 
Bewußtseins  als  auch  in  den  tfrühstadien  des  menschlichen  Klein- 
kindes wird  ja  deutlich  genug,  daß  die  Beziehung  zum  Andern 
dem  Bewußtsein  der  eigenen  Existenz  vorausgeht (vgl.  S.  )• 

So  ist  es  die  Beziehung,  die  im  kosmischen  Geschehen, 
im  Kräftespiel  der  irdischen  Hatur  und  im  Leben  der  Menschen 
zu  einem  großen  Teil  Wesen,  bzhw,  Realität  verleiht  oder 
gegebenenfalls  entzieht.  Da  wir  zwischen  Sein  und  Beziehung 
unterscheiden  können,  ist  sie  nicht  selbst  das  Sein,  doch 
ist  sie  zwischen  dessen  Einheiten  und  wird  in  ihnen  manifest. 

In  den  Kirchen  etwas  weiter  unten 

Die  früher  erörterte  zögernde  und  doch  revolutionäre  SsHSgs 


Froblematikern  und  Denkern  großen  .Formats  eingeleitet  und  vom 
Verlangen  nach  Wahrheit  und  Leben  getragen,  weiter  geht  als 
jemals  eine  Reformation  es  konnte,  löste  bisher  weit  schwä- 
chere Reaktionen  konservativer  Tendenzen  aus  als  zu  erwarten  war 
war.  Solche  sind  wahrscheinlich  unterwegs  und  werden  eintreten, 
wenn  die  Bedingungen  sich  zu  Gunsten  der  Konservativen  ändern 
sollten.  Hingegen  kam  es  fast  gleichzeitig  in  den  geistigen 
Unterschichten  der  Kirchen  zu  einer  entsprechenden  Bewegung,  die, 
den  Schwächen  der  Kirchen  von  heute  entsprungen,  diese  infolge 
falscher  Berechnung  und  einer  Reihe  von  Mißverständnissen, 
privaten  Interessen  und  persönlichen  Entgleisungen  noch 
viel  mehr  schwächt. 

Als  die  kleineren  und  weniger  selbständigen  Köpfe  im 
Laufe  der  letzten  Jahre  es  im_üer  deutlicher  erfahren  mußten, 
daß  die  Anziehungskraft  der  Routine,  der  Routine  des  Glaubens  he 


der  des  Zeremoniells,  in  unaufhaltsamem  Abnehmen  war  und  die 
alterprobten  Injektionen  erfolglos  blieben,  sahen  sie  sich  eine 
Weile  den  ansteigenden  Kräften  des  Freidenkertums  und  der 
Apostasie  hilflos  gegenüber.  In  den  Büchern  der  großen  Köpfe  £as 
fanden  sie  zugleich  Revisionsbereitschaft  um  jeden  Preis  und 
jene  Rücksichtslosigkeit,  die  starken  Gharaktern  immer  dann  s±gs 
eigen  ist,  wenn  es  um  die  wichtigsten  Entscheidungen  geht.  Statt 
also  die  aussichtslose  Sache  des  alten  Glaubens  bis  zum  letzten 
Mann  zu  verteidigen,  entschlossen  sich  manche  der  Schwankenden, 


Bewegung  in  der  geistigen  Oberschicht  von 


von 


177 

zu  den  Angreifern  überzugehen  und  den  Glauben  womöglich  noch 
erbarmungsloser  zu  schlagen.  Die  meisten  tun  das  injder  Hoff- 
nung, den  Rahmen,  die  kirchliche  Organisation  als  solche, 
erhalten  zu  können,  als  ob  vom  leeren  Rahmen  die  Wunder  zu 
erwarten  wären,  die  das  Gnadenbild  nicht  vollbrachte. 

Sie  und  auch  diejenigen,  die  vor  der  äußersten  Konsequenz 
der  Liquidierung  des  Glaubens  noch  innehalten,  um  alle  möglichen 
Folgen  nochmals  zu  erwägen  und  in  vielen  Beratungen  misi  in 
Betracht  zji  ziehen,  was  Andere  tun  ,  wollen  auf  alle  Fälle 
anderen  Inhalt  herbeischaffen,  um  die  Gemeinde,  die  schließlich 
immer  noch  zahlt  und  nach  irgend  einer  Anleitung  und  Betreuung 
verlangt,  zusammenzuhalten;  sie  wissen,  daß  sie  ihr  irgend 
etwas  bieten  müssen.  Diese  Priester  wollen  ihre  Position 
wechseln,  der  neuen  Lage  anpassen,  aber  keinesfalls  aufgeben. 
Da  das  Ganze  in  Frage  steht  und  inf oledessen  die  Besoderhei- 
ten  der  einzelnen  Kirchen  um  so  viel  weniger  belangvoll  gewor- 
den sind,  sucht  man  zunächst  deren  Anziehungskraft  durch 
betonte  Steigerung  des  persönlicten  Magnetismus  zu  ersetzen. 
Das  allein  genügt  aber  nicht«  Man  sieht  sich  also  in  einiger 
Hast  nach  neuen  Punktionen  um.  Man  will  anerkannt  bleiben, 
Achtung  und  Dank  ernten.  Das  Ziel  ist  jetzt,  sich  nützlich 
zu  machen. 

Man  versucht  es  mit  neuen  Diensten  und  Hilfeleistungen, 
um  die  niemand  ersucht  hat,  um  zuerst  die  ausgetretenen  Pfade 
der  psychologischen  Intervention  aufs  neue  und  womöglich  in 
neuem  Stil  zu  benützen.  Einzelne  Geistliche  hypnotisieren, 
andere  lehren  Kollegen  das  frisch  Erlernte.  Manche  demonstrie- 
ren einen  Zusammenhang  mit  ihrem  Beruf,  und  sozusagen  eine 
Art  Kompetenz,  indem  sie  die  Leute  nicht  auf  glänzende  Knöpfe 
starren  lassen,  sondern  in  die  Augen  eines  Christusbildes. 
Sie  fragen  nicht  viel,  ob  es  gesetzlich  sei,  denn  sie  wissen, 
daß  mah  ihrem  Stand  gegenüber,  solange  es  noch  irgend  geht, 
eher  beide  Augen  zudrückt.  Sie  fragen  nicht  einmal,  ob  nicht 
gerade  dieser  krasseDilettantismus  ihre  gesamte  Vertrauenswür- 
digkeit in  Frage  stellt.  Andere  versuchen  es  mit  Wunderkuren, 
Die  unter  günstigen  psychologischen  Voraussetzungen  auch 
gelingen,  wobei  ja  dem  Gesundbeten  u.dgl.  durch  die  enge 
Verbindung  mit  dem  Glauben  das  Vertrauen  gesichert  ist. 
Doch  dazu  sind  nicht  Viele  unternehmungslustig  und  wagemutig 
genug,  und  es  würde,  wenn  von  zu  Vielen  praktiziert,  den 


178 

Reiz  der  Besonderheit  verlieren  und  nicht  mehr  wirken. 

Es  gibt  aber  ein  Gebiet  von  allgemeinstem  Interesse, 
das  für  fast  unbegrenzt  viele  Ratgeber  Platz  hat.  Es  ist  das 
Geschlecht,  mit  seinen  vielen  Zusammenstößen  von  Lust  und 
Unlust,  mit  seinen  Genüssen  und  Nöten,  seinen  Anreizen  und 
Verboten,  Lockungen  und  Gefahren.  Mit  der  durchschnittlichen 
privaten  Erfahrung  und  einem  Minimum  an  wissenschaftlicher 
Kenntnis  kann  jeder  als  Fachmann  auftreten.  Er  kann  sogar  auf  £x 
Erfolg  hoffen,  denn  in  problematischen  sexuellen  Situationen 
sieht  zumeist  jeder  Unbeteiligte  klarer  als  der  Verstrickte. 
So  wird  er  die  Kompetenz,  die  er  nicht  besitzt,  oft  sozusagen 
unter  Beweis  stellen  können.  Wie  der  Psychologe  und  namentlich 
der  Psychoanalytiker,  wird  auch  er  unbegrenzte  Toleranz  zeigen 
müssen,  denn  nur  sie  bietet  volle  Gewähr  dafür,  daß  der  Ratsuefea. 
chende  sich  verstanden  fühlt,  was  ja  für  das  Vertrauen  die  wich* 
tigste  Bedingung  bildet.  Dem  Rat- "Suchenden"  kommt  man  auf 
halbem  Wege  entgegen  oder  man  findet  einen  Stil,  Hilfe  anzubie* 
ten,  wo  sie  nicht  erbeten  wurde. 

Sobald  die  Straße  der  uneingeschränkten  oder  wahllosen 

Toleranz  betreten  ist,  gerät  man  leicht  in  groteske  Übertreibung 

gen,  an  denen  sowohl  der  wachsende  Diensteifer  als  auch  die 

v/achsende  Konkurrenz  schuld  sein  mögen.  Ein  Geistlicher  brachte 

es  fertig,  den  Redakteur  eines  Magazins  für  erotische  Attraktion 

als  Moralisten  zu  feiern.  Doch  bald  war  er  übertroffen.  Kein 

vernünftiger  Mensch  verurteilt  heute  noch  die  Homosexuellen  4-3), 

4-3)  Wir  sprechen  jetzt  über  den  Westen.  Doch  kann  nicht  uner- 
wähnt bleiben,  daß  der  60jährige  Ahmed  el-Osamy  in  San'a,:™ 
der^  Hauptstadt  Yemens,  im  Jahre  1966  n.Chr.  wegen  Homosexua- 
lität vor  6000  Zuschauern  hingerichtet  wurde. 

Die  westlichen  Gesetzgebungen  haben  eine  umfassende  Revision 

erst  begonnen,  aber  die  Verfolgung  hat  praktisch  f st  schon 

aufgehört,  weil  jeder  weiß,  daß  es  eine  Krankheit  ist;  obzwar  nur 

wenige  dieser  Kranken  bereit  sind,  sich  heilen  zu  lassen.  Aber 

auch  da  führt  der  vi/unsch,  eine  noch  nie  dagewesene  Nützlichkeit 

und  einzigartige  Toleranz  an  den  Tag  zu  legen,  zu  derb  komischen 

Auswüchsen,  indem  ein  Pfarrer  homosexuellen  Paaren  kirchlichen 

Segen  als  Imitation  des  Ritus  der  Eheschließung  anbietet,  kag 

sein,  daß  auch  dieses  Angebot  die  nicht  vorhandene  Nachfrage 

noch  nervorrui'en  wird,  im  Hinblick  auf  mögliche  zivilrechtliche 

Konsequenzen,  wie  etwa  im  Erbrecht.  Das  analoge  Angebot  an  die 

Lesbierinnen  steht  noch  aus. 


179 

Nur  in  extremen  Fällen,  die  unliebsames  Aufsehen  hervorriefen, 
war  die  Einmischung  in  die  Einmischung  unumgänglich,  wie  etwa 
gegen  einen  Geistlichen,  der  Halbwüchsige  beiderlei^  Geschlechts 
in  seine  Kirche  lud  und  ihnen  in  einem  ihrer  Räume  Gelegenheit 
und  Anregung  bot. 

Mag  sein,  daß  ein  Rechenfehler  schon  hier  beginnt.  Wenn 
der  Washingtoner  Kaplan  Earl  H.  Brill  recht  hat,  ist  der  ganze 
Sex-Rummel  schon  im  Abflauen  und  zumindest  in  Nordamerika 
scheint  das  Riesengeschäft  schwächer  zu  werden.  So  wurden  also 
die  Priester,  die  sich  beeilt  haben,  in  diese  Firma  einzutreten, 
der  rapiden  Entwicklung  nachhinken  und  am  Ende  in  ein  schon 
absteigendes  Unternehmen  eingetreten  sein. 

Um  aber  einen  viel  größeren  Rechenfehler  zu  finden,  müssen 
wir  uns  vergegenwärtigen,  daß  in  den  Religionen,  zu  deren  weite* 
rer  Gruppe  das  Christentum  gehört,  der  Priester  seit  Menschen- 
gedenken einen  Gott  repräsentierte,  der  zuweilen  wohl  liebte, 
aber  doch  nie  aufhörte,  auch  die  befehlende,  mahnende,  warnende 
und  strafende  Macht  zu  sein.  Dem  Charakter  und  der  Stellung 
der  Kirche  entsprechend,  war  der  Priester  einmal  gefürchtet, 
und  in  der  Achtung,  die  er  auch  in  der  Zeit  der  geschrumpften 
Macht  der  Kirche  genießt,  ist  noch  ein  Eoiio  jener  Furcht.  Da 
diese  nur  noch  im  Unbewußten  nistet,  und  in  dem  der  Protestan- 
ten wohl  nicht  viel  weniger  als  in  dem  der  Katholiken,  sitzt 
sie  umso  tiefer.  Der  berufsmäßige  Diener  der  Gottheit  war  seit 
einer  langen  Kette  von  Generationen,  wahrscheinlich  seit  vor- 
geschichtlichen Epochen,  das  verkörperte  Uberich.  Bis  zur  Ref ora 
mation  war  im  Christentum,  wenn  wir  von  verketzerten  Gegenströ- 
mungen absehen,  die  Stellung  des  Überichs  zum  Geschlecht  deut- 
lich negativ,  nicht  um  vieles  weniger  als  im  Buddhismus.  Die 
Wendung  zu  relativer  Lebensbejahung  hob  das  psychologische 
Begleitmotiv  nicht  ganz  auf.  Die  menschlich  so  widerspruchsvolle 
Situation  von  heute  besteht  darin,  daß  der  Priester  selbst 
der  alten  Wirklichkeit  seiner  negativen  Autorität  die  neue  Wirki 
lichkeit  seiner  positiven  Autoritätslosigkeit  gegenüberstellt. 

Die  Vertreter  der  Kirche  wollen  sie,  oder  sich,  um  jeden 
Preis  den  Bedürfnissen  der  Gegenwart  anpassen,  aber  der  Preis 
könnte  zu  hoch  sein.  Die  vielen  Verwirrten,  deren  Glaube  ohne- 
dies erschüttert  ist,  und  schweren  Belastungsproben  nicht  mehr 
standhalten  kann,  sind  dem  Widerspruch  zwischen  den  beiden 
Wirklichkeiten  nicht  gewachsen  und  müssen  ihr  Heil  in  der  Flucht 


180 

suchen,  in  der  Flucht  vor  der  Kirche  und  ihren  Vertretern. 

Die  Flucht  hat  schon  begonnen  und  an  ihr  nehmen  immer 
mehr  Pastoren  teil.  Doctjhöchst  selten  ereignet  es  sich,  daß  s±ks. 
einer  auf  seine  Bezüge  verzichtet  und  aus  seiner  beschleunigten 
und  glücklich  "beendeten  Ablehnung  der  Religion  die  männliche 
Konsequenz  des  Austrittes  zieht.  Man  behält  einfach  den  schönen 
Posten  und  erklärt  frei  nach  Nietzsche,  Gott  sei  tot.  Si  duo 
faciunt  idem,  non  est  idem.  Für  das  kranke  Genie  war  das  Selbst- 
befreiung aus  einem  unerträglich  gewordenen  Zwangszustand. 
Die  moderne  Nachahmung  riecht  eher  nach  Vatermord  aus  schäbigen 
Motiven.  Das  allerdings  kann  kaum  noch  übertrof ien  werden, 
insbesondere  wenn  eine  solche  Proklamation  oder  die  Zustimmung 
zu  ihr  mit  unverhüllter  Erleichterung  oder  Genugtuung  erfolgt, 
nicht  etwa  im  Sinne  der  antiken  kultischen  Trauer  um  Thammuz- 
Adonis.  Die  neueste  Moral  gehört  nicht  zu  den« zeitgenössischen 
Erscheinungen,  für  die  in  der  Natur  Präzedenzen  zu  finden  sind. 
Gibt  es  etwa  einen  Hund,  der  den  sterbenden  oder  toten  Herrn 
beißen  oder  beschmutzen  würde? 

Ja,  a  propos  beschmutzen,  da  das  vielleicht  noch  nicht 
genügt  und  Jesus  in  den  Büchern  denkender  Freigeister  der 
Kirchen  gerade  als  Mensch,  als  leidender,  liebender,  hingebungs- 
voller und  sich  aufopfernder  Mensch  in  neuer  Heiligkeit  aufer- 
standen ist,  schreibt  man  auch  ein  Buch  mit  dem  speziellen 
Zweck  von  Verdächtigungen  und  Besudelungen.  Die  Beschmutzungs<©HS 
sucht  ist  leider  eine  der  Seuchen  unserer  Zeit,  die  an  beiden 
Hemisphären  frißt.  Stalin  ließ  seine  ihm  gefährlich  oder  auch 
nur  unbequem  gewordenen  Mitkämpfer  keineswegs  nur  als  gefallene 
Engel  anklagen  und  richten,  sondern  vor  ihrem  Ende  wurden  sie 
erst  tief  in  den  Kot  getaucht  oder  mußten  selbst  untertauchen 
und  gestehen,  daß  sie  immer  schon  faschistische  Spitzel  gewesen 
seien,  ^ad^^ler  maoistische  Neostalinismus  will  nicht  verstehen, 
wie  sehr  das  chinesische  Volk  sich  selbst  beleidigt,  indem  es  ä± 
die  gefeierten  Revolutionär^-iänd_^Führer  von  gestern  in  Pfützen  x 
zerrt  und  durch  ihre  erzwungenen  SerB^trbe^huldigungen  sich 
selbst  bezichtigt,  bisher  Lumpen  vertrauensvolT^ulid-JiB^eistert 
gefolgt  und  von  ihnen  durch  viele  Jahre  erzogen  worden  zus^i»») 
Daß  das  aber  nicht  nur  die  Übel  der  Diktaturen  sind,  zeigt  sich 
am  deutlichsten  in  den  berühmten  Demokratien  der  westlichen 
Halbkugel,  v/o  keiner  behaupten  kann,  unter  unwiderstehlicher 
Befehlsgewalt  und  aus  Furcht  zu  handeln.  Die  Fairness  der 


181 

Diskussion,  auf  die  der  Angelsachse  in  vielen  Generationen 
mit  Fug  und  Recht  stolz  war,  ist  in  rapidem  Verfall«  Da  fehlen 
der  Politik  und  dem  Journalismus  zwar  die  Machtmittel  der 
Diktaturen,  aber  mit  bona  f ides  und  prozeduraler  Sauberkeit 
steht  es  kaum  mehr  besser.  Die  Typen,  denen  ein  gelungener 
Angriff  intensive  Befriedigung  verschafft,  mehren  sich  und 
erfassen  neue  und  vorher  noch  unberührte  Gebiete  des  Lebens. 
Wenn  man  einem  Richter  üble  Manipulationen  nachweisen  kann, 
tut  man  es  nicht  in  Zerknirschung,  wie  noch  das  vorige  STahr- 
hundert,  das  dabei  ein  Empfinden  des  Verlustes  seiner  Lebens- 
grundlagen hatte;  sondern  gröhlende  Pöbeleien  der  modernen 
Kommunikation  machen  aus  der  machtberauschten  Befriedigung 
kein  Hehl,  Beide  Seiten  scheinen  den  Schmutz  in  vollen  Zügen 
zu  genießen,  die  beruflichen  Materiallief eranten  und  die 
belieferte  Konsumentenmasse .Was  Wunder,  daß  diese  interkonti- 
nentale Dekadenz  auch  in  Kirchen  einbricht.  Der  pathologische 
Unterton  weist  leider  auf  Fortsetzung  und  kommende  Erweiterung 
hin*  Doch  den  armen  Kirchen  werden  anderseits  pathogene  Motive 
als  mögliche  Milderungsgründe  immer  schwerer  erreichbar.  Im 
Wettkampf  der  Besudelungen  kam  ein  professioneller  Priester 
Christi  auf  den  Einfall,  Jesus  als  Playboy  zu  schildern  und 
ihn  "grauen  Asketen"  gegenüberzustellen.  Die  Krönung  dieser 
in  einem  hochspezialisierten  Magazin  erfolgten  Publikation 
besteht  in  Zitaten  aus  dem  Neuen  Testament,  die  beweisen  sollen, 
daß  Jesus  ein  bon  vivant  war.  Uga  *^Un  l^pb+jji  h»4,  J**  Jldluvt., ktf. 

Die  Phraseologie  des  Atheismus,  dessen  historische  Ver-  y 
dienstlichkeit  und  gegenwärtige  Achtbarkeit  nicht  feierlich 
genug  betont  werden  können,  wird  nach  und  nach  zum  bon  ton 
dieser  substanzlosen  Geistlichkeit.  Je  mehr  Kirchen  an  diesem  ms. 
umfassenden  Prozeß  teilnehmen,  desto  mehr  schwinden  die  Unter- 
schiede, sodaß  die  einzelnen  Kirchen  ihre  Ansprüche  auf  geson- 
derte Existenz  sowieso  verlieren.  Desto  näher  rückt  also  das 
von  führenden  Christen  proklamierte  Ideal  der  Vereinigung. 
Allerdings  mit  einem  negativen  Vorzeichen.  Denn  statt  der 
postulierten  Vereinigung  im  Glauben  vollzint  sich  eine  Vereini- 
gung der  Kirchen  im  Unglauben. 

Der  inneren  Zerrüttung  einzelner  Kirchen  und  des  ihnen 
Gemeinsamen  und  sie  Verbindenden  sind  viele  Angriffe  von  auJBen 
vorausgegangen  und  beSle^e^^e  i^h.  Die  scharfsinnigste  der 
mir  bekannten  neue st ea- Attacken^ist  The  Comf ortable  Pew  (Der 


182 

bequeme  Kirchensitz")  von  Pierre  Berton  44),  zu  dessen  Erfolg 

44)  McClelland  &  Stewart,  Toronto  1965 

eine  Welle  ziemlich  kraftloser  Gegenangriffe  nicht  wenig 
beigetragen  hat. 

So  wird  der  innere  Abfall  mit  seinem  starken  Widerhall 
ein  schwerlich  noch  korrigierbares  Zerrbild  des  Vorganges, 
der  sich  in  den  besten  Geistern  des  protestantischen  und 
des  anglikanischen  Christentums  abspielt,  eine  beklagens- 
werte Parodie  auf  das  Entstehen  und  Vergehen  von  Ideen. 

Daß  die  katholische  Kirche  nicht  erst  dank  dem  Ökumenismus 
auftaute  und  noch  oder  schon  um  die  Mitte  des  Jahrhunderts 
ein  intensives,  wenn  auch  nicht  allzu  manifestes  Geistesleben 
besaß,  und  nicht  ohne  Originalität  war,  bekundet  eine  Spitzen- 
leistung, "Le  phenomene  humain",  von  Pierre  Teilhard  de  6ühM tu 
Chardin  45);  da  umfaßt  ein  nicht  auffallend  modernisierter, 
aber  stark  persönlicher  Katholizismus  den  Mensc'ten  und  da® 
Universum  in  meisterhafter  Diktion  und  stellt  im  alten  Stil 
der  neute  wieder  erstarkenden  Forderung  nach  dem  Beweis  die 
Forderung  nach  Glauben  des  Unerwiesenen  und  Unbeweisbaren 
unbekümmert  gegenüber.  Wie  aber  steht  es  mit  dem  durchschnitt- 
lichen katholischen  Priester?  Mit  der  andern  Seite  verglichen, 
hat  er  es  in  seiner  nicht  mehr  starren  Kirche  scheinbar^  doch 
in  mancher  Beziehung  schwerer,  intakt  zu  bleiben  und  seine 
Erstgeburt  für  kein  Linsengericht  herzugeben. 

^Doch  hat  die  katholische  Kirche  mit  dem  Zeitgeist  andere 
Schwierigkeiten,  über  die  das  große  Publikum  wenig  erfährt. 
In  den  Vereinigten  Staaten"»  f ünf  Institute  zur  Behandlung 
trunksüchtiger  katholischer  Priester,  und  diese  fünf  gelten  als 
ungenügend.  Auch  in  Kanada  wird  demnächst  eins  eröffnet.  Nach 
Austin  Ripley,  der  eines  der  Institute  leitet,  und  den  Bau 
eines  ;ieuen  beendet  hat,  sind  4000  von  59*000  dieser  amerika- 
nische: l  Geistlichen  behandlungsbedürftige  Alkoholiker. 

Atich  wo  kein  Alkohol  im  Spiele  ist,  wo  es  ganz  im  Gegen- 
t o ilfl ^andenkenden Mensc hen, -go ht ,  dxe  im  Warnen  der  seelischen 

45)  1. Auf läge  Paris  1956 


133 

Gesundheit  sprechen,  steht  die  katholische  Kirche  zuweilen 
vor  ziemlich  präzedenzlosen  Situationen,  gerade  weil  sie  nicht 
mehr  die  konservativste  aller  Mächte  und  nicht  mehr  der  Inbegn 
griff  des  Absolutismus  ist.  In  einem  erschütternden  Artikel, 
den  der  Londoner  "Observer"  in  seiner  Neujahrsnummer  1967 
veröffentlichte,  schleuderte  ein  Theologieprofessor  vom 
Jesuitencollege  in  Heythrop  bei  Oxford  dem  Papst  und  der  Kirche 
Anklagen  ins  Gesicht,  die  ich  ihrer  Vehemenz  wegen  nur  kurz 
erwähne«  Er,  Charles  David,  fandst:  das  zögernde,  die  Entschei- 
dung hinausschiebende  Verhalten  des  Papstes  in  der  Präge  der 
Übervölkerung  unverzeihlich  und  die  Kirche  unmenschlich  und 
unempfindlich  gegen  die  Leiden  der  Menschen,  nicht  auf  die 
Lehre  des  Heilands,  sondern  auf  die  eigene  Machtstellung  1 
bedacht.  Die  Polle  der  Kirche  in  Nazideutschland  bildete  einen 
Hauptpunkt  der  leidenschaftlichen  Vorwürfe.  Prof.  David  ging 
nun  auch  gegen  fundamentale  Dogmen  vor  und  übernahm  die  psychoa» 
nalytische  Terminologie  ,  indem  er  die  Kirche  für  kollektiv 
neurotisch  erklärte,  üifie  schwer  das  Ringen  war,  durch  das  er 
sich  befreite,  zeigt  sein  jm^9mm/^mSSSSfS»m^Buch  "God's 
Grace  in  History"  46)  mit  seinem  noch  wohlverdienten  kirchli- 

46)  Sheed  &  Ward,  New  York  1967 
chen  Imprimatur.  So  ist  es  durchaus  menschlich,  daß  er  als 
ehrlicher  Renegat  von  der  Kirche  spricht  wie  befreite  Gefangene 
vom  Kerker.  Allerdings  hat  seine  Befreiung  ein  rein  persönliches' 
Motiv,  und  die ses^l&S4**So  achtbar  es  auch  sei,  seine  Argumenta-' 

.  ZA. 

tion  ehog  schwächen.  Er  hat  inzwischen  eine  katholische  Theologi 
giestudentin,  seine  Schülerin,  dio  mit  ihm  oinoo  Sinnes  icts 
geheiratet.  Nach  seinen  Worten  war  es  die  Liebe,  die  ihm  die  L 
Selbstbefreiung  ermöglichte.  Dieser  Zusammenstoß  awicchca  m 
Leben  und  Denken  eines  sicherlich  beachtenswerten  Menschen »*S/c 
waä  der  Problematik  der  Kirche  steht  gewiß  nicht  am  Ende,  son4EX 
dern  am  Anfang  einer  Serie.  Die  katholische  Kirche  hat  zwar  in 
bedeutender  Weise  begonnen,  sich  mit  dem  20. Jahrhundert  aus-  5 
einanderzusetzen,  aber  auch  das  20 . Jahrhundert  setzt  sich  mit 
ihr  au s e  inande r  Jn^s-.ia^^afe^&cheinl iehr^aß~"d-a^"Ergebni&-"-neeit 
-in  diesem  Jahrhundort  doutliclTwGraren"  ^ 

Die  Kirche,  die  sich  zur  Überraschung  Aller  neuerdings  mim 
Prinzip  der  Toleranz  bekennt,  wird  nicht  umhin  können,  einen 
Unterschied  zwischen  unedler  und  edler  Apostasie  anzuerkennen. 
Gewiß  ist  die  Zeit  gekommen,  von  der  Geschichte  zu  lernen. 


184 

Selbst  als  Luther  seine  Thesen  schon  veröffentlicht  hatte, 
hätte  ein  einigermaßen  einsichtiger  und  realistisch  denkender 
Vatikan  die  Situation  noch  retten  können;  aber  das  damalige 
Papsttum  bestätigte  de^.  monumentale  Anklage,  indem  es  sich 
zur  Selbstprüfung  und  zu  jeder  Revision  unfähig  erwies. 
Eine  Kirche,  die  eingesehen  hat,  daß  es  nicht  Starrheit  ist, 
die  ihr  über  eine  solche  Zeit  hinweghelfen  kann,  wird  in  jede131 
Einzelfalle  gründlich  erwägen  müssen,  ob  und  in  welchem  Maße 
eine  selbst  gegen  ihre  elementarenlnteressen  gerichtete  Kritik 
menschlich  verständlich  und  objektiv  berechtigt  ist;  und  als 
Schule  einer  eigenen  Diplomatie,  die  heute  die  Existenz  der 
Kirche  für  unbestimmbar  lange  Zeit  sichern  oder  alles  verlie- 
ren kann,  wird  sie  nicht  den  Fehler  begehen  dürfen,  durch  den 
andere  dächte  ihre  gesamte  Position  aufs  Spiel  setzen;  sie  wird 
begreifen  müssen,  daß  die  Psychologie  eine  der  stärksten 
Realitäten  ist. 

Es  gibt  noch  eine  Reihe  von  Problemen,  vor  denen  es  kein 
Ausweichen  gibt,  weil  fast  jedes  von  ihnen  und  alle  zusammen 
mit  aller  Deutlichkeit  zeigen,  daß  die  Fundamente  in  Bewegung 
geraten  sind  und  deshalb  durch  bloßes  Nichtwissenwollen  nicht 
zum  Stillstand  kommen  werden.  Mag  sein,  daß  diese  Generation, 
nicht  nur  im  Katholizismus,  zu  verstehen  beginnt,  freiwillig 
oder  unfreiwillig,  daß  bisher  unzugängliche,  hinter  Interessen 
und  Dogmen  verschanzte  Probleme  zugänglich  gemacht  und  mutig 
aufgerollt  werden  müssen;  und  daß  es  keine  neue  Festigkeit 
und  Lebensfähigkeit  geben  kann,  wenn  man  sich  nicht  ganz  bis 
an  die  Grundlagen  durcharbeitet.  Nur  so  kann  auch  die  Kirche 
hoffen,  aus  einem  der  Vergangenheit  angehörigen,  einzig  auf 
sie  gegründeten,  von  ihr  zehrenden  Organismus  zu  einer  vor- 
wärt sgerichteten,  von  der  Vision  einer  Zukunft  gelenisten 
Kraft  zu  werdendem  außenstehenden  Historiker  scheint  ein 
solcher  Prozeß  nur  dann  möglich,  wenn  das  Stehenbleiben  auf 
halbem  Wege  nicht  von  vornherein  diktiert  ist  uno^ie  Z***^ 
starre  Vorbedingung  für  jede  Reform  und  Revision  bildet.  Wie 
niemand  mehr  Inquisition  bei  elektrischer  Beleuchtung  mit 
Fortschritt  verwechseln  würde,  wäre  wohl  auch  von  einer  ganzen 
Serie  von  Halbheiten  nicht  viel  zu  erwarten.  Da  die  Kirche 
ihre  immer  noch  gigantische  ^acht  nicht  für  immer  ipso  facto 
auszuüben  hoffen  kann,  wird  sie  um  ihren  einzigartig  umfassen- 
den psychologischen  Einfluß  aufs  neue  kä#mpfen  müssen.  In 


185 

diesem  Kampfe  wird  sie  nur  dann  Erfolg  haben,  wenn  sie 
die  Massen  wird  überzeugen  können,  daß  nicht  ihre  Interessen 
ihre  treibenden  Kräfte  sind  und  daß  es  ihr  um  das  Wohl  und  Wehe 
der  Menschen  geht.  Dafür  aber  fordert  die  Zeit  von  der  Kirche 
Beweise,  und  zu  solchen  hat  sie  ihr  auch  reichlich  Gelegen- 
heit geboten,  wie  wir  z.B.  angesichts  der  drohenden  Bevöl-  k 
kerungsexplosion  sehen  konnten.  Auch  was  die  katholische  3 
Kirche  und  andere  Kirchen  unternommen  haben  und  was  insbesondere 
der  Papst  versucht  hat,  um  dem  Blutbad  in  Vietnam  ein  Ende 
zu  machen  und  es  nicht  zur  Einleitung  des  allgemeinen  Endes  1 
werden  zu  lassen,  ist  jedoch  nicht  stark  genug,  nicht  mutig  j 
genug,  nicht  radikal  genug,  um  aller  Welt  warme,  opferbereite  äe 
Herzen  zu  zeigen  und  blinden  Egoismus  und  Machtwahn  zu  bezwin- 
gen. Wer  überlegene  Intelligenz  und  überlegene  Macht  entschlos-  : 
sen  in  den  Dienst  des  Fortbestandes  stellen  wird,  wird  auch  um 
den  eigenen  Fortbestand  nicht  zu  sorgen  haben.  ; 

Es  ist  schließlich  bemerkenswert,  daß  der  Anteil  der  Juden  s 
am  Freidenkertum  auch  noch  gewachsen  ist,  wenn  auch  nicht  mehr 
als  proportional;  daß  aber,  wie  das  an  Eichtungen  reiche 
Judentum  Nordamerikas  zeigt,  die  jüdischen  Gemeinden  ihre  ; 
Kohäsion  bewahren.  Ihre  typischen  geistigen  Führer,  deren 
Altruismus  sich  keineswegs  über  die  heutige  Norm  erhebt, 
zeigen  immerhin  keine  Neigung  zur  Fahnenflucht.  Es  scheint 
nur  eine  kleine  Gruppe  zu  geben,  die  einem  atheistisch  gesinn-  ■ 
ten  Reformrabbiner  gefolgt  ist.  Doch  ist  anzunehmen,  daß  solche  ,: 
Experimente,  wenn  sie  gelingen  sollten,  Nachahmer  anregen 
werden,  auch  ihre  Originalität  au  zeigen.  Hingegen  ist  mehr 
als  begreiflich,  daß  es  unter  den  Überlebenden  der  Vernichtungs-1 
lager  und  den  Hinterbliebenen  der  sechs  Millionen  Ermordeten 
nicht  viele  gibt,^eren  Glaube  an  einen  zugleich  allmächtigen, 
gerechten  und  liebenden  Gott  die  furchtbarste  Konfrontation 
mit  der  Wirklichkeit  überstehen  konnte. 

Das  Ende  jeder  Religion  wäre  wohl  nichtsdestoweniger 
auch  von  einem  ganz  und  gar  nicht  kirchlichen  Standpunkt  zu 
bedauern.  Was  immer  es  sei,  das  zwangsläufig  zur  Aufhebung  des 
Glaubens  führt  und  in  irgend  einem  unvorhersehbaren  Tempo  den 

B°den  entzieht»  stellt  uns  vor  die  bereits  berührte 
Fraget  für  ihre  soziale,  oder  genauer:  ge Seilschaft serhaltende 
Funktion. 

Das  Bekenntnis  zu  illusionsloser  Wahrhaftigkeit  als  Ziel 


186 

jeder  kollektiven  und  individuellen  Erziehung  erfordert  sicheri: 
lieh  rücksichtslose  Abrechnung  mit  der  Religion  im  allgemeinen 
und  mit  den  orthodoxen  Mächten  im  besondern.  Doch  zugleich 
haben  wir  den  zu  erwartenden  und  teilweise  schon  eingetretenen 
Konsequenzen  in  die  Augen  zu  blicken. 

Fast  jede  Religion  hat  in  ihren  Anfängen,  solange  sie  eine 
aus  der  Negation  vorhandener  Zustände  zu  positiver  Forderung 
revolutionär  hervorbrechende  Kraft  war,  den  Menschen  empor- 
gebracht, um  aber  in  späteren  Erstarrungszuständen  m  weitere 
Entwicklung  zu  verhindern.  Vom  militanten  Konservativismus 
führte  einer  der  Wege  zu  brutalstem  Egoismus  und  in  die  Ab- 
gründe des  Verbrechens.  Von  der  Inquisition  haben  blutgetränkte 
Länder  sich  bis  heute  nicht  erholt.  Das  Festhalten  am  Greuel 
der  Stierkämpfe  mag  eine  noch  fortwirkende  sadistische  Reaktion 
eines  gequälten  Volkes  sein.  Diese  Tatsachen  haben  aber  auch 
eine  Kehrseite.  Zwischen  der  heute  zumindest  im  Westen  rapid 
zunemenden  Kriminalität  und  der  Erschütterung  des  Glaubens 
fällt  ein  unleugbarer  Zusammenhang  auf.  Der  Furcht  vor  dem 
strafenden  Gotte  folgt  ein  Vakuum,  die  Hemmungslosigkeit, 
deren  der  Staat  allen  nichljperr  werden  kann.  Man  wird  wahr- 
scheinlich noch  längere  Zeit  die  bestehenden  und  netie  Erzie- 
hungsmittel mobilisieren  und  den  bedrohlichen  Energieüberschuß 
in  den  Sport  und  in  die  diversen  Vergnügungen  abzuleiten  suchenj 
Das  wird  wenig  nützen,  solange  die  vom  Glauben  hinterlassene  3 
Leere  nicht  gefüllt  sein  wird. 

Es  ist  aber  ebenso  traurig  wie  wahr,  daß  diese  Füllung 
sich  nur  dort  annähernd  problemlos  vollzieht,  v/o  sie  schon  vor&jj 
her  mehr  oder  weniger  überflüssig  war,  wo  nämlich  sittliche, 
bzhw.  seelische  Gesundheit  antisoziale  Tendenzen  nicht  erst 
entstehen  ließ  oder  doch  in  Schach  hielt.  Wo  aber_,  wie  bei  sdoma] 
einem  grausigen  Prozentsatz  der  Gesamtbevölkero^^fückenhaf te 
Gesundheit  zersetzende  Kräfte  unaufhörlich  und  mit  zunehmender 
Intensität  einlädt,  wird  eine  Nachfolge  für  die  zu  einem  ge- 
wissen Teil  schon  vertriebene  Religion  zum  brennenden  Problem. 
Da  erwacht  also  die  Sorge,  ob  der  Durchschnittsmensch  überhaupt 
zu  einer  Ethik  erhoben  werden  kann,  die  nicht  auf  Lohn  und 
Strafe  beruht;  ob  der  in  der  durchschnittsmenschlichen  Seele 
in  der  bekannt  wirksamen  Weise  vertretene  himmlische  ä&SSdfSg&fcEEl 


187 

Gesetzgeber,  Staatsanwalt,  Verteidiger  und  Richter 
durch  irgend  etwas  zu  ersetzen  ist.  Für  die  kapitalistische 
und  die  kommunistische  Gesellschaft  mögen  die  Resultanten 
verschieden  sein,  da  die  Komponenten  verschieden  verlaufen. 
Doch  nahen  beide  Systeme  ihre  Kriminalität.  Da  diese  mit 
wechselnder  Besetzung  der  Anklagebank  Herrschende  und  Beherrsch* 
te  einschließt,  ist  da  und  dort  ein  archimedischer  fester  Punkt, 
von  dem  aus  für  soziale  Einsicht  und  andere  Idealbegriffe  Korneas 
men  festgelegt  werden  könnten,  schwerlich  auffindbar.  Für  die 
westliche  Welt  ist  klar,  daß  sie  zur  Erlangung  eines  Ersatzes 
für  Religion  Komponenten  ihrer  Zivilisation  entwickeln  oder, 
wenn  sie  es  kann,  ein  Neues  hervorbringen  muß,  um  ihr  zuneh- 
mendes Vakuum  zu  füllen. Welche  existierenden  Elemente  könnten 
zu  solcher  Bedeutung  entwickelt  werden?  Kann  es  der  Patriotis- 
mus sein? 

Die  Annahme,  erfhebe  die  Moral  und  schränke  die  Kriminalität 
ein,  erfährt  ihre  gründlichste  Prüfung  in  Kriegszeiten,  die 
mit  Recht  als  die  der  besten  Konjunktur  für  die  Patriotismen 
gelten.  Zwar  wird  da  unter  zugleich  äußerem  und  innerem  Druck 
Burgfriede  der  Parteien  und  das  mögliche  Maximum  an  Soldarität 
der  Bevölkerung  eines  Landes  erreicht.  Die  organisierte  Unter- 
welt verliert  an  Kräften  durch  Einrücken  ihrer  meisten  Mit- 
glieder; das  ist  aber  weder  das  Ende  ihres  Bestandes  noch 
das  ihrer  Aktivität.  Bald  nach  Beendigung  des  Krieges  erweist  s± 
sich  alles  als  künstlich  und  sämtliche  Gruppierungen  nach  Inter- 
essen kehren  wieder. In  der  uranittc Ibaron  Gegenwart  sahen  wir 
z.B.  in  Südvietnam  ein  Beispiel  bewaffneter  Konflikte  innerhalb 
innerhalb  eines  kriegführenden  Staates  während  des  Krieges. 
Der  patriotische  Impuls  müßte  also  viel  natürlicher  sein  als 
er  ist,  um  solche  zersetzenden  Kräfte  zu  beseitigen. 

Die  Rolle  der  Erziehung  im  Niedergang  des  Menschen 

Plato,  Republik, 7 
Wenn  wir  weiter  Umschau  halten,  um  zu  finden,  was  nach  der 
voraussichtlich  unvermeidlichen  Portsetzung  des  Schrumpfungs- 
prozesses die  Religion  ersetzen  könnte  und  nach  dem  heutigen 
Erziehungswesen  blicken,  können  wir  auch  von  diesem  nicht 
das  Heil  erwarten,  selbst  wenn  es,  den  neuesten  Bestrebungen  und 
Versuchen  in  einer  Reihe  von  Ländern  entsprechend,  diverse 


188 

jetzt  geplante  Reformen  erfahren  sollte.  Da  die  heutige 
Erziehungsarbeit  bis  auf  den  Grund  verfehlt  ist,  und  in 
einem  schlimmeren  Zustand  als  je,  und  sich  in  Geleisen  befindet, 
die  schnurstracks  in  die  Selbstauf hebung  führen,  werden  einzeln 
Verbesserungen  nicht  helfen.  Alle  neuesten  Beratungen  beziehen 
sich  vor  allem  nicht  auf  das  eigentliche  Ziel  der  Erziehung, 
auf  den  Menschen.  Zumindest  ist  nirgends  zu  erkennen,  daß 
dieser  wichtigste  Ausgangspunkt  genügend  klar  geworden  oder 
der  Not  der  Zeit  entsprechend  definiert  worden  wäre.  Statt  nach 
dem  Menschen  zu  und  seiner,  wie  man  annehmen  sollte,  heute 
besser  erkennbaren  Natur  gemäß,  rückt  die  Erziehung  immer  mehr 
vom  Menschen  ab.  Ihr  Betrieb  wird  von  Jahr  zu  Jahr  mechanischer. 
Zwischen  die  sowieso  einander  schon  stark  entfremdeten  Haupt- 
beteiligten, den  Lehrer  und  den  Schüler,  tritt  die  Maschine 
und  errichtet  eine  nicht-menschlicäe  Diktatur.  Noch  lehren 
Lehrer,  aber  sie  tun  es  notgedrungen  immer  mehr  im  Geiste 
der  Maschine.  Sie  hat  auch  das  Prüfungswesen  übernommen 
und  auch  auf  diesem  Gebiete  die  Menschlichkeit  des  Lehrers 
und  in  gewissem  Grade  auch  seine  Intelligenz  bereits  ausge- 
schaltet. Die  Arbeit  des  Lehrers  ist  einerseits  erleichtert,  wi 
jede  Arbeit,  in  der  die  Maschine  entscheidet,  anderseits  haben 
die  Lehrer  immer  weniger  mitzureden.  Die  Maschine  trägt  die 
Verantwortung. Wenn  etwa  ein  junger  Mensch  zusammenbricht, 
was  unvermeidlich  geworden  ist  und  immer  öfter  vorkommt, 
lehnt  der  Lehrer  die  Verantwortung  ab,  und  mit  Recht,  da 
er  am  Gesamtverfahren  kaum  noch  einen  größeren  Anteil  hat 
als  der  Wächter  oder  Handlanger  in  der  Maschinenhalle  der 
Fabrik.  Selbstmorde  sind  glücklicherweise  noch  relativ  selten, 
doch  in  solchen  Fällen  wollen  auch  Schuldirektoren,  Inspektoren 
u.s.w.  nichts  von  Verantwortung  wissen  und  weisen  mit  Bedauern  s 
auf  vorschriftsmäßige  Prozeduren  hin,  denn  wer  diese  einhält,  ia 
ist  frei  von  Schuld.  Man  kann  das  Bedauern  so  ziemlich  jedem  g±a 
glauben,  zumal  die  meisten  Erzieher  und  Administratoren  der 
Erziehung  unterer  Mechanisierung  selber  zu  leiden  haben. 
Über  ihnen  waltet  eine  anonyme  Macht.  Diese  Macht  besitzt  Eagfim 
Empfindlichkeit,  doch  nicht  Intelligenz,  ist  präzis,  doch 
blind  für  die  Polgen  ihres  Wirkens.  Die  demoralisierende 
Aufhebung  der  Verantwortung  frißt  um  sich  wie  eine  Epidemie 
und  verzehrt  die  Reite  von  Sympathie  und  Achtung  zwischen 
Lernenden  und  Lehrenden.  An  ihre  Stelle  ist  ein  erneutes 


189 

:Regime  der  Drohung  und  Furcht  getreten,  das  die  Phraseologie  st 

der  Demokratie  rücksichtslos  kompromittiert. 

Die  Konkurrenz,  die  Unheil  gebiert  und  Unheil  vermehrt, 

hat  einen  Großteil  dieser  Greuel  verursacht.  Sie  ist  es,  die 

die  Maschine  braucht  und  herbeiruft,  und  auch  ohne  sie,  direkt, 

bricht  sie  tief  in  das  Erziehungswesen  ein.  Hier  ist  es  nicht  se 

so  sehr  der  Wettbewerb  zwischen  Firmen  desselben  Faches,  sondere1 

der  Interessenkonflikt  zwischen  ganzen  Fächern,  wie  Gas  und 

Elektrizität,  und  noch  mehr  der  Wirtschaftskampf  zwischen  den 

ein  «a. 

Ländern  um  Absatzgebiete,  und  Wettk$mpfE  im  Zusammenhang  mit 
weitaus  schlimmeren  Vorbereitungen,  der  von  Gruppen  und  Einzel«» 
nen  höchste  Effektivität  der  Arbeit  und  maximale  Leistung 
erfordert.  Von  den  Elementarschulen  bis  zu  den  Hochschulen 
wachsen  die  Ansprüche  ins  Phantastische.  Die  Ideen,  die  ausgeto 
heckt  werden,  wären  einfach  teuflisch,  wenn  sie  nicht  zugleich 
krankhaft  wären.  Es  gibt  Leute,  die  an  Methoden  des  Raubbaues 
am  Kleinkindergehirn  arbeiten,  um  Dreijährigen  oder  Zweijäh- 
rigen das  Lesen  und  Schreiben  beizubringen,  damit  sie  mit 
zunehmendem  Alter  schon  zu  entsprechend  höheren  Leistungen 
befähigt  seien.  Noch  wird  aus  Gründen  der  künftigen  Arbeitsfähig 
higkeit,  nicht  etwa  aus  Menschlichkeit,  anerkannt,  daß  das 
Kind  spielen,  also  Kind  sein  muß.  Das  soll  aber  nur  noch  ein 
partielles  Recht  sein.  Neue,  verwissenschaftlichte  Ausbeutung 
hat  auch  das  Kleinkind  aufs  Korn  genommen,  Sklavenhaltermoral 
kehrt  in  veränderter,  bis  zur  Unkenntlichkeit  modernisierter 
Gestalt  wieder. 

Zugleich  wird  die  Konkurrenz  zwischen  den  Studierenden 
als  Ansporn  zu  weiteren  Leistungen  systematisch  gesteigert,  1 
ohne  daß  die  den  neuen  Lehr-  und  Prüfungsmethoden  zu  Grunde 
liegende  Scheinlogik  entlarvt  wird.  Denn  das  von  den  Anfangs- 
gründen des  Lernens  bis  an  die  Grenze  seiner  professionellen 
Verwertung  reichende  Auspressen  der  maximalen  Ergebnisse 
durch  planmäßig  abgestuften  Terror  ermöglicht  nur  ein  Studium 
in  dauernder  Hochspannung.  Niemand  kann  eine  solche  Schule 
lieben.  Man  verschließt  sich  der  elementaren  Einsicht,  daß 
die  chronische  Atmosphäre  der  unpersönlichen  Grausamkeit 
immer  nur  zu  scheinbaren  Höchstleistungen  führen  kann,  da  so 
nichts  mehr  um  seiner  selbst  willen  gelernt  wird;  wie  auch  die 
aus  einem  solchen  Studium  resultierende  berufliche  Arbeit  nie 


190 

um  ihrer  selbst  willen  getan  werden  kann.  Man  bezahlt 
Schulpsychologen,  aber  nicht  um  ihnen  zur  Warnung  vor  dem 
Verhängnis  der  terroristischen  Mechanisierung  oder  zu  sonst 
einer  unabhängigen  und  ihrer  Einsicht  gemäßen  Tätigkeit 
Gelegenheit  zu  geben,  sondern  um  mit  ihrer  Hilfe  das  Uner- 
trägliche möglichst  einträglich  zu  machen  und  der  psycholo- 
gisch-neurologischen Ausbeutung  durch  Beseitigung  von  indivi- 
duellen und  etwaigen  Gruppenwiderständen  höhere  Effektivität 
zu  sichern. 

Ist  das  vollkommen  richtig  oder  in  irgend  einem  Punkte 
unrichtig?  Um  uns  vor  einem  möglichen  Mangel  an  Objektivität 
zu  sichern,  stellen  wir  die  Frage:  Was  denkt  oder  behauptet 
diese  Schule  von  sich  selbst?  Schimmert  irgendwo  ein  Bewußtsein 
des  abgründigen  Zustande s  ihrer  Selbstverneinung  durch? 
Merken  diese  Erzieher,  woran  sie  mitarbeiten  oder  welchem 
Vorgang  sie  passiv  zusehen?  Gibt  es  doch  noch  Kritik,  gibt  es 
Nahrhaftigkeit?  Oder  was  sucht  man  sich  und  Ändern  vorzutäuschen 
und  wie  tut  man  das?  In  einem  amtlichen  nordamerikanischen 
Zeugnisformular  heißt  es  unter  wExplanation" : 

4-.  Attitudes  and  Application  -  This  includes 

(a)  attitude  toward  self-improvement ,  (b)  co-operation, 

(c)  sense  of  responsibility ,  (d)  leadership  and 

(e)  emotional  control. 

(a)  Hier  erfahren  wir  also  zu  unserer  Überraschung, 
Selbstverbesserung  werde  in  Betracht  gezogen.  Da  aber  diese 
Schule  alles  tut,  um  die  natürlichen  Anlagen  eines  jungen 
Menschen  zu  unterdrücken,  ihn  zu  versklaven,  und  ihm  selbst 
in  der  der  Tortur  der  Prüfungen  die  bekannt  unfairen  Listen 
falscher  Antworten  vorlegt,  unter  denen  er  eine  richtige 
herausfinden  soll,  kann  es  sich  ja  nur  um  eine  Selbstver- 
besserung handeln,  die  der  Schüler  nicht  dank  der  Schule, 
sondern  trotz  ihr  und  gegen  sie  erreicht.  Das  ist  in  einzelnen 
Fällen  denkbar,  wenn  der  Schüler  einen  unbeugsamen,  großen 
Charakter  besitzt,  der  aus  der  Mißhandlung  während  seiner 
Entwicklungsjahre  in  wunderbarer  Ganzheit  hervorgeht.  Doch 
ein  solches  Ergebnis  so  hinzudrucken,  als  ob  es  im  Normalfall 
zu  erwarten  wäre,  und  obendrein  noch  dank  eben  dieser  Schule, 
ist  das  nur  Gedankenlosigkeit  oder  abgründige  Unwahrhaf tigkeit? 

(b)  In  unserer  Zeit  werden  manche  Realitäten,  deren  man  s±s 
sich  ein  wenig  schämen  mag,  oder  die  nachteilig  wirken  könnten, 
zv/ar  nicht  abgeschafft,  bekommen  aber  schönere  Namen.  Gehorsam 


WBSKBmB^BSKBmBSi 


191 

heißt  jetzt  Co-operation. 

(c)  Da  steht  es  nun  schwarz  auf  weiß:  Derselbe  Mechanismus, 
dessen  Bedienungsmannschaft  befugt  ist,  Verantwortung  abzuleh- 
nen, fordert  solche  -  von  seinem  Opfer.  Da  zuguterletzt  irgend 
jemand  verantwortlich  sein  muß,  wenn  dieses  hübsche  Wort  nicht 
ganz  gestrichen  werden  soll,  hat  er,  der  wehrlose  Schüler, 
von  irgendwoher  den  Sinn  für  Verantwortung  zu  besitzen  und  ihn 
auch  zu  beweisen. 

(d)  Soll  etwa  dieser  Arme,  sobald  die  Pein  eines  solchen 
Schulsystems  vorüber  ist,  sich  noch  irgendwie  aufrichten  oder 
gar  zum  Führer  werden  können?  Daß  die  Unterdrückung  in  der  ent- 
scheidenden Jugendzeit  dann  durch  Umkehrung,  durchs:  den  imitati- 
ven Wunsch  nach  Unterdrückung  Anderer,  zum  Führertum  werden  k 
könnte,  ist  im  Diktaturstaat  einigermaßen  wahrscheinlich, 

aber  nicht  in  einer  auch  nur  formell  gewahrten  Demokratie, 
Doch  da  jede  Gesellschaft  Führer  braucht,  einen  oder  mehrere, 
mit  mehr  oder  weniger  beschränkten  Vollmachten,  sieht  sich 
diese  Schule  genötigt,  die  drastisch  widersinnige  Phrase  vom 
Führertum  einzube ziehen.  Denn  kann  jemand  über  die  einfache 
Logik  hinwegkommen,  daß  aus  einer  versklavten  Jugend  nicht 
demoggjj^iche  Führer  hervorgehen  können,  sondern  Diktatoren 
und  ^H^skE,  die  es  um  jeden  Preis  v/erden  wollen? 

(e)  Unter  Beherrschung  von  Gefühlen  ist  hier  die  Fähigkeit 
des  Schülers  zu  verstehen,  seine  natürliche  Reaktion  gegen  chro- 
nische Verstümmelung  im  Zaum  zu  halten.  Ers  soll  seine  emotionai 
le  Abwehr  unterdrücken  können,  alles  soll  der  verhängnisvollen 
Verdrängung  anheimfallen,  wie  sie  mit  ihren  Folgen  in  der 
psychoanalytischen  Literatur  längst  dargestellt  ist  und  jedem  an 
elementarem  pädagogischen  Wissen  Interessierten  bekannt 

sein  sollte. 

So  wird  diese  Zeugnisformular  zum  Zeugnis  für  ein  System, 
das  nicht  einem  einzigen  Land,  sondern  vielen  Ländern  zum 
Verderbnis  v/erden  kann,  oder  muß. 

Die  moderne  Schule,  die  noch  vor  einer  Generation  auf  ihre 
Progressivität  stolz  sein  konnte,  ist  mutatis  mutandis  weit 
schlimmer  als  alte  und  primitive  Schulen  mit  ihren  Prügelmetho- 
den jemals  warenlr^roße  Pädagogen  der  Vergangenheit,  wie 
Pestalozzi,  oder  zeitgenössische  wie  Janusz  Korczak,  der  mit 
seinen  Schülern  freiwillig  in  den  Vergasungstod  ging,  sind  zu 


I9U 


Die  entsetzlich  beschämende  und  jeden  nicht  gänzlich  Verblen- 
deten zugleich  beängstigende  Tatsache,  daß  es  an  niederen  Schul^J^l 
immer  noch  eine  Prügelstrafe  gibt,  u.zw.  nicht  nur  in  den  von  der 
Zivilisation  leicht  beleckten  Ländern,  sondern  auch  in  solchen, 
die  als  ihre  Repräsentanten  gelten,  gehört  allzu  unumgänglich 
hierher.  Wenn  junge  Menschen  sei  es  "unverdienten",  sei  es  "verdien- 
ten" Mißhandlungen  ausgesetzt  sind,  so  vollziehen  sich  Erlebnisse, 
die  das  Rohmaterial  späterer  Charakterge staltung  bilden  und  in  den 
meisten  Fällen  für  das  ganze  Leben  entscheidend  bleiben.  Es  ^isu 
vor  allem  die  Beschämung  und  Erniedrigung  in  Situationen  tiefen 
Bedürfnisses  nach  Anerkennung,  die  zugleich  durch  völlige  Wehr- 
losmgkeit  gekennzeichnet  sind,  und, weit  mehr  als  die  physische 
Schädigung,  Haß,  Racheträume  und  ganze  Serien  ihrer  weiteren  Auswir- 
kungen zur  Folge  haben.  Die  von  vielfachen  psychologischen  Kompli- 
kationen heimgesuchten  und  falsch  geschulten  Lehrer  unserer  Zeit 
sind  allzu  weit  entf ernt\davon, verstehen  zu  können,  an  was  für 
einer  Durchgif tung  des  ihnen  anvertrauten  Menschen  sie  tätig  schul- 
dig werden  und  in  welchem  Maße  sie  an  der  v/eiteren  Zerrüttung  der 
Gesellschaft  arbeiten.  Manche  fühlen  sich  irjder  Festung  ihrer  gesetz- 
lichen Unangrn^f barkeit  recht  sicher,  wo  so  menschenunwürdige  Gesetze 
noch  existieren.  Es  sollte  aber  nicht  noch  länger  verkannt  werden, 
daß  gerade  das  die  Mißhandlung  der  Jugend  duldende  oder  schützende 
Gesetz  eines  der  höchst  wirksamen  Werkzeuge  bildet,  durch  die  die 
Gesellschaft  ihre  Fundamente  untergräbt.  Wer  den  Zusammenhang  des 
auf  den  unteren  Stufen  der  Erziehung  Erfahrenen  mit  dem  Denken  und 
Handeln  der  reifen  Jugend  und  der  jungen  Erwachsenen  nicht  begreift, 
ist  ««kl  verantwortlicher  Mitarbeit  an  der  Lösung  von  Problemen 
gewiß  unfähig. 

Dieser  Zusammenhang  des  gesetzlich  geschützten  oder  aus  Träg- 
heit unbeachteten  Frü^ffino  mit  spezifischen  Nöten  von  heute  und 
gewiß  noch  mehr  von  morgen  liegt  für  den  Sehenden  auf  der  Hand. 
Doch  ist  das  Prügeln  in  der  sogenannten  Erziehung  eine  an  sich, 

nicnt  spezifische  Erscheinung  dieser  Zeit,  die  sich. einerseits 

die  Eroberung  des  Kosmos  in  den  Kopf  gesetzt  hat,  anderseits  aber 
die  drastischen  Merkmale  des  Mittelalters  und  weit  primitiverer 
Zustände  nicht  abstreifen  kann.  Wir  unterlassen  also  das  Eingehen  s 
auf  die  Einzelheiten  dieser  Erscheinung,  um  die  gorackjunserer  Zeit 
eigene  Problematik  nicht  aus  den  Augen  zu  verlieren. 


192 

fernen  Legenden  geworden,  die  zu  nichts  verpflichten  und  von 
denen  man  nicht  lernen  mag,  Oder  genauer:  wenn  ein  Bewunderer 
ihren  Lehren  auch  folgen  wollte,  könnte  er  es  nicht,  v/eil  er 
einer  unpersönlichen,  anonymen  und  verantwortungslosen  Macht 
Untertan  ist. 

Es  ist  klar,  daß  diese  unheimliche  Macht  nur  schrittweise 
abgeschafft  werden  könnte,  doch  müßte  die  restlose,  gänzliche 
Abschaffung  und  Wiedereinf ührung  der  Menschlichkeit  das  Ziel 
bilden,  Menschlichkeit  auf  allen  Gebieten  des  Schulwesens 
einschließlich  der  höchsten  fachlichen  Ausbildung  könnte  zu 
einer  Kraft  werden,  die  einen  erneuerten  Menschen  zu  erneuer- 
tem Inhalt  und  zur  Formung  neuer  Gemeinschaft  führt.  Im  Prinzip 
wäre  eine  Lösung  unseres  Ausgangsproblems,  der  Frage  einer 
Nachfolge  für  die  Religion,  als  inbegriffen  zumindest 
vorstellbar  47). 

47)  Diese  Problematik  hat  eine  inhaltsreiche  Kehrseite, 
nämlic&  die  Schwierigkeiten  der  Lehrer.  Doch  lasse  ich  es  Me 
hier  aus  zwei  Gründen  bei  wenigen  Andeutungen  bewenden: 
1«  Bs  sind  die  Probleme  der  Jugend,  nicht  die  der  Lehrer, 
die  dem  Ausgangsproblem  entsprechend  zu  behandeln  waren. 
2«  Das  los  der  Jugend  ist  in  höherem  Maße  als  das  der 
Lehrer  ein  spezifisches  Problem  unserer  Zeit. 
.  BecJo^wärc  co  mehr  als  gerechtfertigt,  wejm_ain--%e sonders 

*™r  erfahr  enerT^h5»S£L>ej3^mt^  Arbeit  des 

/92  a  praktischenJPäxla^  eine  umfassende 

'ndr  renj±i^rgiGcho  Darotcllunglsu'l^Tfrcn« 

Im  Anfang  unseres  Jahrhunderts  waren  manche  Freigeister 
der  optimistischen  Meinung,  die  Kunst  solle  und  könne  den  von 
der  Religion  zu  räumenden  Platz  einnehmen.  Das  war  damals  nicht 
ganz  von  der  Hand  zu  weisen,  da  die  Kunst  noch  Qualitäten  hatte, 
die  sie  zu  einer  wesentlichen  sozialen  und  psychologischen 
Aufgabe  befähigten.  Betrachten  wir  daraufhin  so  unvoreingenommen 
wie  möglich  den  neuesten  Abschnitt  der  Entwicklungsgeschichte 
der  Kunst  und  ihren  heutigen  Zustand. 

Eine  Zeit  und  ihre  Kunst:  Fünf  Phasen  eines  Prozesses 

...auditque  vocatus  Apollo. 

Vergil,  Georgica 

Ist  es  Bereicherung  oder  Verarmung,  Aufstieg  oder  Nieder- 
gang? Statt  es  den  üblichen  Auseinandersetzungen  gleichzutun, 
die  mit  ihrem  Gegenstand  an  Nebelhaf tigkeit  und  Willkür 


jtffotzw  (ja. 


192  a 

Die  im  Abschnitt  "Diese  Jugend"  in  gedrängter  Kürze  betrach- 
tete internationale  Bewegung  ist  aus  ihrer  drastisch  revolutionären 
in  eine  scheinbar  ruhige  und  trotzdem  tief  lebendige  und  intensive 
Phase  geraten.  So  muß  man  es  wohl  vermeiden,  sie  in  einer  Weise  zu 
charakterisieren,  die  als  rückblickend  oder  gar  abschließend  ange- 
sehen werden  kann.  Vermeiden  wir  die  schon  allzu  schematisch  gewor- 
dene Ödipus-Deutung  und  andere  einseitige  Vereinfachungen.  Jedoch 
liegt  der  Zusammenhang  mit  dem  hier  Aufgewiesenen  auf  der  Hand. 
Es  ist  die  Gesamtheit  der  Erlebnisse  einschließlich  der  aus  der 
reiferen  Kindheit,  die  das  Denken  und  Handeln  der  Menschen  bestimmt. I 
Den°weitss  zurückliegenden  Faktoren  gegenüber  wird  selbst  Empörung 
über  unmittelbare  Gegenwart  als  psychologische  Pealtät  minder  wich- 
tig. Den  Hauptanteil  an  der  Kluft  hat  offenbar  das  den  Jungen  in 
ihrer  wehrlosen  Frühzeit  Angetane. 

Aber  vergessen  wir  auch  nicht  für  einen  Augenblick  den  eigent- 
lichen Zv/eck  unserer  gesamten  Beschreibung  und  Analyse,  von  dem  aus 
wir  alle  SiEZsitefckgsx  Phänomene  prüfen,  nämlich  Klarheit  darüber, 
was  für  unseren  Portbestand  günstig,  was  für  ihn  ungünstig  ist. 
Aus  dieser  Perspektive  ergibt  sich  als  die  entscheidende  Präge 
nicht  die,  ob  es  zu  einem  Sieg  der  Söhne  oder  der  Väter  kommen 
wird,  sondern  die,  ob  die  Söhne,  sobald  sie  die  Führung  übernehmen 
werden*  -  sei  es  ruhig  und  dem  natürlichen  Zeitablauf  gemäß,  sei 
es  vorzeitig  und  stürmisch  -,  mit  der  Natur  einsichtiger  umgehen, 
eine  lebensfähigere  Gesellschaft  aufbauen  und  imstande  sein  werden, 
Frieden  und  Liebe,  über  die  sie  so  gläubig  reden,  in  globale 
Realität  umzusetzen. 


193 

wetteifern,  unternehme  ich  im  Folgenden  einen  Versuch  zur 
Klärung,  indem  ich  der  Kunst,  namentlich  der  Malerei,  auf 
ihrem  Wege  von  schöpferischer  Ganzheit  bis  in  ihren  gegenwär- 
tigen Zustand  folge,  Das  Thema  dieser  Bilanz  ist  die  Gesamtheit 
der  Entwicklung  mit  ihren  allzu  deutlich  sichtbaren  Tendenzen 
und  ihren  Änderungen;  unter  Ausschluß  der  dem  Hauptstrom  entgegs 
gengesetzten  Kräfte  einsamen  Schaffens  Einzelner. 

Was  sich  auf  der  breiten  Straße  westlicher  Kunst  seit 
dem  letzten  Drittel  des  19. Jahrhunderts  ereignete,  ist  in  der 
Hauptsache  eine  Geschichte  von  Verlusten,  die  nicht  leicht 
erkennbar  sind,  weil  mehrere  von  ihnen  zusammen  mit  positiven, 
z.T.  sogar  großen  Errungenschaften  auftraten.  Infolge  dieser 
Gleichzeitigkeit  wurden  Neuerungen  den  VerluifePzu  einer 
anziehenden  und  ablenkenden  Hülle,  unter  der  die  zerstörenden  Sie 
Kräfte  so  lange  verborgen  bleiben  und  einen  Erschöpfungsvorgang 
bewirken  konnten,  der  schließlich  den  absoluten  Nullpunkt 
erreicht  hat.  Die  früheste  Richtung,  in  der  sich  stark  posi- 
tive Züge  mit  einer  ausgesprochen  negativen  Funktion  verbanden, 
war  der  Impressionismus. 

Kunst  entsagt  ihrem  Inhalt 

Seit  den  erkennbaren  Anfängen  dessen,  was  bisher  Kunst 
genannt  wurde,  im  Laufe  von  etwa  300  Jahrhunderten,  wechselten 
die  Materialien,  die  Formen  und  der  Sinn  dieses  komplexen  'Tuns 
immer  wieder  und  viele  untereinander  äußerst  verschiedene 
Schaf fensbereiche  bestanden  in  jeder  Epoche  gleichzeitig.  Doch 
daß  Materialien  verwendet  wurden,  um  Formen  hervorzubringen,  die 
einen  Sinntoks  hatten,  war  trotz  allen  Unterschieden  und  Ände- 
rungen der  gemeinsame  Nenner.  Der  Sinn  war  vorwiegend  kollektiv, 
ein  Ergebnis  der  Gefühle,  des  Glaubens  und  der  Wünsche  kleiner 
und  großer  Gruppen.  Je  mehr  das  Denken  sich  entwickelte,  desto 
mehr  durchleuchteten  seine  Spiegelungen  die  Kunst.  Magische 
Versuche,  die  Wirklichkeit  zu  beeinflussen  oder  gar  zu  beherr- 
schen, sind  längst  als  eines  der  Motive  erkannt  worden,  die 
den  diluvialen  Jäger  zu  seinem  künstlerischen  Naturalismus 
führten  und  den  Bauer  der  Jüngern  Steinzeit  und  seine  Nachfolger 
zum  Symbolismus  ihrer  Ornamentik  inspirierten.  Die  bewundernswer 
testen  Werke  mittelalterlichen  Schaffens,  die  europäischen 
Kathedralen,  erstanden  durch  lange  Gruppenbemühungen,  Monumente 
kollektiven  Geistes,  obwohl  überragende  Individuen  an  ihnen 
mitwirkten.  Andere  Zivilisationen,  wie  das  klassische  Griechen- 


194 

land,  das  mittelalterliche  China  und  Italien  seit  dem 
14.  Jahrhundert,  brachten  bedeutende  individuelle  Kräfte  hervor, 
Kunstwelten,  die  in  hohem  Maße  von  Persönlichkeiten  mit  ihren 
Erlebnissen  und  Idealen  bestimmt  waren.  In  allen  jenen  Zeiten 
und  Kulturen  waren  es  die  Menschen  vereinigenden  und  Menschen 
trennenden  Ideen  und  Gefühle,  die  Dinge,  für  die  man  lebte  und 
starb,  die  auch  den  Inhalt  der  Kunst  bildeten,  immer  in  der 
selben  dreifachen  Holle,  als  treibende  Kraft,  Grundlage  und 
Krönung. 

Als  die  französischen  Meister  des  pleinair  mit  ihrem 
vom  alten  Tizian  ererbten  breiten  Pinsel,  die  Eroberer  einer 
nie  vorher  gekannten  malerischen  Freiheit,  Indifferenz  gegen- 
über dem  Sujet  proklamierten,  begann  die  Absage  an  den  Inhalt 
oder  doch  dessen  Einschränkung.  Doch  will  es  der  rückblicken- 
den Analyse  nun  scheinen,  daß  das  als  Konsequenz  de/SäcIStigon- 
Errungensc haften  dieser  mächtigen  Schule  gar  nicht  notwendig 
war.  In  dieser  vielleicht  überraschenden  Auffassung  wird  man  toj 
durch  den  Umstand  bestärkt,  daß  jene  Meister  das  selbst  zugaben, 
indem  zwischen  ihrer  Praxis  und  ihrer  Theorie  eine  merkwürdige 
Inkongruenz  bestand  und  nicht  wich,  ürtir  ausgesprochene  Theoreti« 
ker  und  einige  Maler,  die  ihrer  Veranlagung  nach  eher  TheoretiisJ 
ker  waren,  konnten  das  Sujet,  worunter  sie  den  Inhalt  verstan- 
den, ziemlich  einfach  für  belanglos  und  nicht  dazugehörig  erklä*| 
ren;  es  ist  nur  auffallend,  daß  auch  richtunggebende  Künstler 
so  dachten  und  zugleich  das  Gegenteil  taten.  Denn  Manet, 
Renoir,  Degas  und  alle  Andern,  die  von  Allen  ohne  Ausnahme 
als  die  charakteristischesten  Repräsentanten  des  Impressionis- 
mus angesehen  werden,  erhielten  in  gewissem  Grade  den  Inhalt  as*\ 
aufrecht,  und  er  war  in  ihrem  Schaffen  keineswegs  minder  an- 
ziehend als  in  dem  irgend  einer  früheren  Schule.  Hingegen  war 
Monet  das  Haupt  einer  Minorität,  deren  Kunst  selbst  eine  Absage 
an  den  Inhalt  war,  also  zunächst  an  einen  Gefühlen  entsprin- 
genden   und  Gefühle  hervorrufenden  oder  geistig  energiegeladenen! 
Sinn,  in  genauer  Übereinstimmung  mit  der  impressionistischen 
Theorie. Da  das  aber  nur  eine  Minderheit  war,  haben  Autoren 
einschließlich  der  neuesten,  die  für  ihre  Kunstbücher  Schul- 
beispiele brauchen,  es  oft  schwer  genug,  solche  ausfindig  zu 
machen,  die  dem  Thema  gegenüber  genügend  indifferent  sind 
und  menschliche  Bedeutungen  oder  irgend  eine  Seelenhaf tigkeit 
nicht  einlassen,  auch  nicht  in  jenen  Andeutungen,  die  gerade 


195 

manchen  der  Hauptwerke  dws  Impressionismus  ihren  unvergleich- 
lichen Reiz  verleihen, 

Erst  auf  die  späten  Impressionisten,  innerhalb  und  außerted 
halb  Frankreichs,  gewann  jene  Theorie  reichlich  Einfluß;  und 
die  noch  späteren  Maler  der  Ecole  de  Paris,  denen  peinture 
picturale  zum  Programm  wurde,  übernahmen  vom  Impressionismus 
das  Vakuum,  das  sie  unter  Ausschluß  des  Erlebnisses  zu  füllen  M 
hatten.  So  hatte  die  Abschaffung  des  Inhalts  als  PrinziJ^pät  m 
indirekt  die  Reichweite  erlangt,  die  ihr  in  den  Generationen 
der  Bahnbrecher  und  Hauptmeister  fehlte.  Dennoch  muß  anerkannt 
werden,  daß  auch  unter  jenen  Späten  Viele  das  Programm  nicht 
wörtlich  nahmen  und  so  etwas  wie  einen  Inhalt  zuweilen  mit 
voller  Freiheit  behandelten. 

Während  die  noch  maßvoll  beschränkten  Konsequenzen  des 
Impressionismus  sich  hauptsächlich  auf  den  Innalt  beziogen, 
ms.  u.zw.  in  seiner  eigentlichen  Wortbedeutung  als  menschlicher 
Wert,  wird  sich  bald  zeigen,  daß  es  dann  der  Gegenstand  als  sol- 
cher wurde,  in  seinem  elementaren  Sinn  als  eine  mit  den  Mitteln 
der  Kunst  gemachte  Aussage,  der  dem  v/eiteren  Reduktionsprozeß 
zum  Opferfallen  sollte. 

Kunst  ohne  Form 

Die  unbestrittenen  Verdienste  des  Impressionismus,  die 
Überwindung  des  oft  steifen  Konturs  jener  Zeit  und  der  Um- 
schwung von  einer  Art  Parbzeichnung  zu  echt  koloristischem 
Sehen,  und  insbesondere  die  malerische  Verbindung  von  Licht  und 
Farbe,  wie  sie  nie  vorher  in  solcher  Vollendung  erreicht  worden 
war,  hoben  als  solche  die  Lebensrechte  der  Form  nicht  auf; 
obwohl  schwache  Zeichner  wie  Cezanne  die  Überbetonung  der 
Farbe  zur  Verschleierung  ihrer  Unzulänglichkeiten  benützen 
konnten.  Die  machtvolle  Beziehung  eines  Degas  zu  Iiiasse  und 
Raum,  und  trotz  der  formauflösenden  pointillistischen  Methode 
auch  die  des  Seurat,  verbinden  das  Lager  des  Impressionismus 
mit  der  dämonischen  Formgewalt  Van  Goghs,  mit  dem  zuweilen 
nicht  minder  intensiven  Gefühl  für  Form  bei  Gauguin,  mit 
ihrer  von  Münch  erlebten  Dynamik,  mit  ihrer  rhythmischen  Ver- 
lebendigung bei  Kodier.  Doch  nach  den  Höhen  der  Form,  die 
jene  inErmangelung  eines  bessern  gemeinsamen  Nenners  im  all- 
gemeinen als  Postimpressionisten  bezeichneten  Individualitäten 
erreicht  hatten,  schwenkte  eine  ganze  Generation  über  Nacht 
zur  Beseitigung  der  Formwerte  um,  nannte  ihr  -trogramm  jäsfem&fcsbE 


196 

Deformation  und  führte  es  schonungslos  aus.  Der  russische 
und  deutsche  Expressionismus,  der  französische  Kubismus  und 
der  italienische  Futurismus  waren  die  Scharfrichter. 

Auch  diese  Bewegung  verquickte  und  verschmolz  konstruk- 
tive mit  destruktiven  Faktoren  in  einer  Weise,  deren  logische 
Notwendigkeit  angefochten  werden  kann.  Die  übermächtig  expressi- 
ve Kunst  des  Mittelalters  beweist  schon  allein  zur  Genüge, 
daß  auch  das  20.  Jahrhundert  seinen  tiefsten  Erlebnissen 
stärksten  und  uneingeschränkt  persönlichen  Ausdruck  hätte 
geben  können,  ohne  die  Elemente  der  Objektivität  aus  seiner 
Erfassung  der  Wirklichkeit  zu  entfernen.  Ebenso  konnte  analyti«s 
sches  Eindringen  in  die  Form,  wie  der  Kubismus  es  unternommen 
hatte,  ohne  kapriziöses  Zerschneiden  des  Bildes  in  Stücke  und 
Stückchen  erfolgen.  Und  um  die  Relativität  des  Zeitbegriffes  ita 
durch  die  Synchronisierung  von  Elementen  einer  zeitlichen  Auf- 
einanderfolge oder  die  allgemeinere  Idee  der  den  Bildraum 
durchdringenden  Zeit  zu  veranschaulichen,  mußte  der  Futurismus  h 
nicht  Anatomie  und  Perspektive  wegwerfen. 

Daß  zerstörerische  Konsequenzen  nicht  überzeugend  notwen- 
dig oder  sogar  offensichtlich  überflüssig  waren,  trifft  noch  für 
viele  andere  Richtungen  zu,  die  seit  dem  Vorabend  des  ersten 
Weltkriegs  mehr  oder  weniger  künstlich  gemacht  wurden.  Schon 
damals  pflegte  man  mit  lauten  Manifesten  und  schreierischen 
Extravaganzen  loszugehen,  die|bald  noch  weniger  logischen  Folgen 
Platz  machten.  Ein  ihnen  allen  gemeinsamer  Zug  war  der  Mangel 
eines  Ersatzes  für  die  zerstörte  Form. 

?V??^.???e.??§'????^'  Kunst  ohne  Künstler 
Die  Richtungen,  die  eine  Leistung* wie* die" Formzerstörung  m 
für  sich  in  Anspruch  nehmen  können,  hielten  zunächst  noch  an 
einer  Aussage,  einer  Bedeutung  fest,  die  mit  der  Realität 
direkt  oder  durch  symbolische  Andeutung  verbunden  sein  konnte, 
«fahrend  eine  Autorität  wie  Jean  Dubuffet  erklärte,  die  Malerei 
könne  von  jedermann  ausgeübt  werden,  ohne  Vorbereitung  oder  tesa 
besondere  Ausbildung  und  selbst  ohne  Talent,  hatten  die  freiwili 
ligen  oder  unfreiwilligen  Vollbringer  ei%s  solchen  Programms 
dennoch  Ideen  und  Überzeugungen;  manche  von  ihnen  gehörten 
Parteien  an  und  betrachteten  ihre  Verwendung  von  Materialien 
mit  Bruchstücken  der  zertrümmerten  Form  als  Bekenntnisse  oder 
Aufrufe,  obwohl  niemand  ihre  Sprache  verstand.  Diese  Unverständi 
lichkeit  hatte  den  Vorzug,  hübsch  vielen  Kommentatoren  ein  er- 


197 

trägliches  Einkommen  zu  verschaffen,  zumal  sie  in  ihren 
Interpretationen  die  zu  erklärenden  Werke  an  Dunkelheit  nur 
noch  zu  ubertreffen  brauchten. 

Doch  auch  in  jenem  Stadium,  als  ein  vorgetäuschter  Gegen- 
stand aus  völlig  subjektiven  oder  willkürlichen  Zeichen  bestand, 
die  auf  einen  nebelhaften,  oft  selbst  ihrem  Erfinder  unverständ- 
lichen Sinn  hindeuteten,  war  der  Gegenstand  im  Prinzip  noch  ^ 
erhalten.  Erst  durch  Verwendung  von  Materialien  ohne  die  Ambi- 
tion irgend  einer  Bedeutung  und  die  Erzeugung  von  Gebilden, 
die  eine  Mitteilung  zu  enthalten  nicht  einmal  mehr  vorgaben, 
war  der  Gegenstand  endgiltig  aufgegeben.  Eine  visuell  faßbare  ± 
Aktivität,  die  jedes  Gegenstandes  entbehrte,  war  nun  oft  konse- 
quent genug,  auch  eine  Begleiterscheinung  fallen  zu  lassen,  die  | 
bis  dahin  doch  eine  Äußerlichice it  der  Kunst  geblieben  war  oder 
jedenfalls  die  Zugehörigkeit  zur  Kunst  zu  bescheinigen  hatte, 
nämlich  den  Titel.  Das  Kopfzerbrechen  über  eine  passende  Be- 
zeichnung konnte  vermieden  werden  und  jede  immerhin  verpflich- 
tende Angabe  einer  bestimmten  Bedeutung  wurde  unnötig.  Die 
Einbildungskraft  des  Betrachters  war  ihren  lockeren  Spielen 
überlassen  und  konnte  nun  alles  auslegen  wie  sie  wollte.  Die 
unbetitelten  Gegenstandslosigkeiten  sind  somit  gut  durchsichti- 
ge Repräsentanten  einer  Entwicklungsphase  kläglicher,  doch 
noch  nicht  äußerster  Verarmung. 

Es  war  nicht  3xsEgs±  Mangel  an  Folgerichtigkeit,  als  sich 
auch  ein  Materialgebrauch  einstellte,  der,  von  keiner  Intelli- 
genz geleitet,  von  der  Schwerkraft  und  andern  physikalischen 
Faktoren  besorgt  wurde  und  Menschenhände  beinahe  überflüssig 
machte.  Solche  konnten  z.B.  durch  Autoreifen  ersetzt  werden, 
die  über  frisch  hingegossene  Farben  rollten,  und  selbst  der 
Phantasieloseste  kann  ja  eine  Menge  derartiger  Effekte  verur- 
sachen und  mehr  oder  weniger  automatisch  sich  vollziehen  lassen, 
Als  Quellen  gleichsam  kreativer  Prozesse  oder  als  Zwischen- 
stadien auf  dem  Wege  zu  solchen  stehen  Tiere  mechanischen 
Faktoren  und  unbelebten  Gebilden  aller  Art  natürlich  nicht  nach 
sondern  sind  ihnen  überlegen.  Was  hingegen  der  berühmte  Künst- 
leraffe tut,  hat  mit  jeder  ähnlichen  Tätigkeit  von  Menschen 
nicht  mehr  zu  tun  als  die  Papageienstimme  mit  jeder  unserer 
Sprachen.  Vielleicht  weniger.  Denn  der  Papagei  wiederholt 
eine  Form,  deren  Sinn  er  nicht  versteht.  Der  mißbrauchte  Affe 


198 

aber  imitiert  Normlosigkeit,  die  schon  an  sich  sinnlos  war, 
sodaß  sein  Produkt  zu  potenzierter  Sinnlosigkeit  wird.  Händler 
und  Schreiber,  die  Freud  gelesen  oder  von  ihm  gehört  haben, 
pflegen  die  abstrakte  Malerei  in  ihrer  neuesten  Phase  dem 
Unbewußten  zuzuschreiben,  was  nicht  ganz  falsch  ist.  In  einer 
nichtkommerziellen  Welt  könnte  das  sogar  ernstgenommen  und 
experimentell  nachgeprüft  werden.  Der  Affe,  dessen  Stammverwandte 
nie  etwas  dem  Malen  ähnliches  taten,  da  ihnen  eine  solche  Neigmg 
abgeht,  bringt  also  auch  im  besten  Falle  nicht  seine  Psychologie 
zum  Ausdruck,  sondern  ahmt  Menschen  nach,  die  ihre  Psychologie 
auszudrücken  behaupten. 

Es  gibt  einen  Mann,  der  verdächtigt  wird,  die  Malereien 
jenes  Affen  zu  kopieren.  In  diesem  billigen  Witz  muß  eine  gewisse| 
Wahrheit  stecken,  denn  er  ist  die  Kehrseite  einer  künstleri- 
schen und  zugleich  moralischen  Realität. 

tberbleibsel^ einer  Tätigkeit 

Durch  das  Vorausgegangene  war  der  unterste  Punkt  der 
Erniedrigung  noch  nicht  erreicht.  Denn  soweit  es  den  homo 
sapiens  als  Maler  und  Bildhauer  angeht,  war  er  bisher  ganz  und 
gar  nicht  inaktiv.  Alle  Künstler  genannten  Leute,  von  den  Ver- 
tretern der  leichten  Verdrehungen  bis  zu  den  Radikalen,  die  Ex- 
plosionen und  andere  Ägsktofeg  physikalische  Vorgänge  benützen, 
um  Effekte  zu  erzielen,  tun  jedenfalls  etwas,  handeln,  zumindest 
teilweise. 

Doch  die  Erfolge  des  schon  in  der  vorigen  Phase  so  stark 
reduzierten  luns  scheinen  noch  weitere  Arbeitsersparnis  angeregt 
zu  haben.  Zusammengeschweißter  Abfall  von  Maschinenbestandteilen 
und  anderem  Metallkehricht,  die  relativ  mühelos  und  kostenlos 
ein  Skulpturales,  wenn  auch  gestaltloses  Objekt  vortäuschen, 
sind  eine  schon  hochbetagte  Mode,  die  aber  die  Arroganz  der  Neu- 
heit nicht  aufgeben  will,  solange  de\i  Nachfrage  nach  frappieren- 
der und  schockierender  Ware  noch  anhält.  Diese  Gebilde  können 
zugleich  auch  den  Ruhm  für  sich  in  Anspruch  nehmen,  Vorläufer 
einer  nicht  minder  aparten  und  dem  Erzeuger  fast  jede  Anstrengug 
ersparenden  Erfindung  zu  sein.  Der  neuerliche  Sprung  noch  weiter 
hinab  landet  auf  einer  Stufe  ohne  £  jede  Materialbearbeitung, 
auch  nicht  die  dem  Zufall  überlassene.  Arrangements  existierender 
Artikel,  wie  trivialer  Industrieprodukte,  erwecken  ja  im  phanta- 
siebegabten Besucher  des  Museums  auch  Assoziationen.  Warum  sollte 
er  sicn  denn  nichts  vorstellen,  wenn  er  Gabel  und  Messer  in  einer 


1  j  ^ 


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199 

Schachtel  sieht?  Und  warum  sollte  er  nicht  glauben,  daß  die 
Person,  die  das  Besteck  in  die  Schachtel  gelegt  hat,  von 
einer  Idee  geleitet  war? 
Nichts 

Jenseits  der  Arrangements,  die  doch  noch  Kombinationen 
von  Objekten  und  daher  von  andern  Kombinationen  von  Objekten 
verschieden  sind,  gibt  es  noch  etwas.  In  einem  allgemein  bekann-| 
ten  Museum  ist  auf  einem  Postament  einer  der  kubischen  Körper  tl 
zu  sehen,  die  aus  alten  Autokarosserien  von  Maschinen  gepreßt 
und  als  Blech  zum  Einschmelzen  auf  Gewicht  verkauft  werden. 
Ein  bald  feinerer,  bald  etwas  gröberer  Regen  von  farbigem 
Lackstaub,  der  von  dem  mißhandelten  Blech  auf  den  Fußboden 
rieselt,  sorgt  für  dauernde  Beschäftigung  des  Reinigungsperso- 
nals. 

Damit  ist  endlich  jede  persönliche  Aktivität  abgeschafft. 
Der  Mann,  dem  das  Objekt  sozusagen  zugeschrieben  wird,  hat  es 
nie  gemacht;  auch  hat  er  keine  Materialien  spielen  lassen. 
Er  hat  nicht  einmal  etwas  arrangirt,  abgesehen  vom  Arrangement 
des  Transportes  vom  Abfallplatz  ins  Museum.  Schließlich  brauch- 
te r]e  aucia  nicht  mehr  für  die  Wahl  eines  Objekts  zu  sorgen, 
denn  der  Unterschied  zwischen  einem  solchen  Block  gepreßten 
Altblechs  und  jedem  andern  ist  ebenso  groß  wie  der  zwischen 
zv/ei  Eiern  ein  und  derselben  Henne. 

Der  Gegenpol  des  Schöpferischen  scheint  damit  erreicht 

zu  sein. 

im 


Nach  dem  Nichts 
Eine  dem  nackten  Nichts  gleichzeitige  und  gleichwertige 
Geschäftigkeit  ist  auf  dem  Nullpunkt  noch  nicht  verschwunden 
und  erweist  sich  durch  diverse  Mischungen  mit  dem  und  jenem 
Etwas  auch  noch  variationsfähig.  Man  kann  z.B.  leere  Schachteln 
von  Suppenwürze  oder  von  Socken  ausstellen  und  verkaufen. 
Museen,  die  den  letzten  Schatten  entschwundener  Würde  weggebla- 
sen haben,  nehmen  so  etwas  nicht  als  kulturgeschichtliche  Kurio- 
sität auf,  sondern  in  einem  irgendwie  bewertenden  und  ihre  übri- 
gen Exponate  ergänzenden  Sinne,  und  bezahlen  für  die  leeren 
Schachteln,  die  der  Verkaufende  umsonst  auflesen  kann.  Leider 
weiß  ich  nicht  zu  sagen,  ob  diese  Künstler  "ihre"  Werke  auch 
zu  signieren  pflegen. 

Soll  dem  tiefsten  Punkt  des  Falles  die  für  immer  regungslo- 
se stille  oder  doch  noch  irgend 


eine  Erhebung  folgen?  Was  x±: 


199a 

Und  vielleicht  doch  noch  nicht.  Im  Rahmen  eines  Festival 
of  Culture  wurden  in  New  York  32  Werke  zeitgenössischer  Bild- 
hauer aufgestellt.  Einer  ließ  im  Central  Park  eine  Art  Grab 
ausschaufeln  und  dann  wieder  zuschaufeln.  Die  Leere  über  der 
flachen  Aufschüttung  nannte  er  eine  unsichtbare  Skulptur.  Ein 
sbeamte  erklärte,  ein  Kunstwerk  müsse  nicht  sichtbar  sein.  Was 
ein  Künstler  für  Kunst  halte,  sei  eben  Kunst.  (Dank  der  in 
solcher  Logik  beliebten  Einbeziehung  des  zu  Definierenden  in 
die  Definition  kann  auch  die  stillschweigende  Ernennung  zum 
Künstler  ohne  weitere  Schwierigkeiten  erfolgen. )  Daß  man  eine 
Skulptur  nicht  sehen  könne,  bedeute  keineswegs,  daß  sie  nicht 
da  sei.  Das  Phänomen  -der  Handlung  und  ihres  Kommentars  legt 
eine  böse,  schon  angesichts  des  Benehmens  mancher  Surrealisten 
seit  langem  mügliche  Ssmig  Deutung  nahe,  u.zw.  daß  wir  uns 
einer  Zivilisation  nähern,  die  durch  eine  schizophrene  Majori- 
tät bestimmt  werden  wird«  Doch  finden  wir  einigten  Trost  in  der 
Hoffnung,  daß  es  zu  einem  guten  Teil  nur  Simulation  ist,  deren 
Motiv  im  Konformismus  zu  suchen  ist. 

Daß  wir  am  Tiefpunkt  angelangt  sind,  der  die  Vorstellung 
eines  weiteren  Unterhalb  ausschließt,  ist  auch  theoretisch 
nicht  mehr  zweifelhaft  noch  bestreitbar;  und  eine  künftige 
Auferstehung  ist  ebenso  fraglich  wie  jede  Auferstehung.  Es  ist 
nichtsdestoweniger  ein  nicht  ganz  unschönes  und  nicht  ganz 
ruhmloses  Ende.  Das  verstehen  wir,  wenn  wir  uns  die  Rolle  des 
Nichts  oder  des  Leeren  in  früherer  Kunst  vergegenwärtigen. 
Damals  freilich  war  es  echte  Kunst,  eine  der  vollkommenen  Aus- 
drucksformen menschlichen  Pühlens  und  Denkens.  Als  Europa  das 
romanische  und  gothische  Mittelalter  durchlebte,  blühte  in 
China  und  Japan  eine  vom  Chan-,  bzhw.  Zen-Buddhismus  inspirierte 
Malerei,  in  deren  Meisterwerken  einzigartig  erfaßte  einzelne 
Pflanzen  oder  Tiere  den  Vordergrund  einnahmen,  während  ein 
eigentlicher  Hintergrund  fehlte  und  um  jene  Lebewesen  sich 
völlige  Leere  auf tat.  In  dem  auf  S.    zitierten  Buche  sind  die 
Traditionen,  Erlebnisse  und  Ideen  untersucht,  die  jene  Meister 
zu  so  verschwiegenem  und  doch  unvergleichlich  vollendetem  Aus- 
druck gebracht  hatten.  Im  selben  Geiste  stellte  auch  die  am 
höchsten  entwickelte  Landschaftsmalerei  Chinas  und  Japans  ihre 
Gegenstände  nur  zum  Teil  dar,  gab  aber  das  Eigentliche  andeutend, 
schweigend,  durch  eben  fa  jene  höchst  bedeutungsvolle  Leere. 
Ein  äußerst  beschränktes  Maß  an  Darstellung  wurde  so  der  Weg 


199b 

Wegweiser  zum  Unausgesprochenen  oder  Unaussprechlichen,  Europa 
hat  hie  und  da  einigermaßen  Ähnliches  hervorgebracht,  wie  in 
einigen  Werken  Dürers,  aber  auch  Kaspar  David  Friedrichs  Land- 
schaften sind  jenen  verwandt«  Alle  jene  Erlebnisse  des  leeren 
Raumes,  dem  persischen  horror  vacui  diametral  entgegengesetzt, 
waren  aber  wie  dieser  letztere  unverkennbar  echt,  stammten  aus 
kollektiven  und  persönlichen  Tiefen,  nichts  in  ihnen  war  künst- 
lich oder  gemacht  -  oder  "leer"  im  abendländischen  Sinne • 

Wenn  wir  uns  von  der  unsagbar  tiefen  zur  unsagbar  flachen 
Leere  zurückwenden,  fällt  uns  ein  Trick  auf,  den  die  abstrakte 
Malerei  und  Skulptur  unseres  Jahrhunderts  schon  durch  ihr  bloßes 
Auftauchen  vorausgenommen  hatte.  Die  durch  die  Sinne  auf  unser 
Seelenleben  direkt  einwirkenden  Funktionen  von  Formen  und 
Farben  waren  ja  seit  Menschengedenken  ein  wesentlicher  Zug 
jeder  echten  Kunst  gewesen,  doch  waren  sie  den  Betrachtern  figus 
raier  Werke,  und  auch  den  Schaffenden  selbst,  selten  zu  Bewußt- 
sein gekommen.  Kaum  daß  sie  in  unserem  Jahrhundert  theoretisch 
recht  entdeckt  waren,  bemächtigte  sich  ihrer  aber  schon  eine 
Praxis,  isolierte  sie  als  Rezept  zum  Schaffen  und  verselbstän- 
digte sie.  Die  auf  sich  allein  gestellten  Wirkungen  der  Formen 
und  Farben  wurden  also  durch  eine  ziemlich  einfache  Manipulation 
zur  abstrakten  Kunst.  Ein  aus  der  pluralistischen  Gesamtheit 
der  Elemente  des  Kunstschaffens  herausgegriffener  Faktor  war 
zum  Alleinherrscher  eingesetzt.  Analog  geht  es  nun  der  Idee  der 
Leere,  deren  Positivität  und  Größe  auf  der  Zusammenwirkung  mit 
andern  Elementen  beruht  und  deren  Sinn  in  einem  Antagonismus 
bestanden  hatte.  Indem  nun  das  entgegengesetzte  Element  fehlt, 
das  der  leere  ihren  Sinn  gibt  wie  es  ihn  auch  von  ihr  empfängt, 
versinkt  alles  in  Sinnlosigkeit. 

Es  ist  dennoch  fast  versöhnend,  oder  doch  tröstend,  daß 
das  heutige  Ende  der  Kunst  dank  einem  Berührungspunkt  an 
schöpferische  Größe  erinnert. 


200 

eigentlich,  war  es,  das  stirbt  oder  starb?  Es  war  gewiß  nicht 
die  Kunst  als  Wesenheit  oder  Prinzip,  die  den  Phasen  des  hier 
nachgezeichneten  Prozesses  zum  Opfer  fiel.  Es  war  nur  einTeil 
von  ihr,  aber  eben  dieser  Teil  ist  die  Hauptmasse  des  westli- 
chen Kunstlebens  und  nimmt  alle  seine  Schlüsselstellungen  ein. 
Die  einzelnen  Ergebnisse  dieser  Tatsache  sollten  nicht  über- 
raschen. Die  Macht  über  das  Kunstleben  ist  in  unserer  Generation 
zu  einem  totalitären  Regime  geworden,  wie  es  deren  mehrere  gege- 
ben hat  und  nocj^ibt.  Die  Macht  wird  relativ  milde  ausgeübt. 
Die  Freiheit , ganz  anders  zu  schaffen,  ist  dem  eigensinnigen 
Künstler  im  demokratischen  Staat  tefe  durch  kein  Gestz  genommen, 
aber  seine  Freiheit,  zu  verhungern,  unterliegt  auch  keiner  Be- 
schränkung. Die  Milde  der  Anwendung  ist  nicht  der  einzige  Maß- 
stab der  Macht,  Die  Herrschaft  tut,  was  sie  mag;  solange  sie 
sich  noch  hält,  kann  niemand  sie  nach  Recht  und  Wert  fragen. 
Wie  die  politische  Diktatur  Waffen,  Generäle,  Banken,  Schulen 
und  alles  übrige  hat,  besitzt  auch  das  Kunstregime  alle  Insti- 
tutionen, Personen  und  sämtliche  Mittel,  voi?  allem  die  zur 
Beherrschung  der  öffentlichen  Meinung.  Doch  wie  es  zur  Zeit 
des  Zusammenbruchs  einer  Diktatur  überraschen  muß,  daß  die 
plötzlich  zum  Vorschein  komme ndeh  Gegenkräfte  überhaupt  noch 
vorhanden  waren,  ist  es  fast  wunderbar,  daß  es  während  des 
ganzen,  anscheinend  restlosen  oder  randlosen  Schrumpfungs- 
prozesses auch  schöpferische  Arbeit  gegeben  hat,  die, vom 
Gefühl  einer  zeitlosen  Sendung  inspiriert,  in  einer  so  langen 
Nacht  nicht  unterging.  Jedes  totale  Regime  hat  immer  behauptet, 
im  Namen  einer  Generation  oder  einesZeitalters  zu  handeln, 
mit  der  Exklusivität,  die  im  Gefolge  der  Totalität  stillschwei- 
gend zu  erscheinen  pflegt. Doch  war  dieä  Uachwelt  schon  in  man- 
chen Fällen  unverhofft  schnell  zum  Richter  eingesetzt.  Was 
immer  der  Kultur  bevorstehen  mag,  kann  Ausdauer  wie  schon  so 
oft  auch  für  uns  zum  Kriterium  unseres  Glaubens  und  unserer 
Kraft  v/erden. 

Obwohl  das  theoretische  Ende  dessen,  was  sich  noch  moderne 
Kunst  nennt,  als  Ergebnis  ihrer  inneren  Entwicklung  bereits 
eingetreten  ist,  wird  sie  voraussichtlich  noch  von  vielfachen 
und  zähen  Wiederholungen,  Auffrischungen  und  Scheinneuheiten 
gefolgt  sein, Schließlich  aber  müssen  die  Substanzreserven  der 
lebendig  und  unberührt  gebliebenen  Kunst  sichtbar  werden. 


201 


Eine  zusätzliche  Klarstellung 

Im  Eingang  dieses  Versuches  über  die  Kunst  unserer  Zeit 
als  deren  Symptom  habe  ich  zwar  hervorgehoben,  daß  ich  hier  nur 
dem  Entwicklungsweg  der  Majorität  nachgehe,  ohne  Einbeziehung 
stark  unterschiedener  oder  entgegenwirkender  Minoritäten  wie 
auch  ausgesprochen  individuellen  Schaffens,  das  nicht  zugleich 
kollektiven  Erscheinungen  kongruent  oder  auch  nur  parallel  ist. 
Nun  scheint  es  aber  notwendig,  zur  Vermeidung  von  Verwechslungen 
des  persönlichen  Ideals  zu  gedenken,  das  mir  auch  bei  dieser 
sachlichen  Analyse  der  Mehrheitsentwicklung  vorschwebt.  Dieses 
Ideal  bekennend  zu  erwähnen  und  zu  nennen,  ist  eher  ein  Recht 
als  eine  Pflicht,  denn  auch  ohne  eine  intensive  Beziehung  zu 
bestimmten  Möglichkeiten  und  Wegen  schöpferischen  Ausdrucks 
war  der  analytische  Überblick  über  die  jüngste  Vergangenheit 
der  Kunst  berechtigt  und  zwingend.  Was  jenem  gesamten  Verfalls- 
prozeß diametral  entgegengesetzt  ist,  ist  eine  Kunst,  sei  es 
eine  in  historischer  oder  gegenwärtiger  Wirklichkeit  bestehende, 
sei  es  eine  nur  als  Vision  existierende,  die  den  Ausdruck  des 
gesamten  Menschen  bildet. 

Die  bis  in  das  Nichts  geratene  Wertreduktion  hat  aber  auch 
ein  anderes  Gegenteil.  Es  ist  die  glatt  imitative  Malerei  und 
Bildhauerei,  das  gefällig  Gestrige,  das,  mit  Recht  oder  Unrecht, 
von  Vielen  imiaer  noch  akademisch  genannt  wird.  J?ür  die  Malerei 
erübrigen  sich  wohl  nähere  Hinweise  und  Beispiele.  In  der  Bild» 
nerei  ist  es  das  Abgleiten  ins  Niedliche,  aufgewärmtes  Genre, 
theatralisches  Pathos,  bombastischer  Monumentalitätsersatz, 
und  noch  manche  Entartung  an  den  Grenzen  künstlerischer  und 
moralischer  Dekadenz.  Im  vorigen  Jahrhundert  wurden  manche 
Bildhauer  mechanischer  Abgüsse  nach  der  ^atur  bezichtigt;  neuer- 
dings gibt  es  solche,  die  sich  derartigen  Diebstahls  nicht  ein- 
mal schämen  und  ihn  eine  persönliche  Methode  nennen.  Mit  dem 
Ablauf  der  "modernen"  Wertverlassenheit  bis  in  ihre  Schlußphasen 
verglichen,  erscheint  der  aufgefrischte  Akademismus  weitaus  ein- 
heitlicher und  stabiler,  einer  dem  Ursprung  verbundenen  Kunst 
aber  nicht  weniger  fern.  Nur  das  die  glatte  Seite  des  Niedergangs 
ein  anderes  Vorzeichen  aufweist  und  der  Unterschied  sie  eher  zur 
Karrikatur  des  Vorbildes  macht.  Wie  etwa  Kleidung  zu  den  Attributen 
von  Leuten  zu  gehören  pflegt,  ein  Anzug  darum /aber  doch  kein 


202 

Menscfcjist,  hat  auch  der  imitative    Faktor  einen  Anteil  am 
Schaffen,  ohne  seihst  ein  Schaffen  zu  seinx  oder  dessen  andere 
Faktoren  ersetzen  zu  können.  Eine  im  vollen  Sinne  menschliche 
Ausdruckskunst  hat  mit  den  neuesten  Auflagen  eines  hilligen 
Akademismus  nicht  mehr  zu  tun  als  mit  den  Konformismen  der 
andern,  der  sumpfigen  Seite,  Auch  dem  Akademismus  steht  eine 
Fassadendekoration  zur  Verfügung,  hinter  der  die  Ode  heute 
geschickter  verdeckt  werden  kann  als  im  vorigen  Jahrhundert. 
So  ist  echte  Kunst  nicht  eines  von  zwei  Lagern,  sondern  befindet 
sich  heute  in  dem  schwierigen  Raum  zwischen  zwei  Lagern.  Es 
geht  ihr  also  wie  der  Menschlichkeit. 

Ein  Wort  über  Musik 

In  der  Musik  bezeichnet  schon  die  Atonalität  den  Sprung 
ins  Leere,  von  dem  aus  alle  weiteren  Sinnwidrigkeiten  und  Sinn- 
losigkeiten ungehemmt  in  die  platte  Unmusikalität  führen. Von 
der  Formlosigkeit  läßt  sich  auch  hier  ein  Taumeln  und  Stürzen 
oder  ein  haltloses  Geschleudertwerden  durch  entsprechende  Sta- 
dien der  Zersetzung  bis  zur  Verdunstung  verfolgen.  Als  Verdun- 
stung erscheint  in  der  Musik  die  jedem  Werturteil  und  jeder 
ästhetischen  Terminologie  entzogene  Kakophonie,  die  nicht  nur 
ohne  Schönheit,  sondern  auch  ohne  besondere  Häßlichkeit  ist, 
aus  effektlosen  Effekten  besteht,  durch  nichts  markant  und 
weder  durch  Können  noch  durch  eine  Verbindung  mit  dem  Menschlie 
chen  legitimiert.  Auch  solche  Exhibition  hat  natürlich  ihre 
Wortf ührer,  und  auch  diese  berufen  sich  mit  Vorliebe  auf  die 
freie  Assoziation  nach  Freud.  Durch  diesen  Anspruch  leisten 
sie  ihrer  Sache  jedoch  einen  schlechten  Dienst.  Die  Psychoanalyse 
hat  die  freie  Assoziation  als  Äußerung  des  Unbewußten  entdeckt 
und  verwendet  das  systemlose  Reden  und  Verhalten  als  einen  ihrer 
direkt  diagnostischen  und  indirekt  auch  therapeutischen  Zugänge 
zum  Unbewußten.  Die  Leute,  die  das  als  Rezept  zum  Schaffen 
benützen  wollen,  tun  aber  nichts  analoges,  sondern  mißbrauchen 
eine  wissenschaftliche  Entdeckung,  indem  sie  sie  verkehrt  imitie- 
ren. Denn  bei  ihnen  geht  es  nicht  von  innen  nach  außen,  sondern 
nur  von  außen  nach  außen. 

Ein  Wort  über  Lyrik 

Den  gleichen  Zerfall  v/eist  vorderhand  nicht  die  ganze  Lite- 
ratur auf,  sondern  nur  die  Lyrik  tendiert  mit  aller  Kraft  zu  ihm. 


Das  Wegwerfen  des  Reimes  wurde  nach  und  nach  mit  der  Abschaffung 
der  Dokumentation  elementaren  Könnens  gleichbedeutend,  gewährte 
jedermann  Durchlaß  in  die  bahnlose  Wüste  des  outriert  Formlosen, 
des  Gestammels,  das  es  dem  Leser  überläßt,  sich  zu  denken,  was 
er  sich  besser  ohne  solche  Lektüre  gedacht  hätte.  Dem  Warenpro- 
duzenten, der  nichts  zu  bieten  hat,  ermöglicht  es,  den  Kunden 
die  von  ihnen  selbst  mitgebrachte  Ware  zu  verkaufen.  Was  ohne 
merkliche  Einmischung  des  kritischen  Verstandes  oder  eigentlich 
nach  dessen  zu  Konvention  und  Mode  gewordener  Vertreibung  in 
einem  Zug  niedergeschrieben  ist,  kann  nur  ein  echtes  Kunstwerk 
oder  ein  echtes  Nichts  sein,  und  das  letztere  ist  es  leider  oft. 


Die  Kunst  der  Jjeit__alg_^ 
£ijg^istori s^b^e  _ParalJtele 

Angesichts  der  Schrumpfung  mehrerer  Künste  bis  zum  Null- 
punkt und  ihres  unruhigen,  aber  langen  Verharrens  auf  diesem 
erhebt  sich  die  Präge,  wie  das  einer  Zeit  widerfahren  konnte, 
die  an  Schicksal  so  überreich  ist,  an  Konflikten,  Schmerzen, 
Spannungen,  Bedrohungen  und  ganz  schweren  Ladungen  jeder  Art. 
Sollte  etwa  die  Überfülle  des  nach  Ausdruck  Verlangenden  zu 
dieser  einzigartigen  Ausdruckslähmung  geführt  haben?  Wir  erinnern 
uns  der  nach  innen  zu  öffnenden  Saaltüren,  die  sich  im  Falle 
eines  Alarms  umso  fester  schließen,  je  stärker  die  eingeschlossene 
-enge  nach  außen  drängt,  ohne  daß  diese  Kraft  bis  zum  Durchbruch 
anwächst.  Die  Frage  des  Ausmaßes  der  drängenden  Kraft  im  Verhält- 
nis zur  Stärke  der  geschlossenen  Türen  wird  der  Lage  unserer  Ge- 
neration zum  Gleichnis. 

Riesenverluste  an  schöpferischen  Fähigkeiten  sind  der  Mensch- 
heit nicht  zum  ersten  Male  in  unsern  Tagen  widerfahren.  Ähnliches 
hat  sich  schon  in  den  dem  Paläolithikum  direkt  gefolgten  Epochen 
ereignet,  aber,  seltsam  genug,  die  uns  zeitgenössischen  Vorgän- 
ge scheinen  uns  an  sich  eher  einfach  zu  sein,  und  nur  die  Frage 
nach  ihren  Ursachen  führt  zu  weitgehenden  Komplikationen.  In 
Jenen  prähistorischen  Fernen  scheint  das  Phänomen  an  sich  kom- 
plex, sodaß  schon  dessen  beschreibende  Wiedergabe  auf  Schwierig- 
keiten stößt.  Unter  allen  Menschenwerken  ist  es  die  erhaltene 
Kunst,  die  jene  Prozesse  am  deutlichsten  enthüllt. 

Schon  im  Ausgang  der  großen  diluvialen  Kulturen  gerät  das 
gemalte  Bild  in  eine  gewisse  Schematisierung,  das  Verständnis 
für  Körperhaftigkeit  und  volle  Realität  weicht  einer  Wiedergabe 


204 

in  weitaus  geringerer  Intensität,  der  Wunsch  nach  Arbeits- 
ersparnis macht  sich  "bemerkbar.  Die  Gestalt  wird  proportional 
in  die  Länge  gezogen  und  das  malerische  Verfahren  wird  durch 
eine  Strichen  ähnliche  Ausführung  von  Figuren  abgekürzt,  zum 
Ersatz  eingehender  Darstellung  wird  die  Andeutung.  Das  Abbild 
des  Menschen  und  des  Tieres  verfällt  einer  Typisierung,  die  es 
fast  schon  zur  Bilderschrift  macht;  in  einer  der  westeuropäischen 
Kulturen,  in  der  von  Mas  d1  Azil  in  Südfrankreich,  ist  der  Über- 
gang zu  dem  auf  knappe  Mitteilung  beschränkten  Schriftzeichen 
bereits  vollzogen. 

Dann  aber  kommt  jene  nahezu  kulturlose  Öde,  wie  sie  etwa  st 
durch  das  Campignien  und  das  Camp-de-Chasseen  repräsentiert  wird, 
offenbar  von  totalem  Erlöschen  der  Menschenwerke,  und  zu  einem 
großen  Teil  der  Renschen  selbst,  begleitet  und  gefolgt.  Während 
der  Grient  in  fortgesetzter  Folge  wirkt  und  gedeiht,  ja  sogar 
kraftvoll  aufsteigt,  tut  sich  in  der  Entwicklung  Europas,  ganz 
deutlich  im  Westen  und  in  der  Mitte,  jene  Kluft  auf,  die  ältere 
Prähistoriker  als  Hiatus  bezeichneten.  Nur  dieser  macht  uns  das 
europäische  Neolithikum  als  aus  völliger  Voraus setzungslosigkeit 
erwachsen,  als  nochmaligen  Anfang  von  Grund  auf,  verständlich.4-8), 

48)  Wer  weiß,  ob  sich  nicht  in  der  Entstehung  der  neolithischen 
Kunst  etwas  ganz  Frühes  wiederholt,  nämlich  eine  dem  Jungpaläo- 

lithikum,  den  späteren  Epochen  der  Altern  Steinzeit,  vorausgegan- 
gene Kunstübung,  die  der  ältesten  erhaltenen  Malerei  noch  völlig 
unähnlich  oder  entgegengesetzt  gewesen  sein  mag  und  von  der  wir, 
offenbar  wegen  ihrer  ephemeren  Materialien,  absolut  nichts  wissen 
und  nie  etwas  wissen  werden.  Wie  auch  eine  Urmalerei  vorstellbar 
ist,  die  lange  vor  der  ersten  Anwendung  der  haltbaren  Farbstoffe 
in  Blut  ausgeführt  worden  sein  könnte  und  rapid  verdarb.  Diese 
Vermutung  über  die  ersten  Versuche  liegt  angesichts  der  durch 

den  Rückschluß  wahrscheinlichen  Motive  der  frühesten  Tiermalerei 
nahe    DaS  frütieste  erhaltene  rfralmaterial  ,der  braunrote , mit  Baumharz 
•  verflüssigte  Bleitri oxydstaub, würde  sich  so  als  der  difchlV 
Der  neolithischen  Menschheit,  von  der  viele  Stämme  nicht  s 

ausgestorben,  sondern  zu  unseren  realen  Ahnen  geworden  sind, 

haben  wir  uns  noch  weniger  zu  schämen  als  unserer  viel  früheren 

Ebenbilder,  von  denen  wir  jedoch  nicht  abstammen.  Die  Jüngere  ä 

Steinzeit  hat  eine  Ornamentik,  die  keineswegs  zu  der  p&tpaläo- 

lithischen  Schematisierung  in  Beziehung  gesetzt  zu  werden  braucht 

und  wahrscheinlich  nicht  als  verkümmerte  Figur,  sondern  als  ein 

Ursprüngliches  zu  erklären  ist,  als  ein  Zeichen,  ein  symbolisches 


205 

Festhalten  von  Erlebtem,  Realem  oder  Vorgestelltem;  als  ein 
dauernder  Ersatz  für  Flüchtiges  oder  Entschwundenes.  Vom  Geschau- 
ten oder  Vorgestellten  enthalt  das  Zeichen  nur  ein  Teilchen, 
eine  pars  pro  toto,  die  von  der  Phantasie  ergänzt  wird.  Als 
Zeichen  ist  jede  Zier  selbständig,  eine  Projektion  des  Erinnerns 
und  Denkens,  die  Verkörperung  eines  seelischen  Vorgangs.  An  sich 
steht  das  Ornament  also  auf  einer  höheren  Stufe  des  Schöpferi- 
schen als  eine  nur  imitative  Kunst.  Auch  wenn  wir  seinen  Sinn 
nur  vermuten  und  nicht  deuten  können,  müssen  wir  diese  Größe 
anerkennen. 

Diesem  höchst  Positiven  entspricht  aber  in  denselben  neo- 
lithischen  Kulturen  eine  tiefe  Negation,  denn  sie  entwickeln 
auch  eine  figurale  Kunst,  und  diese  müßte  als  gänzlich  degenera- 
tiv aufgefaßt  v/erden,  wenn  sie  nicht  ein  Anfang,  eine  Serie 
traditionsloser  Versuche  wäre.  An  Stelle  der  Dreidimensionalität , 
der  glyptischen  wie  der  mit  malerischen  Mitteln  erreichten, 
stenen  wir  nun  vor  unanatomischen  Blöcken  und  Platten,  deren 
Köpfe  und  Hände  unorganisch  eingezeichnet  oder  angesetzt  wirken  . 
Der  Bildhauer,  der  eine  Gestalt  mit  einem  Gegenstand  in  der 
nand  zeigen  will,  ist  nicht  imstande,  eine  Verbindung  von  Hand 
und  Gestalt  zu  veranschaulichen,  das  eine  bleibt  vom  andern 
losgelöst,  fernab  jeder  Funktionalität.  Der  offenbar  neuartigen» 
aus  den  wurzeln  des  Menschenwesens  stammenden  Fähigkeit  steht 
also  auf  der  andern  Seite  des  Schaffens  jener  Periode  eine  er- 
staunliche, wenn  auch  nicht  unerklärliche  Unfähigkeit  gegenüber. 
Eine  gewisse  Scheu  vor  dem  Darstellen,  oder  vor  der  darzustel- 
lenden Gestalt,  scheint  der  ursprüngliche  gemeinsame  Nenner 
jenes  Positiven  und  dieses  Negativen  zu  sein,  indem  jene  Scheu 
einerseits  zum  Ersatz  des  Darstellens  durch  das  symbolische  Zei- 
chen, anderseits  zu  einem  infolge  der  Übermacht  der  Gegenkräfte 
so  unvollkommenen  Darstellen  führt.  Der  Grund  einer  solchen  Scheu 
mag  in  Schuldgefühlen  zu  suchen  sein.  Die  Dargestellten  werden 
auf  der  frühesten  Stufe  erschlagene  und  vergöttlichte  Väter  gewe- 
sen sein,  sowie  ^uttergöttinnen,  auf  die  auch  andere,  u.zw.  sozio- 
logische Spuren  hinweisen,  vor  allem  Legenden  und  ethnographische 
Analogien.  Scheinerfahrungen  an  Toten,  auf  die  wir  bei  einer 
späteren  Gelegenheit  zurückkommen?:  (S.     )  und  die  sich  auch  mit 
der  dort  vorgebrachten  Auffassung  von  den  Gründen  für  die  Sitte 
der  Bestattung  decken,  machen  uns  sowohl  das  Schuldgefühl  an  sich 
als  auch  dessen  weitere  Auswirkungen  verständlich. 

In  unserer  Zeit  hat  ein  ähnlicher  Verfall  des  f iguralen 


206 

Könnens  stattgefunden,  der  mit  der  dem  Ornament  artverwandten 
Abstraktion  zusammen  auftrat. Als  diese  noch  nicht  eine  ver- 
altete Mode  und  abgegriffene  Scheidemünze  war,  hatte  auch  sie 
einen  Sinn,  wenn  auch  einen  zumeist  schwer  verständlichen; 
aber  die  Erfahrung,  daß  ein  Sinn, ob  er  gedeutet  werden  konnte 
oder  nicht,  zur  stillschweigenden  Voraussetzung  wurde,  machte 
ihn  schließlich  überflüssig,  denn  im  Massenbetrieb  unserer 
Großstädte  ging  es  auch  ohne  Sinn.  Zugleich  bekam  die  noch 
weiter  verbilligte  Abstraktion  einen  andern,  einen  soziolo- 
gischen Sinn,  nämlich  als  richtiger  und  getreuer  Ausdruck  einer 
Gesellschaft,  die  wohl  nichts  mehr  auszudrücken  hat. 

Auch  das  Motiv  der  Scheu  kehrt  jetzt  in  veränderter  Gestalt 
wieder.  Nun  ist  es  die  Scheu  vor  der  eigenen  Substanzlosigkeit , 
die  man  als  selbstverschuldet  empfindet  und  die  man  sich  doch 
nicht  eingestehen  will.  Der  Anblick,  der  den  Leuten  den  Einblick 
in  ihre  Hohlheit  erspart,  ist  für  sie  fast  so  wertvoll  geworden 
wie  für  Museen  und  Sammler  das  viele  investierte  Geld«  Schon 
des  Geldes  wegen  mußte  sich  im  neuesten  Kunstbetrieb  ein  der  es 
revolutionären  Phraseologie  der  Proklamationen  auffallend 
widersprechender  und  selbstverständlich  lebhaft  bestrittener 
Konservativismus  herausbilden,  der  den  kläglichen,  aus  einer 
Summe  von  Verlusten  bestehenden  Besitz  zäh  und  verwegen  vertei- 
digt, aber  anderseits  in  seinen  leidenschaftlichen  Gegenangriffen 
zeigt,  daß  er  nichts  zu  verlieren  hat.  Sind  das  nicht  ziemlich 
deutliche  Alterserscheinungen? 

Die  Ähnlichkeit  zwischen  dem  Neolithikum  und  unserem  Jahr- 
hundert entspricht  der  Ähnlichkeit  zwischen  Kindheit  und  Greisen- 
alter. Die  Zivilisation  der  Jüngern  Steinzeit  war  ein  Anfang, 
die  unseres  Jahrhunderts  scheint  in  mancher  Beziehung  ein  Schluß- 
kapitel zu  bilden;  das  Prühe  und  das  Späte  werden  zuweilen  allzu 
ähnlich.  Ob  dieses  Späte  dem  Ende  oder  einem  neuen  Beginn  voraus- 
geht, hängt  sicherlich  von  dem  gesamten  der  Menschheit  bevorste- 
henden Schicksal  ab,  zu  einem  gewissen  Teile  also  von  uns  selbst, 
Angesichts  des  im  Schaffen  zum  Ausdruck  kommenden  Alterszustandes 
und  anderseits  der  präzedenzlos  gefahrvollen  Dynamik  dieser  Zeit 
muß  unsere  Sorge  wachsen.  Beeilen  wir  uns  nicht,  einzelne  Anzei- 
chen einer  Umkehr  im  heutigen  Kunstbetrieb  optimistisch  zu  deuten. 
Noch  ist  seine  ganze  Macht  kein  paper  tiger,  sondern  ein  Sklaven- 
reich von  gigantischen  Ausmaßen,  das  den  Höhepunkt  seiner 


207 

Totalität  aber  wohl  schon  erreicht  hat.  Einer  viel  stilleren, 
doch  lebendigen  und  nicht  minder  zähen  Minorität  bleibt  so 
eine  gewisse  Hoffnung,  daß  alles  das  nicht  das  letzte  Wort 
der  Geschichte  gewesen  sein  wird;  daß  also  das  Werk  der  mitten 
im  Neolithikum  des  20, Jahrhunderts  schaffenden  Opposition 
einer  bessern  Kultur  den  Weg  bahnen  wird. 


208 


VI 


DIB  SITUATION  DER  MENSCHHEIT  :  TIEFSTE  SCHATTEN  UND  EIN  WENIG  LIGHT 


Unsere  Generation  ist  in  Katastrophen  sozusagen  spezia- 
lisiert. Unsere  heutige  Kenntnis  der  alten  Geschichte  und 
dieser  neuen,  die  wir  mehr  oder  weniger  am  eigenen  Leibe  er- 
fahren haben,  wie  auch  einiger  Einblick  in  die  Natur  ringsum 
sowie  in  dieWeiten  der  Astronomie    und  schließlich  in  die  für 
uns  neue  Welt  des  Atoms,  ermöglichen  uns  den  Versuch,  Kata- 
strophen zu  klassifizieren.  Versuchen  wir  es  quantitativ, 
nachjihrem  Umfang. 

Das  Sterben  als  Ende  des  individuellen  Lebens  ist  an  sich 
nicht  katastrophal.  Wenn  das  pflanzliche,  tierische  oder  mensch- 
liche Individuum  das  der  Norm  seiner  Art  entsprechende  Alter 
erreicht  hat,  tritt  der  Tod  als  integraler  Teil  der  ^atur  in 
Kraft.  Das  Leben  erlischt,  der  verwesende  Organismus  wird  zum 
Baustoff  für  andere  Organismen,  verläßt  also  den  Kreislauf 
des  Lebens  nicht.  Nur  dem  Menschen  erschien  sein  Verv/esen  von 
altersher  als  Greuel.  Er  machte  schon  in  der  Altern  Steinzeit 
eine  Erfahrung,  die  er  als  Rache  der  Toten,  für  Tötung  oder 
anderes  Leid,  deuten  mußte,  indem  Lebende,  die  mit  einem  Leich- 
nam in  Berührung  kamen,  ihrerseits  erkrankten,  starben,  verwe- 
sten und  Lebende  schlugen.  So  wird  er  zwei  Methoden  der  Un- 
schädlichmachung erfunden  haben,  das  Begraben  und  das  Verbren- 
nen, deren  Anfänge  mit  dem  frühesten  Ackerbau,  also  mit  den 
Anfängen  der  neusteinzeitlichen  Kulturen  zusammenfallen.  Das 
wird  angesichs  der  mit  der  Landwirtschaft  einsetzenden  Boden« 
ständigkeit  verständlich*  Dem  nomadischen  oder  halbnomadischen 
paläolithischen  Menschen  hatten  die  unbegrabenen  Toten  weit 
weniger  geschadet  als  dem  seßhaften  Bauer.  Schwere  Steine  auf 

Gräbern  waren  gewiß  die  den  primitiven  sAild  gefühlen  und 
Befürchtungen  entstammenden  Vorsichtsmaßnahmen  gegen  das  etwa- 
ige Herauskommen  der  Toten.  Später  wurde  der  Brauch  beibehalten, 
aber  umgedeutet  und  verschönert,  indem  er  zum  Schutz  des  Toten 
wurde,  vor  dem  Getier,  das  ihn  fraß.  Aus  den  Schuldgefühlen 
erwuchs  überdies  das  Streben,  den  Toten  durch  Ehrung  oder 
Anbetung  zu  beschwichtigen,  und  die  das  Grab  beschwerenden 


209 

Steine  erhielten  den  Sinn  dieses  Kultes  und  schließlich  den 
der  von  Furcht  befreiten  Erinnerung.  Der  Wunsch  nach  möglichst 
sicherer  Beseitigung  war  von  der  Tendenz  zui?  symbolischen 
Verewigung  gefolgt,  der  Verschluß  des  Gefängnisses  wurde 
zum  Monument. 

Im  Kräftespiel  der  Wünsche  erstand  der  barbarischen 
Tötung  und  Beseitigung  noch  ein  Gegenspieler,  das  Bemühen 
um  Erhaltung  des  Toten  mit  chemischen  Mitteln  und  Räucherung. 
Die  Mumifizierung  ist  ein  kühner,  im  Grunde  unfrommer  Versuch, 
den  verschiedenen  König  und  andere  Prominente  dem  Kreislauf 
zu  entziehen,  die  Rückkehr  dieser  Individuen  in  das  Leben 
der  Gesamtnatur  zu  verhindern.  Erst  für  die  aus  solcher 
Überkompensation  erwachsene  Maßlosigkeit  der  Anhänglichkeit 
und  Trauer  wurde  das  individuelle  Ende,  was  es  an  sich  nicht 
ist,  zur  Katastrophe. 

.Venn  hingegen  ein  Reicher  plötzlich  verarmt,  ein  Herrscher 
abgesetzt  wird,  ein  Liebling  der  ^enge  ins  Gefängnis  kommt, 
wenn  ein  Laier  sein  Augenlicht  verliert,  eine  Tänzerin  ein  Bein 
bricht,  ein  gefeierter  Sportler  zum  Krüppel  wird,  wenn  junge 
Bäume  gefällt  und  junge  Tiere  von  Jägern  ihrer  Mutter  beraubt 
oder  selbst  getötet  werden,  sind  das  individuelle  Katastrophen  , 
auch  wenn  der  Betroffene  einer  Verfehlung  bezichtigt  oder  von 
eigenen  Schuldgefühlen  angeklagt  wird,  sodaß  die  Deutung  das 
Geschehnis  zur  Strafe  macht. 

jj'euer,  das  ein  üaus  oder  mehrere  Häuser  und  das  Hab  und 
Gut  einer  Familie  oder  mehrerer  Familien  zerstört,  ist  eine 
der  kleinen  kollektiven  Katastrophen.  Eine  umfangreiche  ifeuers- 
brunst,  Hochwasser  0der  ein  Erdrutsch  verändern  den  Maßstab. 
Die  kriegerische  Einnahme  einer  Stadt  bedeutete  seit  Menschen- 
gedenken iiiedermetzelung,  Raub  und  Versklavung.  Aufruhr  der 
Atmosphäre  in  den  großen  Stürmen  und  ebenso  Erdbeben,  wie  erwei- 
terte Kämpfe  von  Menschen  gegen  Menschen,  Revolutionen,  Gegen- 
revolutionen und  andere  Zerrüttungen,  sind  regionale  Katastro- 
phen. Solche  umfassen  schließlich  ganze  Länder  und  Völker  und 
haben  in  den  beiden  Weltkriegen  den  vorher  nie  gekannten  Um- 
fang erreicht.  Während  der  erste  Weltkrieg  noch  ein  Kampf  von 
Armeen  gegen  einander  war,  wurde  der  zweite  zur  Katastrophe 
für  ausgedehnte  Zivilbevölkerungen,  die  einen  ansehnlichen 
Teil  der  Menschheit  bildeten.  Was  Renschen  weiterhin  gegen 
menschen  planen,  um  die  meisten  Angehörigen  der  eigenen  Art 


210 

zu  ermorden  und  das  eigene  Volk,  die  eigene  Pamilie  und  sich 
selbst  der  Ermordung  preiszugeben  und  diese  blühende  Erde  zur 
Wüste  zu  machen,  wollen  nur  Wenige  wissen,  aber  Alle  wissen  es. 
Was  darüber  hinausgeht,  verstehen  wir  wohl  noch,  doch  fehlt 
unsepem  Verständnis  volle  Anschaulichkeit.  So  verstehen  wir  nur 
halb  anschaulich,  daß  ein  Planet  bersten  und  aus  sich  einen 
neuen  Körper  hervorschleudern  kann,  der  als  Komet  durch  den 
Raum  stürzt,  bis  er  in  einer  regelmäßigen  Bahn  zum  Planeten 
wird.  Planeten  können  buchstäblich  zusammenstoßen  oder  kann 
Annäherung  unter  elektrischen  Entladungen  ihre  Achse  verschie- 
ben. Solche  Katastrophen,  die  wir  tellurisch  nennen,  wenn  sie 
die  Erde  betreffen  oder  in  Mitleidenschaft  ziehen,  haben  sich 
offenbar  nicht  nur  lange  vor  der  Geburt  der  Menschenrasse  und 
noch  vor  der  Entstehung  frühester  Organismen  ereignet,  sondern 
noct(in  historischen  Zeiten,  wie  Immanuel  Velikovsky  in  seinen 
Büchern  49)  durch  Gohr  umfangreiches  physikalisches,  astrono- 

e±ss±ss49)  vVorlds  in  Collision,  1950;  Ages  in  Chaos,  1952; 

Earth  in  Upheaval,  1955;  Oedipus  and  Akhnaton,  i960 

misches  und  archäologisches  Material  und  durch  auffallend 

übereinstimmende  Stellen  aus  den  antiken  Literaturen  beider 

Hemisphären  belegt  50). 

50)  In  einem  noch  fortdauernden  Streit  amerikanischer 
Wissenschaftler,  in  dem  die  Mehrheit  seine  Theorien  be- 
kämpfte, brachte  das  Eintreffen  einiger  seiner  Voraussagen 
manche  seiner  bedeutendsten  Gegner  auf  seine  Seite. 

Es  gibt  aber  noch  weitaus  größeres  Verheerungen,  deren 
Polgen  wir  mit  eigenen  Augen  sehen,  wenn  auch  in  äußerster 
Verkleinerung,  ohne  sie  uns  anschaulich  vorstellen  und  ihre 
Entstehungsgründe  mit  einiger  Sicherheit  deuten  zu  können. 
Die  novae  und  die  Supernovae,  über  die  uns  kompetente  Werke  wie 
das  Handbuch  der  Physik,  zusammenfassend  aber  auch  manche  Enzy- 
klopädien, erschreckende  Zahlen  mitteilen,  sind  wahrscheinlich 
kosmische  Explosionen,  u.zw.  berstende  Sterne,  vielleicht  mit 
ganzen  Planeten-  und  Satellitensystemen,  deren  Überreste  später 
in  Gestalt  von  Nebeln  sichtbar  bleiben  können. 

In  unserer  vagen  Phantasie  können  wir  freilich,  aus  wissen- 
schaftlichen Motiven  oder  von  Ängsten  und  krankhaften  Wünschen 
nach  aktiver  oder  passiver  Qual  getrieben,  noch  weiter  gehen 
und  uns  Zusammenstöße  oder  Zusammenbrüche  ganzer  Milchstraßen 
vorstellen.  Dieses  Grauen  wird  von  Hypothesen  über  die  Umge- 
staltung des  Universums  genährt,  die,  vielleicht  Pehlanalogien 


211 

sich  als  der  Theorie  vom  Geburt st rauma  nachempf undene  Explo- 
sionsphantasien  darstellen, Und  wenn^'unser  eine  solche  Angst 
bemächtigt  hat,  könnte  sie  von  einer  noch  viel  grausigeren 
Vorstellung  befallen  werden.  Die  geschilderten  Vorgänge  könn- 
ten am  Ende  in  eine  Zerrüttung  der  Atome  ausarten,  des  in  sich 
selbst  geregelt  dynamischen  Baumaterials  aller  Welten,  auch 
unser  selbst.  Das  wäre  eine  Kettenreaktion  der  Auflösung, 
von  der  nichts  verschont  bliebe,  und  in  der  alles  spurlos  ver- 
sinken würde.  Theoretisch  wäre  eine  solche  Zerrüttung  der 
Atome  kaum  anders  vorstellbar  denn  in  ursächlicher  Verbindung 
mit  einer  Auflösung  der  Moleküle,  die  in  einem  allgemeinen 
Umsturz  oder  in  der  Aufhebung  der  chemischen  Affinität  bestünde, 
des  unergründlichen  Gesetzes,  nach  dem  bestimmte  Elemente  ein- 
ander anziehen  oder  abstoßen. 

Offenbar  besitzen  wir  gewisse  psychologische  Abwehrmecha- 
nismen, die  uns  vor  der  destruktiven  Wirkung  in  gewissem  Grade 
schützen.  Eine  Abwehr  dieser  Art  tritt  in  Kraft,  wenn  wir  alles 
Furchtbare,  das  sich  unseres  Wissens  bisher  nie  ereignet  hat, 
aus  eben  diesem  Grunde  absurd  finden.  Mit  solchen  Widerständen 
oder  ohne  sie  kopjmt  man  schließlich  zu  Vorstellungen  vom  Ende 
des  Seins,  in  denen  Ängste  des  Mittelalters  entsprechend  moder- 
nisiert wiederkehren  und  sich  mit  einer  weit  verbreiteten  Vor- 
stellung vom  Anfang  der  Welt  in  denkwürdiger  Weise  berühren* 

Könnte  es  in  einer  Zeit  wie  der  unsern  etwas  geben,  was 
als  Thema  für  wissenschaftliche  Studien  oder  für  schöpferische 
Phantasien  begreiflicher  wäre  als  vergangene  und  in  naher  oder 
ferner  Zukunft  mögliche  Katastrophen? 


Tradition  und  Revolution 

Da  wir  uns  unsern  schwierigsten  Probjemen  nähern,  werden 
wir  gewiß  gut  tun,  einige  Begriffe  und  Worte^  deren  Unklarhei- 
ten das  Verständnis  unserer  Lage  erschweren,  wie  etwa  Konserva- 
tivismus, Progressivität,  Reaktion,  Revolution*^  Reform. 

Konservativ  nennen  sich  diejenigen  Personen,  Gruppen  und 
Institutionen,  die  alle,  oder  nahezu  alle,  Systeme  ihrer  Wirt- 
schaft, ihrer  Gesellschaft  und  ihres  Staates  erhalten  wollen 
wie  sie  sind.  Die  meisten  von  ihnen  sind  nicht  gegen  einzelne 
Verbesserungen,  wofern  solche  ihnen  geeignet  scheinen,  zur 
Erhaltung,  zur  Anziehungskraft  und  zur  Festigung  des  bestehen- 
den Gesamtsystems  beizutragen.  Doch  schon  hier  teilen  sich  die 
tfege  und  führen  zunächst  in  sanften  Biegungen  nach  rechts  und 


212 

nach  links,  wenn  die  für  das  Ziel  der  Erhaltung  günstigen 
Verbesserungen  mit  weitgehender  Bereitwilligkeit  unternommen 
werden  und  diese  Bereitschaft  zum  Merkmal  und  Programm  wird, 
und  wenn  Verbesserungen  nicht  sporadisch  bleiben,  sondern 
eine  gewisse  Sysfcmatisierung  erfahren,  pflegen  wir  die  Besin- 
nung und  Aktivität,  die  zu  ihnen  führt,  als  progressiv  zu 
bezeichnen.  Auch  Revolutionäre  pflegen  sich  progressiv  zu 
nennen,  wodurch  aber  die  Verwirrung  der  Begriffe  begünstigt  w 
wirdj  doch  ist  in  diesem  Palie  die  Vorwärtsbewegung  an  smch 
gemeint,  nmcht  ihre  Geschwindigkeit  noch  ihre  .Reichweite. 

Rechts  von  der  mehr  oder  weniger  statischen  Gruppe  der 
schlechtweg  Konservativen  sammeln  sich  die  Kräfte,  die  alles 
bekämpfen,  was  zu  den  maßvollen  und  vor  allem  zu  den  über  diese 
hinausgehenden  Veränderungen  führen  kann.  Sie  glauben  es  nicht 
den  zu  Reformen  Geneigten  und  noch  weniger  den  programmatisch 
Progressiven,  daß  sie  Änderungen  wünschen  oder  durchführen, 
um  das  System  zu  erhalten,  sondern  beschuldigen  sie,  daß  sie 
ebenso  wie  die  noch  viel  weiter  Linken  das  Gesamtsystem  zer- 
stören wollen.  Jene  stark  dynamischen  Rechtsgruppen  sind  frei- 
lich für  das  System,  da®  sie  erhalten  wollen  selbst  unmittelbar 
zerstörerisch,  indem  sie  dessen  fundamentale  Gestze,  vor  allem 
diejenigen,  die  das  menschliche  Leben  schützen,  schonungslos 
verletzen.  Die  Extremen  dieser  Gruppe  kämpfen  offen  gegen  das 
Bestehende,  wofern  es  auch  nur  formell  demokratisch  ist  und  auf 
dem  Prinzip  der  Gleichheit  aller  Bürger,  oder  auf  dem  gleicher 
Rechte  und  Chancen  für  Älie  beruht.  Sie  kämpfen  für  Vorrechte, 
für  die  ihrer  Rasse  oder  ihrer  Klasse. 

Die  radikale  Linke  hat  es  in  unvergleichlich  stärkerer  ± 
ideologischer  Ausprägung  auf  die  Änderung  dem  bestehenden 
Systems  abgesehen,  proklamiert  aber  den  Klassenkampf  und  ver- 
urteilt den  individuellen  Terror.  Wenn  also  Trotzky  von  Stali- 
nisten ermordet  wurde,  war  das  nicht  nur  ein  Verbrechen  an  sich, 
sondern  zugleich  eine  grobe  Verletzung  der  marxistisch-lenini- 
stischen Ideologie. 

Lassen  wir  desem  deskriptiven  Versuch  einige  analytische 
Bemerkungen  folgen.  Konservativismus  ist  keineswegs  nur  eine 
politische  IMeigung,  sondern  vor  allem  eine  psychologische  Dispo- 
sition, und  jene  beruht  auf  dieser.  Das  Bestehende  erhalten 
wollen  ja  nicht  nur  diejenigen,  die  aus  ihm  direkt  Profit 


.  ,  213 
ziehen,  also  Reiche  und  Privilegierte,  sondern  auch  zahllose 

Andere,  deren  direkter  oder  indirekter  Anteil  an  den  materiel- 
len Interessen  der  Besitzenden  sie  an  sich  eher  für  die  gemä- 
ßigte oder  gar  für  die  extreme  Linke  prädestiniert.  Wenn  man 
aber  nicht  doktrinär  denkt,  also  nicht  alles  Geschehen  aus 
einer  bestimmten  vorgefaßten  Einseitigkeit  heraus  deutet, 
kann  man  sich  nicht  der  mehr  oder  weniger  landläufigen  Auf- 
fassung verschreiben,  daß  es  ausschließlich  Interessen  seien, 
die  alles  menschliche  Tun  bestimmen.  Der  Mensch  gehört  nicht 
nur  einer  Klasse  oder  einer  Rasse  an,  sondern  ist  auch  ein 
Individuum  mit  einem  eigenen  Seelenleben,  wer  das  nicht  glau- 
ben kann,  sei  auf  die  Tatsache  verwiesen,  daß  nicht  nur  Kranke, 
sondern  auch  Gesunde  oft  genug  gegen  die  eigenen  Interessen 
handeln  und  das  zumeist  spät  oder  nie  entdecken;  abgesehen 
von  der  drastischen  Verschiedenheit  der  Auffassungen  von  den 
Interessen  der  Gruppe.  Diese  beiden  Momente  rühren  u.a.  davon 
her,  daß  jedes  Individuum  faktische  zu  mehreren  Gruppen  gehört, 
wie  zu  einer  Klasse  und  zugleich  zu  einem  Lande,  und  sich  unter 
wechselnden  Einflüssen  bald  zh  dieser,  bald  xh  jener  Gruppe 
zugehörig  fühlt.  So  profitiert  die  politische  Konservativst 
beispielsweise  von  einer  schlechtweg  menschlichen  Neigung, 
dem  Ruhebedürfnis.  Hingegen  ist  die  Dynamik  der  Charaktere 
in  sich  stark  verschieden.  Zum  Alter  der  Menschen  steht  sie 
in  umgekehrter  Proportion,  fenn  nach  der  natürlichen  Sturm- 
und Drangzeit  die  überschüssigen  Energiemengen  verausgebt  sind, 
stellt  sich  bei  Vielen  jenes  Puhebedürf nis  ebenso  natürlich 
ein;  es  ist  eine  allgemeine  Abneigung  gegen  Änderungen,  die 
mit  einiger  Selbstverständlichkeit  die  Politik  einbegreift. 
Daß  aber  Tizian  in  hohem  Alter  jene  Breitmalerei  begründete, 
durch  die  er  mit  der  zeitgenössischen  Maltechnik  brach  und 
der  des  Impressionismus  den  Weg  bahnte,  und  daß  "Die  Zukunft 
einer  Illusion"  ein  Alterswerk  Preuds  ist,  sind  zwei  aus  einer 
PülleK  von  Tatsachen  herausgegriffene  Beispiele,  die  zeigen, 
daß  für  die  bedeutendsten  Menschen  andere  Maßstäbe  gelten. 
Oder  daß  der  Prozeß  des  Alterns,  wie  er  gewöhnlich  dargestellt 
wird,  für  sie  nicht  ganz  zutrifft;  oder  daß  Revolutionär  und 
Jung  konvergente,  aber  nicht  identische  Eigenschaften  sind  51). 
«JLDaf  d^6  MeJs?hen  nicht  nur  untereinander  verschieden 

die  in  seiner  ^e^6CSRÄÄfÄ 


214 


als  Eigenheiten  der  Lebensalter  gelten,  und  selbst  solche, 
die  neben  einander  und  gleichzeitig  in  ihm  zu  existieren 
und  ihn  dahin  und  dorthin  zu  zerren  scheinen,  ist  ein  reich- 
licher, wenn  auch  allzu  wenig  beachteter  Beweis  für  zv/ei 
Qualitäten.  Die  eine  ist  die  den  Menschen  einschließende, 
schon  von  der  altgriechischen  Philosophie,  namentlich  von 
Heraklit,  gründlich  untersuchte  Veränderlichkeit  und  unab- 
lässige Veränderung  aller  Dinge,  natürlich  auch  unseres 
Charakters;  die  andere  ist  die  Komplexität,  oder  genauer: 
die  Pluralität  des  Individuums.  Diese  fällt  besonders  an 
überragenden  Persönlichkeiten  au£,  u.zw.  an  der  häufigen 
Vielfältigkeit  ihrer  Neigungen,  Begabungen  und  Leistungen, 
anderseits  an  der  ünstetigkeit ,  Unschlüssigkeit  oder  Unver- 
läßlichkeit,  mit  deren  charakterologischer ,  und  zuweilen 
ethischer  Problematik  wir  beim  Studium  mancher  Biographien 
nicht  immer  fertig  werden  können.  Oft  genug  aber  ergibt  sich 
der  Eindruck,  daß  bestimmte  große  Charaktere  ohne  diese 
Pluralität  gar  nicht  denkbar  wären,  Ja  daß  diese  zu  ihren 
Entstehungsbedingungen  gehört  und  sie  definiert.  Von  einer 
gev/issen  Tiefe  der  Betrachtung  an  wird  die  Pluralität  zur 
Lösung;  obzwar  wir  praktisch  zumeist  vrrvrkrk  über  den  sinnfäl- 
ligen, einer  platteren  Tatsächlichkeit  angehörenden  Umstand 
der  Singularität  nicht  hinwegkommen,  da  sie  uns  als  Schlüssel 
zu  den  Phänomenen  des  Alltags  genügt.  Im  Grunde  ist  jede 
Typologie,  auch  die  vorliegende,  eine  starke  Vereinfachung, 
gflLKM«hkR«Kk*gJk  nur  durch  ihre  methodische  Unumgänglichkeit 
gerechtfertigt.  Erschöpfende  Erklärungen,  zunächst  für  die 
Verschiedenheit  der  Phasen  in  einem  Leben,  werden  dennoch 
erst  durch  den  Begriff  der  Pluralität  möglich. 

Der  Konservative  hat  eine  sentimentale  Beziehung  zur  Ver- 
gangenheit und  wünscht  Gegenwart  und  Zukunft  zu  ihrer  unver- 
änderten Portsetzung  zu  machen.  Aber  man  sieht  es  schon  an  den 
trivialen  Äußerlichkeiten,  wie  an  der  Kleidung,  den  Möbelm, 
der  Architektur,  den  Gepflogenheiten,  dann  aber  auch  an  den 
Anschauungen  und  Idealen  wie  am  literarischen  und  künstleri- 
schen Geschmack,  daß  es  nicht  das  klassische  Altertum  noch  des 
romantisch  nachempfundene  Mittelalter  oder  sonst  eines  der 
älteren  Kapitel  der  Geschichte,  bzhw.  Kulturgeschichte  ist, 
das  den  Konservativen  vorschwebt.  Es  ist  nur  ganz  späte  und  & 
uninteressante  Vergangenheit,  die  mit  der  eigenen  Jugend  been- 
det ist  und  meistens  nicht  weiter  hinaufreicht  als  bis  zur 
Zeit  der  Großeltern.  Es  also  ein  kurzsichtiges,  inhaltsarmes 
Zurückblicken,  ein  Kleben  an  '//ertbegriff en  und  Werturteilen 
ohne  historische  Ehrwürdigkeit.  Auch  an  der  Art,  wie  eben 
diese  jüngste  Vergangenheit  aufgefaßt  und  gedeutet  wird,  ist 
nichts  Belangvolles.  Obwohl  der  Konservativismus  als  Ganzes 
eine  ansehnliche  Macht  ist,  ist  es  nicht  leicht,  ihn  ernst- 
zunehmen. Er  ist  nicht  mehr  als  eine  ideologische  Auswirkung 
des  Trägheitsgesetzes,  unfähig  zu  jeder  Produktivität  und 


215 

waA  selbst  zum  Zurückgreifen  auf  fernere  Vergangenheit.  Ein- 
gehende Beschreibung  der  typischen  Vertreter  dieser  Geistes- 
richtung hätte  die  Armut  an  Motivierungen  ihrer  Ansichten, 
bzhw.  das  wiederholen  statt  einer  Begründiing ,  die  Tautologie 
statt  der  Definition,  und  Mangel  an  Beziehung  zu  historischen 
werten,  gepaart  mit  einer  galligen,  ziemlich  wahllos enxxaHx 
ttgärartnre^^  Ablehnung  alles  Neuen  festzu- 

stellen. 

Diesen  Typus  finden  wir  leicht  auch  dort,  wo  wir  ihn  nicht 
zu  suchen  pflegen.  Er  gedeiht  nicht  nur  in  den  relativ  stabi- 
len Gesellschaften,  sodern  ziemlich  kurz  nach  dem  Sieg  einer 
Revolution  auch  in  der  neuen  Gesellschaft.  Mit  der  analogen 
Seichtheit  will  auch  er  an  dem  einmal  Erreichten  festhalten 
und  die  Portsetzung  des  historischen  Geschehens  womöglich 
verhindern.  Hüben  und  drüben  ist  seine  Auffassung  von  Legalität 
durch  Langel  an  geschichtlichem  Denken,  durch  Kritiklosigkeit 
und  Plattheit  charakterisiert. 

Der  dynamische  Zwillingsbruder  des  Konservativen,  der 
Reaktionär,  ist  nie  harmlos.  Mit  jenem  hat  dieser  die  Beziehung 
zur  Vergangenheit  gemeinsam,  doch  greift  er  historisch  zuweilen 
weiter  zurück,  um  das  Vorbild  zu  finden,  das  er  als  Schlachtruf 
gegen  eine  freiheitlich  gewordene  oder  werdende  Gegenwart 
braucht.  In  extremen  Fällen  findet  er  es  auch  in  jedem  fremden 
absolutistischen  Regime  und  Polizeistaat,  doch  gibt  er  einer 
solchen  Herrschaft  in  der  Vergangenheit  des  eigenen  Landes  den 
Vorzug.  Zum  Unterschied  von  dem  nur  Konservativen  geht  es  dem 
reaktionär  um  Errichtung  eines  Regimes  der  Unterdrückung  an 
sich,  nicht  etwa  aus  Pietät  für  Vater  und  Großvater,  und  auch 
gegen  ihre  Ideale  nimmt  er  scharf  Stellung,  wenn  sie  ihm  zu  g 
gemäßigt  sind.  Der  Reaktionär  ist  keineswegs  gegen  Neuerungen 
und  Umsturz,  wenn  auf  diesem  Wege  eine  Herrschaft  in  seinem 
Sinne  aufgerichtet  werden  kann.  Ideologisch  erscheint  die  Reak- 
tion daher  bald  als  Mutter,  bald  als  Tochter  des  Faschismus, 
mit  dem  sie  vor  allem  die  Skrupellosigkeit  der  Methode  gemein- 
sam hat. 

Der  Revolutionär  hingegen  ist  sich  einer  Beziehung  zur 
Vergangenheit  kaum  jemals  bewußt.  In  seinem  Bewußtsein  voll- 
zieht sich  ener  eine  mehr  oder  minder  totale  Negation  der  Ver- 
gangenheit zu  Gunsten  der  vorgestellten  Zukunft.  Hier  stoßen 
wir  jedoch  auf  eine  bedeutsame  Divergenz  zwischen  dem  subjekti- 


216 

ven  Denken,  bzhw.  Wollen,  und  der  objektiven  Rolle  der 
untereinander  so  stark  verschiedenen  Typen,  auf  die  der 
Begriff  Revolutionär  anwendbar  ist.  Indem  sie  das  Neue  postulie- 
ren, kommen  sie,  wie  die  Erforschung  ferner  Vergangenheit  uns 
immer  klarer  lehrt,  auf  Altes,  ja  Uraltes  zurück,  auf  Gewesenes 
und  längst  Vergessenes.  Die  vorgeschichtlichen  Kulturen  der 
Jüngern  Steinzeit  z.B.  waren  aller  Wahrscheinlichkeit  nach 
die  Frucht  kleiner  Gesellschaftskörper,  noch  ohne  kristalli- 
siertes Führertum.  In  ihnen  und  in  einem  Teil  der  bronzezeit- 
lichen Kulturen  wurden  sowohl  alltägliche  als  auch  große  Werke 
mit  gegenseitiger  Hilfe  vollbracht,  ohne  erkennbare  Über-  und 
Unterordnung,  und  gewiß  haben  wir  die  vielbewunderten  Werke 
des  lüegalithikums  solchem  freiwilligen  Zusammenschluß  zuzu- 
schreiben. Direkte,  nämlich  geschriebene  und  lesbare  Evidenz 
über  prähistorischen  Kollektivismus  in  Wirtschaft  und  Gesell- 
schaft besitzen  wir  natürlich  nicht.  Hingegen  haben  wir  längst 
gelernt,  aus  dem  Studium  der  zeitgenössischen  Primitiven  Rück- 
schlüsse zu  ziehen,  die  sich  für  die  Erforschung  der  Vorgeschich- 
te höchst  wertvoll  erwiesen  haben.  Und  die  seit  dem  19.  Jahr- 
hundert von  unvoreingenommenen  und  unabhängigen  Ethnographen 
untersuchten  primitiven  Gesellschaften  und  deren  Wirtschafts- 
systeme sind  revolutionären  ökonomischen  und  sozialen  Tenden- 
zen ausnahmslos  näher  als  etwa  konservativen.  Im  Sinne  der 
letzteren  ießen  sich  gesellschaftliche  Urzustände  keinesfalls 
rekonstruieren. 

Zwischen  jene  prähistorischen  Frühstadien  der  Gesellschaf  ts- 
bfrdung  und  die  ersten  Usurpationen  der  zum  Königtum  führenden 
Macht  schaltet  sich  wohl  relativ  spät  gelegentliches,  takti- 
sches, aus  bestimmten  Aufgaben  erwachsendes  und  deren  Durch- 
führung erleichterndes  Führertum  ein.  Ein  populäres,  vom  Volke 
noch  nicht  abgelöstes  und  von  der  anmaßenden  Berufung  auf  Götter 
noch  fernes  Königtum  spiegelt  ein  schon  dem  J.Jahrtausend  an- 
gehöriges sumerisches  Relief  wieder,  auf  dem  ein  König  und 
seine  Söhne  als  Bauarbeiter  zu  sehen  sind. 

wie  Ideen  des  19.  und  20.  Jahrhunderts  in  frühgeschichtli- 
chen Gesellschaften,  waren  gewiß  auch  Geistesrichtungen,  die 
als  Privilegien  moderner  Revolutionäre  gelten,  schon  längst 
vorausgenommen.  Wenn  wir  die  Ornamentik  der  noch  schriftlosen 
Zivilisationen  besser  zu  deuten  wüßten,  könnten  wir  in  ihr 
gewiß  manche  Gedanken  wiedererkennen,  die  wir  in  unserem  Gegen- 


217 

wartsstolz  und  in  unserer  Gegenwaitenaivität  für  modern  halten. 
Spartakus  war  weder  der  erste  noch  der  letzte  Sklavenbefreier. 
Seit  es  Sklaverei  gab,  gab  es  Befreiungsversuche.  Da  die 
Geschichtsschreibung  vorwiegend  von  Monarchen  beherrscht  war, 
und  auch  die  besten  Historiographen  ihrer  getrübten  Quellen 
wegen  nicht  umfassend  noch  objektiv  genug  sein  konnten,  ist 
unsere  Vorstellung  vom  Ablauf  der  Menschheitsgeschichte  bis 
heute  höchst  einseitig  und  zu  Gunsten  der  herrschenden  Mächte, 
der  weltlichen  und  der  geistlichen,  derart  verzerrt,  daß  nur 
die  Einbeziehung  der  andern  Einseitigkeit,  der  marxistischen 
Geschichtsdeutung  und  Geschichtsschreibung,  zur  Korrektur, 
zum  Ausgleich  und  zu  realistischer  Geschichtsrekonstruktion 
führen  kann.  Vorläufig  stehen  wir  vielen  Anzeichen  solcher 
Korrekturbedürftigkeit  gegenüber,  die  noch  relativ  zusammen- 
hanglos erscheinen.  Es  ist  z.B.  schon  erkennbar,  aber  noch 
nicht  beweisbar,  daß  die  hellenistischen  Könige  eine  Reihe  oppo- 
sitioneller Bewegungen, oder  gar  Revolten,  zu  unterdrücken 
hatten.  Die  zensurierten  Chroniken  vieler  Länder  registrieren 
wohl  reichlich  Machtkämpfe  zwischen  Herrschenden  und  Herrsch- 
süchtigen, aber  was  zwischen  Herrschenden  und  Beherrschten 
vorging,  bleibt  fast  unerwähnt,  und  das  Volk  erscheint  als 
vorwiegend  passive,  immer  stumpfe,  in  übler  Absicht  oder  über- 
haupt nicht  reagierende  Herde.  Wenn  es  eine  solche  wäre,  wie 
reaktionäre  Autoren  vom  Schlage  eines  Gustave  le  Bon  52)  es 

52)  Psychologie  des  foule s,  Paris  1895 
darzustellen  pflegen,  hätte  es  die  Persönlichkeiten,  die  auch 
sie  verehren,  je  hervorbringen  können? 

Sobald  wir  Auf  und  Ab,  Vorwärts  und  Rückwärts  als  sei  es 
rhythmische,  sei  es  arhythmische  Folge  sehen  und  verstehen 
werden  können,  werden  wir  auch  unsere  abergläubische  Vorstellung 
von  Entwicklung  loswerden.  Dann  wird  uns  Evolution  nicht  mehr 
als  die  kindisch  konstante  Progression  erscheinen,  als  die  sie 
zum  großen  Teil  auch  an  Universitäten  und  in  deren  Lehrbüchern 
immer  noch  hingestellt  wird.  Sowohl  die  materialistische  als 
auch  die  idealistische  Geschichtsschreibung  leiden  hauptsäch- 
lich daran,  daß  eine  offene  oder  getarnte  Geschichtsphiloso- 
phie ihre  Ausgangsbasis  bildet.  In  ein  so  vorgefaßtes  System 
haben  sich  die  schon  gefundenen  und  die  noch  gesuchten  Tatsa- 
chen einzufügen,  oder  eigentlich:  ^^xei^^^x  sie  haben 
als  Beweise  für  die  Richtigkeit  einer  im  Grunde  aromatischen 
Geschichtsauffassung  zu  dienen.  Dem  vorausbestimmten  Ziel 


218 

strebt  die  Scheinempirie  wohlgeordneten  Materials  zu. 
Wäre  die  Realität  jemals  so  gefällig  und  einfach  gewesen 
und  hatte  sie  sich  auf  einem  sauberen  Fahr dämm  immer  hübsch 
aufwärts  bewegt,  so  hätte  die  Mathematik  und  Technik  noch  im 
Altertum  zu  den  Erfindungen  und  Erkenntnissen  unseres  Jahr- 
hunderts geführt  und  es  hätte  nie  ein  Mittelalter  gegeben. 

Die  Vielgestaltigkeit,  oder  gar  Gestaltlosigkeit  des 
Geschehens  war  mit  Tradition  nie  identisch,  sondern  diese  bil- 
det nur  einen  winzigen  Ausschnitt  aus  der  geschichtlichen 
Realität.  Was  also  ist  Tradition?  Sie  ist  einer  der  vielen  mög- 
lichen Extrakte  aus  der  Evolutionsmasse,  ein  von  einer  ethni- 
schen oder  weltanschaulichen  Einheit  unternommener  Versuch, 
in  geschichtliche  Erinnerungen  Sinn  und  Ordnung  zu  bringen, 
sie  selektiv,  u.zw.  Wünschen  entsprechend,  zu  beschränken, 
Zusammenhänge  herzustellen  und  zu  wahren;  und  die  flüchtige 
Sigensubstanz  festzuhalten,  um  Ererbtes  zu  behüten  und  weiter 
zu  vererben. 

Solche  Herstellung  von  Zusammenhängen  ve^indet  späte 
Generationen  zuweilen  mit  sehr  frühen,  über  deji  gesicherte  fe± 
historische  Kunde  fehlt;  so  ergibt  sich  zwischen  Tradition 
und  Konservativismus  ein  bedeutungsvoller  Geeejasatz.  Tradition 
erreicht,  virtuell  zumindest,  eine  gewisse  Tiefe,  während 
die  Konservativität  an  sich  flach  ist  und  bleibt.  Daß  aber 
Revolutionen  nolens  volens  Uraltes  wiederholen  und  ins  Leben 
zurückrufen  können,  bringt  Tradition  und  Revolution,  über- 
raschend  genug,  in  Konvergenz,  oder  doch  in  eine  Prallelität, 
deren  Linien  sich  im  Unendlichen  t/reffen, 

Der  Begriff  der  Reform  ist  seit  zwei  Generationen  in 
Ungnade  gefallen,  vor  allem  unter  dem  Einfluß  der  Kommunisten, 
die  ihn  von  jeher  verurteilten  und  lächerlich  zu  machen  suchten. 
In  ihrem  Lager  ist  eine  große  Minderheit,  oder  gar  die  Mehrheit, 
der  deutlich  sadistisch-masochistischen  Überzeugung,  daß  eine 
bessere  Weltordnung  nur  dann  kommen  könne,  wenn  die  Lage  schon 
völlig  unerträglich  geworden  ist  und  die  Verzweiflung  den 
Massen  keinen  Weg  offen  läßt  als  den  der  Revolution.  War  es  h 
unter  Hitlers  Stiefelabsatz  nicht  zu  der  tiefsten  Verträglich- 
keit gekommen?  Hatte  aber  der  psychopathische  Kern  der  Revolu- 
tionsdoktrin das  erwartete  Resultat?  Und  beging  nicht  am  Vora- 
bend des  zweiten  Weltkriegs  die  damalige  Sowjetregierung  den 
gegenteiligen  Wahnwitz  eines  Vertrags  mit  Nazideutsßhland, 


219 

bevor  die  Sowjetunion  die  größte  und  blutigste  Offensive  der 
Neuzeit    am  eigenen  Leibe  erfuhr? 

Unter  der  allerdings  schwer  erfüllbaren  Voraussetzung 
seelischer  Gesundheit  ist,  wie  auch  die  schwierigsten  Fälle 
zeigen,  jedes  Gespräch  möglich  und  hat  immer  gewisse  Aussich- 
ten. Historisch  gesehen,  entbehrt  Revolution  keineswegs  ihrer 
Berechtigung,  und  darüber  hinaus  ist  sie  als  Vehikel  der  Ge- 
schichte nicht  minder  bedeutend  als  die  ruhigeren  Kapitel 
eben  der  Evolution,  der  sich  Revolutionen  durch  das  Walten 
der  Zeit  nach  und  nach  als  organische  Teile  eingliedern. 
Doch  wofern  elementare  Ethik  überhaupt  einen  Maßstab  bildet, 
ist  die  theoretische  Anerkennung  der  Revolution  als  Teil  der 
Dynamik  von  Zivilisationen  an  eine  Voraussetzung  geknüpft, 
an  den  Mangel  jedes  andern  Auswegs  aus  hoffnungsloser  Untere 
drückung,  als  ultima  ratio,  wer  gesund  genug  ist,  Zerstörung 
zu  verabscheuen,  und  frei  genug,  um  wählen  zu  können,  wird 
immer  jeden  andern  Weg  zum  Ziele  bevorzugen.  Extreme  Unglücki 
lichkeit,  Verzweiflung  und  sinnlose  Wut  sind  nicht  die  uner- 
läßlichen Vorbedingungen  einer  bessern  Welt.  Die  Aktion  muß 
auch  nicht  unbedingt  einseitig  sein,  nur  von  den  Beraubten 
gegen  die  Räuber  unternommen.  Sie  kann,  im  Prinzip  und  de 
facto,  durch  Kompromisse  ersetzt  werden,  die  das  Leben  aller 
Leidenden  verbessern.  Zu  glauben,  daß  den  dann  weniger  Leiden- 
den der  Antrieb  fehlen  würde,  total  umstürzlerisch  vorzugehen 
und  daß  sie  sich  mit  relativem  Fortschritt  zufriedengeben  wür- 
den, muß  jedem  unbenommen  bleiben,  wenn  nur  viele  Menschen 
zu  besserem  Leben  gelangen. 


Geteilte  Menschheit 

Psychoanalytiker  schließen  aus  ihren  Erfahrungen,  daß 
nichts  so  schwierig  sei  wie  die  objektive  Beurteilung  der 
eigenen  Eltern.  Aber  wie  die  heutige  Erfahrung  aller  Bewohner 
dieser  Erde  lehren  sollte,  ist  Objektivität  in  einer  andern 
Frage  noch  schwerer  und  seltener,  und  es  ist  überhaupt  frag- 
lich, ob  es  auch  nur  einen  Zeitgenossen  gibt,  der  sie  für  sich 
voll  in  Anspruch  nehemen  kann.  Diese  Frage  besteht  zwischen  ± 
den  politischen  Lagern,  in  die  wi*  geteilt  sind,  wir,  die  ganze 
Menschheit  und  überdies  noch  die  Teile,  aus  denen  sie  sich 

zusammensetzt,  da  iedes  Ap-p  ■F+4-*At*~i.  t 

,     a  Deaes  der  feindlichen  Lager  zahllose  Anhänger 


220 


im  Gebiet  des  andern  hat.  Auf  beiden  Seiten,  selbst  in  den 
neutralen  Ländern,  geht  die  Trennung  slinie  durch  vielerlei 
Gruppen,  auch  durch  Familien.  Und  wenn  wir  das  Schwanken  und 
die  Unausgeglichenheit  Vieler  in  Betracht  ziehen,  und  den  Ein- 
fluß, den  jede  der  beiden  Seiten  zeitweilig  auf  sie  ausübt, 
um  ihn  wieder  an  die  Gegenseite  zu  verlieren,  sehen  wir,  daß 
die  Trennung  slinie ,  variabel  und  daher  umso  grausamer,  in-f 


unzähligen  Fällen  durch  das  Individuum  selbst  hindurchgeht 


In  der  so  geteilten  Welt  ist  es  daher  für  jeden  Autor, 
der  das  strittigste  aller  Themen  behandelt  oder  behandeln  muß, 
am  sichersten,  entweder  über  die  roten  Banditen  oder  die 


Realität  beider  weiten  voraussetzungslos  dmd  dem  Leser  ein  in 
dessen  Sinne  günstiges  oder  ungünstiges,  und  anderseits  in 
sich  abgeschlossenes  oder  unfertiges  Ergebnis  vorzulegen, 
kann  ihm  am  ehesten  die  Feindschaft  beider  Mächtegruppen 
und  unter  Umständen  Verfolgung  und  schwersten  Schaden  bringen. 
Doch  zu  unser  Aller  Heile  gibt  es  doch  auch  Manche,  die  den 
Willen  zur  Objektivität  allenfalls  als  bona  fides,  wenn  nicht 
als  Dienst  an  der  Erhaltung  des  Lebens  bewerten.  lie  eingangs 
erklärt,  wenden  sich  die  vorliegenden  Erörterungen  an  eben  die- 
se und  an  jeden,  der  sich  noch  etwas  von  der  schon  so  raren 
Unabhängigkeit  gewahrt  hat. 

Prinzip  und  Konsequenzen  des  Kapitalismus 
Der  Kapitalismus  ist  der  Erbe  des  Feudalismus  mit  seiner 
Leibeigenschaft,  wie  dieser  seinerseits  die  auf  Sklavenarbeit 
beruhende  Wirtschaft  beerbt  hatte.  Der  historische  Ablauf  und 
die  jetzige  .Phase  sind  aber  komplizierter  als  diese  Formeln 
anzuzeigen  scheinen.  Denn  der  Kapitalismus  ist  heute  einer- 
seits vom  Kommunismus  gefolgt,  anderseits  ist  seine  klassische 
Periode  vorüber  und  er  befindet  sich  in  einem  Stadium,  in  dem 
er  entweder  dem  gegnerischen  Wirtschaftssystem  erliegen  oder 
aus  sich  heraus  transformiert  werden  muß;  gleichzeitig  gibt  es 
jedoch  noch  heute  Feudalismus,  ja  Sklavenarbeit  sowie  längst 
totgeglaubte  Wirtschaftsformen  wie  Kleinhandwerk,  Kleinhandel 
und  primitivste  Hausindustrie. 

Um  zu  einer  auch  heute  anv/endbaren  Definition  zu  gelangen, 


kann  man  nicht  umhin,  Marx,  dem  radikalsten  Kritiker  des  Kapi- 
talismus, in  einigen  Belangen  zu  folgen.  Kapitalismus  ist  der 


imperialistischen  Piraten  zu  wüten.  Denn  ein  Versuch,  Idee  und 


1  ...  I 


221 

am  höchsten  entwickelte  Teil  eines  größeren  Ganzen,  der 
warenproduzierenden  Wirtschaft,  also  derjenigen,  die  Gebrauchs- 
gegenstände und  andere  Sachwerte  Keder  um  ihrer  selbst  willen 
noch  auf  Bestellung  und  für  bestimmte  Konsumenten  erzeugt, 
sondern  für  den  Markt,  für  jeden,  der  sie  kaufen  mag.  Damit 
ist  der  weitere  weg  zur  Massenproduktion  vorgezeichnet;  und 
einerseits  der  zu  großen  Armeen  von  Arbeitern,  anderseits  der 
zur  Verwendung  sowie  der  zur  dauernden  Verbesserung  und  Ver- 
mehrung von  Maschinen.  Die  Maschinen  gehören  dem  Unternehmer, 
dem  Arbeiter  gehören  seine  Hände.  Der  Unternehmer  amortisiert 
die  Kosten  der  Maschinerie  und  erzielt  darüber  hinaus  Profit, 
indem  er  den  Arbeitern  nicht  alles  bezahlt,  was  sie  erarbeiten, 
sondern  weniger.  Die  Differenz,  der  Mehrwert,  wird  durch  Multi- 
plikation zum  Kapital.  Der  Mehrwert  nimmt  verschiedenen  Umstän- 
den entsprechend  zu  oder  ab,  doch  bei  aller  Variabilität  kann 
er  nie  verschwinden,  solange  es  ein  Kapital  gibt.  Er  ist  des- 
sen Existenzbedingung,  denn  er  ist  dessen  Substanz. 

Kein  System  hat  das  Gesetz  der  eigenen  Dynamik  je  besser 
verstanden  als  der  Kapitalismus.  Zu  seinem  dauernden  Wachstum 
bedurfte  er  einer  immer  zunehmenden  Anzahl  von  Arbeitern,  die 
ihm  nicht  nur  die  Anwerbung  lieferte,  sondern  auch  die  im 
lateinischen  treffend  benannte  proles,  der  Kinderreichtum  der 
Unterschicht.  Zum  selben  Zwecke  der  größtmöglichen  Multiplika- 
tion des  Mehrwertes  bedurfte  er,  solange  die  Maschine  nicht  zu 
ihrer  übermächtigen  Herrscher st eilung  gelangt  war,  auch  mög- 
lichst ausgedehnter  Arbeitsstunden  bei  möglichst  niedrigen 
Löhnen.  Dieser  explosionsbereite  Konfliktstoff  brachte  schon 
in  der  Entstehungszeit  des  eigentlichen  Kapitalismus  blutige 
Empörung  und  blutige  Unterdrückung.  Den  gewaltigen  Erfolg  der 
unbarmherzigen  Ausbeutung  bezeugte  aber  nicht  gerade  der  weit- 
hin sichtbare  Reichtum  und  Luxus  der  Herrenklasse,  zumal  diese 
es  zeitweilig  klüger  fand,  den  Reichtum  hinter  dem  Stil  einer 
gewissen  Einfachheit  zu  bergen;  es  sind  vielmehr  die  durch 
die  enormen  Überschüsse  ermöglichen  Investitionen,  die  den 
steilen  Anstieg  des  Kapitalismus  direkt  anzeigen.  Der  Löwen- 
anteil an  den  Überschüssen  wurde  zu  Gebäuden,  zu  verbesserter 
Maschinerie,  zu  neuen  Unternehmungen,  zu  erweiterten  Absatzge- 
bieten, zu  riesigen  Rohstoff lagern.  So  sorgte  der  Kapitalismus 
vor  allem  für  das  eigene  Wachstum,  über  er  übersah  nicht,  daß 
Investitionen  ohne  unmittelbaren  Ertrag  den  früheren  Wirtschats- 
mächten indirekt  viel  Nutzen  gebracht  hatten,  indem  sie  ihnen 


222 

halfen,  ihre  Herrschaft  zu  "befestigen.  So  gibt  auch  der 
Kapitalismus  ein  Teilchen  seiner  Überschüsse  für  anscheinend 
nur  dekorative  Zwecke  aus,  u,  zw,  für  Philanthropie  und  für 
Kultur*  Die  Philanthropie  war  der  Weg,  dem  Proletariat  das 
ihm  durch  den  Mehrwert  entzogene  oder  Vorenthaltene  teilweise 
zurückzugeben.  Doch  war  den  flehmenden  und  wahrscheinlich 
auch  der  Mehrheit  der  Gebenden  die  als  solche  unkenntlich 
gewordene  Rückerstattung  kaum  je  bewußt.  Auf  verschiedenen 
Gebieten  der  Kultur,  wie  etwa  in  der  Architektur,  genügte  eben 
ein  Teilchen  der  Überschüsse,  dem  Kapitalismus  hohes  Ansehen 
zu  verleihen  und  Werte  von  unbestreitbarer  Monumentalität  zu 
schaff  en#HHsjt 

Zu  einem  ungeschriebenen  Bündnis  mit  der  Kirche  kam  der 
Kapitalismus  relativ  spät.  Die  größten  Autoritäten  der  frühen 
Kirche  hatten  eindeutig  Stellung  genommen;  ihre  Stellungnahme 
war  schon  durch  den  Umstand  vorbe stimmt ,  daß  der  historische 
Kern  der  Christenheit  eine  Gemeinde  von  Armen  gewesen  war, 
in  deren  schwarz  auf  weiß  niedergeschriebenen  und  schwer 
umdeutbaren  Idealen  die  alten  Gefühle  der  Armen  gegen  die 
Reichen  den  wohlbekannten  und  wohlbegreiflichen  Ausdruck 
gefunden  hatten.  In  der  antiken  und  mittelalterlichen  Termi- 
nologie war  natürlich  noch  von  Reichen  die  Rede  und  selbst  im 
Anfang  der  Neuzeit  verstand  wahrscheinlich  noch  keiner  von 
den  geistigen  Erben  der  Kirchenväter  und  Heiligen,  daß  es  nicht 
um  den  Reichtum  ging,  zumindest  nicht  um  den  Reichtum  als 
solchen.  Sie  sahen  im  frühen  Kapitalismus  in  erster  Linie  die 
gefährliche  Macht,  die  von  Gott  ablenkte  und  durch  Luxus  und 
alles  mit  Geld  Käufliche  zu  allem  Bösen  verführte.  Die  spätere 
Ausprägung  des  Kapitalismus  hatte  aber  zur  neuzeitlichen 
Klärung  der  Begriffe  geführt:  Wenn  ein  Unternehmer  andere  Hän- 
de beschäftigt,  aber  trotz  dem  Mehrwert  infolge  falscher  Speku- 
lation ts.  oder  anderer  Fehler  und  Umstände  verarmt  oder  gar- 
nicht  zur  Akkumulation  von  Vermögen  gelangt,  ist  er  dennoch 
ein  Kapitalist.  Wenn  sich  hingegen  etwa  aus  den  Ersparnissen 
eines  gut  bezahlten  Facharztes  im  Laufe  der  Zeit  ein  Vermögen 
ansammelt,  ist  er  dermocii  kein  Kapitalist,  sondern  ein  Arbei- 
ter. Doch  noch  lange  vor  dieser  Begriffsbildung  gab  die  Kirche 
ihre  ursprüngliche  Haltung  auf  und  geriet  nach  und  nach  in  die 
immer  gefährlichere  Rolle  der  Beschützerin  des  Kapitalismus. 
Der  Arbeiter  sollte  nicht  viel  fragen,  für  wen  er  eigentlich 


223 

arbeite,  sondern  hatte  zu  glauben,  Arbeit  an  sich  sei 
gottgefällig.  Und  das  immer  geflissentlicher  betonte  Jenseits 
bot  dem  unbedingt  Gehorsamen  sowieso  reichliche  Entschädigung 
für  alle  Leiden  dieser  Welt.  Dazu  kam  noch  die  Verdammung 
jeglicher  Auflehnung,  denn  wer  nun  einmal  die  üiacht  hatte, 
dem  war  sie  sicherlich  von  Gott  verliehen.  So  hatte  also 
der  wegen  seiner  Habgier  von  der  ältesten  Kirche  verurteilte 
Unternehmer  es  dank  der  späteren  Kirche  zu  einer  Stellung 
gebracht,  die  der  antiken  Idee  der  von  den  Göttern  eingesetz- 
ten und  beschützten  Könige  nicht  ganz  unähnlich  war.  Das 
Ergebnis  dieses  Umkehrungsvorganges  in  der  Kirche,  das  Bünd- 
nis mit  dem  Kapitalismus,  besteht  nach  wie  vor  in  einem  Umfang 
der  für  bedeutende  Unterschiede  im  Verhalten  der  einzelnen 
Kirchen  trotz  aller  Dynamik  in  ihrer  neuesten  Entwicklung 
noch  nicht  viel  Raum  läßt.Wber  Kapitalist  weiß  den  Wert  des  & 
Bündnisses  zu  schätzen  und^gibt  so  viel  er  kann,  ohne  sich 
weh  zu  tun.  Das  arbeitende  Volk  soll  fromm  sein  und  beherzigen 
was  ihm  im  Warnen  Gottes  eingeschärft  wird,  flirr  er,  der  Kapita- 
list selbst,  ist  zumeist  unfromin,  und  nicht  erst  heute.  Das 
Objekt  seines  Realitätsglaubens  ist  der  Besitz,  im  merkantilen 
oder  im  späteren,  etwas  abstrakteren  Sinne.  Da  aber  die  Kirche 
selbst  gegen  den  Realismus  des  Besitzes  nicht  ganz  immun  blieb, 
wurde  der  Ausschluß  des  Besitzenden  persönlich  von  dem  das 
Volk  verpflichtenden  Glauben  une ingestanden  geduldet,  gleich- 
sam als  Teil  des  stillschweigenden,  für  beide  Teile  überaus 
belangvollen  Übereinkommens. 

Seit  dem  Anfang  unseres  Jahrhunderts  sind  auch  die  beiden 
bis  dahin  noch  nicht  völlig  geformten  Beziehungen  zwischen  dem 
Kapital  und  der  Staatsmacht  genügend  geregelt  und  genügend 
erhärtet.  Zwischen  jedem  Staat  und  jedem  ungezähmten  oder 
unumschränkten  Egoismus  besteht  ein  unbestreitbarer,  wenn  auch 
nicht  immer  deutlich  sichtbarer  Antagonismus,  selbst  wenn 
Staat  und  Egoismus  in  denselben  Händen  konvergieren,  1 ' etat 
e'est  moit  oder  dann  erst  recht,  wie  der  Kapitalist  die  Kirche 
von  Anbeginn  zu  seinem  Instrument  zu  machen  suchte,  hielt  er 
es  auch  mit  dem  Staat.  In  wessen  Händen  immer  die  Gesetzgebung 
war,  halte  sie  alles  zu  unternehmen,  was  profitfördernd  wirkte 
und  die  Stellung-  des  Kapitalismus  gegenüber  den  Arbeitern 
sowie  den  Rohstoffquellen  und  den  innern  und  äußern  Absatzmärk- 
ten stärken  konnte.  Entsprechende  Steuerpolitik  und  noch  mehr 
Zollpolitik  und  vorteilhafte  Hände iverträge  mit  andern 


224 

Staaten  und  zugleich  Maßnahmen  zu  noch  weiterer  Förderung 
des  sowieso  unbeschränkten  Bevölkerungszuwachses  waren  die 
naheliegenden  Methoden,  bei  deren  Anwendung  der  skrupellose, 
zumeist  unverblümte  Ausschluß  von  Fragen  des  Gemeinwohls 
sinnfällig  wird.  Durch  die  offene,  oft  äußerst  dynamische 
Mitwirkung  des  Staates  am  internationalen  Konkurrenz kämpf 
sowie  durch  Kriegsvorbereitungen  und  Kriege,  die  der  Konkur- 
renz entsprangen,  wurde  der  Staat  zum  widerstandslosen  Werk- 
zeug des  Kapitals.  So  waren  Kriege  das  klassische  Mittel  zur 
Förderung  des  "eigenen"  Kapitalismus  geworden,  erlangten  aber 
darüber  hinaus  noch  zwei  fatale,  doch  für  das  Kapital  günstige 
Bedeutungen.  Sine  von  ihnen  ist  der  Krieg  als  direkte  Einnahms- 
quelle für  die  Industrie  der  Rüstung  und  andere  mit  dem  Kriegs- 
bedarf zusammenhängende  Zweige  der  Erzeugung  und  des  Handels; 
in  seiner  andern  Zerstörerrolle  wurde  der  Krieg  das  Mittel 
zur  Unterjochung  und  Ausbeutung  ganzer  Völker,  zum  unver- 
hüllten Verbrechen  des  Kolonialismus.  Das  System  des  Länderrau- 
bes und  der  Völkerversklavung  bot  dem  Kapitalismus  die  Befrie- 
digung seiner  Ungeheuern  Bedürfnisse  und  vehementen  Wünsche; 
das  waren  riesenhafte,  von  ihm  selbst  beherrschte  Absatzgebiete 
und  schier  unbegrenzte  Arbeitsarmeen,  die  vervielfachte  Ergän- 
zung und  Erweiterung  des  zu  Hause  Unternommenen. 

Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  alle  vom  Staat  gegen  das  Volk 
und  gegen  sich  selbst  gerichteten  Maßnahmen  nicht  im  Warnen  des 
Kapitalismus  erfolgen  konnten,  ohne  schwersten  Widerstand  her- 
vorzurufen. So  wurden  sie  im  Hamen  des  Volkes  und  der  seit  dem 
19. Jahrhundert  erstarkten  nationalen  Gefühle  oder  im  Namen 
Gottes  unternommen,  und  die  Mehrheit  handelte  sogar  bona  fide» 

Wicht  immer  konnte  es  dem  Kapitalismus  genügen,  daß  die 
Staatsmacht  sich  mit  seinen  Interessen  identifizierte.  Theore- 
tisch müßte  man  annehmen,  daß  die  Kapitalisten  die  von  ihnen 
erwirkten  und  zu  ihren  Gunsten  erlassenen  Gesetze  in  vorbildli- 
cher Weise  befolgen  würden.  Die  Geschichte  der  sozialen  Kämpfe 
aber  ist  eine  schlagende  Widerlegung  einer  so  naiven  Annahme. 
Was  in  Suropa  und  Amerika  zur  Unterdrückung  streikender  Arbei- 
ter begangen  wurde,  gehört  zu  den  schmachvollsten  Kompromit- 
tierungen herrschender  Klassen. 

Daß  ein  Mensch  sich  Menschen  des  eigenen  Stammes  enger 
zugehörig  fühlt  als  jenen,  die  ihm  unähnlich  sind  und  eine 
ihm  unbekannte  Sprache  sprechen,  ist  allgemein  menschlich 
und  kann  unter  keinen  Umständen  verdammt  werden. Und  wenn  der 


225 

Nationalismus  sich  gegen  einen  Unterdrücker  wendet,  hat  er 
überdies  eine  entschieden  progressive  Punktion.  Daher  waren 
alle  guten  Gefühle  Europas  auf  Seiten  der  Griechen,  als  sie 
das  türkische  Joch  abschüttelten.  Um  aberx  den  natürlichen, 
der  Menschenwürde  gemäßen  und  an  sich  durchaus  nicht  agres- 
siven  Nationalismus  in  Paschismus  zu  vemradeln,  mußten  andere 
Interessen  eingreifen.  Es  war  der  Kapitalismus,  der,  als  er 
sich  nach  dem  ersten  Weltkrieg  durch  die  Existenz  eines  bereits 
bestehenden  kommunistischen  Staates  bedroht  fühlte,  den  Natio- 
nalismus als  Rohmaterial  zu  benützen  wußte  und  die  unselige 
Metamorphose  zustande  brachte.  Wir  brauchen  uns  also  nur  zu 
vergegenwärtigen,  was  es  war,  das  den  Paschismus  gemacht  hat, 
zuerst  den  italienischen  und  dann  den  deutschen,  um  zu  begrei- 
fen, was  nicht  Viele  wahr  haben  wollen:  daß  es  dieselbe  Macht 
war,  die  wohl  den  Hauptanteil  daran  hatte,  was  wir  die  moderne 
Zivilisation  nennen  und,  mit  dem  Mehrwert  beginnend,  konse- 
quent bis  zur  Zerstörung  der  Zivilisation  und  nach  Auschwitz 
gelangte. 

Eine  fundamentale,  in  Marx»  Hauptwerk  noch  nicht  vollends 
gelöste  Präge  ist  die,  ob  der  Kapitalismus  in  sich  selbst 
Elemente  habe,  die  notwendig  zu  seiner  Aufhebung  führen.  Zu 
ihrer  Beantwortung  liefert  uns  nun  die  neueste  Realität  Tat- 
sachen, die  damals  noch  ausstanden  und  auch  schwerlich  vorge« 
stellt  werden  konnten.  In  seine  heutige  Phase  trat  der  Kapita- 
lismus durch  die  Begründung  von  Aktiengesellschaften  ein. 
Erst  seit  die  aus  ihnen  hervorgegangenen,  durch  ihren  Zusammen- 
schluß gebildeten  Kolosse  völlig  herauskristallisiert  sind, 
und  ihre  Praxis  sich  reibungslos  durchgesetzt  hat,  merken  die 
Besitzenden,  was  vorgegangen  ist.  Ihr  Eigentum  ist  in  sicheren 
Händen  und  niemand  macht  ihnen  ihre  Rechte  streitig,  aber  eine 
praktisch  unsichtbare  Exekutive  verfügt  darüber,  spekuliert, 
investiert  und  faßt  alle  Beschlüsse,  ohne  für  sich  selbst  ein 
Eigentumsrecht  auch  nur  zu  beanspruchen.  Sie,  die  Eigentümer, 
haben  jedoch  nicht  die  geringste  Möglichkeit,  dreinzureden 
oder  eine  Meinung  zu  äußern.  Sie  können  nicht  einmal  behaup- 
ten, daß  irgend  eine  Transaktion  falsch  gemacht  worden  sei 
und  daß  sie  Schaden  gelitten  hätten,  der  vermieden  werden  konn- 
te, da  alles  fachmännisch  geschieht.  Auch  mit  den  ihnen  von  ± 
den  gleichsam  Unsichtbaren  zugewiesenen*  Dividenden  haben  sie 
sich  zufrieden  zu  geben  und  keine  Wünsche  vorzubringen.  Sie 


226 

sind  ja  nicht  die  Einzigen,  deren  Einfluß  der  Vergangenheit 
angehört.  Wie  den  begüterten  Aktionären,  ergeht  es  auch  dem 
kleinen  Mann  mit  seinem  Pensionsfond,  dem  gegenüber  er  nur 
auftreten  kann  wie  alle  Parteien  im  Warteraum  und  am  Schalter, 
um  zu  bekommen,  was  ebenso  Unsichtbare  ihm  zuzuteilen  für 
richtig  finden.  Die  Abtrennung  des  Besitzers  von  seinem  Be- 
sitz hatte  sich  halb  und  halb  schon  vorher  in  den  Banken  voll- 
zogen; durch  die  Übergabe  an  die  Bank  begibt  sich  der  Sparer 
jeden  Einflusses  auf  sein  Geld.  Niemand  fragt  ihn,  wie  es  ver- 
wertet werden  soll,  und  er  wüßte  auch  schwerlich  etwas  vorzu- 
schlagen. Ihm  steht  nur  das  Recht  zu,  die  Zinsen  zu  bekommen, 
bzhw.  sein  Geld  zurückzuverlangen.  Einfluß  auf  die  Verwendung 
haben  hingegen  die  Banken  sich  selbst  vorbehalten;  wenn  sie 
das  Geliehene  weiterleihen,  müssen  sie  genau  wissen,  wofür 
diese  Leute  es  verwenden  wollen. 

Es  wird  wohl  noch  lange  dauern,  bis  die  altmodischen 
Typen  verschwinden,  die  sich  mit  der  Entziehung  ihres  Verfü- 
gungsrechtes nicht  abfinden  können.  Anfangs  regten  sich  noch 
manche  auf  und  fragten,  ob  denn  der  Kommunismus  ausgebrochen 
sei.  Aber  halblaut  fragten  sie  nur  einander,  nicht  etwa  eine 
Sekretärin  der  Direktion,  und  die  Unsichtbaren  blieben  unsicht- 
bar. Doch  der  Vorwurf  des  Kommunismus  ist  äeeh  nicht  ganz  aus 
der  Luft  gegriffen.  Denn  das  Eigentum  ist  Vielen,  besonders 
auf  der  westlichen  Halbkugel,  so  heilig,  daß  es  im  Gesetz  und 
im  täglichen  Sprachgebrauch  gleich  nach  dem  Leben  genannt  wird, 
und  im  Falle  kleiner  Fehlleistungen  noch  vor  diesem,  was  also 
ist  denn  los?  Ist  es  nicht  doch  eine  Annäherung  an  jenes  Ding, 
das  man  womöglich  ungenannt  läßt,  daß  einem  die  Verfügung  über 
das  Eigentum  und  damit  auch  der  whre  Genuß  genommen  ist? 

Den  Marktpreisen  geht  es  nicht  besser.  Seit  Menschenge- 
denken wurden  sie  durch  Angebot  und  Nachfrage  bestimmt,  aber 
auf  einmal  beschließen  jene  Herren  auch  über  Preise,  und  es 
geht  dennoch,  vielleicht  sogar  besser. Ist  das  nicht  zugleich 
ein  Einbruch  in  ein  benachbartes  Heiligtum,  in  das  der  freien 
Konkurrenz?  Drüben  gibt  es  diese  ja  auch  nicht.  Was  also  soll 
aus  uns  werden? 

So  ist  die  neueste  Ökonomie  durch  die  an  sich  durchaus 
nicht  neue  Differenzierung  zwischen  Eigentum  und  Besitz  charak- 
terisiert. Diese  Unterscheidung  ist  überdies  zu  Konsequenzen 
gelangt,  deren  weitere  Auswirkung  noch  nicht  abzusehen  ist. 


227 

Wer  einige  historische  Schulung  genossen  hat,  kann  nicht  umhin, 
zu  verstehen,  daß  alle  Systeme  und  Mächte  wie  auch  ganze  Zivi- 
lisationen sich  immer  schließlich  vergänglich  erweisen.  Nur 
die  Einmischung  von  Wünschen  trübt  unsere  einfache  Logik. 
Daher  muß,  wer  sich  ohne  Bedenken  "beliebt  machen  will,  den 
Leuten  helfen,  sich  ihre  Zukunft  wunschgemäß  vorzustellen, 
ihrer  Primitivität  also  Bestätigung  bieten. 

Hochentwickelte  kapitalistische  Wirtschaft  kann  offenbar 
nicht  die  Entstehung  von  Erscheinungen  verhindern,  die  Krank- 
heitsherden in  ihrem  Innern  gleichen  und  sich  zunächst  als  ı 
Widersprüche  darstellen,  als  unlogische  Konsequenzen  des  frprfr 
Systems  selbst,  die  es  von  innen  her  zu  zerfressen  drohen. 
Die  Heiligkeit  des  Privateigentums  mag  ja  ein  ethisch  durch- 
aus anfechtbares  Prinzip  sein,  doch  war  dieses  in  der  Zuspiz- 
zung,  die  es  letztens  erfahren  hat,  eine  einfache  Abwehr  des 
Kommunismus.  Nichtsdestoweniger  ergab  sich  in  den  Gesetzen  der 
einigermaßen  progressiven  Staaten  die  ökonomische  Notwendiges 
keit,  das  Prinzip  der  Unverletzlichkeit  des  Privateigentums 
einzuschränken.  Für  Eisenbahnbau  und  für  ähnliche  im  Inter- 
esse der  Allgemeinheit  zwingende  öffentliche  Arbeiten  wurde 
das  Hecht  der  Enteignung  von  Grund  und  Boden  oder  auch  von 
Gebäuden  vorgesehen,  unter  der  Voraussetzung  entsprechender 
Entschädigung;  in  der  uns  vorausgegangenen  Generation  traf  es 
sich  recht  selten,  daß  demokratische  oder  halbdemokratische 
Regierungen  von  diesem  Recht  Gebrauch  machten.  Dieses  den 
wichtigsten  staatlichen  Institutionen  vorbehaltene  Privileg 
wurde  aber  nach  und  nach  von  immer  mehr  privaten  Profitmachern 
erobert.  Bauunternehmern ,die  ganze  Reihen  von  Häusern  plötz- 
lich für  enteignet  erklären  und  die  Einwohner  später  evakuies? 
ren  lassen  dürfen,  wenn  sie  ihnen  die  von  Kommissionen  fest- 
gesetzten, von  Einzelnen  und  Gruppen  oft  mit  Empörung  und  Erfe 
bitterung  angefochtenen  Entschädigungen  zahlen,  wird  alsodas 
Recht  der  großen  Fische  eingeräumt,  die  kleinen  zu  fressen. 
Ein  scharf  antikommunistisches  Regime  sägt  so  den  Ast  ab,  auf 
dem  es  sitzt.  Die  so  erzeugten  Tragödien  wirken  psychologisch 
zersetzend,  und  logisch  bedeuten  sie  Selbstnegation« 


228 

Eine  unkonventionelle  Auffassung  von  Faschismus 

Der  vorstehenden  äsfc&assKHg  Deutung  des  Fachismus  als 
eines  natürlichen  Wurzeln  entstammenden  und  durch  Einmischung 
kapitalistischer  Interessen  entarteten  Gebildes  muß  einiges 
hinzugefügt  werden,  Trotzky  brachte  ihn  zum  Kapitalismus  in 
noch  engere  Beziehung,  indem  er  in  der  Philanthropie  dessen 
zärtliche,  im  Faschismus  dessen  harte  Hand  erblickte.  Wenn  wir 
aber  von  einfacher  Beobachtung  ausgehen,  ist  der  Faschist 
zunächst  das,  was  unsere  Großväter  einen  Chauvinisten  nannten. 
Er  fühlts  sich  ausschließlich  dem  eigenen  Stamm  zugehörig 
und  tritt  gelegentlich  und  zeitweilig  XH^gndaxH  mit  andern 
Gruppierungen  in  Verbindung,  wofern  das,  was  er  für  das  Inter- 
esse seines  Stammes  hält,  es  objektiv  oder  vermeintlich  er- 
fordert, wie  etwa  politische  und  militärische  Bündnisse  mit 
analogen  Nationalismen. 

Er  denkt  in  einer  eigentümlichen  Abart  kollektivistischer 
Kategorien.  Seinem  Volk,  bzhw.  seiner  Vorstellung  von  seinem 
Volk,  ist  er  ergeben,  andere  Völker  haßt  oder  verachtet  er, 
oder  sieht  von  ihnen  in  völliger  Gleichgiltigkeit  ab,  als 
würden  sie  nie  existiert  haben,  und  jede  dieser  Beziehungen 
hat  das  Ganze  zum  Gegenstand,  als  wäre  jedes  Individuum  nur 
ein  Repräsentant  eines  nationalen  Kollektivums,  u.zw.  ein 
typischer  oder  gar  bevollmächtigter  und  für  jenes  Kollektivum 
verantwortlicher.  Sein  Haß  und  sein  Abscheu  beziehen  sich  auf 
alle  Vertreter  der  andern  Gattung  merkwürdig  unterschiedslos, 
und  nicht  gerade  auf  Taten  oder  auch  nur  Gesinnungen,  sondern 
auf  Naturtatsachen,  wie  Rassenmerkmale  und  diverse  Eigenschaf- 
ten des  Äußern,  auf  charakteristische  Züge  des  Verhaltens, 
auf  die  Sprache  und  die  Aussprache.  Der  Angehörige  eines  verab- 
scheuten Volkes  wird  durchaus  automatisch  mitverabscheut,  und 
dieser  Abscheu  nimmt  der  Intensität  der  Merkmale  jener  ver- 
haßten Wation  nur  zu  oder  ab.  Daher  gibt  es  keinen  Wladyslaw 
und  keinen  Janek,  sondern  nur  Polen,  nicht  Pierre  noch  Rene, 
sondern  nur  Franzosen.  Die  Russen  sind  so,  die  Amerikaner  so. 
Ja,  so  sind  sie  eben,  deshalb  kommt  die  Stunde  der  Abrechnung. 
Alle  Neger  sind  schwarz,  sodaß  es  nicht  nur  zwischen  Senegale- 
sen und  Zulukaffern,  sondern  auch  zwischen  abessinischen 
feindlichen  Brüdern  keinen  Unterschied  gibt  noch  geben  kann. 

Die  derart  vereinfachten  Formeln  und  die  billige  Emotio- 
nalität  sind  nicht  ganz  imitativ,  sondern  vor  allem  Auswüchse 


229 

der  uralten  Fremdenfurcht  und  des  fast  gleichaltrigen 
Fremdenhasses  aus  Troglodytensituationen  und  Modernisierungen 
kannibalischer  Instinkte,  Primitive  Stamme smentalität  enthüllt 
sich  auch  in  einem  dem  Kollektivismus  entgegengesetzten  Ele- 
ment. Es  ist  eine  vorwiegend  tragische,  doch  auch  der  Komik 
nicht  entbehrende  Beziehung  zu  einem  Individuum,  dessen  Größe 
diese  i-enge  selbst  gemacht  hat,  ohne  es  zu  wollen  und  ohne  es 
zu  wissen53 ) ; eine  vom  Kandidaten  selbst  und  von  den  mit  ihm 

53)  Berühmtheiten  jeder  Art  macht  die  Menge  nur  dann,  wenn 
sie  nicht  merkt,  daß  sie  selbst  sie  macht.  Wenn  sie  hingegen 
mehr  oder  weniger  offen  aufgefordert  wird,  sie  zu  machen, 
zieht  sie  sich  eher  zurück  und  verhält  sich  ablehnend.  Der 
Grund  dürfte  darin  zu  suchen  sein,  daß  ihr  in  solchen  Fällen 
Gelegenheit  geboten  wird,  sich  einerseits  ihrer  Macht  und 
anderseits  ihrer  Inkompetenz  bewußt  zu  werden,  also  einer 
widerspruc hsvollen,  unbequemen  Situation, 
auf  Gedeih  und  Verderb  verbundenen  Komplizen  über  Nacht  geschaf 

f ene  erotische  Abhängigkeit  der  Menge  von  einem  Typus  ihres- 
gleichen, der  doch  plötzlich  über  innaöfc  steht,  und  an  ihrer  ä 
Spitze,  zum  Verlieben,  Angst  einjagend,  lähmend  und  aufpeit- 
schend, unwiderstehlich  und  imposant  wie  keiner.  Auf  einmal 
erfahren  sie  es  Alle,  daß  es  der  ist,  auf  den  sie  von  jeher 
v/arten,  und  daß  er  ihnen  auch  alle  die  Wünsche  erfüllen  wird, 
von  denen  sie  bisher  nichts  wußten.  Für  ihn  müssen  sie  natür- 
lich durchs  Feuer  gehen,  und  wehe  dem,  der  sich  das  noch  über- 
legen will.  Schon  fließt  neues  Blut  in  den  Adern  der  alten 
Polizei,  sie  wächst  und  durchwächst  das  Volk,  in  einem  allge- 
meinen Wettbewerb  der  Anbetung  will  man  sich  auszeichnen.  Um 
sicher  zu  gehen,  muß  man  auch  das  Leben  riskieren,  Furcht  vor 
ihm  macht  Alle  zu  Helden  in  seinem  Dienst.  Er  hat  nicht  viele 
Bücher  gelesen,  aber  Leser  und  Schreiber  bücken  sich  tief, 
wenn  auch  zuweilen  mit  unhörbarem  Zähneknirschen.  Ist  es  nicht 
schön  von  ihm,  daß  er  so  Viele  leben  läßt?  Wer  kann  also  um- 
hin, mitzuschreien,  vielleicht  geht  es  am  Ende  doch  nicht  so 
schlimm  aus. 

Die  Aktion  selbst  vollendet  die  Prägung  des  Typus.  Er  ist 
kein  Prolet,  Gott  behüte,  aber  auch  kein  Bourgeois  und  natür- 
lich kein  Intelligenzler,  im  Gegenteil,  er  haßt  sie  Alle.  Noch 
eine  Weile  und  er  kann  sein  Mütchen  kühlen,  denn  lang  genug  k 
haben  sie  ihn  von  unten  verhöhnt  und  bedroht,  und  von  oben 
haben  sie  hochnäsig  herabgeschielt.  Den  Besserwissern  wird  er 
es  schon  zeigen,  den  Bebrillten,  die  ausgespielt  haben,  wie 
jeder  im  Radio  hören  kann.  Auch  die  Reichen  sind  eine  üble 
Bande,  dafür  nennt  man  sie  jetzt  die  Rlutokraten,  besonders 


230 

die  geizigen,  die  wenig  geben,  und  solche  werden  auch  nicht 
in  die  Partei  aufgenommen,  sie  werden  schon  sehen. 

Mit  solchen  Vorstellungen  und  Impulsen  beginnt  schon  das 
rein  imitative  Element  im  Faschismus,  die  Nachahmung  der 
sozialistischen  und  kommunistischen  Bewegungen  und  Parteien« 
Als  Reaktion  auf  die  Arbeiterparteien  und  auf  ihr  beängsti- 
gendes Überhandnehmen  wurde  der  Paschismus  etabliert,  zugleich 
aus  Mißtrauen  gegn  die  lendenlahmen  Abwehrversuche  der  kapita- 
listischen Oberschicht  und  mit  dem  ausgesprochenen  ^eck,  die 
Massen  selbst  im  entgegengesetzten  Sinne  zu  organisieren  und 
zu  aktivieren« Der  Charakter  der  Epoche  zwischen  den  beiden 
Weltkriegen  machte  die  Imitation  zu  einer  zwingenden  Notwen- 
digkeit, In  dieser  Epoche,  deren  geistvollste  Mißdeutung 
wohl  in  Richard  Rees*  "A  Theory  of  My  Time"  54)vorliegt, 
54)  London  1963 

war  sozialistische  Denkungsweise  in  Europa  derart  verallgemei- 
nert, daß  links  und  anständig  oder  verantwortlich  und  so  ziem- 
lich alle  andern  achtbaren  Epitheta  als  synonym  galten.  Der 
Proletarier  begann  erst  in  jener  Zeit  seine  Minderwertigkeits- 
gefühle so  recht  zu  überwinden,  und  in  weiten  Kreisen  des 
Bürgertums  wuchs  ein  von  Schuldgefühlen  gedrängter  Zug  nach 
links,  der  jedoch  nur  eine  eher  kleine  Minorität  über  die 
gemäßigte  Linke  hinausführte.  Viele  distanzierten  sich  vom 
Kommunismus,  aber  nicht  viele  gaben  zu,  auch  gegen  den  Sozia- 
lismus zu  sein.  Sozialistische  Phraseologie  hatte  schon  vor 
1918  in  die  Parteien  der  Mitte  Eingang  gefunden.  Um  in  die 
Bereiche  der  Arbeiterklasse  einzubrechen,  was  allein  dem 
faschistischen  Programm  einen  Sinn  und  Massenerfolg  zu  geben 
versprach,  kisfi  hieß  es  ihr  marxistisches  Vocabulaire  adop- 
tieren, u.zw.  derart,  daß  das  umgekehrte  Vorzeichen  noch  an- 
gehängt werden  konnte.  So  kam  ein  logisches  und  sprachliches 
Zwittergebilde  wie  die  Nationalsozialistische  Deutsche  Arbeit 
terpartei  zustande,  mit  vielen  grotesken  Halbgeschwistern, 
die  aber  in  ihrer  rapid  v/achsenden  Macht  die  Satire  nicht  zu 
fürchten  brauchten. 

Mit  der  Realität,  die  sprachliche  und  selbst  sachliche 
Nachahmungen  der  Linken  erforderte,  wäres  das  faschistische 
Unternehmen  aber  schlecht  zusammengegangen,  wenn  sein  Charak- 
ter als  Dienst  am  Kapitalismus  und  das  ausgesprochene  Abhängig- 
keitsverhältnis weithin  sichtbar  in  Erscheinung  getreten  wärst. 


231 

Die  "beste  Tarnung  war  also  eine  ocheinpppositiom,  als  deren  ■ 
billigste  Form  sich  eine  ebenfalls  von  der  Linken  entlehnte 
antikapitalistische  Phraseologie  ergab,  doch  ohne  störende  s5± 
Wirkung  auf  die  konkreten  Aktionen  des  Faschismus.  Im  Gegen-  j 
teil,  solange  die  Staatskasse  noch  nicht  erobert  war,  zwangen 
zunehmende  Frechheiten  die  wahren  Herren  zu  größerer  Freigebig-I 
keit,  die  dann  die  totale  Eroberung  ermöglichte. 

Das  innere  Resultat,  das  Ergebnis  innerhalb  der  vom  Faess  | 
schismus  befallenen  Nationen,  war  also  eine  soziale  Neubildung 
eine  Art  Klasse  mit  einer  Art  Gesinnung,  Diese  Gesinnung  war 
freilich  schon  viel  früher  vorgebildet  und  ist  bis  heute  nicht 
gestorben.  Ihre  Vorgeschichte  und  ihr  zähes  Nachleben  helfen 
uns  sogar,  jene  Mentalität  klarer  zu  sehen.  Der  Faschist  haßt  ' 
den  Andern  dafür,  daß  dieser  von  ihm  verschieden  ist.  Die  I 
sozusagen  vorbestimmte,  oder  doch  elementare  Gegebenheit  ist 
die  sinnfällige  Verschiedenheit  der  Rasse.  Nicht  nur  das 
Individuum,  dem  die  Rasse  als  nie  zu  beseitigende  Naturtatsache 
anhaftet,  ist  unfrei;  sondern  ebenso  unfrei,  der  Überlegung 
und  Wahl  entzogen,  ist  auch  die  Reaktion  auf  die  Rasse  mit  al- 
len ihren  Konsequenzen.  Unwandelbar  wie  die  Verschiedenheit  ± 
ist  der  Haß,  der  in  der  faschistischen  Auffassung  für  immer 
bestehen  muß.  Darin  nur  Lüge  und  Verworfenheit  zu  sehen, 
wäre  aber  reichlich  oberflächlich.  Die  Betrachtung  dieser 
Denkungsweise  führt  vielmehr  zur  Entdeckung  einer  gewissen 
Dosis  von  Fatalismus  in  der  faschistischen  Mentalität.  Teil- 
weise genügt  diese  fatalistische  Tendenz  zur  Erklärung  des 
Phänomens  der  Widerstandslosigkeit  und  zugleich  des  Fanatis- 
mus der  Massen,  ihres  Verlustes  aller  Kritik  und  ihres  sklavi- 
schen Folgeleistaas. 

Der  Faschismus  hat  zwar  kein  Monopol  auf  Unmenschlich- 
keit. Auch  der  Kapitalismus  an  sich,  nicht  nur  sein  faschisti- 
scher Diener,  sowie  auch  die  Kirche  und  die  kommunistische  S± 
Diktatur  haben  ihre  Unmenschlichkeit  mehr  als  reichlich  bewie- 
sen. Aber  diejenige  Richtung,  deren  unmenschliche  Tendenz 
in  der  theoretischen  Grundlage  verwurzelt  ist,  und  sich  daher 
folgerichtig  bis  zum  größten  Verbrechen  der  Weltgeschichte 
ausv/achsen  konnte  und  mußte,  ist  der  Faschismus,  Der  italieni- 
sche hatte  Judenverfolgung  nicht  in  seinem  Programm,  solange 
er  noch  einigermaßen  selbständig  v/ar;  was  auch  bei  der  beschei- 
denen Zahl  und  Rolle  der  Juden  Italiens  nicht  gelohnt  hätte 


und  in  Anbetracht  ihres  übertriebenen  Patriotismus  nur 
einen  schlechten  Eindruck  hätte  machen  müssen.  Erst  als  der 
italienische  Faschismus,  durchaus  nicht  unlogisch,  dem  viel- 
fach mächtigeren  und  um  Eindruck  wenig  bekümmerten  deutschen 
ganz  hörig  geworden  war,  konnte  es  den  italienischen  Juden 
nicht  mehr  viel  besser  gehen  als  den  ukrainischen.  Für  alle 
jene  Tendenzen,  aus  denen  die  faschistische  Judenverfolgung 
hervorging,  waren  die  Juden  immer  schon  das  überall  vorhan- 
dene und  am  leichtesten  greifbare  Opfer  gewesen,  die  nirgends 
fehlende  fatale  Verschiedenheit,  der  allgegenwärtige  Gegen- 
satz, die  immerwährende  Herausforderung.  Skrupellosigkeit , 
vor  allem  wenn  es  nicht  die  eingeschmuggelte  und  verstohlene, 
sondern  die  deklarierte  und  in  alle  Vitelt  gebrüllte  ist,  neigt 
zum  Wachstum  in  geometrischer  Reihe«  Fast  jedes  große  Verbre^ 
chen  hat  ja  einmal  scheu,  zögernd  und  in  kleinem  Maßstab  be- 
gonnen. Bald  geht  die  Skrupellosigkeit  nicht  mehr  unauffällig 
und  in  loser  Berührung  neben  dem  Sadismus  einher,  sondern 
beide  gehen  in  schauriger  Vermählung  in  einander  über. 

Der  Haß  des  Andern  oder  Fremdartigen  scheint  zunächst 
dort  verständlicher,  wo  er  sich  auf  das  ganz  und  gar  Verschie- 
dene oder  Kontrastierende  bezieht,  doch  wird  eine  solche  An- 
nahme durch  unvoreingenommene  Beobachtung  nicht  bestätigt. 
Die  psychologische  Beobachtung  ist  vielmehr  einem  andern 
Gesetz  auf  die  Spur  gekommen,  das  zuweilen  gefährlichere  Sach- 
verhalte schafft;  es  ist  das  Gesetz  des  Hasses  auf  Grund  der 
kleinen  Differenz.  Die  nationalistische  Verhetzung  hatte  es 
nicht  schwerer,  sondern  leichter,  zwischen  Angehörige  nur 
leicht  von  einander  verschiedener.  Völker  Haß  zu  säen.  Dieselbe 
schlimme  Tendenz  mag  z.B.  an  den  späteren  Tragödien  im  befrei- 
ten und  in  dem  Befreiung  suchenden  Afrika  mitschuldig  sein. 

Seit  langem  ist  sie  trotz  zurückhaltendem  und  wohlerzogenem 
Benehmen  in  Skandinavien  erkennbar,  ,  n . , . 

u.zw.  ohne  politische 

Motive  wie  territoriale  Expansionssucht,  ferner  auf  dem 

Balkan,  unterfLevantini sehen  Nationen,  zwischen  slavischen 

Völkern  und  im  Fernen  Osten.  Auf  solchen  Nährböden  ist  der 

Faschismus  in  unserer  Generation  recht  gut  gediehen,  auch 

wo  er  kein  eigenes  Regime  aufrichten  konnte. 

Denn  es  kommt  nicht  allein  auf  das  Regime  und  dessen 

konkrete  Greuel  an;  mit  Ausnahme  der  zähen  Senilität  der  bei4 

den  iberischen  Diktaturen  hat  sich  jede  Herrschaft  solcher  Art 


233 

bisher  als  viel  kurzlebiger  erwiesen  als  sie  prahlend  anzukün- 
digen pflegt.  Vielleicht  bilden  auch  die  Neo-Nazis,  falls  sie 
nicht  eine  unvorhersehbare  Konjunktur  sollten  ausnützen  können, 
eine  weitaus  geringere  Gefahr  als  Manche  befürchten  und  Manche 
erhoffen.  Doch  versuchen  wir  aus  dem  bisher  Verstandenen  ohne 
Selbstbetrug  zu  lernen  und  den  Kern  des  Faschismus  zu  definie- 
ren: Er  ist  das  Unedle,  Halbe,  Barbarische,  dem  das  Edle  des 
Tieres  schon  fehlt  und  das  Edle  des  Renschen  noch  fehlt;  der 
das  Opfer  sucht,  an  dem  er  sich  für  seine  Minderwertigkeits- 
gefühle rächen  kann;  ej  ist  die  Tendenz  des  Inferioren,  zu 
hassen,  was  ihm  nicht  gleicht;  des  Lrbesunf ähigen,  aus  der 
Zerstörung  des  Gehaßten  Ersatzbefriedigung  zu  ziehen;  und  der 
Trick  des  Herrschsüchtigen  und  Herrschaftsunfähigen,  sich  durch 
die  Irrealität  eines  Kultes  über  die  eigene  Nichtigkeit,  durch 
die  Freude  an  der  Versklavung  und  am  Martyrium  Anderer  über  die 
eigene  Sklaverei  hinwegzutäuschen. 

Haben  wir  portugiesischen  Generälen  und  deutschen  Rüstungs- 
magnaten nachzugehen,  um  dieses  grausige  Unheil  in  ihnen  ver- 
körpert und  in  ihrem  Tun  wiederkehren  zu  sehen?  Sollte  nicht 
vielmehr  jeder  von  uns  scharf  in  sich  selbst  blicken,  um  den 
Schatten  des  lauernden  Nazi  im  eigenen  Herzen  zu  entdecken? 
Nach  allem  v^tct  durch  sie  Erlittenen  bin  ich  zu  dem  Ergebnis  g 
gelangt,  daß  die  Überwindung  dieses  Schattens  die  Aufgabe  bildet, 
die  ich  in  dem  mir  gebliebenen  Leben  erfüllen  will« 

In  dem  Maße,  in  dem  immer  mehr  Menschen  dasselbe  tun  werden, 
um  das  Ungeheuer  in  sich  selbst  zu  finden  und  zu  bezwingen  und 
einander  brüderlich  helfen  werden,  unablässig  die  eigene  Vervoll- 
kommnung zu  suchen,  muß  der  Faschismus  an  Boden  verlieren.  Wer 
sich  aber  für  zu  rein  und  zu  vollkommen  hält,  um  zu  glauben, 
das  Böseste  sei  auch  in  ihm,  kann  dessen  Kern  nicht  angreifen, 
das  Übel  nicht  entwurzeln  helfen.  Die  Verfolgung  von  Verbrechern 
ist  rational  genügend  motiviert,  doch  vielfach  wichtiger  ist 
unser  innerer  Antrieb,  den  Verbrecher  in  uns  selbst  zu  ergreifen« 
Jenn  wir  das  bewußt  tun,  brauchen  wir  nicht  mehr  die  Verfolgung 
Anderer  als  Ersatz  für  Selbstreinigung.  Ebenso  glaube  ich,  daß 
im  sozialen  Leben  auf  die  Dauer  keine  Kraft  so  groß  ist  wie  die 
des  Vorbildes.  Wie  könnten  sonst  die  biblischen  Propheten, 
Buddha  und  Christus  Menschen  bis  heute  beistehen  und  sie  erzie- 
hen und  veredeln?  Wie  könnten  überhaupt  Menschen,  die  vor  so 
langer  Zeit  gelebt  haben,  bis  heute  fortwirken  und  zu  einem  ±n 


integralen  Teil  unseres  Lebens  werden?  Hat  Tolstoi  eine  Partei 
gegründet  oder  ist  er  als  Vorbild  so  machtvoll? 

Kriminologen  klagen  oft  über  die  ühausrottbarkeit  der 
Habgier,  des  Zerstörungstriebes  und  der  Grausamkeit  und  verglei- 
chen das  Verbrechen  mit  der  Hydra,  die  jeden  abgehackten  Kopf 
durch  zwei  neue  Köpfe  ersetzt.  Die  Aussichten  stehen  aber  ganz 
anders,  wenn  wir  zuerst  und  am  meisten  an  uns  selbst  arbeiten. 
Unwillkürlich  begeistern  wir  auch  Andere.  Unsere  Schneeball- 
wirkung tritt  mit  der  des  Verbrechens  in  einen  Wettbewerb,  den 
wir  hoffnungsvoll  aufnehmen  können. 

Ich  widme  diesen  Abschnitt  einer  Persönlichkeit,  die  ich 
nicht  nennen  will.  Infolge  furchtbarer  Erlebnisse  hat  sie  in 
ihrer  Kindheit  faschistisch  gedacht,  später  aber  den  feg  zu 
reinster  Menschlichkeit  und  Menschenliebe  gefunden. 

„  .  ßL  iL  1ü*Ma  VtoMjwj  vi4u*»u*, . 

Eine  Deutung  des,  KommimismugJJ!!  ^aU/ S^UA^Mok, i 

Im  Geiste  der  im  Vorwort  gegebenen  Erklärung  sollen  die 
vorliegenden  Betrachtungen  einen  brauchbaren  Beitrag  zur  Lösung 
der  Probleme  und  zum  Frieden  ki^aii  bilden.  Vor  allem  sollen 
sie  aber  die  so  komplizierte  Lage  nicht  noch  mehr  komplizieren 
und  die  Gefahr  eines  dritten  Weltkriegs  und  des  Untergangs 
nicht  noch  vergrößern  helfen.  Wer  also  hier  geistige  Munition 
zum  Kampfe  gegen  eines  der  beiden  Lager,  oder  gegen  eines  der 
drei,  oder  gegen  zwei  von  den  drei  Lagern  zu  finden  hofft, 
oder  auch  nur  eine  der  üblichen  Ersatzbefriedigungen  durch 
totale  Verdammung  seiner  -feinde,  wird  besser  tun,  die  Lektüre 
dieses  Abschnitts  zu  unterlassen.  Kreuzritterrüstungen  sind 
in  der  Garderobe  abzugeben. 

Marx  und  Engels  griffen  im  Anfang  ihres  "Kommunistischen 
Manif ests"  die  wenigen  schon  damals  existierenden  Vorarbeiten 
auf  und  nannten  den  gemeinsamen  Bodenbesitz  von  Dorfgemeinden 
die  Urform  der  Gesellschaft  von  Indien  bis  Irland;  was  heute 
nur  die  Einschränkung  erfordert,  daß  die  Anwendbarkeit  dieser 
Feststellung  nicht  weiter  als  bis  zum  Neolithikum  zurückreicht. 
Zu  wirklicher  Klärung,  wie  sie  bisher  noch  nicht  erreicht  wor- 
den ist,  könnte  eine  sachlich  und  mit  der  größtmöglichen  Voll- 
ständigkeit geschriebene  Vorgeschichte  des  Kommunismus  einiges 
beitragen.  Über  die  dem  Altertum  angehörigen  Kapitel  dieser 
Vorgeschichte  läßt  sich  aus  antiken  Quellen  manches  schließen, 

zumal  die  in  unserer  Generation  am  Toten  Meer  entdeckten  hebrä- 
ischen und  aramäischen  Handschriften  auf  das  Essäertum  und 


235 

verwandte  Gemeinschaften  einiges  Licht  werfen.  Anderseits 
sind  kommunistische  Gruppen  des  Altertums  und  des  Mittelalters 
Stiefkinder  der  neuzeitlichen  Geschichtsforschung.  Diese  nega- 
tive Beziehung  zur  Vorgeschichte  des  Kommunismus  trifft  nicht 
nur  für  kapitalistische  Länder  zu,  sondern  auch  für  die  kommu- 
nistischen, denn  jene  auf  religiösen  Glauben  gegründeten 
Lebensbünde  von  Vegetariern  und  Ethikern  mit  einer  teils  unbe- 
dingten, teils  begrenzten  Askese  sind  dem  historischen  Materia- 
lismus nicht  gerade  bequem  und  willkommen.  Sie  werden  daher  x 
von  den  meisten  marxistischen  Historikern  wohl  zur  Kenntnis  &x 
genommen,  aber  als  utopisch  und  abstrus  abgetan.  So  besitzen 
wir  bis  heute  keine  benutzbare  Zusammenstellung  der  historischen 
Aussagen,  und  umso  weniger,  wie  schon  früher  bemerkt,  konse- 
quente Versuche  zur  Verwertung  der  noch  viel  spärlicheren 
anschaulichen  Belege  aus  prähistorischen  Zeiten. 

Die  Folgerungen  und  Möglichkeiten,  die  zu  Grundlagen  einer 
prähistorischen  Soziologie  führen  und  in  unserem  Zusammenhang 
aufschlußreich  v/erden  können,  haben  uns  z.T.  schon  beschäftigt. 
Über  protohistorischen  und  klassisch-historischen  Kommunismus 
wissen  wir  nichts;  wenn  wir  die  früher  erwähnten  Bedingungen 
des  Zustandekommens  von  Geschichtsquellen  im  Auge  behalten, 
wird  es  uns  nicht  wundern,  daß  Tatsachen  solcher  Art  meistens 
unbeachtet  blieben^  durch  Feindseligkeit  und  Mißachtung  entet 
stellt  oder  gestrichen  wurdenx.Boch  wäre  es  nicht  allzu  über- 
raschend, wenn  etwa  weitere  Erforschung  der  Ideen  und  des  Lebens 
der  Pythagoräer  uns  einzelne  Kapitel  der  griechischen  Antike 
in  neuem  Lichte  zeigte  oder  wenn  unter  den  vielen  Bewegungen 
und  Sekten  im  alten  Indien  Gruppen  entdeckt  würden,  die  außer- 
halb des  Kastensystems  Gütergemeinschaft  aufrichten  und  für 
einige  Zeit  aufrechterhalten  konnten.  Doch  sind  solche  Möglich- 
keiten noch  hypothetisch.  Die  frühesten  grundsätzlich  kommu- 
nistischen Gemeinschaften,  zu  denen  der  moderne  Kommunismus  je- 
doch in  höchst  wichtigen  Belangen  in  schroffem  Gegensatz  steht, 
haben  in  Israel  bestanden.  Dank  Philo,  Josephus  Flavius,  Plinius 
dem  Altern  und  Hippolytus  besitzen  wir  Ansätze  zur  Kenntnis 
der  Essäer,  die  aber  erst  durch  die  seit  der  Mitte  unseres 
Jahrhunderts  an  den  Wordwestufern  des  Toten  Meeres  entdeckten 
riandschrif ten  entscheidend  bereichert  worden  ist.  Sie  waren  ± 
keine  Sekte,  wohl  auch  nicht  eine  Vielheit  von  Sekten;  sondern 
eine  Bewegung,  die  mehrere  einander  ähnliche,  aber  nicht  gleiche 


r 


2^6 

Orden  umfaßte,  wahrscheinlich,  auch  in  andern  Teilen  des  Landes. 
Gütergemeinschaft  war  allen  gemeinsam,  auch  den  nach  dem  ffadi 
Kumran  benannten  und  den  als  Hemerobaptisten  bezeichneten  wir 
auch  einem  im  Ausland,  nahe  dem  ägyptischen  Alexandria  leben- 
den Orden,  den  Therapeuten.  Alle  lebten  vegetarisch.  Diejenigen, 
welche  am  Kult  im  Tempel  zu  Jerusalem  teilnahmen,  brachten 
keine  tierischen,  sondern  pflanzliche  Opfer  dar.  Die  meisten 
waren  konsequente  Asketen,  nur  einzelne  Gruppen  ließen  eheli- 
ches Zusammenleben  bis  zur  Geburt  von  Kindern  zu.  Sie  lebten 
von  der  Arbeit  ihrer  Hände,  auch  darin  Vorbilder  der  späteren 
christlichen  Mönche,  und  Treue  und  Gehorsam  gehörten  zu  den 
Ordensregeln. 

Als  die  Epoche  ihrer  Wirksamkeit  gelten  die  zwei  letzten 
vorchristlichen  und  das  erste  Jahrhundert  der  christlichen 
Zeitrechnung.  Aber  gerade  die  nichtbiblischen,  damals  nieder- 
geschriebenen Hollen  weisen  auf  enge  Zusammenhänge  mit  dem 
Geiste  der  Propheten  hin.  Die  Bewegung  könnte  um  annähernd 
hundert  Jahre  älter  sein  als  allgemein  angenommen  wird  und 
vielleicht  von  der  geistigen  Reaktion  auf  den  frühesten  Helle- 
nismus und  dessen  ethischer  Ablehnung  äs  ihre  ersten  Impulse 
empfangen  haben, um  bald  darauf  ihre  spezifische  Vertiefung  zu 
erfahren. 

Bis  zum  Ende  des  zweiten  Jahrhunderts  bildeten  die  Christen 
noch  eine  jüdische  Sekte  und  gingen  in  ihrer  Opposition  nicht 
weiter  als  die  andern  Minderheiten  oder  die  Mehrheitsgruppen 
im  Verhältnis  zu  einander.  Zwischen  den  Sssäern  und  der  urchrist- 
lichen Gemeinde  gibt  es  auffallende,  von  einer  Anzahl  von  Autoren 
betonte  Ähnlichkeiten,  sodaß  die  Idee  eines  geistigen  Abstammungs- 
verhältnisses viel  für  sich  hat.  Doch  die  Christengemeinde  war 
weder  ein  Orden  noch  in  ihrer  Gesamtheit  vegetarischs.  Daß  aber 
auch  in  ihr  das  Privateigentum  abgeschafft  war  und  Armut  gefor- 
dert wurde,  ergibt  sich  z.B.  aus  der  Geschichte  von  jenem  An- 
schlußbereiten, der  alle  Gebote  erfüllt,  aber  sich  zum  Verzicht 
auf  seinen  Besitz  nicht  entschließen  kann  und  traurig  davongeht 
(Matth.  19,  16-22).  Das  Folgende,  ebenda,  23-24,  enthält  über- 
dies das  berühmte  Urteil  Jesu  über  die  Reichen;  eher  würde  ein 
Schiff stau£#^durch  ein  Nadelöhr  gehen  als  ein  Reicher  InsH^iAM. 
4^7^cA^p5)/Co^^,Eamei>  statttovuAos  , Schiffstau,  kann  nur  ein  alter 
Schreibfehler  sein,  der  schon  längst  Zweifel  erregt  hat, 
aber  in  alle  neuzeitlichen  Übersetzungen  übergegangen  ist 


237 

und  sich  hartnäckig  behauptet,  obzwar  er  im  Gegensatz  zum 
Geiste  antiker  Gleichnisse  unlogisch  und  unanschaulich  ist, 
da  ein  Schiffstau  zwar  nicht  seinem  Durchmesser  nach,  aber  ss 
seinem  Charakter  nach  einem  Nadelöhr  entspricht  und  so  das 
Gegensätzliche  dem  Gleichartigen  gegenübergestellt  ist; 
während  zwischen  einem  Nadelöhr  und  einem  Kamel  überhaupt 
kein  einleuchtender  Zusammenhang  hergestellt  werden  kann, 
Hiezu  ist  noch  zu  bemerken,  daß  im  modernen  Griechisch  auch 
das  kamilos  ausgesprochene  V/ort  für  Schiff  stau,  ebenso  wie 
das  Wort  für  Kamel °S    geschrieben  wird. 

Doch  hängt  diese  Einzelheit  mit  einer  viel  größeren 
Präge  zusammen.  Bezüglich  der  vorhandenen,  nicht  vor  dem 
4. Jahrhundert  geschriebenen^bodices  des  Neuen  Testaments 
(nur  der  im  5, Jahrhundert  geschriebene  Codex  Bezae  ist 
griechisch  und  lateinisch  geschrieben)  gilt  es  als  selbst- 
verständlich, daß  sie  Kopien  der  Originaltexte  sind«  Doch 
sprechen  unabweisliche  Erwägungen  dafür,  daß  sie  griechische 
Übersetzungen  verlorener,  u.zw.  hebräischer,  teilweise  viel- 
leicht aramäischer  Originale  sind.  (In  jenen  Jahrhunderten 
war  aramäisch  die  jüdische  Volkssprache,  wurde  aber  nur  in 
Ausnahmsfällen,  wie  im  Hauptteil  des  Buches  Daniel,  auch 
Schriftsprache.  Als  Literatursprache  blieb  das  Hebräische  in 
Gebrauch,  wie  die  Handschriften  vom  Toten  Meere  aufs  neue 
klar  machen.)  Im  1,  und  2. Jahrhundert  werden  diejenigen  Juden, 
die  mit  griachischen  Siedlern  in  Berührung  kamen  oder  auslän- 
dische Handelbe Ziehungen  hatten,  griechisch  verstanden  haben, 
aber  das  Volk  sprach  aramäisch  und  las  oder  schrieb  hebräisch. 
Die  frühe  Christengemeinde  bestand  noch  ausschließlich  aus 
Juden.  Sie  war  eine  von  religiöser  Selbständigkeit  noch  weit 
entfernte  jüdische  Sekte,  die  den  Messianismus  stärker  betonte 
als  die  damalige  Majorität  es  tat  und  sich  von  dieser  haupt- 
sächlich dadurch  unterschied,  daß  sie  Jesus  von  Nazareth, 
dessen  Name  noch  wenig  bekannt  war,  als  Messias  anerkannte 
und  an  seine  künftige  Wiederkehr  glaubte.  So  bestand  kein  Grund, 
und  gewiß  nicht  einmal  eine  Möglichkeit,  die  Schriften,  die 
der  Besonderheit  der  Christengemeinde  entsprachen,  in  einer 
Eremdsprache  zu  verfassen,  auch  nicht  im  Griechischen,  das 
für  den  ganzen  Osten  des  Mitteimeeree  eine  gewisse  internatio- 
nale Bedeutung  hatte.  Denn  die  Idee,  das  Christentum  vom 
Judentum  loszulösen  und  es  zu  einer  Weltreligion  zu  machen, 
also  das  paulinische  Programm,  war  erst  am  Ende  des  3. Jahr- 
hunderts voll  entwickelt.  Wenn  wir  die  vorliegenden  griechi- 
schen Handschriften  des  NT  also  als  Kopien  der  Urtexte  betrach- 
ten sollten,  müßten  wir  die  Urtexte  selbst  eben  so  spät  datie- 
ren, was  ziemlich  absurd  wäre.  So  liegt  es  viel  näher,  anzu- 
nehmen, daß  die  griechischen  Manuskripte  Übersetzungen  sind, 
in  jener  Zeit  angefertigt,  in  der  sie  durch  die  Int ernational i- 
sierung  der  Christenheit , vor  allem  durch  den  Zustrom  von 
Griechen  und  Römern,  notwendig  geworden  waren}  analog  der 
Septuaginta,  die,  etwas  mehr  als  ein  halbes  Jahrtausend  frühe?, 
in  einer  Blütezeit  des  ägyptischen  Hellenismus,  als  Übersetzung 
des  AT  ins  Griechische  entstanden  war,  als  die  Notwendigkeit 
dafür  sich  ergeben  hatte. 

Damit  wäre  zugleich  eine  Schwierigkeit  behoben,  um  die 
sich  manche  Gelehrte  noch  in  der  uns  vorausgegangenen  Generation 
bemühten,  ohne  zu  einer  befriedigenden  Lösung  zu  gelangen. 
Seit  langem  fielen  in  den  für  ursprünglich  griechisch,  gehalte- 
nen Texten  Hebraismen  auf,  die  weder  durch  die  Volkszugehörig- 
keit der  Verfasser  noch  durch  den  angenommenen  Einfluß  der 
Septuaginta  genügend  erklärt  v/aren.  Die  griechische  Version 


237  a 


des  Neuen  Testaments  kann  nur  in  einer  der  Septuaginta 
analogen  Weise  entstanden  sein.  Die  Annahme  hebräischer  Origis 
nale  erfordert  nur  eine  Einschränkung.  Während  der  Großteil  äs 
des  NT,  der  für  die  Christen  des  Inlandes  und  zur  Verbreitung 
der  Lehre  im  Inland  geschrieben  worden  war,  entweder  hebräisch 
oder  teils  hebräisch,  teils  aramäisch  verfaßt  worden  sein 
muß,  v/erden  die  in  das  NT  aufgenommenen  und  für  das  Ausland 
bestimmten  Briefe  ursprünglich  griechisch  geschrieben  worden 
sein. 

Wenn  auch  unvollständig  und  unentschieden  oder  unklar, 
war  diese  Gewißheit  längst  vorhanden,  sogar  schon  im  späten 
Altertum.  In  Bezug  auf  das  Matthäus-Evangelium  liegt  eine 
ausdrückliche  Mitteilung  vor,  von  Papias,  vermutlich  einem 
Enkelschüler  der  Apostel,  und  diese  ist  in  der  ältesten  Kir- 
chengeschichte zitiert,  in  der  von  Eusebius  von  Caesarea 
im  Anfang  des  4. Jahrhunderts  verfaßten  Historia  Ecclesiastica« 
u.zw.  fff  111,39,16.  Da  berichtet  der  wahrscheinlich  wörtlich 
wiedergegebene  Papias,  Matthäus  habe  die  "Aussprüche"  Jesu 
in  hebräischer  Sprache  HtsäsxgsgstaK  niedergeschrieben.  Ob- 
wohl sich  diese  Peststellung  weder  auf  das  gesamte  NT  noch 
auch  auf  das  ganze  Matthäus-Evangelium  bezieht,  ist  sie  für 
die  Klärung  unserer  Präge  ungemein  wertvoll.  Im  18.  Jahrhun- 
dert näherte  sich  u.a.  Lessing  der  Wiederentdeckung  des  ver- 
gessenen Sachverhaltes,  während  sich  das  19«  Jahrhundert 
eher  von  ihm  entfernte.  Die  moderne  Zweiquellentheorie, 
nach  der  die  Evangelien  des  Matthäus  und  des  Lukas  außer  dem 
des  Markus  noch  einen  andern  Text  zur  Voraussetzung  haben, 
hat  in  der  Präge  seiner  Sprache  keine  Aufhellung  gebracht. 

Als  Pranz  Delitzsch  noch  im  vorigen  Jahrhundert  seine 
meisterhafte  hebräische  Übersetzung  des  NT  schrieb,  ahnte 
er  nicht,  daß  es  eine  Rückübersetzung  sei.  Er  schloß  sich 
eng  an  den  Stil  der  Propheten  an,  sodaß  gerade  seine  Arbeit 
geeignet  ist,  uns  eine  Vorstellung  von  den  verlorenen  Origi- 
nalen zu  geben,  die  durch  den  Stil  der  Rollen  vom  Toten  Meer 
noch  verdeutlicht  wird.  Angesichts  dieser  hoffentlich  noch 
nicht  abgeschlossenen  Punde  scheint  es  nicht  mehr  ganz  un- 
möglich, daß  einmal  auch  Teile  des  ursprünglichen  NT  zum 
Vorschein  kommen  werden. 

Dann  würden  sich  die  Lösungen  vieler  Prägen  von  selbst 
ergeben,  auch  die  des  Verses,  der  den  Ausgangspunkt  dieser 
Digression  bildet. 


x  237b 
Leider  werde  ich  erst  nach  Abschluß  dieses  Kapitels  auf 
mir  noch  unbekannt  gebliebene  wichtige  Forschungen  aufmerksam, 
u.zw.  durch  einen  in  der  hebräischen  Monatsschrift  "Moznaim" 
im  Februar  1968  erschienenen  Aufsatz  von  M.  Ungerf eld  über  das 
wissenschaftliche  Vermächtnis  von  Zvi  Perez  Chajes  (1876-1927)» 
Es  ist  die  früheste  Publikation  dieses  Forschers,  "Markus-Studien',' 
Berlin  2B$x  1899»  die  in  unserem  Zusammenhang  bedeutungsvoll  ist. 

Dank  früheren  Vermutungen  anderer  Verfasser  und  eigenen 
Erkenntnissen  war  auch  Chajes  zum  Schluß  gelangt,  daß  das  Markus- 
Evangelium,  das  früheste,  nicht  ursprünglich  gre\i,chisch  geschrieben 
worden  sein  konnte.  Die  sekundäre  Frage,  ob  das  Original  hebräisch 
oder  aramäisch  gewesen  war,  entschied  er  zu  Gunsten  des  Hebräischen, 
trotz  der  Tatsache,  daß  das  Aramäische  die  jüdische  Volkssprache 
jener  Zeit  gewesen  war.  Er  fatxd  Wortspiele,  die  sich  in  allen 
andern  Sprachen  verflüchtigen  und  nur  im  Hebräischen  ihren  vollen 
Sinn  haben, Auch  der"aussätzige"  Simon,  in  dessen  Hause  Jesus  nach 
den  Evangelien  des  Markus  und  Matthäus  zu  Gaste  aaoqp  gewesen  war , 
wurde  durch  Korrektur  eines  einzigen  hebräischen  Buchstabens  zum 
bescheidenen  oder  keuschen  Simon.  Dieses  Epitheton,  das  nur  auf 
einen  für  besonders  würdig  Befundenen  gemünzt  sein  kann,  wird 
schwerlich  den  Apostel  Simon  "Kananaios"  meinen,  sondern  mit 
aller  Wahrscheinlichkeit  Simon-Petrus.  Die  dem  Apostelfürsten 
zugeschriebene  Tugend  wird  dadurch  plausibler,  daß  sie  an  den 
"sehr  demütigen"  Moses  (Num.12,3)  erinnert.  Dank  Chajes  wird  also 
zur  Gewißheit,  daß  der  "aussätzige"  Simon  nur  ein  Schreibfehler 
war,  ein  irtsum-  des  griechischen  Übersetzers,  der  das  Original 
falsch  las,  oder  eine  Fehlleistung  des  Schreibers  der  Handschrift, 
die  dem  Übersetzer  vorgelegen  war,  u.zw.  sarua*  statt  sanuä*. 

Endlich  hat  diese  sprachliche  Entdeckung  auch  einen  sachlichen 
Widersinn  beseitigt.  Ein  aussätziger  Gastgeber  war  völlig  unwahr- 
scheinlich. In  allen  Bereichen  antiker  Zivilisation  waren  die 
Leprakranken  von  den  Gemeinschaften  der  Menschen  zumeist  ausge- 
schlossen und  in  unbewohnte  Gegenden  vertrieben.  Israel  besaß 
seit  dem  frühen  Altertum  die  in  Leviticus  Kap.  13  und  14  darge- 
stellte £xx  Diagnostik,  nebst  radikalen  Maßnahmen  zur  Verhütung 
weiterer  Ausbreitung,  aber  keine  TJpapie,  und  wir  erfahren  nur 
von  einzelnen  Wunderheilungen,  wie  Numeri  12,  II  Könige  5  und 

schließlich  Lukas  5fl2.  Die  Richtigstellung  des  so  lange  gedul- 

caer  Sprache 

deten  Dehlers  bildet  den  in  der  Fraget  des  Urtextes  wertvollen 

s~ »  «  n  i  Schlußpunkt. 


238 

Allerdings  bereitet  es  heute  nicht  Vielen  besondere 
Freude,  vor  allem  weder  antikommunistischen  noch  kommuni- 
stischen Historikern,  der  prinzipiellen  Haltung  des  ersten 
Christentums  auf  den  Grund  zu  gehen  und  sie  zu  definieren. 
In  ihm  wie  in  den  essäischen  und  den  diesen  verwandten 
Gemeinden  war  es  offensichtlich  ein  absolut  friedlicher, 
weil  nur  für  sie  selbst  bestimmter  Kommunismus,  der  mit 
privater,  auf  Gewinn  berechneter  Wirtschaft  keinen  Streit 
gehabt  zu  haben  scheint.  Sie  griffen  niemanden  an  und 
machten  nicht  nur  keine  Propaganda,  sondern  ließen  Novizen 
nur  unter  schweren  Bedingungen  und  nach  erstaunlich  langer 
Bewährung  zu.  Zwar  wurden  sie  angegriffen,  aber  aus  Texten  vom 
Toten  Meere  geht  hervor,  daß  die  Motive  der  Angriffe  mit 
ihrer  Wirtschaft  nichts  zu  tun  hatten. 

Die  spätere  Vorgeschichte  des  Kommunismus  ist  vor  allem 
die  inhaltsreiche  Geschichte  der  Mönchsorden,  der  des  morgen- 
ländischen und  des  abendländischen  Christentums  wie  auch 
der  des  Buddhismus  und  anderer  Religionen  Asiens.  Es  ist  demaac 
nach  klar,  daß  der  Kommunismus  an  sich  weder  eine  politische 
Gesinnung  ist  noch  eine  solche  zur  Voraussetzung  hat.  Obgleich 
Mönche  auch  unsagbar  Böses  getan  haben,  sowohl  indirekt  als 
auch  mit  eigenen  Händen,  ist  ihre  Rolle  in  der  Geschichte 
der  Zivilisation  doch  eine  vorwiegend  positive  und  durch  kul- 
turschöpferische Arbeit  von  höchster  Bedeutung  charakterisiert» 
"Über  ihre  kleinen,  doch  in  ihrer  Gesamtheit  keineswegs  belang- 
losen Wirtschaftskörper,  die,  abgesehen  von  der  Planmäßigkeit 
ihrer  Produktion,  auf  weitgehender  Autarkie  beruhen,  erfahren 
wir  aber  aus  keiner  Quelle  von  Kämpfen  mit  anderen  Wirtschafts- 
mächten, und  damit  stimmt  auch  die  gegenwärtige  Situation 
überein.  Auch  hier  waren,  bzhw.  sind  die  Konfliktstoffe  von 
anderer  Art. 


239 

Die  modernen  landwirtschaftlichen  Koperativen,  die  gelegen fr- 
lieh  auch  einzelne  Industriezweige  einschließen,  bzhw.  mit 
analogen  städtischen  Institutionen  in  Verbindung  stehen, 
zerfallen  in  zwei  Gruppen,  die  der  kommunistischen  und  die 
der  nichtkommunistischen  Länder.  Die  erstgenannte  Gruppe  ist 
von  unserem  Standpunkt  weniger  interessant,  da  sie  einen  Teil 
eines  großen  oder  riesenhaften,  mehr  oder  weniger  totalitären 
Wirtschaftsorganismus  bildet  und  an  dessen  Erfolgen  oder  Mißer- 
folgen ihren  logischen  Anteil  hat.  Der  genossenschaftliche 
Sektor  der  Landwirtschaft  kommunistischer  Länder  ist  allerdings 
noch  nicht  so  weit  wie  man  theoretisch  annehmen  sollte.  Z.B. 
Polen,  das  trotz  einer  gewissen  Industrialisierung  seinen 
Charakter  als  vorwiegender  Agrarstaat  nicht  geändert  hat,  hat 
zwar  keinen  privaten  Großgrundbesitz  mehr,  aber  private  Klein- 
wirtschaften bilden  nach  neuen,  wahrscheinlich  übertriebenen 
und  von  keinem  Amt  bestätigten  Berichten  85%  der  polnischen 
Landwirtschaft . 

Innerhalb  der  kapitalistischen  Ökonomie  sind  hingegen 
auf  Gemeineigentum  aufgebaute  Arbeitsgemeinschaften  inselhafte 
Gebilde  heterogenen  Charakters,  Experimente,  deren  Gelingen  wohl 
an  das  Schicksal  der  ganzen  umgebenden  Wirtschaft  geknüpft  ist, 
die  aber  anderseits  in  wichtigen  Belangen  unabhängig  sind  und 
eigenen  Gesetzen  folgen.  Ihre  Existenzbedingungen  sind  also 
widerspruchsvoll  und  ungünstig.  Die  essäischen  Gruppen  standen 
Ja  zu  ihrer  Umgebung  in  analogen  Beziehungen,  und  die  späteren 
Klöster,  einschließlich  der  heutigen,  ebenso.  Allen  diesen  gro- 
ßen und  kleinen  Wirtschaftsinseln  ging  es  immer  relativ  gut, 
wenn  man  sie  in  Ruhe  ließ.  Unter  allgemeinen  Krisen  pflegen  sie 
in  unserer  Zeit  sogar  weniger  zu  leiden  und  scheinen  höhere 
Stabilität  zu  besitzen  als  die  Privatwirtschaft. 

Die  gigantischen  Organisationen,  die  hauptsächlich  auf 
den  Ideen  Owens  und  ihrer  in  Rochdale  weiterentwickelten  Praxis 
beruhen*  und  zu  einem  bedeutenden  Paktor  der  britischen  Volks- 
wirtschaft geworden  sind,  gehören  insofern  hierher,  als  durch 
sie  sowohl  Konsum  als  auch  Produktion  wieder  gemeinnützig 
werden.  Nicht  weniger  mächtig  sind  Parmer-Organisationen 
Amerikas,  doch  ist  die  von  ihrer  Mehrheit  vertretene  Arbeits- 
weise dem  Kapitalismus  zu  eng  verwandt,  um  in  unsere 
Betrachtung  zu  gehören. 

Hingegen  sind  Siedlungen  landwirtschaftlicher  Arbeiter 


240 

der  Stolz  des  kleinen  Israeüjund  der  fcrklm  Hauptfaktor  seiner 
Landwirtschaft,  Es  gibt  da  mehrere  Kategorien,  aber  bei  allen 
fällt  zunächst  auf,  daß  der  Boden  weder  Einzelnen  noch  auch 
der  ihn  gemeinsam  bearbeitenden  Gruppe  gehört,  sondern  einer 
das  Volk  repräsentierenden  Institution;  das  scheint  auch  der 
mosaischen  Beschränkung  des  Bodenbesitzes  am  nächsten  zu  kom- 
men.^Die  Früchte  der  gemeinsamen  Arbeit  gehören  der  Gruppe, 
aber  sie  verkauft  sie  nicht  an  den  privaten  Konsumenten, 
sondern  an  eine  das  ganze  Land  umfassende,  wie  die  Siedlungen 
selbst  einer  Gev/erkschaf t  angeschlossene  Organisation»  der 
die  Weiterleitung  an  den  Konsum  obliegt.  Dieser  praktische  Kom- 
munismus hat  mit  den  Essäern  wie  auch  mit  den  Klöstern  einen 
beachtenswerten  Zug  gemeinsam.  Es  ist  die  kleine,  freiwillige 
und  gewaltlose  Gemeinschaft,  die  niemandem  ihre  tVirtschafts- 
und  Gesellschaftsform  auf zuzv/ingen  sucht  und  z.B.  auch  Handels- 
beziehungen mit  der  andersartigen  Umgebung  pflegt.  Denkwürdig 
ist  aber  auch  die  Divergenz  zwischen  eben  diesem  objektiven 
Kommunismus  und  der  subjektiven  politischen  Zugehörigkeit. 
M.W.  ist  keine  dieser  Siedlungen  im  Sinne  eines  politischen 
Programms  kommunistisch;  abgesehen  von  einer  bescheidenen 
Anzahl  einzelner  kommunistischen  Stimmen  bei  Parlaments wählen. 
Die  meisten  Gruppen  sind  teils  radikal,  teils  gemäßigt  sozia- 
listisch, doch  eine  starke  Minorität  ist  orthodox  religiös, 
während  eine  viel  kleinere  Minderheit  mit  den  Parteien  der 
bürgerlichen  Mitte  eines  Sinnes  ist.  Diese  Verschiedenheit 
der  objektiven  Funktion  und  der  subjektiven  Gesinnung  ist  die 
carte  d'identite  eines  diktaturlosen  und  wirklich  friedlichen 
Kommunismus.  Er  bringt  uns  das  in  unserer  Zeit  fast  vergessene 
Endziel  des  Marxismus  in  Erinnerung,  die  klassenlose  und  herr- 
schaftslose Gesellschaft,  die,  in  einem  der  munizipalen  Admi- 
nistration ähnlichen  Sinne  verwaltet,  dem  Ideal  des  Anarchis- 
mus, doch  nicht  dem  der  Anarcheie  entspricht. 

wir  sollten,  meine  ich,  glücklich  sein,  wem  wir  komplizier 
te  Fragen  überhaupt  lösen  können  und  dürfen  uns  nicht  einbilden, 
daß  es  Ideallösungen  überhaupt  gibt.  Die  Vollkommenheit  eines 
Gesellschaftstypus  geht  aus  der  Darstellung  seines  Prinzips  an 
sich  durchaus  noch  nicht  hervor,  im  Gegenteil,  man  würde  sich 
der  Schönfärberei  schuldig  machen,  wenn  man  nicht  ausdrücklich 
auf  die .Kluft  hinwiese,  die  sich  zwischen  dem  Prinzip  und  seiner 
56)  Lev.  25,23 


241 

Verwirklichung  täglich  und  stündlich  auf tut.  Vor  allem  w±&4. 
wird  über  eine  innerhalb  des  israelischen  Kibutz  entstandene 
Oberschicht  geklagt,  die  mit  vergrößerter  Verantwortung  sich 
größere  Recht  herausnimmt.  Ungerechte  oder  unzweckmäßige 
Arbeitsteilung  und  die  Oberschicht,  die  schon  durch  ihre 
bloße  Existenz  dem  Prinzip  widerspricht,  und  durch  ihre  Praxis 
der  Unzufriedenheit  unablässig  Berechtigung  und  -Nahrung  liefert 
bilden  auffallende  Gerne insamkeiten  zwischen  dem  Kommunismus 
des  kleinen  Maßstabes  mit  dem  des  großen. 

Der  sinnfälligste  aller  Vorzüge  des  Kommunismus  der  klei- 
nen Dimension  gegenüber  dem  der  großen  ist  hingegen  die  Dikta- 
turlosigkeit  und  die  Preiheit  des  Individuums,  sich  seine  Gruppe 
zu  wählen  und  sie  gegebenenfalls  zu  verlassen.  Auch  innerhalb 
der  Gruppe  besteht  unbestreitbare  Meinungsfreiheit,  die  durch 
nie  endende  Dikussionen  genügend  bezeugt  wird. 

Betrachten  wir  auch  am  Kommunismus  des  großen  Maßstabs 
in  erster  Linie  das  Prinzip.  Wer  das  Recht  des  Menschen,  den 
Ertrag  seiner  Arbeit  uneingeschränkt  zu  genießen, anerkannt , 
hat  damit,  auch  wenn  er  sich  dieser  Konsequenz  nicht  bewußt  ist, 
k®*~4®es?%  xket  auch  das  dem  Kommunismus  zu  Grunde  liegende  Prin- 
zip anerkannt.  Wer  darüber  hinaus  der  Ansicht  ist,  daß  der 
Boden,  die  Rohstoff lager  und  die  Mittel  zu  ihrer  Verwertung 
Allen  gehören  und  daß  die  Arbeit  Aller  Allen  zugute  kommen  soll, 
hat  seine  Bejahung  der  Idee  noch  weiter  vervollständigt.  Von 
da  aus  könnten  wir  zu  weiteren  Polgerungen  gelangen,  die  insof er- 
irreal wären,  als  sie  der  Geschichte  des  modernen  Kommunismus 
nicht  entsprächen;  aber  doch  nicht  völlig  irreal,  da  sie  einer- 
seits in  ferner  Vergangenheit  und  in  bescheidenen  Dimensionen 
schon  verwirklicht  waren  und  in  den  existierenden  kleinen  Grup- 
pen teilweise  verwirklicht  sind,  und  anderseits  schwerlich  als 
in  sich  selbst  unlogisch  bezeichnet  werden  können.  Auf  der  defi- 
nierten Grundlage  sind  also  kleine  und  große  Gemeinschaften 
denkbar,  in  denen  Eigennutz,  Habgier,  und  alle  das  Zusammen- 
leben vergiftenden  Laster  verschwunden  oder  auf  ein  unbedeuten- 
des %ß  reduziert  wären.  In  denen  gesunde  Zusammenarbeit  und 
gegenseitige  Hilfe  zu  gegenseitigem  Verständnis  und  zu  natürli- 
cher Gerechtigkeit  und  Brüderlichkeit  führen  würden.  In  denen 
der  mensch  in  seinem  Fühlen  und  Denken  frei  wäre  und  die  Preiheit 
seines  Tuns  nur  durch  die  Rücksicht  auf  das  Gemeinwohl  und  durch 
die  gleiche  Preiheit  jedes  Andern  beschränkt  wäre.  In  denen  an 


24-2 

die  Stelle  von  'Über-  und  Unterordnung  eine  dem  Können  des  Einzel- 
nen entsprechende  Verteilung  der  Funktionen  treten  würde.  In 
denen  zwischen  den  Menschen  die  ursprüngliche,  ihrer  Natur 
gemäße  Beziehung  bestünde,  Liebe. 

Wer  nicht  umsonst  gelebt  haben  will,  muß  den  Mut  haben, 
sich  gegebenenfalls  lächerlich  zu  raachen.  Viele  haben  den  Mut, 
zu  sterben,  aber  nicht  den,  zu  sagen,  was  sie  denken,  unabhängig 
von  Lob,  Tadel  oder  Gelächter.  Ein  Kommunismus  der  Liebe  ist 
nicht  aus  unserer  vergifteten  Luft  gegriffen.  In  unserem  Jahr- 
hundert war  er  die  Vision  und  der  Lebensinhalt  von  Karl  x±b32xhee& 
Liebknecht,  Rosa  Luxemburg  und  Gustav  Landauer.  Er  war  der 
Traum  von  Unzähligen,  unter  denen  nicht  allein  Geistige,  sondern 
auch  Einfache  und  Unbekannte  waren. Ungleich  jenen  Revolutionären, 
die  das  Glück  hatten,  durch  die  Hände  der  Reaktion  zu  fallen, 
und  so  den  Sinn  ihres  Lebens  zu  erfüllen,  war  aber  Vielen  das 
schlimmere  Los  beschieden,  an  der  ihrem  Traum  so  unähnlichen, 
ebenfalls  Kommunismus  genannten  Wirklichkeit  zu  scheitern. 

Es  war  ein  Unglück  für  die  Menschheit,  daß  sowohl  Marx 
als  auch  Lenin  eher  kalte,  bei  all  ihrer  Größe  in  ihrer  Liebes- 
fähigkeit wohl  unterentwickelte  oder  einseitig  entwickelte 
Naturen  waren.  Marx  war  durch  und  durch  intolerant  und  orthodox , 
der  Begründer  der  marxistischen  Strenggläubigkeit,  die  verschie- 
dene Auffassungen  oder  Erlebnisse  der  Idee  von  vornherein  aus- 
schloß und  gegen  jede  ideologische  Differenz  mit  erbarmungs- 
loser Verketzerung  vorging.  Seine  Version  des  naturwissenschaft- 
lichen und  vor  allem  des  historischen  Materialismus  war  als  Dog- 
ma derart  festgelegt,  daß  jede  Abweichung  oder  persönliche  Inter- 
pretation im  voraus  als  sündig  gebrandmarkt  war.  Zur  Charakteri- 
sierung dieses  Verhaltens  drängt  sich  die  kirchliche  Terminologie 
unwillkürlich  auf.  Wie  es  in  der  Geschichte  der  Kirche  der  Fall 
war,  war  auch  innerhalb  des  Marxismus  in  dessen  weiterem  Verlauf 
für  eigentliche  Neuerer  kein  Platz.  Legitime,  wenn  auch  nicht 
ganz  ungefährliche  Existenz  war  nur  einer  bestimmten  Kategorie 
von  Kommentaren  und  Fortsetzungen  eingeräumt,  nämlich  der  sinn- 
getreuen Auslegung  und  Anwendung,  die  jedoch  zum  Teil  auch  schon 
durch  den  Meister  selbst  vorweggenommen  waren.  So  durfte  auch 
Hegel,  da  er  als  Marx1  Vorläufer  anerkannt  war,  nicht  grund- 
sätzlich bestritten  werden.  Der  maximal  doktrinäre  Ausschluß 
jeder  denkbaren  Heterodoxie  sollte  der  Lehre  zum  Panzer  werden 


24-3 

und  wurde  es.  Auch  wenn  einer  der  Praxis  zustimmte,  sie  aber 
theoretisch  anders  "begründete,  "beging  er  Häresie,  wenn  nicht  gar 
Verrat,  Als  Lenin  das  Ansehen  erlangte,  das  ihm  ermöglichte, 
die  karx'sche  Dogmatik  zu  vollenden  und  die  Lehre  ganz  und  gar 
gebrauchsfertig  zu  machen,  ohne  selbst  Kritik  und  Anklage  be- 
fürchten zu  müssen,  war  an  eine  geistige  Andersartigkeit  nicht 
mehr  zu  denken»  Kommunist  sein  hieß  Soldat  sein:  verstehen, 
doch  nicht  kritisieren,  studieren,  um  Andere  überzeugen  zu 
können,  aber  nicht  etv/a,  um  zu  eigenen  Ideen  zu  gelangen.  So 
fand  Stalins  brutale  Diktatur,  die  mit  Hitler  paktieren  konnte, 
ohne  einen  Aufstand  hervorzurufen,  bereits  einen  fertigen 
Untertanentypus  vor,  und  führte  Trwx^m  konsequent  zu  dem  grotes- 
ken Sachverhalt,  daß  der  Kapitalismus  die  Idee  der  Freiheit 
als  sein  Monopol  in  Anspruch  nehmen  konnte,  um  ±  sie  als  stärk- 
sten und  bis  heute  ungeschwächten  propagandistischen  Trumpf 
gegen  den  Kommunismus  auszuspielen. 

Es  muß  Stalin  unbenommen  bleiben,  daß  er,  auch  wenn  seine 
Uniform  des  militärischen  Generalissimus  usurpiert  war,  in  dem 
auch  ihm  auf gezwungenen  Verzweiflungskampf  gegen  Hitler  den 
Löwenanteil  hatte.  Doch  diese  einzigartige  historische  Verdienst 
ändert  nichts  an  dem  tragischen  Umstand,  daß  er  dem  Gegenspieler 
so  schaurig  ähnelte.  Auch  vor  ihm  zitterten  alle  Denkenden  sei- 
nes Reiches,  denn  sie  wußten,  daß  er  zu  allem  fähig  war,  nur 
sich  selbst  liebte  und  verehrte  und  nicht  Skrupel  noch  Erbarmen 
kannte.  Es  entsprach  dem  gesunden  Instinkt  der  Massen,  daß  jeder, 
der  flüstern  konnte,  diese  außermenschliche  Persönlichkeit 
mit  dem  andern  Wichtmenschen  verglich. 

Unter  Stalins  Herrschaft  verlor  der  russische  Kommunismus 
alle  i-enschlichkeit,  die  ihm  bis  dahin  noch  geblieben  war.  Die 
Schauprozesse,  durch  die  seine  Gegner  und  prominente  Verdächti- 
ge nicht  nur  physisch  vernichtet,  sondern  moralisch  zertreten 
wurden,  waren  dem  Vergleich  damit,  was  sich  schon  vor  dem  Zwei- 
ten Weltkrieg  unter  dem  Hakenkreuz  abspielte,  durchaus  gewach- 
sen. Der  originellen  Methode  der  Moskauer  Prozesse  genügten 
zaristische  Muster  nicht  mehr.  Revolutionäre,  die  ein  Leben 
des  Kampfes  gegsn  für  das  Proletariat  hinter  sich  hatten,  wie 
Sinowjew,  der  Mitarbeiter  Lenins  und  Vorsitzende  der  dritten 
Internationale,  oder  Kamenew,  der  Vorsitzender  des  Rates  für 


244 

Arbeit  und  Verteidigung  gewesen  v/ar,  wurden,  um  hingerichtet 
werden  zu  können,  ohne  daß  jemand  ihnen  nachtrauerte,  nicht  nur 
des  Verrates  zu  Gunsten  der  kapitalistischen  Mächte  angeklagt; 
die  satanische  Beschuldigung,  sie  seien  schon  in  ihrer  Jugend 
professionelle  Agenten  des  Feindes  gewesen,  und  in  dieser 
Eigenschaft  hätten  sie  sich  in  sozialistische  Organisationen 
eingeschlichen,  konnte  von  Stalin  persönlich  ersonnen  worden  s 
sein. 

Hauptvertreter  der  dialektisch-materialistischen  Geschichts 
auffassung,  nach  der  es  nicht  auf  Personen  ankommt,  bilden  also 
selbst  deren  stärkste  Widerlegung.  Das  innere  Schicksal  des 
Kommunismus  wurde  durch  einige  Charaktere  entschieden,  die  den 
virtuellen  Kommunismus  der  Liebe  zur  Utopie  gemacht  hatten. 
Sine  rein  hypothetische  Rekonstruktion  der  Geschichte  des  Kommu- 
nismus ohne  den  Materialismus,  die  Orthodoxie  und  den  Machia- 
vellismus,  die  sich  seiner  bemächtigt  hatten,  würde  ein  Doppel- 
antlitz enthüllen.  Aus  dem  Gesichtswinkel  der  Parteidoktrin 
würde  es  so  aussehen,  als  wäre  es  ohne  solche  Faktoren  den 
Kapitalisten  und  Imperialisten  längst  gelungen,  die  Sowjetunion 
zu  zerstören,  dem  internationalen  Kommunismus  den  Boden  zu  ent- 
ziehen und  die  Weltherrschaft  der  Klassen-  und  Rassenausbeutung 
außs  neue  aufzurichten.  Der  andere  Aspekt  des  Doppelantlitzes 
ist  der  einer  Welteroberung  durch  die  Macht  der  Liebe.  V/er  an 
die  Unwiderstehlichkeit  dieser  iwacht  glauben  kann,  kann  sich 
vorstellen,  wie  sie  nach  und  nach  alle  an  Ausbeutung,  Haß  und 
Krieg  Interessierten  isoliert  hätte.  Und  diese  so  Isolierten, 
ein  paar  Generäle,  Rüstungsindustrielle  und  Berufsfaschisten, 
zu  einem  kleinen,  eher  bemitleidenswerten  Häuflein  geworden 
wären,  um  schließlich  spurlos  zu  verschwinden,  wenn  die  Völker 
und  Menschen  sich  zum  Pest  der  Verbrüderung  bereitet  hätten. 

Daß  es  so  ganz  anders  kam,  brachte  unsagbar  viel  Leid, 
zunächst  über  hunderte  Millionen  in  den  kommunistischen  Staaten, 
überschwemmte  die  ganze  Erde  mit  dem  Unrat  der  Feindseligkeit 
und  erfüllt  die  Atmosphäre  mit  immer  unerträglicher  kondensier- 
tem Blutgeruch.  Die  Menschheit  ist  in  eine  innere  Situation 
geraten,  die  einer  geistigen  Heimatlosigkeit  oder  gar  einer 
seelischen  Obdachlosigkeit  ähnelt.  Die  ungezählten  Millionen, 
die  unter  dem  Kapitalismus  leiden,  erkennen  teils  erfahrend 
und  urteilend,  teils  instinktiv,  daß  er  vom  Übel  ist.  Aber  auch 
die  kommunistischen  i-olizeistaaten  haben  ihrer  Sehnsucht  nach 


dein  besseren  Heim  nichts  zu  bieten.  Aber  £s  ist  sicher,  daß 
diejenigen,  die  unter  einem  gänzlich  verderbten  Regime  darben 
und  dahinvegetieren,  von  schnöden  Minoritäten  unterdrückt  und 
ausgesaugt,  sowohl  die  Heilslehre  als  auch  die  Realität  des 
Kommunismus  hoch  über  ihrem  Jammertal  sehen,  Sie  sind  es,  die 
uns  vor  die  ganz  große  Frage  stellen,  ob  irgend  jemand  auf 
Erden  das  Recht  habe,  sie  ihrer  einzigen  Hoffnung  zu  berauben. 
Nicht  so  der  Mittelstand  derjenigen  Länder,  die  überhaupt 
einen  solchen  haben,  denn  dieser  fühlt  sich  in  unserer  unmittel- 
baren Gegenwart  keineswegs  zu  jener  Realität  hingezogen,  und 
cum  grano  salis  gilt  das  auch  von  ihrem  Proletariat,  Dieses  wäre 
wohl  bereit,  den  Kapitalismus  mit  einem  bessern  System  zu  ver- 
tauschen, aber  unter  der  Voraussetzung,  daß  das  Neue  gerechtere 
und  freundlichere  Lebensbedingungen  und  Erhöhung  der  Menschen- 
würde brächte.  Aber  in  der  Diktatur,  die  theoretisch  das  Prole- 
tariat ausübt,  ist  dieses  selbst  praktisch  passiv,  es  hat  sich 
zu  fügen.  Der  Druck  von  oben  nimmt  bald  zu  bald  ab,  hört  aber 
nicht  auf.  Das  Selbstbewußtsein  des  Arbeiters  in  den  kommuni- 
stischen Staaten  ist  natürlich  viel  höher,  denn  er  lernt  früh 
und  spät  und  weiß  es  auswendig,  daß  er  der  Hausherr  ist.  Freilich| 
widerlegt  das  tägliche  Leben  die  schöne  Lehre.  Wer  im  Diktatur- 
staat emporgelangt  ist,  herrscht,  bis  er  von  Andern  gestürzt  x 
wird,  und  auf  solche  irgendwo  ganz  oben  stattfindenden  Vorgänge 
hat  der  Arbeiter  keinen  Einfluß.  Wichtiges  erfährt  er  erst  post 
factum,  und  jene  Unerreichbaren  sorgen  dafür,  daß  er  es  hinnimmt. 

Einmischung  in  sein  Leben  erfolgt  anderseits  unaufhörlich 
und  ist  lückenlos.  Soweit  die  an  ihm  geleistete  Erziehungsarbeit 
erfolgreich  war,  hält  er  selber  sein    Denken  und  Handeln  für 
frei  und  ihm  eigen.  In  diesem  Falle  merkt  er  nicht,  daß  seine 
Anschauungen  ihm  eingeflößt  worden  sind  daß  er  nach  Vorsätzen 
und  Plänen  handelt,  die  nicht  die  seinen  sind.  Aus  eben  diesen 
Gründen  tut  es  ihm  umso  wohler,  die  Proletarier  der  kapitalisti- 
schen Länder  zu  bemitleiden,  die  nicht  für  sich,  sondern  für  die 
Profitmacher  arbeiten.  Er  liest  wohl,  daß  jene  wählen,  wen  sie 
wollen,  aber  er  weiß,  daß  sie  ihre  Lage  dadurch  nicht  ändern. 
Oder  glaubt  jemand  ernstlich,  daß  der  Arbeiter  der  Sowjetunion 
mit  dem  besser  essenden,  besser  wohnenden  und  besser  gekleideten 
Arbeiter  Amerikas  tauschen  würde? 

So  bleiben  die  Fragen  ungelöst,  man  leidet  weiter  und  darum 
haßt  man  weiter.  Solange  es  noch  nicht  zum  Krieg  kommt, 


246 

braucht  der  Haß  auf  "beiden  Seiten  Argumente.  Die  Argumentation 
des  Ostens  gegn  den  festen  bezieht  sich  vorwiegend  auf  das  S&x. 
System  an  sich,  die  des  Westens  gegen  den  Osten  hauptsächlich 
auf  die  Realität.  Und  das  ist  nicht  allein  logisch,  sondern 
unbestreitbar  richtig.  Im  Westen  ist  das  System  an  sich  schlecht 
und  die  Realität  viel  besser.  Im  Osten  ist  die  Idee  sehr  gut , 
die  Realität  sehr  schlecht . 

In  dieser  zentralen  Präge  ist  also  die  Auffassung  beider 
Seiten  und  daher  auch  ihre  Polemik  sachlich  im  Recht.  In  einer 
Reihe  anderer  Prägen  fällt  es  auf,  daß  man  am  Eigentlichen  g&K 
geschickt  vorbeizielt,  als  ob  es  gerade  darauf  ankäme,  sich 
und  Andere  von  den  Dingen  wie  sie  sind  abzulenken.  Personen 
und  Organisationen,  die  mit  Religion  weder  etwas  zu  tun  haben 
noch  zu  tun  haben  wollen,  können  es  den  Kommunisten  nicht  ver- 
zeihen,  daß  sie  irreligiös  sind  den  Klerus  unterdrücken,  der 
vor  der  Revolution  der  eifrigste  Helfer  der  Unterdrücker  gewesen 
war.  Die  antireligiöse  HaJJun^der  kommunistischen  Mächte  ist 
natürlich  das  Hauptargument  der /'Kirches  des  Auslandes,  die, 
um  diese  Motivierung  benützen  zu  können,  für  die  Xiirchen  Rußlairs 
die  religiöse  Freiheit  in  Anspruch  nitomtn,  die  sie  selbst  jetzt 
zum  ersten  ^ale  in  ihrer  Geschichte  anerkennen.  Gewiß,  der  katho- 
lischen Kirche  fehlt  das  Gefühl  für  diese  ihre  Schwäche  nicht. 
Doch  alle  Debatten  über  diese  Prägen  enthüllen  jedenfalls  einen 
wunden  Punkt  des  Kommunismus;  denn  statt  das  Hauptgewicht  auf 
den  sozialistischen  Aufbau,  den  der  Gesellschaft  und  der  Wirt- 
schaft, zu  legen,  waren  die  kommunistischen  Parteien  von  Anbe- 
ginn auf  die  ideologische  Dogmatik  und  deren  Totalität  erpicht, 
ganz  wie  die  Kirchen  und  nicht  minder  fanatisch  als  sie.  Auch 
andere  Parallelitäten  zwischen  den  Gegnern  fallen  auf.  Bei 
Beiden  erzeugt  die  kleine  Differenz  fMifeüePeindschaf t  als  die 
große.  Die  Kirchengeschichte,  deren  bekannte  Passungen  nicht 
gerade  als  Vorbild  der  Objektivität  gelten  können,  ist  in  jeder 
Passung  ein  ungeheueres  Verzeichnis,  aus  dem  nicht  nur  das 
Schicksal  jeder  realen  Heterodoxie  als  Beispiel  herausgegriffen 
werden  kann,  sondern, noch  lehrreicher,  jede  der  Beschuldigungen, 
die  den  Greueln  der  Inquisition  als  Vorwand  zu  dienen  hatten. 
Und  der  Hormalkommunist  haßt  den  Imperialisten,  Kolonialisten, 
Faschisten  und  Kapitalisten  weniger  als  den  Sozialdemokraten 
oder  einen  Anhänger  ideologischer  Minoritäten  im  Kommunismus. 
In  monumentalstem  und  bedrohlichstem  Maßstab  wiederholt  sich 


24-7 


dieses  Phänomen  in  der  aller  Skrupel  baren  Agression  des 
maoistischen  China  gegen  die  Sowjetunion.  Hier  allerdings 
hat  sich  ein  Richtungswechsel  jener  Dynamik  vollzogen,  da 
der  ungehemmt  aktiven  Wut  der  Angreifer  die  des  Revisionismus 
"bezichtigte  Sowjetunion  unerhört  maßvoll  reagierend  gegen- 
übersteht. 1/ 


Die  westlichen  Gruppen,  die  in  ihrem  Kampf  gegen  den 
Kommunismus  mit  einander  wetteifern,  sind  von  reichster, 
u.a.  moralischer  Verschiedenheit.  Auch  die  x  von  niemandem 
unterschätzten  Organisationen  der  Berufsverbrecher  sind 
scharf,  vielleicht  am  schärfsten,  antikommunistisch.  Sie  leben 
parasitär  vom  Kapitalismus  und  sind  deshalb  auf  Gedeih  und 
Verderb  mit  diesem  verbunden.  Sie  wissen,  daß  er  sie  immer  Esk 
bekämpf en  und  nie  ausrotten  wird.  Auch  in  der  kommunistischen 
Gesellschaft  sind  z.B.  Einbrüche  unschwer  durchführbar,  aber 
den  großen  Geschäften  ist  der  Boden  entzogen. 

Es  ist  anderseits  wie  ein  Zwischenspiel  derber  Komik  in 
einer  Tragödie,  wenn  politische  Angriffe  sich  auf  das  Legali- 
tätsprinzip stützen.  Der  Kapitalismus  hat,  wie  erwähnt,  die 
Einhaltung  der  von  ihm  stammenden  Gesetze  seit  seiner  Frühzeit 
von  den  Proletariern  immer  rücksichtslos  gefordert,  hat  sich 
aber,  wenn  er  sich  bedroht  fühlte  oder  es  wirklich  war,  über 
die  selbstgemachte  Legalität  großzügig  hinweggesetzt.  Von  kom- 
munistischer Subversion  reden  heute  mit  Vorliebe  die  führenden 
Vertreter  der  kapitalistischen  Subversion.  Man  hat  es  ja  nicht 
leicht,  für  schöne  Reden  über  Friedlichkeit  ein  frommes  Publi- 
kum zu  finden,  wenn  die  Hände  vom  Blut  militärischer  Interven- 
tion triefen.  Kommunistische  Länder  werden  der  Expansionstendenz 
oder  des  versuchten  Raubes  bezichtigt,  wenn  sie  nationale  Erhe- 
bungen, die  zu  sozialen  führen  oder  führen  können,  unterstützen, 
verstohlen  oder  offen,  mit  Leitartikeln,  Waffen  oder  sogenannten 
Freiwilligen;  während  ihre  Ankläger  schon  mit  voller  Brutalität 
handeln,  wenn  ihr  Informationsdienst  ein  nahes  oder  fernes 
Volk  auch  nur  verdächtigt,  daß  es  sein  Schicksal  selbst  zu 
bestimmen  wünscht,  um  von  dem  heiligen  Recht  Gebrauch  zu  machen, 
durch  dessen  Proklamierung  in  unserem  Jahrhundert  Präsident 
vVilson  Amerika  aufs  neue  zum  Rang  einer  Beschützerin  der 
Völkerfreiheit  erhoben  hatte.  De]i  größte  Finanzmacht  kann  in 
vielen  Ländern  die  Bildung  entsprechender  Regierungen  v/irksam 
begünstigen,  die  gegebenenfalls  die  größte  Militärmacht  wunsch- 
gemäß zu  Hilfe  rufen.  So  wird  jegliches  Recht  zur  Illusion, 


248 

zur  Theaterdekoration.  Das  Legalitätsprinzip  selbst  wird  in 
ein  teuflisches  Instrument  verwandelt,  das  uns  Alle  in  den 
Abgrund  drängen  hilft. 

Immer  wieder  wird  die  Frage  aufgeworfen,  warum  die  Völker, 
und  warum  schließlich  fast  drei  Milliarden  Ansehen  mithalten, 
wenn  es  so  offensichtlich  gegen  sie  geht.  Es  ist  aber  nicht  nur 
die  Furcht  der  vielen  Einzelnen  vor  den  Folgen  der  Auflehnung. 
Propaganda  als  Hilfskraft  der  Herrschaft  oder  des  Widerstandes 
hat  es  seit  der  frühesten  geschichtlichen  Zeit  gegeben,  vielis: 
leicht  auch  schon  in  der  "Vorgeschichte.  Doch  erst  das  techni- 
sche Zeitalter  erfährt  eigentlich,  was  Propaganda  sein  kann. 
Durch  die  Macht  der  Technik,  einschließlich  der  pharmakologi- 
schen, kann  sie  bald  zu  einer  massenpsychologischen  Riesen- 
waffe werden,  und  darüber  hinaus  auch  zum  direkten  Kriegs- 
gerät, und  jene  in  ihren  ersten  Anfängen  gescheiterte  Idee 
des  Bakterienkrieges  bei  weitem  übertrumpfen.  Die  Aussichten 
für  die  Macht  der  Propaganda  und  für  die  Propaganda  der  Macht 
wachsen  ins  üngemessene.  Auch  die  bisher  angewandten  Mittel 
genügen  aber,  Menschen  und  Völker  ihrer  Urteilskraft  zu  berau- 
ben und  ihren  Realitätssinn  aufzuheben,  vor  allem  aber  ihre 
Wertmaßstäbe  bis  zur  Unkenntlichkeit  zu  verkrümmen.  Wenn  dieses 
vernichtende  Ergebnis  der  propagandistischen  Singriffe  in  die 
elementaren  Funktionen  des  Verstandes  nicht  schon  eingetreten 
wäre,  wie  könnten  Massen  hüben  und  drüben  denken,  was  sie 
denken?  Ist  das  Kapital  wichtiger  als  das  Leben?  Ist  die  kom- 
munistische Gesellschaftsordnung  wichtiger  als  das  Leben?  In 
diesen  Fragen  ist  der  Propaganda  die  Hauptaufgabe  überantwortet. 
Sie  hat  die  Massen  eine  gewisse  Geringschätzung  des  Lebens  zu 
lehren  und  zugleich  den  Haß  gegen  die  andere  Seite  auf  eine 
solche  Spitze  zu  treiben,  daß  die  Befriedigung,  die  man  von 
der  Vernichtung  der  Verhaßten  erhofft,  größer  zu  werden  ver- 
spricht als  der  Wert  des  Lebens.  Selbstverständlich  wirkt  diese 
vorwiegend  künstlich  gemachte  Pathologie  in  allen  kriegerischen 
Situationen,  aber  im  Streit  zwischen  Kapitalismus  und  Kommunis- 
mus stößt  sie  uns  direkter  als  alle  andern  Motive  in  den  Ab- 
grund, aus  dem  es  keine  Rettung  gibt.  Mehr  als  jede  andere  Pro- 
paganda arbeitet  die  antikommunistische  und  die  antikapitalisti-  i 
sehe  auf  die  Verbreitung  der  Vorstellung  hin,  daß  das  Leben 
wertlos  sei  und  fortgeworfen  zu  werden  verdiene,  wenn  man  den 
Todfeind  nicht  aus  der  Welt  schaffen  kann.  Die  politische 


24-9 


Propaganda  adoptiert  einen  Trick, dessen  Wirksamkeit  die  kommerzi- 
elle Propaganda  längst  reichlich  erprobt  hat.  Die  Leute  brauchen 
es  nicht  demjenigen  zu  glauben,  der  es  behauptet;  sondern  es 
wird  als  ihr  Wunsch,  als  ihre  längst  gehegte  Überzeugung  und 
als  ihr  unabänderlicher  Beschluß  in  ihrem  Namen  verkündet.  Und 
das  Schlimmste  ist  der  Umstand,  daß  diese  gräßliche  Lüge  für 
zunehmende  Massen  zur  Wahrheit  wird,  Sie  protestieren  nicht 
nur  nicht  gegen  den  in  ihrem  Namen  proklamierten  Wahn,  sondern 
er  hat  sich  ihrer  bereits  in  solchem  Maße  bemächtigt,  daß  der 
Protest  gegebenenfalls  nur  noch  relativ  wahr  wäre. 

Um  nun  über  das  Ergebnis  der  voranstehenden  Erstörterung 
keinen  Zweifel  zu  dulden  und  nichts  unklar  zu  lassen,  sei  es 


251 

zusaimangef aßt  und  ein  Teil  der  Schlußf olgerung  sei  vorausgenom- 
men, lie  dem  Christentum  und  jeder  Lehre  und  Bewegung,  können 
wir  auch  dem  Kommunismus  nur  dann  Gerechtigkeit  widerfahren 
lassenxxKSiirai  und  ihn  realistisch  "beurteilen,  wenn  wir  Idee  und 
Praxis  oder  den  ursprünglichen  Kern  und  das  historisch  aus  ihm 
Gewordene  -gs-trcnnt  botr-n^hf  nn  nnri  konfrontieren,  tfenn  ethisch 
Erhabenes  in  Diktatur  und  Unmenschlichkeit  ausartet,  ist  es  an- 
gesichts der  Dynamik  der  Geschichte  und  der  Wendungen  in  unserer 
Zeit  nicht  utopisch,  sondern  realistisch,  an  die  Rekonstruierte 
"barkeit  der  Idee  zu  glauben;  jener  Idee,  die  im  Altertum  schon 
realisiert  war,  in  bescheidenen  Maßen,  aber  in  vollkommener 
Reinheit. Die  Rekonstruktion  kann  also  nicht  verwerflich,  sondern 
nur  verdienstlich  sein.  Wie  jeder  Kommunist,  der  gesunden  Men- 
schenverstand besitzt,  wohl  begreift,  daß  die  Bevölkerung  der 
kapitalistischen  Länder  nicht  in  ihrer  Gesamtheit  teuflisch 
sein  kann,  und  daß  demnach  ein  modus  vivendi  immer  erreichbar 
sein  muß,  kann  im  Westen  jeder  vom  modernen  Kreuzritterwahn  nicht 
völlig  Verblendete  begreifen,  daß  die  Entwicklung  der  kommunisti- 
schen yVelt  nicht  abgeschlossen  ist  und  daß  der  Sieg  der  mss&nsmösg 
ursprünglichen  Idee  nahe  bevorstehen  kann,  ja  daß  ein  Zusammen- 
wirken von  Ost  und  West  den  Sieg  der  Idee  befördern  und  beschleu- 
nigen würde.  Solange  die  kommunistischen  Massen  des  Ostens  die 
gewissenlose  Behauptung  hinnehmen,  sie  könnten  nur  dem  Kapita- 
lismus erliegen  oder  ihn  überwältigen  und  es  gäbe  nichts  drittes; 
und  solange  es  noch  möglich  ist,  Amerika  mit  einem  Schlagwort 
wie  Better  dead  than  red  zu  verdummen,  müssen  wir  Alle  am  Rande 
des  Abgrunds  dahinsiechen  und  dem  allgemeinen  Untergang  v/ehrlos 
entgegensehen.  Darum  sollten  die  Menschen,  die  sich  noch  einige 
Gesundheit  gewahrt  haben,  sich  da  und  dort  aufraffen,  um  sich 
dem  Irrsinn  zu  entwinden.  Wir  Alle  müssen  zur  Liebe  des  Lebens 
zurückkehren  und  erkennen,  daß  das  Leben  die  Grundbedingung 
für  alles  ist  und  deshalb  wichtiger  als  jedes  Ideal.  Diese 
Besinnung  wird  die  Kommunisten  lehren,  den  Kapitalismus  dem 
allgemeinen  Tode  vorzuziehen  und  den  Bürger  des  Westens  zur 
Erkenntnis  bringen:  Better  red  than  dead. 

Sobald  aber  beide  Seiten  so  weit  ernüchtert  sein  werden, 
wird  sich  bald  herausstellen,  daß  es  nur  eine  künstliche, 
in  den  Arsenalen  der  Gewissenlosigkeit  und  der  Vernunf tlosigkeit 
fabrizierte  Alternative  gewesen  war  und  daß  es  sich  in  der 
Realität  keineswegs  um  aktive  oder  passive  Unterwerfung  handelt, 


sondern  um  die  Herstellung  eines  Zusammnlebens  und  Zusaimen- 
wirkens,  in  dem,  wie  wir  sehen  werden,  die  Freiheit,  die 
Menschenwürde  und  die  Liebe  uns  Alle  einer  bessern  Zukunft 
entgegenführen  können.  Auf  diese  Möglichkeit  hin  wollen  wir 
<wW.  bedeutende  Kräfte  der  Realität  prüfend  betrachten. 


Ein  Versuch  über  Amern 


Vi 


251 


geg 


■Vas  am  Kapitalismus  groß  ist,  ist  am  größten  in  Amerika, 
a^er  auch  die  Größe  Amerikas  ist  ohne  den  Kapitalismus 
mm  tiMenkbar.  Sohon  diese  historische  Tatsache  genügt  zur 
Identifizierung  des  gewaltigen  Landes  mit  dem  Kapitalismus 
und  macht  zugleich  die  ganze  Reihe  psychologischer  Auswirkung  , 
gen  einer  spezifischen  Verbindung  von  Menschen  mit  ihrem  Besitz* 
verständlich.  Während  in  der  übrigen  Welt  Sein  und  Haben  in 
jedermanns  Bewußtsein  getrennt  sind,  und  dies#  jenem  als  eine 
sexner  virtuellen  Funktionen  untergeordnet  ist,  ist  der  erste 
der  beiden  Begriffe  in  der  Mentalität  des  typischen  Amerikaners 
wohl  das  Substrat,  das  jedoch  durch  den  zweiten  Ziel  und  Sinn 
erhalt.  Die  populäre  Redensart  "Er  ist  so  und  so  viel  Dollars 
wert",  die  amerikanische  Übersetzung  der  in  der  übrigen  Welt 
üblichen  Formel  "Sein  Besitz  wird  auf  ..  geschätzt"  ist  nicht 
nur  eine  Abstraktion,  wie  Erich  Fromm  meint57),  sondern  die 

Societv"m  Fo\?eb£ere?  ^f"ÄÄ(  Buche  "?he  Sane 
oociety  ,  Holt,  Rmehart  &  Winston    New  ^-m,  iocc    j  T  , 

Übersetzung,  "Der  moderne  Mensch  und  seine  LkS.deutsclle 
Europäische  Verlagsanstalt,  RrankCt aS?  ^geo**  ' 
sprachpsychologische  Rüdewirkung  der  durch  den  Besitz  bestimmten 
Selbsteinschätzung  und  gegenseitigen  Einschätzung,  die  eine 
Art  Rollenwechsel  des  Besitzenden  und  des  Besessenen  zu  unwill- 
kürlichem Ausdruck  bringt. "Der-Amerikaner  ist  weder  geizig  noch 
nartherzig,  sondern  oft  freigebig  und  hilfsbereit,  doch  ist 
der  Besitzlose  in  üiemandes  Augen  so  ganz  unwertig  wie  in  den 
seinen,  und  keiner  bewertet  sich  selbst  so  negativ  wie  er 

"laTlT*  ^  S6ine  BeWertUnS  And—  U*d  seiner'selbst 

lerkunf tSvomeiaSieniSLeheA         ^  nUr  die  se^r 

von  arm  hat?  als  Ei-enschaff^F  SntsPr<^ende  Bedeutung 

Leisten  US^s™t~ »  ^ 
«  -  Besitz  steigt  und  sinkt,  bilden 


it 


>n  a  nation  is  very  powerfulx  but  lacking  in  self-conf  idence, 
x^i«<likely  to  behave  in  a  manner  dangerous  to  itself  and 


to  others, 

All  of  the  traö!±t4onal  attitudes  of  our  ancestors,  ab out 

war  and  peace,  about^Mie^conf licfes  of  nations  and  the  brother- 

hood  of  man,  have  been  called^into  question  and  are  in  need 
of  re-examination. 


The  obvious  value  of  liberating  the 


j^Lnation  is  that  it 

might  enable  us  to  acquire  some  understandrög^oj  the  world- 
view  held  by  people  whose  past  experiences  and  preaenb  circum- 
stances  and  belief s  are  radically  diff erent  from  ourowa*^ 

There  are  two  Americas.  One  is  the  America  of  Lincoln  and 
Adlai  Stevenson;  the  other  is  the  America  of  Teddy  Roosevelt 
and  the  modern  superpatriots.  One  is  generous  and  humane, 
the  other  narrowly  egotistical;  one  is  self-critical,  the 
other  self-righteous;  one  is  sensible,  the  other  romantic; 
one  is  good-humored,  the  other  solemn;  one  is  inquiring,  the 
other  pontif icating;  one  is  moderate,  the  other  filled  with 
passionate  intensity;  one  is  judicious  and  the  other  arrogant 
in  the  use  of  great  power. 

J.William  Fulbright,  The  Arrogance  of  Power* 


r 


*)  Random  House,  New  York  1966. 

"Vgl.  James  William  Pulbright,  Old  Myths  and  New  Realities, 
ebenda; 

Tristram  C off in,  Senator  Albright,  Portrait  of  a  Public 
Philosopher,  New  York,  Dutton  1966. 


253 

Zutaten,  die  aber  noch  lange  nicht  ein  Gewicht  haben  wie  in 
Europa.  Doch  ist  der  amerikanische  Geldmensch  seinem  europäi- 
schen Kollegen  Charakterologien  darin  überlegen,  daß  er  seine 
Beziehung  zum  Gelde  nie  verbirgt  oder  durch  irgendwelche  Ideale 
zu  übertünchen  sucht;  es  spricht  eher  für  ihn,  daß  er  sich 
seines  Geldmenschentums  nicht  schämt.  Ihn  in  Bausch  und  Bogen 
einen  extremen  Egoisten  zu  nennen,  ist  völlig  falsch.  Doch 
wendet  er  den  altruistischen  Sektor  seines  Charakters  haupt- 
sächlich seinesgleichen  zu.  Er  bemüht  sich  nicht  viel  um  das 
Verständnis  ihm  fremder  Interessen,  hat  aber  volle  Sympathie 
flu?  die  Bedürfnisse,  Wünsche  und  Gefühle  Anderer,  wenn  sie 
den  seinen  gleichen.  Von  den  Armen  erwartet  er,  daß  sie  zufrie- 
den oder  doch  stiljjseien  und  sich  seiner  Sphäre  fern  halten. 
Als  Steuerzahler  und  überdies  noch  Philanthrop  ist  er  sicher, 
genug  für  sie  z±  zu  tun,  findet  also  keinen  Grund,  sich  von 
ihnen  stören  zu  lassen.  Wenn  Leute  dennoch  Ansprüche  an  ihn 
stellen,  verhält  er  sich  ablehnend,  oft  mit  einer  gewissen 
emotionalen  Schroffheit,  weil  er  in  ihrem  Auftauchen  einen 
Einbruch  in  sein  Recht  auf  Ungestörtheit  sieht.  Daß  sein  Land 
die  Hochburg  des  Kapitalismus  ist  und  sich  mit  diesem  stärker 
identifiziert  als  jedes  andere  Land,  vervielfacht  seinen 
Patriotismus.  Sein  Land  hat  so  mächtig  zu  sein  wie  es  ist, 
oder  womöglich  noch  mächtiger,  um  seine  Bürger  vor  Neid  und 
vor  jeder  Störung  zu  schützen  und  nah  und  fern  Alle  niederzuhal-| 
ten,  die  irgend  eine  Störung  im  Schilde  führen.  Sie  müssen 
überall  aufgespürt  und  der  strafenden  Gerechtigkeit  zugeführt 
werden,  womöglich  noch  bevor  sie  Schaden  stiften  und  den  Besitz 
gefährden  können. 

Diese  Vorstellungen  eines  Durchschnittsbürgers  machen  es 
verständlich,  daß  kein  Wesen  ihm  bösartiger,  übler,  ruchloser 
und  verächtlicher  dünkt  als  ein  Kommunist.  Wer  in  irgend  einer 
Hinsicht  von  der  Norm  abweichende  Meinungen  äußert  oder  sich 
ausgesprochen  fremdartig  benimmt,  macht  sich  verdächtig,  einer 
zu  sein.  Noch  Jahre  nach  McCarthy  muß  jeder,  der  auf  seine  bür- 
gerliche Ehre  bedacht  ist,  sich  vor  einem  solchen  Verdacht  hüten 
und  Anschauungen,  Neigungen  und  Handlungen,  die  von  den  durch« 
schnittlichen  verschieden  sind,  überzeugend  zu  begründen  wissen, 
womöglich  mit  nationalen  oder  religiösen  Motiven,  oder  aufbin 
einigermaßen  beruhigendes  Alibi  hinweisen  können. 

Der  geschilderte  Bürger  findet  es  natürlich  scheußlich, 


254 

daß  es  auf  seinem  Planeten  ganze  Staaten  solcher  Leute  gibt, 
die  sicherlich  die  "bösesten  Absichten  hegen.  Wenn  sie  nicht 
dieselben  furchtbaren  Waffen  besäßen,  wäre  man  wohl  längst 
mit  ihnen  fertig  geworden.  Die  unbegreiflichen,  des  Kommunismus 
schuldigen  eigenen  Landsleute  sind  selbstverständlich  ihre 
Agenten.  Da  sie  fast  überall  sind  und  nach  und  nach  alles 
rauben  wollen,  wird  man  gewiß  Opfer  bringen  müssen,  um  sie 
für  immer  loszuwerden.  Das  sieht  umso  unumgänglicher  aus  als 
es  noch  viele  andere  Schwierigkeiten  gibt,  hinter  denen  gewiß 
auch  die  Kommunisten  stecken,  wie  die  mit  den/Negern  oder 
mit  den  eigenen  Leuten  in  Europa,  und  noch  viel  weiter  östlich 
und  mit  den  verschiedenen  unverläßlichen  Regierungen,  die  für 
so  kostspielige  Hilfe  noch  undankbar  sind  und  womöglich  frech 
werden. 

Obzwar  es  leider  Viele  sind,  die  so  denken,  müssen  wir  ver- 
stehen, daß  es  nicht  lauter  Verlorene  sind.  Man  ist  oft  genug 
überrascht,  auch  solche  Amerikaner  zugänglich  und  revisions- 
bereit zu  finden,  wenn  man  aufrichtig  und  freundlich  an  ihre 
Menschlichkeit  appelliert;  aber  auch  an  das  Verständnis  für  j§m 
den  Andern,  das  sie  zu  besitzen  glauben,  aber  leider  nicht 
besitzen. 

Im  selben  Amerika  leben,  wie  alle  Welt  sieht,  auch  zahlrei- 
che Geistige,  Friedens neiden  und  Selbstlose,  und  auch  sie  sind 
keine  Fremden  und  nicht  weniger  berechtigt,  ihr  Land  zu  reprä- 
sentieren. So  fragt  es  sich  nur,  auf  wessen  Seite  die  Macht  ist. 
Ist  es  nicht  ein  mathematisches  Unding,  daß  beide  Seiten  wach- 
sen? Vielleicht  geschieht  das  auf  Kosten  von  Massen,  die  früher 
indifferent  schienen,  noch  indifferenter  als  der  Durchschnitts-  . 
bürger  mit  seinen  mitunter  scharfen  Reden.  So  gibt  es  viel 
Unruhe  und  Geschrei,  und  die  Regierung  tut  dennoch,  was  sie  raxü. 
für  richtig  findet.  "rung^s, 
a    ^  *  •     t-,    .  dessen  Erweite J 

sooft  die  Proteste  gegen  den  Krieg  in  Vietnam<"wie  seiner- 

zeit  auch  gegen  den  analogen  Einfall  in  die  Dominikanische 
Republik,  an  Bedeutung  und  Umfang  unerwartet  zunahmen,  kamen  a 
über  den  amerikanischen  Bürger  allerhand  Zweifel.  Der  schlimmste 
ist  wohl  einer,  den  niemand  deutlich  ausspricht.  Es  ist  der  an 
der  Planmäßigkeit  des  ganzen  Vorgehens,  die  besonders  angesichts 
der  Wendungen  und  Wandlungen  nicht  einfach  als  Elastizität  und 
Anpassung  an  die  jeweilige  Lage  erscheint.  Was  eher  einem  Ssse 
Geschleudertwerden  ähnelt,  einem  Reagieren  ohne  eine  ihm  zu 


255 

Grunde  liegende  Planung,  ist  ja  mehr  als  jedes  Vorgehen  an  sich 
geeignet,  die  Fundamente  zu  erschüttern,  da  der  Glaube  an  die 
Planmäßigkeit  die  Hauptquelle  des  Sicherheitsgefühls  und  daher 
eine  der  psychologischen  Existenzbedingungen  bildet. 

Die  aphoristische  Schilderung  einer  Duehschnitts- 
mentalität  wäre  zweifellos  ein  Unrecht  an  den  Amerikanern, 
wenn  man  sich  nicht  zugleich  daran  erinnerte,  daß  der  Durchesfe 
schnitt  überall  analog  denkt,  fernab  aller  Objektivität  und 
nur  vom  privaten  und  nationalen, bzhw.  Standesegoismus  geleitet, 
ohne  das,  was  jener  andere  tut  und  was  man  jenem  tut,  als  Sssicfe 
Rechtsproblem  zu  behandeln  und  sich  über  ungewöhnliche  Rechts- 
probleme überhaupt  den  Kopf  zu  zerbrechen.  Schon  in  Anbetracht 
der  weiten  Allgemeinheit  dieser  Denkungsweise  führt  diese 
Betrachtung  keineswegs  zu  einem  negativen  Urteil  über  die 
Majorität  Amerikas.  Im  Gegenteil,  Merkmale  eines  engen  Horizonts 
fallen  an  Amerikanern  gerade  darum  auf,  weil  solche  mit  ihrem 
unvergleichlichen  Reichtum,  ihrer  gewaltigen  Macht  und  ihrer 
globalen  Erfahrung  in  einem  so  seltsamen  Gegensatz  stehen, 
der  die  in  sie  gesetzten  Erwartungen  besonders  enttäuscht. 
So  kommt  es,  daß  man  einander  so  v/enig  versteht  und  der  ameri- 
kanische Intellektuelle  sich  vergeblich  fragt,  warum  selbst 
Völker,  für  die  das  seine  so  viel  tut,  wzczjxmxxsäänä±  seine 
Konsulate  angreifen  und  die  für  sie  eingerichteten  Bibliothe- 
ken zerstören,  zumal  jene  Vandalen  selbst  oft  ausgesprochene 
Antikommunisten  sind*  59).  Eine  Antwort  auf  solche  Fragen 

59)  Ganz  rätselhaft  scheint  es,  daß  amerikanische  Soldaten 
m  Sudkorea  nach  Einbruch  der  Dunkelheit  nur  in  Gruppen 
ausgehen  können  sollen.  Sollte  sich  in  diesem  tief  verarm- 
ten Volk  eine  solche  Sinnesänderung  vollzogen  haben  oder  wis- 
sen Verelendete  einfach  nicht  zu  schätzen,  daß  Amerika  an 
nebst  phantastischen  finanziellen  Opfern  eine  Unzahl  seiner 
üohne  geopfert  hat,  um  ihnen  das  zu  geben,  was  sie  Alle 
oiienbar  eindeutig  wollten  ?  Solche  Nachrichten  le^en  einen  i 
weiten  tfeg  zurück  und  mögen  verzerrt  ankommen;  aber  im  Gegen- 
satz zu  andern  fällt  an  ihnen  z.B.  die  Gleichartigkeit  mit 
Berichten  aus  Südvietnam  auf. 

fällt  natürlich  jedem  leichter  als  dem  .unmittelbar  Betroffenen. 
Es  slit  begreiflich,  daß  seine  Menschenkenntnis  und  alle  seine 
Objektivität  ihn  verläßt,  wenn  es  um  ihn  selbst  geht.  Für  den 
nicht  direkt  Beteiligten  liegt  die  Frage  einfacher,  denn  sie 
beruht  auf  den  folgenden  drei  Tatsachen: 

1)  Der  Mächtige  ist  meistens  unbeliebt,  auch  wenn  manches 
an  ihm  und  an  seinem  Verhalten  geeignet  ist,  Sympathie  zu 
erwecken.  Er  wird  umworben  und  umschmeichelt,  aber  nicht  gsüsb 


256 

geliebt.  Man  fürchtet  ihn  mehr  oder  weniger,  doch  Furcht  und 
Liehe  schließen  einander  so  ziemlich  aus.  Zusätzliche  Faktoren 
machen  Unbeliebtheit  leicht  zu  Haß,  wie  jede  eingesperrte  emo- 
tionale Energie  bei  günstigen  Gelegenheiten  zu  einzelnen  oder 
serienweisen,  harmlosen  oder  fatalen  Ausbrüchen  kommen  muß. 

2)  Durch  die  Art,  wie  Amerika  von  seiner  enormen  Macht 
Gebrauch  macht,  mobilisiert  es  das  Rechtsgefühl  unzähliger, 
ursprünglich  eher  neutraler  Menschen  gegen  sich.  Nach  der 
Auffassung  einfacher  Leute  in  aller  Welt  haben  alle  Völker  das- 
selbe Selbstbestimmungsrecht,  das  Amerika  seit  seiner  Selbstbe- 
freiung für  sich  in  Anspruch  nimmt.  Gegen  Völker,  die  in  analo- 
gem Sinne  beschließen,  im  Namen  der  Freiheit  unbarmherzig  mili- 
tärisch vorzugehen,  ist  unverkennbar  widerspruchsvoll.  Es  kann 
unter  Umständen  zu  Siegen  führen,  aber  nicht  zu  internationaler 
Sympathie.  Die  Menschen  erwarten  von  überlegener  Macht,  daß  sie 
Gefahren  beseitige,  nicht  Gefahren  schaffe. 

5)  Die  Armen  brauchen  den  Reichen  allzu  oft  und  wissen 
ihn  zuweilen  auszunützen,  aber  sie  können  ihn  unmöglich  lieben, 
wenn  sie  ihm  in  deutlichem  Grade  Dank  schulden. Krasse  Ökonomie 
sehe  Unterschiede  erzeugen  nicht  unbedingt  Kommunismus,  aber 
sie  begünstigen  eine  kommunistische  StimmungxöO )  . 

60)  Die  internationale  Rolle  der  amerikanischen  Wirtschaft  hat 

der  Catholic  Digest  %oe£@Bfeäi%^  in  lehrreicher  Weise  veranschau- 
licht, indem  er  die  ganze  Erde  durch  ein  Dorf  mit  1000  Einwoh- 
nern ersetzte,  in  welchem  90  Nordamerikaner,  50  Südamerikaner, 
210  Europäer,  85  Afrikaner  und  565  Asiaten  wohnen.  Von  diesen 
1000  sind  500  weiß,  700  farbig.  60  von  den  1000  vertreten  die 
Vereinigten  Staaten,  und  das  -Einkommen  dieser  60  ist  wie  das 
von  500  Andern.  Einem  Dollar  eines  Amerikaners  entspricht  bei 
jedem  andern  Einwohner  die  Summe  von  6  cent.  Die  Amerikaner  ha- 
ben 12mal  so  viel  Elektrizität,  21mal  so  viel  Kohle,  50mal  so 
viel  Stahl  und  50mal  so  viel  andere  Güter  grfrrajrtHrw-  wie  alle  'übri- 
gen zusammen. 

In  Anbetracht  der  v/eiteren  Unterschiede  zwischen  "allen 
Übrigen  "  fragt  es  sich,  wie  viele  von  diesen  mit  ihrer  Lage 
zufrieden  sind,  ihrer  Aufrechterhaltung  zustimmen  und  für  die 
Amerikaner  Gefühle  der  Brüderlichkeit  hegen  können. 

Die  aufgezeigten  und  eine  Fülle  andere  Umstände  führen  zu 
dem  Ergebnis,  daß  es  wohl  unmenschlich  schwer,  aber  dennoch 

das  beste  wäre,  einen  systematisch  und  einigermaßen  gerechten 
Ausgleich  in  die  Wege  zu  leiten,  der  den  vehementen  revolutio- 
nären Bewegungen  den  Wind  aus  den  Segeln  nehmen  würde.  Gewiß  w 
wäre  das  besser  investiert  als  die  für  politische  Philanthropie 
verausgabten  Milliarden  und  natürlich  unsagbar  vielfach  besser 
als  jede  Ausgabe  für  Kriegszwecke.  Denn  was  würde  nach  dem 


257 

Atomkrieg,  zu  dem  all  das  führen  zu  sollen  scheint,  sowohl 
von  den  Armen  als  auch  von  den  Reichen  übrigbleiben? 

Den  Ausblick  auf  eine  freundliche  innere  Entwicklung 
Amerikas  verstellt  leider  ein  langlebiges  Ungeheuer  mit  zwei 
Köpfen,  das  Zweiparteiensystem.  Seit  die  demokratische  Partei 
aufgehört  hat,  die  Zentrumspartei  zu  sein,  und  die  Republika- 
ner in  manchen  Hinsichten  an  Schärfe  noch  übertrifft,  haben 
die  Vereinigten  Staaten  nur  noch  zwei  Rechtsparteienkolosse , 
aber  kein  Zentrum.  Die  Linke  sieht  vorderhand  recht  hoffnungs- 
los aus,  ohne  eine  wirkliche  Partei,  ohne  konkrete  Aussichten 
auf  koalitionsfähige  parlamentarische  Stärke  oder  gar  Mehrheit, 
ohne  eine  wirksame  Presse,  ohne  TV  zsnoobc Radio,  selbst  ohne  eine 
der  Psychologie  der  Massen  genehme  Ideologie.  Das  ist  tief 
tragisch,  wenn  man  bedenkt,  in  wie  hohem  Maße  die  Aussichten 
auf  friedliche  Entwicklung  der  ganzen  Erde  von  der  nahen  Zukunft 
eben  dieser  Linken  abhängen,  die  in  Amerika  die  Entscheidung 
zu  Gunsten  des  Friedens  und  des  Fortbestande©  herbeiführen 
könnte.  Ein  Zweiparteiensystem,  das  nur  noch  von  privaten 
Ambitionen  und  dröhnenden,  aber  hohlen  Phraseologien  geheizt 
ist,  aber  nicht  mehr  reale  Ideologien  vertritt,  macht  auch 
Wahlen  zu  einer  schlimmen  Farce,  Der  nationalistische  und  agres 
sive  Wähler  hat  es  leichter  als  je,  denn  in  beiden  Fällen  tegj B 
trifft  er  das  Richtige.  Ihm  kann  nicht  mehr  passieren  als  daß 
er,  wenn  er  am  radikaleren  Draufgänger  interessiert  is#,  sich 
von  der  bombastischen  Propaganda  des  faktisch  weniger  Radikalen 
irreführen  läßt,  wenn  sie  mit  noch  größerem  Geldaufwand  arbeiten 
kann.  Der  an  Erhaltung  des  Lebens  und  friedlicher  Entwicklung 
interessierte  Wähler  kann  hingegen  nur  den  alten  Schlagworten 
der  Demokraten  folgen  und  dem  Vogel  Strauß  nacheifern,  um  nicht 
die  Realität  zu  sehen,  die  sich  noch  teilweise  jener  Schlagwort 
bedient;  oder  er  kann,  statt  zur  Urne  zu  gehen,  sich  in  den 
Schmollwinkel  der  Nichtbeteiligung  stellen,  um  deren  Deutung 
sich  sowieso  keiner  kümmert  noch  auch  zu  kümmern  braucht.  Da 
die  gesamte  Linke  nur  bescheidene  Geldmittel  besitzt,  die  im 
Vergleich  mit  denen  der  beiden  Rechtsparteien  nicht  ins  Gewicht 
fallen,  bleibt  nur  die  vage  Hoffnung  auf  Wahlen,  in  denen  nicht 
die  Finanzmacht  entscheidet.  Das  scheint  nicht  absolut  utopisch 
wenn  man  in  Betracht  zieht,  daß  die  Wählermassen  selbst  nicht 
aus  lauter  Agenten  der  Finanzmächte,  sondern  vorwiegend  aus 


258 

Menschen  bestehen.  Und  unter  der  Voraussetzung  einer 
vernünftigen  Ideologie  und  einer  psychischen  Dynamik 
wie  sie  unter  Umständen  auch  unerwartet  einsetzt,  wäre 
eine  günstige  Wendung  de^bar.  Jedoch  könnte  eine  Wendung 
sich  auch  in  falscher  Richtung  vollziehen.  Oder  sie 
könnte  zu  spät  kommen. 

Es  sind  aber  keineswegs  nur  Amerikas  .Fehler,  die 
für  die  eigene  Politik  und  für  die  globale  Gesamtheit 
bedrohliche  Komplikationen  heraufbeschwörei^können, 
denn  neuerdings  sind  es  eher  die  Russen,  die,  menschheit- 
lichem Denken  erst  halb  und  allzu  einseitig  aufgeschlossen, 
der  Sache  regionalen  Friedens  buchstäblich  entgegenarbeiten, 
Ihre  widerspruchsvolle  Rolle,  in  Südostasien  defensiv  und 
aktiv  friedensfördernd,  im  mittleren  Osten  aber  offensiv, 
dem  Frieden  aktiv  feindlich,  scheint  Amerika  jede  Aussicht 
auf  nahe  gemeinsame  Lösungen  zu  nehmen,  zumal  die  schon 
nach  Glassboro  eingetretene  Versteifung  der  russischen 
Haltung  weiter  anhält.  Doch  obwohl  die  Zusammenarbeit 
noch  schwieriger  geworden  ist,  muß  vom  Standpunkt  der 
Fragen  dieses  Abschnittes  erwogen  werden,  ob  Amerika 
zeitweilig  nicht  auch  ohne  die  Sowjetunion  Besserungen 
der  globalen  Situation  durchsetzen  könnte,  die  zu  friedli- 
chen Lösungen  führen  und  dem  Weltfrieden  den  Weg  bereiten 
helfen  würden.  Wie  ich  zu  zeigen  hoffe,  ist  das  nicht  un- 
möglich, aber  an  eine  schwer  erfüllbare  Voraussetzung  ge- 
knüpft. Irder  Erkenntnis,  daß  es  nur  die  Rettung  der  Mensch- 
heit vor  der  nuklearen  Katastrophe  sein  kann,  die  für 
Amerika  mit  der  eigenen  Rettung  gleichbedeutend  ist, 
müßte  die  amerikanische  Politik  allseitig  revidiert  werden, 
zunächst  prinzipiell  und  methodisch.  Die  Erkenntnis  der 
Identität  beider  Rettungen  müßte  ihr  als  Ziel  vorschweben. 
Eine  solche  Umstellung,  aber  wohl  nur  eine  solche  und  nicht 
weniger,  würde  überall,  in  Amerika  selbst  und  in  der  Welt, 
höchst  positive  folgen  bringen. 

Das  Ergebnis  kann  schon  jetzt  in  der 


259 

einfachsten  ./eise  vorausgenommen  werden:  Die  regionalen 
Brände  werden  sich  löschen  lassen  und  die  Erde  kann  gerettet 
werden,  wenn  jeder  selbst  großzügig  Opfer  anbieten  und  bringen 
wird,  nicht  auf  Kosten  Anderer,  und  sich  nicht  damit  begnügen 
wird,  Opfer  von  Andern  zu  fordern  und  zu  erwarten. 


China  und  der  Bankrott  doktrinären  Denkens 
Tao  ko  tao 


Pu  jung  tao  ye. 

iviing  ko  iiiing 

Pu  jung  ming  ye. 


Jen  chf  chou 
Hsing  pen  shan. 


Gang  kann  gehen 
Nicht  ewiger  Gang  wahrlich. 
Name  kann  nennen 
Nicht  ewiger  Name  v/ahrlich. 
C  Lao  tze,  Tao  te  ching  I  ), 

Mensch  des  Anfangs 
Natur  Wurzel  gut. 

Shi  tze  ch'ü  (?),~> 


Drei-Schriftzeichen-Lehre, I  61) 

61)  In  dieseat  Transkriptionee  sind  die  Konsonanten  englisch, 
die  Vokale  deutsch  angm^po^Q^  y111ir-.,  r^n  i  r,-__^  . 

Das  19.  Jahrhundert  und  das  beginnende  ZÜ.  bis  zum  Auf- 
treten des  Sun  yat  sen  waren  das  traurigste  Kapitel  der  langen 
chinesischen  Geschichte.  Das  korrupte  Beamtentum  der  mandschuri-[ 
sehen  Tschingdynastie  war  unfähig,  die  Volksgesundheit,  die 
Wirtschaft,  die  Selbständigkeit  und  die  Ehre  des  großen  Landes 
vor  den  fremden  Räubern  zu  bewahren,  die  es  gänzlich  durchsetz- 
ten und  zersetzten  und  sich  in  China  benahmen  wie  in  ihren  afri-| 
kanischen  Kolonien.  Die  Diplomatien  der  Raubmächte  arbeiteten 
als  Rivalen  gegeneinander,  spielten  einander  aber  in  die  Hände, 
sooft  es  galt,  das  Land  immer  mehr  zu  erniedrigen  und  die  ein- 
zelnen Chinesen,  die  damals  auf  400  Millionen  geschätzt  wurden , 
in  einen  Zustand  hoffnungsloser  Depression  zu  versetzen,  der 
zu  den  bekannten  schlecht  organisierten  Ausbrüchen  der  Verzweif- 
lung führte. 

Die  lange  und  bis  1911  ausweglose  Bekanntschaft  mit  den 
weißen  Borellbesitzern,  Bodenspekulanten  und  Opiumhändlern  sowie 
ihren  Diplomaten  mußte  sich  dem  chinesischen  Volke  derart  tief 
einprägen,  daß  sie  trotz  den  stürmischen  Ereignissen  eines  hal- 
ben Jahrhunderts  nicht  in  Vergessenheit  geraten  konnte.  Als  sich| 
in  dieser  Nation  schon  die  drastisch  sichtbaren  politischen 
Veränderungen  vollzogen,  blieb  die  ungeheuere  Menge  der  ange- 
sammelten Erbitterung  noch  zu  einem  großen  Teil  erhalten. 


260 

Schläge  können  in  der  Richtung,  aus  der  sie  kamen,  zurück- 
prallen, unter  Umständen  aber  auch  nach  andern  Richtungen, 
Die  erste  Etappe  der  Selbstbef eiung,  die  demokratische  Republik, 
verschaffte  den  Massen  erst  halbe  Befriedigung.  V/er  nie  am 
eigenen  Leibe  erfahren  hat,  wasr  der  tief  Beleidigte  empfindet, 
wird  das  von  chronischer  Beleidigung  gefolterte  Riesenvolk 
schwerlich  verstehen  können.  Die  nationale  Auferstehung  war 
an  sich  eher  Versprechen  als  Erfüllung.  Man  brauchte  etwas  viel 
Radikaleres,  und  es  war  u.a.  das  Bedürfnis  nach  Radikalität 
schlechtweg,  das  dem  Kommunismus  zum  militärischen  Siege  über 
Tschang  kai  schek  und  sein  Kuo  min  tang-Regime  verhalf,  dessen 
logische  Funktion  in  der  Geschichte  des  chinesischen  Kommunis- 
mus etwa  der  des  Kerensky-Regimes  in  Rußland  glich.  Die  psycho- 
logische Verfassung  der  chinesischen  Massen  macht  uns  verständ- 
lich, daß  es  dann  dana  gerade  die  härteste,  die  stalinistische 
Version  des  Kommunismus  war,  die  ihren  emotionalen  Bedürfnissen 
Genüge  tat,  nicht  der  rationale,  realistische  Kommunismus  der 
späteren  Sowjetunion.  Da  das  Verhalten  jedes  Einzelnen  vor 
und  nach  Erlangung  einer  dringend  benötigten  Befriedigung  so 
verschieden  ist,  sollte  man  sich  vorstellen  können,  daß  eine 
siebenhundertmillionenfache  Multiplikation  der  einfachen  Erfah- 
rung deren  reale  Verstärkung  oder  Vergrößerung  ergeben  muß. 
Die  Genugtuung,  die  sie  brauchen,  haben  die  chinesischen  Massen 
offenbar  noch  nicht,  jedenfalls  fehlte  sie  noch  vor  Ausbruch 
des  zur  Kulturrevolution  ernannten  Sturmes.  Es  wäre  nur  allzu 
begreiflich,  wenn  der  einfache  Mann  immer  noch  von  einem  der 
Menge  der  angesammelten  Wut  entsprechenden  Rachebedürfnis  ge- 
plagt wäre.  Kann  diese  nur  in  primitivster  und  grausamster 
//eise  befriedigt  werden,  diich  ein  nukleares  Schlachtfest, 
nach  dem  von  der  weißen  Rasse,  zu  der  auch  die  Russen  gehören, 
nicht  viel  übrig  bliebe?  Wenn  das  auch  nur  eine  Phantasie 
weniger  Chinesen  wäre,  ?/äre  es  immerhin  eine  mörderische  Dosis 
faschistischen  Rauschgiftes  in  schönem  Rotwein.  Ohne  das  Gift 
wüßte  ja  .jeder,  daß  dann  auch  von  den  farbigen  Rassen  wenig 
übrigbliebe.  So  führt  ein  wenig  Ernüchterung  zu  der  Frage, 
ob  die  ganze  von  ihnen  aus  westliche  Welt  den  Chinesen  für 
alles  Erlittene  nicht  eine  bessere  Genugtuung  zu  bieten  ver- 
suchen könnte.  Oder  sollte  es  zweckmäßiger  sein,  die  Empörung 
der  Chinesen  noch  weiter  bis  zur  Weißglut  anzufachen  und  einen 
noch  größeren  Zusammenstoß  zu  arrangieren,  um  ihnen  zu 


261 

beweisen,  daß"inan"  stärker  ist? 

Der  Wahrscheinlichkeit  alles  Absurden  gemäß  gibt  es  Staats- 
männer, die  solche  Lösungen  zu  bevorzugen  scheinen.  Im  Gegensatz 
zu  jenen  begingen  die  Häupter  der  Sowjetunion  einen  gut  gemein« 
ten,  aber  in  seinen  Auswirkungen  nicht  viel  weniger  verhängnis- 
vollen Fehler,  der  in  ihrem  doktrinären  Denken  bestand.  Sie 
nahmen  die  ideologische  Thematik  der  frühen  chinesischen  Angriffe 
ernst  und  erwiderten  sehr  eingehend  ideologisch,  als  ob  der 
ganze  Konflikt  so  ideologisch  wäre  wie  er  zu  sein  vorgab  und  da- 
her auch  durch  ideologische  Polemik  jemals  liquidierbar  wäre. 
Da  die  Russen  selbst  jede  Spur  nicht- orthodoxer,  und  gar  synkre- 
tistischer  Richtungen,  wie  z.B.  den  Freudo-Marxismus,  längst 
abgeschafft  hatten,  um  an  dem  zwar  vor-stalinistischen,  aber 
auch  seinerseits  genügend  starren  Marxismus-Leninismus  mit 
seinen  Scheuklappen  festzuhalten,  hätten  sie  durch  ein  elastische 
Denken  in  psychologischen  Kategorien  den  Ast  abgesägt,  auf  dem 
sie  nun  einmal  saßen;  da  sie  sich  nicht  entschließen  konnten, 
ihre  Position  gründlich  zu  ändern.  Psychologie  ist  in  ihrer  Auf- 
fassung sozusagen  ein  anderes  Fach  und  darf  weder  mit  der  offi- 
ziellen Geschichtsauffassung  noch  mit  der  politischen  Linie  in 
Berührung  kommen.  So  waren  die  Heutigen  naiv  genug  gewesen, 
zu  hoffen,  der  Sturz  Chruschtschews  werde  die  Chinesen  versöhnen. 
r^^^jjU^eren  Bemühungen  waren  umsonst  und  die  sowjetischen 
^habCn  offenbar  trotz  mehr  als  bitteren  Erfahrungen  bis  heute 
nicht  herausbekommen,  warum  sie  auf  dem  Holzweg  sind;  daß  es  ihre 
Doktrin  und  doktrinäre  Haltung  ist,  die  ihnen  jede  Aussicht 
nimmt[und  daß  sie  auf  diese  Weise  an  der  andern  Seite  immer  nur 
vorbeireden  können.  Schon  die  bloße  Lektüre  der  chinesischen 
Reden  und  Schriften  seit  1965  konnte  jedem,  der  sehen  und  hören 
wollte,  Augen  und  Ohren  öffnen.  Seit  die  Führung  einer  großen 
Staatsmacht  auf  alle  internationale  Höflichkeit  und  Korrektheit 
verzichtete  und  einem  nur  unter  unerzogenen  und  ungehemmten 
Jugendlichen  üblichen  Stil  der  Drohungen,  Schmähungen  und  Be- 
schuldigungen freien  Lauf  läßt,  mußte  man  nicht  einmal  Berufs- 
psycholog sein,  um  die  schwere  Gestörtheit  zu  merken.  Allerdings 
hatue  ja  schon  der  Klassiker  Marx  eine  Methode  der  Polemik  aus- 
gebildet, die  den  Gegner,  auch  denjenigen,  der  kein  Gegner  sein 
wollte,  absolut  annullierte  und  darüber  hinaus  auch  geringfügige 
Abweichungen  von  der  Doktrin  ebenso  schonungslos  bekämpfte  wie 
die  Todfeindschaft.  Seit  China  jenen  Stil  derart  übertrifft 
als  ob  sich  nichts  mehr  sachlich  sagen  ließe,  wurde  die 


262 


psychologische  Situation  völlig  unverkennbar. 

Den  unrühmlichen  Heden  mußten  natürlich  bald  noch  unrühm- 
lichere Handlungen  folgen.  Der  ganz  große,  Kulturrevolution 
betitelte  Sturm  hatte  gewiß  auch  das  unbezähmbare  Bedürfnis 
nach  Dynamik  zum  Motiv,  und  den  Wunsch,  der  bedrängten  und 
drängenden  Jugend  irgend  eine  intensive,  nicht  nur  orale  Be- 
friedigung zu  bieten.  Die  völlig  neuartige  Belagerung  der 
Sowjetbotschaft  in  Peking  u»d  alle  ähnlich  beängstigenden 


Inszenierunger^prregten  die  Phantasie  aller  Politiker  und 
Journalisten  auf  Erden.  Da  die  Phantasie  umso  stärker  arbeitet, 
je  undurchsichtiger  ihr  Objekt  ist,  konnte  man  an  Intrigen 
denken  wie  an  die  Vorbereitung  eines  militärischen  Manövers, 
das  die  Vereinigten  Staaten  und  die  noch  viel  verhaßtere 
Sowjetunion  gegen  einander  treiben  sollte.  Pür  den  leider 
nicht  unmöglichen  Fall,  daß  Amerika  China  mit  Krieg  überziehen 
sollte,  konnte  diese  Bewegung  als  Ganzes  vielleicht  als  Maßnahme 
gedacht  sein,  um  dieser  Jugend  nicht  allein  physischs  und  tech- 
nisch, sondern  auch  durch  Dynamisierung  ihres  Charakters 
höhere  Abwehrkraft  zu  verleihen,  damit  sie  in  der  Lage  sei, 
lang,  wenn  nötig  lebenslänglich,  Widerstand  zu  leisten.  Aber 
bis  in  die  Sphäre  der  eigentlichen  Motive  reichen  diese  und 
ähnliche  Erklärungen  nicht,  selbst  wenn  sie  in  gewissem  Grade 
richtig  sind.  Zu  den  Motiven  führt  die  Psychologie,  die  des 
Individuums  oder  die  der  Massen  oder  eine  Mischung  beider. 
Auch  der  seelisch  ausgesprochen  Kranke,  der  nur  zur  Veranschau- 
lichung und  Vereinfachung  erwähnt  sei,  bedient  sich  zur  Reali- 
sierung seiner  Motive  zuweilen  ungewöhnlich  gründlich  durch- 
dachter Methoden  und  oft  genug  übertrifft  die  Klugheit  seiner 
Planung  die  xs  von  seihen  normalen  Mitmenschen  aufgebrachte. 
Daher  bedeutet  es  nicht  so  viel,  wenn  man  geheime  Pläne 

aufdeckt  oder  aufzudecken  glaubt,  ohne  die  Präge  der  eigentlich 
treibenden  Kräfte  in  Betracht  zu  ziehen. 

Es  ist  in  der  Tat  nicht  leicht,  die  irref ührenden  Tenden- 
zen, die  im  ideologischen  Denken  entspringen,  aufzudecken  und 
zu  überwinden.  Unter  äisss»  Einfluß  neigen  wir  dazu,  in  Aktionen 
von  Personen  immer  die  Auswirkung  einer  Auseinandersetzung  von 
Ideen  zu  sehen,  und  besonders  die  Lektüre  Hegels  pflegt  in  die- 
sem Sinne  zäh  nachzuwirken.  Eine  solche  Auffassung  wird  vor 


^du^ch  die  reale  Komplexität  der  Phänomene/gefördert,  da 
^mitspielen  und  mit  größerer  oder  geringerer  Berechtigung 


263 

zur  Begründung  verwendet  werden.  Mit  diesen  Begründungen 
wurde  China  seit  Beginn  der  Kulturrevolution  überschwemmt 
und  ein  hübscher  Teil  von  der  Riesenarbeit  der  chinesischen 
Druckereien  ist,  hauptsächlich  in  Exzerpten  japanischer  Reporter, 
auch  nach  dem  '//esten  gelangt.  Doch  für  eigentlich  ideologische 
Auslegung  ist  in  dieser  Plut  kein  genügend  überzeugendes  Materi- 
al zu  finden,  töfäre  es  nur  um  den  Kampf  gegen  die  in  der  Sowjet- 
union vollzogene  Einkehr  zur  Vernunft  gegangen,  die  vom  maoisti- 
schen  Kurs  als  Revisionismus  geschmäht  wird,  so  hätte  sich  die 
chinesische  Anhängerschaft  des  gemäßigten  russischen  Kurses 
durch  viel  einfachere  und  minder  gefährliche  Aktionen  aus  ihren 
Stellungen  verdrängen  und  politische  beseitigen  lassen.  Aber  der 
schonungslose  Kampf  im  Innern  Chinas  begann  erst  später;  der 
Vorwurf  des  Revisionismus  war  eher  der  erwünschte,  in  vielen 
Fällen  bestimmt  aus  der  Luft  gegriffene  Vorwand  zur  Beseitigung 
persönlicher  Eeinde  des  Urhebers,  Mao  tze  tung.  Es  liegt  ja 
derart  auf  der  Hand,  daß  man  es  allzu  schwer  hat,  es  zu  glauben, 
welchen  Löwenanteil  an  dieser  Tragödie  des  zahlreichsten  Volkes 
eine  proportional  winzige  Privatangelegenheit  hat,  die  Rache 
des  Alten  an  den  Kampf genossen,  Exfreunden  und  Konkurrenten, 
die  ihn  vor  einigen  Jahren  aus  der  höchsten  Stellung  verdräng- 
ten. Da  es  um  die  größten  Männer  Chinas  ging,  hinter  denen  zu 
einem  guten  Teil  der  Staatsapparat,  die  Armee,  die  Landwirtschaf i 
und  die  Industrie  Ktotanto  stand,  vor  allem  aber  auch  die 
Partei,  mußte  die  kleine  Privatrache  chinesische  Dimensionen 
annehmen  und  mit  allen  gegen  die  Sowjetunion  gerichteten  Ambi- 
tionen des  chinesischen  ifetionalismus  verquickt  werden.  Und  da 
der  alte  Mann,  eine  Mischung  von  Genialität  und  Primitivität, 
keine  Zeit  hat,  mußten  bei  der  in  Deutschland  geborenen  Idee 
des  Blitzkrieges  ausgiebige  Anleihen  gemacht  werden. 

Doch  der  Grundgedanke  ist  neu  genug,  um  uns  Respekt  ein- 
zuflößen. Diese  für  die  enorme  Aufgabe  über  i\Tacht  mobilisierte 
Jugend  ist  als  Macht  präzedenzlos,  denn  sie  ist  weder  eine 
Klasse  noch  sonst  eine  Gruppierung  im  soziologischen  Sinne. 
Als  politischer  Paktor  ist  sie  die  Ausgeburt  der  nimmer  rasten- 
den und  nie  befriedigten  x-hantasie  Maos,  dessen  Ambition, 
Intensität  und  Hartnäckigkeit  keine  Grenzen  zu  kennen  scheinen, 
auch  nicht  die  der  Verantwortlichkeit.  Die  aus  dem  politischen 
Wichts  hervorgeholt,  Jugend  weiß  nicht,  was  Rücksicht  ist,  hat 
nichts  zu  verlieren,  ist  unberechenbar,  kann  darben,  leiden 


■  l 


■HM 


*  f 


264 

und  sich  opfern,  Sie  schöpft  aus  dem  Kräftereservoir  der 
unbefriedigten  und  immer  wieder  unbefriedigten  Triebe,  die 
nach  ungeheuerer,  überirdischer  Expansion  verlangen.  Diese 
Expansionskräf te  fachen  die  Zerstörungswut  dieser  Jungen  an 
und  ihren  verzehrenden  Haß,  doch  sie  erzeugen  in[ihnen  auch 
ein  riesiges  Vakuum,  das  nach  Füllung  schreit.  Die  am  nächsten 
liegende  Füllung  ist  der  Kult  des  Führers,  und  die  kultischen 
Handlungen  schließen  einen  Freibrief  zur  Hichtbef  olgung  der  S± 
Eltern  und  zum  Zerbrechen  des  Altehrwürdigen  ein.  Das  erlaubte 
Zertrümmern  des  Althergebrachten  rückt  bald  zur  Rolle  ethischen 
Verdienstes  empor  und  wird  zum  Ersatz  für  das  Studium,  Die  Aus- 
führung der  Befehle  des  Führers  enthebt  des  Lernens  und  jeder 
andern  Pflicht,  Die  Schriften  eines  Zeitgenossen  machen  eine 
unvergleichliche  3000jährige  Literatur  überflüssig,  ja  lästig 
und  der  Abschaffung  würdig.  Die  Zitate  aus  der  Weisheit  des 
Führers  werden  über  Nacht  zum  Maßstab  des  Denkens  und  iiaMtawlfMsrfiflj 
Handelns  62). 

62)  Jenes  rote  Büchlein,  dessen  Riesenauflage  in  China 
Papiermangel  hervorgerufen  haben  soll,  hat  natürlich  auch  ein 
amerikanischer  Verlag  in  Übersetzung  herausgebracht  (Quotat- 
ions_from  Chairman  Mao  Tse  Tung,  Bantam,  New  York  1967), 
Die  .Leser,  denen  alte  und  neuere  Weisheit  des  Ostens  und 
Westens  nicht  fremd  ist,  werden  da  manches  finden,  was  sie 
nicht  zu  lesen  gewohnt  sind,  sondern  als  Äußerungen  kluger 
Leute  gelegentlich  in  ihrem  Alltag  hören  können. 

^nn  wir  aber  versuchen  wollen,  auch  diesen  Horden  der 
len  Gerechtigkeit  widerfahren  zu  lassen,  dürfen  wir 
nicht  übersahen,  daß  sie  opferbereit  und  weder  ganz  verantwor- 
tungslos noch  ganz  undiszipliniert  sind.  Zum  Vergleich  müßten 
wir  uns  auch  vorzusstellen  versuchen,  wie  eine  ähnlich  losgelas- 
sene Jugend  sich  in  e^nem  großen  Lande  des  bestens  benehmen 
würde,  wenn  sie  plötzlicSa  die  Macht  hätte.  Würde  sie  nur  zu 
Gunsten  politischer  Schlagv>orte  rasen?  Oder  wären  ihre  Ausschrei- 
tungen viel  privatere  Orgien'-Nsfo  wäre  die  Zerstörung  von  Kultur- 
werten und  Idealen  wohl  größer?  Brachten  wir  des  theoretischen 
Vergleiches  wegen,  daß  die  Hitlerjugend  keine  derartige  Selbstän- 
digkeit genoß  und  m.W.  für  nichts  Positives  verwendet  wurde. 
Die  Maoisten  sollen  das  Heiligtum  an  der  Ge^urtsstätte  des  Kon- 
fuzius in  Shantung  verwüstet  haben,  weil  die  Lyhren  des  alten 
Weisen  mit  denen  des  Mao  nichtaiin  Einklang  stehenv  Welche  Paral- 
lelität wäre  gegebenenfalls  für  den  Westen  anzunehmen?  £ 

Daß  dieses  ganze  Kapitel  der  neuen  Geschichte  Chinas  sich 
■ee  ais  vorwiegend  als  Privatangelegenheit  entpuppt,  ist  wohl 


Jugendli* 


265 

die  klarste  Widerlegung  jeder  doktrinären  Geschichtsauffassung  , 
da  es  ja  der  dem  Altmeister  Stalin  abgeguckte  und  ihn  an  kom- 
promißloser Dogmatik  und  otarror  Doktrin  noch  übertrumpfende 
maoistische  Kommunismus^  der  diese  Widerlegung  persönlich 
liefert.  So  hilft  uns  das  Beispiel  des  modernen  China,  unsere 
Beziehung  zur  gesamten  Weltgeschichte  grundlicher  zu  Esx±±toE_ 
revidieren  63). 

63)  Pascal^ (Pensees, 4)  sagte  es:  Le  nez  de  Cleopätre; 
s    ll  eut  et<§  plus  court,  toute  la  face  de  la  terre 
aurait  c hange. 

Mit  der  Deutung  der  gegenwärtigen  Phase  der  neuen  Revolu- 
tion Chinas  haben  es  Politiker  und  Journalisten  einfacher.  Sie 
erklären  sie  für  abgeschlossen  oder  erwarten  noch  Portsetzungen, 
eine  Entscheidung  in  persönlichen  Tragödien  wie  der  des  Liu 
shao  chi,  weitere  Kämpfe,  auch  militärische;  oder  sie  ^zlern 


Mao  als  Sieger.  Wir  Historiker  freilich  glauben  nie  recht  an 
Endsiege.  Ich  gebe  zu,  den  gesamten  Streit  zwischen  den  beiden 
kommunistischen  Großmächten  und  das  Ringen  im  Innern  Chinas 
hauptsächlich  vom  Standpunkt  des  Weltfriedens  und  der  Aussichten! 
auf  Koexistenz  zu  betrachten. Falls  es  die  in  der  ersten  Runde 
geschlagene  Opposition  ist,  die  zur  Mitarbeit  an  der  Rettung 
der  Menschheit  bereit  ist,  oder  falls  es  auch  nur  ein  Teil  von 
ihr  ist,  möchte  ich  diese  Erörterung  der  neuesten  Geschichte 
Chinas  nicht  ohne  eine  Kundgebung  von  Sympathie  beschließen,  3d 
die  in  diesem  Falle  der  Opposition  gebühren  würde. 

Die  Gewißheit,  daß  jede  revolutionäre  Unruhe  unter  den  Be- 
dingungen unserer  Zeit  enorme  Gefahren  in  sich  birgt,  oder  die 
eigentliche,  die  größte  aller  Gefahren,  drängt  sich  uns  immer 
wieder  auf.  Der  Verdacht,  daß  ein  systematisch*  inszenierter 
-assenaufruhr,  ob  er  den  tarnen  einer  Revolution  verdient  oder 
nicht,  der  Srste  Teil  einer  Kriegsplanimg  sein  kann,  liegt  schon 
nach  Hitlers  Analogie  nahe  genug.  Der  die  Massen  sofort  verein- 
heitlichende Krieg  sichert  dem  Macht sucht igen  zunächst  den  Sieg 
über  die  Opposition  im  eigenen  Lande,  für  den  er  die  Ungewiß- 
heit des  größeren  Kampfes  in  Kauf  nehmen  mag,  zugleich  mit  dem 
vervielfachten  Maßstab  der  Gefahr.  Natürlich  gilt  das  am  meisten 
vom  volkreichsten  Lande, das  trotz  dem  fast  alles  erschütterndem* 
Gewitter  fieberhaft  an  seiner  atomischen  Aufrüstung  arbeitet. 
Wehe  uns,  wenn  die  Verwirrung  in  China  Verwirrung  der  Köpfe 
des  Westens  zur  Folge  haben  sollte. 

Wie  eine  von  blindem  Egoismus  oder  noch  viel  böseren 


266 

Absichten  geleitete  Einmischung  das  Furchtbarste  herbeiführen 
kann,  könnte  anderseits  eine  auf ß gründlicher,  vorurteilsfreier 
Menschenkenntnis  und  Kenntnis  Chinas^ selb st  jetzt  noch,  und 
vielleicht  gerade  jetzt,  zu  günstigen  Ergebnissen  führen. 
Sollten  die  Russen  nicht  die  Fähigkeit  aufbringen,  umzulernen  , 
sich  von  ihrer  doktrinären  Unfreiheit  zu  befreien  und  endlich 
zu  verstehen,  daß  China  vor  allem  ein  psychologisches  Problem 
bildet?  [UL*+J 

fixier  Hinsicht  aber  ist  die  Sowjetunion  sicherlich 
würdig, N&ller  Welt  als  Beispiel  zu  dienen.  Ihre  Köpfe  sorgen 
für  Abwehr  e^nes  allfälligen  Überfalls,  bleiben  aber  kühl  und 
halten  einer  Flv£  von  nie  vorher  ersonnenen  Provokationen 
stand,  denen  anderes«  im  Geiste  des  Prestiges  erzogene  Politiker 
niemals  gewachsen  wärt 

Wenn  wir  versuchen,  aus  diesem  ganzen  Schock,  dessen 
Auswirkungen  ja  erst  begonnen  haben,  prognostische  Schlüsse 
zu  ziehen,  ihn  sozusagen  als  Manöver  betrachten,  um  die  aus 
ihm  gewonnenen  Lehren  auf  den  furchtbaren  Ernstfall  anzuwenden, 
werden  wir  auf  einige  boroito  mo.nifostc  Züge  der  Massen  und 
der  Int e 11 ektuellen^auf merksam,  dio  uns  oino  Vorstellung  davon 
ermöglichen}  wio  oio  sich  in  jonor  teEdr^hen^renr-^ak-unf t  vorhal- 
-ton  würden ^  Sie  wären  voraussichtlich  in  maximalem  Maßey  : 

a)  aufopfernd,  todesverachtend ;b)ge schickt,  zäh5c)pl anmäßig, 
besonders  in  der  Ausnutzung  ihrer  Vorteile,  wie  des  weiten  Rau- 
mes und  der  numerischen  Stärke;  d)  erfinderisch,  unkonventionel 
überraschend;  e)  zerstörerisch,  rücksichtslos;  f)  kompromißlos, 
konsequent. 

Die  denkenden  Menschen,  an  die  sich  diese  Betrachtungen 
wenden,  wird  diese  Serie  unheilvoller  Möglichkeiten  in  ihrem 
Glauben  an  die  Notwendigkeit  und  Dringlichkeit  von  Bemühungen 
um  einen  friedlichen  Ausweg  bestärken.  Solange  China  sich  auf 
einen  Großkrieg  noch  nicht  einlassen  kann,  ist  noch  Zeit,  rasch 
und  gründlich  umzulernen  und  zu  begreifen,  daß  die  Opfer,  die 
der  Friede  erfordert,  unter  keinen^^^e*»  so  schmerzlich  sein 
können  wie  die,  die  der  Krieg  erfordern  würde. 

Da  ich  nun  mit  so  viel  Nachdruck  hervorgehoben  habe,  wie 
sehr  es  zur  Beurteilung  des  chinesischen  Phänomens  auf  die 
emotionalen  und  irrationalen,  ja  privaten  treibenden  Kräfte 
ankommt,  doch  nur  teilweise  darauf,  was  Mao  und  sein  engster 
Kreis  sachlich  planen,  möchte  ich  diese  Pläne  auf  Grund  der 


NB 


266a 

Das  ist  eine  gewaltige  Aufgabe,  und  schon  deren  Erfassung 
ist  schwer  genug,  weil  sie  gründliche  Selbstprüfung  zur  Voraus- 
setzung hat,  seihst  mit  der  völligen  Durchführung  eines 
solchen  Planes  wäre  es  nicht  getan,  da  die  an  sich  schon  so  kom-  i 
plizierte  psychologische  Situation  mit  äußerst  konkreten  Tatsachen 
eng  zusammenhängt  und  von  diesen  noch  viel,  mehr  kompliziert  wird. 
Die  kfejjnES fe^fefeg  aller  dieser  Tatsachen  sind  Chinas  territoriale 
Ansprüche,  die  von  führenden  Chinesen  vor  1969  immer  nur  mit  ganz 
leiser  Stimme  oder  überhaupt  nicht  vorgebracht  wurden,  als  wäre 
irgend  einem  weitreichenden  Plan  entsprechend  die  Zeit  für  diese 
Forderungen  noch  nicht  gekommen.Sie  beziehen  sich  auf  schwere  Ver- 
gehungen, die  das  russische  Zarenregime  inder  2 »Hälfte  des  19» Jahr- 
hunderts begangen  hat,  indem  es  einem  von  mehreren  Haubmächten 
militärisch  wiederholt  geschlagenen,  im  Innern  zerrütteten  und 
kaum  noch  verteidigungsfähigen  China  1858  und  1860  Verträge  ab- 
preßte, die  der  Anti-Imperialismus  und  Anti-Kolonialismus  unserer 
Zeit  nur  eindeutig  als  Raub  verurteilen  kann«  Sowohl  von  seinem 
äußersten  Westen  in  Zentralasien,  von  Sinkiang,  bzhw.  Turkistan, 
als  auch  von  seinem  mandschurisch-sibirischen  Nordosten  mußte 
China  an  Rußland  Ländereien  abtreten,  die  an  Umfang  Deutschland, 
Prankreich  und  England  annähernd  entsprechen.  Angeblich  sollen 
einige  russische  Revolutionäre  der  Zeit  Lenins  es  als  Pflicht  der 
Sowjetunion  angesehen  haben,  jene  Raubverträge  freiwillig  zu  revi- 
dieren, aber  einen  Beweis  dafür  kenne  ich  nicht,  und  jedenfalls 
kam  es  nie  zu  einem  offiziellen  Beschluß  darüber.  Im  Gegenteil, 
in  der  Sowjetunion  nahm  $%xx£Mgx$&£xjegM  die  Verhärtung  in  der 
Haltung  des  beatus  possidens  immer  mehr  zu.  Während  aber  auf  der 
russischen  Seite  der  Grenze  die  Bevölkerung  immer  mehr  abnahm, 
nämlich  durch  Abwanderung,  nahm  sie  auf  der  chinesischen  Seite 
bedeutend  zu,  wodurch  der  wachsende  chinesische  Druck  auf  die 

Grenzen  verständlich  wird.  Die  russische  Ideologie  des  Pesthaltens 

eher  noch  überbetönt 
an  den  zaristischen  Verträgen  zeigte  siclMsaSBfcfc  nach  den  ersten 

militärischen  Kämpfen  um  die  Ussuri-Insel  Chen  pao,  bzhw.  Damansky, 
9mgmmmmsmm%m.  Es  ist,  als  wüßte  das  Sowjetregime  keinen  k 
bessern  Rat  als  "Bereitschaft",  obgleich  an  der  heutigen  oder 
morgigen  Bedeutung  dieses  Wortes  kein  Zweifel  möglich  ist. 

Wird  jotat  innerhalb  der  USSR  auch  nicht  ein  einziger  realistisch 
und  gerecht  Denkender  dii^§8rgef ährlich  gewordene  freie  Meinungs- 
äußerung wagen?  Oder  werden  solche  Versuche  erfolgen  ohne  daß  wir 

PORTSETZUNG : p . 266b 


266b 

etwas  von  ihnen  erfahren?  Oder  werden  3§@gc die  "Revisionisten" 
endlich 

selbst  sich^zur  größten  und  schwersten  aller  Revisionen  entschlie 
ßen?  wenn  ihre  Kühle  und  Härte  gegenüber  Provokationen,  ihre  von 
der  Prestige-Krankheit  unberührte  Gesundheit  und  ihre  Fähigkeit 
zur  Selbstprüfung  siegen  sollten,  wäre  das  ein  wesentlicher 
Schritt  zur  Erhaltung  des  Lebens  auf  Erden,  Ein  solcher  Triumph 
der  Einsicht  ist  aber  heute  nur  von  ihnen  zu  erwarten,  nicht 
von  den  so  tief  in  den  Mao-Kult  gesunkenen  chinesischen  Massen, 
die  gegenwärtig  offenbar  nur  emotional  reagieren  können  und  von 
vernünftigen  Erwägungen  grausam  weit  entfernt  sind.  Läßt  ihr 
heutiger  Zustand  vielleicht  eine  Vorstellung  von  ihrem  mön-liohon 
künftigen  Verhalten  zu? 


i 


267 

biherigen  Beobachtungen  zu  erraten  versuchen,  was  natürlich  nur  an- 
nähernd und  unter  Vorbehalten  möglich  ist: 

1«  Er  xund  die  Seinen  arbeiten  an  der  restlichen  Zerstörung  der 
noch  bestehenden  Partei  und  des  staatlichen  Verwaltungsapparates,  an 
deren  Aufbau  er  einen  so  bedeutenden  Anteil  hatte,  um  den  Gegnern  ihre 
Instrumente  und  ihren  Unterschlupf  zu  entziehen. Seine  Macht  will  er 
auf  die  organisierte  Jugend  und  auf  die  seinem  Willen  untertane  Armee 
gründen.  Die  Jugend  soll  die  Reste  der  Opposition  liquidieren  und  die 
zertrümmerten  Institutionen  später  wieder  aufbauen. 

2.  Er  will  der  USSR  die  Reste  einer  Hegemonie  des  kommunistischen 
Lagers  entwinden  und  möglichst  viele  kommunistische  Länder  und  Partei- 
en auf  die  chinesische  Seite  ziehen.  Obzwar  das  erste  Ziel  noch  nicht 
erreicht  ist,  arbeitet  er  intensiv  am  zweiten  und  an  der  mit  beiden 
zusammenhängenden  Wiedererlangung  der  jetzt  sowjetischen  Territorien 
im  Nordosten  Chinas.  Der  bisherigen  Desorganisierung  des  kommunisti- 
schen Lagers  entsprechend  kann  Moskau  kommunistische  Länder  und  Par- 
teien nur  noch  ideologisch,  diplomatisch  oder  brutal  militärisch  be- 
einflussen oder  bezwingen,  aber  nicht  mehr  als  übergeordnete,  zur  Dis- 
ziplin verpflichtende  Macht  beherrschen.  Schon  d<r  ungarische  Aufstand 
und  dann  die  Ansätze  zu  polnischen  und  tschechoslovakischen  Selbstän- 
digkeits^fcendenzen  warfen  grelles  Licht  auf  die  heikle  Situation  Mos- 
kaus. Bis  heute  haben  nur  Wenige  den  Zusammenhang  mit  China  erfaßt; 
theoretisch  konnten  ja  alle  kommunistischen  Länder  Chinas  Intervention 
anrufen. 

3.  Dann  soll  China  den  internationalen  Kommunismus  reorganisieren 
und  die  Sowjetunion  erst  isolieren  und  dann  zur  Kapitulation,  zur 
Annahme  des  stalinistisch-maoistischen  Kurses  und  zur  Aktivität  in 
einer  untergeordneten  Rolle  zwingen. 

4.  Das  unter  chinesischer  Diktatur  geeinigte  Lager  soll  unter 
fortgesetzter  politischer  Expansion  seine  nukleare  Macht  benützen, 

um  dem  Kapitalismus  durch  unblutige  Erpressungen  Zugeständnisse  abzu- 
nötigen. Hingegen  ist  unwahrscheinlich,  daß  ein  nuklearer  Angriff 
auf  Amerika  und  den  übrigen  Westen  oder  auf  die  Sowjetunion  in  diesem 
Plan  inbegriffen  ist;  doch  soll  nicht  vergessen  werden,  daß  verschie- 
dene Ursachen  die  Katastrophe  auch  ohne  Plan  und  direkte  Absicht  her- 
vorrufen können.  Wenn  es  zu  solchem  Unheil  käme,  hätte  China  eine 
gewisse  Chance,  dank  seiner  numerischen  Überlegenheit  und  seines 
weiten  Raumes  etwas  zu  retten.Es  ist  aber  offensichtlich,  daß  der  Mao- 
ismus diese  Chance  stark  übertrieben  einschätzt. 

5.  Zugleich  sollen  die  maoistischen  Parteien  in  Ost  und  West  den 


russischen  Revisionismus  direkt  zersetzen  und  durch  Inszenii&Sng 
regionaler  Revolten  oder  Ausnützung  schon  vor  sich  gehender  Revolten 
oder  Bürgerkriege  ein  maoistisches  Ende  der  bestehenden  Gesellschaf* 
ten  anbahnen, 

6.  Das  Endziel  des  Planes  ist  wahrscheinlich  eine  chinesische 
Weltherrschaft. 

Ich  gestehe,  in  diesen  Vermutungen  über  die  Absichten  Maos  und 
des  Maoismus  von  den  grausigen  Erinnerungen  an  die  Pläne  und  Taten 
Hitlers  nicht  unbeeinflußt  zu  sein,  jene  schaurigen  Wahngebilde,  die 
erst  nach  fatalen  Jahren  zuschanden  geworden  sind,  vielleicht  nicht 
für  immer.  Die  neuerdings  zuweilen  unternommene  Zusammenstellung 
Maos  mit  den  blutrünstigsten  aller  Diktatoren,  Hitler  und  Stalin, 
muß  jedoch  als  schwere  Ungerechtigkeit  entschieden  abgelehnt  werden. 
Es  ist  unbestreitbar,  daß  die  kraß  kulturwidrigen  Exzesse  in  China 
bisher  relativ  unblutig  verlaufen  sind.  An  Maos  Stelle  hätte  mancher 
Abendländer  mit  Hinrichtungen  und  privaten  Morden  gearbeitet.  Trotz 
den  seinen  Opfern  angetanen  ethischen  Absurditäten  hat  er  Blutver- 
gießen systematisch  vermieden,  ob  das  nun  Sittlichkeit  oder  nur 
Berechnung  war.  Seinen  Emotionen  gestattete  er  offenbar  nicht,  seine 
Planung  zu  stören;  nur  die  Emotionen  Anderer  bildeten  einen  Paktor 
in  seinem  politischen  Programm.  Da  die  Uhrzeiger  unaufhaltsam  kreisen, 
wäre  es  unweise,  die  knappe  Zeit  mit  billigen  Befriedigungen  zu  ver- 
geuden; daraus  ergab  sich  einer  der  Maßstäbe  für  die  Größe  seiner 
Ambitionen.  Auch  wenn  meine  Formulierung  seines  Endziels  unrichtig 
sein  sollte,  unterliegt  es  keinem  Zweifel,  daß  im  Maoismus  der  Natio- 
nalismus dem  Kommunismus  zumindest  die  Waage  ^tdundidinirSmitMunbe- 
irrbarem  Internationalismus  nicht  verglichen  werden  kann. 

Zwischen  Plänen  und  Verwirklichungen  besteht  aber  der  allgemein 
bekannte  Unterschied.  Die  einzelnen  Phasen  dieses  phantastischen  und 
doch  keineswegs  unlogisch  gebauten  Programms  haben  einander  zur  Vor- 
aussetzung. Mir  scheint  es  sicher,  daß  die  erste  Bedingung,  die  seines 
Sieges  zu  Hause,  noch  nicht  erfüllt  ist,  zumal  er  selbst  nicht  be- 
hauptet hat,  die  Opposition  sei  tot.  Deren  Aufgabe  scheint  die  denk- 
bar schwierigste  und  objektiv  bedeutendste  zu  sein. 

Sollte  es  nach  uns  noch  Generationen  geben,  so  wird  es  eine  der 
Aufgaben  ihrer  Historiker  bilden,  über  Mao  und  seine 


269 

Folgen  zu  dem  objektiven  Urteil  zu  gelangen,  das  uns  noch 
nicht  erreichbar  ist. 

Trotz  allen  blutigen  seiner  Geschichte  und  trotz  der 
beängstigenden  Gegenwart  ist  China  die  Heimat  einer  pazifisti« 
sehen  Tradition,  einer  unvergleichlichen  Größe  des  philosophi- 
schen Gedankens,  einer  tief  menschlichen  foesie  und  Kunst, 
einer  positiven  Ethik  als  Grundlage  für  den  Staat  und  das  indi- 
viduelle Leben.  Von  diesen  hohen  Gütern  ist  das  für  uns  ent- 
scheidende die  alte  Friedensliebe,  die  mit  einer  rein  positiven 
Beziehung  zu  der  als  gut  angenommenen  ursprünglichen  Natur 
des  Menschen  zusammenhängt.  Auf  Grund  solcher  Anschauungen 
wurden  viele  Generationen  erzogen  64). 

64)  Vgl.  das  zweite  der  diesem  Abschnitt  vorangestellten 
Motti.  Es  ist  dem  Anfang  eines  im  1J. Jahrhundert  entstandenen 
Lesebuches  entnommen. 

Wenn  man  die  historische  Gesamtgestalt  des  chinesischen 
menschen  mit  der  des  abendländischen  vergleicht,  muß  man  zu 
dem  Resultat  kommen,  daß  er  in  seinem  psychologischen  Habitus 
trotz  der  tragischen  Krise  von  heute  in  seiner  Gesamtheit  immer 
noch  gesünder  ist.  Im  Vergleich  mit  der  verheerenden  Rolle  der 
Religion  in  der  Geschichte  der  europäischen  Völker  und  des 
europäischen  Menschen  erscheint  die  Religionsgeschichte  Chinas 
als  reines  Idyll.  Vor  der  Auswirkung  der  religionslosen  Erzie- 
hung im  kommunistischen  China  bestand  dort  zwischen  den  Kirchen 
in  historischen  Zeiten  eine  Zusammenarbeit  wie  sie  im  Westen 
erst  jetzt  angebahnt  wird.  Dieselbe  Familie,  die  für  Hochzeiten 
einen  konfuzianischen  Priester  in  Anspruch  nahm,  pflegte  für 
Begräbnisse  einen  buddhistischen  zu  bestellen.  Es  war  also  eine 
eher  auf  Funktionsteilung  oder  Spezialisierung  beruhende  Sym- 
biose. Nirgends  ist  die  Familie  für  das  Fühlen  und  Leben  der 
Menschen  wichtiger  als  dort;  wenn  diese  Grundlage  zerrüttet  ee± 
oder  geschwächt  sein  sollte,  so  hat  ein  für  alle  Revolutionen 
geltendes  Gesetz  auch  auf  China  automatisch  Anwendung  gefunden, 
sodaß  angenommen  v/erden  kann,  daß  die  Festigkeit  der  Familie 
früher  oder  später  wiederkehren  wird.  Der  alten  Verbundenheit 
mit  der  Sippe,  otxx  deren  Grad  dem  Abendländer  schwer  verständ- 
lich ist,  entspricht  auch  das  kollektive  Denken  der  Chinesen, 
das  in  gewissem  Maße  allen  Ostasiaten  eigen  ist.  Die  Selbst- 
Identifizierung  des  Einzelnen  mit  der  Gesamtheit  ist  ein 
Grundzug  und  die  immer  vorhandene  Bereitschaft  zur 


2?0 

Selbstaufopferung  beruht  nicht  nur  auf  besonderem  Heldentum, 
Unter  den  vielen  Sichtungen  der  chinesischen  Philosophie 
erscheinen  die  individualistischen  als  Ausnahmen;  Tendenzen 
mit  einem  Einschlag  von  Egoismus  sind  in  der  chinesischen 
Ethik  importierte  Fremdkörper.  Es  ist  wohl  nur  wenig  übertriefe 
ben,  den  Kollektivismus  als  eine  von  der  chinesischen  Mentali- 
tät unabtrennbare  Eigenheit  zu  bezeichnen.  Ebenso  ist  der 
für  den  Durchschnittstypus  seines  Volkes  charakteristische 
Chinese  von  Haus  aus  mit  mehr  als  durchschnittlicher  Vernunft 
begabt;  daher  waren  ihm  emotionale  Störungen  vor  dem  19.  fahr- 
hundert  fremder  als  den  Menschen  aller  andern  Nationen.  Seine 
heutige  psychische  Verfassung  ist  eine  Gabe  des  Abendlandes, 
deren  Beseitigung  zu  den  bedeutendsten  Obliegenheiten  des 
Abendlandes  gehört. 

Chinas 

Wenn  wir  von  den  Leiden  torx^kois^saa:  in  der  Vergangenheit 
sprechen,  kann  das  freilich  die  irrige  Vorstellung  erwecken,  ± 
daß  es  den  Chinesen  heute  gut  gehe.  Das  ist  insofern  richtig, 
als  seit  Sun  yat  sen  ihr  menschliches  Wertbewußtsein  Wiederkehr 
wenn  auch  mit  den  begreiflichen  Übertreibungen.  Es  ist  aber 
in  Anbetracht  einer  Reihe  anderer  Faktoren  unrichtig,  u.a.  we- 
gen des  immer  noch  äußerst  niedrigen  Lebensstandards.  Anderseit 
wäre  es  einseitig,  nur  an  China  selbst  und  seine  bodenständige 
Bevölkerung  zu  denken.  Da  Armut  und  Vermehrung  sich  gegenseitig 
fördern,  litt  das  riesengroße  Land  schon  im  19. Jahrhundert  an 
einer  solchen  Übervölkerung,  daß  es  ohne  massenhafte  Auswandes? 
rung  nicht  leben  konnte.  Schon  damals  hätte  also  alle  Welt 
verstehen  können,  daß  die  Statistik  von  Geburt  und  Tod  nichts 
weniger  als  eine  innere  Angelegenheit  ist.  Wo  immer  die  vielen 
Chinesen  sich  ansiedelten,  waren  sie  bis  zum  ruhmlosen  Ende 
der  Ching-Dynastie  der  Gnade  und  Ungnade  des  Wirtsvolkes  aus- 
geliefert. Die  schwachen  Regierungen  Chinas  konnten  buchstäb- 
lich nichts  für  sie  tun,  zumal  sie  sich  ja  auch  im  Inland  des 
empörenden  Frevels  der  Fremden  nicht  erwehren  konnten.  Doch  bei 
aller  seiner  zunehmenden  Stärke  hat  auch  das  kommunistische 
China  an  der  konsularischen  Schuldlosigkeit  seiner  Landsleute 
im  Ausland  nicht  viel  ändern  können.  Viele  haben  sich  wegen 
dieser  Lage  um  die  Staatsbürgerschaft  des  Einwanderungslandes 
bemüht  und  sie  bekommen.  Sie  un<|^icht  wenige  von  den  Inhabern 

di^n^^ti 111116513011611  ^sse  Mf^^^  efcliTOm  neuen  China? 
^um  nichTin  aoe ^krasseren  Widerspruch  zurefcea?  Wahlheimat  zu 


271 

geraten.  Am  besten  scheint  es  ihnen  in  v/esteurppa  und  in  Nord- 
amerika zu  gehen,  wo  ihr  Fleiß,  ihre  Geschicklichkeit,  ihre 
Anspruchslosigkeit  und  ihr  Verharren  auf  der  niedrigsten  Stufe 
der  ethnischen  Kriminal Statistik  ihnen  sogar  einige  Anerkennung 
gebracht  haben.  Aber  auch  da,  wo  niemand  sie  angreift  oder  fceä 
kränkt,  ist  es  unverkennbar,  daß  sie  sich  nie  ganz  aufrichten. 
Sie  sind  eher  übertrieben  korrekt  und  bescheiden  und  benehmen 
sich  so  unauffälig  wie  möglich;  als  lebtens  sie  in  ständiger 
Furcht  vor  einem  Umschwung  zu  ihren  Ungunsten.  Und  das  sind 
diejenigen  Chinesen,  die  von  den  andern  beneidet  werden,  und 
mit  Recht.  |27[3^  1 

Denn  im  Osten,  in  Indonesien,  haben  die  3  Millionen  Chine- 
sen in  der  jüngsten  Vergangenheit  eine  Hölle  durchlebt,  aus 
der  nur  spärliche  und  unklare  Berichte  nach  dem  Westen  gelangt 
sind.  Als  dem  dilettantischen  und  fehlgegangenen  kommunisti- 
schen Umsturzversuch,  an  dem  diese  Chinesen  keinen  bemerkens- 
werten Anteil  hatten,  die  blutrünstige  faschistische  Gegenrevo- 
lution folgte,  in  der  nach  hoffentlich  übertriebenen  Darstel- 
lungen 400.000  Kommunisten  und  Verdächtige  niedergemetzelt 
wurden,  waren  die  Chinesen  Indonesiens  dem  fortgesetzten  Mord, 
der  Plünderung  und  der  Zerstörung  ihrer  Habe  schutzlos  preisge- 
geben. Von  allen  den  Opfern,  den  von  mohammedanischer  und  christ- 
licher Jugend  zu  Krüppeln  Geschlagenen,  den  Arbeitslosen  ohne 
Hoffnung  und  den  zu  Bettlern  gewordenen  kleinen  Geschäftsleuten, 
ließ  die  chinesische  Regierung,  wenn  die  vorliegenden  Informa* 
tionen  stimmen,  zuerst  sage  und  schreibe  500,  später,  als  die 
verzweifelten  Schreie  um  Hilfe  noch  zimahmt^/vcm  Schiffen 
abholen  und  in  die  Heimat  zurückbringen.  Die  ersten  diplomati- 
schen Bemühungen  der  Pekinger  Regierung  gegen  diese  Massenkri- 
minalität waren  erfolglos  und  einen  Krieg  konnte  und  mochte 
sie  nicht  entfesseln,  aber  angesichts  der  Lebenswichtigkeit 
permanenter  Auswanderung  konnte  sie  sich  auch  unter  keinen 
Umständen  auf  Rückwanderung-  in  ernsten  Maßen  einlassen.  In  ihrer 
Verzweiflung  versuchten  es  die  indonesischen  Chinesen,  von  denen 
eine  Million  in  Indonesien  geboren  sein  soll,  mit  Anti-Peking- 
Demonstrationen,  die  nichts  nützten;  im  Gegenteil,  es  war 
Demonstration  der  Hilflosigkeit,  ein  Entblößen  des  geschundenen 
Rückens  für  ochlokratische  Fußtritte.  Die  Propaganda  der  Schmä- 
hung und  Austreibung  und  ein  Leben  der  Angst  am  Rande  des 
Hungers  gehen  weiter.  Erst  seit  Anfang  1967  versucht  Peking 


271a 

Irjdieser  unerfreulichen  Lage,  die  allerdings  den  Vorteil 
einer  gewissen  Eindeutigkeit  hatte,  begann  erst  1969  ein  leichter 
Umschwung.  Die  Chinesen  Kanadas  z.B.,  von  denen  manche  noch  Papiere 
der  Taiwan-Regierung  hatten  und  einige  in  deren  Sinne  noch  aktiv 
waren,  bekamen  aus  Peking  Aufforderungen,  Dokumente  über  ihre 
Zugehörigkeit  zum  kommunistischen  China  in  Empfang  zu  nehmen; 
mag  sein,  daß  ihnen  für  die  Zukunft  gewisse  Aufgaben  zugedacht 
sind.  Die  Zahl  derjenigen,  die  dieser  Einladung  Folge  leisten, 
ist  offensichtlich  im  Zunehmen,  und  es  ist  bemerkenswert,  daß 
ausgesprochen  bürgerliche  Elemente  zu  ihnen  gehören.  Ihr  Schwan- 
ken und  ihre  Entscheidung  bedeuten  aber  schwerlich,  daß  es  der 
Kommunismus  als  solcher  ist,  der  sie  auf  einmal  so  magisch  anzieht 
oder  in  Furcht  versetzt.  «Tie  man  auf  Grund  früherer  Analogien 
der  an  Führerverehrung  erkrankten  Hassen  des  Westens  verstehen 
kann,  ist  es  eher  der  Mao-Kult  an  sich,  dessen  Auswirkungen 
Viele  sich  nicht  mehr  entziehen  können  und  der  in  ihnen  g 
Interesse  für  die  zugleich  vorteilhafte  und  nachteilige  doppelte 
Staatsbürgerschaft  erweckt.  Solche  Problematik  der  relativ  gutge- 
stellten Chinesen  ist  aber  immerhin  noch  leicht  lösbar  oder 
erträglich. 


272 

der  mörderischen  Brutalität  der  neuen  Herren  Jakartas 
Repressalien  von  adäquater  Schärfe  entgegenzusetzen,  kam  aber 
dabei  auf  so  schlechte  Einfälle  wie  den,  die  verelendeten 
Chinesen,  die  sich  letztens  zu  einer  gewissen  Selbstwehr  auf- 
zuraffen suchen,  zu  einem  Alfstand  aufzurufen,  in  dem  sie  viel- 
leicht sämtlich  umkämen.  Es  ist  gewiß  gut,  daß  der  Rückkehr 
Indonesiens  in  die  Vereinigten  Nationen  keine  Schwierigkeiten 
bereitet  wurden;  sollte  aber  die  Gelegenheit,  vor  diesem  Forum 
etwas  für  die  Zivilisation  und  für  elementare  Menschlichkeit 
zu  tun,  völlig  ungenützt  bleibeniW^ 

Ein  gemäßigt  antikommunistischer  Journalist,  Mark  Gayn, 
der  den  Fernen  Osten  mehrmals  bereist  haty  und  das  Verhalten  ± 
der  indonesischen  Armee  bei  einem  der  blutigen  Überfälle  beob- 
achten konnte,  sprach  mit  indonesischen  Studenten  und  fragte  x 
sie  nach  den  Gründen  ihres  Hasses.  Einer,  der  zum  besten  gab, 
er  habe  einem  Chinesen  die  Nase  eingeschlagen,  gab  ihm  zur 
Antwort,  sie  seien  ja  Chinesen.  Und  fügte  hinzu:  "Sie  sprechen 
indonesisch  mit  einem  Akzent.  Wir  können  sie  nicht  leiden." 
Ein  Schluß  von  der  Mentalität  der  Intelligenz  auf  die  der  Massen 
ist  nicht  allzu  schwer* 


Diese  Massen,  annähernd  100  Millionen,  sind  ganz  und  gar  nicht 

einheitlich.  Die  Ethnologie  dieser  Inselwelt  besteht  aus  stark 

verschiedenen  Elementen  einschließlich  der  Dayak-Stämme  in 

Kalimantan,  dem  ehemals  holländischen  Teil  von  Borneo  65).  Die 

65)  Die  Kulturstufe  der  Dayak  ist  im  Sinne  der  in  der  modernen 
Ethnologie  anerkannten,  auf  systematischem  Vergleich  mit 
prähistorischem  Material  beruhenden  Klassifizierung  durch  ihren 
den  Anfängen  der  Metallverarbeitung  entsprechenden  Zustand 
charakterisiert.  Diese  ihre  Stellung  ii^ier  Entwicklung  wird 
durch  serienweise,  im  ±.aufe  späterer,  bereits  geschichtlicher 
Epochen  erfahrene  Einflüsse  kompliziert.  Die  Kultur,  der  die • 
Dayak  am  meisten  verdanken,  ist  die  chinesische.  Die  Ornamentik 
an  einigen  Stücken  handwerklicher  Arbeit  der  Dayak,  die  in  westliche 
Museen  gelangt  sind,  zeigt  das  besonders  deutlich,  nur  daß  die  in 
ihren  Formen  überreiche,  tiefsinnige  und  rätselhafte  chinesische 
Zierkunst  des  Altertums  von  den  Ahnen  der  heutigen  Dayak  weitgehend 
Vereinfacht,  ins  Primitive  rückgebildet  wurde. 


anderthalb  luillionen  der  Dayak  in  West-Kalimantan,  Kopfjäger  mit 

schweren  Schwertern,  führen  seit  1967  auf  eigene  Faust  einen  Ver 

nichtungskrieg  gegen  die  regionale  chinesische  Bevölkerung,  die 

nicht  zahlreicher  ist  als  eine  halbe  Million  und  vorwiegend  aus 

Kleinbauern  besteht. Indonesische  Truppen  haben  in  diesen  Urwäldern  s 

und  an  deren  Rändern  "nur"  etwa  500  kopflose  chinesische  Leichen 

gefunden,  was  ein  indonesischer  General  einem  in  Jakarta  tätigen 

Journalisten,  Garth  Alexander,  unter  Hinweis  auf  die  Tradition  de 

Dayak  erklärte,  ihren  Opfern  nicht  nur  die  Köpfe  abzuschlagen, 

sondern  ihre  Körper  zumeist  zu  fressen,  sodaß  deren  Zahl  nicht 

festgestellt  werden  kann«  In  Flüchtlingslagern  aber  sind  die 

überlebenden  Chinesen  mit  Frauen  und  Kindern  in  eine  andere  Hölle 

geraten,  indfc  der  sie  von  Hunger  und  Krankheiten  gefressen  werden. 

Ein  einziges  Lager  soll  15  bis  20  Todesfälle  täglich  haben.  Diese 

Eericht  bezieht  sich  jedoch  nur  auf  die  für  harmlos  befundenen  FlüchtJ 

linge.  Hingegen  ist  nichts  über  Sonderlager  zu  erfahren,  in  denen  die| 

des  Kommunismus  verdächtigten  Chinesen  von  indonesischen  Soldaten  f> 

gefangen  gehalten  oder  getötet  werden.  Zugleich  ist  eine  von  den 

neuerdings  zusammengehenden  indonesischen  und  malaysischen  Truppen 

gemeinsam  unternommene  Offensive  gegen  die  Reste  kommunistischen 

./iderstandes  im  Gange.  Es  ist  nichtsdestoweniger  zweif elhaf t ,  ob 

diese  allseitige  Verfolgung  so  emotional  ist  wie  sie  aussieht. 

Denn  es  ist  bemerkenswert,  wie  genau  ein  Dayak- Häuptling  im  in 

einem  Gespräch  mit  dem  soeben  erwähnten  Journalisten  jene  früher  ; 

szjEEiraiSE  zitierte  Äußerung  eines  indonesischen  Studenten  kopierter 
"..das  ist  erst  der  Anfang.. wir  müssen  die  Chinesen  lehren,  zu 
denken  und  zu  sprechen  wie  Indonesier.."  .  .  .- - 

hty*>JrL    \  j^o  wird  eine  Exkursion  nach  Indonesien 
zu  einem  Beitrag  zur  Kenntnis  der  Lage  Chinas.  Denn  wenn  west- 
liche Politiker  die  Rückwirkung  der  Leiden  aller  Chinesen 
auf  die  ohnmächtige  Großmacht  ermessen  wollten,  brauchten  sie 
,ja  nur  mutatis  mutandis  ihr  Land  und  ihr  Volk  sich  in  einer 
solchen  Lage  vorzustellen.  So  könnten  auch  sie  begreifen,  wohin  |j 


**4 


nie  endende  Bedrängnis  und  nie  endende  Zurückhaltung  führen  muß« 
Können  ohne  Ende  Getretenes  andere  Träume  haben  als  den  einer 
phantastisch  großen  Rache?  Und  kann  deren  erträumtes  Objekt 
gründlich  geprüft  und  genau  definiert  sein?  Aus  ethischen  und 
noch  viel  konkreteren  Gründen  ist  es  also  höchste  Zeit,  daß 
alle  Völker  ihre  Haltung  gegenüber  China  und  den  Chinesen 
revidieren. 


Der  gebildete  Abendländer  kann,  wenn  er  wirklich  will, 
die  meisten  psychologischen  Tatsachen  leicht  verstehen,  doch 
gibt  es  auch  solche,  die  für  ihn  schwer  begreiflich  sind, 
weil  die  Tradition,  in  der  er  selbst  verwurzelt  is£,  ihm  eine 
Art  Brille  aufsetzt,  durch  die  er  auch  das  von  ihm  Verschiedene 
sieht.  Oder  er  kann  nicht  umhin,  dasjenige,  was  ihm  als  selbst- 
verständlich erscheint,  in  den  Andern  zu  projizieren.  Zu  den 
Grundzügen  westlicher  Psychologie  gehört  der  Glaube ,  der  von  x 


273 

ihr  z.T.  schon  in  vorchristlicher  Zeit  Besitz  ergriffen  hat. 
Er  beherrscht  den  Geist  des  Westens  auch  neuerdings,  seit  der 
Auflösungsprozeß  des  religiösen  Denkens  begonnen  hat,  indem 
er  mit  negativem  Vorzeichen  auftritt,  als  Gegner  des  Glaubens 
oder  dessen  Verneinung.  So  wird  es  zum  Verständnis  des  östli- 
chen Renschen  nötig,  einen  kurzen  Versuch  zur  Deutung  des  west- 
lichen zu  unternehmen.  Um  zunächst  eine  Definition  des  Glaubens 
zu  versuchen,  würde  ich  ihn  die  Annahme  dessen  nennen,  was 
nicht  automatisch  oder  spontan  angenommen  wird;  was  nicht 
durch  einfache  Erfahrung  zum  Gegenstand  des  Wissens  wird, 
sondern  durch  Erlebnisse  und  Einflüsse,  die  Erfahrung  und  Wissen| 
ersetzen,  ins  Bewußtsein  aufgenommen  wird  und  sich  zumeist  mit 
unbewußten  Kräften  eng  verbindet.  Glaube  kann  das  Wissen  ver4zäs| 
drängen  oder  neben  diesem  bestehen.  Was  einer  glaubt,  verbindet 
ihn  Andern,  die  dasselbe  glauben.  Ebenso  führt  sein  Glaube  ihn 
eher  zur  Abneigung  gegen  jeden,  der  ihn  nicht  teilt,  und  das 
bezieht  sich  nicht  allein  auf  den  Glauben  an  Götter,  Heilige, 
legendäre  Gestalten  und  erzählte  Vorgänge,  sondern  auf  viele 
Gebiete  außerhalb  des  einfachen  Erfahrens.  Heute  ist  wohl  alle 
Welt  so  weit,  die  Absurdität  von  Kriegen  wegen  andern  Glaubens 
zu  erkennen,  aber  eben  dieses  Absurde  bildet  einen  ganz  großen 
Teil  der  gesamten  Geschichte  des  Abendlandes  und  es  ist  schwer 
zu  sagen,  ob  der  schaurige  Unsinn  mit  allen  denkbaren  und  un- 
denkbaren Variationen  für  immer  vorüber  ist.  Jedenfalls  nimmt 
heute  einer  dem  andern  es  nicht  besonders  übel,  daß  er  nicht 
denselben  Boxer  für  den  besten  hält  oder  die  Seereise  besser  £ 
findet  als  die  Luftfahrt;  im  selben  Sinne  wird  nun  die  Zuerken- 
nung  des  Hechtes  auf  jeden  Glauben  oder  Unglauben  in  religiösen 
Fragen  nach  und  nach  zum  Gemeingut.  Das  Schuldgefühl,  das  ein 
Wichtglauben  oder  Wichtglaubenkönnen  seit  dem  Altertum  zu  bewir- 
ken pflegte,  wird  immer  schwächer  und  das  einst  unüberwindlich 
intensive  Bedürfnis,  den  eigenen  Glauben  auf  andere  zu  übertra- 
gen, nimmt  zusehends  ab. 

Dem  Ostasiaten  war  ein  Glaube  in  diesem  Sinne  oder  eine 
solche  Bewertung  des  Glaubens  immer  fremd.  Die  Machtkämpfe 
zwischen  Kirchen  ^ten  dort  einen  andern  Sinn.  Die  mystische 
Spekulation  ging  auch  imAOsten  sehr  weit,  oder  noch  viel  weiter, 
aber  dort  kam  es  nie  zur  Ausbildung  einer  Dogmatik.  Wofern 
ein  Ostasiate  nicht  westliche  Schulung  durchgemacht  hat,  ver- 
steht er  im  Grunde  nicht  einmal,  was  ein  Dogma  ist.  Seine 


274 

Religion  ist,  wenn  man  diesen  lateinischen  Namen  überhaupt 
auf  sie  anwenden  kann,  pragmatisch  oder  vorwiegend  pragmatisch* 
Vom  Menschen  wird  nicht  das  Glauben  an  ein  Bestehendes  oder 
Gewesenes  oder  Künftiges  gefordert,  sondern  eine  bestimmte 
Lebensführung  wird  ihm  auferlegt,  ein  Handeln  nach  gewissen 
Prinzipien,  gleichviel  ob  dieses  Handeln  eine  Glaubens annähme 
zur  logischen  Voraussetzung  hat  oder  nicht.  In  den  Schriften  z 
aller  asiatischen  Religionen,  nicht  nur  der  fernöstlichen, 
kann  man  schwerlich  Stellen  finden,  aus  denen  die  Verdienstlich- 
keit eines  Glaubens  eindeutig  hervorginge;  es  ist  vielmehr  immer 
wieder  ein  Tun,  das  empfohlen  oder  verworfen  wird,  und  dieses 
Tun  ist  das  Kriterium.  In  dieser  Hinsicht  verläuft  die  erkenn- 
bare Grenze  zwischen  dem  Osten  und  dem  Westen  weit  westlich  von 
China.  Auch  das  Judentum  ist  vom  Christentum  durch  seinen  prag- 
matischen  Charakter  unterschiede^  Selbst  im  Neuen  Testament  a 
gibt  es  noch  keine  Ansätze  zu  einer  eigentlichen  Dogmatik. 
Diese  scheint  vom  Westen  gekommen  und  gerade  vom  östlichen 
Christentum  rasch  zur  Hypertrophie  gebracht  worden  zu  sein, 
u.zw.  weil  dieses  anfangs  um  seine  Durchsetzung  und  seinen 
Bestand  zu  kämpfen  hatte,  später  gegen  Heterodoxie  und  um  die 
Hegemonie  im  Innern,  wie  auch  gegen  andere  Glaubensmächte, 
vor  allem  gegen  den  Islam.  Daß  dieser  den  Glauben  von  vornherein 
derart  betonte,  und  mit  einer  gewissen  Erstarrung  schon  begann, 
geht  eher  auf  die  Reibung  mit  dem  Christentum  als  auf  jüdischen 
Einfluß  zurück.  Wenn  wir  in  Betracht  ziehen,  daß  die  chinesi- 
schen Religionen  in  wechselnden  Mischungsverhältnissen  aus 
Spekulation,  Lebensweisheit,  Sozialethik  und  Ritual  bestehen, 
v/ird  uns  verständlich,  daß  China  einen  Glauben  im  christlich- 
abendländischen Sinne  nie  gekannt  hat.  Darüber  hinaus  müßte  man 
die  politische  Orthodoxie  im  modernen  China  mit  ihrer  auffallen- 
den Starrheit  und  Unduldsamkeit  gegen  die  ideologische  Differenz 
entweder  als  Import  deuten  oder  als  Reaktion  auf  das  feindliche 
Abendland.  Daß  dem  so  ist,  geht  aus  dem  Vergleich  der  in  der  a 
altchinesischen  Literatur  widergespiegelten  Mentalität  mit  der 
modernen  hervor.  Als  Grundlage  für  prognostische  Schlußfolgerun- 
gen ist  es  sicherlich  günstig,  daß  der  chinesische  Mensch  ur- 
sprünglich undogmatisch  ist.  Dieser  Umstand  ermutigt  zu  der 
Voraussage,  daß  ein  umfassendes  Nachlassen  der  internationalen 
Spannung  und  ehrliche  Wiedergutmachung  China  früher  oder  später 
zu  sich  selbst  zurückführen  wird,  zu  der  diesem  Volke  eigenen, 


u) 

0 


275 

undogmatisehen,  toleranten,  freundlichen  Menschlichkeit, 

Wenn  ich  jemanden  beleidigt  haben  und  das  erkennen  sollte, 
werde  ich  meinen  steifen  backen  tief  beugen  und  meinen  Stolz 
in  überzeugender  Weise  demütigen,  um  das  ihm  Angetane  gutzu- 
machen, sein  Vertrauen  zu  Meschen  wiederherzustellen  und  das 
ihm  beigebrachte  Gift  zu  entfernen.  Ich  werde  das  nicht  nur 
tun,  um  die  etwaige  Rache  des  beleidigten  abzuwenden,  also 
nicht  aus  Furcht  oder  Egoismus,  sondern  als  meine  Pflicht, 
Ähnlich  handeln  Viele,  auch  Politiker,  die  in  ihrem  Privatleben 
durchaus  nicht  so  unwahrhaftig  sind,  wie  sie  in  ihrem  Beruf 
sein  zu  sollen  meinen.  Doch  muß  die  Politik  für  alle  Zeiten  die 
Brutstätte  der  Falschheit  und  der  Intrige  bleiben?  Fast  hat  ja 
die  ganze  Menschheit  vergessen,  daß  die  Politik  im  Grunde 
erhabene  Aufgaben  hat;  jlenn  die  Staatsmämer^xSÄszxWt  des 
20, Jahrhunderts,  die  so  dachten  oder  denken,  kann  man  an  den 
Fingern  einer  Hand  aufzählen^).  Wäre  es  zur  Erhaltung  des 
£5)  Ich  halte  Thomas  Garrigue  Masaryk  für  einen  solchen. 
\<       Lebens  nicht  lohnender,  die  als  Idee  allgemein  bekannte 
und  offiziell  überall  anerkannte  politische  Ethik  versuchsweise 
einzuführen?  Die  ganze  Kunst  bestünde  darin,  die  für  die  Be- 
ziehungen zwischen  Individuen  geltenden  und  für  diesen  Zweck 
von  so  ziemlich  allen  Gesetzgebungen  übernommenen  Normen 
auf  den  Umgang  der  Mächte  mit  einander  anzuwenden.  Im  Falle 
Chinas  wäre  ein  nicht  nur  politischer,  sondern  in  erster  Linie 
psychologischer  Plan  auszuarbeiten,  nach  dem  Amerika  und  die 
Sowjetunion  in  vollendeter  Fairness  zusammenwirken  würden, 
um  ein  zu  versöhnendes  China  in  eine  zu  versöhnende  Völker- 
familie zurückzubringen. 

Nun  höre  ich  den  traurigen  Einwand  "Utopie".  Ist  es  nicht 
viel,  viel  utopischer,  von  einem  Atomkrieg  irgend  ein  Heil 
zu  erwarten?  Oder  zu  hoffen,  es  werde  nicht  dazu  kommen, 
obwohl  alle  großen  Kräfte  dahin  drängen^  Ä  niemand  genügend 
entgegenwirkt?  Politische  Ethik  in  Verbindung  mit  Mut  und 
Konsequenz  könnte  die  Kräfte  der  Verderbnis  besiegen.  Die 
Besinnung  des  Menschen  auf  sich  selbst  wäre  eine  der  Vorbeding 
gungen. 

Das  Ideal  ist  unerreichbar,  was  schon  Viele  konstatiert 
haben,  auch  ich.  Ein  erreichbares  Ideal  wäre  eine  contradictio 
in  adf-jecto.  Aber  indem  wir  uns  ihm  nähern,  wird  es,  wie  wir  b± 
wissen,  zu  unserer  stärksten  treibenden  Kraft,  der  Magnet, 


276 

äer  anzieht,  was  ihm  entspricht.  Virtuell  ist  das  in  uns^S^). 
Vgl.  S. 

So  döll  uns  voranschweben,  was  wir  nicht  erreichen,  denn  dann 
hilft  es  uns,  über  uns  hinauszuwachsen  und  einen  guten  Teil 
unseres  Strebens  zu  vollbringen.  Im  Bewußtsein  unserer  Relativi- 
tät erfahren  wir  also  das  Absolute;  es  ist  das  Wissen  um  unsere 
Begrenztheit,  die  uns  das  Unbegrenzte  ahnen  läßt.  Das  ist  wohl 
irrational,  doch  eben  das  scheint  der  Sinn  der  altchinesischen 
Erkenntnis  zu  sein,  die  diesem  Abschnitt  als  erstes  Motto 
voransteht. 

Rüstungsindustrie 

Die  kardinalen  Tatsachen  sind  allgemein  bekannt  und  ich  sc 
weiß  ihnen  nichts  hinzuzufügen.  Jeder  kennt  die  Rolle,  die 
sie  vor,  in  und  nach  den  beiden  Weltkriegen  gespielt  hat. 
Wer  lesen  kann,  hat  eine  Vorstellung  davon,  wie  sie  kriegs- 
lustige Parteien  finanziert,  Haß  gesät,  Konflikte  geschürt, 
durch  unkenntliche  Agenten  Friedensbemühungen  zum  Scheitern 
gebracht  frsrfc  und  Abrüstungskonferenzen  gelähmt  hat.  Es  muß 
gar  nicht  wahr  sein,  daß  während  der  beiden  Weltkriege  zwi- 
schen den  Rüstungsmagnaten  beider  Seiten  Verbindungen  bestan- 
den; die  tatsächliche  Gemeinsamkeit  der  Interessen  genügt, 
und  schwerlich  konnte  noch  etwas  die  begangenen  Verbrechen 
vergrößern.  Aber  indem  wir  von  denen,  die  aus  den  Leibern 
der  Millionen  Milliardenprofite  preßten,  in  der  Vergangenheit 
reden,  lenken  wir  uns  selbst  und  unsere  Mitmenschen  von  der 
leibhaftigen  Gegenwart  ab,  die  ja  um  ein  Vielfaches  unbegreif- 
licher geworden  ist  als  die  gute  alte  Zeit  der  Krupp  und  &akaLK 
Zaharoff .  Denn  damals  konnten  sie  mit  ihrem  physischen  Selbst, 
mit  ihren  Familien  und  andern  für  sie  belangvollen  Personen 
und  vor  allem  mit  ihrem  astronomischen  Besitz  außerhalb  des 
Blutbades  bleiben.  Da  sie  aber  besser  als  ihre  naiven  Mitbürger 
und  ihre  hochgestellten  Mitarbeiter  wissen,  wohin  ihr  mmmk-mk«« 
monströses  und  von  Tag  zu  Tag  weiter  wachsendes  Geschäft  führt, 
sehen  sie  ja  mit  aller  Deutlichkeit,  daß  sie  auch  die  Zerstüc- 
kelung und  Verbrennung  ihrer  höchsteigenen  Leiber  vorbereiten, 
und  selbst  die  der  ihnen  noch  teureren  Werte,  ihrer  Kapitalien^; 
denen  doch  dasselbe  Los  droht  wie  sämtlichen  sie  garantieren- 
den Versicherungsgesellschaften  und  deren  Garanten. 

Während  die  Schuld  der  westlichen  und  der  östlichen  Regie- 
rungen am  eigentlichen  Rüstungswahn  annähernd  symmetrisch 


277 

verteilt  ist,  ist  in  dieser  entscheidenden  Beziehung  der 
Osten  im  Vorteil.  In  seinen  Entschlüssen  und  Handlungen  ist 
er  insofern  ebenso  unfrei  wie  der  Westen,  als  dessen  tatsächli- 
che oder  befürchtete  Schritte  auch  die  seinen  bestimmen.  Aber 
hinter  ihrem  Rücken  haben  die  Kommunisten  keine  profitgierigen 
Waffenlieferanten.  Sie  sind  nicht  in  jenes  kunstvolle  und  un- 
entrinnbare Uetz  verstrickt,  in  dem  ihre  Gegenspieler  nicht 
umhin  können,  die  grausigste  aller  Waren  unaufhörlich  zu 
kaufen  und  weiter  zu  bestellen.  Mit  dem  Rüstungskapitalismus 
sind  auch  gewaltige  Massen  von  Arbeitern  samt  ihren  Familien 
auf  Gedeih  und  Verderb  verbunden.  Da  wird  also  auch  der  Arbeiter,| 
ebenso  wie  der  aus  dem  Mittelstand  hervorgegangene  und  dem 
Kapital  untertane  Spezialist,  zum  Komplizen  des  unbegrenzten 
Mordes  und  Selbstmordes.  Die  Propaganda,  die  ihn  von  der  ersten 
Schulklasse  an  bearbeitet,  erlaubt  ihm  schwerlich,  seine  Rolle 
zu  erkennen.  Er  glaubt  zum  Abgrund  nur  gedrängt  zu  werden, 
sieht  aber  nicht,  wie  stark  er  mitdrängt. 

Diese  Industrie  mit  ihrem  übermächtigen  Apparat  der 
Beeinflussung,  der  Intrigen  und  der  Interessenbeteiligung 
ist  in  ihrer  Wirkungskapazität  eine  für  den  Portbestand  der 
:-enschheit  noch  viel  gefährlichere  Macht  als  die  faschistischen 
Parteien.  Denn  in  diesen  gibt  es  manche  entwicklungsfähigen 
Menschen,  und  auch  Stimmungen  von  Massen  schlagen  zuweilen  um. 
Auch  Generäle  sind  Menschen.  Aber  in  der  Industrie  des  Massen- 
mordes ist  alles  bewundernswert  geplant,  wirksam  und  konsequent 
Sie  gibt  von  ihren  gewaltigen  Überschüssen  an  philanthropische 
Institutionen,  an  brave  patriotische  Bewegungen  und  an  Univer- 
sitäteiJr^ie  von  ihr  aus  gesehen  nur  spärliche  Almosen  sind, 
dem  Empfänger  aber  riesengroß  erscheinen,  sodaß  er  für  die 
Vampire  Dankbarkeit  und  Verehrung  hegt  und  unwillkürlich  an 
der  Verbreitung  solcher  Gefühle  arbeitet. 

Außer  dem  in  unserer  Generation  entstandenen  Unterschied 
zwischen  Ost  und  West  hat  sich  in  den  letzten  Jahren  noch  eine 
ungeahnte  und  dem  großen  Publikum  noch  unbekannte  Verschiebung 
der  Produkt! onsmacht  und  Verkaufsmacht  innerhalb  des  Westens  x 
vollzogen.  Diese  iviacht  ist  so  sehr  nach  den  Vereinigten  Staaten 
gerückt  und  hat  da  solche  Konzentration  und  Vervollkommnung 
erfahren,  daß  die  Natoländer  kaum  noch  richtig  konkurrieren 
können  und  sich  bald  mit  der  Rolle  des  Konsumenten  begnügen 
müssen\werden,  und  mit  der  des  Lieferanten  an  die  ärmeren 
Kleinen,  die  dort  irgendwo  am  Rande  der  Kultur  leben  und  sterbenl 


278 

lassen  wollen.  Wie  aus  einem  Bericht  des  amerikanischen 
Senatskomitees  für  Außenpolitik*  doocon  Vorsitzender  Fulbright 
■ict+  hervorgeht,  drängt  das  amerikanische  Übergewicht  die  euro- 
päischen Konkurrenten  zur  Suche  nach  ferneren  Absatzgebieten, 
zu  einem  Hochdruck  des  Angebots  an  benachteiligte  und  mittel- 
lose Länder,  u.zw.  an  beide  Seiten  aller  vorhandenen  und  poten- 
ziellen Antagonismen  einschließlich  der  Brudermorde  afrikani«Kk 
scher  Völker.  So  hält  es  auch  die  amerikanische  Riesenproduktion 
selbst;  ein  hübscher  Teil  der  Waffen,  die  alle  des  Kommunismus  ' 
angeklagten  südamerikanischen  Guerillakämpfer  besitzen,  stammt 
aus  den  Vereinigten  Staaten. M^er  eigentlich  über  den  Export  zu 
entscheiden  hat,  weiß  nicht  e/inmal  das  kompetente  Senatskomitee. 
Aber  gewiß  weiß  das  Mr.  Henry  J.  Kuss,  der  größte  Mann  in  den 
International  Logistics  Nego/biations,  der  Firma,  die  in  den 
letzten  Jahren  z.B.  an  Westdeutschland  Ware  um  3  Milliarden 
Dollar  verkauft  hat  und  in  fien  siebziger  Jahren  -d*e  noch  nicht 
erfundene^  Instrumente  der  /Lebens Zerstörung  um  70  Milliarden 
zu  exportieren  plant.  Für/ diesen  Betrag  könnten  die  Völker 
der  Erde  wahrscheinlich  aJch  ohne  Amerika,  Kußland  und  China 
einander  den  Garaus  mache 

Die  Menschheit  wird  wahrhaft  erwachen  müssen,  um  mit 
ihren  größten  Feinden  ringen  zu  können. 

Sozialismus  und  Wirklichkeit 

...die  Umwandlung  der  Gesellschaft  kann  nur  in  Liebe, 
in  Arbeit,  in  Stille  kommen. 

Zum  Sozialismus  sollen  wir  führen;  wie  anders  könnten 
wir  führen  als  durch  unser  Beispiel? 

•••nur  aus  dem  Geiste,  nur  aus  der  Tiefe  unsrer  inneren 
Not  und  unsres  inneren  Reichtums  wird  die  große  Wendung 
kommen,  die  wir  heute  Sozialismus  nennen. 

Dies  sei  unser  Sozialismus:  ein  Schaffen  des  Zukünfti- 
gen, als  sei  es  ein  von  Ewigkeit  her  Gewesenes. 

Gustav  Landauer,  Aufruf  zum  Sozialismus 

ibe  das  Gefühl,  daß  dieser  ganze  moralische  ffl«fa**i«Hj 
Schlamm^^dTire-h.^en  wir  waten,  dieses  große  Irrenhaus,  in 
dem  wir  leben,  aur^  e~±r*ma  1  *  so  von  heute  auf  morgen,  wie 
durch  einen  Zauberstab  insGe~ge«teii^umschlagen,  in  unge- 
heuer Großes  und  Heldenhaftes  uiiiscnlä^eTr-ianru. 


Rosa  Luxemburg,  Briefe  aus  dem  Gefängnis 


278  a 

was  endlich  auch  dem  einfachen  Mann  die  Augen  hätte  öffnen 
müssen,  ist  das  Schicksal  der  von  der  mächtigen  Industrie  so 
gründlich  inspizierten  Abrüstungsverhandlungen  und  die  Rolle 
des  berühmten  ABM-Systems.  Um  den  mit  Widersprüchen  gefüllten 
ABM-Kuchen  ein  wenig  schmackhafter  zu  machen,  behauptete  man, 
daß  er,  obwohl  er  die  Städte  Amerikas  nicht  vor  einem  russischen 
Angriff  schützen  könne,  immerhin  einen  chinesischen  abwehren  könnte, 
weil  die  Bomben  der  Chinesen,  oder  ihre  ballistischen  Errungenschaften, 
noch  nicht  so  gewaltig  seien.  Soll  das  etwa  besagen,  daß  die  Chinesen 
Idioten  sind  und  Amerika  nuklear  attackieren  wollen,  solange  sie 
das  noch  nicht  können,  daß  sie  also  einen  völlig  ungleichen  Kampf 
provozieren  wollen?  Da  niemand  die  Intelligenz  der  Chinesen  so 
beurteilt,  glaubt  so  etwas  auch  niemend.  Wenn  sie  aber  später  angrei£ 
f en  sollten,  sobald  ihre  Rüstung  der  Amerikas  gleichgekommen  ist 
oder  sie  gar  übertroffen  hat,  würde  ja  von  ihrer  Angriff s kraft 
dasselbe  gelten?:  was  man  jetzt  der  russischen  zuschreibt, 
nämlich  die  Wertlosigkeit  jeder  Verteidigung  gegen  sie. 

Doch  denjenigen,  die  das  Geld  um  so  viel  höher  schätzen  als 
das  Leben,  auch  das  ihre,  kommt  es  wohl  auf  wichtigeres  an:  Wie 
Stuart  Simson,  der  frühere  amerikanische  Staatssekretär  für  die 
militärische  Luftflotte,  annimmt,  hoffen  jene,  den  ursprünglich 
vorgesehenen  Preis  von  sieben  Milliarden  bis  400  Milliarden 
emporzudrücken. 


279 

Was  der  Sozialismus  mit  dem  Kommunismus  gemeinsam  habe 
und  was  sie  trenne,  ist  eine  jener  Fragen,  deren  theoretische 
oder  praktische  Behandlung  schon  an  sich  politischer  Kampf  zu 
werden  pflegt.  Ich  fühle  mich  nicht  gedrängt,  den  vorhandenen 
Definitionen  noch  eine  hinzuzufügen,  weil  sie  nicht  neu  genug 
wäre,  h  um  auf  Existenzberechtigung  Anspruch  erheben  zu  können» 
Doch  glaube  ich,  um  zur  Klärung  beizutragen,  nicht  nur  auf 
das  von  Marx  postulierte  Endziel,  die  klassenlose  und  herressfea 
schaftslose  Gesellschaft,  als  unbestritten  gemeinsames,  wenn 
auch  in  nebelhafter  Ferne  schwebendes  Prinzip  hinweisen  zu 
sollen,  sondern  auch  auf  zwei  Unterschiede. 

Der  eine  liegt  in  dem  verschiedenen  Grad  der  Realität 
da  und  dort.  Während  der  Komrniinismus ,  wie  der  Kapitalismus, 
ganz  Wirklichkeit  ist  und  diese  beiden  ihre  Ziele  erreicht 
und  Herrschaft  ausgeübt  haben  und  ausüben,  ist  der  Sozialismus 
ganz  oder  doch  vorwiegend  Idee.  Seit  den  großen  ökonomischen, 
soziologischen  und  politischen  Theoretikern  des  19. Jahrhun- 
derts, wie  Owen,  Proudhon,  Marx  und  Engels,  tegxtaecfex  ist  er 
bis  heute  nicht  in  einem  Staatsgebilde  zur  Verwirklichung 
gelangt.  Doch  das  ist  keineswegs  ein  zufälliger  Mißerfolg  oder 
eine  Serie  zufälliger  Mißerf olge ,  sondern  ergibt  sich  logisch 
aus  einem  den  meisten  sozialistischen  Theorien  eigenen  Prinzip, 
das  gewaltsame  und  insbesondere  militärische  Machtergreifung 
durch  eine  Minderheit  ausschließt,  aber  ebenso  die  Unterdrückung 
einer  Mehrheit  und  selbst  die  einer  Minderheit.  Britische  und 
kontinental-europäische  sozialistische  Regierungen  mußten  auf 
halbem  Wege  stehen  bleiben  und  schließlich  fallen,  weil  sie  es 
nur  zu  schwacher  Majorität  brachten  und  daher  Wirtschaft  und 
Gesellschaft  nicht  ernstlich  umbauen  konnten,  jedoch  von  vornhe^ 
^ein  auch  mit  Programmen  antraten,  die  schon  an  sich  Kompromisse 
mit  den  mächtigen  Gegeninteressen  bedeuteten.  Gerade  in  den  se± 
wichtigsten  Angelegenheiten  war  oder  ist  es  unmöglich,  sich 
des  Eindrucks  zu  erwehren,  daß  der  Wunsch  mancher  sozialisti- 
schen Politiker,  dem  Kapitalismus  oder  gar  dem  Imperialismus 
zu  gefallen,  stärker  sei  als  die  Bindung  an  die  eigene  Ideologie, 
Es  ist  demnach  unverkennbar,  daß  die  immer  wieder  scheiternde 
Praxis  auf  schwache  oder  ungenügend  entwickelte  Elemente  der 
Theorie  und  teilweise  auf  persönliche  und  psychologische  Motive 
zurüclkgeht.  Ungenügende  Erziehungsarbeit  an  den  Massen  und 
ungenügende  Selbsterziehung  der  sozialistischen  Intelligenz 


spielen  offenbar  mit.  War  diese  Lückenhaftigkeit  280 
nicht  der  Hauptgrund  dafür,  daß  der  organisierte  internationale 
Sozialismus  zwei  Weltkriege  nicht  verhindern  konnte  und  inner** 
halb  ijfg£fsnaucil  noch  alle  Greuel  ohnmächtig  mitansehen  mußte? 
Und  SfiS  in  der  ^X^lTOlTp^aac^täi^a'b our  Party,  die  zur  Ver- 
hinderung des  Untergangs  so  entscheidend wirken  könnte,  die 
sozialistisch  Denkenden  nicfiiPoedrängt  und  in  schwieriger 
Opposition?  Sooft  die  beste  aller  Ideen  zur  Wirklichkeit 
werden  wollte,  scheiterte  sie  an  dieser. 

Der  andere  Unterschied  zwischen  Sozialismus  und  Kommunismus 
liegt  in  der  Beziehung  zur  Menschlichkeit,  bzhw.  im  Menschli- 
chen selbst.  Alle  wissen  es,  auch  diejenigen,  die  es  bestreiten 
und  diejenigen,  die  es  mit  allerhand  Spitzfindigkeiten  beschö- 
nigen oder  gar  rechtfertigen  wollen,  daß  der  Kapitalismus  in  s 
seinem  Kern  unmenschlich  ist,  auch  wenn  er,  wie  vermöge  der 
Philanthropie,  menschliche  Züge  annimmt;  und  daß  der  Kommunis» 
mus,  edel  in  seinem  Kern,  zu  Unmenschlichkeiten  geführt  hat. 
Wenn  uns  die  Kunde  von  den  kommunistischen  Gemeinschaften  des 
Altertums  den  Kern  in  seiner  Reinheit  ahnen  läßt,  und  uns  ander- 
seits das  immer  noch  nicht  tote,  nun  mit  dem  Maoismus  gepaarte 
Schreckgespenst  des  Stalinismus  vor  Augen  steht,  erinnern  wir 
uns  auch  an  den  analogen  Antagonismus  in  zwei  Kapiteln  der  Gee 
schichte  des  Christentums,  u.zw.  an  die  Lehre  Christi  selbst 
und  an  die  Inquisition,  die  im  Hamen  des  Heilands  handelte. 
In  beiden  Fällen  war  die  tiefe  Degeneration  nicht  das  Resultat 
einer  innern  Entwicklung  oder  zumindest  nicht  ausschließlich 
einer  solchen.  Sondern  Faktoren  wie  der  Egoismus,  die  Machtgier, 
die  i"acht  selbst  und  der  Sadismus  hatten  sich  eines  Ideals 
bemächtigt,  um  es  in  ihren  Dienst  zu  stellen.  Doch  wie  steht  es 
mit  den  gemeinsamen  Ahnen  des  modernen  Sozialismus  und  des  mo- 
dernen Kommunismus? 

Es  ist  klar,  daß  nichts  Unmenschliches  sich  je  auf  Proudhon* 
Persönlichkeit  oder  auf  seine  Ideen  berufen  können  wird.  Weit- 
aus komplizierter  wird  die  gleiche  Frage,  wenn  sie  an  Marx 
gestellt  ist.  Denn  der  geniale  Theoretiker  war  ein  von  Zwiespalt 
durchaus  nicht  freier  Mensch.  Einerseits  war  er  von  dem  Ideal 
der  Befreiung  des  Menschen  erfüllt,  dem  er  auch  den  unter  dem 
Kapitalismus  zum  Götzen  gev/ordenen  Staat  opfern  wollte.  Aber 
als  Übergang,  oder  als  Mittel  zum  Zweck,  konstruierte  er  theo- 
retisch einen  starken,  zentralistischen  Staat,  auf  den  dann 
das  blutige,  von  Stalin  geschaffene  Zerrbild  sich  berufen 


281 


konnte.  Es  ist  seltsam,  daß  in  Scferiften  so  klarar  Denker 
wie  Marx  und  Engels  sich  unklare  St^ellen  finden,  durch  die 
unheilvolle  spätere  Auslegungen  begünstigt  wurden.  Im  "Kommuni- 
stischen Manifest"  z.B.  resümieren  die  beiden  Autoren  das  erste 
Kapitel  so,  daß  sie  den  mehr  oder  minder  versteckten  Bürger- 
krieg innerhalb  der  bestehenden  Gesellschaft  bis  zu  dem  Punkte 
verfolgen,  "wo  er  in  eine  offene  Revolution  ausbricht  und 
durch  den  gewaltsamen  Sturz  der  Bourgeoisie  das  Proletariat 
seine  Herrschaft  begründet".  Sind  das  also  Voraussagen  vorwärts' 
blickender  Historiker  oder  sind  das  Forderungen?  Andere  Stollon 
Andere  Stellen  sprechen  allerdings  für  die  letztere  Deutung. 
So  kann  Marx  von  der  Mitschuld  an  den  zerstörerischen  Polgen 
seiner  Werke  nicht  freigesprochen  werden.  Seine  Größe  liegt  in 
der  Ökonomie,  nicht  in  der  Humanität.  Daß  schließlich  der  von 
Marx  postulierte  reine  Zweck  einer  klassenlosen  Gesellschaft 
dazu  herhalten  mußte,  die  grausigen  Mittel  Stalins  zu  heiligen, 
war  also  kein  bloßer  Zufall,  denn  auch  das  Böse  kam,  wie  das 


Gute,  aüs^  der  Wurzel;  der  Stalinismus  wurde  zum  klassischen  Bei- 
spiel jenes  ethischen  Sturzes,  den  ich  schon  früher -67^  zu 


definieren  versuchte.  So  führte  die  Entwicklung  von  vollendeter 
Menschlichkeit  der  Antike  zu  inneren  Konflikten  denkender 
Köpfe  an  der  Schwelle  unseres  Zeitalters  und  schließlich  in 
den  Abgrund  der  Unmenschlichkeit. 

Von  dieser  Abwegigkeit  blieb  der  Sozialismus  schon  darum 
frei,  weil  er  nicht  einmal  zu  einer  Machtergreifung  kam,  die 
genügt  hätte,  um  ihm  derartige  Greuel  auch  mir  zu  ermöglichen. 
Doch  da  sich  die  Doktrin  von  der  Notwendigkeit  einer  Diktatur, 
sei  es  auch  nur  einer  zeitweiligen,  in  der  sozialistischen 
Bewegung  nierfc  durchgesetzt  hat  und  sie  den  Boden  der  Demokratie 
nie  verließ,  war  sie  auch  theoretisch  vor  dem  Verlust  ihrer 
Menschlichkeit  gesichert.  Der  Umstand,  daß  eine  Demokratie, 
solange  sie  sich  überhaupt  als  solche  erhält,  nie  in  absolute 
Unmenschlichkeit  sinken  kann,  schützte  den  ihr  verbundenen  Sozi- 
alismus vor  dem  völligen  Verlust  seiner  selbst. 

In  Zeiten  der  Not  ist  es  schwer,  Geduld  auf zubringen  oder 
von  Leidenden,  Erbitterten  und  Bedrohten  Geduld  zu  verlangen. 
Der  Sozialismus  ist  aber  noch  nicht  gekommen.  Schon  länger  als 
ein  Jahrhundert  ist  er  unterwegs  und  vielleicht  nicht  mehr 
allzu  fern,  denn  er  könnte  auf  zwei  Wegen  kommen:  Indem  in  den 


07)  Q% 


282 

kommunistischen  Indern  Menschlichkeit    und  Vermenschlichung 
die  Oberhand  gewännen  und  der  Mensch  dort,  ^barbarischen 

Diktatur  überdrüssig  ^-^'ÄL 
stürmte;  oder  indem  die  materiell  und  die  gel*«« 
der  kapitalistischen  Länder,  des  Unrechts,  der  Falschheit 
der  entwerteten  Demokratie  und  der  verkappten  Diktatur  mude, 
eine  menschliche  Gesellschaft  auf  richten  würde». 

Demokratie  ohne  sozialistischen  Inhalt,  welche  die  esistie 
rende  und  scheinbar  blühende  ist,  wird  zusehends  sinnloser, 
weil  die  bereits  überentwickelte  Technik  zur  Beeinflussung 
der  Wähler  die  Wahl  vom  Wesen  eines  freien  Willensaktes  immer 
weiter  abbringt;  und  weil  dem  Wähler  kein  Einfluß  darauf  zu- 
steht, ob  der  Gewählte  die  Linie  einhält,  für  die  er  gewählt 
^de  oder  sie  ungetreu  in  ihr  Gegenteil  kehrt.  Und  -hlie^ 
weil  der  Wähler  in  der  stolzesten  und  am  meisten  vorgeschritte- 
nen Demokratie  praktisch  nicht  verhindern  könnte,  daß  der 
Gewählte,  wenn  er  es  aus  irgendwelchen  Gründen  wollen  sollte, 
alle  Wähler,  ihre  Familien  und  ihre  meisten  Hitmenschen  zum 
Tode  verurteilt  und.  die  Erde  in  eine  Wüste  verwandelt,  m  der 

auch  er  selbst  umkesHs*»  .  . 

Seit  einigen  Generationen  haben  Kommunisten  und  Sozialisten 
nur  selten  zusammengearbeitet  und  einander  fast  imuner  bekämpft, 
nicht  immer  unblutig.  Zur  Gehässigkeit  der  unablässigen  Polemik 
scheint  es  aber  nicht  trotz  der  teilweisen  Identität  der  Theorie 
gekommen  zu  sein,  sondern  gerade  wegen  dieser.  Die  objektive 
Gemeinsamkeit,  die  im  gemeinsamen  Objekt  besteht, hat  ein  altbe- 
kanntes psychologisches  Gesetz  zu  neuer  Wirkung  gebracht,  das 
des  Hasses  infolge  der  kleinen  Differenz.  Wie  in  fast  jeder 
Polemik,  ist  es  schlechtweg  unmöglich,  Hecht  oder  Unrecht  ganz 
auf  einer  Seite  zu  finden.  Ich  gebe  auch  hier  aufs  neue  zu, 
daß  für  mich  die  Menschlichkeit  das  Kriterium  bildet.  Die  Sozia- 
listen haben  nicht  nur  das  Endziel  im  Auge  behalten,  das  mit 
Menschlichkeit  ja  geradezu  identisch    ist,  sondern  auch  in 
ihrer  Praxis  wird  man  nichts  von  den  schweren  Sünden  gegen  die 
Menschlichkeit  finden,  die  der  stalinistischen  Phase  des  Kommu 
nismus  eisen  sind,  oder  genauer,  durch  die  der  Stalinismus  den 
Kommunismus  verfälscht  hat.  Um  gerecht  vergleichen  zu^konnen, 
müssen  wir  in  Betracht  ziehen,  daß  in  der^Geschichte  fflfti 
die  Unmenschlichkeit  viel  stärker  war.  «efifi  es  imantiken 
r^^PfäXSSnt  Menschlichkeit  gab,  so  war  sie  nicht  boi/ovf^-fc 
SnS«  -  finden,  sondern  nur  ganz  unten,  unter 


283 


den  Enterbten  und  Versklavten;  selbst  ein  Kopf  wie  Chamurabi 
bildete  keine  Ausnahme,  aber  die  Ausnahmsstellung  Echnatons 
ist  deutlich  genug»  Anderseits  hatte  die  biblische  und  beson- 
ders die  prophetische  Ethik  selbst  im  eigenen  Volk  wenig  Ein#± 
fluß.  Das  römische  Imperium  beruht  geradezu  auf  Unmenschlich- 
keit mit  ein  paar  eher  dekorativen  humanen  Zügen,  Die  Erben 
des  Weltreichs  setzten  diese  Tradition  so  würdig  fort,  daß 
Ansätze  zu  Menschlichkeit  immer  wieder  zu  tragischem  Beginnen 
wurden;  die  meisten  unserer  mächtigen  Zeitgenossen  haben  sich 
eine  gewisse  Phraseologie  der  Humanität  zu  eigen  gemacht, 


finden  diese  selbst  im  Grunde i\aber,.o hör  lächerlich.  Daher 
erfordert  Menschlichkeit  mehr  Mut  und  mehr  Festigkeit  als 
die  Unmenschlichkeit,  die  diese  Potenzen  ja  ebenfalls  besitzt. 

Die  Größe  des  Sozialismus  besteht  meines  Erachtens  darin, 
daß  er  und  die  Menschlichkeit  als  Prinzipien  einander  ergänzen 
und  einander  erfordern.  Ohne  Menschlichkeit  würde  der  Sozialis- 
mus sich  selbst  guf  heben,  unsozialistisch  v/erden  wie  etwa  die 
Labour  Party  unter  tViloon,  die  von  Anfang  an  elementar  Mensch- 
liches für  ephemer  diplomatische,  den  Interessen  des  Kapitals 
genehme  Vorteile  aufgeopfert  hat  und  erst  in  ihrer  neuesten 
Phase  die  fundamentale  Verfehlung  durch  Friedensbemühungen 
auszugleichen  sucht.  Ohne  Sozialismus  gibt  es  anderseits  für 
einen,  der  die  Erfordernisse  der  Gesellschaft  und  das  Walten 
der  sie  zerstörenden  Mächte  verstanden  hat,  keine  Menschlich- 
keit. Oder  konkreter:  ohne  Sozialismus  wäre  Menschlichkeit 
eine  gesellschaftlich  funktionslose  Privatangelegenheit,  zur 
Gewicht slosigkeit  verurteilt,  eine  unwirksame  Abstraktion. 
Oder  einfacher:  in  der  Realität  der  Zeit  wäre  eine  nicht-sozia- 
listische Humanität  nur  vage  Schwärmerei,  eine  körperlose  Lieb- 
haberei, die  sich  jeder  Aussicht  auf  eine  Besserung  dieser  Welt 
und  ihres  Loses  begeben  hätte.  Wenn  auch  begrifflich  geschieden, 
sind  Menschlichkeit  und  Sozialismus  in  den  Gegebenheiten  unseres 
Daseins  identisch. 

Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  die  Kongruenz  von  Sozialismus 
und  Menschlichkeit  im  vollen  Sinne  in  den  Internationalen 
sowie  in  den  älteren  und  neueren  sozialistischen  Parteien  nur 
teilweise  verkörpert  ist  und  sein  konnte.  Nichtsdestoweniger 
ist  der  Sozialismus,  wie  jeder  weiß,  keine  abstrakte  Idee, 
sondern  hat  eine  Anzahl  von  ideologisch  und  organisatorisch 
ungleichen  Realisierungen  erfahren,  deren  Verschiedenheit  und 
deren  experimenteller  Charakter  gerade  auf  die  Lebendigkeit  der 


284 

Idee  hinweisen,  während  die  Rolle  des  Individuums,  nicht  nur  die  I 
des  führenden,  mit  dem  menschlichen  Grundzug  übereinstimmt  und  I 
ihm  zur  Bestätigung  wird.  Es  ist  z.B.  die  europäische,  vor  allem 
französische,  communaute  de  travailJWerkgemeinschaf t,die  sich  zum 
Sozialismus  ähnlich  verhält  wie  die  früher  erwähnten  antiken  Grup- 
pen zum  Kommunismus.  Da  und  dort  sind  es  undoktrinäre, zahlenmäßig 
kleine  Gemeinschaf ten, für  die  Freiheit,  Gleichheit  und  Brüderlich- 
keit keine  bürokratisierten  Phrasen  sind,  sondern  für  die  Höher-  | 

entwicklung  und  das  Glück  der  Einzelnen  die  Grundlage  bilden  68j>» 
68)Claire  Huchet  Bishop,  All  Things  Common,  Harper  &  Bros., 
New  York  1950. 

Communaute,  Organ  mensuel  de  1*  Entente  Communautaire, Paris. 
Die  größtenteils  industrielle,  zum  kleineren  Teil  landwirtschaft- 
liche Zusammenarbeit  ist  keineswegs  das  Um  und  Auf  dieser  Gruppen, 
denn  ethische  Erneuerung  und  Kulturschaffen  scheinen  höher  bewerten 
zu  werden  als  der  materielle  Erfolg.  Das  sind  nicht  nicht  Nachzüg- 
ler bedeutender  Ideen,  sondern  verheißungsvolle  Anfänge.  Dennoch 
steht  die  Übertragbarkeit  solcher  ermutigenden  Erfahrungen  auf 
nationale  oder  gar  internationale  Maßstäbe  durchaus  noch  nicht 
fest.  Hingegen  konnte  das  Ringen  von  Generationen  von  Arbeitern, 
wie  auch  die  sozialistische  Theorie  an  sich  mit  allen  ihren  Varia» 
anten  nicht  ohne  Einfluß  auf  die  Industrie  bleiben.  Wer  nicht  auf 
halbem  Wege  stehen  bleiben  will  und  es  mit  der  Suche  nach  friedli- 
eher  Wegen  zur  Abschaffung  des  Kapitalismus  und  &&&  Endziel  ernst 
nimmt,  wird  an  keinem  Gedanken  noch  Versuch  und  an  keiner  Neuerung 
zur  Besserung  der  Situation  des  Arbeiters  auch  innerhalb  des  Kapi- 
talismus gleichgiltig  vorbeisehen  dürfen  69). 

69)  ed.  George  Bernard  Shaw,  Fabian  Essays  in  Socialism. 

Fabian  Society,  London  1889.  ! 
ed.  R.H.S.  Crossman,  New  Fabian  Essays. Turnstile  Press, 

London  1953» 

Obzwar  wir  in  einer  Welt  leben,  die  dem  selbstmörderischen 

Egoismus  völlig  anheimzufallen  droht,  wissen  denkende  Köpfe  in 

Ost  und  West,  daß  es  sozialistische  Einsicht  ist,  die  zum  Heil 

Aller  werden  kann  70). 

^O^ig^Frage  der  begrifflichen  Differenzierung  zwische  Sozialiö- 

Kommunismus ,  die  hier  Eingang  des  Abschnitte  nur  berührt 
wurde, erfordert  schließlich  den  Hinweis  auf  die  Schwierigkeit 
einer  Grenzziehung  in  der  Realität.  Eine  der  zeitgenössischen 
Gemeinschaftsformen  in  eine  wenn  auch  rs±a±±EE  beschränkte 
Beziehung  zum  Kommunismus  zu  setzen,  eine  andere  als  verkörper- 
ten Sozialismus  zu  betrachten,  ist  nicht  frei  von  Willkür.v 
Bedenken  wir  aber,  daß  das  in  gewissem  Grade  für  jede  Anwen- 
dung einer  Systematik  auf  eine  Realität  notwendig  zutrifft. 
•  ganz 
Von  dieser  kann  ich  also  auch  mich  selbst  leider  nicht^f reisprechen. 


Zwischenspiel 


285 


DIE  LETZTEN  MENSCHEN 

Im  Hintergrund  das  Wrack  eines  Schiffes.  Im  Vordergrund  PICK, 
sitzt  auf  einer  Eiste,  NICK,  kauert  auf  dem  Boden,  MIHI,  HfflSE 
liegt. 

P     Halt 's  Maul,  Nick,  mit  deinem  scheußlichen  Gewäsch! 
N     Ich  nah  doch  nichts  gesagt. 

P     Du  langweilst  mich  mit  deiner  chronischen  Blödheit,  hast 

nichts  zu  sagen,  ich  muß  dich  erledigen. 
N     Du  hast  ja  gesagt,  daß  du  mich  nicht  töten  wirst,  weil  ich 

ein  Drittel  der  Menschheit  bin. 
P     Wenn  du  das  nicht  wärest,  hätte  ich  dich  längst  liquidiert. 
N     Bediene  ich  dich  zu  wenig?  Stöbere  ich  nicht  genug  im 

Schiff,  um  dir  die  besten  Bissen  zu  bringen?  Fisch  magst 

du  ja  nicht. 

P     Schau  daß  du  weiter  kommst  mit  deinen  grausigen  Fischen. 

Lebend  und  verfault,  so  wie  du.  Du  siehst  doch  selber  aus 

wie  ein  Fisch,  ein  fauler  Fisch. 
N     Und  du  siehst  aus  wie  ein  Hund.  Bitte  beiß  mich  nicht. 
P     Du  würdest  es  sowieso  nicht  fühlen.  Du  fühlst  ja  nichts. 

Nie  ist  dir  kalt.  Mir  ist  kalt. 
N      (kriecht  zum  Schiff)  Ich  werde  warme  Kleider  finden. 

Diesmal  wirf  sie  nicht  weg.  Diese  Leute  waren  gesund  (ab). 
PICK,  MIMI 
M  (weint) 

P     Was  heulst  du  denn  wieder,  wirst  du  denn  nicht  aufhören, 

über  dein  Kleines  zu  plärren?  Es  hat  viele  Kinder  gegeben. 
M      (stotternd)  Nnein  -  iichweine  -  üüber  - 

P     Über  den  Kerl?  Bist  du  denn  ganz  verrückt?  Oder  sehnst  du 
dich  nach  BücWn?  Im  Schiff  sind  genug  Bücher  und  aller 
mögliche  Unsinn.  Ich  habe  so  etwas  auch  einmal  benützt. 
Ich  erinnere  mich  nur  nicht  wozu.  Sie  nannten  mich  Student 
oder  so  irgendwie.  Ich  hatte  einen  Hund.  Hör*  auf  zu 
winseln,  du  - 

M     Ich  trrrauere  uum    -  mmmein  Haar.  Mmein  schschönes  Haar, 
lieh  bin  -  kkahl  (weint)  !  Wwie  ssehe  ich  -  aus? 

P     Sei  ruhig,  Mimi.  Nein,  du  siest  nicht  aus  wie  ein  Vogel, 
nein.  Du  bist  gut,  aber  hör1  auf  mit  dem  Geplärre.  Du  bist 
warm,  mir  ist  kalt.  Mit  dir  ist  mir  besser.  Du  hast  nicht 
einen  Zahn  im  Mund.  Arme  Mimi!  Weine  nicht  (weint).  Du 


286 

hast  nicht  so  ausgesehen  als  ich  begann,  dich  zu  - 
warum  zitterst  du?  lettre rde  dich  wieder  behandeln« 
M  Nnein. 

P    Nein?  Sehe  ich  aus  wie  ein  Hund?  Willst  du  den  Nick? 

Diesen  faulen  Fisch!  Ich  muß  ihn  erschlagen  (bricht  in 

Gelächter  aus). 
M    Ddu  hhast  -  mmir  verspprochen,  ihn  lieben  zu  Hassen. 
N    (kriecht  aus  dem  Wrack  hervor). 

PICK,  MTMT ,  NICK 

P    Hast  du  was?  Mir  ist  scheußlich  kalt. 

N    Ich  hab  nur  Kinderkleider  gefunden.  Aber  hier  ist  ein 

guter  Damenmantel.  Er  muß  warm  sein.  Nimm  ihn. 
P    Hilf  mir  ihn  anziehen. 

N  Mit  Vergnügen  (bemüht  sich,  P  den  Mantel  anzuziehen). 
P    (schreit)  Er  ist  naß!  Idiot!  Du  empfindest  ja  nichts. 

Nicht  Kälte,  nicht  Nässe.  Hör»  auf! 
N    (fährt  fort,  zwängt  P's  Arme  in  die  Ärmel.  Sie  raufen)  Du 

hast  mich  ja  gebeten,  die  zu  helfen. 
P    Mimi!  (Fällt  um.)  Hilfe! 
N   Du  hast  das  anzuziehen,  verstanden? 
P    Gut.  Laß  mich.  Laß  mich  aufstehen  (steht  auf). 
N   Willst  du  das  jetzt  anziehen? 

P    Ich  werde  dir  zeigen  (hebt  die  Kiste  hoch,  um  sie  auf  M  zu 
schleudern),  die  Kiste  wird  dir  zeigen! 

N    Oder  dir!  (Springt  P  an,  die  Kiste  fällt  auf  dessen  Kopf 
und  tötet  ihn.  Atemlos)  Schade.  Das  habe  ich  nicht  gewollt. 
Ich  habe  es  nur  getan.  Verzeih  mir,  Mimi!  Weißt  du,  das 
war  nicht  meine  Absicht,  nein,  es  war  nicht  meine  Absicht. 
Er  war  so  gut.  Sei  mir  nicht  böse.  Jetzt  werde  ich  für  dich 
sorgen,  Mimi.  Willst  du  -  warum  sagst  du  nichts,  Mimi? 
(Betastet  und  schüttelt  sie,  hält  inne.)  Alles  ist  aus. 
0  wie  schade!  Hu,  allein!  Ich  habe  Angst.  Was  zischt  denn 
im  Schiff?  Kein  Weib,  nicht  einmal  ein  Mann.  Nur  der  Wind 
oder  das  Wasser.  Wer  soll  sie  denn  begraben?  Ich  werde  ver« 
suchen,  sie  ins  Wasser  zu  ziehen.  Aber  mir  scheint,  ich  kann 
nicht.  Und  helfen  kann  niemand« 


VII 


287 


NUKLEARER  KRIEG  UND  DIE  ALTERNATIVE 

Gott  wird  den  Regen  deines  Landes  zu  einem  Pulver 
machen  und  ein  Staub  wird  vom  Himmel  auf  dich 
niedergehen,  bis  du  vernichtet  bist. 

Deuteronomium  28 , 24 

Am  Morgen  wirst  du  sagen:  o  daß  schon  Abend  wäre, 
und  am  Abend  wirst  du  sagen:  o  daß  schon  Morgen  wäre, 
vor  Herzensangst,  die  über  dich  kommen  wird  und  wegen 
des  Anblickes,  den  deine  Augen  sehen  werden. 

Ebenda,  28,67 

Lasciate  ogni  speranza,  voi  ch1  entrate. 

Dante,  Inferno  111,9. 

Erfahrung  und  das  Neue 

Rückblickend  können  wir  mit  einiger  Sidterheit  feststellen, 
daß  jedes  Zeitalter  s±Ek  aus  seinen  Notwendigkeiten  heraus 
sich  sein  Denken  und  vor  allem  seine  Denkprinzipien  bildet. 
Die  vom  17. Jahrhundert  eingeleitete  Verdrängung  des  Glaubens 
durch  Forschen  und  Erkennen  hatte  das  18. Jahrhundert  zu  voll- 
enden. Aber  sein  Rationalismus  war  so  voller  Spekulation  und 
Deduktion,  daß  erst  das  19» Jahrhundert  diese  Schwäche  über- 
winden konnte,  indem  es  in  eine  andere  verfiel,  seinen  ex- 
tremen Empirismus.  Erfahrung  wurde  zur  Grundlage  und  zum 
Kriterium  der  Wissenschaft  und  die  Überschreitung  ihrer  selbst- 
gesteckten Grenzen  war  nicht  minder  verpönt  als  früher  einmal 
die  Sünde  wider  den  Heiligen  Geist  gewesen  war.  Erfahrung  war 
aber  für  das  vorige  Jahrhundert  nicht  nur  die  einzig  legitime 
Quelle  des  Wissens,  sondern  auch  des  Handelns.  Unversehens 
änderten  sich  diese  Begriffe  im  Laufe  der  ±  ersten  Hälfte  unse 
res  Jahrhunderts.  Wir  se&en  die  schon  eingetretene  Veränderung 
erst  jetzt  und  fangen  an  zu  verstehen,  wie  notwendig  sie  gewee 
sen  war.  Theoretische  Kritik  einer  sensualistisch  fundierten 
Empirie  ist  nicht  neu;  es  waren  auch  nicht  allein  mystische 
und  mystischen  Einflüssen  zugängliche  Gegenströmungen,  von 
denen  solche  Kritik  ausging.  Schon  das  bloße  Vorhandensein 
der  Mathematik  zwang  von  jeher  zu  einer  gewissen  Einschränkung 
der  Geltung  des  Erfahrungsbegriffes,  denn  mit  dessen  erweitern 
der  Revision  war  es  ja  nicht  getan,  wenn  man  das  eigentliche 
Phänomen  des  mathematischen  Denkens  erklären  und  in  ein  weiter 


288 

gespanntes  System  einbauen  wollte. Die  Revisionsbedürftigkeit 
des  Empirismus  rückt  noch,  viel  deutlicher  ins  Prinzipielle 
dadurch,  daß  die  unvergleichlichen  Leistungen  der  theoreti- 
schen Physik  nicht  aus  direkter  Erfahrung  hervorgegangen  sind, 
sondern  aus  Denkvorgängen,  die  der  aus  der  modernen  Wissenschaft 
verbannten  Intuition  wieder  näher  gekommen  sind  als  der  den 
Sinnen  entstammenden  empirischen  Kenntnis.  Den  Hauptanteil 
an  der  heutigen  Entthronung  der  Erfahrung  hat  aber  weder  die 
Mathematik  noch  die  theoretische  Physik  noch  sonst  eine  Katego- 
rie wissenschaftlicher,  bzhw.  geistiger  Arbeit,  sondern  die 
Realität  des  menschlichen  Daseins,  die  der  ethnischen  und  der 
sozialen  Gruppen  und  der  politischen  Mächte,  die  in  ihrer 
Problematik  präzedenzlos  ist  und  Entscheidungen  von  präzedenz- 
loser  Tragweite  erfordert,  sodaß  sie  sich  nicht  von  Erf ahrungem 
ableiten  oder  auf  Erfahrung  gründen  lassen;  zumal  die  Hölle  von 
Hiroshima  und  Nagasaki  einstimmig  als  relativ  belangloses  Vor- 
spiel bezeichnet  v/ird  und  daher  keine  adäquate  Erfahrungsgrund- 
lage bietet.  Durch  die  mit  dem  Mangel  an  Erfahrung  tautologisch 
identische  Präzedenzlosigkeit  wird  auch  die  Kompetenz  zur  Lösuag 
völlig  neuer  Probleme  zu  einem  eigentümlichen  Pröblem,  weil  die 
alte  Definition  des  Spezialistentums  nicht  mehr  anwendbar  ist. 
Physiker  z.B.  waren  nie  Generäle  noch  Politiker,  haben  aber  mn 
solche  Funktionen  de  facto  übernommen,  v/eil  Generäle  nirgends 
gelernt  haben  und  nirgends  lernen  konnten,  wie  ein  Atomkrieg 
zu  führen  ist.  Sie  haben  andere  Generäle  besiegen  gelernt, 
aber  indem  sie  sich,  an  der  Vorbereitung  eines  thermonuklearen 
Krieges  beteiligen,  können  sie  nur  von  ihrer  natürlichen  Intel- 
ligenz Gebrauch  machen,  da  sie  über  keine  andere  Kompetenz  ver- 
fügen. So  werden  sie  halb  und  halb  zu  Dilettanten.  Mathematikern i 
Physikern  und  allerhand  Technologen  ist  jedoch  Strategie  von 
Haus  aus  fremd;  wenn  sie  darin  einiges  lernen,  geraten  sie 
ihrerseits  in  einen  gewissen  Dilettantismus,  der  ihnen  nicht 
allzu  zart  unter  die  -Nase  gerieben  zu  werden  pflegt.  Auf  derart 
unsoliden  Grundlagen  werden  also  Pläne  für  Angriff  und  Vertei- 
digung ausgearbeitet  und  Entscheidungen  von  nie  gekannter  Bedeu- 
tung getroffen.  Pür  den  umfassendsten  und  mörderischesten  aller 
Kämpfe  versuchen  daher  Halbdilettanten  verschiedener  Kategorien 
ihre  mangelnde  Kompetenz  durch  Zusammenarbeit  einigermaßen  zu 
ersetzen  und  eine  Systematik  zu  schaffen,  deren  Erprobung  die 
weitere  Verwertung  ja  sowieso  ausschließen  würde. 


■  > 


289 

Selbstverständlich  fehlen  unter  den  so  fragwürdigen  Spezialisten 
auch  die  Politiker  nicht.  &s±  Die  Armen  wissen  ihren  Mitarbei- 
tern, die  eine  Strategie  auszuarbeiten  haben,  bis  heute  nicht 
einmal  zu  sagen,  wer  gegen  wen  gehen  soll,  sodaß  eine  Berechnung 
der  Stärke  des  Gegners  unmöglich  bleibt  und  vor  allem  eine 
elementare  topographische  Planungsgrundlage  fehlt  und  man  genö- 
tigt ist,  kaum  noch  zu  steigernde  Drohungen  zu  deklamieren, 
ohne  mit  einiger  Bestimmtheit  zu  wissen,  gegen  wen  sie  eigent- 
lich gerichtet  sind«  In  der  neuen  Lage  gibt  es  also  keinen 
wirklichen  Spezialisten  mehr,  Benennung  und  Rolle  des  Fachmanns 
wird  zur  Illusion.  Ohne  Erfahrung  gibt  es  nur  noch  Vernunft 
und  in  Binzefällen  Intuition.  Wie  jeder  verstehen  kann,  haben 
diese  Gaben  mit  Macht  und  Stellung  so  wenig  zu  tun  wie  mit  der 
alten,  auf  die  neue  Lage  unanwendbaren  Erafahrung.  Wir  müssen 
uns  das  klar  machen  und  uns  der  populären  Illusionen  entledigen, 
um  zu  begreifen,  in  was  für  Hände  sowohl  dieses  als  auch  jenes 
Steuerrad  gegeben  ist  und  wie  kritisch  wir  diejenigen  zu  lesen 
und  zu  hören  haben,  die  heute  die  Autorität  von  Experten  für 
sich  in  Anspruch  nehmen.  Nicht  nur  daß  sie  einander  und  sich 
selbst  in  den  wichtigsten  Fragen  drastisch  widersprechen;  ihre 
Aussagen  und  Voraussagen  beweisen  zur  Genüge,  daß  sie  in  den 
Belangen  des  noch  nie  geführten  und  keinem  vorausgegangenen 
ähnlichen  Krieges  ebenso  Laien  sind  wie  wir  Alle.  Erinnern  wir 
uns  jenes  klassischen  Experten,  der  erklärt,  der  totale  Krieg 
könne  bis  zu  30  Tagen  dauern,  und  selbst  hinzufügt,  er  könne 
in  30  Minuten  beendet  sein;  was  also  sollen  wir  ihm  glauben? 
Eine  ähnliche  logische  Leistung  besteht  darin,  zur  Abschreckung 
zu  verlautbaren,  um  ein  Wievielf  aches  die  neuen  Bomben  jene 
von  Hiroshima  übertreffen,  und  anderseits,  für  den  internen  Ge- 
brauch,über  das  Ausmaß  der  möglichen  Zerstörung  Schilderungen  zm. 
verbreiten,  die  an  das  in  Hiroshima  Geschehene  nicht  heran- 
reichen; was  als  können  wir  ihnen  glauben? 

Am  ehesten  können  noch  die  Psychologen  innerhalb  ihres 
Faches  bleiben,  doch  haben  auch  sie  heikle  und  nicht  widere 
spruchslose  Aufgaben.  Einerseits  haben  sie  den  noch  nicht 
identifizierbaren  Feind  zu  überzeugen,  daß  er  nicht  die  gering- 
sten Aussichten  hat,  sich  gegen  eine  derart  beispiellose  und 
der  Gesamtheit  aller  andern  Mächte  weitaus  überlegene  Macht 
zu  behaupten  und  daß  er  im  Ernstfalle  mit  Mann  und  Maus  verloren 
ist.  Für  die  eigenen  Leute  werden  aber  nicht  hurrapatriotische, 
sondern  glaubwürdig  klingende  Darstellungen  verlangt. 


290 

allerdings  mag  cm  Gonauigkoit  viol  su  wünoohon  übrig  lQooon» 
rirmn  Ob  die  Psychologen  die  offiziellen  Erklärungen  ersinnen 
oder  nur  prüfen  und  verbessern,  wissen  nur  Eingeweihte,  und 
ich  schätze  mich  glücklich,  nicht  einer  von  ihnen  zu  sein. 
Sicher isit  nur,  daß  diese  Schritte  nicht  ohne  Psychologen 
erfolgen,  und  wahrscheinlich  ist,  daß  sie  mehr  tun  als  sie 
können.  Wie  sollen  sie  es  denn  dem  Bürger  noch  plausibler 
machen,  alles  geschähe  höchst  planmäßig,  doch  habe  man  keine 
Wahl,  weil  letzten  Endes  alles  von  der  Gegenseite  abhänge? 
Und  wenn  man  auch  mit  dem  Tode  von  einigen  Dutzend  Millionen 
Mitbürgern  rechnen  muß,  werde  bestimmt  nicht  noch  mehr  gesche- 
hen, dafür  werde  man  schon  sorgen.  So  hat  jeder  Einzelne  eine 
Chance,  unter  denjenigen  Millionen  zu  sein,  denen  man  das 
Überleben  verspricht,  wenn  auch  ziemlich  unverbindlich.  Von 
der  vagen  Aussicht  auf  Lebenserhaltung  und  der  billigen  Flucht 
in  das  Nichtwissenwollen  macht  man  umso  williger  Gebrauch, 
je  primitiver  der  wunschgeleitete  Narzißmus  funktioniert; 
und  je  mehr  die  Riesenzahlen  das  Vorstellungsvermögen  lähmen 
und  an  seiner  Stelle  die  Apathie  und  der  stumpfe  Fatalismus 
sich  einnisten;  und  je  scheußlicher  und  vernichtungswürdiger 
der  Feind  in  der  so  ausgearbeiteten  offiziellen  Darstellung 
aussieht;  und  je  verlockender  die  Aussicht  auf  völlige  und 
endgiltige  Befreiung  der  Erde  von  solchen  Ausgeburten  der 
Hölle  wird;  und  je  weniger  man  sich  den  Kopf  darüber  zerbricht, 
was  das  erhoffte  Amiebenbleiben  selbst  im  besten  Falle  bedeuten 
muß  und  ob  es  überhaupt  begehrenswert  sei;  und  je  weniger  man 
an  eine  reale  Alternative,  an  Rettung,  zu  denken  wagt. 

Der  Globus  als  Spielball 

Um  zu  einer  möglichst  objektiven  Einschätzung  der  Aus- 
sichten zu  gelangen,  versuchen  wir  nun,  uns  über  die  Lage 
klar  zu  werden,  wie  sie  für  den  glücklicherweise  Außenstehendem 
aus  dem  kritischen  Studium  der  publizierten  Dokumente  erkenn- 
bar wird,  vor  allem  über  die  gegenwärtige  Politik  der  Atomare  hte, 

Daß  es  jetzt  fünf  sind,  besagt  an  sich  wenig,  nicht  nur 

wegen  der  Lückenhaftigkeit  des  Vertrages  gegen  Ausbreitung, 
und  selbst  unter  der  Voraussetzung  der  Erfüllung  seitens  der 
Signatare,  sondern  da  nukleare  Bewaffnung  auch  für  andere  Staaten 
und  sogar  für  nicht Staat liehe  Organisationen,  und  unter  Umständen 


291 

selbst  für  Individuen  erreichbar  werden  kann.  Solche  Aussichten 
wären  natürlich  vervielfacht,  wenn  die  den  Vereinigten  Staaten 
und  der  Sowjetunion  geheim  oder  offen  entgegenarbeitenden  Kräfte 
sich  durchsetzen  sollten.  Die  Möglichkeiten  geheimer  Atomrüstung 
sind  teilweise  bekannt;  besonders  nahe  liegt  die  Umstellung  von 
angeblich  für  Friedenszwecke  arbeitenden  Atomindustrien.  Ebensowe- 
nig müssen  die  vor  sich  gehenden  und  die  bevorstehenden  Waffen- 
lieferungen aufi  die  konventionellen  Kategorien  beschränkt  bleiben; 
potenzielle  Gefahren  wie  die  der  Apartheid  können  über  Wacht  höchst 
akut  werden,  wenn  eine  hochgerüstete  und  einem  extrem  reaktionären 
^WÜertane  Macht  es  ihnen  ermöglicht. Angesichts  der  durch  so  unbe- 
kannte Multiplikatoren  vermehrbaren  Drohungen  ist  eine  Lage  ge- 
schaffen, in  der  die  Sache  des  Fortbestandes  der  Menschheit  mit 
den  unheimlich  destruktiven  Interessen  der  heute  führenden  Atom- 
mächte zusammengeht.  Das  ist  unsagbar  tragisch  und  jetzt  doch  der 
einzig  mögliche  Realismus. Die  konkrete  Deutung  jener  Interessen 
ist  nicht  mehr  so  einfach  wie  sie  noch  in  den  60er  Jahren  zu  sein 
schien,  weil  die  objektiven  Komplikationen  um  so  vieles  zugenommen 
haben.  Der  trotz  den  Verhandlungen  und  bindenden  Beschlüssen  fort- 
gesetzte Krieg  um  Vietnam  ist  durch  brutale  Erweiterung  zu  einem 
Krieg  um  Südostasien  geworden.  Er  bringt  China,  dessen  Massen  nach 
der  Kulturrevolution  keineswegs  beruhigt  sind,  in  eine  Situation, 
in  der  Festigkeit  gegenüber  skrupellose^  Herausforderung  immer 
schwieriger  wird.  Die  Explosion  wäre  gewiß  schon  erfolgt,  wenn 
China  es  bereits  wagen  könnte  und  vor  allem,  wenn  die  Gruppierung 
der  nuklearen  Mächte  nicht  immer  wieder  vereitelt  worden  wäre. 
Dank  eben  diesem  Umstand  atmen  wir  ja  noch,  aber  die  Bedrohung  von 
mehreren  treibenden  Kräften  her  nimmt  noch  zu;  und  wenn  es  einen 
Faktor  geben  sollte,  auf  den  sich  alle  militärischen  Gefährdungen 
der  Existenz  zurückführen  ließen,  ist  es  wohl  immer  noch  die 
Hauptlinie  der  Politik  Amerikas,  die  von  Regierung  zu  Regierung 
bisher  nahezu  unverändert  geblieben  ist.  Es  fe&  die  schon  erkannte 
psychologische  und  politische  Haltung,  die  allzu  oft  den  schauri- 
gen Eindruck  macht,  daß  man  einen  wirklichen  modus  vivendi  mit 
dem  Kommunismus  nicht  einmal  wünscht  und  das  Heil  immer  noch  in 
einem  vielgestaltigen  oder  allseitigen  Kreuzzug  sucht.  Dieser 
Schwund  der  psychischen  Gesundheit  kann  nicht  anders  als  durch 
das  fortgesetzte  Anwachsen  von  Angst  und  Mißtrauen  erklärt  werden. 
Es  §£t  kein  Trost,  sondern  beschleunigt  die  nahende  Katastrophe, 


292 

daß  der  analoge  Wahn  beide  Seiten,  oder  gar  alle  drei  Seiten  frißt. 

..onin  die  phantastischen  Ausgaben  für  militärische  Zwecke  und  die 

Vorstöße  in  den  Kosmos  Amerika  führen  müssen,  dessen  Bevölkerung 

nicht  darben  kann  wie  die  Russen  und  besonders  die  Chinesen,  hat 

keiner  so  deutlich  gesehen  wie  Bertrand  Russell,  der  dem  Gespenst 

der  Verarmung  Amerikas  lange  vor  seinem  Tode  in  die  Augen  sah, 

Bednken  wir,  daß  die  Vereinigten  Staaten  enorme  Summen  auch  an 

andern  antitommunistischen  Fronten  ausgeben,  wie  für  viele  Nationen, 

die  es  schwer  haben  und  durch  freigebige  Hilfe  gegen  die  Lockungen 

des  Kommunismus  immunisiert  werden  sollen,  aber  nicht  immunisiert 

werden,  weil  die  Hilfe  durch  einen  demütigenden  Faktor  gBg±g±gfa 

ihrem  Zweck  zugleich  entgegenwirkt  71)« 

7l)Ein  Plan  des  Senators  Fulbright,  die  amerikanische  Auslands- 
hilfe in  einen  Teil  internationaler  Hilfe  umzuwandeln^(vgl,S.  ), 
blieb  bisher  unausgeführt. 

Die  von  allen  Staaten  während  des  letzten  Jahrzehnts  für  mili- 
tärische Zwecke  verausgabte  Summe  wird  auf  2000  Milliarden  ge- 
schätzt. Das  würde  wahrscheinlich  genügen,  alle  Armut  auf  Erden 
konstruktiv  und  produktiv  abzuschaffen  und  alle  Probleme  zu  lösen, 
denen  biher  keine  Finanzmacht  gewachsen  war.  Vergessen  wir  nicht, 
daß  diese  ökonomischen  Schätze  von  denen  der  Natur  stammen,  die 
alles  Leben  hervorbringt,  und  von  der  Arbeit  der  Menschen,  die 
leben  wollten  und  wollen, 

was  mit  dieser  ökonomischen  Energie  unternommen  wird,  ist 
längst  nicht  mehr  so  geheim  wie  einst,  denn  Geheimhaltung  ist  nicht 
nur  schwerer  geworden,  sondern  auch  nicht  mehr  wünschenswert.  Die 
Veröffentlichung  dient  demjenigen  Mittel  zum  Zweck,  das  zum  Um  und 
Auf  der  Strategie  geworden  ist,  der  Abschreckung.  Das  Prioritäts- 
recht für  diese  Erfindung  steht  nicht  den  Mächten  von  heute  zu, 
sondern  dem  Dritten  Reich.  Der  früheren  Tradition  zufolge  hatte 
man  die  wirkliche  Rüstungs stärke  abzuleugnen  und  sich  schwächer  zu 
stellen  als  man  war.  Es  war  Göring,  dessen  dröhnende  Erklärungen 
über  die  Stärke  seiner  Luftwaffe  die  damalige  Welt  in  Bestürzung 
versetzten,  auch  die  eigenen  Bundesgenossen,  die  zu  verstehen  be- 
gannen, weiche  unentrinnbare  Dienerrolle  ihnen  zugedacht  war.  Die 
amerikanische  Regierung  ging  auf  dem  Wege  des  Ausposaunens  weiter, 
indem  sie  schon  in  der  ersten  Phase  des  Zweiten  Weltkriegs,  noch 
vor  ihrer  eigentlichen  Beteiligung,  Zahlen  über  ihre  Waffenproduk- 
tion und  ihre  Lieferungen  an  die  Alliierten  publizierte,  die  den 
Zweck  hatten,  Ermutigung  und  Entmutigung  entsprechend  zu  verteilen. 
Damals  war  das  insofern  diplomatisch  als  es  selbst  während  der 


293 

schwersten  Kämpfe  noch  so  etwas  wie  eine  Diplomatie  gab. 

Seit  den  Anfängen  des  kalten  Krieges  wurde  die  Gegenseitig- 
keit der  Abschreckung  immer  deutlicher,  bis  das  Ausschreien  von 
Zahlen  und  Tatsachen  objektive  Symmetrie  der  Kriegsstärke  unver- 
kennbar zeigte,  und  das  weitere  Erfinden  und  Rüsten  änderte  an 
der  Symmetrie  nichts.  Sollten  wir  uns  darum  aber  auf  die  Gegen- 
seitigkeit und  Symmetrie  verlassen  können,  sie  gleichsam  als 
Gewähr  für  das  Ausbleiben  des  Untergangs  begrüßen?  Oder  würden  wir 
so  aus  dem  Regen  in  die  Traufe  gelangen?  Denn  wie  alles,  was  der 
Angst  entspringt,  führt  auch  das  Wettrüsten  mit  den  ihm  eigenen 
Gesetzen  nicht  vom  Abgrund  fort,  sondern  teeibt  notwendig  auf  ihn 
zu.  E's  gibt  eine  Art  Sport,  eine  dem  Maschinenzeitalter  und  der 
Degeneration  des  Menschen  gemäße  Variation  des  alten  europäischen 
Duells,  die  in  Amerika  Ghicken  Game  heißt.  Das  Hühnchen  wird  nicht 
nur  geschlachtet  und  gefressen,  sondern  muß  auch  als  Synonym  für 
Schwäche  und  Feigheit  herhalten.  Der  sozusagen  sportliche  Kampf 
vollzieht  sich  zwischen  zwei  Automobilisten,  die  iijder  Mitte  einer 
geraden  Landstraße  auf  einander  zurasen,  um  tödlich  zusammenzusto- 
ßen, wenn  nicht  einer  im  letzten  Moment  ausweicht.  Diesem  schreit 
dann  der  Andere  die  Beleidigung  "Hühnchen"  zu  72).  Dieses  Spiel, 

72)Sowohl  Bertrand  Russell  als  auch  der  später  zu  zitierende 
Herman  Kahn  erwähnen  es.  In  Nordamerika  ist  es  allgemein  bekannt« 

manchen  Millionärssöhnchen  ein  Ersatz  für  einen  Lebensinhalt,  ist 
in  der  großen  Politik  nicht  mehr  ein  Spiel  mit  dem  Selbstmord, 
sondern  mit  der  Ermordung  der  Menschheit  und  allen  Lebens.  Diplo- 
maten denken  daran  mit  Gruseln,  zumal  Viele  nicht  mehr  umhin  kön- 
nen, sich  dieses  Greuel  in  voller  Anwendung  vorzustellen.  Am 
28. Oktober  1962  ereignete  es  sich  ja  tatsächlich,  als  Kennedy  die 

Blockade  gegen  Kuba  verhängt  hatte  und  Chruschtschew  buchstäblich 

und 

im  letzten  Moment  auf  sich  nahm,  was  seinen  Gegnern  gewiß  auch 
vielen  seiner  Leute  als  furchtbarer  Prestigeverlust  erschien, 
indem  er  seine  Kriegsschiffe  von  ihrem  Kurs  nach  Kuba  zurückberief.  ; 
Das  konnte  nur  ein  vom  Prestige-wahn  völlig  freier,  über  den  diese 
Krankheit  des  Westens  keine  Macht  hatte.  Als  Gefangener  des 
Prestiges  scheut  man  sich  vor  der  Anwendung  der  eigenen  Vernunft, 
ja  man  macht  sie  durch  eine  Art  Ab sperrungs Vorgang  für  sich  selbst 
unzugänglich.  Dann  kann  man  nur  noch  auf  die  Vernunft  der  Gegenseite 
rechnen.  Diese  Rechnung  hat  sich  wiederholt  richtig  erwiesen,  aber 
kann  sie  darum  als  Regel  für  dauenden  Gebrauch  empfohlen  werden? 


294 


So  hat  der  gesunde  Menschenverstand  also  drei  Todfeinde,  oder 
vielleicht  sind  sie  nur  ein  einziges  monströses  Gebilde  mit  drei 


kungswahn  und  das  Chicken  Game,  ebenfalls  eine  westliche  Speziali- 
tät, Da  es  um  alles  geht,  ist  begreiflich,  daß  da  und  dort  Wider- 
sprüche auffallen  und  daß  es  oft  genug  aussieht,  als  hätten  die 
Köpfe  den  Kopf  verloöen.  Das  gilt  besonders  für  alle  Berechnungen 
der  wahrscheinlichen  oder  unvermeidlichen  Folgen  des  wahrschein- 
lichen, aber  durchaus  vermeidlichen  nuklearen  Ausbruchs,  Diesbe- 
züglich hüllen  sich  dj^  kommunistischen  Mächte  in  Schweigen,  was  ± 
ihnen  Angaben  erspart o  deren  Ernsthaftigkeit  niemand  glauben  würde» 
Aus  der  guten  alten  Johnson-Zeit  sind  zwischülP&en  Schätzungen  des 
Präsidenten  und  seiner  nächsten  Mitarbeiter  bte-Immm^  iuiay  noch 
Unterschiede  erinnerlich,  bei  denen  es  auf  ein  paar  Dutzend 
Millionen  Menschenleben  nicht  ankam. General  Gavin  meinte  damals, 
ein  amerikanischer  Angriff  auf  die  Sowjetunion  würde  mehrere  hund 
Millionen  Tote  zur  Folge  haben;  aber  wo,  das  würde  vom  Wind  abhäng 
gen.  Die  meisten  Toten  könnten  innerhalb  der  USSB  sein,  aber  eben- 
sogut könnten  die  japanischen  Inseln  und  auch  die  Philippinen 
betroffen  sein,  und  unter  Umständen  wäre  Westeuropa  vom  amerikani- 
schen Angriff  am  schwersten  heimgesuchte  73) •  Nicht  minder  illuexs 

73)ln  einem  natürlich  veralteten  und 'doch  nicht  belanglosen 
Bericht  eines  UNO-Komitees  vom  Oktober  1967  wird  die  altbekannte 
Tatsache  bestätigt,  daß  das  vorhandene  nukleare  Arsenal  zur  Ver- 
nichtung der  ganzen  Menschheit  ausreiche.  Neu  war  damals  die 
Errechnung,  daß  eine  einzige  20-Me gat on-B omb e  genüge,  von  einer 
Bevölkerung  wie  der  New  Yorks  sieben  Millionen  zu  töten. 

Solche  Gewißheiten  bergen  eine  noch  immer  zu  wenig  begriffene 
Gefahr.  Da  sie  in  Dimensione]%eraten,  die  außerhalb  unserer 
Maßstäbe  liegen,  also  allzu  unanschaulich  werden,  gefährden  sie 
auch  unsere  bis  zu  einem  gewissen  Grade  lebenserhaltende  Angst, 
die  von  Fatalismus,  Nihilismus  und  Willenslähmung  verschlungen 
werden  kann.  Der  Beginn  dieser  Symptome  ist  bei  vielen  Zeitge- 
nossen eindeutig  zu  beobachten. 


sionslos  berechnete  schon  damals  Linus  Pauling,  da^  o pro 

Vorrat  das  150fache  der  Menge  war,  mit  der  die  ganze  Menschheit 
umgebracht  v/erden  konnte  74). 

74)  Prof .Pauling  ging  von  der  Erfahrung  des  Zweiten  Weltkriegs 

aus,  daß  einer  Tonne  Sprengstoff  die  Tötung  eines  Menschen  ent- 
sprach, und  1967  gab  es  500.000  Megaton. 


Köpfen:  Das  im  Westen  geborene  P&tige,  den  ostwestlichen  Abschrek 


300 

<^erfolgen  sollte  -  eine  Erwartung,  die  niemand  zu  motivieren 
wü^e  -|  würde  die  Zahl  der  Verwundeten  auf  21  Millionen  sinken 
und  dxe  der  Toten  bis  72  Millionen  ansteigen.  So  würden  auf 
Grund  dersveralteten  Statistik  58  Millionen  am  Leben  und  unver- 
wundet bleib^,  Nach  Rüssel  könnte  es  die  amerikanische  Regie- 
rung als  eine  Art  Sieg  betrachten,  wenn  der  russischen  Toten 
noch  mehr  wäre.  Auf  die  reale  Bedeutung  solcher  Ergebnisse 
will  ich  zurückkommen*^ 

Die  Präge,  wofür  eigentlich  gekämpft  werden  soll,  haben 
wir  schon  wiederholt  berührt,  aber  noch  nicht  abschließend 
behandelt.  Ein  sachlicher  geschichtlicher  Rückblick  auf  die 
Motive  von  Kriegen  hat  das  grauenvolle  Resultat,  daß  fast 
alle  schnöder  Interessen  wegen  oder  um  Belanglosigkeiten 
geführt  wurden.  Es  waren  Habgier  und  Macht int eressen  verbre- 
cherisch gesinnter  Individuen  oder  Familien  und  ähnlicher  Ego* 
ismus  von  Einzelnen  und  Gruppen,  die  auf  Massen  Einfluß  gewana 
nen,  ihre  Interessen  zu  Ideologien  zu  machen  wußten  und  Viele 
bis  zur  Selbstaufopferung  brachten.  Die  Wichtigkeit  der  Kriegs- 
ziele umfaßt  auch  hohe  Zivilisationen,  wie    den  blutigen  Hader 
um  die  Hegemonie  in  Griechenland  oder  die  Kriege  der  Städte 
Italiens  um  schäbige  Privatinteressen.  Erst  in  einem  Zeitalter, 
das  auch  altehrwürdige  Bemäntelungen  aufzuheben  sucht,  den 
Fortbestand  der  Religion  in  Frage  stellt  und  Kirchen  in  ihrer 
Defensive  zu  tiefen  geistigen  Revisionen  und  kühnen  Zusammen- 
schlüssen führt,  sehen  wir  den  ganzen  grausamen  Hohn  der  um 
lächerlich  substanzlose  Unterschiede  vergossenen  Ströme  von  fi± 
Blut,  den  mörderischen  Fanatismus,  den  es  bis  heute  nach  neuen 
Opfern  hungert,  und  schließlich  die  Personen,  die  beide  Welt- 
kriege entfesselten.  Wären  Menschen  nicht  dazu  gebracht  worden , 
den  Andern  zu  hassen    und  wäre  es  nicht  immer  wieder  gelungen, 
sie  glauben  zu  machen,  sie  seien  bedroht  und  müßten  angreifen, 
um  sich  zu  verteidugen,  so  hätte  es  auch  nicht  das  den  Inter- 
essenten genehme  Heldentum  gegeben  und  die  Menschen  hätten 
sich  bessere  Ideale  und  höhere  Güter  geschaffen  als  die  Aushän- 
geschilder der  Kriegsgewinner  und  Kriegsverlierer.  So  also 
sehen  Kriegsziele  oft  schon  nach  kurzer  Zeit  aus,  geschweige 
denn  nach  Jahrhunderten  oder  Jahrtausenden.  Wieviele  von  allen 
Kriegen  konnten  ohne  gefälschte  Argumente  und  verlogene  Begrün- 
dungen geführt  werden  und  wie  oft  gingen  Menschen  überhaupt  in 
den  Kampf,  ohne  über  den  Zweck  und  die  Notwendigkeit  irrege- 
führt worden  zu  sein?  Aber  selbst  die  Inszenierungen  der 


•I 


nur 


501 

beiden  Weltkriege  waren  noch  weitaus  geringere  Untaten  als 
jede  den  Frieden  heute  bedrohende  Handlung,  Darf  es  noch 
Fahrl&igkeit  oder  irgend  eine  Beschönigung  geben,  seit  es 
um  Sein  oder  Nichtsein  des  Lebens  auf  Erden  geht?  Halten  wir 
mit  den  Faktoren  der  Zerstörung  möglichst  genaue  Abrechnung. 
Prüfen  und  entlarven  wir  die  irreführenden  Phrasen  mit  rück- 
sichtsloser Eindringlichkeit.  Den  alten  und  neuen  Erfindungen 
zur  Verdummung  und  Einschüchterung  sollen  Besinnung  und  Ver- 
antwortung systematisch,  gründlich  und  mit  der  Furchtlosigkeit 
entgegenarbeiten, die  sich  logischx  au&  der  Alternative  ergibt. 
Kann  das  bestreiten,  wer  sich  noch  ein  Minimum  an  Verstand 
gewahrt  hat? 

Daß  es  mit  den  Ideologien,  für  die  diesmal  alles  riskiert , 
bzhw.  geopfert  werden  soll,  nicht  genau  so  steht  wie  behauptet 
wird,  zeigt  schon  der  simple  Umstand,  daß  für  die  in  Betracht 
kommenden  drei  Lager  nicht  einmal  allgemein  als  sachlich  rieh* 
tig  anerkannte  Bezeichnungen  bestehen.  China  spricht  der 
Sowjetunion  apwrfli ng.s  den  Kommunismus  ab  und  nennt  sie  revi- 
sionistisch; China  selbst  frönt  dem  Stalinismus,  jener  Abart, 
die  den  Kommunismus  total  verfälscht  hat,  um  an  seine  Stelle 
einen  fatalen  Personenkult  zu  setzen,  der  in  chinesischer 
Übersetzung  Mao  tze  tung-Kult  heißt,  abgekürzt  Maoismus.  Am 
schwersten  geht  es  mit  einem  Namen  für  das  dritte  Lager,  da® 
insofern  das  erste  zu  sein  hätte,  als  es  ja  die  beiden  andern 
hervorgebracht  hat  und  deren  Voraussetzung  bildet.  Als  demo- 
kratisch oder  frei  kann  es  nicht  gut  bezeichnet  werden,  da 
Südafrika  und  Südwestaf rika,  Rhodesien,  Angola,  Spanien, 
Portugal,  Haiti  sowie  die  faschistischen  und  halbfaschistischen 
Diktaturen  Südamerikas  dazugehörenj^.uch  die  Benennung  Kapita- 
lismus ist  ziemlich  unpassend,  nicht  nur  weil  ihr  in  den  kom- 
munistischen Ländern  ein  schmähender  Sinn  anhaftet,  sonder  weil 
sie  an  sich  mit  Idealen  nicht  viel  gemeinsam  hat,  jedenfalls 
nicht  mit  solchen,  für  die  Menschen  zu  leben  oder  gar  zu  ster- 
ben bereit  sein  können.  So  hat  in  dieser  letztgenannten  Gruppe 
jedes  einzelne  Land  seinen  Namen,  und  manche  dieser  Namen  haben 
einen  hübschen  Klang,  aber  ein  Wort  zur  Benennung  des  Gerne insa- 
■äää,  Verbindenden«,  fehlt.  Wenn  man  diese  Länder  schließlich  die 
antikommunistischen  nennen  wollte,  täte  man  ihnen  bitter  Unrecht^ 
denn  das  würde  besagen,  daß  ihr  Sinn  und  ihre  Funktion  nur  in 
der  Negation  bestehe,  zugleich  aber  auch,  daß  der  Kommunismus 


302 

das  einzige  sei,  was  ihnen  zusammen  einen  Inhalt  gibt.ttaär- 
oio  vorbindet»  Wenn  man  es  schließlich  mit  geographischer 
Sachlichkeit  versucht  und  von  Ost  und  West  spricht,  was  soll 
man  z.B.  mit  Japan  und  mit  Kuba  anfangen?  So  bleibt  praktisch 
als  Nomenklatur  nicht  viel  mehr  übrig  als  die  Namen  dreier 
Länder  mit  ihren  Hauptstädten,  ohne  die  Verbündeten,  die  durch 
sie  nur  halb  und  halb  repräsentiert  werden. 

Stellen  wir  also  an  jede  der  drei  Hauptmächte    die  ein- 
fache Frage,  warum  sie  ihr  gesamtes  Dasein  aufs  Spiel  setzen  sz 
will,  um  Andere  zu  vernichten.  Es  ist  bereits  klar,  daß  es 
heute  in  China  am  schwersten  sein  muß,  eine  sachliche  Antwort 
zu  bekommen,  weil  die  emotionale  Situation  dieses  Volkes  so 
unvergleichlich  kompliziert  und  erschwert  ist«  wofür  die 
als  Kulturrevolution  bozoichnoto  Explosion  zum  krassesten 
Indikator  geworden  iofrjy  Für  unsere  Generation  ist  es  gewiß  ein 
hohes  Glück,  daß  China  weder  ganz  monolith  noch  ganz  starr 
ist  und  daß  es  jetzt,  im  Vorstadium  der  letzten  Entscheidungen, 
erst  teilweise  gerüstet  ist.  Wenn  in  den  Vereinigten  Staaten 
und  in  der  Sowjetunion  jetzt,  da  China  auch  die  H-Bombe  hat, 
die  Einsicht  siegen  sollte,  wäre  noch  Zeit  genug,  die  ins 
Auge  gefaßten  Möglichkeiten  zu  ergreifen,  um  China  durch 
ernste  und  aufrichtige  Taten  zu  versöhnen. 

Die  USSE  kann  antworten,  daß  sie  keinen  Krieg  will,  daß 
sie  sich  von  der  Doktrin  einer  kriegerischen  Auseinandersetzung 
mit  dem  Kapitalismus  abgewendet  hat  und  Koexistenz  erstrebt; 
daß  sie  von  Amerika  zum  Wettrüsten  gezwungen  wird  und  daß 
schon  Chruschtschew  am  18.  September  1959  allgemeine  und  voll- 
ständige Abrüstung  beantragt  hat,  ohne  Gehör  zu  finden.  Die 
Zustimmung  Amerikas  war  damals  daran  gescheitert,  daß  die  Sow£ 
jetunion  die  gegenseitige  Überwachung  durch  Inspektion  ablehn* 
te,  mit  der  Begründung,  daß  sie  dadurch  dem  Mißbrauch  durch 
Spionage  Tür  und  Tor  öffnen  würde.  Angesichts  der  ungeheueren 
Bedeutung  eines  solchen  Übereinkommens  hätten  die  Bemühungen 
hartnäckig  fortgesetzt  werden  müssen,  bis  sie  schließlich  zu  g 
gegenseitigen  Konzessionen  und  zum  Ziel  geführt  hätten.  Doch 
statt  der  Vervielfachung  solcher  Bemühungen  kam  es  zum  ver- 
vielfachten Krieg  in  ^e4nai^finla^ubagmämiFlhm  ursächlich 
zusammenhängenden  arabisch-israelischen  Krieg. 

Was  würde  Amerika  auf  die  gleiche  Frage  entgegnen?  Daß 
es  zur  definitiven  Beendigung  des  kalten  Krieges  bereit  sei  und 


303 

unter  der  Bedingung  der  gegenseitigen  Inspektion  3äääaaäK 
WSääBS^S^SSSSSSSksB±t  der  totalen  Abrüstung  einverstanden  sei. 
Verorderung  an  GMm&Ble&dB^^ 

HHteHK  jgjH  rtrtttf6ft&&fe£^  würde  die  Lage 

ungemein  komg^ziere^n^zumal  China  vor  Abzug  der  amerikanischen 
Truppen  aus  ^tajetssm.  mit  Amerika  wahrscheinlich  überhaupt  nicht 
verhandeln  würde«  Noch  schlimmer  wird  die  Komplikation  durch 
Argumente,  die  so  viele  Amerikaner  im  Sinn  haben,  aber  lieber 
nicht  laut  äußern.  Es  ist  niolaffi^ine  abstrakte  Furcht  vor  dem 
Kommunismus,  sondern  die  vermutete  Absicht  der  kommunistischen 


und  zu  berauben. 


urch-H 

Staaten  Nordamorikao  goht  oino- 


intensive  und  permanente  Propaganda,  die  alle  Schichten  des  Xh 
Volkes  umfaßt  und  dite  Situation  so  darstellt,  als  gäbe  es  nur 
eine  einzige  Wahl,  di\  zwischen  Unterwerfung  und  Kampf.  Da 
man  die  Unterwerfung  ais  unabwendbar  und  unabänderlich  real 
hinstellt,  es  aber  vermeidet,  zum  Kampf  mit  allen  seinen  genau 
definierten  Konsequenzen  Wf zurufen,  und  nur  "Bereitschaft" 
verlangt,  den  Aufruf  zum  totalen  Vernichtungskampf  also  in 
eine  nichtssagende  und  ziemlich  plausibel  klingende  Phrase  htüLt» 

ist  der  Amerikaner  eben  ^erei\&  Wäre  die  Prämisse  richtig, 
_    ..  ,     Jfc&iKder.     ,  des  einfachen  Amerikaners 

so  wäre  auch  ee^/^ntschluß^hodhgradig  richtig  und  psycholo- 
gisch mehr  als  begreiflich.  Fällte  man  nur  zwischen  Knechtschaft 
und  Tod  zu  wählen  hat  und  in  Freiheit  zur  Freiheit  erzogen  ist , 
wird  man  zumeist  den  Tod  vorziehenV  doch  dazu  neigt  der  einfae 
che  Mann  nur  darum,  weil  er  sich  übeV  zwei  höchst  wichtige 
Dinge  nicht  klar  wird.  Erstens,  daß  d\eses  Dilemma  nicht  real 
ist  und  weder  den  Intentionen  der  Sowjetunion  entspricht  noch 
ihren  Möglichkeiten.  Denn  ihr  Stalinismüß  ist  vorüber  und  auch 
in  ihr  wird  die  Diktatur,  der  kommunistischen  Lehre  entspreefes 
chend,  nicht  ewig  dauern;  und  ebensowenig  ibann  von  Unterjochung 
die  Rodo  coin,  da  von  oinooitigor  Entwaffnung  nie  und  nirgcndc 
dio  Rsdo  warn.  Auch  über  die  Bedrohung  durch  China  ist  der  ein£ 
fache  Mann  in  Irrtümern  befangen,  von  denen  er  unschwer  befreit 
werden  könnte.  Hat  denn  selbst  einer  der  heutigen  Chinesen  je 
einseitige  Abrüstung  beantragt?  Auch  die  Agr%sivsten  unter  ihne 
die  dem  rotgefärbten  Faschismus  völlig  Verschriebenen,  träumen 
"nur" von  einem  Sieg,  der  die  nukleare  Überlegenheit  zur  Voraus- 
setzung hat;  und  diese  wäre  wohl  nur  dann  zu  erwarten,  wenn 
sowohl  die  Amerikaner  als  auch  die  Russen  aus  unerfindlichen 


304- 

Gründen,  freiwillig  oder  unfreiwillig,  ihre  Rüstungen  aufgäben, 
um  China  allein  weiterrüsten  zu  lassen.  Ein  anderer  Denkfehler 
jenes  einfachen  Mannes  besteht  in  seiner  veralteten  Auffassung 
von  eben  dem  Tode,  den  er  der  andern  Fehlvorstellung  vorzieht; 
denn  nun  hat  der  Tod  nicht  mehr  die  idyllische  Bedeutung  des 
individuellen  Endes,  sondern  des  allgemeinen  und  endgiltigen. 
Sodaß  diesen  zu  wählen  der  sinnloseste  aller  vorstellbaren 
Beschlüsse  geworden  ist. 

Um  den  einfachen  Mann  zu  realistischer  Entscheidung  in 
der  Lage,  die  ihm  so  hohe  Verantwortung  auferlegt,  zu  befähi- 
gen, müßte  man  ihm  helfen,  nicht  in  Schlagworten  zu  denken, 
sondern  den  Dingen  auf  den  Grund  zu  gehen,  solange  es  noch  nicht 
zu  spät  ist  und  er  überhaupt  noch  Entscheidungen  treffen  kann. 
Denn  selbst  wenn  der  Kommunismus  eine  ganz  und  gar  teuflische 
Idee  wäre  und  seine  Anhänger  lauter  Banditen  und  Räuber  wären, 
die  eben  das  planen,  was  die  gehässigste  Propaganda  ihnen 
zuschreibt,  wäre  zumindest  zu  bedenken,  daß  sie  nicht  Alle  g»g 
gleich  sein  können  und  daß  sogar  zwischen  ganzen  kommunistischen 
^ändern  auffallende  Unterschiede  bestehen.  Jugoslawien  z.B.  hat 
Amerika  und  seinen  Verbündeten  nie  Feindseligkeit  gezeigt.  Die 
USSR  selbst  war  einmal  Amerikas  Kampf genos sin,  und  ohne  Stalin 
und  die  schwere  Unfreundlichkeit  auf  der  amerikanischen  Seite 
hätte  es  nie  zu  dieser  Lage  kommen  müssen.  Bevor  man  eine  Ent- 
scheidung trifft,  die  der  Inbegriff  des  Definitiven  sein  muß, 
sollte  man  aber  auch  nicht  vergessen,  daß  selbst  das  härteste 
Regime  und  System  nicht  ewig  dauert,  sondern  erfahrungsgemäß 
sich  oft  als  überraschend  kurzlebig  erweist;  daß  also  selbst 
für  den  absurdesten  Fall  einer  russischen  oder  gar  chinesischen 
Fremdherrschaft  in  Amerika  noch  nicht  aller  Tage  Abend  wäre  - 
unter  der  einzigen  Voraussetzung,  daß  die  Weltgeschichte  fort- 
gesetzt würde  und  nicht  plötzlich  zu  Ende  ginge.  Daß  dem  gegebe- 
nenfalls so  wäre,  will  ich  zu  zeigen  versuchen,  und  das  ist 
leider  nicht  schwer.  Der  einfache  Mann  hätte  also  selbst  für 
den       nach  seiner  Meinung  schlimmsten  Fall  zu  wählen?  : 
Zwischen  einem^fi$»bfö^u  Leben,  dessen  Gestaltung  er  doch 
immerhin  mitbestimmen  könnte,  und  dem  Untergang.  Würde  er,  wenn 
er  von  seiner  Gedankenfreiheit  vollen  Gebrauch  machte,  zu  dem 
selben  Resultat  gelangen,  zu  dem  die  grausam  verwirrenden 
Schlagworte  ihn  drängen? 

Ist  aber  nur  der  einfache  Mann  ein  Opfer  von  Schlagworten  ? 


305 

Wenn  ich  nicht  irre,  sind  Schlagworte  oft  genug  Namen  für 
vergangene,  nicht  mehr  existierende  Realitäten,  während 
existierende  und  entscheidende  Begriffe  zumeist  noch  nicht  recht 
benannt  sind,  weil  sie  noch  nicht  genug  erkannt  sind.  Mit  Recht 
wird  darauf  hingewiesen,  auch  von  Russelt,  daß  die  Diplomaten 
es  auf  Siege  abgesehen  haben,  statt  auf  Ausgleiche  und  Über- 
einkommen. Das  Keißt  aber,  daß  sie  in  Kategorien  denken,  die 
dem  19. Jahrhundert  adäquat  waren,  vor  allem  seiner  Krieg- 
führung; ohne  zu  verstehen,  was  das  nukleare  Zeitalter  bedeutet 
und  wie  kindisch  oder  senil  eine  solche  Auffassung  von  Diplo- 
matie heute  g^orden  ist.  An  der  Diplomatie  als  Maßstab  müssen 
wir  mit  Bestürzung  und  Grauen  erkennen,  daß  die  Mehrheit  der 
Menschen  noch  keine  realistische  Vorstellung  von  ihrer  Lage 
hat,  noch  nicht  imstande  ist,  zu  begreifen,  worum  es  geht. 
Der  gesamte  Streit  um  Kommunismus  oder  Kapitalismus  ist  in  der 
Perspektive  des  nuklearen  Zeitalters  nicht  bedeutender  als  ein- 
mal der  Hader  zwischen  Florenz  und  Pisa  war. 

Abgesehen  von  den  schäbigen    Belanglosigkeiten,  die  eine 
der  mächtigsten  Regierungen  veranlassen  könnten,  auf  den  Knopf 
zu  drücken,  um  alles  in  Agonie  und  Chaos  zu  stürzen  und  zugleich 
sich  selbst  jeder  Verantwortung  für  immer  zu  entziehen,  war  vor 
manchem  pttitischen  Forum  und  in  der  Presse  oft  von  den  Gefahren 
einer  sozusagen  unbefugten  Auslösung  der  nuklearen  Vernichtung 
die  Rede.  Wie  man  uns  versichert,  soll  einer  sochen  Möglichkeit 
in  Amerika  ein  so  schwerer  Riegel  vorgeschoben  sein,  daß  wir 
praktische  einen  solchen  Ausbruch  nicht  zu  befürchten  brauchen. 
Darüber  hinaus  hat  es  die  US  Regierung  für  notwendig  befunden, 
nicht  weniger  als  10000  Personen,  deren  seelische  Gesundheit 
für  unsicher  befunden  wurde,  aus  Stellungen,  die  mit  der  nukle- 
aren Rüstung  zusammenhängen,  in  andere  zu  übertragen.  Und  es 
kann  keinem  Zweifel  unterliegen,  daß  nach  analogen  Systemen 
ein  Maximum  an  Vorsicht  auch  in  der  Sowjetunion  und  in  den 
drei  andern  heute  in  Betracht  kommenden  Ländern  geübt  wird. 

Doch  schon  eine  bloße  Definition  der  Neurosen  begegnet 
Schwierigkeiten,  geschweige  denn  ihre  präzise  oder  wenigstens 
für  die  praktische  Vorsicht  ausreichende  Abgrenzung  gegenüber 
dem  "Normalen",  dessen  Existenz  bestritten  werden  kann  und  von 
manchen  bedeutenden  Kennern  hartnäckig  als  Legende  bezeichnet 
wird.  Diese  beklagenswerten  Unsicherheiten  führen  zusammen  zu 
dem  furchtbaren  Endresultat,  daß  wir  im  Dunkelt  tappen  und 


306 

nicht  mit  dem  als  wissenschaftlich  geltenden  Wahrscheinlichem: 

keitsgrad  zu  sagen  wissen,  mit  wessen  psychischer  Gesundheit 

gerechnet  werden  kann.  Die  Erfahrung  des  Alltags  bestätigt 

diese  grausame  Relativität  menschlicher  Zurechnungsfähigkeit 

und  Verantwortlichkeit  durch  die  häufigen  mit  dem  Sammelnamen 

des  Nervenzusammenbruchs  bezeichneten  £SO££Mföfö£  krisenhaften 

und  annähernd  katastrophalen  Phasen  im  Leben  Vieler,  die  sonst 

keine  besondern  Merkmale  der  Krankhaftigkeit  aufweisen.  Diesen 

oft  diagnostisch  schwer  zugänglichen  Fällen  ähneln  andere,  die 

• .  -r-v    ,  ,  TT  ,  „Simulation 

mit  Recht  oder  Unrecht  als  Simulanten  bezeichnet  werden,  doch 

gibt  es  auch  diverse  Mischungen  echter  und  vorgetäuschter 
Pathologie,  die?Ent Scheidungen  in  der  enorm  praktischen  Frage 
der  Verantwortlichkeit  noch  ungemein  komplizierend  wirken. 
Zwischen  den  beiden  Extremen  der  ausgesprochenen  Krankheit 
und  rein  verbrecherischer  Planung  gibt  es  allerhand  Möglich- 
keiten, die  in  den  Bedingungen  der  Gegenwart  die  größte  Kata- 
strophe auslösen  können  75).  Die  Rauschgiftseuche,  die  an  sich 
einem  andern  Gebiet  angehört,  trägt  wie  die  Neurosen  mit  allen 
ihren  Folgen  zur  Unsicherheit  unserer  Lage  nicht  wenig  bei. 
Wenn  hingegen  ein  Psychiater  versichert,  Fälle  ausgesprochener 
Schizophrenie  seien  relativ  selten,  so  ist  das  in  unserem 
Zusammenhang  ein  ziemlich  unangebrachter  Beruhigungsversuch, 
denn  praktisch  "SÄ  es  gewiß  weniger  dieiS^^^^^^^x  sondern 
die  ^ae±xsa^snK&äsc±sn  unter  Intellektuellen  und  Halbintellek- 
tuellen, wenn  auch  nicht  nur  unter  solchen,  unübersehbar  weit 
verbreiteten  Neurosen,  die  den  psychologischen  Gesundheitszustand 
der  Gesamtbevölkerung  kennzeichnen.  So  scheint  es  nicht  allein 
technisch,  sondern  auch  psychologisch  durchaus  möglich,  daß 
Unbefugte  den  allgemeinen  Untergang  herbeiführen. 

Muß  schließlich  noch  ausdrücklich  hervorgehoben  werden, 
daß  das^iSt  die  vielen  Unbefugten  Gesagte  auch  für  die  wenigen 
Befugten  gilt?  Woher  haben  wir  eine  Gewähr  für  ihre  psychische 
Gesundheit?  Sollten  wir  uns  nicht  vor  allem  hüten,  ihre  zuweii 
len  allzu  deutlich  sichtbare  Bedrängnis  noch  zu  verschlimmern? 
Sollten  nicht  diejenigen,  die  das  können,  bemüht  sein,  ihnen 
in  ihren  Schwierigkeiten  zu  helfen,  um  zu  verhindern,  daß  ihre 
Lage  jemals  ausweglos  werde?  Doch  wenn  man  die  Untergebenen 
75)  Ein  phantasievoll  und  klug  geschriebener  Roman  von 
Eugene  Burdick,  Fail  Safe,  McGraw-Hill,  New  York  1962, 
gibt  über  diese  Möglichkeiten  hübschen  Anschauungsunterricht. 


307 

und  Ratgeber  der  Obersten  und  sicherlich  nicht  Beneidenswerten 

mustert,  so  gut  es  ein  Außenstehender  kann,  nimmt  das  Gefühl 

der  Sicherheit  nicht  merklich  zu.  Man  möchte  ihnen  und  Allen 

wünschen,  daß  sie  die  Tragweite  ihrer  Arbeit  in  dieser  beispi 

losen  Epoche  verstehen.  Und  daß  sie  das,  worauf  es  ankommt, 

rechtzeitig  erfassen,  nicht  zu  spät. 

Denn  man  kann  völlig  sicher  sein,  daß  im  letzten  Moment 

auch  die  Staatsführer,  Rüstungsindustriellen,  Generäle  und 

Diplomaten  sich  und  die  Ihren  werden  retten  wollen,  aber  sie 

werden  es  nicht  mehr  können,  und  ihre  unterirdischen  Festungen 

werden  ihnen  wenig  helfen.  Wenn  nicht  auch  sie  bald  umkehren. 

Wenn  nicht  endlich  Amerika  sich  mit  dem  bisher  vergossenen 

Blut  der  Asiaten  und  Amerikaner  begnügt  und  seine  Jugend  aus 

restlos, 

dem  fernen  Vietnam  weise,  großmütig  und  heroisch«  zurück- 
beruft. Und  wenn  die  Sowjetunion  sich  nicht  gründlich  auf  ihre 
Möglichkeiten  zu  Gunsten  einer  systematischen  und  konsequenten 
Friedenspolitik  besinnt,  den  von  aller  Welt  gewürdigten  Erfolg 
ihrer  Methode  in  Taschkent  auf  alle  bestehenden  und  kommenden 
Situationen  anwenden  lernt,  zunächst  auf/.  Südostasien  Tind  auf 
den  -Nahen  Osten.  Und  wenn  nicht  das  kommunistische  Vietnam, 
mit  den  kommunistischen  Großmächten  oder  ohne  sie,  Amerikas 

3B^BBB§^gB^|Bge'bote  mit  aller  ünvoreingenommenheit  und  Elasti- 
iTeTlweise 

zität  prüft  undy\annimmt ,  um  den  Gegner  nicht  zu  noch  viel 
schlimmerem  Unheil  zu  drängen.  Und  wenn  nicht  bald  die  ganze 
Menschheit  sich  an  einen  riesengroßen  Verhandlungstisch  setzt, 
um  nicht  einen  Zustand  heraufzubeschwören,  in  dem  es  keinen  Sü 
Tisch,  keinen  heilen  Körper  und  kein  richtig  funktionierendes 
Gehirn  mehr  geben  kann. 


Womit  beschäftigen  sich  Menschen  heute? 

Heute  -  das  ist,  wie  nun  Alle  wissen  sollten,  aber  immer 
noch  nicht  Alle  wissen  wollen,  die  Zeit  mehrerer  Gefahren, 
deren  jede  das  Leben  auf  Erden  in  Frage  stellt,  und  einer 
einzigen  Gefahr,  die  das  unerbittliche  Ende  bedeutet.  Um  die 
vorliegende  Arbeit  nicht  unnötig  zu  verlängern,  will  ich  der 
Frage,  was  die  Menschen  in  dieser  Zeit  tun,  nicht  gründlich 
nachf orscheny  und  die  Fülle  des  Informationsmaterials,  das 
durch  eigene  Beobachtung  und  in  Bibliotheken  zu  finden  ist, 
unberührt  lassen.  Scjgebe  ich  also  nur  einige  Antworten,  die 
auf  der  Hand  liegen. 

Die  Meisten  (lassen  wir  nun  nähere  Bestimmungen 


308 

wie  auch  prozentuelle  Schätzungen  dahingestellt)  tun,  was 
Leute  seit  Menschengedenken  getan  haben.  Sie  gehen  ihrem  Erwerb 
nach,  essen  und  trinken  soviel  sie  wollen  oder  können,  haben 
diverse  Genüsse,  zu  denen  auch  der  Sport  des  ^agens  und  Tötens 
gehört,  zeugen  und  gebären  oder  vermeiden  Zeugung  und  Geburt. 
Auf  der  Suche  nach  Bereicherung  und  Vorteil  geraten  sie  zuweü 
len  in  das  Verbrechen,  in  dessen  Bereich  sie  solchen  begegnenf 
die  aus  andern  Motiven  dahin  gelangt  sind.  Viele  leben  in  bit- 
terer und  oft  so  verdummender  Not,  daß  sie  selbst  nicht  recht 
wissen,  womit  sie  eigentlich  ihre  Zeit  verbringen.  Manche 
schaffen,  und  das  tun  sie  entweder  im  Bewußtsein  (oder  im 
Gefühl)  der  begrenzten  Zeit,  die  ihnen  noch  zur  Verfügung 
steht  und  mit  dem  Wunsche,  diese  Spanne  möglichst  sinnvoll  zu 
verwerten;  oder  aber,  um  sich  selbst  von  der  Realität  abzu- 
lenken, ihr  zu  entrinnen.  Dazu  benützen  zahllose  Andere  billi- 
gere, nämlich  käufliche  Mittel,  die  sie  axs  aus  der  Wirklichkeit 
hinausgelangen  und  das  finden  lassen,  was  sie  in  ihr  nicht  fin- 
den, sodaß  der  Widerstand  gegen  solchen  Anreiz  Charakter  er- 
fordert. Manche  sammeln  Brfef marken,  graben  nach  Resten  chalko- 
lithischer  Kulturen,  schreiben  Studien  über  Heraldik.  Doch  ist 
es  keineswegs  eine  allzu  gewichtige  Mehrheit,  die  sich  mit 
dem  Zeitfernen  und  Inalcfcuellen  befaßt  oder  sich  in  Indifferenz 
verschanzt.  Eine  zahlenmäßig  nicht  zu  verachtende  Kategorie 
bilden  ja  die  Köpfe  und  Hände  der  Kriegsindustrie  einschließ- 
lich der  Erzeugung  von  A-  und  H-Bomben,  der  Raumforschung  ein- 
schließlich der  so  praktische  gewordenen  Astronomie  und  Mathe- 
matik und  aller  andern  vom  Rande  des  Abgrunds  nicht  mehr  fernen 
Spiele.  Mit  ihnen  teilen  noch  die  Technologen,  Naturwissenesta 
schaftler,  Psychologen  und  Politiker  die  Beschäftigung  mit  Zeit- 
Problemen,  die  zu  einem  gewissen  Teil  allerdings  eine  verkehr- 
te, sinnwidrige  Beschäftigung  ist,  ein  Drängen  der  Energien 
geradewegs  zum  Abgrund.  Dieser  Kategorie  gehören  schließlich 
sämtliche  Soldaten  an,  die  schon  kämpfenden  und  die  bereitge- 
haltenen, lernenden  und  übenden,  aber  auch  die  Knaben,  die 
ihre  Einberufung  erwarten. 

Womit  beschäftigten  sich  die  Meisten  am  28. Oktober  1962, 
als  manche  ihrer  Mitmenschen  mit  verhaltenem  Atem  am  Radio 
saßen  und  die  zu  Greueln  gewordenen  Routineprogramme  hinnahmen, 
um  zu  erfahren,  ob  Chruschtschew  seine  Kriegsschiffe  mit 
Kennedvs  Blockadeflotte  zusammenstoßen  lassen  oder  sie  doch 


309 

noch  zurückberufen  würde.  Den  Rand  des  Abgrunds,  aus  dem  es 
keine  Rückkehr  gibt,  hatten  wir  mit  einem  Fuß  schon  überschrit- 
ten. Ich  war  in  den  Vereinigten  Staaten  und  kannte  ein  Eltern- 
paar, das  sich  in  eben  jenen  Stunden  über  eine  Kindergärtnerin 
beschwerte,  die  seinem  Kind  nicht  genügende  Aufmerksamkeit 
erwiesen  hatte;  statt  daran  zu  denken,  wie  lange  das  Kind  noch 
leben  und  Nahrung,  Eltern  und  ein  Obdach  haben  xft  würde.  Als 
ein  Knabe  seinen  Vater  fragte,  wo  man  sich  denn  bergen  könne, 
mußte  dieser  schweigen;  er  konnte  ihm  nur  raten,  nicht  hinauf- 
zuschauen, weil  man  vom  Anblick  erblinden  könne.  Man  war 
gewohnt,  in  der  Wir-Form  zu  sprechen,  aber  in  jenem  Moment 
brach  das  Ich  hervor,  als  der  Junge  bitter  klagte:  "Ich  habe 
erst  so  wenig  gelebt  und  nichts  verbrochen!"  Manche  verstanden 
bald  darauf,  daß  ohne  die  Einsicht,  das  Heldentum  und  den 
Opfermut  Chruschtschews  nie  mehr  ein  Nobelpreis  hätte  verliehen 
werden  können. 

An  jenem  Tage  hielt  das  Geschäftsleben  aber  nicht  inne, 
Kinos,  Restaurants  und  Lokale  anderer  Kategorien  waren  so  voll 
wie  sonst,  auch  die  Schönheitssalons,  und  in  den  Museen  er- 
zählte das  gleichgeschaltete  Personal  den  Besuchern,  Picasso 
sei  ein  Genie  und  Moore  ein  Bildhauer.  Die  Gerichte  registrier- 
ten die  durchschnittliche  Anzahl  von  Klagen.  Das  TV  brachte 
die  normalen  Brutalitäten.  Die  Kriminalpolizei  hatte  nicht  weni 
ger  zu  tun  als  sonst.  Die  Leichenbestattungsanstalten  arbeite* 
ten  wie  gewöhnlich  und  nur  Wenige  dachten  an  die  Möglichkeit, 
daß  die  Toten  noch  am  selben  Tage  beneidenswert  werden  könnten. 
In  Klöstern  sprach  man  einander  Mut  zu,  betete  inniger  und  er- 
wartete das  Heil  von  einer  wunderbaren  Wendung. 


Von  öffentlicher  Meinung 

In  Diktaturen  ist  eine  öffentliche  Meinung  im  demokrati«z 
sehen  Sinne,  oder  zumindest  deren  Äußerung,  naturgemäß  nicht  s 
möglich,  am  wenigsten  im  heutigen  China,  wo  der  alte  Mao  die  £ 
Jugend  erobert  hat  und  beide  in  seiner  stürmischen  Apotheose 
reichliche  Ersatzbefriedigung  finden.  Die  ihm  vor  ihrer  Zoit 
als  Huldigung  überreichte  H-Bombe  ist  das  Symbol  der  Erfüllung, 
der  Erfülltheit  des  Volkes  von  seinem  Geiste,  neben  dem  es  nicht 
«aa&sr  zeitgenössischen  noch  antiken  Geist  iQ»  wo&  geben  soll 

D^iirChi»e8rn  restlose  Annahme  alle  AnsprücheaM£  eigenes  ' 
denken  erloschen  sollen. 

Die  Sowjetunion  ist  wohl  näher  daran,  freie  Meinungs- 


310 

äußerung  zuzulassen,  doch  gut  Ding  braucht  Weile.  Ihr 
allgemeines  Tempo  ist  wohl  eine  seltsame  Synthese  von 
rasender  Geschwindigkeit  und  zähem  Ausharren,  doch  in  der  Frage 
der  Meinungsfreiheit  neigt  sie  eher  zu  einer  gewissen  Starr- 
heit. 

In  Amerika  hat  Meinungsäußerung  als  solche  nichts  Revo- 
lutionäres an  sich,  sondern  ist  Bürgerrecht  und  geachtete 
Tradition.  Sie  hat  ihr  wohlgebautes  Rahmenwerk  und  man  übt  sie 
auf  legalen,  halblegalen  und  illegalen  Wegen  aus,  wählend, 
demonstrierend,  schreiend,  raufend  und  schießend,  und  all  das 
im  stolzen  Bewußtsein  des  Hausherrn,  ob  diese  Vorstellung  nun 
ganz  realistisch  oder  zum  Teil  Illusion  sei. Mit  der  Erforschung 
der  öffentlichen  ^einung^sich  zwar  vorwiegend  private  Institu* 
tionen  und  Individuen,  doch  sind  ais  Fälle  falscher  Wiedergabe 
oder  gefälschter  Statistik  bisher  nie  bekannt  geworden;  ver- 
suchen wir  einen  Querschnitt. mil  Tau^innem  wir  da,  wo  die 
Richtigkeit  der  Wiedergabe  keinem  Zweifel  unterliegen  kann, 
l  amerikanischen  Senat. 

Der  Senator  Wayne  Morse,  der  nach  früheren  Etappen  seines 
politischen  Werdegangs  sich  den  Demokraten  anschloß  *md  oo 
^ft^feeigenosse  des  Präsidenten  Johnson  wurdo,  nimmt  als  Mit- 
glied der  Senatskommission  für  Außenpolitik^  doron  Vorsitzen- 
der V«W«  ffulbrigfct— is-ky  eine  besonders  einflußreiche  Stellung 
ein,  \km.  16. März  1966  horchten  Amerika  und  andere  Länder  auf, 
als  M6rse  erklärte:  "Die  Vereinigten  Staaten  sind  die  größte  & 
Drohung  für  den  Frieden  auf  diesem  Globus,"  Mit  Bezugnahme 
auf  das  amerikanische  Vorgehen  in  Vietnam,  das  er  "weder 
rechtliih  noch  sittlich"  nannte,  fragte  er:  "Mit  welchem 
Recht  spielen  wir  die  Polizisten  der  Welt?"  Später  fügte  er  fe± 
hinzu,  es  seia  nur  eine  Frage  der  Zeit,  wann  China  "auf  unsere 
Gesetzlosigkeit  (outlawry)  wird  erwidern  müssen";  doch  "Es  ist 
für  das  Volk  der  Vereinigten  Staaten  noch  nicht  zu  spät, 
darauf  zu  bestehen,  daß  seine  Regierung  in  ihrer  Außenpolitik 
nach  unseren  religiösen  Prinzipien  handle."  DeiatyPräoidcntcn 
nannte  er  "das  Opfer  unzulänglicher  (poor)  Beratung"  und 
warnte:  "Wenn  wir  das  erste  russische  Schiff  versenken,  sind 
wir  mit  Rußland  im  Kriegszustand  und  der  dritte  Weltkrieg  wird 
begonnen  haberL  "> 

Um  sowohl  das  rein  deskriptive  Aufzeigen  von  Tatsachen 
als  auch  Zitate  auf  das  unerläßliche  Minimum  zu  beschränken, 
unterlasse  ich  eine  Schilderung  der  innerlich  großen  und  in 
ihrem  Umfang  mehr  als  beträchtlichen  Bewegung  des  Widerstan- 


3H 

des  gegen  Krieg  überhaupt  und  gegen  den  Krieg  in  Vietnam  und 
die  Vorbereitung  des  weitaus  größeren  Unheils;  auch  die  Dar- 
stellung von  Persönlichkeiten  dieser  Bewegung  und  der  Märtyrer, 
die  durch  Aufopferung  ihres  Lebens  viele  Menschenleben  zu 
retten  gedachten,  scheint  mir  eher  einer  besonderen  Studie 
würdig.  In  manchen  ihrer  Verzweigungen  und  Ausdrucksformen 
scheint  diese  Bewegung  dem  Kommunismus  nahe,  doch  beruht 
dieser  Anschein  vorwiegend  auf  der  seit  Hitler  üblichen 
Bezeichnung  alles  Unbequemen  als  kommunistisch.  Daß  sie  auch 
die  gläubigsten  Katholiken,  ja  Jesuiten  umfaßt,  wäre  unter  der 

Voraussetzung  psychologischer  Normali- 
tät des  Beurteilenden  gewiß  ein  reichlich  genügendes  Alibi, 
doch  müssen  wir  ja  in  unserer  Generation  unaufhörlich  erle- 
ben, daß  eine  solche  Voraussetzung  nicht  zutrifft.  Daher  erle- 
ben wir,  daß  die  gewaltige  Seelenkraft,  die  in  all  dieser 
Hingabe  zum  Ausdruck  kommt,  der  Macht  der  Rüstungsindustrie 
und  der  Unzähligen,  die  deren  Interessen  wenn  auch  bona  f ide 
vertreten,  nicht  gewachsen  ist.  Dennoch  ist  die  moralische 
Kraft  der  Bewegung  bedeutend  genug,  um  nah  und  fern  Bewunderung 
auszulösen,  und  diese  ist  so  menschlich  und  so  natürlich,  daß 
Fehlschlüsse  über  ihre  praktische  Bedeutung  und  über  das  Ver- 
hältnis zwischen  ihr  und  den  Kräften  des  Regimes  naheliegen. 
Seit  langem  mußte  man  den  Eindruck  gewinnen,  daß  die  Regierung 
Nordvietnams  a  und  wohl  auch  die  politische  Führung  der  Viet- 
kong  von  der  Opposition  in  Amerika  entscheidenden  Einfluß  er- 
warten, vom  Druck  der  Opposition  auf  die  amerikanische  Regie* 
rung  eine  für  den  Frieden  direkt  belangvolle  Wendung  erhoffen 
und  diese  Hoffnung  zu  einem  Teil  ihrer  Planung  gemacht  haben. 
Eine  Gruppe  von  führenden  Oppositionellen    in  Amerika  fühlte  s 
sich  deshalb  verpflichtet,  die  vietnamischen  Kommunisten  darü- 
ber aufzuklären,  daß  sie  die  realen  Kräfte  der  amerikanischen 
Opposition  überschätzender  Warnung  stimmte  diTRe^ung 
natürlich  zu.  Es^i^-eln  ungewöhnlicher  Fall  gemeinsamer  Inter- 
essen indej^elgentlich  strittigen  Frage,  da  beide  Seiten,  wenn 
3ht^Te,  die  unnötige  Verlängerung  des  Krieges  vermeiden 
-en.> 

Gewiß,  das  Regime  ist  so  stark,  daß  wer  es  schwach  nennt, 
nur  ein  Blinder  oder^ein  Prophet  sein  kann.  Die  Regierung  mag 
zuweHen  überrascht Asein,  etwa  wenn  Offiziere  sie  gerichtlich 
klagen,  weil  ihr  Verlangen  nach  Entlassung  vom  Militärdienst 
in  Vietnam  abgelehnt  wurde  und  wenn  sie  sich  in  ihrer 


.  312 

Begründung  auf  den  13.  Zusatz  zur  Konstitution  beriefen,  der 
Sklaverei  verbietet.  Die  Regierung  bedient  sich  auch  ihrerseits 
legaler  Mittel,  wenn  Soldaten,  die  sich  nicht  nach  Vietnam 

einschiffen  wollen,  mehrjährige  ^£^^MS^&S^^J°Ch 
gerade  angesichts  solcher  Reibungen^ t  cino  1966  veranstaltete 
Befragung  amerikanischer  Soldaten  in  Vietnam  charakteristisch. 
Die  meisten  der  Befragten  waren  im  Alter  zwischen  18  und  20. 
Nur  ein  kleiner  Teil  von  ihnen  schwankte  oder  gab  Gewissens- 
zweifel zu.  Die  Gesinnung  der  meisten  entsprach  dem  Kriegs- 
dienst, und  manche  wiederholten  genau  die  offizielle  Version, 
es  sei  klüger,  den  Kommunismus  in  Vietnam  zu  bekämpfen  als 
in  Amerika.  Obwohl  es  noch  leichter  wäre,  eine  militärische 
Enquete  zu  fälschen  als  eine  zivile  und  man  die  Äußerungen 
Andersdenkender  ja  nur  zu  verschweigen  brauchte,  scheint  die 
Echtheit  der  Wiedergabe  durch  eine  einfache  Erwägung  gesichert: 
Wenn  nicht  eben  das  die  Denkungsweise  der  meisten  Soldaten 
wäre,  wäre  der  Krieg  ja  schon  längst  beendet. 

<Ber  Meinung  der  jüngsten  Soldaten  steht  allerdings  die 
eines  Veteranen  gegenüber,  Donald  Duncan,  der,  in  Kanada 
geboren,  ssUjh  freiwillig  den  Green  Berets  anschloß,  einer 
amerikaniscmn  Kampf truppe,  die  für  schwierige  Aufgaben 
spezialisiertest,  und  schließlich  mit  der  Auszeichnung  des 
Silver  Star  heimkehrte,  die  er  sich  durch  Planung  und  Kampf 
gegen  die  VietkongNrardient  hatte.  Auch  er  hatte  sich  jene  offi-| 
zielle  Version  zu  eigen  gemacht.  Wie  er  aber  nach  einem  CP- 
Bericht  vor  600  Studenten  der  University  of  British  Columbia 
erzählte,  begann  er  an  der\Berechtigung  jener  Version  zu 
zweifeln,  als  er  sah,  wie  unbeliebt  die  Amerikaner  in  Südvieta 
nam  sind  und  gelegentlich  sogai\beschossen  werden.  In  der 
gewaltigen  Armee,  die  Amerika  seit  dem  zweiten  Weltkrieg  unter- 
hält, sieht  er  nun  ein  Instrument  d&r  Interessen  mächtiger 
Firmen.  Es  sei  die  systematische  Propaganda,  die  den  Bürger 
glauben  macht,  Krieg  diene  der  SicherherU  Der  Kriegsveteran 
lief  seine  Hörer  auf,  den  amerikanischen  Drückebergern  zu 
helfen,  die  in  Kanada  Zuflucht  suchen,  denn  aas  seien  die 

Amerikaner,  die  wirklich  Gefühl  für  ihr  Land  habe\.> 

Doch  gibt  es  noch  einen  Maßstab  für  die  Haltung  der 
Soldaten,  der  viel  weniger  als  eine  Meinungsäußerung  ist, 
aber  auch  viel  mehr  als  eine  solche.  Es  ist  ein  erschreckender 


1{  313 
Prozentsatz,  1  1/2  %  aller  amerikanischen  Soldaten  in  Vietnam, 
die  dort  in  solche  Zustände  geraten  sind,  daß  sie  psychiatri- 
scher Behandlung  bedürfen.  Von  keinem  früheren  Kriegsschau- 
platz ist  dergleichen  bekannt,  sodaß  es  also  nicht  die  Stra- 
pazen, Gefahren  und  physischen  Leiden  sein  können.  NäherjLäge 
die  Vermutung,  daß  ein  innerer  Konflikt  die  psychologische 
Zerrüttung  verursache.    Wenn  Menschen  zu  Prinzipien  oder 
Idealen,  mit  denen  sie  gefühlsmäßig  verbunden  sind,  in  ihrem 
Handeln  in  einen  schroffen  Gegensatz  geraten,  freiwillig  oder 
unfreiwillig,  und  ihren  emotionalen  Widerstand  durch  interna ivo 
Verdrängung  bekämpfen,  kommt  es  zu  Ausbrüchen,  die  je  nach  der 
Prädisposition  und  andern  individuellen  Faktoren  verlaufen. 
Je  stärker  jener  innere  Widerstand  ist,  desto  lauter  sucht 
man  ihn  zuweilen  zu  übertönen.  Wenn  psychologische  Untersuchun- 
gen objektiv  und  genau  durchgeführt  werden,  können  sie  jeden- 
falls ergeben,  daß  die  offiziellen  Versionen  nicht  so  schnur- 
gerade aus  den  Tiefen  des  Menschen  kommen. 

Noch  lehrreicher  wird  es  sein,  die  primitive  und  herz- 
hafte, wenn  auch  nicht  unproblematische  Zustimmung  der  mobili- 
sierten Jungen  zur  Linie  der  Regierung  mit  der  Haltung  von 
Intellektuellen  zu  vergleichen,  die  ein  Maximum  ggp  houto  snas 
ftr-reichbaron  Sachkenntnis  und  den  Durchschnitt  an  Urteilsfähig- 
keit  und  Phantasie  doutlioh  überragen.  Herman  Kahn  ist  Autor 
von  zweifrhorico  boachtoton  wio  um<3 tritt onon) Büchern  76),  in 
76)0n  Thermonuclear  War.  Princeton  University  Press  1960.- 
Thmking  about  the  Unthinkable.  Horizon  Press,  New  York  1962.1 
denen  er  die  brennenden  Prägen  mit  erstaunlicher  Kühle  behan- 
delt. In  Anbetracht  der  Erscheinungsdaten  ist  es  nicht  verwun- 
derlich, daß  er  China  so  ziemlich  links  liegen  läßt  und  seine 
eigentlichen  Spekulationen  auf  die  veraltete  Voraussetzung  gzft 
gründet,  daß  nur  Amerika  und  die  Sowjetunion  einander  gegen- 
überstehen. Doch  seine  andern  Schwächen  sind  weit  schlimmer, 

w!derspLgelnt0matiSCh  ****  ^  V±el  m6hP  als  einen  Beifall 
*  Er  kann  nicht  *eefefc  glauben,  daß  sich  der  große 

Krieg  durch  Verhandlungen  vermeiden  ließe.  Das  einzige  Mittel, 

das  in  Sicht  ist,  um  die  Vermeidung  wenigstens  zu  versuchen, 

sei  die  Abschreckung,  die  nicht  stillstehen  darf  und  die  des 

Gegners  womöglich  immer  übertreffen  muß.  Die  Kommunisten  stellt 

auch  er  sich  als  Imperialisten  vor,  deren  Ziel  es  ist,  Amerika 


314 

zu  erobern  oder  zur  Kapitulation  zu  zwingen. In  der  Hülle 
viel  komplizierterer  Erwägungen  kehrt  die  primitive  Formel 
wieder,  Amerika  müsse  entweder  kapitulieren  oder  zur  Vertei- 
digung seiner  Freiheit  bereit  sein»  "Kurz,  es  ist  die  über- 
einstimmende Auffassung  Amerikas,  daß,  solange  die  kommunisti- 
sche Partei  in  der  Sowjetunion  herrscht,  ein  krisenhafter 
Zustand  (subcrisis)  besteht,  gleichviel  was  ihre  Führer  tun 
oder  sagen  ("Thinking..",p.l89)»  Der  deshalb  als  unvermeid- 
lich anzusehende  nukleare  Krieg  werde  nicht  so  schlimm  sein, 
denn,  obwohl  von  der  unüberwindlichen  Furcht  vor  dem  ersten 
Angriff  ausgelöst,  werde  er  nicht  total  (all-out)  geführt 
werden,  sondern  planmäßig,  bedächtig  (cpntrolled). Warum  der 
Krieg  nicht  total  zu  sein  braucht,  erfährt  Motivierungen,  die 
bei  Erwachsenen  überraschen: "erstens  hat  es  keinen  Sinn, 
zweitens  braucht  es  nicht  wahr  zu  sein"  (ebenda, S. 72).  Der 
Krieg  werde  wahrscheinlich  weniger  als  30  Tage  dauern;  doch 
vielleicht  nur  30  Minuten  (ebenda, S. 82;  vgl.S.  ).  Während  die« 
ses  Krieges  werde  es  auch  eine  Diplomatie  geben,  und  diese 
werde  dann  leichter  erreichen  können,  was  sie  vor  dem  Kriege 
und  ohne  ihn  nicht  erreichen  konnte.  Man  werde  eine  Reihe 
von  Städten  zerstören  und  durch  Drohungen  und  Erpressungen 
die  Vergeltung  einschränken.  Wohin  während  dieser  30  Tage  oder 
30  Minuten  so  eine  Diplomatie  führen  soll,  sagt  uns  der  Verfas- 
ser, der  Berater  des  amerikanischen  Verteidigungsministeriums 
war  oder  ist,  auf  S.154  desselben  Buches:  "Sie  wissen  ja  besser 
als  wir",  würde  man  dem  Feinde  zu  sagen  haben,  "was  für  ein  Sa 
Land  Sie  nach  dem  Kriege  haben  wollen.  Wählen  Sie  unter  den 
großen  Städten  diejenigen,  deren  Zerstörung  Sie  wünschen, 
und  wir  werden  sie  zerstören,  ohne  daß  Sie  sie  zu  zerstören 
brauchen."  Wenn  der  Krieg  in  der  Mitte  oder  am  Ende  der  60er 
Jahre  stattfinde,  wäre  der  Gegner  imstande,  73%  bis  100%  von 
der  Bevölkerung  der  Vereinigten  Staaten  zu  töten.  Um  dieses 
Ergebnis  zu  erreichen,  hat  also,  wie  früher  erwähnt,  alles,  was 
die  andere  Seite  sagen  will,  nur  als  Teil  eines  Krisenzustandes 
behandelt  zu  werden.  Das  ist  wohl  unthinkable,  aber  ist 

das  thinking?  r- 

\snicht  einfach 
Mr.  Kahn  ist  trotz  allem^ifeein  Kriegshetzer,  im  Gegen- 
teil, einzelne  Stellen  klingen,  wenn|auch  unter  Einbuße  an 
Konsequenz,  ziemlich  vorurteilsfrei  und  beinahe  pazifistisch. 
Seine  Bücher  sind  beiweitem  besser  als  manche  andern,  in  denen 


noch 


515 


| 


gute  Absichten  yfsat  schwerer  zu  entdecken  sind.  Er  ist 
vielleicht  der  intelligenteste  Repräsentant  einer  ganzen 
Schule,  Es  ist  auch  gewiß  nicht  gerade  seine  persönliche 
Schuld,  daß  er  vor  lauter  Realismus  in  einen  Irrealismus  gerät, 
in  dem  er  das  eigene  Land  die  angeblichen  Absichten  des  Feindes 
selbst  ausführen  läßt.  Wenn  das  'iffeifo  4£e  Ideen  von  Wissenschaft 
lern  und  Beratern  sind,  wie  sollen  die  Denkprozesse  der  ein- 
fachen Leute  aussehen? 

Vor  vielen  Jahren  erlebte  ich  einen  verzweifelten  und 
kurzen  Aufstand,  der  von  einer  ebenso  schwachen  wie  grausamen 
Regierung  blutig  unterdrückt  wurde.  Mitten  in  den  Ereignissen 
hörte  ich  einen  armen  Kerl  salbungsvoll  sagen:  "Was  die  Regie- 
rung tut,  ist  wohlgetan."  Das  war  klassischer  Anschauungs- 
unterricht über  Volksmeinung.  So  ziemlich  überall  gibt  es  ja 
einen  hübschen  Prozentsatz  von  infantilen  Erwachsenen,  die 
keine  Meinung  haben  und  eben  diese  bei  allen  Gelegenheiten 
zum  besten  geben.  Wenn  eine  Regierung  sich  auch  verpflichtet 
fühlt,  mit  der  Volksmeinung  zu  rechnen,  liefert  eine  so 
amorphe,  richtungslose  und  reaktionsunfähige  Mentalität  ihr  die 
gebrauchsfertige  Möglichkeit,  zu  tun,  was  immer  sie  mag, 
ohne  zu  allen  diesen  Leuten  in  einen  definierbaren  Gegensatz 
zu  kommen. Schon  minimale  und  routinemäßige  propagandistische 
■Nachhilfe  genügt,  um  die  gesamte  Indifferenz  gewissermaßen  zu 
aktivieren  und  sie  zur  Stimme  des  Volkes  zu  machen,  wobei  die- 
jenigen, die  eine  Meinung  haben,  u.zw.  die  dem  Regime  genehme 
oder  eine  über  sie  noch  hinausgehende,  willkommene  Dienste 
leisten.  So  wird  die  Tragödie  der  Demokratie  verständlich, 
die  immer  wieder  sich  selbst  schwere  Stöße  versetzt,  schließ- 
lich auch  solche,  die  sie  und  alles  in  den  hoffnungslosen 
Abgrund  schleudern  können.  In  diesem  Sinne  wurde  eine  im 
Dezember  1965  für  das  Columbia  Broadcasting  System  durchge- 
führte Enquete  zu  einer  gräßlichen  Enthüllung:  Mehr  als  die 
xxx^^^öa^^d^c  Hälfte  der  Bevölkerung  der  Vereinigten  Staa* 
ten  as±  dieser  Dokumentation  zufolg^Äer  Benützung  nuklearer 
Bomben  in  Vietnam  nicht  abgeneijplKgffl würden  dicoca  Mittel 

77)  Die  Befragung  wurde  von  der  Opinion  Research  Corporation,  *33s 
Princeton,  N.J.,  durchgeführt,  die  Berichte  über  das  Ergebnis 
stammen  von  der  Associated  Press. 

 ifi 


non  Umständon  bonütat  worden  sollen,  si 

58%  lohnton  oio  ab,  10%  nahmen  nicht  Stellung.- -töfas- 


[2%  au, 


316 

So  ist  es  also  nicht  richtig,  daß  die  amerikanische  Regierung 
sich  über  die  Meinung  ihres  Volkes  hinwegsetzt.  Nichtig  ist  viel- 
mehr, daß  in  den  über  Sein  oder  Nichtsein  entscheidenden  Stun- 
den das  Majoritätsprinzip  aufs  neue  zum  Problem  wird,  indem  die 
denkenden  Köpfe  durch  die  andern  Köpfe  und  duch  die  tätigen 
Hände  in  eine  fast  ohnmächtige  Lage  gedrängt  sind.  Solange  wir 
aber  leben,  dürfen  wir  an  den  Aussichten  des  Appells  an  die  ele- 
mentare Vernunft  nicht  verzweifeln.  Erheben  wir  unsere  Stimme, 
auch  wenn  wir  fürchten,  daß  sie  nicht  gehört  wird.  Und  auch  wenn 
wir  mehr  als  das  zu  befürchten  haben  78). 

78)  Diese  Revision  des  Begriffes  der  Demokratie  wird  in  der 
durch  ihren  Mißbrauch  geschaff eben  äußersten  Not  unerläßlich. 

Vergessen  wir  aber  auch  nicht,  daß  es  so  etwas  wie  eine 
Weltmeinung    doch  noch  gibt,  auch  in  den  neutralen  und  ii^ien  mit 
Amerika  mehr  oder  weniger  verbündeten  Ländern.  Wenn  injien  Staaten 
außerhalb  Amerikas,  den  kommunistischen  und  den  nicht kommunisti- 
schen, Befragungen  in  vollem  Umfange  stattfänden,  würde  sich 
wahrscheinlich  zeigen,  daß  auch  die  Menschen  unserer  Zeit  zu 
leben  wünschen  und  kommenden  Generationen  Leben  ermöglichen  wol- 
len. Nationale  und  internationale  Konferenzen  von  Politikern  und 
Nichtpolitikern,  Wissenschaftlern  und  Vertretern  verschiedener 
Kirchen  und  Weltanschauungen  bestätigen  diese  Gewißheit  mit  ihren 
manchmal  rückhaltlosen  und  hochherzigen  Resolutionen,  die  in 
andern  Generationen  die  Menschheit  in  höchste  Erregung  versetzt 
hätten,  aber  heute  allzu  ephemere  Eindrücke  hervorrufen.  So  er- 
ging es  auch  de  Gaulle s  Rat  an  Amerika,  sich  in  vollem  Bewußtsein 
seiner  Kraft  aus  Vietnam  freiwillig  zurückzuziehen,  der  seiner- 
zeit von  65%  der  befragten  Franzosen  gutgeheißen  wurde.  Doch 
lassen  wir  uns  keinesfalls  darüber  täuschen,  in  welchem  Maße  das 
Los  des  Planeten  von  Amerika  abhängt. 

Wohin  dessen  Öffentliche  Meinung  tendiert,  ist  zwar  eine 
höchst  belangvolle,  aber  nicht  die  einzig  entscheidende  Frage, 
denn  sie  wird  von  der  andern  Frage  durchkreuzt,  in  welchem  Grade 
die  Öffentliche  Meinung  auf  die  Geschehnisse  wirkt,  was  wir  also 
von  ihr  zu  erwarten  haben.  Soweit  das  ein  amerikanisches  Problem 
bildet,  ist  woh^Jgsine  Stimme  kompetenter  als  die  des  Senators 
Fulbright,  der  ddax  niederschmetternde  Enthüllung  machte:  der 
Präsident  beherrsche  den  Kongreß  in  so  überwältigendem  Maße,  daß 
er,  wenn  er  wollte,  das  Land  morgen  in  einen  dritten  Weltkrieg 
führen  könnte» 


320 

Das  Recht 

Der  Gemordete  soll  einmal  den  Mörder  gefragt  haben, 
mit  welchem  Recht  -  aber  er  konnte  nicht  zu  Ende  fragen. 
Die  Frage  an  sich  war  allerdings  nur  in  einer  Zeit  möglich, 
in  der  eine  gewisse  Beziehung  zum  Recht  allgemein  war, 
auch  in  der  Mentalität  dessen,  der  es  verletzte  und  zuweilen 
sich  selbst  durch  Schuldgefühle  bestrafte.  In  unserer  Zeit 
ist  es  aber  oft,  als  wäre  dem  Begriff  des  Rechtes  überhaupt 
der  Boden  entzogen  und  als  wüßten  nicht  mehr  Viele,  was  das  xs 
sei.  Sie  verwechseln  es  zumeist  mit  dem  Gesetz,  dessen  Organe 
in  Handlungen  eingreifen  und  Handlungen  ahnden,  sodaß  man  sich 
vor  ihnen  in  Acht  nehmen  muß. 

Krieg  hatte  ja  nie  eine  eigentliche  Rechtsbasis.  Er 
wurde  von  Starken  gegen  Schwache  oder  von  Starken  gegen  Starke, 
manchmal  auch  von  Schwachen  gegen  Schwache  geführt.  Der  Anfüh* 
rer  gab  das  Zeichen,  das  den  Mann  aus  Haus  und  Hof  hervorzog, 
um  des  Andern  Haus  und  Hof  zu  erstürmen  und  zu  rauben  oder  zu 
zerstören.  Der  Feind  war,  wer  vom  Anführer  als  Feind  erklärt 
wurde.  Der  theoretische  Begriff  eines  internationalen  Rechtes 
entwickelte  sich  spät  genug,  denn  noch  1625  war  Hugo  Grotius' 
"De  jure  belli  et  pacis"  ein  gewagter  Versuch;  und  erst  viel 
später  mehrten  sich  die  Staatsmänner,  die  es  besser  fanden, 
eine  Art  Recht  auf  den  ^rieg  auszudehnen,  der  so  lange  mit 
völliger  Rechtlosigkeit  identisch  gewesen  war  und  das  Recht 
des  Stärkern  geheißen  hatte.  Während  eine  Tendenz  die  Greuel 
des  Krieges  in  den  Rahmen  irgend  eines  Gesetzes  zu  zwingen 
suchte,  um  die  allseitige  und  unaufhörliche  Gefahr  zu  verrings 
gern  und  die  Praxis  des  Massenmorde©  graduell  zu  vermenschliefe 
chen,  waren  andere  Köpfe  von  der  Überzeugung  durchdrungen, 
daß  dem  Kriege  an  sich  der  Status  einer  legalen  Institution 
nicht  eingeräumt  werden  darf,  und  daß  diese  Anerkennung, 
so  weit  sie  dem  Ungeheuer  durch  Implikation  schon  halb  kon- 
zediert war,  ihm  in  aller  Form  und  für  immer  entzogen  werden 
muß.  Durch  den  1928  in  Paris  unterzeichneten  Briand-Kellog- 
Pakt  ehrte  die  zivilisierte  Menschheit  sich  selbst,  denn  in 
diesem  Dokument  ist  der  Verzicht  auf  Krieg  in  höchst  feierliefe 
eher  und  verbindlicher  Weise  ausgesprochen,  mit  der  Ein- 
schränkung, die  Selbstwehr  gegen  einen  schon  erfolgenden 
Angriff  und  Bekämpfung  des  Angreifers  für  zulässig  erklärt. 
Trotz  der  tragischen  Kurzlebigkeit  dieses  Manifestes  inter- 
nationaler Ethik  hat  es  als  Vorbild  zu  bestehen  nicht 


321 

aufgehört.  Doch  hat  uns  unsere  Abstumpfung  gegen  den  Krieg 
als  Tatsache  in  eine  Lage  gebracht,  aus  der  wir  jene  Höhe  nicht 
leicht  nochmals  werden  erklimmen  können,  obzwar  äs  die  dem 
Krieg  entgegengesetzte  Rechtfidee  uns  geblieben  ist,  Leitstern 
und  Hoffnung, 

Faktisch  gab  es  seit  den  Anfängen  des  Völkerrechtes 
kaum  einen  Krieg,  während  dessen  und  nach  dem  die  Gegner 
einander  nicht  der  Verletzung  einer  sosgäs  als  existent  vorausg 
gesetzten  oder  gar  beschworenen  Übereinkunft  beschuldigt  hättoi, 
die  auch  tatsächlich  erfolgt  war;  doch  gab  es  immerhin  noch 
etwas  zu  verletzen.  Es  scheint  nun  ein  Privileg  unserer  Zeit 
zu  werden,  die  Rechtsidee  an  sich  auf  den  Mist  zu  werfen. 
Soweit  sie  mit  der  Autoritätsidee  zusammenhängt,  ist  es  logisch, 
daß  sie  ihr  Schicksal  teilen  muß;  aber  sie  ist  mit  ihr  keinesw 
wegs|identisch,  was  ja  schon  durch  die  Existenz  eines  Rechts- 
empfindens erwiesen  ist,  eben  jenes  Empfindens,  welches  jetzt 
derart  im  Schwinden  ist,  daß  man  sich  seiner  kaum  noch  entsinnt. 
Wie  restlos  der  Begriff  des  Rechtes  sich  aus  dem  populären  £sx 
Bewußtsein  verloren  haben  muß,  erhellt  zur  Genüge  aus  dem 
Rückschluß  von  den  am  höchsten  entwickelten  Intelligenzen 
auf  den  Bevölkerungsdurchschnitt.  Unter  den  modernen  politiszfe- 
schen  Schriften  sind  manche  ethisch  einwandfrei  und  einzelnen 
muß  sogar  ethische  Vorbildlichkeit  zuerkannt  werden;  ich  muß 
aber  gestehen,  daß  ich  nicht  eine  einzige  kenne,  in  der  ein 
eigentlicher  Rechts Standpunkt  als  Grundsatz  und  Leitgedanke 
klar  herausgearbeitet  wäre. 

Unzählige  Erscheinungen  des  sozialen  und  privaten  Lebens 
werden  zu  direkten  Beweisen  für  den  Schwund  der  Rechtsidee. 
Daß  man  vorteilhaftes  Tun  unterläßt,  geschieht  immer  seltener 
dank  den  Resten  jenes  Rechtsgefühls  oder  in  Anerkennung  von 
Prinzipien.  Im  Gegenteil,  die  komischen  Alten,  die  noch  so 
denken,  werden  ihrer  Umgebung  durch  nichts  so  fremd  wie  durch 
solche  Doktrinen. Dementsprechend  bezieht  sich  auch  die  inter- 
nationale Argumentation  auf  alles  eher  als  auf  Rechtsprobleme. 
Auf  diesem  geistigen  Hintergrund  wird  das  kongeniale  Verhalten 
zweier  so  entgegengesetzten  Mächte  wie  Amerikas  und  der  Sowjet- 

besser  verständlich.  Die  Rolle  der  Sowjetunion  im  31 
-Nahen  Osten  ist  insbesondere  seit  dem  Aifbr-uoh  doc  arabisch- 
israelischen Kriege*»  der  Rolle  Amerikas  in  Südostasien  unver- 
kennbar analog  geworden,  trotz  der  graduellen  Verschiedenheit 
der  Radikalität  und  Aktivität. 


322 


Die  -seirfcher  teilweise  gutgemachte  Zerrüttung  des  inter- 
nationalen Rechtes  setzte  praktisch  im  zweiten  Weltkrieg  ein, 
als  Nazideutschland  Millionen  Zivilisten  mit  Frauen  und  Kindern 
hinrichtete.  An  dieser  durch  viele  andere  Verbrechen  vermehr- 
ten Schuld  erwarben  sich  auch  die  Alliierten  einen  wenn  auch 
vergleichsweise  geringen  Anteil,  indem  sie  Städte  kaum  minder 
schonungslos  bombardierten«  Brutale  Verletzung  von  Neutralität 
war  ja  schon  im  ersten  Weltkrieg  verübt  worden;  und  daß  die 
Schweiz  dem  Zugriff  solcher  Nachbarn  entging  und  aus  dem  zwei- 
ten Weltkrieg  heil  hervorging,  war  nicht  der  Beachtung  ihrer  M 
Neutralität,  sondern  realistischen  Erwägungen  etea?  Deutschen  zu 
verdanken.  Aber  noch  galt  der  Krieg  bis  zur  Mitte  unseres  Jahr- 
hunderts als  eine  Angelegenheit  zwischen  den  Kriegführenden, 
auch  wenn  der  Eine  der  Überfallende,  der  Andere  der  Überfallene 
war.  Solchen  Resten  von  Recht  und  Logik  droht  nun  radikale 
Li  quidierung • 

Denn  Beschränkung  auf  Grund  irgend  eines  Rechtes  ist 
kaum  noch  denkbar,  da  der  totale  Krieg  an  sich  das  genaue 
Gegenteil  jedes  vorstellbaren  Rechts  ist;  da  schon  der  Begriff 
der  methodischen  Totalität  die  topographische  Totalität,  also 
zumindest  die  Globalität,  impliziert;  und  da,  wie  jeder  weiß  h 
und  manche  geflissentlich  bestreiten,  in  der  durch  einen 
solchen  Krieg  geschaffenen  Lage  keinerlei  Einschränkung 
durchführbar  sein  kann. 

Daß  das  Kind  als  Inbegriff  der  Unschuld  unbedingten 
Anspruch  auf  Schonung  und  Schutz  hat,  gehörte  bisher  zu  den 
Maximen  jeder  Gesellschaft;  da  zuweilen  auch  manche  Tiere 
ähnlich  handeln,  ist  das  wohl  mehr  als  ein  Prinzip  internatio- 
naler Zivilisation.  Wie  aber  können  wir  überhaupt  noch  von 
Ansprüchen  reden,  da  jeder  nur  die  seinen  durchsetzen  und 
von  denen  des  Andern  nichts  wissen  will?  Wenn  der  Tod  über  den 
Erdball  dahinrasen  soll,  wird  es  auch  für  die  Kleinsten  und 
Unschuldigsten  keinen  Unterschlupf  geben,  keinen  Keller  und 
keine  Felsspalte.  Da  müßten  holländische  und  italienische, 
russische  und  amerikanische,  skandinavische  und  arabische, 
chinesische,  japanische,  israelische,  brasilianische  und  austra- 
lische Kinder  verbluten  und  verbrennen.  Ihre  verkohlten  Über- 
reste würden  gleich  aussehen,  ob  ihre  Haut  schwarz  oder  weiß, 
braun  oder  gelb  war.  Allen  soll  es  widerfahren,  auch  denen, 
die  noch  nicht  von  Feinden,  von  Kommunismus,  Kapitalismus 
und  Neutralität  gehört  haben.  Wenn  also  eine  Berechtigung 


konstruierbar  wäre,  um  die  Kinder  und  erwachsenen  Nicht- 
kombattanten in  den  Ländern  des  "Feindes"  zu  töten,  dürfen 
die  Schuldlosen  auch  in  neutralen  Ländern,  in  denen  der  Ver- 
bündeten und  im  eigenen  Lande  getötet  oder  der  Tötung  preis- 
gegeben werden?  Gewiß,  die  Hand,  die  auf  den  Knopf  drücken 
kann,  werden  wir  Alle  möglicherweise  doch  nicht  hindern 
können;  aber  wir  sollten  unsere  Urteilskraft  wahren  und 
deutlich  sehen,  woran  wir  uns  durch  Nichtwissenwollen  und 
Stillschweigen  mitschuldig  machen« 


Möglichkeiten  der  Entstehung  und  des  Verlaufes 
Gev/iß,  es  gibt  kein  unwillkommeneres  Thema,  und  warum  soll- 
te man  seine  Mitmenschen  und  sich  selbst  quälen,  wenn  man  so- 
wieso nicht  viel  ändern  kann  und  in  den  schlimmsten  Fatalismus 
versinken  muß,  den  es  je  gegeben  hat?  Doch  ganz  sinnlos  ist 
es  nicht,  daß  wir  einander  und  uns  selbst  die  Augen  öffnen. 
Seit  Jahren  ist  eine  hauptsächlich  von  der  Rüstungsindustrie 
ausgehende  Propaganda  im  Gange,  die  überall  ihre  Agenten  und 
Helfer  hat,  natürlich  vorwiegend  solche,  die  nicht  wissen,  was 
sie  tun.  Die  ihnen  zugewiesene  Aufgabe  ist  die  Verbreitung  von 
Gleichgültigkeit,  von  Vertrauen  auf  die  Spezialisten  und  vor  a 
allem  die  Verbreitung  der  Lehre,  es  werde  nicht  so  schlimm  sein. 
"Man"  müsse  nicht  unbedingt  unter  denen  sein,  die  leider  umkom- 
men werden.  Besonders  das  letztere  Argument  ist  eine  nicht  zu 
unterschätzende  Waffe.  Es  beruht  auf  dem  psychologischen  Mecha- 
nismus des  Narzißmus,  der  nicht  immer  ausgesprochen  pathologi- 
schen Infantilität  des  Erwachsenen,  der  sich  nicht  vorstellen 
kann,  warum  ein  Unglück,  selbst  ein  massenhaftes,  auch  ihm 
geschehen  sollte.  Er  ist  ja  so  gut,  so  liebenswert.  Auch  seine 
Erfahrung  bestätigt  ihm  sozusagen,  daß  er  noch  nie  gestorben  ± 
ist,  sodaß  er  hoffen  kann,  es  werde  ihm  auch  weiterhin  nicht 
passieren,  jedenfalls  nicht  zu  seinen  Lebzeiten.  So  vollzieht 
sich  in  ihm  ein  Vorgang  milden  Bedauerns  der  Andern,  und  über 
deren  Los  ist  er  nicht  ganz  untröstlich.  Seiner  Tendenz,  sich 
selbst  von  einer  der  Allgemeinheit  drohenden  Katastrophe  aus- 
zunehmen, braucht  die  Propaganda  nur  ein  wenig  nachzuhelfen. 
Für  diesen  Zweck  genügen  zuweilen  ganz  primitive  Tricks,  wie 
die  Hoffnung  auf  Schutzmaßnahmen,  auf  organisierte  Rettungs- 
mannschaft und  jedes  Gerede  solcher  Art.  Da  es  der  Scheinerfah- 
rung nicht  an  Belegen  fehlt,  akzeptieren  viele  sonst  kluge 
Leute  die  Behauptung,  es  werde  nicht  so  schlimm  sein.  Über  das  i 


324 


definitiv  Böse,  nicht  mehr  Gutzumachende,  läßt  man  sich  gern 
täuschen,  sodaß  das  Aller-allerwichtigste  viel  weniger  kritisch 
behandelt  wird  als  die  Nebensächlichkeiten  des  Alltags .Diverse 
Spielarten  der  Männlichkeit,  Habsucht  und  Querulantentum 
bäumen  sich  auf,  wenn  z#B.  die  Gefahr  besteht,  um  einen  belang- 
losen Betrag  betrogen  zu  werden  oder  wenn  etwa  üble  Nachrede 
die  gesellschaftliche  Stellung  zu  gefährden  scheint,  so  daß  wjsl 
man,  von  Wichtigkeiten  dieser  Kategorie  in  Anspruch  genommen, 
nicht  recht  auf  den  Einfall  kommt,  sich  für  eine  Massen-ka±ax± 
katastrophe  zu  interessieren  oder  gar  durch  irgendwelche  Maßax 
nahmen  vorzubereiten.  Daß  es  nicht  so  schlimm  sein  werde,  steht 
ja  schwarz  auf  weiß  in  Büchern  und  Zeitungen,  und  wenn  die  &«rfr 
Gefahr  so  groß  wäre,  würden  ja  Radio  und  Television  davon  be- 
richten. Außerdem  hat  man  genug  eigene  Sorgen.« 

Je  mehr  Menschen  es  jedoch  ablehnen,  sich  durch  das  System 
der  Vernebelungen  um  ihr  Urteil  bringen  zu  lassen,  desto  besser 
werden  unsere  Aussichten  auf  Rettung.  Denn  ganz  ohnmächtig  ist 
eine  auf  den  gesunden  Menschenverstand  gegründete  Bewegung 
nicht:  Die  von  allen  Atommächten  mit  voller  Rücksichtslosig- 
keit betriebenen  Versuche  hatten  die  Atmosphäre  in  einem  Maße 
zu  vergiften  begonnen,  das  in  vielen  Ländern,  vor  allem  in  den 
neutralen,  die  Massen  alarmierte.  Nie  waren  vor  allem  die 
Intellektuellen  aller  Nationen  so  eines  Sinnes  gewesen  wie  in 
dieser  Angelegenheit.  Linus  Pauling  79)  sah  voraus,  daß  für 
79)No  More  War!  Gollancz,  London  1958. 

den  Fall  fortgesetzter  Atomversuche  die  Zahl  der  defektiven 
Neugeborenen  auf  230.000,  die  Zahl  der  noch  im  Mutterleib 
oder  sofort  nach  der  Geburt  Sterbenden  auf  420.000  jährlich 
anwachsen  müßte;  und  das  infolge  der  Versuche  allein,  ohne 
Krieg.  Als  der  allseitige  Druck  den  beteiligten  Regierungen 
mehr  als  unbequem  wurde,  kam  ein  Vertrag  zustande,  der  zwar 
von  China  und  Frankreich  nicht  unterzeichnet  wurde,  aber 
seitens  Amerikas,  der  Sowjetunion  und  Britanniens  zu  der 
bekannten  Beschränkung  auf  unterirdische  Versuche  führte, 
wodurch  vorläufig  das  Unerträglichste  beseitigt  war.  Das  ist 
nicht  viel,  aber  immerhin  ein  Lichtblick,  ein  tröstlicher 
Beweis  dafür,  daß  Einsicht  nicht  immer  ohnmächtig  ist.  f 


Ehe  wir  daran  denken,  wie  es  kommen  könnte,  müssen  wir 
theoretisch  erwägen,  wer  gegen  wen  gehen  könnte.  Wenn  wir  die 
Möglichkeit  eines  selbständigen  Angriffs  nuklear  weniger  toto 


324  a 

Beseitigung  des  Unerträglichsten  hat  aber  bisher  wohl 
nicht  mehr  bedeutet  als  die  Aufhebung  des  unserem  Bewußtsein 

Q 

oder  unseren  Sinnen  Painlichsten.  Die  aus  oberflächlicher  Beob- 
achtung   gezogenen  Schlüsse  stützen  sich  auch  auf  primitives 
Wissen  und  gänzlich  vage  Vorstellungen.  Erst  nach  und  nach 
kommen  Seismologen  und  Laien  auf  die  ebenfalls  recht  unbequeme 
Idee  von  Zusammenhängen  zwischen  jenen  in  den  unsichtbaren 
Tiefen  veranstalteten  Explosionen  und  den  Erdbeben,  die  unsere 
sichtbare  weit  so  grausig  verwüsten  und  irgendwo  unten  unauf- 
hörlich zu  lauern  scheinen,  um  irgendwann  irgendwo  wieder  aus- 
zubrechen und  uns  auf  die  Relativität  unserer  Haus he rrnr olle 
nochmals  in  so  unzarter  Weise  aufmerksam  zu  machen.  Diese  uner- 
gründliche Kruste  hat  Sprünge,  die  trotz  unserer  teilweisen  Kennt- 
nis ihrer  Topographie  nicht  minder  unergründlich  sind.  Zuweilen 
ist  es,  als  hätte  auch  dieses  rätselhafte  Unheil  uns  vor  dem 
Verwerfen  des  letzten  Restes  unserer  Demut  und  Selbstbeschränkung 
und  vor  dem  Verlust  unserer  Einsicht  zu  warnen,  damit  wir  weder 
durch  die  Entgegnung  der  Natur  noch  durch  unser  direktes  Tun 
untergehen. 


325 

bedeutender  Mächte  ausschließen  dürfen,  und  solche  nur  als 
Verstärkungen  der  Hauptmächte  zu  bewerten  brauchen,  bleiben 
die  Vereinigten  Staaten,  die  USSR  und  China  übrig.  Dieses  ist 
jetzt,  da  diese  Zeilen  geschrieben  werden,  den  beiden  Andern 
noch  nicht  vergleichbar,  aber  von  ihnen  nicht  mehr  weit  ent- 
fernt und  hat  sich  ihnen  im  Tempo  der  Aufrüstung  überlegen  kejr 
erwiesen.  So  hat  die  Annahme,  China  werde  die  großen  Rivalen 
in  einigen  Jahren  eingeholt  haben,  einige  Wahrscheinlichkeit 
für  lieh  r'inl  Irniiih    rrirVi  nUrn  MrliwnnlmriGrri  nnrl  (Tncnnr.nilri crn 


ffühlungna 


men  sowohl  Arae-eika  alo  auch  dio  Sowjetunion  au  dor 


kootopiol 


:  .gen  Entoohoidung  au  Gunr.ten^de-p--Raketenabwohroyotoiae 


bringen»  !)ao  warft— zugleich  ein  Symptom  zunehmender  Verfinstern: 


rung._UB^ 


in  die  horraohondo  Finsternis  noch  nnhPiTnlirh  ehren- 


der ffakfrOF'p'  Jedenfalls  haben  wir  für  eine  rooht  nahe  Zukunft 
mit  drei  Mächten  von  höchster  Stärke  zu  rechnen.  Nennen  wir 
sie  A,  B,  C  und  nummerieren  wir  die  theoretisch  gegebenen 
Möglichkeiten,  in  denen  jedoch  die  Frage,  von  wem  der  erste 
Streidh  zu  erwarten  ist,  unberücksichtigt  bleibt. 

1.  A  könnte  gegen  die  vereinigten  oder  zur  Verteidigung 
und  zum  Gegenangriff  zwangsläufig  zusammengeschlossenen 

B  und  C  kämpfen:  AOB+C. 

2.  B  würde  die  zusammengeschlossenen  A  und  C  gegen  sich 
haben:  B*-*A+C. 

3.  C  würde  gegen  A  und  B  kämpfen  müssen:  A+B^C. 

4.  C  würde  unbeteiligt  bleiben,  A  und  B  würden  einander 
bekämpfen:  A«-*B. 

5.  B  wäre  bei  einem  Duell  von  A  und  C  neutral:  Af*C. 

6.  A  würde  sich  in  einen  Krieg  zwischen  B  und  C  nicht 
e  inmi  s  c  he  n :  B    c  . 

7*  Nach  einem  Krieg  zwischen  A  und  B  würde  C  über  die 
Reste  beide  r-*herf  allen,  die  sich  nicht  mehr  verteidigen 
könnten:  &   %    C  -*-d. 

8.  B  würde  gegebenenfalls  das  Gleiche  tun:  B-»«. 

9«  A  würde  es  ebenso  halten:  A-»g. 
10.  A,  B  und  C  würden  gleichzeitig  gegen  einander  los- 
schlagen, jeder  gegen  die  beiden  andern,  was  als  überlegte 
Strategie  völlig  ausgeschlossen  scheint,  präzedenzlos  ist 
und  in  einem  "konventionellen"  Krieg,  in  dem  die  Verwirrung  h± 
nie  einen  solchen  Grad  erreichen  könnte,  ganz  unmöglich 
wäre,  aber  in  einer  z.B.  durch  Intrigen  bewirkten  Panik 


JB.  326 

durchaus  vorstellbar  ist: 

Ilm  Im  Lande  A  käme  es  während  des  gegen  einen  oder 
zwei  Gegner  geführten  Krieges  zu  einem  Verzweiflungsausbruch 
des  Volkes  und  zu  einem  Bürgerkrieg:  A<-*A. 

12.  Dasselbe  geschähe  im  Lande  B:  B**B. 

13.  Dasselbe  in  C:  C<->C. 

14.  Das  könnte  auch  in  nur  einem  yhä  oder  in  zweien  der 
drei  Länder  geschehen  und  das  Eingreifen  des  vom  Bürgerkrieg 
Verschonten  in  das  auch  von  einem  solchen  verheerte  Gebiet 
begünstigen. 

Ein  so  schematischer  Versuch,  alle  Möglichkeiten  zu 
umfassen,  ist  gewiß  lückenhaft,  da  auch  die  absurdesten 
Vorstellungen  hinter  den  unberechenbaren  Geschehnissen  zurückte 
bleiben  können.  Das  gilt  in  Anbetracht  der  Präzedenzlosigkeit 
auch  vom  eigentlichen  Verlauf,  d.h.  ü  den  direkten  Folgen 
der  Kriegshandlungen,  ob  sie  nun  von  bewußten  Laien  oder  von 
Fachleuten  vorausgesagt  werden,  die  sich  nicht  scheuen,  ihre 
Kompetenz  in  ebenfalls  präzedenzloser  Weise  zu  definieren. 
Denn  hat  man  wohl  schon  von  Ärzten  gehört,  die  den  Patienten 
zu  behandeln  nicht  einmal  versuchen  und  ihn  sterben  lassen, 
in  der  Erwartung  und  mit  der  Behauptung,  sie  würden  ihn  dann 
wiederbeleben  und  heilen  können?  Und  was  sollen  wir  von  Zoo- 
logen halten,  die  uns  versichern,  man  könne  es  ruhig  darauf 
ankommen  lassen,  daß  Tiger  und  Bären  aus  ihren  Käfigen  brechen, 
sie  würden  sich  gegenseitig  nur  ein  paar  Kratzwunden  beibrin- 
gen, um  einander  zum  Rückzug  zu  zwingen?  Solche  Delusionen 
werden  uns  in  der  Tat  in  ernster  Buchform  vorgesetzt:  Es  werde 
in  einem  solchen  Krieg  Lenkung,  Steuerung  geben  (controlled 
war).  Diplomatie  während  solcher  Kampfhandlungen  sei  nicht 
nur  möglich,  sondern  dann  erst  recht  wirkungsvoll  und  aussieht, 
voll.  Die  Kriegführenden  würden  die  Bevölkerungen  der  Gegensei-I 
te  schonen  und  nur  die  militärischen  Aktionszentren  und  Arsena-| 
le  zerstören,  um  die  Städte  als  Geiseln  zu  benützen  und  Kon- 
zessionen zu  erpressen.  Da  niemand  den  Status  quo  mag,  bestehe 
während  der  gegenseitigen  Zerstörung  die  Aussicht  auf  gründli* 
che  Lösung  der  Fragen. 

Daß  über  solche  Aussagen  von  Experten  überhaupt  mehrere 
Meinungen  möglich  sind,  bedeutet  an  sich  einen  nützlichen 
Beitrag  zu  unseren  Beobachtungen  über  die  öffentliche 
Meinung,  von  der  so  viel  abhängt. 

Angeblich  wird  jetzt  irgenwo  an  Erfindungen  gearbeitet, 


327 

die  den  ungeheuem  Vorteil,  den  der  erste  Streich  dem 
Angreifer  sichert,  aufheben  oder  verringern  sollen.  Eine 
solche  Erfindung  wäre  von  höchst  positiver  Bedeutung.  Sie 
würde  die  Völker  und  Staaten  vor  allem  vom  Gespenst  des 
eigenen  Angriffs  aus  Angst  und  von  der  chronischen  Zwangs- 
vorstellung des  Gegenangriffs  in  panischem  Schrecken  befreien 
und  vernünftige  Erwägungen  erleichtern.  Der  vielfach  gefahr- 
volle Zustand,  intern  wir  jetzt  leben,  stammt  zu  einem  großen  X 
Teil  von  der  leider  berechtigten  Furcht  vor  den  verheerenden 
Folgen  eines  ersten  Angriffs,  der  den  Gegenangriff  schon 
nahezu  unwirksam  und  unter  Umständen  sogar  unmöglich  machen 
könnte  und  jedenfalls  den  zuerst  Angegriffenen  derart  schwä- 
chen würde,  daß  ihm  wohl  noch  einige  Vergeltung,  aber  kaum  em 
noch  eine  strategische  Aussicht  übrig  bliebe.  Was  der  zuerst  & 
Getroffene  behielte,  wäre  also  eher  eine  romantische  Chance 
als  eine  reale.  Da  es  um  alles  ginge, würde  derjenige,  der 
das  ganz  große  Verbrechen  beginge,  alles  aufs  Spiel  setzen, 
wenn  er  auf  Grund  irgendwelcher  Erwägungen  Rücksicht  oder 
Zurückhaltung  übte.  Wenn  er  überhaupt  losschlägt,  kann  er  es 
nur  mit  seiner  ganzen  Kraft  tun,  mit  eben  dem  Ziel,  den  Gegen- 
angriff auszuschließen«  Ebenso  muß  der  Angegriffene  mit  der 
ganzen  ihm  noch  gebliebenen  Kraft  zurückschlagen,  weil  ihm  in 
diesem  Falle  jede  andere  Möglichkeit  genommen  ist;  vielleicht 
sogar  die  der  Kapitulation,  denn  es  wäre  unsicher,  ob  der  xsta 
schon  so  stark  überlegene  Gegner  ihn  noch  hören  will  oder  kann« 
Keiner  wird  in  einer  solchen  Lage  Minuten  verlieren  dürfen. 
Die  Behauptung  von  der  Möglichkeit  einer  Diplomatie  nach  Ausfez 
bruch  des  Krieges,  kb±s:  wird  also,  welcher  Absicht  immer  die 
Behauptung  entspringe,  zu  schlimmster  Irreführung.  Wenn  das 
Schreckliche  einmal  wahr  geworden  ist,  kann  eben  nur  das 
kommen,  was  die  von  Wünschen  geleiteten  Diplomaten  als  absurd 
hinstellen  wollen,  indem  sie  es  den  Krampf krieg  (spasm  war) 
nennen.  Auch  phantastische  Festungen  unter  Bergen  und  Felsen 
werden  vielleicht  nicht  stärker  sein  als  die  Maginotlinie  war. 
Doch  selbst  wenn  ein  zentrales  Kommando  in  ihnen  ausharren 
können  sollte, ohne  lebendig  oder  tot  begraben  zu  werden, 
müssen  ja  die  untergeordneten  Kommandanturen  bald  zertrümmert 
und  zu  weiteren  Aktionen  und  Reaktionen  unfähig  sein.  Vor  ^HHrar 
allem  scheinen  alle  Strategen  elementare  psychologische  Tatsae 
chen  zu  vergessen.  Das  menschliche  Nervensystem  ist  nur  be- 
grenzten Anstrengungen  gewachsen.  Von  einem  gewissen  Punkte  an 


328 

tritt  ein,  was  das  Volk  Zerreißen  der  Nerven  nennt,  der 
Zusammenbruch,  in  dem  kein  rationales  Handeln  mehr  möglich 
ist.  Doch  in  eben  diesem  Moment  des  nuklearen  Krieges  muß 
ein  kardinaler  Unterschied  gegenüber  jedem  früheren  Krieg 
in  Kraft  treten.  Die  bisher  praktizierte  Ablösung  der 
Kämpfenden  durch  frische  Kräfte  als  Mittel  gegen  die  Er- 
schöpfung der  Nerven  und  des  gesamten  Organismus  kommt  nicht 
mehr  in  Frage,  da  der  Krieg  gegen  die  Gesamtbevölkerung 
auch  alle  potenziellen  Kombattanten  einbegreift.  Solange  wir 
es  noch  können,  müssen  wir  z.B.  in  Betracht  ziehen,  daß  die 
Radarsysteme  sofort  zerstört  sein  können,  sodaß  es  unmöglich 
werden  kann,  festzustellen,  woher  die  mörderischen  Geschosse 
überhaupt  kommen.  So  besteht  nicht  einmal  die  Gewähr,  daß  man 
den  Gegenangriff  gegen  den  Angreifer  richtet  und  nicht  gegen 
einen  noch  untätigen  oder  sogar  unschlüssigen  Dritten.  Selbst 
im  Idyll  von  Vietnam  haben  Amerikaner  bisher  nicht  wenige 
Amerikaner  getötet,  abgesehen  von  der  Niedermetzelung  von 
ihnen  gewogenen  Einheimischen.  Auch  im  ifaS-äSa*  Osten  hat  es  nicht) 
an  gleichartigen  Fehlleistungen  gefehlt;  sobald  Beweise  unmögi  j 
lieh  werden,  wird  naturgemäß  amria  jede  Beschuldigung  möglich. 

In  dem  beispiellosen  Kampfe  darf ja  alles  nur  blitzschnell 
erfolgen,  denn  die  Zeit  erhält  in  ihm  eine  völlig  neue  Bedeu* 
tung  als  entscheidender  Faktor.  Man  wird  wissen  können,  wann  s 
es  begonnen  hat,  aber  nicht  wissen  können,  wann  und  ob  es  zu 
Ende  sein  wird,  denn  selbst  wenn  Kapitulation  möglich  wäre, 
könnte  auch  sie  ein  Trick  sein.  Vielleicht  werden  die  noch  i 
Lebenden  während  des  ganzen  Krieges  nicht  einmal  wissen, 
wer  der  Gegner  ist,  lhrssMsüsxx&  Rätselraten  wird  sich  nur  ! 
auf  die  Vorkriegspropaganda  stützen  können.  Auch  muß  es  j 
durchaus  nicht  klar  und  nachweisbar  sein,  wer  angefangen  hat,  ' 
und  vielleicht  wird  der  Angreifer  behaupten,  angegriffen  | 
worden  zu  sein  und  hoffen  können,  daß  der  Gegenbeweis 
nie  gelingen  wird. 

Es  war  Bertrand  Russell,  der  hellsichtig  auch  auf  Möglich- 
keiten hingewiesen  hat,  an  die  später  viele  Normalmenschen 
dachten*  80). Nicht  nur  daß  die  künstlichen  Satelliten,  die 
heutigen,  und  künftig  auch  größere  und  wirksamere,  einen  | 
tödlichen  Hagel  über  die  Erde  niedergehen  lassen  können, 
u.zw.  einen  durch  Komputer  zu  genauen  Zeiten  ausgelösten 
^80°)  l?c.bcit^pe.  l7^ot.°rien  Serichteten?  wozu  nur  zu 


329 

bemerken  ist,  daß  hiebei  kostspielige  Fehlleistungen  nicht 
unwahrscheinlich  wären;  sondern  von  Basen  auf  dem  Monde  soll 

die  Erdex  vernichtend  bombardiert  werden,  Russell  dachte 
darüber  hinaus  an  einen  Krie!  auf  dem  Monde,  an  militärische 
Pläne  zur  Besetzung  von  aars  und  Venus  und  an  Beschießung  von 
Himmelskörpern.  Ob  der  Mond  zerbrökeln  könnte,  sodaß  Spreng stücke 
auch  auf  die  Erde  stürzen  würden,  wie  er  annahm,  hängt  von  der 
Konsistenz  des  Mondes,  oder  genauer,  von  der  Beschaffenheit 
seines  Innern  ab,  das  wir  so  wenig  kennen  wie  das  der  Erde. 
Doch  von  diesem  schaurigen  Akt  unseres  Angsttraumes  sind  wir 
wohl  endlich  befreit,  seit  es  zwischen  den  Vereinigten  Staaten 
und  der  Sowjetunion  znter  aktiver  Teilnahme  der  Vereinigten 
Nationen  und  eines  Großteils  ihrer  Mitgliedstaaten  zu  dem  Pakt  g 
gekommen  ist,  der  kriegerische  Vorbereitungen  auf  dem  Monde  und 
auf  jedem  andern  Himmelskörper  ausschließt  und  zugleich  freien 
Zutritt  zu  allen  kosmischen  Gebilden  und  zu  sämtlichen  Instal- 
lationen im  kosmischen  Räume  garantiert.  Da  mit  hochgradiger 
Sicherheit  gesagt  werden  kann,  daß  Verletzungen  dieses  Vertrages 
nicht  geheim  begonnen  oder  gar  unentdeckt  durchgeführt  werden 
könnten,  und  da  gegenseitige  Inspektion  ausdrücklich  gewährleistet! 

ist,  bedeutet  diese  Übereinkunft  gewiß  eines  der  positivsten 

_  _  r 

Ereignisse  des  Jahrhunderts.  Duch  die  erstmalige,  wenn  auch 
topographisch  beschränkte  Einräumung  gegenseitiger  Überwachung, 
der  dann  auch  die  analoge  Demilitarisierung  des  Meeresbodens 
folgte,  war  ja  der  Bann  gebrochen,  der  früher  alle  Bemühungen 
um  gründliche  Abrüstung  zum  Scheitern  gebracht  und  Mißtrauen 
und  Angst  in  ihrer  Herrscherrolle  immer  wieder  bestätigt  hatte. 


530 

■hartnäokigig  fortwirkenden  und  letztens  nooh  vormohrten  • 
GegcnDÄtacnk>  Mit  einigem  Optimismus  können  wir  ferner  annehmen, 
daß  China  diplomatisch  zugänglicher  geworden  sein  wird  als  es 
jetzt  ist,  sobald <dio  2cit  gekommen  ocin  wirdfgda»  es  ähnliche 
Vorstöße  in  den  Raum  wird  unternehmen  können  wie  die  Sowjet- 
union und  Amerika  oder  gar  noch  kühnere.  Die  Zugänglichkeit 
Chinas  für  konstruktive  Zusammenarbeit  hat  freilich  zur 
Voraussetzung,  daß  Amerika,  vom  Erfolg  einsichtiger  Politik 
an  einer  Front  ermutigt,  sich  umstellen  wird,  solange  es 
noch  Zeit  ist,  um  seine  gesamte  Zielsetzung  und  Methode 
weitgehend  und  unter  pein  realistischen  Gesichtspunkten 
zu  revidieren;  was  mit  entsprechenden  Variationen  auch  für 
die  Sowjetunion  rUt  t\\*\  tt\ \u  1 1  Vn  f'  nf     y"  *'i  wifefeAay^ 

geheim^isvof^edeDfalls  besser  kennen  als  die  nun  weniger 
SttdywkVndm:  Natur  des  Mondes,  ist  die  Natur  des  Menschen, 
und  die  Grenze  seiner  Fähigkeit,  Leiden  zu  überstehen. 
Unser  Wissen  um  die  menschliche  Natur  lehrt  uns  z.B.,  daß 
die  komplizierten,,  rntiinrn  i  r»hn  Tfnrm-w-n  ^  "rp^-Hcmdon  Alrtionon 
im  Laufe  der  Kriegshandlungen  immer  schlechter  ausfallen 
müssen,  zumal  die  fallenden  Techniker  nur  von  immer  schwächerem 
Ersatz  gefolgt  sein  können,  bis  der  Krieg  sich  selbst  auffres- 
sen, die  Zerstörung  sich  selbst  zerstört  hat.  Erinnern  wir  uns, 
daß  der  primitivste  Krieg  nur  eine  Schlacht  war.  In  den  späte* 
ren  Kriegen  waren  Schlachten  die  Höhepunkte.  Es  scheint,  als  s 
sollte  die  ursprüngliche  Primitivität  wiederkehren  und  der  dro- 
hende Krieg  wieder  zu  einer  einzigen  Schlacht  werden.  Schon 
in  allen  bisherigen  Kriegen  war  die  Fähigkeit,  in  Schlachten  a 
auszuharren,  erfahrungsgemäß  eng  begrenzt.  Diese  Fähigkeit 
kann  aber  nun  nicht  zunehmen,  sondern  nur  bedeutend  abnehmen, 
zumal  die  Möglichkeit  jeder  gegenseitigen  Hilfe  und  Zusammenar- 
beit auf  ein  nie  gekanntes  Minimum  reduziert  sein  muß.  Keiner 
wird  voraussichtlich  in  der  Lage  sein,  Feuer  zu  zu  löschen  oder 
sich  um  Verwundete  zu  kümmern.  Auch  muß  leider  angenommen  werä 
den,  daß  die  Verzweiflung  den  Zusammenbruch  der  meisten  Charak- 
tere und  die  Alleinherrschaft  ihres  Egoismus  herbeiführen  wird. 
Falls  es  private  Schutzkeller  geben  wird,  werden  viele  wahres* 
scheinlich  durch  blutige  Gewaltakte  erstürmt  werden  und  ähnlie 
ches  dürfte  sich  in  gemeinschaftlichen  Schutzräumen  ereignen. 
So  wird  der  mörderische  Angriff  von  außen  voraussichtlich  nicht 
durch  Zusammenhalten  im  Innern  gemildert  sein,  sondern  durch 
brutale  Kämpfe  unter  den  so  grausam  Leidenden  noch  weitere 


331 

Verschärfung  erfahren. 

Es  ist  "bemerkenswert,  daß  es  dieselben  Strategen  sind, 
die- einerseits  die  einerseits  die  Gefahr  des  Ausbruchs  durch 
Irrtum  oder  Irrsinn  Einzelner  mit  anerkennenswerter  Exaktheit 
ins  Auge  fassen  und  Umstände  darzustellen  wissen,  an  denen  a±± 
alle  Vorsicht  und  Sorgfalt  scheitern  muß;  und  anderseits 
während  der  rapiden  gegenseitigen  Zerstückelung  und  während 
des  über  die  Kontinente  stürmenden  Feuers  Verhandlungen  für 
möglich  erklären  und  empfehlen,  und  auf  einer  solchen  Absur- 
dität noch  mit  allem  Nachdruck  bestehen. Vor  lauter  -Nachdruck 
sehen  sie  aber  nicht,  woran  ihre  Logik  scheitert.  Denn  wenn  xe 
Verhandlungen  dann  überhaupt  noch  irgend  einen  Sinn  hätten, 
würde  das  ja  bedeuten,  daß  diese  Experten  selbst  die  voll- 
ständige Vernichtung  des  Gegners  für  unmöglich  halten  und 
gar  nicht  erhoffen.  Wozu  also  der  Krieg?  Wer  Krieg  ohne  die 
Erwartung  unternimmt,  den  Frieden  diktieren  zu  können,  ist 
doch  ein  Kranker  oder  ein  Verzweifelter  oder  ein  Verbrecher, 
vielleicht  eine  Mischung  dieser  Typen,  aber  unter  keinen 
Umständen  vernünftig  oder  verantwortlich.  Denn  wenn  dann  noch 
ein  anderer  Ausweg  betreten  werden  mußte  oder  konnte,  war 
der  Krieg  eben  nicht  unvermeidlich.  Diese  Strategen  betonen 
auch  selbst,  daß  in  den  der  Zerstörung  folgenden  Verhandlungen 
weitgehende  Zugeständnisse  notwendig  sein  werden.  Warum  sollen 
solche  also  nicht  zur  Verhinderung  des  Krieges  gemacht  werden? 
Sowohl  ihre  Logik  als  auch  ihre  Ethik  laufen  also  darauf  fajbgaaa 
hinaus,  daß  der  gegenseitige  Massenmord  annehmbar  machen  soll, 
was  vorher  für  unannehmbar  erklärt  wurde. Ist  das  nicht  der 
theoretische  Zusammenbruch  der  Kriegspropaganda,  den  diese 
durch  die  eigene  Argumentation  herbeiführt? 

Das  bringt  uns  zu  dem  einzig  möglichen  Schlüsse,  daß 
wir  mit  der  Blitzesschnelle,  die  der  nukleare  Krieg  erfordern 
würde  und  mit  einem  annähernd  gleichen  Energieaufwand  uns 
selbst  und  unsere  Mitmenschen  umerziehen  müssen,  um  logischer 
und  sittlicher  zu  denken;  und  daß  wir  trotz  unserer  Verschie- 
denheit uns  gegenseitig  helfen  sollen, einander  zu  lieben 
und  menschenwürdig  zusammenzuleben. 


Nach  dem  Ende 

Nein,  es  muß  durchaus  nicht  so  ausfallen,  daß  auf  der  gas 
ganzen  Erde  nur  ein  paar  Menschen  am  Leben  "bleiben  würden. 
Es  können  auch  drei  Millionen  sein  oder  dreihundert  Millionen, 
das  hängt  von  unvorhersehbaren  Umständen  ab,  vielleicht  auch 
von  Vorkehrungen  zum  Schutze  der  Zivilbevölkerung,  die  hüben 
und  drüben  noch  ausstehen}  und  natürlich  bei  sämtlichen  Neu- 
tralen, da  auch  sie,  wenn  sie  überflüssige  Milliarden  hätten, 
sie  lieber  in  der  Tasche  behielten  und  sich  darum  der  mysti- 
schen, aber  billigen  Hoffnung  hingeben,  es  werde  nicht"zum 
Schlimmsten  kommen"  und  es  gleichzeitig  durch  ihre  Passivität 
herbeiführen  helfen.  Abgesehen  von  jenem  noch  strittigen, 
doch  angesichts  der  emp^sc  hießenden  Macht  Chinas  nun  viel 
plausibleren  Projekt  des  defensiven  Raketensystems    müßten  die 
als  Idee  eher  primitiven  -^jf  tschutzkeller,  um  auch  nur  für 
den  günstigsten  Fall  großer  Perne  von  eigentlichen  Schau- 
plätzen einigermaßen  wiksam  und  wenigstens  für  kurze  Zeit 
bewohnbar  zu  sein,  einem  großen  Land  ebenfalls  astronomische 
Summen  kosten;  gegen  sie  führt  man  also  lieber  ins  Treffen, 
ihr  Bau  könnte  auf  den  Feind  den  Eindruck  machen,  man  schicke 
sich  an,  anzugreifen,  und  auf  diese  Weise  könne  man  provozier 
rend  wirken.  Während  man  sich  anderseits  vor  diplomatischen 
und  maximal  konkreten  Provokationen  keineswegs  scheut,  sondern 
durch  solche  gerade  den  Eindruck  der  auf  höchste  Stärke  ge- 
gründeten Furchtlosigkeit  machen  und  diesen  Eindruck  zu  weites? 
rer  Abschreckung  ausnützen  will.  Wenn  solche  Widersprüche  die 
Besorgnis  erregen  müssen,  die  Planung  sei  lückenhaft  oder  die 
noch  viel  schlimmere  Befürchtung,  das  ganze  Vorgehen  sei  im 
Grunde  planlos,  muß  man  naturgemäß  umso  fester  überzeugt  sein, 
es  werde  irgend  ein  planmäßiges  Sazgg  Handeln  nach  dem  Auftakt 
zur  globalen  Katastrophe  nicht  mehr  geben,  es  werde  nur  ein 
blinder  Verzweiflungskampf  sein,  bis  es  nicht  mehr  geht. 

Ich  habe  zwar  die  vom  Gesichtspunkt  der  Gegenwart  in 
Betracht  kommenden  Hauptmächte  bei  Namen  genannt,  dann  aber 
in  die  Erwägungen  über  den  möglichen  Verlauf  abstrakte  Bezeic 
nungen  eingeführt  und  die  kämpfenden  Mächte  unbenannt  gelas-ess 
sen.  Die  bessere  Eignung  der  Abstraktion  beruht  auf  der  Wahr- 
scheinlichkeit, daß  für  den  drohenden  Krieg  gerade  in  den 
entscheidenden  Hinsichten  neue  Maßstäbe  und  neue  Gesetze  gel^E 
ten.  Was  zunächst  so  ziemlich  jeder  akzeptieren  dürfte, ist 
die  Gewißheit,  daß  es  das  Potenzial  im  alten  Sinne  nicht  mehr 


333 

geben  kann,  den  Faktor,  dessen  entscheidende  Bedeutung 
besonders  in  den  beiden  Weltkriegen  anschaulich  wurde. 
Benn  anach  dem  Ausbruch  wird  nun  keiner  rüsten  -noch  neue 
Kriegsgeräte  beziehen  können.  Er  wird  vom  Ausbruch  an  nur 
das  haben,  was  er  nicht  selbst  verbraucht  hat  und  was  noch 
nicht  zerstört,  unbrauchbar  und  unerreichbar  geworden  ist. 
Meine  Ansicht  geht  darüber  noch  hinaus,  indem  ich  den  alten  £sg 
Begriff  der  Kriegsstärke  für  unanwendbar  und  revisionsbedürftig 
halte.  Dieser  Begriff  war  seit  Menschengedenken  durch  seine 
Relativität  definiert.  Nie  gab  es  eine  absolute  Stärke, 
sondern  die  Differenz,  bzhw.  die  Proportion  zwischen  den 
beiden  Stärken  war  das  Entscheidende.  Wenn  wir  aber  jetzt  das 
früher  vereinfachte  Schema  noch  weiter  vereinfachen,  auch  von 
G  absehen  und  nur  A  und  B  in  Betracht  ziehen,  muß  sich  bei  völ- 
liger Unvoreingenommenheit  herausstellen,  daß  ja  jeder  von  l&saaä: 
Beiden  maximal  stark  ist,  in  der  Lage,  den  Andern  gänzlich 
aus  der  Welt  zu  schaffen;  oder  genauer,  daß  schon  ein  Teil 
seiner  Kraft  dieses  Ergebnis  herbeiführen  kann.  Da  keiner 
stärker  ist  als  der  Stärkste,  auch  der  andere  Stärkste  nicht, 
wird  das  Denken  und  Sprechen  im  Komparativ  sinnlos,  das  Prinzip 
des  Vergleiches  wird  unanwendbar,  die  Bemühungen,  den  Andern 
zu  übertrumpfen,  werden  unzeitgemäß.  Auch  wenn  die  Kriegsstär- 
ke mathematisch  ausdrückbar  bleibt, muß  es  in  der  durch  das 
Übersteigen  des  erforderlichen  Maßes  gegebenen  Lage  irrelevant 
werden,  ob  A  nur  x  oder  x  +  y  besitzt,  da  er  mit  x  +  y  dem  B  &t$£ 
nicht  mehr  antun  kann  als  mit  x,  was  natürlich  ebenso  für  B 
gilt.  Die  daraus  resultierenden  Aussichten  für  den  Verlauf 
des  Krieges  gelten  folgerichtig  auch  für  dessen  Ausgang. 
Diese  Aussichten  nun  näher  zu  betrachten,  bleibt  uns  leider 
nicht  erspart. 

Bei  aller  Unmöglichkeit,  präzedenzlose  Vorgänge  zu 
schildern,  können  wir  immerhin  einige  Schlüsse  auf  das  Kriegses 
ende  ziehen,  indem  wir  versuchen,  die  Faktoren  heranzuziehen, 
deren  Wirkungen  für  den  Fall  des  Krieges  als  zwangsläufig 
erachtet  werden  müssen,  weil,  im  Gegensatz  zu  allerhand 
wunschgeleiteten  Voraussagen,  nicht  einzusehen  ist,  warum 
sie  ausbleiben  sollten.  Denken  wir  an  die  Bestattung  eines  WEM. 
Toten  und  an  die  Anzahl  der  Hände,  die  im  Frieden  mit  dieser 
Aufgabe  beschäftigt  sind.  Denken  wir  an  ein  Eisenbahnunglück, 
an  ein  Erdbeben,  eine  Seuche,  lassen  wir  jeden  Ritus  weg, 


reduzieren  wir  die  Bestattung  auf  das  Unerläßliche,  etwa 
auf  ein  hastiges  Verscharren,  und  erwägen  wir,  welcher 
Energieaufwand  dann  immer  noch  notwendig  bleibt.  Denken  wir 
ferner  an  die  Pflege,  die  Verwundeten  und  Kranken  bisher 
selbst  im  Kriege  zuteil  wurde  und  welcher  Teil  der  Gesamt- 
energie eines  Volkes  an  diese  Tätigkeit  gewendet  wurde. 
Erinnern  wir  uns  der  Bemühungen  zur  Löschung  einer  Feuerstasmxfc 
brunst;  und  der  umfangreichen  Maßnahmen  bei  Hochwasser,  vor 
allem  zur  Rettung  der  direkt  Bedrohten  und  zur  Abwehr  von 
Seuchen.  Und  nun  versuchen  wir  uns  die  Lage  von  Lebenden 
nach  einem  ganz  kurzen  nuklearen  Krieg  vorzustellen,  voraus- 
gesetzt, daß  der  Kampf  zu  Ende  ist,  daß  das  Feuer  Städte, 
Wälder  und  Felder  mit  Menschen  und  Tieren  gefressen  hat  und 
nach  und  nach  erlischt,  weil  ihm  keine  Nahrung  mehr  geblieben 
ist.  Die  Lebenden  befinden  sich  noch  mitten  in  einer  weitaus  I 
überwiegenden  Mehrheit  von  Leichen.  Die  Kanäle  sind  geborsten 
uQd^off en,  die  Fische  in  den  Flüssen  und  das  Getier  des  Feldes 
iefc  tot  und  verpestet,  es  gibt  kein  Trinkwasser,  keine  Nahrung,! 
kein  Obdach,  keine  Bekleidung,  alles  ist  verbrannt  und  ver- 
giftet, unkenntliche  Reste  von  Mensch  und  Vieh  röcheln  ringsum. 
Den  Lebenden  wird  es  ergehen,  als  wären  sie  von  den  Toten  und 
den  Sterbenden  angesteckt,  denn sichtbares  und  unsichtbares 
Gewölk  wir  unaufhörlich  auf  sie  niederrieseln  und  sie  werden 
in  Massen  fallen,  von  unsichtbaren  Händen  erwürgt.  Manche 
der  immer  noch  am  Leben  Gebliebenen  werden  sich  durch  veren- 
detes und  verkohltes  Fleisch  zu  retten  suchen,  von  dem  der 
Tiere  oder  gar  von  dem  ihrer  Mitmenschen.  Auch  das  wird  schwer-| 
lieh  nützen,  weil  der  Tod  überall  sein  wird,  in  der  Luft,  in 
den  Tümpeln,  in  den  Fetzen  am  eigenen  Leibe,  im  Boden,  in 
jedem  noch  atmenden  Kadaver,  in  jedem  Knochen. 

Was  für  edle  Tugenden  werden  in  diesen  Seelen  übriggebli* 
ben  sein?  Wird  der  Zerfall  des  Menschen  und  der  Gesellschaft 
nicht  schon  in  der  Not  des  dem  ersten  Angriff*  vorausgehenden 
Alarmzustandes  beginnen?  Werden  solche  Menschen,  die  einst 
Leidenden  halfen  und  in  manchem  Unglück  viel  opferten,  um  den 
Betroffenen  beizustehen,  nun  für  den  Nächsten  überhaupt  Interej 
esse  haben?  Oder  wird  jeder,  von  der  Not  verzehrt,  nur  anrieh 
denken  und  vor  nichts  zurückschrecken,  um  sein  Elend  noch  zu 
verlängern?  Nein,  nicht  jeder  wird  gesondert  seine  Erhaltung 
suchen.  Auf  einmal  werden  sich  Gruppen  gebadet  haben,  die  gegen 


335 

Einzelne  und  gegen  andere  Gruppen  vorgehen  werden,  und 
bald  werden  Gruppen  durch  interne  Kämpfe  zerfallen,  und  aus 
den  immer  noch  davongekommenen  lebenden  Leichen  sx  werden 
neue  Gruppen  entstehen  und  vergehen, 

Falls  aus  fortgesetzter  Feindschaft  der  Unglücklichen 
gegen  einander  und  aus  einem  Zustand  des  Faustrechtes  und 
der  Bürgerkriege  irgend  eine  neue  Gesellschaft  hervorgehen 
sollte,  wie  wird  sie  aussehen?  Wird  in  ihr  etwas  von  den  alten 
staatsbildenden  Prinzipien  wiederkehren?  Welcher  der  heutigen 
Gesellschaften  wird  sie  ähneln?  Wird  etwa  eine  Gruppe  die 
Herrschaft  an  sich  reißen,  sich  irgendwelche  ausnützbaren 
Werte  aneignen,  Rohmaterialien  ausfindig  und  zugänglich  machen 
und  sie  von  Andern  verarbeiten  lassen,  um  ihnen  für  die  Arbeit 
einen  Teil  der  Produkte  zu  überlassen?  Sollte  also  eine  Art 
Kapitalismus  auf  primitivster  Stufe  aufs  neue  entstehen? 
Oder  sollten  Menschen  dann  von  kommunistischer  Diktatur  immer 
noch  nicht  genug  haben?  Oder  sollte  etwa  dann  die  Zeit  für 
eine  sozialistische  Gesellschaft  reif  werden? 

Diese  Hoffnung  wage  ich  nicht  zu  hegen.  Das  würde  eine 
moralische  Kraft,  einen  menschlichen  Aufschwung  voraussetzen, 
der  im  Zustand  des  totalen  Verfalls  nicht  zu  erwarten  ist. 
Eher  sind  völlig  verelendete  Exmenschen  zu  erwarten,  die  zu  a±± 
allem  und  zu  nichts  fähig  wären.  Wofern  solchen  mehr  oder  grmfor 
minder  zur  Antisozialität  herabgesunkenen  Individuen  überhaupt 
eine  Gesellschaft  im  engern  Sinne  entsprechen  kann,  wird  sie 
nicht  weniger  beklagenswert  sein  als  die  Einzelnen. 

So  ist  aus  mehreren  Gründen  keinerlei  Status  quo  zu 
erwarten,  auch  kein  geistiger.  Daß  wir  un$  überhaupt  Illusionen 
machen  und  daß  unser  Handeln  in  mancher  Hinsicht  von  ihnen  "kwxi: 
bestimmt  ist,  bildet  eine  unserer  fiä  höchsten  Fähigkeiten. 
Doch  in  den  Überlebenden  der  großen  Katastrophe  wird  eine  sol- 
che Fähigkeit  sich  nicht  erhalten  haben.  Der  Gott,  der  weder  ss 
seine  Anbeter  noch  seine  Heiligtümer  schützen  konnte,  wird 
illusionsunfähige  Überreste  der  Menschheit  unter  keinen  Umstän- 
den noch  anziehen,  Wesen  voller  Gier  und  Erbitterung  werden 
wahrscheinlich  aller  Ideale  von  einst  nur  höhnend  gedenken. 
Sie  werden  uns,  ihre  Vorgänger,  der  Schuld  an  ihrem  Zustand 
bezichtigen,  und  mit  Recht.  Jeder  Altruismus  und  Idealismus 
wird  ihnen  fiemd  und  wohl  auch  unverständlich  sein.  Vielleicht 
werden  sie  sich  mit  nichts  beschäftigen,  was  nicht  sofortigen 


336 

Nutzen  verspricht. 

Die  Lebensbedingungen  werdenx  so  gründlich  zerstört 
sein, daß  der  allgemeine  Abstieg  auch  nach  der  eigentlichen 
Katastrophe  nur  weitergehen  kann;  es  ist  nicht  abzusehen,  was 
ihn  aufhalten  und  neuen  Aufstieg  bringen  sollte.  Wenn  auch 
zu  hoffen  ist,  daß  die  Wirkung  von  Strontium  90  wie  auch  die 
von  Caesium  137  bald  erheblich  abgeschwächt  sein  wird,  ist 
seit  Einsteins  Erklärungen  allgemein  bekannt,  daß  die  Verderb- 
lichkeit von  Carbo  14-  Jahrtausende  lang  anhalten  muß. Trotz 
der  furchtbaren  Reduktion  des  Umf angs  der  Menschheit  ist  schon 
wegen  der  gründlichen  Durchgiftung  aller  virtuellen  Mährstoffe 
auf  das  notwendige  Minimum  an  Nahrung  in  denjenigen  Genera- 
tionen, die  für  die  Präge  der  Erhaltung  unserer  Spezies 
entscheidend  sein  werden,  schwerlich  zu  hoffen.  Zugleich 
lauern  der  Menschheit  sekundäre  Zerstörer  auf,  wie  die  zuneh- 
mende Entartung  und  Verkrüppelung ,  von  der  auch  die  Zeugungs- 
fähigkeit betroffen  werden  muß.  An  der  unberechenbaren  Größe 
dieses  Paktors  versuchen  heute  manche  Fachleute  für  Beschwich- 
tigung ihre  Talente,  indem  sie  uns  erzählen,  daß  der  ProzenteadJ 
satz  von  etwa  4%  defektiver  Kinder  nach  einem  nuklearen  Krieg 
auf  5%  anwachsen  würde!  Nach  meiner  bescheidenen  Meinung  müßte 
er,  wenn  eine  beträchtliche  Anzahl  von  Geburten  überhaupt 
vorausgesetzt  werden  kann,  auf  zumindest  90%  anwachsen. 

Nach  der  weit  verbreiteten  und  auf  nicht  mehr  anwend- 
baren Analogien  beruhenden  Ansicht  würde  nach  einem  nuklearen 
Krieg  der  Sieger  in  das  geschlagene  Land  einfallen,  um  ihm 
seinen  Willen  aufzuzwingen.  Da  ist  aber  nicht  nur  die  Prämisse 
eines  Siegers  zu  streichen,  sondern  die  eines  glücklicheren 
Gegners  schlechtweg,  der  noch  Kraftreserven  hätte,  um  eine 
Eroberung  oder  Besetzung  selbst  ohne  besondern  Widerstand  durc] 
zuführen;  und  der  überhaupt  an  einem  Lande  oder  an  einem  Kon- 
tinent interessiert  wäre,  wo  es  ebensowenig  Nahrung  gibt  wie 
in  seinem  Territorium  oder  noch  weniger.  Warum  sollte  man  dem 
eigenen  Elend  noch  das  fremde  gesellen  oder  sich  mit  der  Pür- 
sorge  für  noch  ärgere  Not  belasten  wollen?  Soweit  man  überhaupt, 
das  Rüstzeug  zur  Gewinnung  von  Rohstoffen  besitzen  sollte, 
könnte  man  sie  wahrscheinlich  durch  einfachere  Mittel  erlangen 
als  durch  militärische  Besetzung.  Auf  einem  verwüsteten  Plane- 
ten wird  eben  alles  anders  sein. 

Sa  dem  (jmch  von  Russell  wiedergegebenen)  National  Planning 
Association- s  Report  vom  Mai  1958  werden  naoh  einem  einzigen 


337 

Tage  nuklearen  Bombardements  während  eines  halben  Jahrhunderts 
Sterbefälle  im  Umfang  der  ersten  Ernte  des  Todes  fortdauern, 
u.zw.  durch  die  direkte  Radioaktivität  und  deren  Folgen,  vor 
allem  den  genetischen  Tod  und  Tumor,  Die  Verluste  der  neutra- 
len Länder  auf  nur  5-10%  von  denen  der  kriegführenden  zu 
schätzen,  mag  als  ein  an  Euphorie  grenzender  Optimismus  ver- 
zeihlich sein,  ist  aber  nicht  weniger  gefährlich  als  absichtli- 
che Irreführung.  Vor  einigen  Jahren  hat  übrigens  eine  der  strei 
tenden  Parteien  die  andere  des  ruchlosen  Planes  bezichtigt, 
nicht  allein  den  Gegner,  sondern  auch  unbequeme  Neutrale 
nuklear  auszurotten.  Es  ist  natürlich  schwer  zu  sagen,  was 
hinter  einer  solchen  Beschuldigung  steckt.  Auch  eine  solche 
Schurkerei  wäre  jedenfalls  durchführbar  und  könnte  dann  ent- 
weder dem  Feinde  oder  einem  Versehen  zugeschrieben  werden. 
Doch  auch  ohne  einen  derartigen  Zusatz  zu  dem  schon  an  sich 
beispiellosen  Verbrechen  wäre  das  Los  der  nicht  aktiv  betei- 
ligten Menschheit  schwerlich  um  vieles  besser  als  das  der  dire 
betroffenen  Länder  und  die  Folgeerscheinungen  würden  ±h  überall 
nach  denselben  Gesetzen  eintreten.  Am  ehesten  könnten  Stämme 
der  Sahara  oder  außerhalb  der  Zivilisation  lebende  Bewohner 
des  südamerikanischen  Westens  oder  Eingeborene  im  Innern 
Australiens  eine  ganz  bescheidene  Aussicht  auf  Fortbestand  kate 
haben j  doch  für  unsern  Lebenswillen  ist  das  wohl  ein  schwacher 
Trost. 

So  sehen  wir,  daß  eine  Menschheit,  die  sich  in  den 
Abgrund  gestürzt  hätte,  aus  ihm  voraussichtlich  nicht  mehr 
herausgelangen  könnte.  Wem  eine  solche  Lösung  der  heutigen 
Probleme  annehmbar  scheint,  der  braucht  keine  bessere  zu  suchen» 
Er  mag  an  seinen  Delusionen  festhalten  solange  er  kann  und 
denjenigen,  der  für  Erhaltung  des  Lebens  eftritt »einen  Kommu- 
nisten oder  Imperialisten  nennen.  Doch  für  uns,  die  wir  uns  noch 
einige  Gesundheit  gewahrt  haben,  ist  die  Zeit  gekommen,  die 
Dinge  so  zu  sehen  wie  sie  sind  und  wie  sie  gegebenenfalls 
kommen  müssen. 

So  kommt  uns  die  berühmteste  Stelle  aus  Dante  in  ErinsaxH: 
nerung,  ein  Motto  dieses  Kapitels. 
Noch  können  wir  umkehren. 


338 

Schlußf olgerungen 

Aus  dem  "bisher  Erkannten  ergeben  sich  die  folgenden 
Schlüsse : 

I»   Haß,  Wettrüsten,  Drohung,  Abschreckung  und  Provokation 
sind  nicht  Mittel  zur  Vermeidung  der  nuklearen  Katastrophe, 
sondern  zu  deren  Herbeiführung, 

2.  Ein  nuklearer  Krieg  wäre  mit  dem  Ende  der  Zivilisation, 
mit  der  Ermordung  eines  großen  Teiles  der  Erdbevölkerung 

und  mit  der  Zerstörung  ihrer  Lebensbedingungen  gleichbedeutend« 

3.  Niemand  hat  das  Recht,  einen  solchen  Krieg  zu  führen 
oder  Handlungen  zu  begehen,  die  einen  solchen  zur  Folge  haben 
können, 

4.  Ein  nuklearer  Krieg  würde  weder  Probleme  lösen  noch 
die  Lösung  von  Problemen  ermöglichen, 

5»  Durch  Einsicht  und  Menschlichkeit,  durch  weitgehende 
Zugeständnisse  und  durch  mutige  und  ehrliche  internationale 
Zusammenarbeit  kann  der  Krieg  vermieden  werden, 

6,  Da  der  Status  quo  zum  Kriegsausbruch  drängt,  ist  er 
an  sich  keine  Lösung. 

7»  Jede  durch  Verhandlungen  erzielte  Lösung,  auch  die 
schlechteste,  ist  der  Katastrophe  vorzuziehen, 

8,  Durch  Verhandlungen  im  Geiste  des  5»Punktes  lassen 
sich  Lösungen  finden,  die  der  ganzen  Menschheit  neues  leben 
in  Frieden,  Freiheit,  Menschenwürde  und  Wohlfahrt  ermöglichen. 


VIII 

FRIEDENSKONFERENZ  OHNE  KRIEG 


mm 


Er  wird  zwischen  den  Nationen  richten  und  viele 
Völker  zur  Einsicht  führen,  zerschlagen  werden  sie 
ihre  Schwerter  und  zu  Spaten  machen,  und  ihre 
Lanzen  zu  Gärtnermessern,  eine  Nation  wird  gegen 
die  andere  kein  Schwert  mehr  erheben  und  man 
wird  nicht  mehr  Kriegführung  lernen, 

Jesaias  2,  4 

In  diesem  Marsch  dem  irrsinnigen  Tode  entgegen 
ist  keine  andere  Entscheidung  möglich  als 
rechtsum  und  zurück,  zur  Gesundheit,  zum  Lehen • 
Unser  gegenwärtiger  Kurs  führt  unvermeidlich, 
früher  oder  später,  zum  Aussterben  der  Menschen- 
rasse. Wir  sind  nicht  verdammt,  dieses  Wettrennen 
zur  Katastrophe  beharrlich  fortzusetzen.  Mensch- 
licher Wille  hat  es  bewirkt  und  menschlicher 
Wille  kann  es  zum  Stillstand  bringen. 

Bertrand  Russell 

Grundlegung 

Die  Erkenntnis  der  Lage  vermöge  der  Logik  der  Tatsachen 
und  der  Aussichten  verlangt  von  Allen,  denen  es  gegeben  ist, 
diese  Erkenntnis  zu  teilen,  einsichtiges,  entschlossenes, 
rasches  und  konsequentes  Handeln.  Es  muß  zunächst  in  einem 
aufrichtigen  und  überzeugenden  Appell  an  alle  Mitmenschen 
bestehen,  besonders  an  diejenigen,  die  durch  ihre  persönli- 
chen Fähigkeiten  und  durch  wichtige  Positionen  zur  Rettung  der 
Gesamtheit  in  bedeutender  Weise  beitragen  können.  Die  WichtigfcE 
keit  der  erforderlichen  Aktionen  wie  auch  die  Not  und  die 
Dringlichkeit  sind  beispiellos,  verlangen  also  Maßnahmen,  die 
über  das  Herkömmliche  weit  hinausgehen  müssen;  die  höchste 
gemeinsame  Gefahr  läßt  sich  nur  durch  höchste  gemeinsame 
Bemühungen  abwehren. 

Die  folgenden  Anträge  lassen  sich  kurz  vorausnehmen: 

1.  Sofortige  Einstellung  aller  im  Gange  befindlichen 
Kampfhandlungen» 

2.  Einberufung  einer  umfassenden  internationalen 
Konferenz  zwecks  Erzielung  eines  Einvernehmens  über 
die  wichtigsten  politischen  Streitfragen  sowie 
Sicherung  ergänzender  Aktionen  permanenter  Friedens- 
institutionen. Zur  Definition  ihrer  Aufgaben  sei  die 
Konferenz  Friedenskonferenz  genannt,  wobei  das 
Hauptgewicht  auf  dem  Unterschied  liegt,  daß 


340 

die  einzuberufende  fi±±  Friedenskonferenz  nicht  wie 
die  bisherigen  einem  Kriage  folgen,  sondern  zu  dessen 
Vermeidung  stattfinden  und  die  Voraussetungen  für  wei- 
tere Vermeidung  von  Kriegen  schaffen  soll. 
3.  Die  Friedenskonferenz  wird  noch  vor  ihren  Bemühun-  I 
gen  um  Lösung  der  die  Menschen  und  Völker  trennenden 
und  ihre  Existenz  gefährdenden  Fragen  allgemeine 
und  totale  Abrüstung  zu  beschließen  haben. 
4-.  Alle  Einzelheiten  der  Abrüstung,  ihrer  Durchfüh- 
rung und  Überwachung,  werden  von  einer  besonderen, 
sofort  nach  Fassung  des  Beschlusses  zu  eröffnenden, 
gleichzeitig  mit  der  Friedenskonferenz  stattfindenden 
und  mit  allen  erforderlichen  Vollmachten  auszustatten- 
den Abrüstungskonferenz  beschlossen. 

5.  Zum  Schutze  und  zur  Verbürgung  der  Abrüstung  und 
des  gesamten  Friedenswerkes  wird  eine  internationale 
Friedensarmee  errichtet. 

6.  Fragen,  welche  die  Friedenskonferenz  nicht  lösen 
kann  sowie  solche,  die  sich  erst  nach  deren  Abschluß 
ergeben,  werden  auf  Grund  eines  Systems  von  Petitionen 
vor  ein  permanentes  internationales  Tribunal  gebracht, 
um  von  diesem  untersucht  und  entschieden  zu  werden 

(S.     ).  Die  Giltigkeit  dieser  Entscheidungen  besteht 
für  die  Lebensdauer  einer  Generation.  Über  die  Durch- 
führung wacht  die  Friedensarmee  und  schützt  die  durch- 
zuführende, bzhw.  durchgefüfe^e^r^F^hre  ganze  gesetzi 
liehe  Giltigkeitsdauer.  Nach  deren  Ablauf  beschließt 
die  direkt  oder  indirekt  von  der  Friedenskonferenz 
hiefür  eingesetzte  Institution  über  diese  Frage 
für  die  Zeit  einer  weiteren  Generation,  u.s.f . 
Diesez  wichtigsten  aller  erforderlichen  Maßnahmen  können 
entweder  in  einem  eigenen,  zu  diesem  Zwecke  aufzubauenden 
Rahmenwerk  stattfinden  oder  innerhalb  der  Vereinigten  Nationen. 
Beide  Möglichkeiten  haben  ihre  Vor-  und  Nachteile.  Der  zunächst 
sinnfällige  Nachteil  der  VN  besteht  gegenwärtig  darin,  daß 
diese  Organisation  noch  nicht  universell  ist.  China,  das  volk- 
reichste  und  ändern  Hinsichten  überaus  belangvolle  Land,  steht 
noch  außerhalb;  die  Schweiz,  die  Heimat  von  drei  friedlich 
zusammenarbeitenden  Nationen,  vorbildlich  in  ihrer  Neutralität 
und  in  manohor  andorn  Berijohiua^^Ts^'e  Dens  owenig  Mitglied. 
Auch  sind  innerhalb  der  boctohendon  Organisation  die 


341 

bestehenden  Machtverhältnisse  für  Zusammenarbeit  und  Frieden 
zuweilen  so  ungünstig,  daß  sie  ^Mm&Bm.  eher  geeignet  scheinen, 
Konflikte  noch  zu  fördern.  Schon  die  permanente  antichinesische 
Haltung  muß  Zv/eif  el  am  richtigen  Bau  des  ganzen  Rahmens  er- 
wecken. Nicht  nur  Besorgnis,  sondern  Bestürzung  muß  es  erregen, 
daß  der  blutige  Vietnamkrieg  sich  jahrelang  hinzieht,  ohne 
von  den  VN  direkt  diskutiert,  friedlich  entschieden  und  been- 
det zu  werden.  Eine  weitere  Schwäche  der  VN  bildet  der  Umstand, 
daß  in  Diskussionen  von  bedeutender  Tragweite,  wie  die  Nach- 
wehen des  arabisch-israelischen  Krieges  gezeigt  haben,  die 
meisten  Beteiligten  in  einem  extrem  parteiischen  Geiste  vor- 
gehen, als  ausschließliche  Vertreter  ihrer  Regierungen; 
während  diejenigen,  denen  auch  das  internationale  Gemeinwohl 
nicht  gleichgiltig  ist,  sich  als  zu  schwach  erweisen,  um  oino 
Entscheidunganin  einem  solchen  Geiste  herbeizuführen.  Schließ- 
lich ist  auch  die  Charta  der  VN  noch  nicht  gründlich  genug 
durchdacht  und  formuliert,  um  Eigenmächtigkeiten  des  General- 
sekretärs oder  gegebenenfalls  auch  anderer  Funktionäre  aacsx 
zjzasB&kxE&m  zu  verhindern.  So  schwere  Nachteile  können  nicht 
übersehen  werden.  Anderseits  ist  schon  die  bloße  Existenz  der  X] 
VN  und  ihrer  Institutionen  ein  einzigartiger  Vorteil,  der 
noch  durch  die  bedeutenden  ihnen  zur  Verfügung  stehenden 
Mittel  und  durch  das  hohe  Ansehen  vermehrt  wird,  das  sie  sich 
ungeachtet  ihrer  Unvollkommenheit  und  ihrer  beklagenswerten  Se 
Fehlleistungen  erworben  haben.  Nach  allen  Erwägungen  für  und  w±| 
wider  müssen  wohl  die  Vorteile  der  bestehenden  Organisation 
entscheiden.  Trotz  ihren  Schwächen  war  die  Verhinderuig  mancher 
Kriege  ihr  Verdienst  und  ohne  sie  wäre  es  vielleicht  schon 
zum  größten  Unglück  auf  Erden  gekommen«  Das  Werk  zur  Rettung 
und  Sicherung  des  Frieden  soll  also  von  den  VN  vollbracht 
werden.  Wir  müssen  daher  hoffen,  daß  diejenigen,  von  denen  die- 
se Tat  zu  erwarten  ist,  auch  eine  Reform  der  UNO  durchführen 
werden,  die  für  das  Gelingen  des  Rettungswerkes  eine  bessere  & 
Gewähr  bieten  als  die  jetzige  legale  und  tatsächliche  Situation| 
innerhalb  der  Organisation  der  Staaten.  Der  Vorschlag  für  eine 
Serie  von  Reformen  wäre  daher  als  siebenter  Punkt  den  voran- 
stehenden sechs  Punkten  anzuschließen. 

Mein  Ruf  ist  das  Ergebnis  langen  und  intensiven  Studiums 
der  Lage  der  Menschheit  in  dieser  Zeit.  Ich  fühle  mich  berech- 
tigt und  verpflichtet,  meine  Stimme  zu  erheben,  ohne  ohne  mich 
auf  mehr  berufen  zu  können  als  auf  Menschlichkeit  und 


a 

CD 
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CD 


34-2 

h    M     jj,   ehrliches  Nachdenken«  Doch  gibt  es  auch  andere,  vowmeinen 
IPScö-h   Ergebnissen  verschiedene  Möglichkeiten,  die  alle  denselben 

M  Ti    >    Ij         A  i.   r»  •  i-^   


wwN^rHägciNiä   ^spruch  auf  unvoreingenommene  Prüfung  haben  wie  auch  auf 

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Bereitschaft  zur  Durchfuhrung  der  als  gut  erkannten  Ideen. 
Menschen,  die  kein  Amt  dazu  verpflichtet,  sondern  ihre  Be- 
ziehung zum  Leben  und  ihre  Erkenntnis,  trachten  in  manchen 
Ländern  nach  Lösungen  der  brennenden  Prägen.  Dank  brieflicher 
Mitteilung  von  Dr.  Erwin  Hirsch,  Jerusalem,  ist  mir  bekannt, 
daß  dieser  bedeutende  Psychoanalytiker  an  einem  Friedenswerk 
arbeitet,  hauptsächlich  an  einem  Abrüstungsplan,  durch  dessen 
Lethode  das  Haupthindernis  überwunden  werden  soll,  nämlich 
die  gegenseitige  Furcht  und  das  gegenseitige  Mißtrauen,  an 
denen  alle  bisherigen  Versuche  gescheitert  sind.  Leider  bin 
ich  nicht  berechtigt,  die  Ideen  des  Autors  zu  publizieren, 
bevor  er  es  selbst  getan  hatMÜnter  den  bisher  veröffentlich- 
ten Arbeiten  zur  Planung  undVSicherung  des  Friedens  wärde  ich 
dfi&c£on  Grenville  Clark  und  Louis  B.  Sohn,  "World  Peace  through 
World  Law"  81)  äasDdssntariamä:  die  praktisch  wichtigste  nennen. 


q  q I  Fh  Fh  Ö 
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iiner  erneuex 


erten  Organisation  der  Völker  als  Grundlage  zu  dienen;  obzwar  e 


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CO  bO  O  X!  oDr^  -o  0  CO  CQ 

ij  ö-h  0.S-H  i  d  q  3  g  **°-h  meisterhaft  ^obauUs  Rahmenwerk  bildet,  ein  System  forä 
ÜoS  w  S^d  q  w  o-S  ^malj"uridischer  Bestimmungen  für  den  internationalen  Frieden 
'  >  d'H  Söll 1121(1  dessen  Befestigung.  Die  Verfasser  geben  ihrer  Initiative 


©       S^§eS  höchst  Problematische  Punkte  enthält,  auf  die  wir  zurück- 
g,  können  müssen.  Von  der  Gesamtheit  des  Problems  her  gesehen, 
besteht  seine  Schwäche  darin,  daß  es  nicht  mehr  als  ein  wenn 


CQ  CO 
CQ 


--P 


^  d        d  -P  äHHÖ 

Fh  I  o  -h  -S  m-h  3  §  q  0  die  Form  von  Revisionen  zur  bestehenden  Charta  der  VN  mit 
•S^xFxJ  S2  Gründungen  und  neuen  Anhängen.  Doch  ist  es  höchst  zweifelhaft 

73 11  §S5hq  J  °  °b  wohldurchdachte  und  S^*  zusammengefügte  Gesetze,  selbst 

wenn  eine  entsprechende  militärische  Macht  für  ihre  Einhaltung 
sorgen  und  gegebenenfalls  ihre  Verletzung  bekämpfen  soll, 
einen  auch  nur  einigermaßen  dauerhaften  Frieden  verbürgen, 
falls  dieser  Friede  nicht  die  Revision  desjenigen  Status  quo 
zur  Voraussetung  hat,  der  eben  zur  Gefährdung  des  Friedens 
geführt  hat  und  Rettungsmaßnahmen  erfordert.  Ein  Gesetz,  besonö 
ders  ein  von  einer  bedeutenden  Macht  gründlich  geschütztes, 
ist  an  sich  mit  Festlegung  gleichbedeutend.  Trotz  Komitees 
zur  Prüfung  von  Be schwenden W^o&mc^m^Mms^c 


34-3 

SS 

%&lpzgg%%33Qr>ffii^^  hat  die  Dynamik 

des  historischen  Geschehens  gegen  sich,  weil  es  zumindest 
einen  Versuch  zur  Betätigung  des  "bestehenden  Zustandes  bildet« 
Wenn  aber  dieser  Zustand  an  sich  schwere  Unzulänglichkeiten 
aufweist,  oder  sogar  unerträglich  ist,  entbehrt  das  Bemühen, 
ihm  maximale  Dauer  zu  verleihen,  sowohl  der  Berechtigung 
als  auch  der  Aussicht  auf  Erfolg,  Es  ist,  als  würden  in  starke 
Fundamente  eines  Heubaues  Zeitbomben  eingebaut.  Es  gibt  z.B. 
Länder,  deren  Regierungen  feigenblattlose  Agenturen  reicher 
Geschäftsleute  sind  und  in  denen  ein  Knabe,  wenn  er  für 
Mundraub  ins  Gefängnis  kommt,  ohne  daß  das  Datum  seiner  Ein- 
lief erung  notiert  wird,  als  Greis  hinausgeworfen  werden  kann, 
falls  er  dort  nicht  noch  in  jungen  Jahren  umkommt.  Ebenso 
teilen  wir  diesen  Erdball  mit  Gebieten  gemeinsamer  Herrschaft 
des  frevelhaften  Luxus  und  des  chronischen  Hungers,  ferner 
mit  Angola  und  andern  Fremdherrschaften,  mit  dem  Regime  von 
Rhodesien,  mit  der  Apartheid,  mitrder  bekannten  Lage  Südwest- 
afrikas,  mit  Papa  Doc  in  Haiti ,/\und  frische  Reste  von  Sklaverei 
und  Menschenhandel  gibt  es  auch.  Sollen  und  können  derart 
flagrante  Greuel,  die  nicht  einfach  als  Streitfragen  bezeichnet 
werden  können,  und  namentlich  diejenigen,  über  welche  westliche 
und  östliche  Zivilisationen  einer  Meinung  sind,  durch  ein  für 
alle  Länder  bindendes  Gesetz,  das  Gewaltakte  jeder  Art  ohne  S 
Rücksicht  auf  ihre  Motive  verbietet,  verhindert  und  gegebenen- 
falls ahndet,  sozusagen  verewigt  werden?  Und  soll  die  größte 
der  Gefahren,  die  kapitalistisch-kommunistische  Weltlage  in 
ihrem  Mangel  eines  erträglichen  modus  vivendi  und  in  ihrem 
unbändigen  Drang  zur  Katastrophe  einfach  so  erhalten  bleiben? 
Es  ist  also  offensichtlich,  daß  Aufrechterhaltung  des  Status  35H 
quo  nicht  die  stillschweigende  Voraussetzung  einer  aufs  neue 
zu  festigenden  Weltordnung  bilden  kann.  Es  ist  ein  elementares 
Gebot  der  Einsicht  und  Sittlichkeit,  daß  Kriege  und  Revolutioa 
nen  jeder  Art  verboten  und  verpönt  sein  und  mit  allen  Mitteln 
verhindert  werden  söllen;  aber  sie  müssen  vor  allem  unnötig  wwtt 
werden.  Erst  das  kann  den  Frieden  zwischen  den  Völkern  und 
innerhalb  ihrer  sichern.  Welche  Bedeutung  der  Vorbeugung 
zukommt,  d.h.  sowohl  der  Verhinderung  als  auch  dem  Überflüssig- 
werden blutigen  Kampfes,  kann  durch  unzählige  Tatsachen  erwie- 
sen werden.  Allein  die  kommunistische  Revolution  in  China  hat 
nach  Schätzungen,  die  nicht  stark  übertrieben  sein  können, 


50  Millionen  Menschenleben  gekostet.  Nach  den  Vorschlägen, 
die  ich  im  Folgenden  unterbreiten  will,  sollen  revolutionäre 
Bewegungen  eine  Chance  haben,  ihre  Ziele  ohne  Blutvergießen 
zu  erreichen.  Aus  den  Tatsachen  und  mit  einfachster  Logik 
läßt  sich  der  Schluß  ziehen,  daß  eine  auf  Einsicht  gegründete, 
die  Lebensbedingungen  der  ganzen  Menschheit  berücksichtigende  I 
Neuordnung,  die  nicht  nach  der  Katastrophe,  sondern  zu  deren 
Verhütung  erfolgen  soll,  der  Schaffung,  Bestätigung  und  Festi- 
gung eines  internationalen  Gesetzes  vorauszugehen  oder  sie  zu 
begleiten  hat. 

Ein  solches  Riesenwerk,  vielleicht  die  schwerste  aller 
Aufgaben,  die  Menschen  je  auf  sich  genommen  haben,  muß  ange«fask 
sichts  der  einzigen  Alternative,  die  der  Untergang  ist,  um 
jeden  Preis  unternommen  und  konsequent  vollendet  werden. 
Sie  scheint  weder  zu  schwierig  noch  zu  groß  zu  sein,  wenn  wir 
sie  daran  messen,  welche  geistigen  und  materiellen  Energien 
im  20. Jahrhundert  zum  Zwecke  der  Zerstörung  und  deren  ebenso 
zerstörerischen  Abwehr  bereits^  worden  sind.  An 

Verdienstlichkeit  würde  das  ÄfeäsaäÄerk  keiner  menschlichen 
Leistung  nachstehen,  auch  nicht  jenen  schöpferischen  und 
richtunggebenden  Taten  ferner  und  naher  Vergangenheit,  die 
wir  am  meisten  bewundern.  Wenn  es  nach  uns  noch  lebendige  und 
lebensfähige  Generationen  geben  wird,  werden  sie  wahrscheinlich! 
selbst  den  bescheidensten  Beitrag  zur  Lösung  der  heutigen  um- 
fassenden Krise  und  zur  Sicherung  einer  Zukunft  höher  bewerten 
als  die  talentvollen  Massenmorde  Alexanders,  Caesars,  Attilas, 
Dschingis  khans,  Timurs  und  Napoleons.  Im  Gegenteil,  die  Ab- 
scheulichkeit des  Überfalls  auf  Länder  und  Menschen,  des 
Raubes,  des  Gemetzels,  und  der  Massenhinrichtungen  von  Schuld- 
losen muß  endlich  die  sinngemäße  Bewertung  erfahren.  Die  Men- 
schen werden  sich  dessen  zu  schämen  beginnen,  daß  ihre  Vorfah- 
ren und  sie  selbst  die  Kriegsherren  und  Kriegshelden  bewundert 
haben  und  daß  sie  in  diesem  Wahn  so  wenig  lichte  Momente  hattenj 
An  jenen  lichten  Momenten,  den  wenigen  Unterbrechungen  jahr- 
tausendelangen Irreführens  und  Irrens,  sehen  wir  zumeist  un- 
aufmerksam vorbei.  Erinnern  wir  uns  eines  solchen  Moments: 
Der  König  David  hat  nach  der  biblischen  Darstellung  zwar  alle 
seine  Kriege  auf  das  Geheiß  Gottes  geführt;  aber  angesichts 
des  bloßen  Umstandes,  daß  er  es  doch  getan  hat,  findet  ihn 
Gott  nicht  würdig,  den  Tempel  zu  errichten  und  zeichnet 


345 

durch  diese  Aufgabe  Davids  Sohn  aus,  Salome-,  den  Friedens- 
fürsten. Das  Heiligtum,  das  die  Menschheit  nun  errichten  soll, 
darf  nicht  das  Werk  eines  Fürsten?  sein,  sondern  das  gemein- 
samer Einsicht  und  Hingabe,  der  Tempel  der  Menschlichkeit, 
die  Sinn  und  Ziel  sein  soll. 

Drei  Konferenzen  und  deren  Vorbereitung 
Die  Friedenskonferenz,  die  Abrüstungskonferenz  und  die 
Reform  der  Gesetze  der  UNO  bilden  eine  logische  und  program- 
matische Einheit,  werden  aber  wegen  der  Verschiedenheit  ihrer 
Erfordernisse  und  daher  auch  wegen  der  notwendigen  methodi- 
schen Unterschiede  getrennt  durchgeführt  werden  müssen.  Da 
es  in  der  ^atur  der  Sache  liegt,  daß  sich  im  Vorgehen  dieser 
drei  Konferenzen  immer  wieder  gegenseitige  Abhängigkeit  erge- 
ben wird,  indem  Fortschritte  einer  Instanz  durch  die  der 
andern  erst  ermöglicht  oder  doch  erleichtert  sein  werden, 
wird  es  ratsam  sein,  die  Tagesordnungen  der  Konferenzen  von 
vornherein  in  Einklang  zu  bringen  und  auch  während  ihrer 
Dauer  einander  nach  Tunlichkeit  anzupassen. 

Daß  insbesondere  die  Friedens-  und  Abrüstungskonferenz 
einander  logisch  voraussetzen,  ergibt  sich  aus  Tatsachen  und 
einfachen  Erwägungen.  Verhandlungen  zwischen  kampfbereiten 
Leuten,  die  ihre  Waffen  in  den  Händen  halten,  haben  nie  als 
bequem  noch  als  aussichtsreich  gegolten.  Am  schwersten  sind 
Verhandlungen  natürlich  im  Zeitalter  der  zur  Ermordung  der  MsbsI 
Menschheit  geeigneten  Waffen,  weil  die  Furcht  vor  dem  Andern 
mit  den  bekannten  emotionalen  Segleitmotiven  sich  zuweilen 
geradezu  lähmend  auswirkt;  und  weil  der  Zustand  der  schwersten 
und  immer  noch  zunehmenden  Bewaffnung  die  Verantwortlichen 
und  Verhandelnden  in  eine  psychologische  Lage  bringt,  in  der 
sie  den  Einflüssen  getarnter  Intriganten,  die  Verdacht  und 
Mißtrauen  säen,  leichter  zugänglich  werden.  Es  gibt  noch  eine 
andere  psychologische  Tendenz,  die  Bemühungen  um  Frieden 
zwischen  Gerüsteten  fast  jede  Aussicht  nimmt,  eine  Tendenz, 
die  für  Wasserstoffbomben  ebenso  zutrifft  wie  für  Dolche. 
Jeder  praktische  Kriminologe  weiß,  daß  eben  der  Besitz  von 
Waffen  zu  ihrer  Benützung  verführt,  zuweilen  mit  unwiderstehlie 
eher  Macht,  und  nicht  nur  in  eigentlich  pathologischen  Fällen. 
Theoretisch  sollte  man  annehmen,  daß  Friedensverhandlungen 

an  sich  schon  durch  die  bloße  Tatsache  ihres  Stattfindens 
entspannend  wirken  und  darum  emotionale  Gefahren  auf  ein 
Minimum  herabsetzen.  Praktisch  ist  das  aber  durchaus 


346 

nicht  immer  der  Fall;  denn  $k  diesen  günstigen  Tendenzen 
wirken  jene  ungünstigen  entgegen.  Hinzu  kommt,  daß  von  den 
eigentlichen  Konfliktstoffen  die  Rede  ist,  von  eben  jenen 
Gegensätzen,  die  zum  Kriege  drängen  und  auch  bei  überlegen 
klugen  Leuten  sich  in  gewissem  Grade  des  Unbewußten  bemäch- 
tigen. Daß  gerade  im  Beginn  der  Friedensverhandlungen  die 
Atmosphäre  noch  explosiver  werden  könnte,  ist  also  denkbar, 
weshalb  es  angezeigt  sein  wird,  mit  solchen  Schwierigkeiten 
zu  rechnen,  um  ihnen  einigermaßen  vorbeugen  zu  können.  Erst 
wenn  zur  Abrüstung  selbst  die  ersten  Schritte  getan  sein 
werden,  und  wenn  ihre  Gegenseitigkeit,  bzhw.  Allseitigkeit 
offensichtlich  sein  wird,  wird  die  grausame  Spannung  wirklich 
zu  weichen  beginnen  und  Menschen  werden  nach  und  nach  fähig 
werden,  in  einander  Menschen  zu  sehen,  nicht  Ungeheuer,  und 
einiges  Verständnis  für  einander  aufbringen. 

Anderseits  muß  der  psychologisch  so  schwer  gewordene 
Entschluß  zum  Verzicht  auf  die  Mordwerkzeuge  von  den  nicht 
mehr  abstrakten,  sondern  schon  deutlich  vor  Augen  stehenden 
Aussichten  auf  eine  bessere  Neuordnung  und  realen  Frieden 
begleitet  sein,  um  leichter,  einfacher  zu  werden,  in  prakti- 
sche Reichweite  zu  kommen.  Der  Preis  für  das  Abrüsten,  der 
Friede  mit  seiner  Fülle  des  Segens,  an  den  man  kaum  noch 
glauben  konnte,  muß  direkt  sichtbar,  greifbar  werden. 

Was  die  beiden  so  unvergleichlich  notwendigen  und  so 
unvergleichlich  schwierigen  Aufgaben  mit  einander  theoretisch 
gemeinsam  haben,  ist  zunächst  eine  Negation.  Der  Friede  ist  ine 
sofern  negativ, als  er  die  Abwesenheit  oder  das  Nichtvorhanden- 
sein derjenigen  Faktoren  bedeutet,  die  uns  hindern,  in  der 
unserer  Natur,  unserem  Glück  und  unserer  Würde  entsprechenden 
Weise  zu  leben  und  unsere  persönlichen  und  pvmi^L*»^  kollek- 
tiven Kräfte  produktiv  zu  entfalten.  Der  Friede  ist  also  die 
elementare,  u.zw.  negative  Voraussetzung  für  unser  Dasein 
selbst  wie  auch  für  die  Entwicklung  unseres  Wesens,  die  Erfül- 
lung unseres  Sinnes.  Die  Erlangung  dieser  Voraussetung  ist  in 
der  heutigen  Lage  die  fundamentale,  wenn  auch  nicht  die  letzte 
Aufgabe  des  Menschen;  über  diese  letzte  will  ich  nach  dieser 
Schrift  noch  eine  Aussage  wagen.  Daß  wir  uns  entwaffnen,  ist 
in  einer  noch  konkreteren  und  präziseren  Wortbedeutung  Negation 
einer  Negation.  Wir  entledigen  uns  dadurch  der  Mittel  zur 
Zerstörung  des  uns  Gleichen,  die  zugleich  die  Mittel  zu 


347 

unserer  Selbstzerst'ärung  sind.  Dadurch  bahnen  wir  den  Weg 
für  die  Rekonstruktion  des  Menschen  in  seiner  Echtheit, 
und  wir  müssen  ihn  nicht  unbedingt  als  göttlich  bezeichnen, 
um  ihn  in  der  ihm  gemäßen  Weise  zu  benennen. 

Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  Verhandlungen,  durch  die  man 
von  jemandem  etwas  höchst  Belangvolles  erreichen  will,  nicht 
ohne  ihn  stattfinden  können;  in  dieser  Lage  sind  die  VU  bis 
heute,  sodaß  entscheidend  Wichtiges  hartnäckig  ins  Leere 
gesprochen  wird.  Zum  neuen  Friedenwerk,  dem  zweifachen,  bzhw. 
dreifachen,  müssen  alle  Völker  nicht  nur  formell  eingeladen 
sein.  Sondern  zur  Erreichung  der  Universalität,  die  allein 
uns  auf  Rettung  hoffen  läßt,  wäre  keine  Mühe  und  wohl  auch  kein 
Opfer  zu  groß.  Amerika  muß  sein  gesamtes  Können  aufbieten, 
im  die  (wider  die7Menschhei|)  durch  Aussperrung  Chinas  von  den 
VM  begangene  SündeVgut zumachen. 

Schon  im  Stadium  der  Vorbesprechungen  über  die  Abrüstung 
werden  auf  allen  Seiten  Argumente  bereit  sein,  vor  allem  die 
altbekannten,  die  alle  früheren  Bemühungen  um  Abrüstung  und 
die  gegenwärtig  noch  unabgeschlossene  lähmten  und  lähmen, 
und  manche  Argumente  werden  den  Charakter  von  Bedingungen 
für  die  Teilnahme  annehmen.  Außer  jenen  Imponderabilien,  deren 
immenses  Gewicht  wir  zu  wägen  versuchten,  gäbe  es  zur  Gewinnung 
Chinas  für  die  Idee  der  allseitigen  Abrüstung  zwei  bedeutsame 
Argumente:  a)  In  der  nächsten  Zukunft  hätten  die  beiden  Groß- 
mächte, die  das  reale  Maximum  an  nuklearer  Bewaffnung  längst 
erreicht  haben  und  nur  noch  in  gegenseitigem  Wettstreit  weiter- 
rüsten, dieses  Maximum  aufzugeben  und  es  bis  auf  den  Nullpunkt 
abzubauen;  während  China  vom  Maximum  immerhin  noch  weit  ent#aaas 
f  ernt  is^u^L^^Sne^in^n  ungeheueren  zusätzlichen  Energieauf- 
wand zur  Gleichheit  mit  den  beiden  jetzt  Stärksten  gelangen 
könnte,  b)  In  Anbetracht  der  numerischen  Stärke  des  chinesi- 
schen Volkes,  das  im  Notfalle  auch  ohne  schwere  Bewaffnung 
immer  ansehnliche  Armeen  rekrutieren  kann,  bliebe  nach  all- 
seitiger nuklearer  Entwaffnung  und  nach  allgemeinem  Verzicht 
auf  die  konventionelle  Bewaffnung  ein  bedeutender  Trumpf  in 
den  Händen  Chinas,  das  auch  ungerüstet  niemals  wehrlos  zu  werÄE 
den  brauchte* 

Auf  die  übrigen  Fragen  der  eigentlichen  Abrüstung  kommen 
wir  zurück. 


Der  Geist  der  Friedensverhandlungen 

Haben  die  elastischen  Diplomaten  sich  den  Erfordernissen 
dieser  Zeit  angepaßt?  Haben  sie  begonnen,  die  Zeit  zu  verstehen 
und  eine  ihr  gemäße  Methode  auszubilden?  Schon  Russell  hat  klar 
erkannt,  daß  in  diesem  Zeitalter  nicht  Siege,  sondern  Überein- 
künfte den  Erfolg  einer  Diplomatie  bestimmen.  Für  die  vorge- 
schlagene Friedenskonferenz  wären  Siege  jedenfalls  nicht 
minder  unheilvoll  als  Niederlagen.  Ihr  ideales  Ziel  ist  der 
Sieg  Aller.  Realistisch  definiert,  ist  es  ein  weit  verzweigtes 
und  umfassendes  Übereinkommen,  das,  wenn  auch  nach  Reibungen, 
Widerständen,  Komplikationen  und  objektiven  Schwierigkeiten 
erlangt,  zu  einer  für  Alle  annehmbaren  Grundlage  freundlicher 
Zusammenarbeit  werden  kann.  In  jener  heute  leider  noch  nicht 
veralteten  Schule  der  Diplomatie  wird  der  Verhandlungspartner 
im  Grunde  immer  als  Gegner  betrachtet,  auch  wenn  er  Bundesgesas 
nosse  ist  und  formell  als  Freund  behandelt  wird;  man  sucht  ihn 
oft  auch  tatsächlich  zum  Freund  zu  machen,  aber  um  mit  ihm 
gegen  einen  Dritten  zu  gehen.  So  bleibt  eine  Art  Kriegsvor- 
bereitung erhalten,  wenn  auch  mit  starker  Variabilität  ihrer 
Richtung.  Verhandlungen,  die  in  einem  solchen  Geiste  begännen, 
würden  zu  Siegen  im  Sinne  der  guten  alten  Zeit  führen,  d.h.  zu 
einer  furchtbaren  Niederlage  im  Sinne  der  unsera.  Während  es 
früher  die  eigentlich  entscheidende  Frage  war,  was  man  von  der 
andern  Seite  erreichen  will  und  wie  man  es  zu  erreichen  hofft, 
wird  jeder  verhandelnde  Staat  und  jeder  seiner  Vertreter  von 
nun  an  zuerst  sich  selbst  klar  machen  müssen,  was  er  dem  PartöE 
ner  bieten,  was  er  ihm  konzedieren  kann,  um  das  erwünschte 
Entgegenkommen  auch  von  ihm  erwarten  zu  können.  Während  er  bisfe 
her  geheimzuhalten  pflegte,  worin  er  schließlich,  wenn  es  nicht 
anders  ginge,  nachgeben  würde,  wäre  es  jetzt  ganz  bestimmt  bese 
ser,  wenn  er  es  als  Angebot  von  vornerein  offen  präsentierte, 
wie  eine  Morgengabe,  ein  Geschenk,  dessen  er  sich  nicht  zu 
schämen  braucht  und  das  den  Partner  zu  adäquater  Erwiderung 
veranlassen  sollte,  das  alte  do  ut  des  ln^verbesserter  Auflage. 

Die  vielseitige  Neuordnung,  die  da  diskutiert  und  dann 
beschlossen  werden  soll,  muß  auf  langen  Bestand  berechnet  sein 
und  den  Menschen  größtmögliche  Wohlfahrt  bieten,  sodaß  sie  sich 
nicht  bald  nach  Umsturz  sehnen  würden.  Bestand  für  Jahrhunderte 
wäre  im  Bereich  der  Möglichkeit,  wenn  es  eine  Serie  vön  Neu- 
ordnungen in  echt  demokratischem  Geiste  wäre,  also  auf  der 


349 

Zustimmung  derer  beruhte,  die  es  angeht.  Während  eine  noch  so 
energische  Unte:rdrückung,  oder  gerade  eine  solche,  im  allgemein 
nen  viel  kurzlebiger  ist  als  der  Profitierende  sich  einbildet. 
Hitler  hatte  sich  gerühmt,  sein  Reich  werde  1000  Jahre  bestehen, 
während  der  Buddha  allzu  bescheiden  angenommen  hatte,  die  Lehre, 
die  er  vor  fast  2500  Jahren  verkündet  hatte,  werde  500  Jahre 
lebendig  bleiben.  Wir  können  die  nahen  und  insbesondere  die 
ferneren  Folgen  unseres  Wirkens  zwar  weder  bestimmen  noch 
voraussehen,  aber  wir  können  tun,  was  an  uns  liegt,  damit  es 
gut  genug  sei,  umi  langen  Bestandes  würdig  zu  werden  und  ihn 
zu  rechtfertigen.  Bemühen  wir  uns  also,  das  Leidvolle  und  das 
Schnöde  zu  tilgen,  so  gut  wir  können,  um  womöglich  noch  uns  xsx 
selbst,  aber  vor  allem  kommenden  Generationen  das  Leben  lebens- 
wert zu  machen. 

Selbst  die  schönste  Medaille  hat  freilich  auch  eine  Kehr- 
seite. Das  politische  Werk  einer  Generation  kann  sich  erfahsasg 
rungsgemäß  in  kommenden  Generationen  lähmend  auswirken,  wenn 
es,  zu  starr  oder  allzu  schwer  verpflichtend  formuliert,  unvor- 
hersehbaren Entwicklungen  nicht  Rechnung  trägt  und  für  Anpassung 
an  künftige  Veränderungen  nicht  genügende  Möglichkeiten  offen- 
läßt. In  diesem  Kapitel  wird  darum  eine  Methode  beantragt, 
politische  Regelungen  in  einem  voll  verpflichtenden  Sinne 
auf  die  Lebensspanne  einer  einzigen  Generation  zu  beschränken, 
um  den  Kommenden  das  Recht  und  die  Möglichkeit  einsichtiger 
Neuordnung  bestehender  Ordnungen  zu  belassen. 

Prinzipien  des  Völkerrechts 

Wenn  die  Realität  des  internationalen  Lebens  der  Theorie 
entspräche,  wäre  die  Mehrheit  der  Renschen  gewiß  nicht  so  un- 
glücklich und  würde  weder  darben  noch  in  Erbitterung  dahinleben. 
Obzwar  die  von  früheren  Pionieren  und  in  unserer  Generation 
unternommene  Fundierung  des  internationalen  Rechts,  auch  die 
innerhalb  der  UNO  durchgeführte,  noch  lückenhaft  ist  und  eine 
einwandfreie  Lösung  der  formaljuridischen  Legitimitätsfrage 
noch  aussteht,  sind  die  Prinzipien  des  internationalen  Rechts, 
ebenso  wie  die  bestehenden  Konstitutionen  der  meisten  Staaten, 
an  sich  nicht  schlecht.  Ihre  einzelnen  Reformbedürftigkeiten 
wären  unschwer  in  Ordnung  zu  bringen.  Es  hapert  im  Grunde  an 
der  rechten  Praxis,  nicht  an  guter  Theorie.  Was  in  der  Hauptsae 
che  unsere  Aufmerksamkeit  erfordert,  damit  die  Erde  uns  zu  einer 


350 

freundlichen  Heimat  werde,  sind  demnach  nicht  die  Prinzipien 
als  solche,  sondern  deren  Anwendung.  Im  Lichte  rechter  Anwen- 
dung würden  zunächst  die  ideologischen  Gegensätze  auf  Erden 
ganz  anders  au^eJien^Da  z.B.  Amerika  das  Selbstbestimmungs- 
recht  der  Völker  und  in  der  theoretischen  Prägung  und  Durch- 
setzung des  Begriffes  sogar  die  wichtigste  Führerrolle  gespielt 
hat,  würde  vor  allem  das  Hauptargument  in  Wegfall  kommen, 
das  die  gesamte  kommunistische  und  ein  Großteil  der  neutralen 
Menschheit  gegen  Amerika  geltend  machtr-wenn  es  nur  um  die 
Theorie  ginge.  Was  Alle  noch  von  Amerika  zu  fordern  haben, 
ist  nur  die  Anwendung  des  eigenen  Prinzips  durch  Nichtein- 
mischung in  die  Rechte  anderer  Völker.  Viele  Amerikaner  versteh 
hen  ja  sehr  gut,  daß  sie  in  Vietnam  nicht  mehr  Rechte  haben  ' 
als  die  Vietnamesen  in  Amerika;  und  daß  Reichtum,  überlegene 
Macht  und  höher  entwickelte  Technologie  an  sich  kein  Recht 
verleihen,  am  allerwenigsten  das  Recht,  einem  andern  Volke 
die  eigene  Denkungsweise  oder  das  eigene  Wirtschafts-  und  &5E3H± 
Gesellschaftssystem  aufzuzwingen.  Ganz  im  Gegenteil,  die  besten 
Geister  aller  Zeiten  waren  der  Meinung,  Überlegenheit  verpflichj 
te.  In  dem  blutigen  Konflikt  geht  es  also  um  ein  von  Amerika 
proklamiertes  und  von  der  übrigen  Welt  anerkanntes  Prinzip, 
gegen  das  Amerika  sündigt.  Aber  auch  auf  der  andern  Seite  sind 
es  keineswegs  nur  die  Prinzipien  selbst,  aus  denen  sich  für  die 
übrige  Welt  Schwierigkeiten  ergeben,  sondern  eine  analoge  Dis- 
krepanz von  Theorie  und  Praxis.  Während  in  der  Theorie  die 
soziale  Revolution  zum  Aufbau  der  kommunistischen  Gesellschaft 
führt,  war  es  nach  dem  zweiten  Weltkrieg  militärische  Eroberung 
die  in  mehreren  Ländern  Ost-  und  Mitteleuropas  den  kommunistiei 
sehen  Umbau  des  Staates,  der  Gesellschaft  und  der  Wirtschaft 
mit  sich  brachte,  wodurch  auch  die  injder  Theorie  vorgesehene 
Aufeinanderfolge  verletzt  war.  Freilich  muß  anerkannt  werden, 
daß  die  Sowjetunion  ihre  Anmaßung  von  Hausherrenrechten  in 
jenen  Ländern  darauf  gründete,  daß  sie  deren  Gesamtheit  von 
der  bösesten  aller  Fremdherrschaften  befreit  hatte;  während 
Amerika  gegen  die  Majorität  des  vietnamischen  Volkes  kämpft. 

Gunotcn  der  flow Je lo  muß  auch  eingeräumt  worden,  daß  in 
nnroror  Gonernfion  oino  rTOf:iar  weiterer  Eingriffe  ihroreoitß 
«a  dao  Solbctb^ntimmungcrooht 


der  Nationon  ohor  abetrakt  fort». 


^^efe%,  während  Amerika  eprungbereit  auf  vcrrlä?hticc  Rcgun^M 
ia^d^m  LwnrlP  horcht,  nm  rloa  ii^prpoliticch^U^adungeA, 


4%  W 


351 

äic  oin  nahes  oder  ferne o  Land  in  die  Nähe  de 3  Kommunismus 
bringen  könnten,  durch  militäriooho  Intervention  womöglich 
vorzubeugen»» 

Da  also  die  schwierige  Situation  der  Menschheit  nicht 
so  sehr  auf  bestreitbare  und  bestrittene  Satzungen  zurück- 
geht wie  auf  deren  widerspruchsvolle  und  willkürliche  Anwen- 
dung, ergibt  sich  bezüglich  der  Satzungen  selbst  der  Schluß, 
daß  es  ihre  Hauptschwäche  ist,  willkürliche  Auslegung  und 
Anwendung  zuzulassen  oder  ihrer  Verletzung  sogar  Vorschub  zu 
leisten.  Nur  so  ist  es  zu  erklären,  daß  Länder  mit  klassischer 
Unterdrückungspraxis  freiheitlich  klingende  Konstitutionen 
haben  können,  was  kaum  möglich  wäre,  wenn  die  Formulierung 
straff  und  präzis  genug  wäre,  um  offensichtlichen  Mißbrauch 
auszuschließen  oder  zumindest  zu  erschweren.  Weitaus  wichti- 
ger als  für  die  nationalen  Konstitutionen  ist  das  natürlich 
für  das  noch  unfertige  Völkerrecht.  Ein  Neubau  der  theoreti»KfeSE 
sehen  Grundlagen  für  das  internationale  Leben  wird  diese  fatale 
Schwäche  in  Betracht  zu  ziehen  haben;  man  wird  so  vorgehen  müs« 
sen,  daß  der  Verbiegung  und  Umgehung  in  jeder  erdenklichen 
Weise  vorgebeugt  wird.  Das  ist  wohl  der  Hauptgrund  für  die 
Unerläßlichkeit  der  Neuformulierung. 

Bevor  wir  eine  Darstellung  der  dringenden  politischen 
Probleme  der  Gegenwart  versuchen  und  Lösungen  ersinnen  und 
prüfen,  wird  es  notwendig  sein,  einen  verhängnisvollen 
Widerspruch,  der  schon  allein  genügt,  um  die  friedliche 
Konsolidierung  der  Menschheit  zu  verhindern,  theoretisch  auf- 
zuheben. Die  Ideale  der  Freiheit  und  Gerechtigkeit  einerseits 
und  des  Friedens  anderseits  geraten  immer  wieder  in  schwere 
Konflikte,  sodaß  Völker  und  andere  Gruppen  sich  oft  zwischen 
chronischer  Duldung  von  Abhängigkeit,  Beraubung,  Fremdherr- 
schaft und  anderer  ihre  natürlichen  Rechte  und  ihre  Würde 
verletzenden  Zustände  und  einem  zuweilen  verzweifelten  Kampf 
gegen  einen  weitaus  Stärkeren  zu  entscheiden  haben.  Daß 
Freiheit  mit  Blut  bezahlt  werden  müsse,  war  eine  der  furcht- 
baren Regeln  einer  steinalten  und  zähen  Politik,  die  erst  neuer- 
dings in  Stücke  zu  gehen  beginnt,  seit,  wie  in  einigen  afrika- 
nischen Beispielen,  der  Kolonialismus  es  vorzog,  seine  Beute 
loszulassen  und  Völker  durch  einen  Federstrich  in  den  Besitz 
der  erträumten  Unabhängigkeit  gelangten.  (Auf  die  Probleme, 
die  sich  oft  erst  aus  der  Freiheit  ergeben,  und  vor  allem  auf  ± 


352 

die  Frage,  wie  ein  aus  ihr  resultierendes  Blutvergießen 

verhindert  werden  kann,  kommen  wir  zurück,  S.      )#  Die  erste 

Tat  eines  vervollkommten  internationalen  Rechtes  muß  es  sein, 

zwei  alte  grausame  Identifizierungen  aufzuheben:  Die  des  ggrwäw 

Friedens  mit  der  je  nach  Bedarf  entv/eder  milden  oder  brutalen 

Aufrechterhaltung  des  status  quo,  wie  immer  dieser  beschaffen 

sei;  und  die  der  Befreiung  mit  blutigem  Kampf.  Die  erste  der 

beiden  Identifizierungen  ist  ein  Erbe  absoluter  Monarchien, 

in  denen  selbst  jeder  Gedanke  an  eine  Änderung  als  Verbrechen 

hingestellt  wurde;  und  in  denen  selbst  ein  äußerst  gemäßigter 

Reformismus  Verdacht  erregen  konnte  und  unter  Umständen  peinvol-l 

i 

Es  bedarf  keiner  allzu  tief- 
gründigen Analyse,  um  aufzudecken,  daß  diese  den  Interessen 
der  Alleinherrschaft  durchaus  gemäße  Auffassung  noch  in  sämtlie 
chen  modernen  Staaten  nachwirkt,  da  doch  kein  Regime  geneigt 
ist,  auf  die  Macht  zu  verzichten  oder  den  Hausschlüssel  leicht 
herzugeben.  Die  Erziehung  zu  der  Auffassung,  daß  jene,  die  das 
fiegime  repräsentieren  und  diejenigen,  die  es  lieben  und  die 
sich  unter  ihm  ruhig  verhalten,  die  Guten  seien  und  daß  die 
Andern,  die  unzufrieden  sind,  kritisieren  und  Wünsche  nach 
einer  Neuordnung  hegen,  als  die  Bösen  anzusehen  seien,  fogfagrn, 
beherrscht  nach  wie  vor  die  Schulsysteme  aller  Länder  ohne 
Ausnahme.  Nur  das  letztere  Verhalten  pflegt  man  von  altersher 
politisch  zu  nennen;  das  erstgenannte  galt  oder  gilt  nicht  als 
eine  andere  Richtung  von  Politik,  sondern  hat  immer  noch  Namen 
wie  königstreu,  gesetzestreu,  patriotisch  oder,  noch  einfacher, 
friedlich.  Erneuerte  Menschlichkeit  wird  den  Standpunkt  selbst 
wie  auch  dessen  Benennungen  ändern  müssen.  Der  Status  quo  ist 
nur  dann  gut  und  hat  nur  dann  Anspruch  auf  internationalen 
Schutz,  wenn  er  den  elementaren  Bedürfnissen  und  Rechten  der 
menschen  entspricht.  Er  ist  schlecht,  wenn  er  diesem  Anspruch 
nicht  gerecht  wird.  In  diesem  Falle  dürfen  die  Menschen,  die 
den  bestehenden  Zustand  durch  einen  bessern  ersetzen  wollen, 
weder  zu  Verbrechern  gestempelt  werden  noch  zur  Verletzung 
des  Friedens  gezwungen  sein.  Vorkehrungen  müssen  getroffen 
werden,  die  ihnen  ermöglichen,  ihre  Ansprüche  in  voller 
Legalität  vor  ein  internationales  Forum  zu  bringen,  das  von  fcfefe 
Ethik  und  Einsicht  geleitet,  nicht  von^der  jenen  Interessen  fc 
beherrscht  zu  sein  hat.  Das  klingt  geradezu  selbstverständlich, 
aber  daß  es  so  klingt,  beweist  nur,  ribdä  wie  berechtigt  es 


353 

als  Forderung  ist  und  wie  unbeirrt  das  natürliche  Rechts- 
empfinden des  Lesers  das  Prinzip  annimmt.  Aber  wie  weit  wir 
sogar  noch  von  der  theoretischen  Erfüllung  dieser  Idee  entfernt 
sind,  davon  kann  jeden  die  uns  heute  vorliegende,  in  anderen 
Hinsichten  überaus  verdienstliche,  ja  bewunderungswürdige 
Literatur  über  internationales  Recht  überzeugen,  einschließ- 
lich der  Charta  der  VM  und  der  früher  erwähnten  Vorschläge 
für  ihre  Revision.  Die  hohe  Bedeutung  dieser  Schriften  besteht 
hauptsächlich  in  ihrer  wohldurchdachten  Planung  von  Maßnahmen, 
die  eine  wirksame  und  weitgehende  Verletzung  des  Friedens 
unmöglich  machen  sollen.  Was  ihnen  jedoch  fehlt,  Isp  das  nicht 
minder  wesentliche  Ziel,  Verletzung  des  Friedens  auch  unnötig 
zu  machen;  das  ist  es  also,  was  für  die  nächste  Zukunft  wie 
auch  für  fernere  Zeiten  zur  ebenso  wichtigen  Aufgabe  wird. 
Das  Prinzip  der  Gutheißung  von  Zuständen  oder  weitgehender  Vera 
änderungen  im  Leben  der  Völker  auf  Grund  einer  Berechtigung 
und  nicht  auf  Grund  brutaler  Tatsachen  ist  selbst  für  denkende 
Köpfe  noch  allzu  neu,  da  es  sich  weder  alter  noch  neuer  histori- 
schen Erfahrung  einfügt  und  da  seine  Verwirklichung  ein  umfang- 
reiches Aufbauwerk  auf  neuen  Grundlagen  erfordert.  So  seien 
allen  um  eine  glücklichere  Menschheit  Bemühten  Vorschläge  unter- 
breitet, die  später(S.     )  durch  Ausführungen  zum  sechsten  der 
an  den  Anfang  dieses  Kapitels  gesetzten  Punkte  ergänzt  werden 
sollen.  Selbstverständlich  behaupte  ich  nicht,  daß  die  mir  vor- 
schwebenden Lösungen  die  einzig  möglichen  sind.  Aber  ich  glaube 
an  den  folgenden  Themen,  die  zu  den  großen  Sorgen  unserer 
Generation  zählen,  für  die  Tagesordnung  der  beantragten  Frieda» 
denskonf erenz  auf  einige  notwendige  Anwendungen  des  internatioa 
nalen  Rechtes,  besonders  des  Selbstbestimmungsrechts  hinweisen 
zu  sollen.  Um  die  vorgesehenen  Anwendungen  auf  ihre  objektive 
Berechtigung  prüfen  zu  können,  müssen  wir  nur  versuchen,  uns 
über  die  bekannten  Interessen  hinwegzusetzen,  uns  also  von 
denjenigen  Einflüssen  freizumachen,  die  wir  unseren  Gegnern 
vorzuwerfen  pflegen. 

Anwendung  auf  Vietnam 

Go,  I  discharge  thee  of  thy  prisoner.. 

Shakespeare,  Much  Ado  about  Ifothing, V,l 

I  am  simply  anti-war  and  pro-humanity.  It  is  the 
only  moral  and  the  only  rational  and  the  only 
truly  revolutionary  position  to  hold. 
A. J.  Muste 


354 


Solange  der  schonungslose  Kampf  zwischen  der  riesenhaften 
amerikanischen  Militärmacht  und  jenem  kleinen  fernen  Volke 
noch  in  vollem  Gange  ist  und  das  Blut  von  Soldaten  und  Parti- 
sanen wie  auch  das. von  Frauen  und  Kindern  in  Strömen  vergossen 


Meine  Auffassung  kommt  an  mehreren  vorausgegangenen  Stellen 
dieses  Versuches  bereits  zum  Ausdruck  und  verlangt  hauptsäch- 
lich noch  Präzisierung  der  Anwendung  des  Selbstbestimmungs- 
rechtes, Diese  Anwendung  ist  allerdings  fast  zu  einfach,  um 
überhaupt  formuliert  zu  werden;  es  ist  dennoch  unumgänglich, 
sie  einzubeziehen  und  an  die  Spitze  einer  Reihe  internatio- 
naler Probleme  zu  stellen. 

Ob  die  armen  Bauern  und  ein  Teil  der  nicht  sehr  zahl- 
reichen Städter,  die  zusammen  die  Mehrheit  Süd-Vietnams 
bilden,  berechtigt  waren,  ein  verhaßtes,  moralisch  schwer 
defektes  und  als  Agentur  des  Auslandes  betrachtetes  Regime 
abzuschütteln,  war  nach  den  bis  dahin  anerkannten  und  noch 
heute  geltenden  Begriffen  eine  ausgesprochen  innere  Angelegen- 
heit. Nach  den  internationalen  Gesetzen,  die  später  vorgeschlag 
gen  werden  sollen,  wird  bewaffneter  Aufstand  verboten  und 
durch  Petition  und  Rechtsprechung  zu  ersetzen  sein.  Damals 
war  das  aber  weder  in  Vietnam  noch  sonst  irgenwo  der  Pall 
und  ist  es  leider  auch  heute  noch  nicht.  Unterdrückten  Minder- 
heiten oder  Mehrheiten  stand  bisher  nur  der  Weg  revolutionärer 
Gewaltanwendung  offen.  Die  ersten  amerikanischen  Stimmen,  die 
sich  in  jenem  Prühstadium  der  Kämjfe  hören  ließen,  waren  die 
der  Presse  und  der  Diplomatie,  die  gegen  den  z?/ar  nicht  aus- 
schließlich kommunistischen,  aber  wahrscheinlich  vorwiegend 
kommunistischen  Aufstand  Argumente  suchten.  Die  ersten  Anklagen 
richteten  sich  gegen  angebliche  Hilfe  aus  China  und  aus  dem 
1954  durch  den  Genfer  Vertrag  abgetrennten  Norden  Vietnams. 
Der  eher  experimentelle  Charakter    jener  frühen  Beschuldigungen 
ging  he^k  daraus  hervor,  daß  die  offiziellen  amerikanischen 

Kommentatoren  sich  bald  genötigt  sahen,  die  Behauptungen  dahin 

.  militärische  ^ 

zu  modifizieren,  daß^HiIfe  aus  China  nicht  erwiesen  sei,  was 

bis  heute  nicht  geändert  wurde.  Ob  damals,  noch  vor  der  mili- 
tärischen Intervention  der  Vereinigten  Staaten,  aus  Nord-Viet- 
nam überhaupt  Partisanen  oder  Waffen  kamen,  ist  bis  jetzt  ua« 
gewiß.  Die  indisch-kanadisch-polnische  Kontrollkommission, 
zu  deren  Obliegenheiten  eine  solche  Peststellung  gehört  hätte, 
hat  sich  offenbar  nie  auf  einen  gemeinsam  publizierbaren 


objektiv  Stellung  zu  nehmen. 


355 

Bericht  einigen  können.  Daß  der  schon  damals  mit  allen  Mitteln 
vorgehende  Informationsdienst  kein  genügendes  Material  "bei- 
bringen konnte,  ging  aus  der  tastenden  Unsicherheit  der  begin- 
nenden Einmischung  hervor,  da  die  amerikanischen  Truppen  damals 
und  noch  bis  Anfang  1965  den  Titel  "Berater"  führten.  Bei  jenen 
frühen  Bombenangriffen  auf  die  Stellungen  der  Vietkong  flogen 
sie  offiziell  nur  als  Gäste  in  den  der  südvietnamischen  Regie- 
rung gelieferten  Plugzeugen  mit,  ohne  am  Kampf  gegen  die 
Bauernsoldaten  und  die  uniformlosen  und  barfüßigen  Kleinbauern 

eigenhändig  teilzunehmen.  Als  mit  den  schweren  Bomben  auch  die 
schönen  Titel  fallen  gelassen  wurden,  und  das  Volk  Südvietnams 
der  so  vielfach  überlegenen  Bewaffnung  und  wachsenden  Zahl 
der  Amerikaner  nicht  mehr  standhalten  konnte,  kam  Mannschaft, 
Nahrung  und  Bewaffnung  mit  unzweifelhafter  Deutlichkeit  auch  as 
aus  dem  Norden  Vietnams.  Die  Hauptzüge  der  Geschichte  des  Krieg 
ges  und  seiner  Hintergründe  kennt  jeder. 

Es  ist  also  unbewiesen  und  vielleicht  unbeweisbar,  welche 
der  beiden  Einmischungen  von  Anbeginn  aktiv  und  welche  Reaktiv 
war.  Die  Wahrscheinlichkeit  ist  der  amerikanischen  Argumentation 
nicht  günstig.  Was  aber  keines  weiteren  Beweises  bedarf,  ist 
der  rechtliche  Unterschied  zwischen  den  Vietnamesen  aus  dem 
Norden  Vietnams  und  den  Amerikanern  aus  dem  Norden  Amerikas. 
Wer  bereit  ist,  antikommunistische  Ideologie  als  Ersatz  für  eine 
Rechtsbasis  hinzunehmen,  ist  gewiß  auch  für  die  Auffassung  zu  k 
haben,  daß  die  Vereinigten  Staaten  berechtigt  seien,  jedem  Volke 
seine  Gesellschaftsordnung  vorzuschreiben.  Aber  es  ist  wohl  s^rfer 
schon  mehr  als  die  Hälfte  der  Menschheit,  die  einen  solchen 
Rechtsstandpunkt  nicht  teilt.  Und  wenn  wir  uns  auf  das  Wesen 
des  Rechtes  besinnen,  und  dessen  Verwechslung  mit  Macht  und 
mit  Interessen  entschieden  ablehnen,  müssen  wir  hinzufügen, 
daß  das  Recht  überhaupt  keine  quantitative  Größe  ist.  Mehrheit 
kann  ein  Rechtstitel  sein,  aus  ihr  kann  sich  ein  Recht  ergeben. 
Aber  Mehrheit  kann  an  sich  auch  das  Unrecht,  eine  Minderheit 
kann  das  Recht  vertreten,  und  selbst  ein  Einzelner  kann  be- 
drängt und  verfolgt  sein  und  doch  recht  haben. 

Ereilich  zeigt  gerade  Vietnam,  daß  das  Recht  viel  mehr 
als  eine  abstrakte  Präge  ist.  Recht  und  Unrecht  werden  allzu 
leicht  zu  zwei  Lagern  und  das  Unrecht  ist  der  Gefahr  ausgesetzt, 
in  den  eigenen  Abgründen  zu  versinken.  Andere  übel,  wie  das 
Prestige,  stoßen  es  leicht  immer  tiefer  hinab.  Auf  der  schiefen 
übene  wird  alles  schwerer;  während  es  dem  Recht  eigen  ist, 


ydurchgef  ührte  86% 


Untersuchung 


356 

Sympathie  zu  erobern  und  durch  sich  selbst  an  Kraft  zu  gewinnen82)« 

82)  Das  sind  nur  grundsätzliche  Erörterungen  über  diesen  Krieg, 
unter  Weglassung  der  Einzelheiten  und  der  Methoden  in  ihrer  Ab- 
scheulichkeit. Aus  der  Menge  der  nui?  teilweise  bekannt  geworde- 
nen Dokumente  müssen  aber  zunächst  solche  beachtet  werden,  die 
das  Los  der  Zivilbevölkerung  Vietnams  grell  beleuchten.  Über 
Massenmorde  an  Zivilisten,  wenn  auch  nicht  über  die  angegebenen 
Zahlen,  stimmen  Amerikaner  und  Bürger  kommunistischer  und  neutra- 
ler Länder  überein.  Schon  vor  Jahren  ergab  eine  im  Auftrag  des 
jugoslavischen  Präsidenten  Titoyunter  den  Todesopfern  in  Vietnam 
'%  Zivilisten.  Die  Zahl  der  gefallenen  amerikanischen  Soldaten, 
die  lange  äußerst  widerspruchsvoll  angegeben  wurde,  hat  noch  vor 
der  Ausdehnung  des  Krieges  auf  Vietnam  50.000  fast  erreicht, 
während  Nordvietnam  und  die  Vietkong  ein  Vielfaches  an  Toten 
haben  ,  worüber  man  nach  verläßlichen  Zahlen  vergeblich  sucht. 

Die  Proteste  gegen  die  Rolle  Amerikas  in  Vietnam,  gegen  die 

Art  der  Kriegführung  und  gegen  die  Erweiterung  des  Krieges  sind 
ein  ruhmreiches  Kapitel  in  der  Geschichte  des  amerikanischen 
Humanismus.  Einer  von  denen,  die  von  innen  her  eine  ganz  intime 
Kenntnis  dieser  Bewegung  besitzen,  sollte  sie  in  allen  ihren  Verejtf^ 
zweigungen  darstellen  und  sowohl  die  Stellungnahme  der  Geistigen 
als  auch  die  riesigen  Massenaufmärsche  deskriptiv  und  analytisch 
behandeln.  Greifen  wir  nur  ein  Beispiel  heraus,  die  American 
Association  for  the  Advancement  of  Science  mit  ihren  105.000  zu 
einem  guten  Teil  prominenten  Mitgliedern,  die  endlich  gegn  die 
chemische  und  biologische  Kriegf ührung  ihre  unüberhörbare  Stimme 
erhob.  Sie  und  viele  andere  Organisationen  wenden  sich  gegen  die 
schonungslose  Vergiftung  der  Vegetation  zur  Entblätterung  der 
tiefen  weiten  Wälder  und  Vernichtung  der  Reisfelder  und  unterneh- 
men diese  Initiative  nicht  allein  aus  Menschlichkeit,  sondern  weil 
der  ßälsenmaßstab  der  Anwendung  teilweise  noch  unbekannter  und  un- 
erprobter Zerstörer  das  ökologische  Gleichgewicht,  das  der  Bezie- 
hung zwischen  allen  Lebewesen  und  ihrer  Umgebung,  derart  erschüttere 
kann,  daß  die  Polgen  für  den  ganzen  Planeten  verhängnisvoll  v/erden 
können.  Das  Problem,  dem  unser  zweites  Kapitel  gewidmet  ist,  kehrt 
also  in  Vietnam  in  amerikanischem  Maßstab  wiederx  83). 

83)  In  manchen  der  zahllosen  Kundgebungen  von  Wissenschaftlern 

ist  das  Los  der  gemarterten  ITatur  die  überwiegende  Sorge.  Das 
Verbot  der  chemischen  und  biologischen  Kriegführung (CBW)  ist  in 
Genfer  Konvention  von  1925  festgelegt  und  von  der  USSß, 


der 


China,  Britannien,  Deutschland  und  Italien  ratifiziert,  aber 
nicht  von  Amerika  und  Japan.  Schon  1964  gab  die  amerikanische 
Armee  für  lebensfeindliche  fisrsahimgsH  chemisch-biologische 
Porschungen  allein  158  Millionen  aus,  für  die  Gifte  selbst  fast 
137  Millionen. 

Nicht  Viele  wissen,  daß  auch  die  Sowjetunion  sich  für  künf- 
tige Möglichkeiten  die  Benützung  solcher  Greuel  gesichert  hat, 
statt  einer  weitblickenden  Politik  gemäß  und  im  Sinne  der  Genf 


er 


357 

Verpflichtung  eine  Position  zu  wahren,  in  der  sie  chemisch-biologi- 
sche Waffen  konsequent  verurteilen  könnte. 

Die  Unruhe  wächst  auch  unter  denkenden  Kirchenmännern,  die  nicht 

durch  Schweigen  mitschuldig  werden  wollen,  Gedenken  wir  drei  greiser 

Priester,  die  sich  von  Nordamerika  nach  Nordvietnam  aufmachten,  um  für 

kurze  Zeit  die  Gefahren  der  Bürger  Hanois  zu  teilen.  Der  Presbyteria- 

ner  Abraham  John  Muste  84),  der  aus  Johannesburg  ausgewiesene  anglika- 

w vxtxtdw  84)Zuneist  wird  er  als  Fresbyterianer  bezeichnet,  doch  betrach- 
ten ihn  zwei  oder  gar  drei  Kirchen  als  den  Ihren, 

nische  Bischof  Richard  Ambrosius  Reeves  und  der  pensionierte  Rabbi 
Abraham  .Feinberg  waren  zur  Zeit  ihrer  Reise  82  bis  67  Jahre  alt.  Für 
kuste,  den  Helden  ±ee  und  Priester  der  Menschlichkeit  und  Menschenwürde, 
war  es  die  letzte  Reise  gewesen.  Seine  tiefe  Körperschwäche  war  den 
Anstrengungen  nicht  gewachsen.  Kurz  nach  seiner  Rückkehr  starb  er. 

Hingegen  würden  die  ohne  Unterlaß  produzierten  offiziell  amerika- 
nischen Äußerungen  zu  diesem  Kriege  ,  wenn  sie  systematisch  zusammen- 
gestellt wären,  ein  nicht  gerade  ruhmreiches  Dokument  bilden.  Auf  die 
wohl  nicht  so  unberechtigte  Anfrage  eines  Kongreßkomitees,  wozu  denn 
eigentlich  die  Bombenangriffe  auf  Nordvietnam  unternommen  und  trotz 
den  furchtbaren  Opfern  fortgesetzt  werden,  wurde  einmal  buchstäblich 
die  Antwort  erteilt,  gewisse  unparteiische  asiatische  Führer  hätten 
sich  gegen  den  Abbruch  ausgesprochen.  Als  die  Parlamentarier,  verblüfft 
über  das  Rätsel,  seit  wann  denn  asiatische  Führer  die  Politik  der  Ver- 
einigten Staaten  bestimmen,  zu  wissen  begehrten,  wer  jene  asiatischen 
Führer  seien,  bekamen  sie  keine  weitere  Antwort,  Solche  Vorgänge?:  sä±E 

der  den  Angsttraum  der  Planlosigkeit  herauf;  und  erinnern  durch  das 
Motiv  dieser  einzigartigen  Anonymität  an  das  zentrale  Thema  unserer 
Analyse  des  modernen  Erziehungswesens  (S,  f , )Auch  dort  vollzieht 
sich  eine  Destruktion  von  noch  unerkanntem  Wirkungsradius,  ohne  daß 
eine  persönliche  Verantwortung  zu  entdecken  wäre.  Diese  Gemeinsamkeit 
muß  in  einer  Studie  über  unsere  Zeit  als  einer  der  Grundzüge  auffallen. 

Aus  allen  betrachteten  Umständen  ergibt  sich  die  Gewißheit,  daß 
es  der  Friede  an  sich  ist,  der  für  eine  Lösung  und  für  die  Schaffung 
v/eiterer  Lebensbedingungen  die  Grundbedingung  bildet.  In  Anbetracht 
der  brenzlichen  Lage  beantrage  auch  ich  sofortige  Einstellung  aller 
Kampfhandlungen,  Auszug  aller  amerikanischen  Truppen  aus  ganz  Südost- 
asien und  gleichzeitigen  Einzug  einer  ad  hoc  zusammengesetzten  Truppe 
der  VN,  Diese  internationale  Truppe  steht  unter  äsa  indisch-kanadisch- 
polnischem Kommando,  entsprechend  der  Zusammensetzung  der  noch  existie- 
renden Kontrollkommission.  Die  internationale  Truppe  hat  die  gesamte 


352 


ausführende  Gewalt  in  Südvietnam  im  Geiste  der  Neutralität 

und  Nichteinmischung  zu  übernehmen,  um  die  Einwohnerschaft 
auf  eine  Volksabstimmung  vorzubereiten,  die  über  die  Zukunft 
des  Landes  zu  entscheiden  haben  wird.  Das  der  feHMO^vRyKSimmliMH 
Vollversammlung  der  UNO  unterstehende^  soll  den  Stimmberechtigt 
ten  Fragen  vorlegen,  durch  deren  Beantwortung  sie  sich  zwischen 
folgenden  Möglichkeiten  zu  entscheiden  haben  werden: 

a)  Anschluß  an  das  kommunistische  Nordvietnam, 

b)  Selbständigkeit  unter  einer  eigenen  parlamentarischen 
Regierung,  ^j_e  ^joq  Grundsätze  sdfrst  bestimmt  und  nur 

dem  Parlament  verantwortlich  ist. 

Die  internationale  Truppe  verläßt  das  Land  nicht  sofort 
nach  der  Abstimmung,  sondern  erst  nach  völliger  Durchführung 
des  Volksbeschlusses,  für  die  sie  der  Vollversammlung  der  VN 
verantwortlich  ist«  Die  weitere  Sicherheit  des  Landes  nach 
innen  und  außen  bildet  einen  Teil  der  internationalen  Sichertest 
heit,  deren  Gestaltung  noch  erörtert  werden  soll. 

Die  Entwicklung  eines  freiwillig  vereinigten  Vietnam 
zur  Neutralität  wäre  als  weitere  Auswirkung  dieser  Lösung 
durchaus  möglich  und  sicherlich  wünschenswert.  Sie  müßte  aber 
freiwillig  erfolgen,  nicht  durch  Zwang.  Einen  politischen  Kurs 
einem  Lande  aufzuzwingen  ist  meines  Erachtens  niemand  berech- 
tigt, selbst  wenn  dieser  Kurs  Neutralität  ist.  Gegenüber  mili- 
tärischer Intervention  im  alten  Stil  wäre  darin  nur  ein  gradu- 
eller Unterschied  zu  finden, aber  kein  prinzipieller.  Das  ein- 
zige, was  durch  Zwä%  erreicht  werden  darf  und  gegebenenfalls 
erreicht  werden  muß,  ist  der  Friede  an  sich,  also  vor  allem 
das  Ende  des  Kampf esx  85). 

§51  Meinen .Vorschlägen  sei  noch  kurz  die  von  S^r^-f-n-n 
Fulbright  beantragt!  Lösung  gegenü^rgelt  Jllt.  G§ie  ist  in 


359 


seinem  auf  S.        zitierten  Buche  enthalten,  das  mir  allerdings 
erst  zugänglich  geworden  ist,  als  die  vorliegende  Schrift  fast 
beendet  war:  Bald  nach  Erreichung  der  Waffenruhe  soll  das  Volk 
Südvietnams  über  seine  Zukunft  frei  entscheiden.  Eine  internatioöj 
nale  Konferenz  soll  den  Friedensvertrag  nach  Unterzeichnung  ga- 
rantieren und  auf  Neutralisierung  ganz  Südostasiens  hinarbeiten. 


Anwendung  auf  Tai  wan 

Zur  Beurteilung  der  folgenden  und  aller  andern  Lösungen 
bedenke  man,  daß  es  keinen  Frieden  geben  kann,  der  Allen  in 
gleichem  Maße  genehm  wäre;  wenn  es  einen  solchen  gäbe,  & 
gäbe  es  keinen  Krieg,  Krejig  nur  um  des  Krieges  willen  will 
allerdings  schwerlich  jemand.  Auch  der  rabiate  Imperialist 
wünscht  Frieden,  wenn  auch  einen  solchen  wie  ihn  die  Römer 
pax  romana  nannten,  den  ihren  Interessen  entsprechenden,  von 
ihnen  diktierten,  von  ihnen  beherrschten.  Wenn  aber  so  etwas 
möglich  und  außerdem  auch  noch  haltbar  wäre,  würde  ja  das 
imperium  romanum  noch  existieren.  So  führt  uns  jede  politische 
Frage  aufs  neue  zu  unserem  ideologischen  Ausgangspunkt  zurück, 
zu  der  Überzeugung,  daß  der  Friede  Opfer  erfordert,  daß  er  ein 
tragbarer  Ausgleich  sein  muß,  u.zw.  hauptsächlich  aus  zwei 
Gründen,  einem  allgemein  giltigen  und  einem  spezifischen: 
l)  Da  ein  "Sieg",  d.h.  eine  einseitige  und  kompromißlose 
Lösung,  keinen  Bestand  hat  und  gewöhnlich  den  Keim  zu  einem 
nächsten  Krieg  in  sich  birgt;  2)  da  in  den  Bedingungen  unserer 
Zeit  auch  ein  regional  begrenzter  Krieg  zu  dem  nicht  mehr  gut- 
zumachenden Unglück  Aller  führen  kann  und  unter  Umständen  muß. 

Das  muß  aus  einem  praktisch  höchst  wichtigen  psychologi- 
schen Grunde  nochmals  betont  werden.  Zwar  versteht  schon  fast  $ 
jeder,  daß  der  Friede  zur  Bedingung  der  Existenz  geworden  ist 
und  deshalb  Opfer  verdient  und  Opfer  erfordert.  Aber  die  Opfer 
verlangt  man  noch  immer  vom  Andern,  nicht  von  sich  selbst.  So 
stoßen  wir  in  der  Realität  immer  wieder  auf  den  Standpunkt, 
der,  sooft  wir  einen  Schritt  vorwärts  getan  haben,  uns  um 

zwei  Schritte  zurückwirft.  Daher  brauchen  wir  als 


il 


365 

erste  Hilfe  vor  allem  die  postulierten  psychologischen  und 
gedanklichen  Revisionen,  die  unsere  Urteilskraft  von  ike®«. 
ihren  emotionalen  Hemmnissen  befreien  und  uns  zu  Einsicht 
und  Opferbereitschaft  befähigen  würden. 

Die  sinnfälligsten  Tatsachen  sind  ziemlich  allgemein 
bekannt.  Die  große  Insel  Tai  wan,  im  Westen  meistens  Pormosa 
genannt,  mit  78  kleinen  Inseln  ringsum,  war  der  Zufluchtsort 
der  Armee  Tschang  kai  Schecks  gewesen,  als  194-9  die  chinesi- 
schen Kommunisten  aus  der  von  ihnwn  beherrschten  Region 
hervorbrachen  und  das  ganze  festländische  China  eroberten. 
Blitzschnelle  und  gründliche  Intervention  Amerikas  half  den 
Nationalisten,  sich  dort  zu  verschanzen  und  für  eine  Bevölke#m 
rung,  die  heute  auf  etwa  11  Millionen  angewachsen  ist, 
nichtkoiomunistische  chinesische  Staatlichkeit  zu  erhalten$86). 

86)  Diese  Einwohnerschaft  besteht  allerdings  nur  zu  einem 
kleinen  Teil  aus  den  ursprünglichen  IkMWMkjfRn?  Eingeborenen 
der  Insel  und  in  ihrer  Mehrheit  aus  den  Soldaten  und  dem 
zivilen  Gefolge  Tschangs  nebst  Flüchtlingen  und  deren  Nach- 
kommen. Ob  die  vielen  Amerikaner,  Militär  und  Zivilisten, 
eingerechnet  sind,  ist  nicht  verläßlich  zu  ermitteln. 
Amerika  kümmerte  sich  v/enig  um  eine  Serie  von  Protesten  auch 

aus  15  nichtkommunistischen  Staaten,  als  es  über  die  faktische 
militärische  Einmischung  hinaus  mit^Tg^hang  1954-  einen  Pakt 
zwecks  "gegenseitiger  Verteidigung"  ^una^  ihm  nicht  nur  den 
Schutz  Pormosas  und  der  Pesadoren,  sondern  auch  Intervention 
im  Palle  "bewaffneter  Angriffe  und  kommunistischer  umstürz- 
lerischer Tätigkeit  von  außen  gegen  territoriale  Integrität 
und  politische  Stabilität"  versprach.  Nun  erhebt  nicht  nur  das 
große  China  Anspruch  auf  das  kleine  und  brüllt  in  alle  Welt,  es 
sei  ihm  geraubt  worden,  sodern  das  kleine  tut  dasselbe.  Das 
große  China  war  schon  einige  Male  nahe  daran,  das  kleine  zu 
erobern,  überlegte  es  sich  aber  immer  noch  im  letzten  Moment, 
sich  mit  Amerika  zu  messen.  Auch  das  kleine  wäre  schon  auf 

das  große  losgegangen,  wenn  Amerika  das  zugelassen  hätte. 

u 

Die  Einmiscnrig,  die  nach  und  nach  an  Dynamik  verlor 
und  einen  eher  konservierenden  Charakter  annahm,  kann  sich 
also  auf  keine  Rechtsbasis  stützen,  sondern  nur  auf  einen 
Vertrag,  der  alle  Merkmale  der  Illegalität  trägt.  Doch  soll 
nicht  bestritten  werden,  daß  die  Handlungsweise  Amerikas 
nicht  auf  ausschließlich  egoistischer  Politik  beruht,  sondern 
auch  eine  Sympathie  zum  Motiv  hat,  und  diese  kann  jeder  verstete 
hen,  der  Diktaturen  ablehnend  gegenübersteht,  ob  sie  kommu- 
nistisch oder  faschistisch  seien.  Selbst  wenn  wir  sicher  wären, 


366 

daß  die  Gesamtheit  der  Riesenbevölkerung  des  chinesischen 
Festlandes  unter  ihrer  Diktatur  glücklich  ist,  würden  wir 
der  kleinen  Inselminorität  wünschen,  in  der  ihr  genehmen 
Weise  glücklich  zu  sein  und  der  Gleichschaltung  zu  wntgehen. 
Um  dem  Charakter  und  Willen  von  Bevölkerungen  Rechnung  zu 
tragen,  können  und  müssen  selbst  Städte  politisch  geteilt 
werden,  geschweige  denn  Territorien,  die  einen  ansehnlichen 
'Teil  der  Erdoberfläche  bilden.  Wenn  wir  jedoch  zum  eigentlichen 
Rechtsstandpunkt  zurückkehren,  sehen  wir  ein,  daß  die  zivili- 
sierte Menschheit  sich  in  ihrer  Differenzierung  zwischen 
Recht  und  ^acht  nicht  irremachen  lassen  darf»  Die  bestehende 
Teilung  Chinas  war  das  werk  einer  fremden,  den  Chinesen 
durch  und  durch  fremden  Macht,  und  eben  diese  Macht  erhält 
auch  die  Teilung  aufrecht.  Diese  Auf recht erhalt ung  ist  an  sich 
nicht  weniger  gewaltsam  als  die  Herbeiführung  der  Teilung  war 
und  kann  sich  nicht  auf  Abscheu  vor  Gewaltsamkeit  berufen, 
da  Amerika  unserer  Generation  so  oft  bewiesen  hat  und  täglich 
beweist,  daß  es  vor  Gewaltsamkeit  nicht  zurückschrickt,  wenn 
es  um  seine  politischen  Interessen  und  auch  nur  virtuell  um 
seine  Wirtschaft  und  sein  Gesellschaftssystem  geht. 

Da  uns  schon  genügend  klar  ist,  wohin  nackte  Machtfragen 
uns  führen  müssen,  obliegt  es  einer  auf  Leben  bedachten  Mensch- 
heit, auch  im  Falle  Tai  wans  die  Rechtsfrage  als  solche  zu 
rekonstruieren.  Das  ist  jedoch  nur  ohne  Terror  möglich,  ohne 
den  Druck  der  größten  nuklearen  Macht  von  heute  und  ohne  den 
der  neuen,  die  oene  noch  zu  übertreffen  hofft.  So  versuchen 
wir,  es  dem  bürgerlichen  Recht  gleichzutun,  in  dem  der  Richter 
von  Armut  und  Reichtum  der  Parteien  nicht  beeindruckt  sein 
darf .Im  Geiste  korrekten  Zivilrechts  müßte  Amerikas  unberechig- 
ter  Vertrag  mit  der  Tai  wan-Regierung  mrwsrtr  annulliert  werden. 
Amerika  kann  überhaupt  nicht  länger  in  den  die  Chinesen  betref- 
fenden Fragen  Partei  sein.  Es  ist  unbestreitbar,  daß  Amerika 
in  China  nicht  mehr  Rechte  hat  als  eine  chinesische  Regierung 
in  Amerika  beanspruchen  könnte,  wenn  sie  ins  einen  Streit 
zwischen  amerikanischen  Bevölkerungsgruppen  oder  ffwricfr  kMkviwM 
Territorien  eingreifen  wollte. 

Doch  gilt  es,  eben  das  Rechtsproblem  in  seiner  ganzen 
Kompliziertheit  zu  sehen  und  es  nicht  einfacher  darzustellen 
als  es  istx  67).  Nach  den  Prinzipien,  deren  Annahme  und 

87)Der  alte  Sozialist  Norman  Thomas, der  sechs  mal  vergeblich 


367 

versuchte,  Präsident  von  Amerika  zu  werden,  beging  wohl 

klassische  Vereinfachung,  wenn  er  von  Tschang  kai  schek 
sagte,  er  repräsentiere  die  7»  Flotte  der  USA,  sonst  nichts« 

Anwendung  den  befugten  Sachwaltern  der  Menschheit  empfohlen 
werden  soll,  kann  eine  Minorität  einer  Majorität  nicht  auf 
Gnade  und  Ungnade  ausgeliefert  werden,  da  das  eine  Einladung 
neuer  Gewaltsamkeit  wäre.  Daraus  ergibt  sich  die  Folgerung, 
daß  eine  Situation  geschaffen  werden  muß,  in  der  die  in  Tai  v/an 
wohnende  Bevölkerung  ein  den  natürlichen  Rechten  einer  boden- 
ständigen Nation  gleiches  Selbstbestimmungsrecht  furchtlos 
und  frei  ausüben  kann,  u.zw.: 

a)  Alle  amerikanischen  und  der  nationalistischen  Regie- 
rung dienenden  Militärpersonen  sowie  auch  alle  Mitglieder  und 
zivilen  Angestellten  beider  Regierungen  verlassen  Pormosa  mit 
ihren  Familien.  Die  spätere  Rückkehr  jeder  zu  dieser  Kategorie 
gehörenden  Person  ist  an  eine  Genehmigung  der  VS  gebunden. 

b)  Eine  internationale,  der  im  vorigen  Abschnitt  beschrie- 
benen analoge  Truppe  übernimmt  im  gesamten  Territorium  der 
nationalistischen  Regierung  den  Sicherheitsdienst  und  alle 
Zweige  der  Verwaltung  sowie  die  dieser  Regierung  gehörende 
See-  und  Luftflotte  und  das  gesamte  militärische  Arsenal. 

Sie  bereitet  die  Bevölkerung  zu  einer  Abstimmung  vor  und 
führt  diese  durch.  Das  Kommando  der  internationalen  Truppe 
erstattet  an  ein  Komitee  der  Vollversammlung  der  VN  Bericht. 
Das  internationale  Tribunal  der  YS  untersucht  das  Ergebnis 
der  Abstimmung  und  empfiehlt  der  Vollversammlung  Übergabe 
der  Territorien  an  eine  der  beiden  chinesischen  Regierungen. 

Da  vorauszusetzen  ist,  daß  die  Bevölkerung  dasjenige 
Regime  bekommt,  für  das  sie  in  ihrer  Mehrheit  gestimmt  hat, 
brauchen  Repressalien  der  nach  der  Abstimmung  amtierenden  Regie- 
rung nicht  befürchtet  zu  werden.  Auch  für  Tai  wan  treten  nach  $ 
30  Jahren  die  später  zu  präzisierenden  Bestimmungen  über 
Petitionen  und  deren  Konsequenzen  in  Kraft,  sodaß  die  nächste 
Generation  die  Erfahrungen  der  ersten  verwerten  können  wird 
und  in  der  Lage  sein  wird,  einen  andern  Entschluß  zu  fassen. 

Anwendung  auf  Tibet 

Die  umfassende  Reinigungsaktion,  in  der  die  legitimen 
Organe  der  Völker  das  Unrecht  überall,  wo  sie  seiner  habhaft 
werden  können,  aus  der  Welt  schaffen  sollen,  muß  auch  die  Gegen- 
den aufspüren,  aus  denen  Stimmen  des  Widerstandes  nur  undeutlich 


368 

hörbar  werden,  um  Klarheit  darüber  zu  schaffen,  ob  die  gegen- 
wärtige Lage  sowohl  berechtigt  als  auch  haltbar  ist. 

Im  großen  Hochlande  von  Tibet  lebt  ein  kleines  Volk, 
Nach  chinesischen  Angaben  gibt  es  weniger  als  3  Millionen  Tibe£ 
taner,  doch  noch  weniger  als  1,300.000  leben  in  Tibet;  die 
andern,  also  die  Majorität,  sind  eine  über  vier  Provinzen 
verstreute  Minorität  in  China  88).  Die  Geschichte  dieses 

88)  Gegenüber  diesen  Zahlen,  die  etwas  veraltet  sein  dürften, 
soll  die  Bevölkerung  Tibets  in  den  letzten  Jahren  noch  abge- 
nommen haben,  was  auf  ihrai beklagenswerten  Gesundheitszu- 
stand zurückzuführen  ist.  Innerhalb  der  undichten  Einwohner- 
schaft besteht  noch  ein  hoher  Prozentsatz  aus  nomadischen 
Hirten. 

kleinen  Volkes  ist  dersrt  kompliziert,  daß  die  meisten  Leser 
sich  an  die  im  Telegrammstil  zusammenfassenden  Vereinfachungen 
halten,  an  die  Erzählungen  von  dem  alten  buddhistischen  Kirchen 
Staat  mit  den  zwei  einander  zumeist  feindlichen  Oberhäuptern, 
mit  nie  endenden  inneren  Fehden  und  Kriegen,  mit  imperialisti- 
schen Einbruc hsversuchen  und  Einbrüchen  von  Indern  und  Briten 
und  einer  von  der  mandschurischen  Ching-Dynastie  während  ihrer 
ganzen  Dauer  aufrechterhaltenen  Vorherrschaft  Chinas, die  1959 
vom  kommunistischen  China  wiederhergestellt  wurde. Obwohl  diese 
militärische  Besetzung  sich  völkerrechtlich  weder  begründen 
noch  entschuldigen  läßt,  muß  es  den  chinesischen  Kommunisten 
zugute  gehalten  werden,  daß  sie  es  waren,  die  in  Tibet  endlich 
die  Leibeigenschaft  abschafften.  Um  die  Lage  möglichst  viel- 
seitig realistisch  beurteilen  zu  können,  muß  man  verschiedene 
Berichte  über  die  neueste  Geschichte  in  Betracht  ziehen.  Auch 
werm  wir  uns  vor  Augen  halten,  daß  es  einen  einheitlichen  poli- 
tischen Willen  in  keinem  Lande  gibt  noch  je  gegeben  hat,  und 
daß  scheinbare  Einheitlichkeit  immer  nur  fallweise  als  Reaktion 
auf  bestimmte  Paktoren  auftritt,  z.B.  auf  einen  alle  gegensätzi 
liehen  Gruppen  gefährdenden  Feind,  wenn  wir  uns  also  die  Relati- 
vität jeder  politischen  Kohäsion  vergegenwärtigen,  fällt  in 
Tibet  ein  alle  Analogien  merkwürdig  übertreffender  Mangel  an 
politischer  Konsistenz  auf.  Einen  Staat  von  Kirchen  und  Klöstern 
abzulösen  wäre  allzu  schwer  gewesen,  sodaß  das  kommunistische 
Regime  es  vorzog,  sich  auf  militärische  und  außenpolitische 
Vormundschaft  zu  beschränken,  alles  andere  aber  der  tibetani- 
schen Autonomie  und  der  Zukunft  zu  überlassen.  Die  Behauptung, 
Tibet  sei  in  der  kommunistischen  Zeit  von  Unruhen  freier  alsfje, 
wird  von  da  aus  etwas  plausibler.  Allerdings  hat  die  chinesische 


369 

Kulturrevolution  Tibet  nicht  verschont,  doch  fehlt  den  neuesten 
Meldungen  das  Merkmal  der  Verläßlichkeit,  vor  allem  die  Über- 
einstimmung verschiedener  Berichte« 

Tibet  ist  nicht  eines  der  begehrenswertesten  Ziele  impe- 
rialistischer Raubsucht.  Außer  mittelmäßiger  strategischer 
^erwertbarkeit  und  problematischen  Besiedlungsmöglichkeiten 
ist  dort  vorläufig  nicht  viel  zu  holen.  Dennoch  ist  es  mehr  als 
wahrscheinlich,  daß  nach  etwaiger  Beendigung  der  chinesischen 
Oberhoheit  ein  Vakuum  entstehen  würde  und  bald  andere  Hände 
sich  nach  diesem  armen  Lande  ausstrecken  würden;  das  müßte  nicht 
unbedingt  der  Expansionsdrang  anderer  Nachbarn  oder  überhaupt 
eine  militärisch  vorgehende  Macht  sein.  Es  bleibt  fraglich,  ob 
Tibet  volle  Selbständigkeit  lange  aufrechterhalten  könnte, 
wie  es  in  Anbetracht  der  Zentrif ugalität  und  des  politischen 
Dualismus,  bzhw.  Pluralismus,  fraglich  ist,  ob  dieses  Land 
einen|eigenen,  einigermaßen  einheitlichen  oder  einer  Majorität 
entsprechenden  politischen  Willen  in  naher  Zukunft  zu  klarem 
und  verläßlichem  Ausdruck  zu  bringen  vermöchte.  Daher  ist 
gegenwärtig  unsicher, ob  die  Friedenkonferenz,  deren  Aufgabe 
die  Lösung  der  großen  und  dringenden  Probleme  bildet,  sich 
aus  eigener  Initiative  mit  Tibet  befassen  könnte;  zumal  es 
möglich  wäre,  daß  eine  jetzt  nicht  vorhandene  Dringlichkeit 
gerade  durch  eine  solche  Initiative  geschaffen  würde.  Doch 
beruht  diese  Schlußfolgerung  nur  auf  den  Umständen  der  unmittel- 
baren Gegenwart.  Ein  neues  Nationalbewußtsein  könnte  früher 
oder  später  auch  in  Tibet  entstehen  und  über  die  zentrifugalen 
Tendenzen  die  Oberhand  gewinnen. Sobald  das  Petitionsrecht, 
von  dem  bald  die  Rede  sein  soll,  in  Kraft  treten  wird,  wird  dem 
Volke  Tibets  mit  allem  Nachdruck  gesagt  werden  müssen,  daß  es 
ihm  offensteht,  in  unserer  Generation  und  später« 

Anwendung  auf  Kaschmir 

Rasch  verflüchtigte  sich  in  unserer  kurzatmigen  Zeit  die 
Unruhe,  die  sich  des  Ostens  wie  des  Westens  bemächtigt  hatte, 
als  Indien  und  Pakistan  um  dieses  Tibet  benachbarte  Himalyaland 
einen  kurzen,  aber  bedrohlichen  Krieg  führten.  Daß  er  sich  nicht 
in  die  Länge  zog,  war  der  sowjetischen  Friedensintervention  zu 
verdanken,  den  von  Kosygin  geführten  Verhandlungen  in  Taschkent, 
die  aber  noch  ein  Menschenleben  forderten,  das  Shastris,  des 
Chefs  der  indischen  Regierung.  Die  diplomatische  Leistung  itojig: 


370 

Kosygins  war  leider  kein  eigentlicher  Friedensschluß,  sondern 
weist  nur  Züge  eines  Waffenstillstandes  auf.  Die  kämpfenden 
Armeen  haben  sich  zurückgezogen  und  ernste  Zusammenstöße  sind 
seither  nicht  wiedergekehrt.  Aber  die  Probleme,  die  zum  Blut- 
vergießen geführt  hatten,  bestehen  unverändert  weiter;  sie 
waren  und  sind  zu  verwickelt,  um  in  wenigen  Tagen  gelöst  zu 
werden.  Das  Land  hat  eine  geistig  wie  auch  künstlerisch  reiche,! 
seit  dem  späten  Altertum  aus  buddhistischen  und  hindui^stischenj 
Kräf tenjzusammenge  setzte  Kultur,  die  später  noch  mohammedanische] 
Elemente  aufnahm.  Die  heutige  Bevölkerung  besteht  vorwiegend 
aus  Bekennern  des  Islam,  u.zw.  aus  Sunniten,  Schieten  und 
Anhängern  der  Malai-Sekte;  doch  zahlreicher  als  man  im  Westen 
annimmt,  sind  dort  auch  die  Hindus,  und  in  weiten  Landstrichen 
hat  eine  mongolische  Bevölkerung  den  alten  Buddhismus  bewahrt. 
Kaschmiri,  eine  der  Dardistan-Sprachen,  die  aber  nicht  im 
ganzen  Lande  gesprochen  wird,  hat  einen  hauptsächlich  aus 
Sanskritelementen  abgeleiteten  Wortschatz?:  und  gilt  deshalb  alsl 
eine  der  indischen  Sprachen.  Nach  Aufrichtung  der  indischen  und| 
der  von  ihr  getrennten  pakistanischen  Selbständigkeit  fiel  der 
größere  Teil,  als  Jammu  und  Kaschmir  bezeichnet,  an  Indien, 
während  der  kleinere  Teil  Pakistan  zufiel.  &e±  Die  leidenschaf tJ 
liehen  Ansprüche  beider  Staaten  auf  den  größeren  Teil  beschlos- 
sen die  VN  schon  194-8  durch  eine  Volksabstimmung  entscheiden  zu| 
lassen,  doch  infolge  schroffer  Ablehnung  seitens  Indiens,  das 
sich  aus  der  Rolle  des  beatus  possidens  nicht  verdrängen  ließ, 
kam  es  bis  heute  nicht  zur  Ausführung  jenes  Beschlusses. 

Was  die  Zugehörigkeit  zu  einer  Religion  für  Hindus  wie  für| 
i..oha:me daner  bedeutet,  ist  schon  aus  der  Zeit  vor  der  Teilung 
allzu  gut  erinnerlich.  In  der  asiatischen  Umkehrung  kehrt  da 
ein  Gruel  wieder,  das  wir  aus  der  europäischen  Geschichte  als 
cujus  regio  eius  religio  kennen.  Denn  wessen  die  Religion  ist, 
dem  hat  nach  östlicher  Auffassung  das  Land  zu  gehören;  nur  daß 
der  Osten  endlich  so  weit  ist,  der  Minorität  ihre  Religion 
belassen  zu  wollen.  Weitere  Fortschritte  sind  recht  unwahr6KkE± 
scheinlich,  solange  die  Religion  den  orientalischen  Menschen 
derart  beherrschen  wird. 

Um  den  bestehenden  Waffenstillstand  zu  einem  auf  lange 
Sicht  tragbaren  Frieden  zu  machen,  und  um  Grausamkeiten  wie 
Zwan^sübersiedlung  ganzer  Bevölkerungen  zu  vermeiden,  kommt 
kaum  eine  andere  Lösung  in  Frage  als  die  Ausführung  des  alten 


371 

Beschlusses  der  VN.  Die  einzigartige  Autorität,  die  für  die 
Beschlüsse  der  Friedenskonferenz  zu  erhoffen  ist,  ws.  u.zw.  in 
Anbetracht  ihrer  Lehenswichtigkeit  für  jedes  Land,  wird  Indien 
voraussichtlich  bewegen,  der  als  internationale  Forderung 
erneuerten  Idee  des  freien  Volksentscheides  zuzustimmen. 
Wer  die  Aufgabe  übernehmen  wird,  mit  indischen  Staatsmännern 
darüber  zu  verhandeln,  wird  in  den  bedeutendsten  Werken  der 
indischen  Literatur  manche  der  Sache  günstigenStellen  finden 
können.  Mit  Vertretern  von  Völkern,  die  eine  so  ausgeprägte 
Kultur  besitzen,  sollten  Diplomaten  im  Geiste  dieser  Kultur 
zu  reden  lernen  und  sich  nicht  länger  mit  einseitig  westlichen 
Begriffen  und  Formeln  begnügen,  da  diese  oft  versagen,  wo 
es  auf  Verständnis  ankommt. 

Anwendung  auf  Afrika 

Leider  muß  hier  der  ganze  Kontinent  en  bloc  behandelt 
werden,  denn  die  Biff erenzierung  in  Nationen  ist  eben  das 
Problem.  Mit  Ausnahme  einiger  Lander,  namentlich  Ägyptens, 
dessen  Geschichte  vom  Diluvium  bis  zur  Ge^iwart  uns  nicht  weni- 
ger  gut  bekannt  ist  als  die  der  um  so  vieles  jügern  Völker  Euro- 
pas, haben  wir  es  in  Afrika  mit  vielen  schwer  definierbaren  eth- 
nographischen Einheiten  und  deren  territorialen  Korrelaten 
zu  tun.  Y/ir  verstehen  nach  und  nach,  daß  der  Antagonismus  von 
Kapitalismus  und  Kommunismus  unter  den  gründen  für  das  viele 
Blutvergießen,  das  in  den  vom  Kolonialismus  befreiten  Landern 
zur  allgemeinen  Bestürzung  einsetzte  und  voraussichtlich  noch 
nicht  beendet  ist,  für  die  Afrikaner  von  minmaler  Bedeutung 
war  und  nur  indirekt  mitgewirkt  haben  kann,  etwa  im  Sinne  eines 
Dritten,  der  einen  Konflikt  zwischen  Zweien  für  seine  Zwecke 
auszunützen  sucht.  Um  das  Schreckliche  zu  begreifen,  das  gerade 
seit  der  Befreiung  Neger  einander  und  gelegentlich  auch  Weißen 
angetan  haben,  am  krassesten  wohl  im  Kongo,  und  um  daraus  eini- 
ge Schlüsse  zu  ziehen,  müssen  wir  uns  vergegenwärtigen,  daß 
die  Grenzen  der  neuen  Staaten  wie  sie  auf  den  Landkarten  er- 
scheinen, ohne  organische  Entwicklung  und  ohne  Logik  entstanden 
sind,  vorwiegend  auf  Grund  beklagenswerter  und  für  die  weiße 
Rasse  tief  beschämender  Tatsachen.  Der  an  Afrika  verübte  Landes 
raub  hatte  sich  in  Hast  und  ziemlich  wahllos  vollzogen.  Die 
weißen  Raubmächte  handelten  ähnlich  wie  die  weißen  Menschen- 


372 

räuber,  die  nachts  Dörfer  anzuzünden  und  die  Opfer 
lebend  oder  sterbend  wegzuschleppen  pf legten.Die  Kolonial- 
mächte ergriffen  Territorien,  die  sie  wenig  kannten,  rückten 
ein  wo  sie  konnten,  suchten  einander  zuvorzukommen  und  vermie- 
den gegenseitige  Zusammenstöße  nach  Tunlichkeit,  rissen  aber 
einander  den  blutigen  Bissen  zuweilen  auch  aus  dem  Rachen. 
In  den  so  umgrenzten  Ländern  kam  es  auf  Mineralschätze  und 
andere  Waren  an,  auf  Menschen  aber  nur  insofern, als  sie  eben- 
falls zu  Waren  gemacht  wurden. Deren  Eigenheiten,  wie  etwa  ihre 
Zusammengehörigkeit  als  Völker  und  Stämme  oder  ihre  Sprachen, 
die  auf  6  -  800  geschätzt  werden,  waren  ökonomisch  belanglos. 
Die  Umstände  des  überstürzten  Raubes  waren  es  gewesen,  die 
zusammenschlössen  und  trennten,  und  diese  Besitzverhältnisse 
blieben  bis  gestern  aufrecht,  soweit  nicht  die  Europäer  Terri- 
torien einander  abzwangen  oder  abhandelten.  Als  Komplikation 
kommt  hinzu,  daß  während  der  Kolonialperiode  weite  Wanderungen 
afrikanischer  Völker  stattfanden  und  daß  nicht  wenige  Stämme 
immer  noch  nomadisch  leben. 

Besonders  ungünstig  war  für  die  Befreiten  das  Tempo  der 
Befreiung.  Auch  ihrerseits  konnten  sie  nicht  lang  prüfen, 
was  sie  zurückbekamen  und  ergriffen  mit  der  gleichen  Hast, 
was  ihnen  zufiel,  und  möglichst  viel,  als  wären  sie  von  der 
Gesinnung  der  abziehenden  Herren  angesteckt.  Was  sie  zurückneh» 
men  konnten,  waren  zumeist  nicht  Länder  im  Sinne  geographischer 
und  aus  natürlichen,  vorjallem  ethnographischen  Gegebenheiten 
gebildeter  Einheiten.  Bald  mußte  sich  herausstellen,  daß  die 
als  wild  geltenden  Menschen  auch  einiges  von  den  übelsten  Triefe 
ben  und  Komplexen  ihrer  früheren  Herren  in  sich  hatten,  wie 
den  Haß  gegen  das  Ähnliche  und  doch  Andere,  Blutdurst,  Habgier 
und  Herrschsucht.  Es  war  die  falsche  Einteilung  des  Kontinents, 
die  solche  Triebe  zu  vervielfachtem  Ausdruck  brachte;  und  das 
durch  Generationen  angesammelte  Bedürfnis  nach  Rache  vermehrte 
jene  Energien,  die  sich  nun  blind  am  Bruder  auslebten.  Wie 
wenig  diese  Realität  mit  pro-  oder  antikommunistischer  Politik 
zu  tun  hat,  zeigte  sich  mehrfach  an  plötzlichem  Umschwenken 
von  einer  Richtung  in  die  andere,  dessen  private  und  unideolo- 
gische Motive  manchmal  unverkennbar  sind.  Propaganda  verliert 
ihre  Beute  zuweilen  ebenso  leicht  wie  sie  sie  gewonnen  hat. 
Mag  sein,  daß  die  Entscheidung  zwischen  den  beiden  Systemen 
irgendwann  zur  Frage  Afrikas  werden  wird;  aber  für  heute, 


373 

und  vielleicht  auch  noch  für  morgen,  sind  die  Versuche,  diese 
Entscheidung  zur  Frage  Afrikas  zu  machen,  gewiß  als  gescheitert 
anzusehen  89 )• 

89)  Kommunismus  im  modernen,  nicht  antiken  Sinne  hat  den 
Kapitalismus  zur  Voraussetzung.  Ohne  die  barbarische  Ver- 
fälschung durch  den  Kolonialismus  ±s±K±fcK±ka  wäre  Afrika 
noch  viel  vorkapitalistischer  als  Rußland  es  vor  1917  war. 
Diese  einfache  Erwägung  macht  die  Heterogenität ,  bzhw.  Un- 
ze itgemäßheit ,  Verfrühtheit  des  kapitalistisch-kommunisti- 
schen Antagonismus  verständlich. 

Die  Befreiung  des  Erdteils  in  einsichtiger  und  verantwort- 
licher Weise  zu  vollenden  und  Afrika  zur  Harmonie  und  zum 
Frieden  zu  führen,  ist  also  noch  viel  schwieriger  als  gute 
Lösungen  für  die  soeben  betrachteten  asiatischen  Länder^. 
Es  ist  der  feste  Glaube  mancher  Menschen  in  unserer  Zeit,  daß 
die  Vereinigten  Nationen,  wenn  sie  auch  nur  zugunsten  der 
ihnen  gemeinsamen  Ideale  wirklich  vereinigt  wären,  zu  einer 
so  bedeutenden  moralischen  und  materiellen  Macht  werden  müßten, 
daß  sie  militärische  Mittel  gar  nicht  anzuwenden  brauchten,  um 
selbst  die  brutalsten  Gegenkräfte  zu  brechen  und  ein  Regime 
der  Schmach  wie  das  südafrikanische , bzhw-  südwestaf rikanische, 
das  rhodesische  oder  die  portugiesische  HerrscloaA  ^in 
vermöge  der  Kraft  des  Rechtes  und  echter  Ethik  aus  der  Welt 
zu  schaffen.  Doch  in  eben  diesem  Geiste  des  Rechtes  und  der 
Ethik  sollen  die  Minoritäten,  die  mehrfache  Majoritäten  so  srerfrat 
lange  und  so  schändlich  unterdrückt  haben,  nicht  aller  Rechte  x 
beraubt  werden.  Ihre  Menschenrechte  und  physischer  Schutz  sol- 
len ihnen  gewahrt  sein  und  ihre  wirtschaftlichen  Lebensbedingun- 
gen müssen  Berücksichtigung  erfahren,  soweit  sie  nicht  auf 
Ausbeutung  beruhen.  Von  furchtbaren  Erfahrungen  sollten  wir 
endlich  lernen«  Das  Blutbad  nach  der  Befreiung  ist  den  Kolo- 
nialmächten nicht  immer  unwillkommen.  Es  soll  sozusagen  zeigen, 
daß  es  unter  ihrer  Herrschaft  besser  gewesen  war  und  daß  diese 
Wilden  Freiheit  schlecht  vertragen.  Um  das  zu  vermeiden  und 
dem  noch  zäh  lebenden  Kolonialismus  die  üblichen  Argumente  zu 
entziehen,  sei  für  die  noch  nicht  vollbrachten  Befreiungsakte 
und  für  alles  Ähnliche,  das  noch  fällig  ist,  die  folgende  RaSLax 
Reform  beantragt: 

Die  Übergabe  der  Macht  darf  weder  durch  schäbigen  Abzug 
noch  auch  direkt  von  einem  Regime  an  das  andere  erfolgen.  In 
solchen  Fällen  v/ird  das  ferritorium  von  der  zu  organisierenden 


374 

Friede narmee  der  VN  übernommen,  um  von  ihr  ein  fahr  verwaltet 
zu  werden.  Während  dieser  Zeit  werden  die  Eigenheiten  des 
Landes  und  seiner  Bewohner  studiert  und  diese  werden  zur  Mit- 
verwaltung herangezogen.  Nach  Ablauf  eines  Jahres  kann  die 
Interims Verwaltung  auf  Beschluß  eines  Komitees  der  VE  um  ein 
zweites  Jahr  und  unter  Umständen  noch  weiter  verlängert  wer- 
den, um  erst  dann  der  neuen  Regierung  Platz  zu  machen.  Die 
-ahrscheinlichkeit  der  Wiederholung  jener  grausigen  Ereignisse 
wäre  dadurch  gewiß  auf  einen  Bruchteil  reduziert»  Doch  sollten 
auch  nach  so  geordneter  Übergabe  die  neuen  Staaten  und  ihre 
Grenzen  noch  nicht  als  definitiv  anerkannt  sein. 

Denn  was  auf  Grund  der  grausam  konkreten  Erfahrung  alle 
Länder  Afrikas  brauchen,  ist  vor  allem  Rekostruktion.  Eine 
solche  wird  ein  Riesenwerk  sein,  das  weder  rasch  noch  billig 
getan  werden  kann.  Es  erfordert  in  erster  Linie  die  Schaffung 
organisatorischer  und  politischer  Voraussetzungen  im  größten 
Teil  des  Kontinents  und  physische  Sicherheit  für  alle  mit  der 
enormen  Aufgabe  Betrauten.  Das  Kernstück  der  Arbeit  ist  inten- 
sive Forschungs-  und  Revisionstätigkeit  von  Geographen,  Ethno- 
graphen Philologen?  und  Historikern.  Auf  dieser  Grundlage 
wird  in  Afrika  angebahnt  werden  können,  was  in  klareren  BedingH 
gungen  unmittelbar  möglich  ist,  Befragung  von  Völkern,  die  in 
Afrika  eine  ganze  Serie  von  Volksabstimmungen  bedeutet.  Doch 
dem  Werk  der  Rekonstruktion  stellen  sich  immense  Schwierigkeiten 
in  den  Weg.  Die  falsch  gezogenen  Grenzen  sind  bis  zu  einem  gE3E± 
gewissen  Grade  Wirklichkeiten  geworden,  denn  in  diesen 
Prokrustesbetten  sind  Generationen  gezeugt  und  geboren  worden. 
Die  Rekonstruktion  wird  also  nicht  rein  historisch-geographisch 
vorgehen  können,  sondern  wird  mit  einem  Maximum  an  Elastizität 
nach  einem  guten  Ausgleich  zwischen  dem  Ursprünglichen  und  dem 
bestehenden  suchenz  müssen. 

Es  ist  elementar  gerecht,  daß  diejenigen,  die  an  all  dem 
schuld  sind,  ein  Teilchen  ihrer  Schuld  gutmachen,  indem  sie 
den  Hauptanteil  an  der  Ke kons truktions arbeit  und  die  gesamten 
Kosten  übernehmen. 

Die  Durchführung  von  Rejisenwerken  dürfen  wir  erwarten, 
doch  wunder  nicht.  Auch  in  einem  rekonstruierten  Afrika  werden 
die  Schrecken  nicht  sofort  aufhören.  Aber  aufhören  werden  sie, 
weil  Eihre  Gründe  zu  wirken  aufhören  müssen,  sobald  sie  besei- 
tigt sein  werden.  In  Anbetracht  der  Bedeutung  eines  befriedeten 


375 

und  gesundeten  Afrika  sowohl  an  sich,  als  auch  vermöge  der 
voraussichtlichen  Auswirkungen  auf  die  ganze  Erde  wird  die  ähss 
Beschlußfassung  über  Richtlinien  und  die  organisatorische 
Grundlegung  für  dieses  Werk  zu  den  wichtigsten  Augaben  der  Frie- 
denkonferenz gehören. 

gQ-faa£~-d:or  Einblick  in  dio  Situation  Afrikao  u«a»  dao 
denkwürdi^^Ergebnis  gebracht,  daß  es  einen  Kontinent  gibt, 
dessen  eigentliches  Problem  nicht  die  Entscheidung  zwischen  ( 
Kapitalismus  und  Kommunismus  bildet.  Wie  bereits  betont,  in 
einiger  Zeit  könnte  diese*Sr^blemstellung  auch  für  Afrika 
zentrale  Bedeutung  erlangen;  dcfcfe  Heute  würde  jeder  politische 
und  selbst  jeder  propagandistische  Druck  ,  ob  er  von  Kußland, 
von  China,  von  Amerika  oder  von  welcher  Seite  immer  ausginge, 
nur  einen  Versuch  bedeuten,  von  der  aktuellen,  dem  Kontinent 
eigenen  Problematik  abzulenken,  um  ihn  und  seine  Völker  wieder, 
wenn  auch  in  anderer  Weise,  für  fremde  Interessen  auszunützen» 
Daraus  resultiert  die  Forderung  an  die  kapitalistischen  und  die 
kommunistischen  Mächtegruppen,  Afrika  in  dieser  Generation 
aus  ihrem  Streit  auszuschließen*»  qllo  Mäohto,  dio  ,  coi  oc  te±H±* 
blutig,  sei  es  unblutig,  im  Ringen  usa  die  Vorherrschaft  oder  gs^ 
gar  Alleinherrschaft  zu  siegen  hoff en,Ntössen  gebeten  werden: 
Laßt  bis  auf  weiteres  Afrika  aus  dem  fipier!  Es  wäre  in  hohem 
Grade  zu  wünschen,  daß  eine  solche  Bitte  nicht  abstrakt  und 
unverbindlich  bliebe,  sondern  durch  einen  weitgespannten  inter- 
nationalen Vertrag  maximal  verpflichtend  würde.  Einem  solchen 
Experiment  würde  im  Riesenmaßstab  eines  Erdteils  über  dessen 
Belange  hinaus  enorme  Wichtigkeit  zukommen.  Objektiver  als 
durch  jede  andere  Methode  der  Untersuchung  würde  sich  zeigen, 
ob  das  Problem,  das  andere  Kontinente  derart  in  Atem  hält, 
aus  jedem  Boden  auch  ohne  künstliche  Überpflanzung  von  selbst 
erwächst,  wie  die  Doktrin  es  behauptet. 

Die  Raubmachte  des  19.  Jahrhunderts  mußten,  um  die  Gefahr 
gegenseitiger  Zusammenstöße  einzudämmen,  zu  Demarkationslinien 
ihre  Zuflucht  nehmen,  durch  die  ihre  schon  gefaßte  und  womög- 
lich auch  die  noch  zu  fassende  Beute  vor  andern  Jägern  geschützt 
werden  sollte. Da  heute  der  gänzlich  schamlose  Raubmord  an  Völ- 
kern und  Ländern  nicht  mehr  so  einfach  durchführbar  ist,  und 
zumindest  dekorativer  Motivierungen  bedarf,  hätten  eigentliche 
Demarkationslinien  keinen  Sinn  mehr,  v/eder  unter  Einschluß  oder 
Ausschluß  Afrikas  nosh  durch  Afrika  hindurch,  und  wohl  auch  h±e 
nicht  in  der  übrigen  Welt;  wobei  unter  Demarkationslinien 


376 


die  Aufteilung  zwischen  mehreren  Besitz  ergreifenden,  bzhw.  an 


Besitzergreifung  Interessierten  zu  verstehen  ist.  Hingegen 
sind  bezüglich  Afrikas  Vereinbarungen  notwendig,  die  Allen 
auch  ideologische  Besitzergreifung  verwehren,  damit  es  vor 
allem  aus  seiner  heillosen  Verwirrung  zu  gesunder  Ordnung 
gelangen  kann  und  seine  Befreiung  vollende.  Damit  ahnungslose 
Stämme  nicht  etwa  zwischen  dem  russischen  und  dem  chinesi- 
schen Koiamunismus  hin  und  her  gezerrt  werden,  wie  sie  sich  ei 


katholischer  und  protestantischer  Missionäre  zu  entscheiden 
hatten. 

So  könnte  Afrika  auch  für  die  Großmächte  zu  einer  lehrrei^ 
chen  Prüfung  werden,  zu  einem  höchst  inhaltsreichen  Versuch, 
der  zeigen  würde,  ob  sie  in  einem  so  eigenartigen  und  belang- 
vollen Falle  das  Selbstbestimmungsrecht  uneingeschränkt  achten 
-wtvcI  sich  zu  einem  Verzicht  zu  Gunsten  des  Gemeinwohls  aufraffen 
können;  ob  also  von  Menschen  und  Mächten  eine  nicht  blind 
egoistische  Handlungsweise  überhaupt  erwartet  werden  darf. 

Was  geht  im  südlichen  Sudan  vor? 

Wenn  Afrika  als  Ganzes  die  menschliche  Einsicht  und 

elementare  Ethik  vor  eine  gigantische  Aufgabe  stellt,  die 

Entschlossenheit  und  Opfermut  erfordert,  so  gilt  das  für  eine 

seiner  Gegenden  in  erhöhtem  Maße,  angesichts  einer  unklaren 

f 

Lage,  die  jedoch  äußerste  Dringlichkeit  deutlich  ekennen  läßt. 


Das  seit  1956  selbständige  Lnd  hatseine?  Bevölkerung  von 

ca.  10  Millionen  eine  unzweif elhaf t  arabisch  sprechende  und 

mohammedanische  Majorität,  auch  für  den  Fall,  daß  der  Zensus 

desselben  Jahres  nicht  ohne  Terror  und  andere  ünkorrektheiten 
x 

duchgeführt  worden  sein  sollte.  Aber  südlich  vom  10.  Grad 
n.Br.  wohnt  ebenso  unzweif elhaf t  eine  Negerbevölkerung,  die 
grauenvoller  Verfolgung  ausgesetzt  war  und  ist.  Von  diesen 
Armen  konnte  nur  eine  Viertelmillion  in  die  angrenzenden 
Länder  flüchten,  in  die  Zentralafrikanische  Republik,  in  den 
Kongo,  nach  Uganda,  Kenya  und  Abbessynien.  Sie  sind  Massakern 
entronnen  und  haben  nur  ihr  nacktes  Leben  gerettet,  sind  aber 
dem  Hunger  und  der  Obdachlosigkeit  preisgegeben. Die  Heimat 
dieser  Flüchtlinge  ist  für  Reisende  schwer  zugänglich  und  die 
spärlichen  ITachrichten,  die  von  dort  in  die  zivilisierte  Welt  g 
gelangen, sind  bisher  ±k  fast  nur  in  wenig  bekannten  Zeitungen 


mal  zwischen 


den  ihnen  gleich  unverständlichen  Behauptungen 


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3 


377 

erschienen,  die  letzte  in  einem  katholischen  Mitteilungsblatt 
einer  italienischen  Provinzstadt,  dem  der  Missionäre  von 
Verona,  Die  geringe  Verbreitung  kann  aber  kein  Argument  gegen 
die  Glaubwürdigkeit  der  Nachricht  bilden,  zumal  sie  mit  frühe- 
ren Meldungen  aus  anderen  Quellen  übereinstimmt.  Südsudanische 
Negerdörfer  v/erden  von  bewaffneten  Horden  überfallen  und 
niedergebrannt,  Alte  und  Kinder  werden  schonungslos  gemordet, 
Frauen  werden  davonge schleppt.  Wer  die  uniformierten  Mörder- 

■  banden  sind,  ist  leider  unklar«  Es  sind  vermutlich  nicht 

•  Einheiten  der  sudanischen  Regierungstruppen.  Es  ist  auch 
schwerlich  anzunehmen,  daß  diese  himmelschreienden  Verbrechen 
direkt  von  der  Regierung  begangen  werden.  Wahrscheinlich  trifft 
die  große  Blutschuld  diese  nur  indirekt.  Wie  immer  dem  sei,  XEk I 
scheint  objektive  internationale  Untersuchung  der  Tatsachen 
mit  höchster  Dringlichkeit  geboten,  damit  unverzüglich  getan 
werden  kann,  was  zum  Schutze  einer  Bevölkerung  vor  Genocide 

!  sofort  möglich  ist. 

Aus  einer  vor  mehr  als  einem  Jahr  veröffentlichten  Schil- 
derung ging  hervor,  daß  in  einem  jener  Dörfer  sich  eine  bewaff-* 
nete  Selbstwehr  gebildet  hat.  Liag  sein,  daß  eine  solche  Organie 
sation  der  Verzweiflung    nicht  die  einzige  ist.  Aber  wie  kann 
die  schon  so  zerrüttete  und  immer  noch  stolz  in  den  Spiegel 
blickende  Zivilisation  die  alte  Tragödie  wiederkehren  lassen? 
Warum  soll  ein  verblutendes  Volk  zum  letzten,  vielleicht  aus- 

' sichtslosen  Kampf  gezwungen  sein?    Warum  soll  ihr  nicht  ele-  j 
mentarer  Schutz  gewährt  werden,  bis  ^Le  vom  gerechten 
Petitionsrecht  Gebrauch  machen  kann 

Anwendung /Tauf  Deutschland 

Daß  die  Westmächte  und  die  Sowjetunion,  die  ungerüstet 
in  den  Zweiten  Weltkrieg  stürzten,  in  diesem  schließlich  doch  2 
siegten,  wird  zumeist  auf  ihr  höheres  Rüstungspotenzial,  beson- 
ders auf  das  der  amerikanischen  Industrie,  zurückgeführt. 
Andere  schreiben  den  Sieg  moralischen  Werten  und  der  überlegest 
nen  Strategie  zu.  Statt  es  Strategie  zu  nennen,  könnte  man  3 
den  Ausgang  auch  viel  allgemeiner  als  Auswirkung  hoher  Intel- 
ligenz erklären,  die  der  Planung  und  den  wichtigsten  Entschei- 
dungen eigen  war.  Wenn  man  jedoch  die  Politik  derselben  Mächte 
in  der  gesamten  Nachkriegszeit  ihrem  Denken  und  Handeln  während 
des  Krieges  gegenüberstellt,  kanrjnan  freilich  nicht  umhin, 
einen  tief  entmutigenden  Verfall  ihrer  Intelligenz  f estzustel- 


WL 


• 


(p.377  des  Llaskr.  ,nach  "Was  geht  im  südlichen  Sudan  vor?") 
Biafra  JL?^ 
..ie  grundfalsch  die  Befreiung  Afrikas  in  ihrer  bedeutendsten 
Etappe,  nämlich  in  der  e'sten  und  entscheidenden,  «t¥iiygy  verlaufen 
war,  indem  hauptsächlich  die  kolonialen  Grenzen  als  Richtlinien 
für  die  neuen  Staatengebilde  gedient  hatten,  war  zuerst  durch  die 
blutige,  nun  beruhigte,  aber  nicht  beendete  Tragödie  des  Kongo 
demonstriert  worden.  Die  parteiische  Befangenheit  der  großen  und 
der  kleinen  Flächte  und  ihre  Sucht,  aus  dem  Frieden  oder  aus  dem 
Krieg  für  sich  selbst  Kapital  zu  schlagen,  hatte  das  klare  Sehen 
der  Sachlage  verhindert  und  daher  natürlich  umso  mehr  ein  von 
echter  Vernunft  geleitetes  Handeln  vereitelt.  In  der  Tragödie  Biafrasl 
kehrte  jene  Problematik  mit  einer  Genauigkeit  wieder,  die  jeden  hätte| 
erschrecken  müssen,  der  überhaupt  willens  war,  zu  verstehen,  worum 
es  ging.  Es  mußte  zunächst  auffallen,  daß    auch  da  nicht  der 
kapitalistisch-kommunistische  Zwist  widerkehrte  und  daß  selbst 
Versuche,  ihn  künstlich  zu  konstruieren,  zu  keinem  logischen  Ergebnis! 


führten.  Denn  es  geht^hier'ebeif  darum,  worum  es  auch  in  Vietnam,  in 


der  Tschechoslovakei  und,  weniger  ausgesprochen  oder  noch  unentwickelfc| 
oder  noch  ausgezeichnet  unterfückt,  in  vielen  Landschaften  beider 
Hemisphären  geht.  Es  ist  das  Selbstbestimmungsrecht  der  Völker, 
das  die  Benachteiligten  in  Anspruch  nehmen  oder  in  Anspruch  nehmen 
möchten  und  das  auch  mächtige  Regierungen  gern  proklamieren  und 
deklamieren,  wenn  es  auch  für  ihre  Interessen  förderlich  ist,  «sä 
das  solche  Mächte  in  Acht  und  Bann  tun,  wenn  es  ihnen  direkt  oder 
durch  voraussehbare  Konsequenzen  unbequem  wird.  Daß  sich  nicht  nur 
London,  Spidern  auch  Lloskau  auf  die  Seite  Nigerias  stellte  und  daß 
sowohl  mmm^ls  auch  China  eine  Biafra  freundliche  Haltung  einnah- 
men, sollte  genügen,  den  Ausschluß  der  kapitalistisch-konmnmisti- 
schen  Motivierung  drastisch  zu  zeigen.  Und  wie  man  das  Selbstbestim- 
mungsrecht nach  Belieben  entweder  leidenschaftlich  fordern  und  aktiv 


377b 

unt er stützen  oder  brutal  unterdrücken  kann,  ist  durch  die  Sowjet- 
bewaffnung Nigerias  zwar  nicht  zwar  nicht  mit  ungarischer  oder 
tschechoslovakischer  Deutlichkeit,  doch  auch  nicht  allzu  abstrakt 
bewiesen. 

Es  ist  erhebend  und  immerhin  ein  Trost,  daß  reiche  Lander  den 
hungernden  Kindern  Biafras  unter  bedeutenden  Schwierigkeiten  mit 
Lebensmitteln  helfen^  Doch  weiß  fast  jeder,  wie  wenig  das  mit  der 
Lösung  des  Problems  zu  tun  haUt  Vor  jeder  faktischen  Intervention 
hütete  man  sich, weil  man  sich  selbst  um  des  Friedens  willen  nicht 
mehr  in  Kriege  zerren  lassen  will.  Die  allzu  frischen  und  allzu 
ruhmlosen  Beispiele  wie  Korea,  Vietnam,  Ungarn  und  die  Tschechoslo- 
vakei  beginnen  nun,  Großmächten  als  lebendige  'Warnungen  zu  dienen. 
Und  seit  Korea  können  auch  die  Vereinigten  Nationen,  die  durch  ehrlicl 
gemeinte  Versuche  gegenüber  Südafrika  und  Rhodesien  sich  in  Afrika 
nur  Prestigeverluste  zuzogen,  nicht  leicht  wieder  in  der  Rolle  des  h 
neutralen  Friedensstifters  auftreten.  Daher  mußte  es  so  schwer  oder 
gar  unmöglich  werden,  selbst  eine  Waffenruhe  zwischen  Nigeria  und 
Biafra  mit  Nachdruck  zu  fordern,  damit  weiteren  Bemühungen  um  Frieden 
ein  Weg  geöffnet  werde. 

Denn  innerhalb  des  bestehenden  Rahmenwerks  geht  es  eben  nicht. 
Eine  UNO,  die  nicht  viel  mehr  ist  als  ein  Dikussionsf orum  für  alle 
Interessen  und  daher  manche  der  übelsten  Tatsachen  zuweilen  nicht 
einmal  zur  Erörterung  bringen  kann,  sondern  von  unausgesprochenen 
Gefahren  für  die  allgemeine  Existenz  manchmal  zu  einer  eher  unbedeufc 
tenden  Tagesordnung  übergehen  muß,  kann  in  ihrer  gegenwärtigen  Ver- 
fassung die  Probleme  nicht  aufrollen,  geschweige  denn  lösen.  Entrech- 
tung, Massenmord  an  Erwachsenen  und  Kindern,  Zerstörung  und  Hungertod 
gehen  mit  oder  ohne  Genocide  ungestört,  wenn  nicht  auch  unentdeckt, 
weiter,  weil  keine  palliative  Bemühung  ihnen  gewachsen  ist.  Auch  ein 


377c 


von  den  klassischen  Zeitaltern  der  Unterdrückung  und  Kolonial- 
herrschaft unverändert  übernommener  Legalitätsbegriff  nimmt 
zuweilen  die  offizielle  Maske  ab,  um  durch  Enthüllung  eines 
Gorgonenhauptes  das  Blut  Anderer  erstarren  zu  machen. Gewiß, 
nach  eben  der  Ideologie,  nach  der  die  Ukraine  deutsch  war  und 
Llozambique  portugiesisch  ist,  können  auch  die  Yorüba  oder  die 
Tiv,  Pulani,  Hausa  und  andere  Stämme  des  eigentlichen  Nigeria 
die  Herrschaft  über  die  Ibo  und  andere  Stämme  des  Östlich  an- 
stoßenden Landes  für  sich  fordern.  Und  der  Bevölkerung  dieses 
Biafra  genannten  Gebietes  bliebt  nichts  übrig  als  sich  der  Herresfe 
schaft  für  immer  zu  fügen  oder  im  Kampfe  gegen  die  Übermacht  ihre 
Existenz  zu  wagen.  Die  Negation  dieser  ebenso  alten  wie  grausigen 
und  immer  noch  als  selbstverständlich  geltenden  Alternative 
und  das  Aufweisen  eines  Weges  zu  ihrer  Überwindung  ist  wohl  der 
praktisch  wichtigste  der  in  dieser  Arbeit  vorgebrachten  Anträge; 
der  Hauptzug  dieses  Grundsatzes  ist  die  Allgeme ingilt igkeit  des 
Rechtes  auf  Freiheit  und  ihrer  unblutigen  Erlangung. 

Doch  leider  waren  es  in  Afrika  und  auf  den  andern  Kontinenten 
zu  Viele,  und  überdies  auch  zu  Mächtige,  die  am  mörderischen 
Status  quo  direkt  interessiert  waren  und  sind.  Die  in  diesem 
Freiheitskampf  Stärkeren  hatten  aktivere  Bundesgenossen  und  er- 
träglich gute  Versorgung  mit  Lebensmitteln,  die  Schwächeren  mußten 
also  schließlich  erliegen,  vor  allem  dem  Hunger.  Ihr  Zusammenbruch 
zog  prompt  den  angeblicher  Freunde  nach  sich,  deren  Charakter- 
losigkeit sich  eher  übertrieben  entblößte.  Über  Nacht  gab  es 
kein  Biafra  mehr,  man  redete  und  schrieb  nur  noch  von  Rebellen, 
und  eine  drohende  Haltung  gegen  Separatisten  -war  plötzlich  auch 
in  den  Vereinigten  Nationen  offiziell.  Das  Mitleid  zog  sich 
beschämt  zurück,  und  da  und  dort  wohl  auch  ängstlich.  Manche, 
die  noch  weiter  reden  wollten,  bekamen  entsprechende  Winke 
und  befassen  sich  nun  mit  anderem  Unrecht,  über  das  sie  noch 
nicht  zu  schweigen  brauchen.  Und  Andere  benützen  es  als  eine 
Art  Trost,  daß  gegenwärtig  in  Afrika  noch  mehrere  Kriege  im  Gange 
sind. 

Aber  trotz  diesem  furchtbaren,  nämlich  symptomatischen 
Ausgang  ist  die  Lage  der  Menschheit  nicht/1  völlig  hoffnungslos: 
Je  mehr  Menschen  erkennen,  wohin  die  brutalen  Verkehrtheiten 
der  Politik  führen  müssen,  desto  mehr  bessern  sich  die 


377& 

mtt* 


Aussichten  für  entschlossene  Maßnahmen  wie  die  Friedenskonferenz 
ohne  Krieg  und  das  Petitionsrecht.  Für  die  afrikanischen  Völker 
wären  durch  Einführung  und  Anwendung  solcher  internationalen 
Prinzipien  mehrere  ihrer  brennenden  Probleme  zugleich  gelöst. 


378 

len,  als  o"b  diese  nur  in  der  Zerstörung  zu  Hause  wäre,  den 
Aufgaben  des  Aufbaus  aber  nicht  gewachsen  wäre  oder  zwischen 
jenen  und  diesen  Zielen  nicht  zu  unterscheiden  wüßte  und  daher 
nach  dem  Kriege  nur  dessen  variierte  und  abstraktere  WiederhoiE 
lung  zu  inszenieren  vermocht  hätte.  Seitens  der  Westmächte 
bestand  die  Variation  darin,  daß  sie  sich  anfangs  zwar  nicht 
formell,  aber  faktisch  mit  ihrem  deutschen  Besatzungsgebiet 
verbündeten  und  die  früher  verbündete  Sowjetunion  zum  Feind 
machten,  Obzwar  der  Keim  zum  Konflikt  schon  in  den  Umständen 
der  Besetzung  Deutschlands  lag,  und  später  namentlich  Stalin 
zur  Verschärfung  nicht  wenig  beitrug,  war  in  erster  Linie 
ein  teilweise  eher  sublogisches  Motiv  ausschlaggebend,  u.zw. 
die  rapid  wachsende  Furcht  vor  der  Sowjetunion,  der  nun  die 
frühere  Furcht  vor  Deutschland  Platz  machte.  Auf  sublogischen 
Wegen  ging  es  so  weiter.  Die  Besetzung  Deutschlands  blieb 
aufrecht,  nahm  aber  bald  den  Charakter  des  Schutzes  vor  den 
Russen  an,  sodaß  die  Deutschen  sich  durch  das  fremde  Militär 
nicht  gedemütigt,  sondern  ermutigtjf ühlten  und  eine  Forderung 
nach  dessen  Abzug  nicht  einmal  in  ihr  politisches  Programm  aufs 
nahmen;  gleichzeitig  wurden  der  USSR  gegenüber  die  objektiv 
vorhandenen  Konfliktstoffe  von  Tag  zu  Tag  mehr  aufgeblasen 
und  bald  wurde  Berlin  zum  Weltproblem  gemacht.  Als  ob  es  die 
Hauptstadt  der  Erde  wäre  und  als  ob  die  besetzenden  Mächte 
sie  für  immer  annektieren  könnten  und  nicht  sowieso  früher  oder 
später  zu  verlassen  hätten, und  als  ob  das  Ringen  zweier  Geselle 
schafts Ordnungen  hier  zu  entscheiden  wäre,  hat  diese  Stadt  es 
vermocht,  eine  Welt  an  den  Rand  des  Abgrunds  zu  bringen.  An 
der  amerikanischen  Westküste  saß  der  Farmer  tief  besorgt  am  £a& 
Radio  und  folgte  jeder  Phase  des  Haders  um  Berlin  wie  seiner  s± 
eigensten  Existenzfrage,  überzeugt,  daß  er  ohne  Berlin  nicht 
leben  könne  und  daß  er  alles  opfern  müsse,  wenn  die  roten 
Ungeheuer  es  wagen  sollten. ..An  der  Spitze  des  gigantischen 
Unternehmens  stand  in  der  schwersten  Zeit  ein  Multimillionär, 
jung,  talentiert  und  mit  sympathischen  Zügen  ausgestattet, 
Kennedy,  der,  schließlich  leider  ermordet,  zum  Gegenstand  eines 
richtigen  Kultes  gemacht  würde.  Wahrscheinlich  wäre  trotz  der 
Ungunst  der  Lage  alles  anders  gekommen,  wenn  nicht  nahezu  die 
ganze  westliche  Welt  der  Kreuzritterpsychose  anheimgefallen 
wäre,  innerhalb  deren  pnnedy  beiweitem  nicht  der  Extremste  was 
da  es  noch  vor  ihm  einel^cCarthy  und  selbst  schwerere  Fälle 


379 

gab  und  noch  gibt«  Verglichen  mit  solchen  Leuten  war  ein 
Chruschtschew  ein  gesunder  Bauernschädel,  der  trotz  seiner 
strategisch  günstigeren  Lage  und  seiner  Hartnäckigkeit 
zumeist  in  einer  defensiven  Haltung  war,  um  nicht  immer  wieder 
mit  dem  Kopf  gegen  dauern  zu  rennen.  Vielleicht  empfand  er 
instinktiv,  wie  irrational  es  auf  der  andern  Seite  zuging, 
als  es  für  ihn  so  schwer  war,  herauszubekommen,  ob  man  ihn 
eigentlich  zum  Rückzug  oder  zum  Angriff  zwingen  wolle.  Oft 
genug  machte  jene  Irrationalität,  oder,  da  sie  zum  System 
wurde,  jener  Irrationalismus,  den  einfachen  Mann  im  Westen 
stutzig,  auch  wenn  er  dem  Kommunismus  ebenso  abgeneigt  war,  zfeia 
denn  manches  hätte  er  zweifellos  besser  gemacht  als  die  Pro- 
fessionellen. Z.B.  wäre  es  vielleicht  eine  gute  Idee  der 
westlichen  Diplomatie  gewesen,  der  Sowjetunion  die  Umwandlung 
Berlins  in  eine  demilitarisierte,  von  internationaler  Polizei 
zu  sichernde  freie  Stadt  vorzuschlagen  und  auf  die  Kommunisten 
unter  Mobilisierung  der  Weltmeinung  jeden  möglichen  Druck  aus- 
zuüben, um  sie  zur  Annahme  eines  solchen  Friedensplanes  zu 
zwingen.  Die  Erreichung  dieses  Zieles  hätte  dem  Westen  auch 
das  gebracht,  was  er  immer  heiß  begehrte,  einen  enormen 
Prestigegewinn.  Leider  aber  waren  es  die  Russen,  die  nahezu  auf 
dieselbe  Idee  gekommen  waren  und  diese  Lösung  den  Vereinigten 
Staaten  und  ihren  Verbündeten  offen  angeboten  hatten.  Ein 
klares  Angebot  dieser  Art  hatten  die  Russen  damals  zwar  nur 
bezüglich  West-Berlins  gestellt.  Doch  war  es  deutlich  genug, 
daß  das  nicht  das  letzte  Wort  war  und  daß  sie  wohl  dazu  zu 
bringen  gewesen  wären,  der  Einbeziehung  Ost-Berlins  in%ean- 
tragte  freie  Stadt  zuzustimmen. 

Mit  ihren  Anträgen  an  den  Westen  hatten  aber  die  Russen 
seit  1946  nicht  viel  Glück. Das  Bedürfnis,  den  Gegner  zu  demütig 
gen,  war  oft  viel  stärker  als  das  Verständnis  für  den  eigenen 
Vorteil.  Ein  einflußreicher  Amerikaner  hatte  schon  vorher  an 
Berlin  als  freie  Stadt  gedacht,  aber  seinem  Plan  hatten  die 
Russen  geschadet.  Wie  die  spätere  Diskussion  bewies,  war  vom 
Standpunkt  der  USA-Interessen  schwerlich  ein  stichhältiges 
Gegenargument  zu  finden  gewesen.  Auch  wußte  niemand  zu  sagen, 
warum  denn  diese  Lösung  den  Berlinern  selbst  mißfallen  sollte. 
Wenn  sie  Frieden  und  Freiheit  brauchen,  konnten  sie  die  Tanks 
in  ihren  Straßen  ebensowenig  als  Frieden  deuten  wie  die  unabläs- 
sige  militärische  Okkupation  durch  vier  femde  Mächte  als 


380 

Freiheit. 

Das  drastischeste  Ergebnis  des  Irrationalismus  war  jedoch 
die  eigentliche  Teilung  Deutschlands,  die  der  Westen  dadurch 
vollzog, daß  er  statt  aller  Verhandlungen  über  die  Wiederver- 
einigung der  besetzten  Gebiete  oder  deren  Anbahnung  unter  trag* 
baren  Bedingungen    seinem  Okkupationsgebiet    staatliche  Selb- 
ständigkeit verlieh,  dem  Ostblock  zu  Trotz,  worauf  die  Sowjet«* 
umon  in  ihrem  Okkupationsgebiet  nolens  volens  dasselbe  tat. 
Einmal  zur  Tatsache  geworden,  wurde  die  Teilung  immer  konkrete* 
Sie  umfaßte  immer  weitere  Gebiete  des  Lebens,  der  Riß  wurde 
tiefer.  Im  Gegensatz  zu  dan  privaten  Stimmungen  wurden  die 
politischen  Oberschichten  immer  feirieliger.  Die  Irrationalität 
steckte  auch  den  Osten  an.  Die  Berliner  chinesische  Mauer 
bezeugt  es.  Die  westdeutsche  Diplomatie  adoptierte  die  von  den 
festmachten  gegen  den  Ostblock  eingenommene  Haltung  durch  die 
schroffe  Negation  Ostdeutschlands,  obwohl  dieses  hartnäckig  ve^ 
suchte,  mit  Westdeutschland  zu  verhandeln.!/ 

'  galten  und  neuen  Verirrungen  mußten  sich  schließlich 
im  'Weltmaßstab  bemerkbar  machen.  Die  westdeutschen  Politiker  ws 
wollen  sich  Ä*ht  langer  damit  begnügen,  ihr  Lamd  weiter  den 
Amerikanern  für  ihr^asen  zu  vermieten.  Sie  wollen  auch  selbst 

..^  mbSn  e^^ren  d1irfen-  30  m^ten  sie  sich 

^die  dasselbe  wollen.  Für  den  so 

^kt  gegen  die  weitere  Austefcx 
heilte    als  erste  Hilfe  eee-en 

21    I    t  TS  GSfahr  SStan  WerdeD  die  westIL 

deutsche  Politik  zum  Stein  des  Anstoßes  gewo^ 

2r7  welT^T  mS6n  hat_alS  SOl^"-^StTe^ 
iZt  7l\  VT^ UnmÖSlich  ist*  ^  ^  zu  rekonstruieren, 
£    inITs Ml%^fK°Ch  ™— ««  -rden  konnten,  sowie  auc* 
die    m  der  sie  noch  f^h  genug  waren,  um  die  den  Umständen 

L  n    ,    ^"s™**^-  Was  heute  möglich  erscheint, 
um Deutschland  die  Einheit  und  die  Hauptstadt  wiederzugeben 
und  um  m  diesem  für  das  Wohl  und  Wehe  Aller  derart  wichtigen 
Lande  nicht  aufs  neue  Feindschaft  gegen  diese  oder  jene  Seite 
-  züchten  und  neuen  Militarismus  zur  Explosion  reifen  zu  las- 
sen, kann  nicht  mehr  eine  losgelöste,  regionale,  spezifische 
nur  Deutschland  betreffende  Lösung  sein.  Die  reale  Lösung  i  t 
nur  noch  in  einem  unbegrenzt  weiten  internationalen  Rahmen 


auch  zu  Sprechern  für  Ande: 
lange  schon  fast  unterzeichnet!  _ 
breitung,  der  das  beste  wäre,  was  "hsl 


381 

möglich,  in  organischem  Zusammenhang  mit  dem  Weltproblem 
und  der  Weltlage,  vor  allem  mit  der  allgemeinen  und  totalen 
Abrüstung.  Unter  dieser  Voraussetzung  wäre  Deutschland  weder 
von  der  Sowjetunion  noch  sonst  einer  nahen  oder  fernen  Macht 
bedroht.  Es  würde  sich  auch  nicht  bedroht  fühlen    und  weder 
glauben  noch  sich  einreden  lassen,  daß  es  zum  Zweck  der  Selbst- 
wehr angreifen  müsse.  Neuer  Militarismus  könnte  dann  in  ihm 
schwerlich  noch  gedeihen.  Sobald  die  Menschheit  vom  nuklearen 
und  vom  konventionellen  Arsenal  westlich  und  östlich  von 
Deutschland  und  innerhalb  Deutschlands  befreit  sein  wird, 
wird  die  deutsche  Präge  von  selbst  gelöst  sein.  In  der  Atmoe; 
Sphäre  der  allgemeinen  Abrüstung  v/erden  zwischen  den  beiden 
deutschen  S^^^^ürtferwiederkehren.  Was  heute  Neutralität 
heißt,  wird  nach  vollzogener  Abrüstung  der  allgemeine  Zustand 
sein  und  Mitteleuropa  organisch  einbegreifen.  Verschiedenheit 
ideologischer  Systeme  wird  nirgends  mehr  eine  unüberbrückbare 
Kluft  bedeuten,  am  wenigsten  innerhalb  eines  Volkes.  In  der  ümz 
durch  die  allgemeine  Abrüstung  geschaffenen  Weltlage  werden  die 
das  geteilte  Deutschland  betreffenden  internationalen  Fragen 
von  heute  zu  inneren  Angelegenheiten  Deutschlands  werden. 
Wie  das  brutal  militaristische  Japan  nach  dem  schaurigen 
Massenmord  von  Hiroshima  und  Nagasaki  zum  radikalen  Kämpfer  &sg 
gegen  A-  und  H-Kri?gist,  dürfen  wir  erwarten,  daß  die  Erfah- 
rung und  das  eigene  Lebensinteresse  auch  in  Deutschland  eine 
überwältigende  Mehrheit  für  Abrüstungfund  Frieden  gewinnen  wird. 
Es  ist  einleuchtend,  daß  ein  solches  Deutschland  wirtschaftlich 
gedeihen  und  zu  geistiger  und  sittlicher  Erneuerung  gelangen 
würde.  Nur  so  wären  die  alten  Nazis  und  ihre  gefährlicheren 
neuesten  Schüler,  die  nach  wie  vor  die  Atmosphäre  vergiften, 
bald  isoliert  und  ihre  Organisationen  würden  nach  und  nach 
verdorren. 

Für  Deutschland  und  jedes  andere  Land,  in  dem  verbrecheri- 
sche Mächte  sich  frisch  oder  auffrischungsfähig  erhalten  haben, 
wird  also  die  Friedenkonferenz  und  die  Abrüstung  zu  einer 
besondern  nationalen  Notwendigkeit.  Doch  jei  länger  es  dauert, 
bis  diese  Aktionen  zur  Rettung  und  Sicherung  des  Lebens  in 
Gang  kommen,  desto  schwächer  v/erden  ihre  Aussichten,  weil  die 
Äynamik  der  Zerstörung  inzwischen  am  Werke  ist.  Man  kann  sich 
leicht  vorstellen,  daß  ein  an  sich  relativ  belangloser  Wahlerts 
folg  in  einer  westdeutschen  Provinz  eine  Schneeballwirkung  Mas 
haben  kann,  weil  eine  fast  unvermeidliche  Terrorwirkung  den. 


382 

Erfahrungen  einer  noch  frischen  Vergangenheit  zum  Multipli- 
kator wird.  Selbst  eine  phantasiearme  Bevölkerung  müßte  das 
allzu  deutliche  Geschwür  wachsen  sehen.  Die  Furcht  vor  der 
Rache  der  noch  kleinen  Gruppe  macht  viele  ehrlich  Gesinnte 
kleinlaut  und  zur  Kapitulation  geneigt;  während  noch  schwächere| 
Charaktere  sich  auch  der  bösartigsten  Gruppe  rechtzeitig  an- 
schließen. Dieser  unausgesprochene  und  unauffällige,  weil 
konkreter  Handlungen  in  den  Frühstadien  noch  entbehrende 
Terror  wird  zum  Hauptfaktor  der  Ausbreitung,  dem  sich  dann 
die  ziemlich  elastische,  den  jeweiligen  Bedingungen  genau 
angepaßte  Propaganda  einfügt.  Die  Juden  und  ihre  Stellung 
in  der  Wirtschaft  und  Kultur  Deutschlands  werden  als  Argument 
gewiß  nicht  mehr  den  Vordergrund  einnehmen,  da  von  ihnen  zu 
wenig  übriggeblieben  ist,  um  für  effektive  Propaganda  brauch- 
bar zu  bleiben.  Unwahrsc heinlich  ist  auch,  daß  die  Partei 
wieder  den  Sozialismus  als  epitheton  omans  mißbrauchen  wird, 
da  die  Stimmung  in  Westdeutschland  einer  solchen  Verzierung 
nicht  mehr  bedarf.  Die  außenpolitische  Orientierung  des  NeonaeiJ 
zismus  ist  vorderhand  noch  unklar  und  wird  wohl  von  der  SteliaJ 
lungnahme  des  Auslandes  abhängen;  in  einer  so  unstabilen  Welt 
kann  es  an  Brückenköpfen  nicht  fehlen.  Wird  also  alle  Welt 
auf  ihren  Lorbeeren  ausruhen  und  Hitlers  Erben  für  die 
Zukunft  sorgen  lassen? 

Sicherlich,  Friedenskonferenz  und  Abrüstung  sind  für  die 
ganze  Erde  nicht  nur  wichtig,  sondern  höchst  dringend. Doch  das 
größte  Verbrechen  der  Weltgeschichte,  das  Deutsche  im  20. Jahr- 
hundert f st  vor  unser  aller  Augen  begangen  haben,  gibt  dem 
Problem  des  in  Deutschland  und  vielleicht  auch  anderswo  wieder 
wachsenden  Ungeheuers  eine  eigene  Dringlichkeit,  die  es  zu 
einer  brennenden  internationalen  Frage  macht  und  eine  vorbeu- 
gende internationale  Regelung  erfordert.  U.zw.  unmittelbar, 
ohne  die  Friedenskonferenz  und  die  ihr  organisch  angeschlossene 
Abrüstungskonferenz  und  deren  logisch  voraus sehbar e*  Ergebnisse! 
abzuwarten,  zumal  sie  ja  noch  reine  Idee  ist,  während  die 
Partei  der  Greuel  arbeitet  so  rasch  sie  kann. 

Wenn  außer  den  Indern  selbst  noch  irgend  ein  Volk  das 
Recht  hatte,  auf  Abschaffung  der  Witwenverbrennung  zu  bestehen, 
obzwar  es  ja  dort  ausschließlich  um  Inderinnen  ging,  kann  die  3 
Duldung  einer  Völkermordpartei  als  innere  Angelegenheit  eines 
Staates  gelten?  So  wird  zunächst  die  prinzipielle  Regelung 


383 

der  Frage  zu  einer  unaufschiebbaren  Aufgabe  für  die 

Tfttt  VN  .  In  Mitgliedstaaten  und  in  solchen,  die  es  werden 
wollen  ,  wie  auch  in  jedem  andern  Staat,  darf  die  Duldung  orga- 
nisierter §ruppen,  die  eines  Genocide-Planes  auch  nur  verdäch- 
tig sind,  sich  unter  keinen  Umständen  wiederholen.  Auf  Grund 
von  Beschlüssen  der  Generalversaimulung,  zu  deren  Legalisierung 
auch  die  bestehende  Charta  genügen  würde,  soll  es  allen  Staaten 
sHfedbsgfc  auferlegt  sein,  derartige  Organisationen  legislativ 
zu  bekämpfen,  auf  Grund  von  Anti-Genocide-Gesetzen,  um  solchen 
Gruppen  den  Mißbrauch  dco  Principe  der  Demokratie  und  ihrer 
Institutionen  nicht  nochmals  zu  ermöglichen.  Darum  handelt  es 
sich  ja  zunächst. "Gesetz  gegen  den  Mißbrauch  der  Demokratie" 
wäre  wohl  die  richtige  Benennung.  Es  wäre  eine  erste  Hilfe, 
die  dem  Monster  viel  von  seinem  Fraß  entziehen  und  seine 
Gewichtszunahme  verlangsamen  würde,  bis  die  Friedenskonferenz 
und  die  Abrüstung  wirken  und  auch  Mitteleuropa  eine  bessere 
Zukunft  verbürgen  könnten. 

Unter  legislativer  Bekämpfung  versteht  man  im  allgemeinen 
Beschlüsse  von  Parlamenten,  durch  die  eine  Gruppe  außerhalb  des 
Gesetzes  gestellt,  für  illegal  erklärt  wird.  Diese  Maßnahme  ist 
jedoch  ein  zweischneidiges  Schwert.  Erfahrungsgemäß  hat  sie  nie 
das  Verschwinden  der  Gruppe  zur  Folge,  sondern  macht  die  verbot 
tene  Partei  zu  einer  Untergrundbewegung,  deren  propagandistiesdi 
sehe  Kraft  dann  womöglich  noch  zunimmt,  während  der  unterge^sss 
tauchten  Organisation  vielerlei  Aktionen,  besonders  auegooproek 
ohon  terroristisches,  bedeutend  erleichtert  sind.  Da  also  die 
Greuelpartei  im  Schatten  der  Illegalität  noch  besser  gedeihen 
würde,  scheint  eine  methodische  Variation  empfehlenswert,  die 
m.E.  die  Partei  in  ihren  Aktionen  behindern  würde,  ohne  das  kb± 
volle  Tageslicht  zu  beseitigen,  das  ihre  gesamte  Tätigkeit 
stört:  Ihren  Vertretern  sollte  gesetzlich  das  passive  Wahlrecht 
entzogen  v/erden,  sodaß  das  Parlament  und  alle  andern  demokratie 
sehen  Institutionen,  auch  die  munizipalen,  von  ihr  verschont  fei 
bleiben.  Umso  leichter  wäre  dann  die  Reinigung  und  Heinhaltung 
des  Beamtentums.  Das  wäre  wohl  wirksame  erste  Hilfe,  bis  zu 
jener  internationalen  Lösung,  für  die  mit  der  für  alles  Men- 
schenwerk geltenden  Einschränkung  Def initivität  zu  erhoffen  istJ 
So  wäre  die  Frage,  für  welches  Land  die  3ta±  Friedenskonfe- 
renz ohne  Krieg  die  höchste  Bedeutung  erlangen  kann,  am  besten 
zu  beantworten:  Für  Deutschland. 


384 

Anwendung  auf  Ungarn 

Wie  sich,  in  alten  Zeitungen  und  verläßlichen  Kompilationen 
nachprüfen  läßt,  brachten  die  Russen  in  Ungarn  noch  Monate  vor 
Beendigung  des  zweiten  Weltkrieges  eine  Koalitionsregierung 
ans  Ruder,  u.zw.  im  Dezember  1944.  In  dieser  Regierung  saßen 
außer  Kommunisten  und  Sozialdemokreten  auch  Horthy-Easchisten 
u.dgl.  In  den  folgenden  Jahren  hatte  Ungarn  kiLto  Ungarn  trotz 
der  andauernden  militärischen  Besetzung  durch  die  Sowjets 
nach  wie  vor  gemischte  Regierungen,  und  erst  1949  wurde  unter 
dem  zunehmenden  Druck  der  ungarischen  Kommunisten  eine  dem 
Sowjetsystem  nachgebildete  Konstitution  eingeführt.  Dieser  5ta± 
Verlauf  entspricht  z?/ar  nicht  der  weit  verbreiteten  Vorstellung 
daß  die  Sowjetarmee  am  Tage  der  Eroberung  Ungarn  den  Kommunis- 
mus aufgezwungen  habB;  aber  noch  weniger  entspricht  er  der  im 
marxistisch-leninistischen  Theorie,  nach  der  die  proletarische 
Eevolution  die  Änderung  herbeizuführen  und  spontan  zu  erfolgen  _ 
hatte,  nicht  unter  dem  Druck  einer  Militärmacht.  Wie  sehr  das 
Regime  den  Prinzipien  der  Demokratie  widersprochen  und  die 
Mehrheit  vergewaltigt  hatte,  also  nicht  nur  keine  revolutionäre, 
sodern  auch  keine  demokratische  Grundlage  hatte,  zeigte  die 
Tatsache  des  weltbekannten  Aufstandes  von  1956,  der  schon  nach 
Stalin,  im  Beginn  der  um  so  viel  freisinnigeren  Chruschtschew- 
Ära,  ausgebrochen  und  in  weniger  als  einem  Monat  von  einmar«gfax 
schierten  Sowjettruppen  unterdrückt  war.  So  viel  demokratische 
Sympathie  dieser  Aufstand  auch  verdiente  und  so  sehr  seine 
Unterdrückung  auch  zu  verurteilen  ist,  kann  freilich  seine  im 
Westen  üblich  gewordene  Bezeichnung  als  Revolution  schwerlich 
aufrechterhalten  werden.  Die  Rolle  eines  Kardinals  und  der  über 
die  Enteignung  des  Großgrundbesitzes  erbitterten  Aristokratie, 
also  der  Anteil  der  am  früheren  Zustand  interessierten  Element^ 
macht  die  Bewegung  trotz  ihren  demokratischen  Zügen  zu  einer 
typischen  Konterrevolution.  Später  erfolgte  allmählich  eine 
gewisse  Annäherung  an  die  Demokratie.  Die  vielen,  vorwiegend  in 
Amerika  ansässigen  Emigranten,  die  Ungarn  neuerdings  privat 
oder  geschäftlich  besuchen,  erheitern  ihre  Landsleute  mit 
erstaunlichen  Erzählungen  über  Wohlergehen  und  einen  ungeahnten 
Liberalismus  in  ihrer  Heimat. 

Doch  ist  es  zweifelhaft,  ob  dieser  faktische  Liberalismus 
als  die  Ißsung  gelten  kann.  Der  zu  einem  guten  Teil  berechtigte 
Vorwurf  des  aufgezwungenen  Kommunismus  ist  eines  der  beliebte- 
sten Argumente  des  kalten  Krieges  gegen  die  USSR  und 


385 

wird  in  heikein  Situationen  wie  eine  Kanone  verwendet, 
wenn  man  gegen  an  sich  nicht  unberechtigte  Forderungen  und 
diplomatische  Kscsi  Vorstöße  der  Sowjetregierung  Material  für 
recht  scharfe  Erwiderung  "braucht.  Als  a»B»  in  den  VN  noch  von 
Bizerta  die  Rede  war  und  Morozow  namens  der  Sowjetunion  die 
für  die  internationale  Abrüstung  lebenswichtige  Abschaffung 
aller  militärischen  Auslandsbasen  beantragte,  sprach  Stevenson 
den  Sowjets  das  Recht  auf  diese  Forderung  unter  Hinweis  auf 
Ungarn  ab.  Die  Analogie  war  damals  dadurch  ermöglicht,  daß  die 
Idee  der  allgemeinen  Abschaffung  der  BasenNnicht  einen  Teil 
eines  internationalen  Abrüstungsprogramms  bildete,  und  darum 
nur  das  Recht  jedes  Landes  auf  Kündigung  von  Verträgen  über 
Basen  in  Anspruch  genommen  und  unterstützt  weroen  konnte, 
daß  also  das  Mieten  und  Vermieten  von  Land  für  Stützpunkte 
militärischer  Agression  völkerrechtlich  noch  eine\Angelegenheit 
zwischen  zwei  Ländern  war  -  und  ist.  Im  selben  Sinne  bildet 
allerdings  auch  die  Konstitution  jedes  Landes,  bzhw.  Veren 
Änderung,  ausschließlich  dessen  eigene  Angelegenheit, \sodaß  an 
der  Widerrechtlichkeit  einer  unter  militärischem  Druck  >erf  ol- 
gendon  Beeinflussung  von  außen  koin  Zwoif ol  bestehen  kann» 
Auch  h  im  Steit  um  Vietnam  ist  Ungarn  zum  stereotypen  Gegen- 
argument geworden.  Die  meisten  ungarischen  Emigranten  schwei- 
gen verlegen,  denn  sie  sind  wohl  Antikommunisten,  aber  damit, 
was  in  Vietnam  geschieht,  sind  sie  keineswegs  einverstanden. 
Vielleicht  fühlen  sie  sogar  eine  Schicksalsgemeinschaft,  da 
den  Vietnamesen  ein  astronomisch  Vielfaches  davon  getan  wird, 
was  sie  selbst  zu  erfahren  hatten. 

Trotz  dem  wohltuenden  Nachlassen  der  Spannung  innerhalb 
Ungarns  ist  das  Land  seit  1956  eine  Quelle  internationalen 
Unbehagens  geblieben. In  der  USüR  empfinden  sicherlich  Viele, 
daßdie  Verewigung  dieses  Zustandes  weder  wünschenswert  npe-h 
mögli^&^lst.  Da  Prestigepolitik  den  Sowjets  fremd  is^wäre 
zu  erwart  enT^daJ^sie  und  war  allem  das  kommunistische  Regime 
Ungarns  die  Idee  e ^in^^Volksbef ragung>ar1!Jngarn , vrxmm  wenn  ein 
solc*fer  Antrag  taktvoll,  v^r^^O^ig^ind  im  Rahmen  friedlicher  hh 

und  freundlicher  interna£i«rnaleii^^  vorgebracht  würde, 

in  Erwägung  zj^^n^und  vielleicht  aön^iimen  würden. 

Obgleich^Siiitiativen  solcher  Art  frühe r  sc^hsu^ff  zurückge- 

v/iesen^tfwerden  pflegten,  steht  es  ourchaus  nicht  fes>>^daß 

ätc  Annahme  für  den  Koim.iimiomuo  auch  jstat  und  in  naher  Zukunft 


386 


durchaus    unratsam  wäre.  Gegen  die  kommunistische  Politik 
aiNs  Ganzes  könnte  das  übliche  Argument  nicht  mehr  ins  Treffen 
geführt  werden.  In  seinem  Ringen  um  die  Sympathie  der  Welt 
könntev  der  Kommunismus  den  Imperialismus  ohne  die  Behinderung 
durch  die  eigene  Schwäche  anklagen;  ohne  die  ungarische  Butter 
auf  dem  Kopf  wäre  es  viel  leichter,  an  die  Sonne  zu  gehen. 
SchließlichNist  auch  keineswegs  sicher,  daß  eine  Volksabstimsana: 
mung,  wfklichNneutrale  Bewachung  vorausgesetzt,  heute  eins 
für  das  Regime  ungünstiges  Ergebnis  hätte.  Doch  ist  es  nicht  he 
mehr  die  Sowjetunion,  die  einen  solchen  Antrag  annehmen  oder 
ablehnen  könnte.  D^e  Zeit  ihrer  Vorherrschaft  über  den  ganzen 
Ostblock  ist  vorüber ,\yiell eicht  für  immer.  Die  kommunistischen 
Länder  Suropas  sind  selTs^ständig  geworden,  nicht  nur  formal. 
Der  praktische  Anstoß  zu  sieser  Emanzipation  kam  von  China, 
indem  auch  das  kleinste  koaWinis tische  Land  im  Konflikt  zwiesto 
sehen  den  beiden  kommunistischen  Großmächten  eine  Entscheidung  ■ 
zu  treffen  hatte,  u.zw.  zu  Guns\en  einer  von  beiden  oder  keiner 
von  beiden,  in  der  Haltung  e ine rsieuart igen  Neutralität  und  mit 
deren  bekannten  Vorteilen.  Was  sichVLm  kommunistischen  Mittel- 
und  Osteuropa  vollzog,  gleicht  dem  Volljährigwerden  von  Kindern 
mit  allen  seinen  Konsequenzen,  tiber  ungarische  Angelegenheiten 
kann  nur  noch  mit  Ungarn  verhandelt  werdefi.ly^Jy 


Ungarn  als  zeitgeschichtliches  Motiv  und politische  Streik 
frage  hatte  auch  ein  komisches  Echo.  Mr.  Jan  Smith,  prime 
minister,  Salisbury,  Rhodesia,  erklärte,  Rhodesien  stehe  wie 
Ungarn  an  der  Front  des  Kampfes  gegen  die  Schrecken  des  Kommu- 
nismus. Er  meint  offenbar  den  erschreckenden  Kommunismus  der 
Londoner  Regierung. 

Polen^-tmd  Osteuropa  TjcLiuA^i^-MM 

In  der  Nähe  und  unmittelbaren  Nachbarschaft  Ungarns  gibt 
es  noch  Länder,  über  deren  kommunistische  Spontaneität  sich 
streiten  ließ,  besonders  in  den  ersten  Jahren  nach  194-5>.  Doch 
läßt  sich  mit  voller  Sicherheit  sagen,  daß  z.B.  Polen  schon  vor 
dem  zweiten  Weltkrieg  eine  intensiv  arbeitende  kommunistische 
Partei  hatte,  mit  einem  weiten  Anhang  selbst  in  erstaunlicher 
sozialer  Ferne  von  den  Arbeitern  und  Kleinbauern.  Besonders 
unter  den  Intellektuellen,  und  keineswegs  nur  unter  den  jüdi- 
schen, war  der  Wirkungsradius  des  Kommunismus  bedeutend.  Ein 
paar  Jahre  nach  194-5  traten  aber  schon  die  kommunistisch  erzo- 
genen Jungen  auf  den  Plan  und  wurden  zum  Zünglein  an  der  Waage. 


386  4L 


e  USSH 


n  die  diktatur: 


aar  in  rapidem 
1  A 

und  ihre  Selbstbestimmung  nicht  nur  fordernden,  sondern  auch  schon 
schrittweise  durchfuhr enden  TschechoslovakenS§x§§,  war  die  ungarische 
Regierung,  die  man,  je  mehr  die  Erinnerung  an  1956  verblaßte,  nach 
und  nach  als  nationale  übrigkeit  anzusehen  sich  gewöhnt  hatLe, 


unter  denjenigen,  die  ihre  Truppen  den  Unterdrückern  sofort  zur 

Verfügung  stellten.  Obzwar  die  Herren  des  Kreml,  die  sich  plötzlich  ! 

benahmen,  als  ob  Stalins  Geist  in  sie  gefahren  wäre,  weder  ungarische  I 

I» 

noch  ostdeutsche,  polnische  oder  bulgarische  Hilfe  brauchten,  um 
den  reformsüchtigen  tschechoslovakischen  Kommunismus  zu  "normalisie- 
ren", war  der  Diensteifer  des  ungarischen  Regimes  doch  nicht  geringer 
als  dessen  Angst.  Das  Volk,  das  im  Ausland  eher  allzu  laut  über  Untere 

drückung  schrie  und  sich  im  Inland  eher  allzu  artig  benahm,  war  auf 

anscheinend 
einma^zur  nand,  um  määds&easasößoffi^^ 

yjränntfgnnwnraTng^  d  1  e  Okkupation  des  Nachbarlandes 

zu  einer  allgemein  kommunistischen,  alle  kommunistischen  Nationen 
betreffenden  Angelegenheit  stempeln  zu  helfen,  zur  gemeinsamen  Aktion- 
gegen  ein  der  gemeinsamen  Sache  untreues  Volk,  das  im  Begriffe  war^J 
■  zu  tun,  was  auch  Ungarn  versucht  hatte.  So  ist  die  Aussicht  auf  ein 
s Plebiszit  in  Ungarn  zur  objektiven  Erforschung  der  sich  selbst  bestim* 
■.  menden  Denkungsweise  dieses  Volkes  in  noch  viel  abstraktere  Ferne  H 


gerückt;  aber  glauben  wir  nur  nicht,  daß  die  Serie  der  Überraschun— 

Und  auch  für  Ungarn  bedeutet  die 


Recht  auf  Selbstbestimmung. 

» 

387 

Die  stalinistische  Version  war  den  meisten  Kommunisten  Polens 
innerlich  fremd  gewesen«.  Die  dann  zum  Durchbruch  gelangte 
liberalere  Tendenz  entsprach  ihnen  viel  mehr.  Es  ist  über- 
raschend, in  welchem  Maße  das  kulturelle  Leben  im  heutigen 
Polen  von  doktrinärer  Einseitigkeit  frei  ist;  das  entspricht 
einer  Vergangenheit,  in  der  das  Bauerntum  den  östlichen  Typus 
vertreten  hatte,  während  die  herrschende  Schicht  mit  aller 
Macht  v/estliche  Tendenzen  importierte.  In  seinem  geistigen 
Habitus  bildet  das  Land  auch  heute  eher  eine  Brücke  zwischen 
v/estlichen  und  östlichen  Traditionen.  Es  ^at^ixhe^lich  gute 
Aussichten  für  schöpferische  Entfaltung,  ?/enn  -ärie-  umgebenden 
Welt  einschließlich  dor  deutschen  Nachbarn  sich  für  den  Frieden 
entscheiden  wird. 

In  den  angrenzenden  Ländern  Osteuropas  liegen  die  Verhält- 
nisse insofern  unähnlich,  als  ihr  Kommunismus  hauptsächlich 
Import  war;  und  insofern  ähnlich,  als  der  Kommunismus  auch  in  ± 
ihnen  durch  das  Nachrücken  einer  neuen  Generation  zu  einer  gaset 
gewissen  Konsolidierung  gelangt  ist.  Für  Befragung  eines  Volkes 
ohne  dessen  besondere  Initiative  liegt  jedoch  nur  dann  Grund  gs 
genug  vor,  wenn  seine  Zustimmung  zum  bestehenden  politischen 
System  zumindest  ausgesprochen  zweifelhaft  ist.  Eine  numerisch 
unbodoutondo  ootniooho  Domonotration  in  Toronto  ist  wohl  koin 
Anzeichen  für  Unzufriedenheit  einer  Nation.  Immerhin  muß  den 
baltischen  Ländern  das  Petitionsrecht  offenstehen,  wie  allen. 

V  Die  Revolution  der  Neger  Amerikas 

I  am  convinced  that  for  practical  as  well  as 
moral  reasons  ,  non-violence  offers  the  only 
road  to  freedom  for  my  people. 

Martin  Luther  King 

Die  Heger  Amerikas,  die  Nachkommen  derjenigen,  die,  *au& 
aus  der  afrikanischen  Heimat  auf  die  Menschenräuberschiffe 
geschleppt,  -jeneJa  mörderischen  Land-  und  Seetransporta,  über- 
lebten, haben  Jahrhunderte  der  Knechtschaft  und  Mißhandlung 
überstanden.  Die  Sklaverei  ist  vorüber,  nachdem  auch  das 

weiße  Amerika  für  die  Befreiung  einen  hohen  Preis  bezahlt  hat. 
Doch  noch  besteht  das  vielgestaltige  Erbe  des  Sklavenlebens. 
Für  die  Massen  der  Neger  ist  ein  menschenwürdiges  Dasein 
noch  in  weiter  Ferne.  Die  theoretische  Anerkennung  i^er 
vollen  Menschen-  und  Bürgerrechte,  die  im  19.  Jahrhundert 


387a 

Iiierdings  kann  wirkliche  Selbstbesinnung  und  Selbstbestimmung 
von  Volkern  zu  einem  vielseitigen  und  innerhalb  einer  Generation 
kaum  eWtwirrbaren  Problem  werden.  Für  Außenstehende  und  Ferne  war  es 
allzu  Schwer,  zu  beurteilen,  ob  der  Studentenaufruhr  in  Warschau 
und  andern  Städten  Polens  im  März  1968  mit  den  ihm  zeitlich  gefolg- 
ten revolutionären  und  eher  prokommunistischen  Bewegungen  der  west- 
lichen iknder  zusammenhing  oder  ob  etwa  umgekehrte  Tendenzen  in 
ihm  stecAten.  Die  nach  der  ersten  Runde,  aber  gewiß  nicht  für  immer, 
erdrückten  Revolten  stimmten  da  und  dort  nicht  nur  darin  überein, 
daß  Massen  von  Nicht Studenten  sich  spontan  anschlössen,  sondern  vor 
altern  in  irirer  leidenschaftlichen  Stimmung  gegen  das  Regime.  Mag 
sein,  daß  Aaotionalität  und  Spontaneität  dem  Osten  und  Westen  gemein 
sam  und  dielpolitischen  Vorzeichen  dennoch  verschieden  waren.  Es 
war  zuweilen,  als  würden  sich  auf  der  einen  Seite  dieser  neuesten 
internationalen  Front  die  verschiedensten  »teilweise  stark  entgegen- 
gesetzten Kräfte  zusammenschließen,  die  nichts  so  verbunden  haben 
wird  wie  ihre  \Opposition  gegen  den  Status  quo.  Auf  der  andern  Seite 
dieser  seltsamen  Front  sind  die  Gegensätze  nicht  minder  stark  und 
noch  stärker  sdheint  da  die  Gemeinsamkeit  vitaler  Interessen,  in- 
dem sowohl  kommunistische  als  auch  antikommunistische  Regierungen 
ihren  Status  quo\  verteidigen  oder  ihn  durch  Gegenoffensive  zu 
befestigen  suche: 

Ob  die  Lage  in  der  Tschechoslovakei*  in  dor  von  Unruhen  inner- 
halb nur  oinor  EovölkorungCGohioht  gar  koino  Rodo  coin  konnte,, 
analog  definierbar  war,  muß  noch  dahingestellt  bleiben.  Nach  Über- 
windung ihres  immer  noch  halb  stalinistischen  Kurses  waren  die 
I-assen  eher  vereinheitlicht  und  schienen  zwischen  einem  liberali- 
sierten  Kommunismus  und  einem  noch  weiter  gehenden  Liberalismus 
zu  schwanken.  Dieser  konnte  in  eine  nichtkommunistische  Demokratie 
zurückführen  oder  vorwärts  zu  einer  noch  nie" vollzogenen 


387b 

Verkörperung  einer  an  sich  seit  langem  lebendigen  Idee,  zu  der 
einer  diktaturlosen?:  und  schlechtweg  herrschaftslosen  Gesellschaft, 
von  der  sich  jeder  heute  existierende  Kommunismus  noch  scheu  fern- 
hält, obzwar  kommunistische  und  sozialistische  Theoretiker  sich  zu 
ihr  als  dem  Endziel  bekennen.  Allerdings  stand  dieser  theoretischen 
Möglichkeit  die  Begrenztheit  eines  verhältnismäßig  kleinen  Landes 
mit  einer  nicht  besonders  zahlreichen  Bevölkerung  entgegen.  Daß  ein 
kleines  Volk  zu  einer  internationalen  Avantgarde  werden  könnte,  ist 
ja  an  sich  nicht  neu,  doch  wird  jeder  kühne  Vorstoß  ins  Unbekannte 
in  den  konkreten  Bedingungen  der  politischen  Geographie  zu  einer 
höchst  bedeutenden  Machtfrage.  Eine  solche  Lage  mußte  die  Sowjetunion 
in  die  Rolle  einer  konservativen  Macht  zurückdrängen  und  sie  vor  die 
Schicksalsfrage  stellen,  wie  weit  sie  zur  Verteidiging  des  Status 
quo  gehen  kann,  ohne  in  eine  Wiederholung  des  ungarischen  Widersinns 
von  1956  oder  in  eine  noch  gefährlichere  Fehlleistung  zu  verfallen. 

Es  ist  der  Hauptzweck  dieser  Schrift,  dazu  beizutragen, daß  die 
wichtigen  Entscheidungen  nicht  den  Bomben  überantwortet  werden, 
weder  den  kleinen  noch,  den  großen,  sondern  dem  menschlichen  Gewissen 
und  der  menschlichen  Intelligenz.  Wenn  die  in  unserer  Zeit  stattfinä 
denden  und  keimenden  Revolutionen  weder  brutal  vorgingen  noch  brutal 
unterdrückt  würden,  wäre  die  Rettung  des  Lebens  auf  Erden  möglich 
und  wir  hätten  Aussicht,  unsere  mörderischen  Raufereien  endlich  ein- 
stellen und  unsere  Kräfte  größeren  Aufgaben  widmen  zu  können.  Dieser 
recht  einfachen  Möglichkeit  folgte  aber  eine  -Wirklichkeit,  die  von 
einer  weitaus  schwächeren  Logik  geleitet  zu  sein  schien. 

Die  neue  Sowjetpolitik  und  ihre  Opfer 

Die  neue  Sowjetpolitik,  die  im  August  1968  zu  weithin  erschüttern- 
der Wirklichkeit  wurde,  war  doch  nicht  so  neu  wie  sie  nach  der  relativ 
langen  vorausgegangenen  Epoche  aussehen  mußte.  In  jener  guten  alten 
Zeit  hatte  Amerika  die  Anklagebank  des  empörten  internationalen 


387c 

Gewissens  fast  nie  verlassen  und  nicht  nur  der  kommunistischen 
Propaganda,  sondern  auch  der  Urteilskraft  der  neutralen  Nationen 
und  den  oppositionellen  Tendenzen  im  eigenen  Innern  und  in  den 
Ländern  der  Bundesgenossen  reichlich  Material  geliefert.  Die  Sowjet- 
union stand  seit  Chruschtschew  hauptsächlich  auf  Seiten  der  Ankläger 
und  organisierte  das  weltgewissen  gegen  das  agressive  Amerika.  Diese 
Holle  der  Sowjets  übte  eine  mächtige  psychologische  1/1/irkung  aus, 
und  hatte  vielerlei  bedeutende  Folgen,  solange  sie  eine  gewisse  Ein- 
heit von  Theorie  und  Praxis  wahrten  und  nicht  selbst  taten,  was  sie 
r 

Amerika  vowerf en  konnten.  Als  aber  die  ungarische  Wunde  im  Weltruf 
der  Sowjetunion  als  der  Hochburg  des  Rechtes  und  des  Friedens  gerade 
ein  wenig  zu  vernarben  begann,  kam  der  ganz  große  Schock,  der  nicht 
nur  die  Tschechoslovakei,  sondern  alle  Welt  der  früher  gehegten 
Illusion  beraubte. 

Die  relative  Selbständigkeit  der  kleinen  kommunistischen  Staaten, 
ihre  gelegentlichen  Frechheiten  und  ihr  zuweilen  imposantes  Aufbe- 
gehren hatte  Moskau  also  nur  so  lange  dulden  und  sogar  weiter  anwach- 
sen lassen  können,  solange  sie  nicht  gefährlich  wurden.  Es  war  aber 
keineswegs  nur  die  ideologische  Selbstbesinnung  des  altneuen  Sozia- 
lismus, die  dem  Sowjetregime  bald  schwere  Sorge  einflößte.  Das  immer 
noch  genug  frische  Beispiel  von  Titos  Jugoslavien,  dem  selbst  Stalins 
Skrupellosigkeit  nicht  beigekommen  war,  vermehrte  nun  die  Sorgen 
Moskaus  und  die  Hoffnungen  des  bestens,  mußte  der  Sowjetunion  aber 
noch  weit  weniger  schlimm  erscheinen  als  die  Gefahr  des  Abfalls  der 
Tschechoslovakei.  Denn  diese  Möglichkeit  enthielt  einen  noch  viel 
konkreteren  Sinn, der  in  den  Kommentaren  der  internationalen  Presse 
entweder  ganz  übersehen  war  oder  entschieden  zu  kurz  kam.  Eine  ins 
gegnerische  Lager  übergehende  oder  auch  nur  neutralisierte  Tschecho- 
slovakei bedeutete  die  direkte  Aufdeckung  einer  Flanke;  eine  solche 


387d 

Situation  hätte  sowohl  einer konventionellen  als  auch  der  nuklearen 
Offensive  auf  die  Sowjetunion  ganz  neue  Chancen  und  damit  auch 
einen  vervielfachten  Anreiz  geboten.  Das  Abwägen  alier  wider spruchs- 
vollen Aussichten  spiegelte  sich  in  der  anfänglichen,  für  eine 
Weile  noch  ausschließlichen  Anwendung  diplomatischen  Hochdrucks 
zur  Wiederherstellung  eines  Regimes  im  Geiste  des  Stalinisten 
Novotny. wieder^  Sobald  aber  die  Wirkung  halb  und  halb  zivilisierter 
Methoden  sich  als  zweifelhaft  erwies,  mußte  man,  ja,  man  mußte  wohl, 
auf  die  Zivilisation  und  auf  die  Phrasen  der  eigenen  Propaganda 
pfeifen,  um  den  günstigen  Augenblick  der  internen  und  der  vietnami- 
schen Schwierigkeiten  Amerikas  und  eines  ganzen  Knäuels  internationa- 
ler Ratlosigkeit  mit  einem  Schlage  auszunützen.  Daß  das  nicht  sofort 
ein  europäisches  Vietnam  zur  Polge  hatte,  war  natürlich  nicht  das 
Verdienst  der  für  einen  konventionellen  Landkrieg  mehr  als  genug 
ausgerüsteten  Russen  und  ihrer  fast  lächerlich  überflüssigen 
Hilfstruppen,  sodern  ein  neuer  Beweis  der  realistischen  Besonnen- 
heit des  Überfallenen  kleinen  Volkes,  das  auch  vor  der  hrTnungslosen 
Übermacht  Hitlerdeutschlands  kapituliert  hatte;  wie  im  Sinne  der 
altchinesischen  Weisheit  die  Weide,  die  sich  im  Sturm  tief  beugt, 
um  nicht  wie  die  Eiche  zu  brechen,  sondern  sich  dann  wieder  aufzu*±s 
richten. 

Auch  die  Sowjets,  deren  hübsche  Phraseologie  selbst  nach  ihrer 
überwältigenden  Gegenaktion  noch  ziemlich  gebrauchsfähig  geblieben 
ist,  sind  auf  der  Linie  des  geringsten  Widerstandes  vorgegangenes* 
Leicht  können  noch  andere  Opfer  an  die  Reihe  kommen,  wenn  sie,  nicht 
genügend  geschützt,  der "Normalisierung"  bedürftig  oder  strategisch 
bedenklich  erscheinen  sollten.  Minder  realistisch  denkende  Regierun- 
gen oder  Nationen  könnten  auf  eine  solche  Wendung  leicht  anders 
reagieren  und  viel  größeres  Unglück  herauf b eschwären.  Und  wenn  die 


387e 


Angst,  vor  allem  die  vor  China,  und  vielleicht  die  vor  einem  nun 
noch  reaktionäreren  Amerika,  die  Sowjetunion  in  immer  tiefere  Agres- 
sivität  treiben  sollte,  aus  der  ein  Rückweg  allzu  schwer  werden  wür- 
de, käme  die  Lage  unseres  Planeten  der  Aussichtslosigkeit  noch  näher. 

Die  hier  vorgebrachten  und  alle  andern  realistischen  Ideen  für 
Frieden  und  Abrüstung  haben  also  an  Dringlichkeit  loidor  noch  bedeu- 
tend zugenommen.  Denn  die  Probleme  der  kleinen  und  mittleren,  und 
selbst  die  der  großen  Völker,  die  innerhalb  ihres  bestehenden  System., 
freier  sein  wollen  als  sie  sind,  oder  von  ihrem  Selbstbestimmungs- 
recht  vollen  Gebrauch  machen  und  über  ihre  Zukunft  in  einem  radikal 
neuen  Sinne  beschließen  wollen,  sind  innerhalb  einer  gerüsteten  und 
rüstenden  Welt  nicht  lösbar;  vor  allem  deshalb  nicht,  weil  eine 
Großmacht,  die  ebenso  brutal  wie  unfrei  gehandelt  hat,  sich  ihre 
Beute  auch  nicht  leicht  entreißen  lassen  kann.     Prankreich  war  einer 
seits  stark  genug  gewesen,  sich  den  Austritt  aus  dem  Nato-Rahmen 
erlauben  zu  können,  und  anderseits  bedeutete  der  Portbestand  und  die 
Macht  des  französischen  Kapitalismus  eine  genügend  sichere  Gewähr  £:" 
für  Beibehaltung  der  politischen  und  militärischen  Generallinie  und 
damit  auch  für  eine  gewisse  Zusammenarbeit  mit  der  Nato-Strategie. 
Schon  darum  ist  das  Beispiel  eines  ganz  und  gar  nicht  revolutionären 
Prankreich  auf  die  Prägen  der  Willensfreiheit  und  des  Schicksals 
anderer  Länder  nicht  anwendbar.  Würden  oder  könnten  die  Nato-Mächte 
etwa  ein  kommunistisches  Belgien  dulden?  Das  wirtschaftliche, 
gesellschaftliche,  politische  und  militärische  System  jedes  Landes 
ist  heute  rja  keineswegs  nur  dessen  eigene  Angelegenheit,  sondern 
ein  integraler  Teil  der  internationalen  Angst.  Deren  Abschaffung  auf 
den  hier  geforderten  Wegen  oder,  wenn  es  das  gäbe,  auf  andern  Wegen, 
bildet  also  die  Voraussetzung  nicht  nur  für  den  allgemeinen  Portbe- 
stand, sondern  auch  für  Preiheit  und  Selbstbestimmung. 


FORTSETLUHb: 


mit  Hilfe  der  progressiven  Weißen  in  den  Nordstaaten  einsetzte, genüg- 
te, innen  bald  über  ihre  fast  noch  unveränderte  Lage  die  Augen  zu  öff- 
nen und  dann  in  der  Mitte  unseres  Jahrhunderts  eine  der  größten  Bewe- 
gungen der  neueren  Geschichte  hervorzurufen,  Ihr  bis  gestern  noch  vor- 
wiegender Charakter  wurde  durch  einen  Kopf  von  besonderem  Profil  be- 
stimmt, Dr.  Martin  Luther  King, den  der  Geist  der  Gewaltlosigkeit  zu  s±s 
einem  Schüler  Gandhis  gemacht  hatte. King  hatte  eine  angenehme  Wohnung, 
in  Atlanta,  Georgia,|$ej?  um^es  nicht  besser  zu  haben  als  sein  Volk, 
übersiedelte  er  196^iireine  Behausung  in  den  Slums  von  Chicago.  Er 
lehrte  sein  Volk, durch  Landschaften  und  Städte  des  haßerfüllten  Südens 
und  die  nicht  viel  weniger  feindseligen  des  Nordens  würdig  protestiesx| 
rend  und  fordernd  zu  marschieren  und  weder  auf  die  Flut  der  Schmähun- 
gen noch  auf  den  Hagel  schmerz-  und  ekelerregender  Gegenstände  zu  er- 
widern. Doch  andere  Neger  denken  anders.  Mord  erzeugt  Drang  nach  Vergeh I 
tung.  So  rennen  Viele  andern  Führern  nach,  erwarten  das  Heil  von  brutaj| 
ler  Gewalt.Gewalt  stürmt  auf  das  nächste, wenn  auch  sinnlose  Ziel  los. 
Juden,  die  für  die  Sache  der  Neger  sich  den  Gefahren  und  Strapazen  der 
langen  Märsche  ausgesetzt  hatten, werden  blutig, überfallen. Und  Rockwell, I 
-die  amerikanische  Hitler- Imitation^  weitaus  der  Verwirrung  Kapital  zu 
schlagen, wütende  weiße  Massen  für  seine  giftige  Sache  zu  mobilisieren. 
So  wird  die  reine  Sache  von  innen  und  außen  besudelt,  gerades  wird  fczs 
krumm, im  tosenden  Lärm  versteht  einer  den  andern  nicht.  Der  echte 
Steuermann  bekommt  heftige  Stöße, hat  es  immer  schwerer, das  Rad  in  sei- 
nen Händen  zu  behalten. Es  geht  wie  in  jeder  Revolution,  aber  es  dauert 
viel  länger, die  Gegenseite  ist  stärker  und  ungehemmt  agressiv,die  inne«| 
ren  Zusammenstöße  mehren  sich,  und  Sieg,  Kompromiß  oder  Konsolidierung 
kommen  nicht  in  Sicht. Der  Ratlosigkeit  entspringt  Verzweiflung. Das  Er-  | 
lebnis  der  schwarzen  Ohnmacht  gebiert  das  Gespenst  der  schwarzen  Machli 
Kaum  geboren, schreit  es  nach  Blut, nach  viel  rotem  Blut. So  hebt  Raserei 
an. 

Als  es  noch  ein  theoretisches  Ziel  gab, war  es  De segration,bzhw. In- 
tegration. Da  es  aber  keine  einheitlich  gesinnten  Völker  gibt,  waron 
auch  andersdenkende  Gruppen  aufgetaucht,  die  das  Gegenteil  wollen, 
u.zw.  weitgehende  Absonderung  von  den  Weißen  und  Rekonstruktion  einer 
afrikanischen  Kultur,  obwohl  nichts  von  ihr  in  den  Erinnerungen  dieser 
Generation  erhalten  ist. So  verbinden  sich  solche  Programme  mit  religiö- 
sen und  mystischen  Ideen.  Manche  Sekten  träumen  von  einem  Land  in  der 
afrikanischen  Heimat, die  jedoch  kein  Territorium  für  sie  bereithält 
und  sie  nicht  erwartet.  Um  das  Utopische  dieser  Minorität  zu  attackier 

ren,  nennen  Viele  es  schwarzen  Zionismus, bis  ihre  Anhänger  sich  diesen 
Namen  selbst  zu  eigen  machen. 


389 

Doch  solche  Problematik  rückt  ganz  in  den  Hintergrund, 
wenn  plötzlich  alles  ausartet  und  in  den  Abgrund  der  Plünderung 
und  des  massenhaften  Mordes  stürzt.  Nun  wird  es  unsagbar  schwer 
sich  dessen  bewußt  zu  bleiben,  daß  die  amerikanische  Negerbewe- 
gung an  sich  eine  höchst  bedeutende  und  reine  Sache  ist.  Vom 
weißen  Gewissen  her  gesehen,  bedeutet  selbst  noch  der  entmensch- 
te Kampf  des  Negervolkes  die  Aussicht,  eines  der  großen  Verbre- 
chen der  weißen  Rasse  in  später  Stunde  -aee^  teilweise  gutzuma#k 
chen. 

Lassen  wir  beschämende  und  bejammernswerte  Tatsachen  nicht 
unsere  Logik  trüben.  Lassen  wir  uns  durch  Verirrung  und  Irrsinn 
nicht  unserer  Ethik  berauben.  Versuchen  wir  zu  erkennen,  warum 
Neger  gegen  Weiße  und  gegen  Neger  unmenschlich  geworden  sind. 
Lassen  wir  uns  weder  von  Angst  lähmen  noch  von  Hochmut  verdum- 
men. Verwechseln  wir  Eigenliebe  nicht  länger  mit  Menschenliebe. 
Morgen,  wenn  es  um  die  Ruinen  der  weißen  Paläste  und  der  schwär- 
zen  Wohnungen  des  Elends  *±  s±fc  still  geworden  sein  wird, 
begnügen  wir  uns  nicht  mehr  damit,  den  Negern  papierene  Rechte 
einzuräumen.  Hindern  wir  sie  nicht,  die  zuerkannten  Menschen- 
und  Bürgerrechte  frei  auszuüben.  So  werden  die  Neger  uns  helfen, 
Menschen  zu  werden. 


Südamerika 

Von  Südamerika  war  hier  wiederholt  die  Rede,  obzwar  es 
allzu  schwer  ist,  diesen  Kontinent  auch  nur  zu  erwähnen,  ohne 
der  Erschütterung  über  seine  Lage  Ausdruck  zu  geben.  Daß  diese 
Lage  unhaltbar  ist,  verstehen  buchstäblich  Alle,  nur  daß  es 
natürlich  nicht  Alle  zugeben  wollen.  Daß  sie  die  Lage  verstehen 
beweisen  sie,  wenn  sie  sich  krampfhaft  so  stellen,  als  sähen 
sie  nichts.  Oder  indem  sie  mit  aller  Macht  ihrer  Diplomatie, 
ihrer  Propaganda,  ihrer  Pinanzmacht,  ihrer  Philanthropie  und 
vor  allem  mit  noch  viel  konkreteren  Mitteln  den  südamerikani- 
schen Kontinent  und  jedes  seiner  großen  und  kleinen  Länder  be- 
arbeiten. Und  dadurch,  daß  so  ziemlich  Alle,  denen  die  feSäcfcbc 
sprichwörtlich  häufigen  Umstürze  unbequem  oder  gefährlich 
sind,  sie  anzuklagen  pflegen,  sie  seien  nicht  spontan, 


p.389a-d,  einzuschalten  ^.389  zwischen  deLa  l.und  2  .Absatz^  ^89a\ 

Doch  fast  immer,  wenn  Menschen  einen  Sinn  in  der  Geschichte 
suchten  und  ihn  durch  das  eigene  Leben  und  Tun  erfüllen  wollten, 
gerieten  sie  in  den  wüsten  Haufen  der  realeren  Paradoxien.  Manche, 
die  King  liebtenx  und  so  manche  Hasser  wußten  es  ja  seit  Jahren,  daß 
nach  dem  schwarzen  Kopf,  der  einer  der  hellsten  unserer  Zeit  war, 
tückische  Mordwaffen  zielten  und  ihn  über  kurz  oder  lang  treffen 
mußten.  Aber  erst  nachdem  es  wahr  geworden  ist,  erfuhren  wir  Alle, 
wie  gut  erjselbst  es  gewußt  und  wie  er  es  als  ein  Patuni  hingenommen 
hatte,  doch  ohne  dem  vielgestaltigen  Widersacher  ein  Kompromiß  zu 
bieten  oder  seine  Rettung  durch  Kapitulation  in  irgend  einem  Punkte 
in  Erwägung  zu  ziehen.  Im  Gegenteil,  er  stellte  die  Erreichung  seines 
Zieles  immer  klarer  über  sein  Leben.  Das  Laben  galt  ihm  niemals  gering, 
und  gerade  ti~snrma  weil  er  es  liebte,  wollte  er  dessen  Sinn  um  jeden 
Preis  erfüllen. 

Heldisch  und  beharrlich  arbeitete  er  unter  unablässigem  Durchdenken 
und  Revidieren  an  einer  endgiltigen  Formulierung  seines  Lebenssinnes. 
Freiheit,  Gerechtigkeit  und  Würde  für  das  eigene  Volk  blieben  Alpha 
und  Omega.  Doch  der  Inhalt  des  Strebens  erfuhr  umso  mehr  Erweiterung, 
je  mehr  Beobachtung,  Einsicht  und  Menschlichkeit  die  Augen  für  analoges 
Unrecht  und  Leid  in  der  übrigen  Menschheit  öffneten.  So  war  seine  selbst 
lose  Hingabe  ah  die  Sache  der  Menschen-  und  Bürgerrechte  des  eigenen  Vol- 
kes auf  dem  besten  Wege,  zum  Kernstück  eines  weitgespannten,  in  seinen 
ferneren  Konsequenzen  sicherlich  universalen  Kampfes  für  die  Mühseligen 
und  Beladenen  jeder  Hautfarbe  zu  werden«  Es  lag  ganz  nahe,  daß  die 
prinzipielle  Einbeziehung  der  ganzen  Menschheit  in  die  Ziele  seiner 
Bewegung  ihn  zunächst  mit  einem  machtvollen  Schritt  auf  die  Seite  des 
gemarterten  vietnamischen  Volkes  brachte;  und  daß  er  seine  Stimme  für 
Israel  erhob,  als  er  erkennen  mußte,  daß  es  um  dessen  Existenz  ging; 
und  daß  er  in  der  Endphase  seines  kurzen  Lebens  den  schwarzen  und 
weißen  Arbeitern  der  Mistabfuhr  von  Memphis  zum  Bruder  und  Helfer  wurde« 


Es  war  die  machtvollste  Stunde  am  Tage  seiner  Bestattung, 
als  das  Aufnahmsgerät  wiedergab,  was  er  in  der  von  seinem  Vater  und 
ihm  selbst  betreuten  Ebene zer-Kirc he  in  Atlanta  schon  im  Februar 
19&8  gesprochen  hatte: 

"Gewiß  denken  wir  Alle  immer  wieder  realistisch  an  jenen  Tag, 
da  wir  dem  zum  Opfer  fallen  werden,  was  der  gemeinsame  Wenner  des 
Lebens  ist,  jenem  Etwas,  das  wir  den  Tod  nennen.  SSTxe  wir  Alles, 
denke  auch  ich  immer  wieder  an  meinen  Tod  und  meine  Bestattung. 
Ich  denke  nicht  in  einem  krankhaften  Sinne  daran.  Immer  wieder  frage 
ich  mich  selbst,  was  es  ist,  das  ich  gesagt  sein  möchte,  und  an 
diesem  Morgen  sage  ich  es  euch. 

"Falls  jemand  von  euch  anwesend  sein  wird,  wenn  mein  Tag  kommt, 
wißt,  daß  ich  kein  langes  Begräbnis  will,  und  wenn  ihr  einen  findet, 
der  die  Grabrede  halten  will,  sagt  ihm,  daß  er  es  nicht  zu  lang 
machen  soll.  Immer  wieder  denke  ich  anjcLie  Frage,  was  ich  ihn  gern  sa 
sagen  ließe. 

"Sagt  ihm,  er  möge  nicht  erwähnen,  daß  ich  einen  Nobelpreis  habe 
das  ist  nicht  wichtig.  Sagt  ihm,  ermöge  unerwähnt  lassen,  daß  ich 
drei-  oder  vierhundert  andere  Priese  habe,  denn  das  ist  unwichtig. 
Er  soll  auch  nicht  erwähnen,  wo  ich  zur  Schule  ging.  Ich  möchte  an 
jenem  Tage  erwähnt  wissen,  daß  Martin  Luther  King  Jr.  sein  Leben 
geben  wollte,  um  Andern  zu  dienen.  Ich  möchte,  daß  an  jenem  Tage 
gesagt  werde,  Martin  Luther  King  Jr.  habe  jemand  lieben  wollen. 

"Ich  möchte,  daß  ihr  an  jenem  Tage  saget,  ich  sei  bemüht  gewesen, 
rechtlich  zu  sein  und  mit  Ihm  zu  gehen.  Ich  möchte,  daß  ihr  an  jenem 
Tage  sagen  können  sollt,  ich  sei  bemüht  gewesen,  die  Hungrigen  zu 
nähren.  Ich  möchte,  daß  ihr  an  jenem  Tage  sagen  können  sollt,  daß 
ich  in  meinem  Leben  die  Nackten  zu  bekleiden  suchte.  Daß  ihr  an 
jenem  Tage  sagen  sollt,  ich  hätte  mich  in  meinem  Leben  bemüht, 
Gefangene  zu  besuchen.  Und  daß  ich  die  Mensdhheit  zu  lieben  und 


ihr  zu  dienen  suchte.  Ja,  wenn  ihr  wollt,  sagt,  ich  sei  ein 
Tambourmajor  für  die  Gerechtigkeit  gewesen. 

"Sagt,  ich  sei  ein  Tambourmajor  für  den  Frieden  gewesen, 
oder  ein  Tambourmajor  für  Rechtschaf renheit.  Alle  die  andern, 
die  seichten  Dinge,  sind  unwichtig. 

"Ich  habe  kein  Geld,  das  ich  hinterlassen  könnte.  Ich  habe  nichts 
von  den  im  Leben  als  kostbar  oder  luxuriös  angesehenen  Dingen  zu 
hinterlassen.  Ich  will  nur  ein  Leben  der  Hingabe  hinterlassen. 
Das  ist  alles,  was  ich  gesagt  sein  möchte. 

"Wenn  ich  jemandem  im  Vorbeigehen  helfen,  ihn  mit  einem  guten 
Liede  erfreuen  oder  ihm  zeigen  kann,  daß  er  auf  falschem  Wege  ist, 
dann  werde  ich  nicht  umsonst  gelebt  haben. 

"wenn  ich  meine  Christenpflicht  tun,  der  geschaffenen  Welt 
Heil  bringen  und  die  Kunde  verbreiten  kann  wie  der  Herr  sie  lehrte, 
wird  mein  Leben  nicht  umsonst  gewesen  sein." 

Diese  Rede  wird  zumindest  in  unserer  Generation  unvergessen  feis 
bleiben.  Doch  sei  eine  Einzelheit  hervorgehoben,  die  in  dem  gesamten 
erschütternden  Inhalt  überhört  werden  könnte.  In  der  Antike  war  es 
zumindest  verdächtig,  wenn  ein  Politiker  reich  war,  und  Armut  galt 
als  Ausweis  seiner  Ehrenhaftigkeit.  Im  heutigen  Westen  sind  die 
führenden  oder  führen  wollenden  Staatsmänner  entweder  berühmte 
Millionäre  oder  sie  glauben  doch  "beweisen  zu  müssen,  daß  auch  sie 
ansehnliche  Reichtümer  besitzen.  Die  persönliche  und  politische 
Ethik  Kings  wird  voraussichtlich  auch  in  diesem  Punkte  Anerkennung 
und  Nachahmung  hervorrufen  und  vielleicht  einer  sozialistischen 
Erneuerung  den  Weg  bereiten. 

Kings  Ermordung  kam  in  einer  Zeit,  die  als  Vorstadium  einer  zwei- 
ten Runde  im  amerikanischen  Rassenkampf  gedeutet  wurde.  Schon  zu 
seinen  Lebzeiten  war  seine  Bewegung  zu  einem  beängstigenden  Teil 


390 

sondern  vom  Ausland  erkauft  und  arrangiert. au  -eoiau  Gerade  die 
unablässigen  gegenseitigen  Verdächtigungen  und  Beschuldigun- 
gen, die  logisch  einander  aufheben,  vollenden  den  Beweis  für 
die  unerträgliche  Unrast,  die  sich  mit  unbestreitbarer  Notwen- 
digkeit aus  der  nicht  wegdiskutierbaren  -Realität  ergibt.  Ob 
diese  chronisch  darbenden  und  unmenschlich  verelendeten  Massen 
kommunistisch  denken,  ist  nicht  die  eigentliche  Frage.  Ihre 
Frage  ist  die,  ob  sie  den  Kommunismus  brauchen  oder  ob  auch  s± 
eine  andere  Lösung  für  sie  in  Betracht  kommt. 

Die  Antwort  auf  diese  Frage  ist  in  dem  Umstand  zu  finden, 
daß  kein  kapitalistisches  noch  kommunistisches  Üand  von  Demo- 
kratie so  weit  entfernt  ist  wie  diese  Länder  und  daß  deren 
Unterdrückungsmethoden  zu  einem  Synonym  für  Unmenschlichkeit 
geworden  sind.  Daß  aber  die  herrschenden  Minoritäten  auch  ab- 
geneigt, radikal  abgeneigt  sind,  ihre  Korruption  einzudämmen, 
Kompromisse  zu  erwägen,  Reformen  zu  planen;  als  wären  sie  ge- 
fühlsmäßig sicher,  daß  sowieso  nichts  mehr  nützen  würde  und 
es  darum  vorziehen,  so  viel  und  so  lang  wie  möglich  zu  genie- 
ßen. Die  Geschichte  liefert  reichlich  Belege  dafür,  daß  eine 
Gesell schaftsmoral  des  Apres  nous  le  de luge  dem  Ende  voraus- 
zugehen pflegt. 

Elend  und  Unterdrückung  unendlich  prolongieren  zu  wollen 
oder  sie  in  Zusammenarbeit  mit  der  Korruption  philanthropisch 
zu  versüßen,  ist  gewiß  naiv.  Versuche,  Revolutionen  zu  erstic- 
ken oder  sie  anzufachen,  sind  gewiß  unfair  oder  verbrecherisch. 
Doch  steht  beiden  Kategorien  von  Versuchen  und  Aktionen  die 
Frage  gegenüber,  ob  es  nichts  gibt  und  nichts  geben  kann  als 
brutale  Unterdrückung  oder  untätiges  Abwarten,  bis  ein  Konti- 
nent in  eizne  Kettenreaktion  von  Blutbädern  sinkt.  Wie  lange  h 
noch  soll  es  nichts  geben  als  Morden  oder  Gemordetwerden?  Wie 
lange  sollen  völlig  illegitime  Regierungen  diese  Völker  hinter 
denMauern  der  "innern  Angelegenheit"  und  unter  dem  Kommando 
äemder  Mächte  ihres  Selbstbestimmungsrechtes  berauben  können? 
Vernünftige  und  saubere  Anwendung  des  Petitionsrechtes  (S.  ) 
könnte  den  Leiden  Südamerikas  ein  unblutiges  Ende  setzen  und 
diesem  Kontinent  eine  menschenwürdige  Zukunft  sichern. 

Eine  solche  Lösung  hätte  noch  gestern  als  krasse  Utopie 
erscheinen  müssen  und  wäre  ziemlich  allgemein  mit  Lachen 
abgetan  worden.  Ö7er  aber  auch  heute  noch  lacht,  vergißt  nur, 
daß  unser  Aller  .bos  auf  dem  Spiel  steht,  auch  das  seine. 


391 


G-re-nelmärchen  aus  Guatemala 

.  .eines  Wissens  brachte  von  der  ganaon  Woltprooco  nur  ein 
kanadisches  Blatt  einen  Bericht  90),  der  damit  begann,  daß 

90)  Von  Norman  Gall,  Toronto  Daily  Star,  24. Mai  1967 
im  zentral amerikanischen  Guatemala,  nahe  der  Stadt  Ipala, 
ein  Hund  aus  einem  Walde  hervorkam,  mit  einem  menschlichen 
Arm  im  Maul.  Das  führte  dann  zur  Entdeckung  von  Massengräbern, 
in  denen  nicht  einfach  Ermordete  aufgehäuft  sind,  sondern 
beispiellos  verstümmelte  Leichen  beiderlei  Geschlechts, 
zumeist  junger  Leute.  Ein  Dichter  namens  Otto  Rene  Castillo, 
eine  Lehrerin  und  manche  Mittelschüler  und  Universitätsstuden- 
ten konnten  identifiziert  werden.  Glieder  waren  in  Undefinierte 
barer  Weise  vom  Körper  getrennt,  die  meisten  Leiber  in  Stücke 
geschnitten,  in  weiblichen  Brüsten  und  andern  Organen  waren 
tiefe  Brandwunden,  Schädel  waren  eingeschlagen  und  ihre  Stücke 
waren  im  selben  Grab  zu  finden,  mit  Blutflecken  und  Haaren. 
Die  Zahl  der  in  solchen  Zuständen  aufgefundenen  Opfer  wird 
mit  5  -  700  angegeben.  Sie  waren  Guerillas  oder  gehörten  kommu- 
nistischen und  andern  revolutionären  Organisationen  an.  Als 
Täter  werden  die  Leute  der  "Weißen  Hand"  und  anderer  antikom- 
munistischer Verbände  genannt,  doch  den  Hauptanteil  scheinen 
Offiziere  der  Armee  selbst  zu  haben,  die  solche  Organisationen 
ausbilden,  mit  Waffen  versorgen  und  bei  ihren  Aktionen  anführen. 
An  Systematik  fehlt  es  daher  nicht.  In  einem  Dorfe  namens 
Tolteca  schleppte  die  "Weiße  Hand"  alle  Bauernfamilien  aus 
ihren  Hütten  hervor,  ließ  nichts  am  Leben  und  brannte  die 
Hütten  nieder;  auch  andern  Dörfern  scheint  es  nicht  viel 
besser  ergangen  zu  sein.  Als  Denunzianten  und  Wegweiser  fungie- 
ren ehemalige  Mitglieder  der  revolutionären  Linken, die  durch 
den  Verrat  wahrscheinlich  ihr  Leben  erkaufen. 

So  kam  es,  daß  die  vielen  örtlichen  katholischen  Priester 
es  nicht  länger  ertragen  konnten  und^ die  Bischöfe  Guatemalas 
^auf"  ihr  Drängen/einen~*Aui'ru±'  erließen,  in  dem  sie  sagen:  "Wir 
können  nicht  gleichgiltig  bleiben,  während  ganze  Bevölkerungen 
dezimiert  werden  und  jeder  Tag  neue  Witwen  und  Waisen  bringt. 
Opfer  geheimnisvoller  Kämpfe  und  Racheakte  oder  Leute,  die  in 
ihren  Häusern  von  unbekannten  Entführern  ergriffen  werden, 
v/erden  an  unbekannten  Orten  gefangengehalten  oder  grausig 
ermordet  und  ihre  Leichen  kommen  später  fürchterlich 
verstümmelt  zum  Vorschein. " 


392 

Die  ausführenden  Gruppen  scheinen  eine  Dachorganisation 
zu  haben,  das  MLN»  Movimiento  de  Liberacion  Nacional,  und 
dessen  Führer  heißt  Mario  Sandoval  Alarcon.  Manche  bezeichnen 
es  als  Tatsache,  daß  eine  der  größten  Kräfte  der  Vereinigten 
Staaten,  die  CIA,  Central  Intelligence  Agency,  dahintersteckt, 
und  beschuldigen  die  Gesandtschaft  der  USA  h  in  Guatemala, 
daß  Geld  und  Waffen  von  ihr  staiTunen.  Ich  bin  überzeugt,  daß 
das  Weiße  Haus  die  Weiße  Hand  nicht  kennt  und  würde  eher 
glauben,  daß  es  der  amerikanische  Pluralismus  ist,  dank  dem 
die  Verantwortlichen  llo^^SSäSä&e.  wahren.  Doch  sollte  das 
von  Politik  nicht  bestochene  Weltgewissen  schreien,  bis  auch 
sie  nicht  umhin  können,  es  zu  hören. 


Die  Indianer  leben 

In  der  Volksschule  hörte  ich  von  einem  Lehrer,  die 
Indianer  seinen  ausgestorben.  Das  Leid  darüber  vertiefte 
meinen  Glauben  an  diesen  Irrtum  derart,  daß  er  den  später  rrfy 
erfahrenen  Tatsachen  nicht  recht  weichen  wollte.  Erst  als  ich, 
Jahrzehnte  später,  an  einem  eindrucksvollen  Treffen  von  India- 
nern aus  ganz  Nordamerika  teilnahm,  schwand  das  Gefühl  des 
Unwirklichen  nach  und  nach  und  ich  konnte  beginnen,  die  Wirk- 
lichkeit unvoreingenommen  zu  beobachten. 

Obwohl  es  Analogien  gibt,  ist  ihre  gesamte  Lage  einschli 
lieh  der  psychologischen  von  der  des  Negervolkes  stark  ver- 
schieden. Ziemlich  wenige  leben  in  Städten,  und  das  sind  in 
der  Hauptsache  jene  weitgehend  Assimilierten,  die  außer  ihren 
nicht  immer  deutlichen  Sassenmerkmalen  kaum  noch  Zeichen  ihrer 
Volkszugehörigkeit  bewahrt  haben.  Das  Leben  in  den  Reservatio» 
nen  mit  ihren  maßlos  schäbigen  Hütten,  die  noch  nicht  überall 
die  noch  viel  schäbigeren,  zuweilen  aus  Häuten  und  Baumrinde 
bestehenden  Zelte  verdrängt  haben,  ist  so  entmutigend,  als 
sollte  es  der  Legende  von  der  Ausgestorbenheit  neue  Glaubhaf- 
tigkeit einflößen.  Ihrer  unermeßlichen  Ländereien  durch  über- 
legene Waffen,  durch  Tücke,  Grausamkeit,  chronischen  Vertrags- 
bruch und  lange  Serien  von  Vernichtungsfeldzügen  beraubt, 
schlichen  sie,  nach  wie  vor  in  einander  z.T.  noch  feindliche 
Stämme  getrennt,  hungrig,  krank  und  ohne  Hoffnung, in  das 
20.  Jahrhundert.  Ihre  gesamte  Lage  läßt  sich  vielleicht  durch 
die  eines  Teiles  von  ihnen  ganz  kurz  charakterisieren.  Während 
die  Sterblichkeit  der  Kleinkinder  für  die  Gesamtbevölkerung 


393 

Kanadas  26.3  von  tausen  beträgt,  steht  sie  heute  bei  den 
Indianern  Kanadas  74.87  von  tausend.  Dr.  G.  Graham-Cumming 
vom  Gesundheitsministerium  findet  den  Hauptgrund  für  diesen 
trostlosen  Zustand  der  Säuglinge  in  der  Unterernährung  der 
schwangern  Frauen.  Natürlich  trifft  ein  solcher  Ernährungs- 
zustand für  beide  Geschlechter  und  alle  Altersstufen  zu. 
Sie  hüten  sich  vor  jeder  Provokation  der  weißen  Herren  ihrer 
Heimat,  denn  sie  halten  sie  für  fähig,  das  Werk  der  Vernich- 
tung zu  vollenden  und  sehen  keine  Aussicht  auf  wirksame  Ver- 
teidigung gegen  ihre  allseitige  Überlegenheit.  Man  hat  den 
Eindruck,  daß  sie  nicht  tief  atmen  und  nie  lachen.  Sie  reden 
zumeist  mit  gedämpfter  Stimme  und  es  ist  schwer,  ihr  Mißtrauen 
zu  überwinden.  Manche  prominenten  Vertreter  ihrer  Stämme 
empfinden  ihre  Aufgabe  als  allzu  schwere  Last,  ade  v/eil  sie 
nur  an  die  Vergangenheit  denken  und  keinen  Ausweg  aus  dieser 
Gegenwart  entdecken  können.  Einer  ihrer  Führer  hat  mir  anver- 
traut, er  stehe  mit  dem  Höchsten,  den  er  nicht  Gott,  sondern 
den  Großen  Geist  nennt,  in  enger  Verbindung.  Er  werde  eines  Ta- 
ges auf  Erden  erscheinen,  die  Heimat  befreien  und  Allen  Frei- 
heit und  Frieden  bringen.  Diese  Hoffnungen  erinnern  an  die 
auf  den  Messias  und  auf  Krischna,  die  ja  aus  ähnlichen  Voraus- 
setzungen entstanden  sind.  Wie  die  jüdischen  Mystiker,  stellt 
auch  er  merkwürdige  Berechnungen  über  das  Datum  der  Ankunft 
des  Erlösers  an,  und  der  Tag  ist  nicht  fern,  noch  innerhalb 
dieses  Jahrhunderts. 

Aus  derselben  Bitternis  suchen  die  geistig  Unentwickelten 
einfachere  Auswege,  und  einer  ist  die  Trunksucht,  die  Übelge- 
sinnte ausnützen,  um  auch  den  Beraubten  etwas  vorwerfen  zu  käu 
können.  Es  ist  eine  Mischung  solcher  Gründe,  die  Initiative 
seitens  der  Indianer  selbst  nicht  recht  aufkommen  läßt,  so 
daß  sie  in  den  Fragen  ihrer  nahen  Zukunft  eine  eher  passive 
Rolle  spielen.  Doch  auch  gegenüber  den  weißen  Beherrschern 
ihres  Kontinents  ist  ihre  Haltung  rein  negativ.  Die  Führer  der 
Indianer  Ontarios  erklärt enA in  aller  Offenheit,  daß  sie  keinen 
Grund  finden,  an  der  kanadischen  Jahrhundertfeier  teilzunehmen, 
denn  die  vergangenen  hundert  Jahre  haben  dem  Leben  der  Indianer 
nur  unvorstellbaren  Verfall  gebracht.  "Ein  einst  stolzes  und  a 
arbeitsames  Volk  hat  in  einem  zu  seiner  Zahl  in  keinem  Verhält- 
nis stehenden  Grade  Armut,  Arbeitslosigkeit,  Krankheit,  K$M 


394 

Kurzlebigkeit  und  Benachteiligung  erlitten."  "Seine  sozialen 
Bedingungen  würden  auf  die  Phantasie  der  ?/eißen  Bevölkerung 
schwindelerregend  wirken."  Arthur  Laing,         Minister  für 
indianische  Angelegenheiten,  fand  diese  Anklagen  berechtigt^ 

Scnsfe  $ie  in  den  Vereinigten  Staaten  und  in  Kanada  bearbei- 
teten Pläne  zur  Besserung  ihrer  Lage  sina^vor  allem  Programme 
der  Assimilation  innerhalb  de©  städtischen  Lebens.  Für  einen 
Teil  der  Indianer  mag  das  ein  Weg  sein.  Aber  man  sollte  nicht 
das  Verschwinden  von  Völkern  planen,  selbst  wenn  es  in  der 
sanftesten  Weise  erfolgen  könnte.  Die  natürliche  Kohäsion  von 
Nationen  sollte  geachtet  und  nach  Tunlichkeit  gefördert  werden» 

Daher  würde  ich  den  vorhandenen  Ideen  zwei  hinzufügen: 

a)  Regierungen  der  Länder  Amerikas  sollten  ihnen  gute 
Territorien  zur  Verfügung  stellen,  die  nicht  den  Reservaten  g± 
gleichen,  mit  weitgehender  Autonomie,  und  dort  sollten  sie, 
soweit  sie  es  wünschen,  ihre  Eigenart  und  Kultur  ungestört 
entwickeln  können. 

b)  Wie,  wenn  ich  nicht  irre,  schon  einmal  beantragt 
wurde,  sollten  in  die  V3J  nicht  nur  Staaten,  sondern  auch  solche 
ethnische  Einheiten  aufgenommen  werden,  die  keinen  Staat  be- 
sitzen und  als  nationale  Minderheiten  leben.  Die  legale  und 
permanente  Vertretung  im  Bund  der  Nationen  würde  solchen  Volks 
kern  besser  als  jede  andere  Hilfe  internationale  Aufmerksamkeit 
und  schließlich  faire  Lösung  ihrer  Fragen  sichern.  Diese  Mitg± 
gliedschaft  würde  zugleich  internationale,  liberale  und  gesunde 
Lösungen  solcher  Probleme  ermöglichen,  die  immer  wieder  auf 
das  von  den  betreffenden  Regierungen  geltend  gemachte  Argument 
der  "inneren  Angelegenheit"  stoßen  und  objektive  Behandlung 
verhindern,  sodaß  ganze  Völker  bisher  einseitigen  Interessen 
ausgeliefert  geblieben  sind.  Eine  solche  Reform  der  Vfi  wäre 
eine  logische  Weiterentwicklung  des  Petitionsrechtes.  Daß  ein 
Volk  durch  ein  anderes,  auch  wenn  zwischen  beiden  Konflikte 
bestehen,  vor  dem  internationalen  Forum  vertreten  sein  soll, 
ist  ebenso  widersinnig  wie  unmenschlich.  Die  beantragte  Reform 
würde  manchen  Kampf  überflüssig  machen  und  könnte,  wenn  auch 
manchen  unbequem,  ein  kostbares  Werkzeug  der  Sicherung  des  £e± 
Friedens  werden.  Das  Wjfeen  einer  solchen  Delegation  würde  den 
Indianern  schon  rein  psychologisch  bedeutenden  Fortschritt 
bringen.  Es  versteht  sich  von  selbst,  daß  auch  die  Weger 

Amerikas  das  Recht  auf  eine  solche  Vertretung  hätten.  So  könnte 

enarbeit  ein  Teilchen  der  auf  den  Messias 


395 

gesetzten  Hoffnungen  erfüllen. 
yrTlt»  Brasilien  wird  tin  Volle  trmordtt) 

njüer»cJgrjas  Unberührbare 

Es  ist  ein  zweifellos  positiver  Zug  des  Renschen,  daß 
der  Gedanke  an  den  Tod  ihn  reinigt,  zur  Reue  und  zu  Revisionen 
geneigter  macht  und  sich  oft  mit  der  Bereitschaft  zur  Gutma- 
chung von  Verfehlungen  verbindet.  So  sollte  die  Möglichkeit 
des  allgemeinen  Todes  die  Menschheit  als  Ganzes  ähnlich  stim- 
men: sie  zur  Kritik  an  sich  selbst  befähigen,  sie  Sünden 
klarer  &  sehen  lassen  und  in  ihr  das  Bedürfnis  nach  Sühne  und 
Gufcmachung  erwecken.  Ein  solches  Erlebnis  sollte  auch  eine 
-feibende  Kraft  der  Friedenskonferenz  sein,  und  sowohl  in  der 
zu  ihr  führenden  Vorarbeit  als  auch  in  ihr  selbst  wirkem. 
In  früheren  Generationen  hat  das  menschliche  Gewissen  die 
Abschaffung  der  Knechtschaft  gefordert  und  ein  guter  Teil 
der  Menschheit  hat-  für  die  Befreiung  der  Sklaveft  kein  Opfer 
gescheut.  Eine  Religion,  die  Menschenopfer  vorschriebe,  könnte 
nicht  mehr  als  innere  Angelegenheit  gelten  und  würde  nicht 
geduldet  werden.  Die  britische  Herrschaft  in  Indien  kann  zumin- 
dest vier  hohe  Verdienste  für  sich  in  Anspruch  nehemen, 
nämlich  die  Sklaverei,  die  Ermordung  neugeborener  Mädchen 
und  die  Witwenverbrennung  abgeschafft  und  die  Ritualmord sekte 
der  Thagi  liquidiert  zu  haben.  Noch  aber  gibt  es  ganz  große 
und  unbestreitbare  Verbrechen,  die  nicht  ein  Land  noch  einen 
Subkontinent,  sondern  den  ganzen  Planeten  angehen,  Greuel, 
deren  weitere  Duldung  eine  schwere  Schuld  der  Menschheit  und 
mit  einer  Neuordnung  auf  sittlichen  Grundlagen  unvereinbar 
wäre.  Nicht  eigentlich  das  indische  Kastensystem,  sondern 
das  Los  seiner  ärmsten  Opfer  ist  ein  solches  Greuel,  und  die 
Religion,  die  das  gesamte  Übel  nicht  nur  duldet,  sondern  gebie- 
tet, spricht  sich  selbst  ihr  Urteil,  das  wir  bestätigen  müssen, 
ohne  uns  durch  die  Altehrwürdigkeit  des  der  Menschheit  zu  tiefst 
Unwürdigen  oder  durch  geistvolle  philosophische  und  mystische 
Motivierungen  irremachen  zu  lassen. 

Ein  Südamerikaner,  der  in  einer  aus  Abfallblech  zusammen- 
geflickten Hütte  geboren  wurde  und  dem  mit  hoher  Wahrschein- 
lichkeit der  Tod  in  derselben  Hütte  oder  im  Gefängnis  bevor- 
steht, hat  theoretisch  die  Chance  auf  persönlichen  Aufstieg 
und  auf  alle  Güter  dieser  Erde  einschließlich  einer  geachteten 
gesellschaftlichen  Stellung.  Jedenfalls  gibt  es  in  seinem 


3%. 


In  Brasilien  wird  ein  Volk  ermordet 

Diese  Hiobspost  stammt  nicht  aus  einem  dem  internationalen 
&eser  unbekannten  italienischen  Provinzblatt,  sondern  aus  mehreren 
•oßen  Tageszeitungen  beider  Hemisphären  und  wurde  von  "Time" 
Zusammengefaßt.  Die  Initiative  zu  diesen  furchtbaren  Mahnrufen  a* 


das  Weltgewissen  ist  von  französischen  Anthropologen  ausgegangen, 
hauptsächlich  wohl  von  Claude  Levi-Strauss.  Und  diese  an  sich  zur 
Genüge  glaubwürdigen  Stimmen  konnten  sich  auf  einen  Bericht  berufen, 
den  ein  brasilianisches  Hegierungsamt  selbst  in  20  Bänden  publiziert 
hat. 

Wenn  einmal  alle  erreichbaren  historischen  Tatsachen  über  die 
Verbrechen  der  weißen  Eroberer  auf  der  westlichen  Halbkugel  gesam- 
melt und  geordnet  vorliegen  v/erden,  wird  sich  wahrscheinlich  heraus- 
stellen, daß  es  in  Brasilien  am  schlimmsten  zugegangen  istx  und  daß 
diese  Hölle  am  längsten  gedauert  hat?  denn  sie  besteht  noch  heute. 
Und  es  gilt,  75.000  brasilianische  Indianer  zu  retten,  die  von  der 
einstigen  Millionenbevölkerung  dieses  gewaltigen  Territoriums  übrig- 
geblieben sind.  Es  sind  zahlenmäßig  unauf klärbare  einfache  Hinrich- 
tungen oder  solche  von  anderer  Art,  verbunden  mit  primitiver  oder 

Verstümmelung , 

hochgradig  erfinderischer  Folter,  mit  Versklavung,  Menschenhandel, 
Massenerschießung,  Giftmord  an  ganzen  Stämmen  und  selbst  Bombard ea/£/i 
ments  aus  der  Luft.  Selbstverständlich  hat  der  Sadismus  an  allem 
seinen  alten  und  von  Stunde  zu  Stunde  erneuten  Anteil,  aber  das 
entscheidende  Motiv  ist  Habgier,  denn  diese  Stämme  v/erden  von  dem 
Boden,  den  sie  noch  besitzen,  zunächst  durch  Bedrohung  und  Terror 
vertrieben  und  in  Fällen  der  Unwirksamkeit  diese!  milden  Maßnahmen 
werden  alle  andern  Mittel  angewendet. 

Die  Täter  sind  nicht  anonyme  oder  halb  anonyme  Truppen^wie  im 
Süd-Sudan,  khs!  die  Rolle  der  Regierung  und  ihres  Personals  ist  nicht 
so  unerforscht  wie  dort.  Die  Ruchlosesten  sind  vielmehr  Beamte  des 
brasilianischen  Indian  Protection  Service,  die  sowohl  durch  Kom- 
plizen als  auch  düCekt  arbeiten  und  überdies  die  ihnen  von  amtswegen 
zur  Verfügung  gestellten  Gelder  für  kriminelle  Geschäfte  anderer 
Kategorien  ausnützen.  In  den  erwähnten  Quellen  werden  rinn  Tic ihe 
von  ihnen  bei  Namen  genannt.  Unter  ihnen  sind  solche,  die  in  den 


3K< 


5t z ten  •  ie  obersten  Leiter  dieser  Regierungsinstitucion 

waren« 

Wie  lange  noch  können  wir  uns  stolz  auf  die  Zivilisation 

[berufen?  Welchen  Sinn  haben  politische  und  Wirtschaf tsmächte , 

welchen  Sinn  haben  Diplomatien  und  insbesondere  die  vielfachen 

Möglichkeiten  der  UNO,  wenn  sie  dein  Raubmord  an  den  Resten 

eines  gemarterten  Volkes  nicht  Einhalt  gebieten  können? 

*  * 
* 

Leider  müssen  wir  schließlich  vieler  weißen  Menschen 
Brasiliens  gedenken,  deren  Los  heute  nicht  viel  beneidenswerter 
ist  als  das  der  unablässig  gemordeten  Indianer,  Der  Erzbischof 
von  Recife,  Dom  Helder  Camara,  den  Rechtsradikale  einen  Kommu- 
nisten nennen,  ist  I-To.l  auf  der  Liste  von  Kandidaten  für  Ermordung 
Einzelner.  Dessen  ist  er  sich  voll  bewußt.  Doch  erklärt  er, 
daß  das  Volk  Gottes  in  der  Entwicklung  und  Integration 
Latein-Amerikas  eine  aktive  Rolle  spielen  muß  und  zögert  nicht, 
die  Wirklichkeit  zu  definieren:  "Sechs  Prozent  der  Herren  des  3£ 
Bodens  in  diesem  Lande  besitzen  96%  des  Landes.  Das  Durchschnitts- 
einkommen in  Brasilien  ist  nur  240  Dollar  jährlich.  Drei  von 
zehn  Kindern  leben  kürzer  als  ein  Jahr,  und  von  den  Überlebenden I 
v/erden  nur  ganz  Wenige  alt.  Tatsächlich  besteht  mehr  als  die 
Hälfte  der  Bevölkerung  aus  Menschen  unter  zwanzig." 


396 

Lande  kein  Gesetz,  das  ihn  an  der  Befreiung  hindern  würde, 
Nicht  sä  in  Indien.  Die  soziale  Definition  eines  Menschen, 
die  dort  weitaus  mehr  bedeutet  als  alle  Güter,  die  geistigen 
und  die  materiellen,  und  sein  Geschick  ganz  und  gar  "bestimmt, 
ist  in  Indien  für  ihn  und  seine  Nachkommen  für  alle  Zeiten  im 
voraus  festgelegt. 

Wenn  man  in  langatmigen  Abhandlungen  und  Büchern  darstellt, 
wie  kompliziert  das  Kastensystem  sei  und  daß  es  nicht  einige 
Kasten,  sondern  innerhalb  jeder  unzählige  voneinander  in  ihren 
Zielsetzungen,  Gesetzen,  Bräuchen  und  Rangstufen  verschiedene 
und  in  sich  noch  reichlich    untergeteilte  Gruppen  gebe,  so  mag 
das  zuweilenjmit  dem  Wunsche  geschehen,  davon  abzulenken,  worauf 
es  ankommt;  oder  im  Leser  Wertschätzung  und  Sympathie  für  enor- 
me Leistungen  der  Phantasie  und  der  Spekulation  zu  erwecken, 
für  die  Leistungen,  deren  praktischer  Zweck  es  ist,  tiefster 
Unmenschlichkeit  Hechtfertigung,  ja  Heiligung  zu  verleihen. 
Jene  Bücher  sind  zum  Teil  von  unseren  indischen  Zeitgenossen 
geschrieben  und  als  Apologetik  durchaus  begreiflich,  zum  Teil 
aber  von  Abendländern.  Diese  verteidigen  mit  all  ihrem  Wissen 
und  Können  eine  von  einer  mächtigen  Religion  geweihte  Praxis, 
gegen  die  sie  daheim  Strafgericht  und  Polizei  mobilisieren 
würden.  Und  wenn  sie  darauf  hinweisen,  daß  auf  dem  Subkontinent 
gegenseitige  Hilfe  innerhalb  vieler  Unterkasten  den  Mangel  an 
staatlicher  sozialer  Fürsorge,  die  noch  in  den  Anfängen  steckt  , 
zu  einem  guten  Teil  ersetze,  so  hat  das  wohl  für  die  oberen 
Kasten,  also  für  die  Nutznießer  des  ganzen  grausamen  Systems, 
seine  Berechtigung,  versagt  aber  für  die  eigentlichen  Opfer 
des  Kastenwesens,  für  die  Untersten  in  dem  Stufenbau,  da 
diesen  Unglücklichen  gegenseitige  Hilfe  nicht  viel  nützt. 
Auch  für  die  Andern  scheint,  wie  das  immerhin  besser  gestellte 
Abendland  zeigt,  die  Entwicklung  vernünftiger  Wohlf ahrtsein- 
richtungen  mehr  Erfolg  zu  versprechen.  Die  erwähnten  Autoren  x 
möchten  darlegen,  daß  die  Mauern  des  sozialen  Gefängnisses, 
in  dem  die  Gruppen  und  die  Individuen  geboren  werden  und  ster- 
ben, nicht  so  ganz  lückenlos  seien  und  belegen  diese  Behauptung 
mit  drei  Sinnlosigkeiten: 

a)  In  alten  Zeiten  hätten  Könige  und  Fürsten  einzelne 
Untertanen  durch  Versetzung  in  eine  höhere  Kaste    belohnen  oder 
durch  Degradierung  in  eine  niedrigere  bestrafen  können. 

b)  Gruppen  hätten  als  Ganzes  eine  Chance,  auf  der  Stufen- 
leiter höherzurücken. 


397 

c)  Nach  seinem  Tode,  in  einem  nächsten  Leben,  werde  der 
Mensch,  seinem  Tun,  und  vor  allem  seiner  Treue  zu  seiner  Kaste 
gemäß,  in  einer  höheren  oder  in  einer  niedrigeren  Kaste  geborea« 

Die  erste  Angabe  trifft  m.W.  nur  für  für  jene  frühgeschich 

lic*en  Epochen  zu,  in  denen  es  nach  einer  der  Hymnen  im  Rig-Veda 

erst  vier  Kasten  gegeben  haben  soll,  die  Militärkaste, 

Ks^hatriya;  die  als  Brahmanen  bekannte  Priesterkaste,  die 

später  den  ersten  Rang  erlangte;  die  Händler  und  Bauern, 

Vaishya;  und  die  Unteren,  Shudra.  Aus  der  späteren  Geschichte 

sind  mir  Fälle  individueller  Transferierung  in  eine  andere 

Kaste  nicht  bekannt  91).  Aber  ist  es  überhaupt  mit  elementarer 

91)  Sollte  ein  Leser  dennoch  einen  solchen  Fall  kennen, 
wäre  ich  für  Mitteilung  dankbar. 

Logik  vereinbar,  in  einem  Riesenvolke,  das  die  Inder  trotz  der 

entsprechenden  proportionalen  Verkleinerung  schon  im  Altertum 

gewesen  sein  müssen,  glückliche  Einzelne  als  Beweis  gegen 

die  Tatsache  einer  allumfassenden  Macht  von  beispiellosem 

Beharrungsvermögen  anzuführen? 

Die  zweite Begauptung  hat  etwas  für  sich.  Gruppen,  die  in  ü 
Nachahmung  von  Gesetzen  und  Bräuchen  höherer  Gruppen  ihre  Äste»- 
Lebensführung,  vor  allem  die  Praxis  ihrer  rituellen  Reinhaltung, 
revidieren  und  auch  die  Speisegesetze  der  Höheren  annehmen, 
haben  tatsächlich  eine  solche  Aussicht,  aber  erst  nach  Genera- 
tionen, sodaß  schon  darum  bezweifelt  werden  muß,  ob  die  ganze 
schwierige  und  opferreiche  Umstellung  lohnt;  zumal  der  Endeffekt 
für  äE  die  Nachkommen  nur  eine  minimale  Zunahme  an  Achtung 
seitens  Anderer  ist,  bzhw.  minimale  Abnahme  der  Verachtung. 

Besonders  schwer  ist  allerdings  zu  verstehen,  wie  westli- 
che Gelehrte  ernstgenommen  werden  wollen,  wenn  sie  sich,  u.zw. 
in  ihrer  dritten  Behauptung,  plötzlich  als  orthodoxe  Hindus 
herausstellen,  indem  sie  die  Seelenwanderung  zum  Axiom  macfen, 
um  damit  etwas  zu  beweisen.  Es  ist  nicht  mehr  und  nicht  weniger 
als  die  Lehre  vom  Karma(S.     ),  die  im  Hinduismus  leider  mit 
einer  so  schlechten  Sache  wie  Entwertung,  Entwürdigung,  Ächtung 
und  Entrechtung  verquickt  ist.  Diese  mystische  Lehre  wird  also 
dazu  mißbraucht,  und  ist  vielleicht  dazu  erdacht,  den  Menschen 
in  einem  Leben  grausiger  Erniedrigung  durch  Vorspiegelung  von 
Lohn  und  Strafe  nach  dem  Tode  ganz  tief  unter  das  KlassengesetzS 
zu  beugen  und  auch  in  seinem  Gefühlsleben  einen  Widerstand 
nicht  erst  aufkommen  zu  lassen.  Dem  Karma  zufolge  muß  er  sein 


398 

furchtbares  Los  durch  Sünden  in  früheren  Lebensläufen 
verdient  haben«  Er  wird  also  zeitlebens  vom  Gefühl  einer  Schuld] 
gefressen,  die  er  büßen  zu  müssen  glaubt,  und  zugleich  zwischai 
Furcht  und  Hoffnung  gekettet,  da  durch  das  Maß  seines  Gehor- 
sams und  seine  Hingabe  an  das  Gebot  der  Kaste  seine  Wieder- 
geburt und  deren  Polgen  bestimmt  werden.  Die  religiöse  Weihe 
erstreckt  sich  auch  auf  die  angeborene  Zugehörigkeit  zu  einer 
"Verbrecherkaste.  In  diesem  Falle  ist  aufopfernde  Treue  nicht 
minder  verdienstlich,  Abtrünnigkeit  nicht  minder  sündhaft. 
Die  Autorität  des  Karma-Prinzips  ist  absolut,  gerade  weil  es 
eine  automatisch  erfolgende  Selbstvergeltung  des  Tuns  ist, 
nicht,  wie  ein  indischer  Gelehrter  zu  interpretieren  bemüht 
ist,  eine  von  einem  Gott  geregelte,  der  in  diesem  Falle  doch 
nur  relative  Autorität  zustünde«  Das  Kastensystem  gleicht  in 
seiner  Unentrinnbarkeit  wirklich  der  "Vorstellung  vom  Karma, 
das,  tiefer  versiavend  als  jeder  weiter  westlich  blühende 
Fatalismus,  dem  Menschen  schon  im  Mutterleib,  und  noch  ehe 
er  gezeugt  wird,  sein  Leben  vorzeichnet.  Das  Kastensystem  hat 
mit  dem  Karma  die  Zwangsläufigkeit  gemeinsam.  Es  ist  wie 
dieses  von  Denkern  des  Klassenegoismus  ersonnen  und  als  Ele- 
ment der  Weltordnung  geheiligt.  Wie  das  Karma,  begleitet  es 
den  Armen  durch  die  Zeiten  und  wird  ihn  nicht  loslassen, 
solange  nicht  die  erwachende  Menschheit  ihn  dem  von  Menschen 
erzeugten  Verhängnis  entreißt. 

Da  es  aber  im  menschlichen  Leben  nichts  Absolutes  gibt, 
können  wir  jenen  drei  infantilen  Versuchen,  Grenzen  der  Kasten- 
herrschaft ausfindig  zu  machen,  eine  einzige  Tatsache  anfügen, 
die  allerdings  mathematisch  nahezu  substanzlos  ist  und  uns 
deshalb  nicht  zu  trösten  vermag.  Wenn  einer  so  viel  Charakter- 
stärke aufbringt,  um  auf  alle  irdischen  Güter,  auch  auf  seine 
bescheidene  Ernährung,  sein  Obdach  und  seine  Familie  zu  ver- 
zichten, reißende  Tiere  nicht  fürchtet  und  sich  in  irgend 
einer  Eirörä«  Einöde  von  Wurzeln  und  wilden  Kräutern  nähren 
will,  hat  er  eine  Chance,  sich  den  Ketten  der  Kaste  zu  ent- 
winden. Auf  jede  Million  ihrer  lebenslänglichen  Untertanen 
kann  aber  schwerlich  mehr  als  ein  Einsiedler  entfallen.  Wie 
es  schon  vorgekommen  sein  soll,  daß  gefesselte  Delinquenten 
entkommen  sind,  aber  dadurch  für  ihre  Kategorie  nur  die  Regel 
der  Aussichtslosigkeit  bestätigen,  zählt  auch  der  Anachoret  als 
Ausnahme  nicht  tatsächlich  mit.  Daher  können  ihn  seine  Lands- 


399 

leute,  ohne  damit  dem  Klassenegoismus  zuwiderzuhandeln,  als 
heilig  verehren  und  ihn  wegen  der  verbesserten  Aussichten  für 
sein  künftiges  Leben  glücklich,  preisen. 

Wie  gesagt,  nicht  das  Kastenwesen  als  solches  ist  das 
Unheil,  das  die  ganze  Menschheit  angeht,  sondern  das  Los  ihrer 
beklagenswertesten  Opfer,  denen  zu  menschenwürdigem  Dasein  zu 
verhelfen  wir  Alle  verpflichtet  sind,  sei  es  durch  die  Frie- 
de nkonferenz  ,  sei  es  außerhalb  ihrer,  durch  umfassende  Aktionen 
unserer  Gene  rat  io^feken  auf  Indien  und  in  Indien. 

Wir  sprechen  hier  von  der  Hindu-Gesellschaft.  Einzelne 
Stämme,  die  ihr  nie  angehört  haben  und  sich  ihr  gewisser  Vor- 
teile wegen  anschließen,  werfen  sich  dadurch  selbst  dem  Unge- 
heuer des  Kastensystems  zum  Fräße  hin,  indem  sie  sofort  in  die 
untersten  Schichten  stürzen. 

Lassen  wir  uns  von  der  Furchtbarkeit  und  Dringlichkeit 
der  Tatsachen  du£h  nichts  ablenken,  am  allerwenigsten  durch 
historische  und  protohistorische  Fragen  nach  dem  Ursprung  der 
Ächtung,  denn  solche  Forschungen  und  Erörterungen  haben  bisher 
eine  Lösung  nicht  nähergebracht  und  werden  auch  weiterhin 
praktische  bedeutungslos  bleiben.  In  Indien  leben  auch  nomadi- 
sche und  halbnomadische  Stämme,  die  nicht  Hindus  sind,  oft  in 
Waldregionen  hausen  und  z.T.  als  Verbrecher  verschrien  sind. 
Da  es  weder  individuell  noch  kollektiv  ein  ursprüngliches  und 
freiwilliges  Verbrechertum  gibt,  liegt  die  Vermutung  einer 
wenn  auch  weit  zurückreichenden  Mitschuld  der  Anklagenden  nahe. 
Zwischen  dieser  Kategorie  und  den  dem  Hinduismus  angehörigen, 
aber  von  ihm  derart  mißhandelten  Kasten  besteht  nur  eine  Ana- 
logie des  Schicksals.  Jene  verhaßten  Stämme  werden  auf  20  Mil- 
lionen geschätzt,  die  als  unberührbar  bezeichneten  Hindu- 
Kasten  auf  40  Millionen.  Merkwürdig  parallel  der  Situation  der 
lieger  in  den  Vereinigten  Staaten,  wird  auch  das  Los  dieser 
Kastendüäfi  schlimmer,  je  weiter  man  nach  dem  Süden  des  Sub- 
kontinents kommt.  Es  handelt  sich  da  nicht  nur  um  eine  £E±±g±m 
religiös  auf  das  strengste  festgesetzte  Verabscheuung  direkten 
und  indirekten  Berührens  und  Absonderung  von  dörflichen  und 
städtischen  Wohnbezirken,  um  strikte  Verbote  der  Benützung  sä 
aller  den  Andern  gehörigen  Brunnen  und  vieler  ihrer  Straßen  und 
Wegefund  um  Ausschluß  von  Schulen  und  Tempeln.  Die  behauptete  H 
Unreinheit  überträgt  sich  auch  über  bestimmte,  ebenfalls  reli- 
gionsgesetzlich geregelte  Entfernungen,  die  mit  dem  Rang  des 


400 

als  rein  und  dem  des  als  unrein  Geltenden  zu-  und  abnehmen. 
Dieser  hat  jenen  "bei  etwaiger  Annäherung  auch  vor  der  Gefahr 
für  seine  Reinheit  akustisch  zu  warnen.  Der  Ausschluß  von  den 
Schulen  bedeutet  zumindest  theoretisch  das  Vorenthalten  jeder 
Bildung.  Dieser  monopolisierte  Anspruch  der  privilegierten  Kias- 
Klassen  nimmt  noch  einen  besonders  sadistischen  Akzent  an,  als 
würden  geistige  oder  religiöse  Uferte  dadurch  entweiht  werden, 
daß  die  Elenden  durch  etwaiges  Studium  sich  mit  ihnen  befassen. 
Wenn  einer  von  ihnen  eine  Stelle  aus  den  heiligen  Schriften 
auswendig  lernt,  wird  das  als  Verbrechen  geahndet. 

Der  durchschnittliche  Hindu  ist  weder  gewillt  noch 
fähig,  sich  in  die  Lage  eines  solchen  Menschen  zu  versetzen. 
Aber  wir  Außenstehenden  können  wenigstens  versuchen,  uns  das 
Gefühlsleben  eines  Renschen  vorzustellen,  der  von  der  Geburt  Tb. 
bis  zum  Tode  in  solcher  Weise  gelehrt  wird,  er  sei  unrein, 
drastisch  und  unabwaschbar  unrein.  Auf  diesem  Hintergrund  gese- 
hen, wird  das  Leben  eines  Dr.  Bhimrao  Ramji  Ambedkar,  der 
höchste  indische  und  abendländische  Bildung  erwarb,  durch  poli- 
tische und  finanzwissenschaftliche  Publikationen  und  durch 
eigene  Zeitungen  die  Achtung  seiner  aufgeklärten  Landsleute  er- 
zwang und  wohl  der  hingebungsvollste  Führer  seiner  unberührbaa? 
ren  Brüder  wurde,  zu  einem  Heldenepos  ohne  gleichen. 

1949  hatte  der  Kongreß  Indiens  endlich  die  historische  Sac 
Tat  vollbracht,  die  Institution  der  Unberührbarkeit  für  illegal 
zu  erklären.  Pakistan  tat  in  seiner  Konstitution  dasselbe. 
Von  den  ehrenvollen  Beschlüssen  bis  zur  Realität  des  Lebens 
ist  allerdings  noch  ein  Stück  Weges  zurückzulegen,  gewiß  noch 
viel  längera±s  alsj&ie  Strecke  von  der  legislativen  bis  zur 
faktischen  Desegration  in  Amerika.  Von  der  Vergeblichkeit  des 
fortgesetzten  Kampfes  zermürbt,  ging  Ambedkar  1959  kurz  vor 
seinem  Tode  mit  200.000  seiner  Anhänger  zum  Buddhismus  über. 
Das  mag  ihnen  subjektiv  geholfen  haben,  objektiv  aber  nicht  ms 
mehr  als  vielen  ihrer  Leidensgenossen  die  Flucht  in  das  snflffgy 
Christentum  und  in  den  Islam,  da  selbst  Religionwechsel  das 
Benehmen  der  flajorität  gegenüber  den  Untersten  nicht  merklich 
ändert.  Praktische  Besserungen  sind  kaum  zu  entdecken,  im 
§e genteil,  in  den  letzten  X  Jahren  ist  sogar  eine  bisher  noch 
unbekannte  Abscheulichkeit  an  die  Öffentlichkeit  gelangt. 
Nach  einem  von  H.N.C.  Stevenson  zitierten  Bericht  einer 
indischen  Zeitung  gibt  es  in  dem  im  äußersten  Süden  gelegenen 
Tirunelveli  eine  Unterkaste,  die  Purada-Vanan,  die  ein  Hindu 


401 

nicht  einmal  sehen  darf,  weil  er  schon  durch  den  bloßen 
Anblick  unrein  wird.  So  müssen  sie  bei  Tage  unsichtbar  bleiben 
und  dürfen  ihre  Arbeit  nur  nachts  tun.  Diese  soll  im  Waschen  x 
von  Kleidern  der  andern  Unberührbaren  bestehen.  Es  fragt  sich 
u.a.,  warum  in  jener  Gegend  die  etwas  weniger  Geächteten  ihre 
Kleider  nicht  selber  waschen;  vielleicht  zahlen  sie  den  Un- 
sichtbaren dafür  so  wenig,  daß  es  ihnen  lohnt.  Doch  ist  es 
nicht  so  sicher  wie  angenommen  wird,  daß  es  eben  ihre  Beschäf- 
tigung sei,  die  sie  in  efen  solchen  sozialen  Abgrund  gestoßen 
hat.  Mag  sein, daß  ihre  Arbeit  nicht  die  Ursache,  sondern  die 
Wirkung  war,  indem  diese  Gruppe  aus  andern,  vielleicht  spezi- 
fisch rituellen  Gründen,  oder  infolge  eines  politischen  Antago- 
nismus, schon  vorher  derart  hinabgedrückt  gewesen  sein  kann, 
daß  ihr  nur  dieser  Erwerb  übrig  blieb. 

In  meiner  Jugend  konnte  ich,  zusammen  mit  einer  Europä- 
erin und  einem  indischen  Freunde,  eine  köstliche  Stunde  mit 
dem  greisen  Rabindranath  Tagore  verbringen.  Er  ging  mit  väter- 
licher Wärme  auf  jede  prage  und  jeden  Einwand  ein,  solange  von 
allgemeinen  und  abstrakten  Themen  die  Hede  war.  Als  ich  aber 
an  die  Unberührbarkeit  rührte,  antwortete  er  mir,  noch  freund- 
lich, doch  weniger  warm,  etwa  im  folgenden  Sinne:  Junger  Mann, 
es  gibt  doch  Dinge,  die  Sie  nicht  verstehen  können  und  die  wir 
lieber  unerörtert  lassen.  Diese  Haltung  eines  so  freien,  so 
lichten  und  so  liebreichen  Geistes  konnte  ich  nie  vergessen. 
Überdies  mußte  ich  mir  schon  damals  vergegenwärtigen,  daß  ja 
die  großen  Entscheidungen  nicht  nur  von  den  Geistigen,  son- 
dern wohl  nicht  minder  von  der  Masse  abhängen,  und  fühlte  nun 
eine  erstickende  Aussichtslosigkeit.  m&Wi  Gandhi,  dem  ich 
leider  nie  persönlich  begegnete,  erlebte,  lehrte  und  handelte 
anders. Für  ihn  war  das  Unberührbarkeitsdogma  keineswegs  unbe- 
rührbar.  Dieser  Unvergleichliche,  der  einmal  seine  Juristerei 
an  den  Nagel  gehängt  hatte?  und  Staßenkehrer  geworden  war, 
stieg  ganz  in  die  Tiefe  der  sozialen  und  menschlichen  Not 
hinab,  wie  Faust  zu  den  Müttern.  Doch  stellte  er  die  Einheit 
der  Nation  über  alles.  Als  nach  einer  Erklärung  Ambedkars  vor 
einer  britischen  Kommission  den  Unberührbaren,  die  Gandhi 
"Eaj^^L92)  ^mt&9  eisene  Wahllisten  zugebilligt  wurden, 

32)  Die  übliche  Ubersetzung  "Gotteskinder"  ist  insofern 
richtig,  als  die  dritte  Silbe,  dem  lateinischen  genus, 
eigrifi-pft .  und  dessen  europäischen  Derivaten  stammverwandt, 


402 

Nachkommenschaft  bedeutet.  Doch  Hari  ist  einer  der  Namen 
des  Gottes  Vishnu.  Hari  ,i  an  ist  im  Begriffe,  sich  in 
Indien  als  höflicherer  Sammelname  oder  doch  Euphemismus 
statt  der  bisherigen  Namen  für  alle  unbe rührbaren  Kasten 
einzubürgern,  während  man  die  Bezeichnung  Untouchables 
trotz  der  fortgesetzten  Praxis  lieber  vermeidet.  Vielleicht 
kann  die  in  der  Umgehung  des  Wortes  zum  Ausdruck  kommende 
Verschämtheit  als  gutes  Omen  für  die  künftige  Entwicklung 
gedeutet  werden. 

Z/Ix. 

drohte  Gandhi  bis  zum  Tode  fasten  zu  wollen»  wodurch  er  einen 
Kompromiß  erzwang.  Doch  weder  die  Beiden  noch  Wahlen  und  alle 
Errungenschaften  im  neuen  Indien  haben  der  Tragödie  ein  Ende 
gesetzt.  Die  Apologeten  machen  sich  in  ihren  Schilderungen 
der  Regierungshilfe  für  die  Haridschan  unverantwortlicher 
Übertreibung  schuldig,  indem  sie  von  ohnedies  völlig  unzuläng- 
lichen Programmen  so  sprechen,  als  wären  sie  bereits  durch- 
geführt und  die  grauenhafte  Unmenschlichkeit  so  darstellen, 
als  ob  sie  der  Vergangenheit  angehörte.  Sie  besteht  fort  und  z 
ruft  die  Menschheit  zu  einer  Lösung  auf,  die  nicht  nur  den 
40  Millionen  Unbe rührbaren,  sondern  auch  den  20  Millionen  jener 
verfemten  Stämme  Erlösung  aus  ihrer  untermenschlichen  Lage 
bringen  würde. 

Prüfen  wir  nochmals  die  Möglichkeiten  für  die  nahe  Zukunft 
wie  die  Aussichten  des  Religionswechsels.  Es  ist  ja  nicht  er- 
mutigend, daß  jene  20  Millionen  sowieso  nicht  Hindus  sind, 
sondern  Anhänger  einer  ziemlich  primitiven  Naturreligion,  oder 
mehrerer  Kulte  dieser  Ar t . ZHg±s±Bta  Trotz  den  äußerst  schwachen 
Ergebnissen  der  Eintritte  in  die  Gemeinschaften  der  kastenlosen 
Religionen  wäre  ein  wirklicher  sozialer  Erfolg  immerhin  denkbar 
doch  nur  unter  der  Voraussetzung,  daß  diese  Religionsgemeinesda 
Schäften  in  einigermaßen  geschlossenen  Territorien  gesellschaft- 
liche Majoritäten  aufbauen  könnten  oder  wenn  auch  nur  eine  von 
ihnen  das  zustande  brächte.  Eine  Renaissance  des  in  seinem 
Heimatlande  bis  zur  Bedeutungslosigkeit  verfallenen  Buddhismus 
oder  ein  innerer  Umbau  des  ihm  in  manchen  Beziehungen  geistes- 
verwandten Jainismus  wäre  theoretisch  aussichtvoll,  wenn  diese 
Kirchen  einen  solchen  Aufstieg  erhoffen  könnten,  wofür  aber 

gegenwärtig  kein  Anzeichen  zu  entdecken  ist.  Auch  die  seit  den 
Eroberungen  der  Moghulen  zum  Islam  bekehrten  Minoritäten  im 

eigentlichen  Indien  haben  nicht  v/enig  vom  alten  Kastengeist 

bewahrt,  sodaß  wip  eine  mohammedanische  Lösung  unserer  Frage 

nicht  erwarten  können.  Hingegen  scheinen  dem  Christentum 

gewisse  Möglichkeiten  offenzustehen;  u.zw.  weniger  dem  Prote- 


4-03 

stantismus,  der  in  seiner  rationalistischen  Haupttendenz 
der  Mentalität  der  meisten  Inder  weniger  entspricht,  als 
dem  Katholizismus,  dessen  Mystizismus,  soweit  er  nicht  durch 
Modernisierung  verblaßt  ist,  indischem  Geiste  affin  erscheint. 
Vom  Standpunkt  der  beklagenswertesten  Bewohner  Indiens  war  es 
also  bedauerlich,  daß  ein  kurzer  Besuch  Papst  Paul  VI.  bisher 
keine  sichtbaren  Früchte  trug.  Das  aber  könnte  auch  im  besten 
Falle  nur  ein  langer  Prozeß  der  Einwurzelung  des  Christentums 
in  Indien  bewirken,  und  es  ist  allzu  schwer,  von  den  Unberühr- 
baren  noch  weitere  und  unabsehbar  lange  Geduld  zu  verlangen. 

So  scheinen  sie  nur  die  eine  nahe  Aussicht  zu  haben, 
die  der  Kommunismus  ihnen  bietet.  Sehen  wir  davon  ab,  daß 
innerhalb  dieser  Kasten  ein  massenhafter  Hang  zum  Kommunismus 
vorderhand  nicht  aufgekommen  zu  sein  scheint.  Zögernde  oder 
ablehnende  Haltung  wird  auf  Propaganda,  oder  noc Einfacher,  sh 
auf  Mangel  sssMsEgB±  an  Bekanntschaft  mit  politischen  Ideen  Sk 
überhaupt  zurückzuführen  sein.  Lassen  wir  auch  die  Frage  der  iE 
Neigung  dahingestellt  und  betrachten  wir  nur  das  Problem  des 
objektiven  Wertes  einer  kommunistischen  Lösung.  Es  unterliegt 
keinem  Zweifel,  da^  auch  ein  kommunistisches  Indien  das  alte 
Ungeheuer  nicht  über  Nacht  aus  der  Welt  schaffen  könnte;  aber 
keine  Kraft  könnte  das  rascher  und  radikaler  vollbringen. 
Wenn  wir  an  diese  heikle  Frage  also  nicht  parteiisch  herangehen, 
wie  es  in  Ost  und  West  üblich  ist,  sondern  von  dem  grundver«E&E 
schiedenen  Standpunkt  praktischer  Menschlichkeit,  ist  Indien  s 
wohl  das  erste  jener  Länder,  für  die  der  Kommunismus  eine  ange- 
messene Lösung  bildet.  Denn  nicht  ein  abstrakt  verallgemeinern- 
der und  wahlloser  Entschluß  über  Kapitalismus  oder  Kommunismus 
kann  ein  Ziel  praktischer  Menschlichkeit  sein,  sondern  adSquate 
und  sinngemäße  Anwendung,  die  jedem  Lande  und  Volke  geben  soll, 
was  es  braucht.  So  fremd  der  Kommunismus  dem  satten  Westen  ist 
und  so  stark  der  Widerstand  wäre,  auf  den  er  dort  bei  den  weit- 
aus Meisten  stoßen  würde,  so  sehr  braucht  ihn  Indien  zur  Lösung 
seiner  spezifischen  Fragen.  In  naher  Zukunft  könnte  es  im 
Prinzip  sowohl  der  russische  als  auch  der  chinesische  Kommunis- 
mus sein,  denn  für  die  praktische  Menschlichkeit  wäre  selbst  ± 
dieser  heute  eine  Welt  erregende  Unterschied  eine  so  zweitrangi 
ge  Frage  wie  eine  Entscheidung  Indiens  zwischen  Katholizismus 

und  Protestantismus.  Es  ist  eine  jener  Fragen,  die  irgendwann 
gelöst  v/erden  müssen,  ohne  aber  in  Zuständen  der  dringenden 


404 

Hilfsbedürftigkeit  im  Vordergrund  Platz  zu  finden.  Im  gegen- 
wärtigen Wettbewerb  zwischen  den  Kommunismen  der  Sowjetunion 
und  China  spricht  natürlich  das  in  den  Grenzgebieten  vergos- 
sene und  noch  allzu  frische  Blut  mit.  So  neigt  sich  die  Waage 
zu  Gunsten  der  Sowjetunion,  Wie  immer  dem  sei,  kann  unter  der 
bescheidenen  Voraussetzung,  daß  menschliche  Intelligenz  immer 
noch  höher  zu  schätzen  ist  als  die  der  Bomben,  der  neuen  und 
der  alten,  die  Behauptung  gewagt  werden,  daß  die  Übergabe  von 

Territorien  an  eine  kommunistische  Verwaltung  sich  auf  Grund 

eines  internationalen  Übereinkommens  friedlich  vollziehen 

kann.  Es  braucht  sich  durchaus  nicht  um  ganz  Indien  zu  handeln, 

sondern  nur  um  bestimmte  Bezirke,  innerhalb  deren  kommunistieE 

sehe  Gesellschaften  aufgebaut  werden  könnten.  Aussichtsvolle 

Ansätze  zu  einer  solchen  Entwicklung  existieren  bereits  93)« 

93)Die  Majorität  des  indischen  Staates  Kerala,  der  den 
Westen  der  Südspitze  einnimmt,  mit  der  Hauptstadt 
Trivandrum,  etwa  17  Millionen  Einwohnern  und  dem  im 
Vergleich  mit  ganz  Indien  geringsten  Prozentsatz  an 
Analphabeten, hat  zum  zweiten  Mal  kommunistisch  gewählt, 
ohne  daß  die  prozedurale  Korrektheit  beider  Wahlen 
angefochten  werden  konnte.  Der  im  äußersten  Osten  Indiens 
am  Gangesdelta  liegende  Staat  West-Bengalen,  mit  35  Mil- 
lionen Einwohnern  und  der  Hauptstadt  Kalkutta,  hat  seit 
den  neuesten  Wahlen  gleichfalls  eine  kommunistische 
Majorität.  Die  Erbitterung  über  die  extrem  Reichen,  die 
den  Kampf  gegen  den  Hunger  der  Auslandshilfe  überlassen, 
mag  dazu  nicht  wenig  beigetragen  haben. 

Eine  reifende  komuiunistische  Bewegung  in  Indien  würde  vielisxsfa: 
leicht  Unabhängigkeit  sowohl  von  Peking  als  auch  von  Moskau 
erlangen  und  einen  eigenen  Typus  von  Ideologie  und  Verwaltung 
entwickeln,  der  indische  Tradition  organisch  einbeziehen 
würde,  doch  ohnedem  Egoismus  der  oberen  Klassen  entstammen- 
den Übel.  Unter  solchen  Umständen  würden  die  Geächteten  von 
gestern  und  heute  bald  zur  Entfaltung  ungeahnter  konstruktiver 
Fähigkeiten  gelangen,  als  geachtete  und  beliebte  Mitglieder 
gE&4Ug&^ffigii«iH|«  unserer  Familie,  der 

Menschheit. 

Erwägungen  über  eine  so  radikale  und  doch  friedliche 
fe§Ä§  mögen  ^gj^Qck  utopisch  klingen,  weil  unsere  uncoro 
auf  die  Ideale  des  Krieges  und  der  Heldenverehrung  gegründete 
Erziehung  nachhaltige  Folgen  hinterlassen  hat.  Wer  sich  auch  h 
nur  in  dem  Maße  befreit  hat,  daß  er  sich  außer  Massenmord 
noch  andere  Lösungen  der  zwischen  Menschengruppen  bestehenden 
Fragen  vorstellen  kannx  und  eine  umfassende  Friedenskonferenz 


405 

ohne  Krieg  nicht  lächerlich  noch  sinnlos  findet,  wird  im 
Vertrauen  auf  menschliche  Einsicht  und  menschlichen  Lebens- 
willen auch  diese  Frage  nicht  länger  unberührbar  finden  und 
an  ihrer  Untersuchung  unvoreingenommen  teilnehmen. 

Innerhalb  einer  organisch-territorial  geteilten  Gesell- 
schaft könnte  sich  dann  auf  iSST indischen  Subkontinent  eben 
das  vollziehen,  was  äEKxgK&x  einer  vernünftig  geteilten 
Gesellschaft  auch  anderer  Kontinente  Krieg  und  Vernichtung 
ersparen  und  das  Heil  schöpferischer  Entwicklung  bringen 
würde:  ungestörte  Nachbarschaft,  Leben  nicht  mit  einander, 

aber  bei  einander,  und  Umwandlung  der  feindlichen  Energien 
in  friedlichen  Wettbewerb. 

*  Die  arabischen  Staaten  und  die  Existenz  Israels 

Besser  wenig  durch  Recht 

Als  reicher  Ertrag  gesetzlos. 

Proverbia  16,8 

Besser  ist  ein  Langmütiger  als  ein  Held, 
Besser  wer  sich  beherrscht  als  der  Eroberer 

einer  Stadt. 

Ebenda,  16,32 

Obzwar  niemand  Schweden  in  schwedischen  Fragen  für 
inkompetent  hält  oder  Griechen  Urteilsfähigkeit  in  griechischen 
Belangen  abspricht,  mit  der  Begründung,  sie  seien  befangen, 
hätte  ich  diesen  Abschnitt  lieber  ungeschrieben  gelassen, 
wenn  er  nicht  unumgänglich  notwendig  geworden  wäre.  So  muß  ich 
meinen  Willen  zur  Objektivität  noch  auf  diese  harte  Probe 
stellen» 

Nicht  Tatsachen  als  solche  bilden  den  Inhalt  dieser 
Schrift,  zumal  unmittelbarer!  Zeitgenossen  alle  Informations- 
quellen offenstehen;  und  wenn  es  Spätere  geben  wird,  werden 
sie  über  die  uns  geläufigen  Ereignisse  nach  Belieben  nachlesen 
können.  Hier  soll  die  Kenntnis  der  Geschehnisse  daher  eher 
vorausgesetzt  sein  und  nur  durch  knappe  Hinweise  sollen  sie 
erwähnt  werden,  während  ihre  Analyse  und  ihr  Einbau  in  eine 
Betrachtung  der  Zeit  die  Aufgabe  bilden.  Es  sei  vorweggenommen, 
daß  die  folgenden,  auch  in  dieser  Frage  nur  vom  eigenen  Gewis- 
sen bestimmten  und  in  menschheitlichem  Interesse  unternommenen 
Erörterungen  und  deren  Ergebnisse  keinem  der  Beteiligten  unge- 
trübte Freude  bringen  werden,  nicht  Ägypten  mit  den  verbündeten 


Das  Martyrium  der  Zigeuner 

Keiner  hat  "bisher  errechnet,  wieviel  gestorbene  Völker 
erkennbare  Spuren  ihrer  einstigen  Existenz  hinterlassen  haben; 
und  völlig  vage  wird  unsere  Vorstellung,  wenn  wir  uns  zu  ver- 
gegenwärtigen versuchen,  wieviele  Völker  späterem  Gedächtnis 
gänzlich  entschwunden  sein  mögen«  Doch  gibt  es  heute  auch 
ethnische  Gruppen,  von  denen  man  den  erschütternden  Eindruck 

hat,  daß  sie  untergegangenen  Welten  angehören  und  nur  dank  uner- 
r 

f oschlichen  Umständen  oder  vermöge  unerklärlicher  innerer  Kräfte 
noch  fortleben.  Ein  solches  Volk  sind  die  Zigeuner,  heimatlos, 
seit  Jahrhunderten  oder  gar  -Jahrtausenden  immerzu  wandernd, 
ohne  Unterlaß  gehaßt  und  schonungslos  verfolgt,  mit  oder  ohne 
Beschuldigungen,  Als  in  Auschwitz  und  andern  Todeslagern  ihr 
heroischer  Widerstand  von  den  deutschen  Waffen  gebrochen  war 
und  die  meisten  bis  zur  Wehrlosigkeit  verwundet  und  verblutend 
mit  ihren  Frauen  und  Kindern  in  die  Gaskammern  ge zerrt  und  gesto- 
ßen wurden,  in  dieselben,  in  denen  Millionen  Juden  den  Märtyrertod 
erlitten,  war  das  nur  der  Höhepunkt  der  Leidensgeschichte  unzäh- 
liger Generationen  von  Zigeunern,  Ob zwar  fast  überall  noch  viele 
leben  und  es  auch  einige  Literatur  über  sie  gibt,  sind  sie  doch 
das  geheimnisvollste  aller  lebenden  Völker,  Gewiß  war  es  eben 
dieses  Geheimnis  ihres  Wesens  und  Daseins,  das  zugleich  mit  Ver- 
leumdung und  widerspruchsvollen  Anglagen  die  Schrecken  der  nie 
endenden  Verfolgung  noch  vertiefte.  Und  diese  ist  noch  nicht 
vorüber.  Selbst  in  den  fortschrittlichsten  Ländern  sind  sie  von 
sadistischen  Gesetzen  niedergehalten  und  zu  Übeltätern  oder 
Verbrechern  gestempelt. 

Die  bisherigen  Bemühungen  um  Aufklärung  ihres  Ursprungs 
und  ihrer  Frühgeschichte  sollten  nicht  aufgegeben  werden.  Mehre- 
re Umstände,  auch  sprachwissenschaf tlichey  Belege,  die  oft  deutlich 


auf  Sanskrit-Stämme  hinweisen,  sprechen  immer  noch  für  die  Herkunft 
dieses  Volkes  aus  Indien,  und  zu  dem  bekannten  Material  ließe  sich 
neues  hinzufügen.  Es  ist  unwahrscheinlich,  daß  sie  von  den  dravid.i- 
schen  Ureinwohnern  Indiens  abstammen,  die  vom  arischen  Eroberervolk 
teils  in  die  untersten  Schichten  seines  Kastensystems  hinabgedrückt, 
teils  in  den  äußersten  Süden  gedrängt  wurden«  Aber  zu  jenen  dem 
Hinduismus  nicht  angehörenden  Stämmen  im  heutigen  Indien,  die 
jedoch  durch  ihre  Abstammung  Verwandte  der  indischen  Majorität 
sind*  (3.      ),  führen  unverkennbare  Spuren.  Beide  Gruppen  weisen 
Hasse nmerkmale  von  seltener  Reinheit  auf  und  haben  matriarchali- 
sche Traditionen  gemeinsam« 

Doch  so  erwünscht  weitere  Forschungen  auch  wären,  dringend 
sind  sie  keineswegs.  Es  ist  das  rechtlose  Leben  dieser  Menschen, 
das  zur  unaufschiebbaren  Forderung  wird,  zu  einer  der  elementaren 

Aufgaben  für  unsere  Friedenskonferenz  ohne  Krieg.  Noch  vor  der  irm^r 

-  ,  sollte 

umlassenden  Aköion  für  unser  Aller  Fortbestand -js&aa&e  aber  kom- 
petente Prüfung  des  Zigeunerproblems  beginnen,  das  ein  Problem 
unserer  würde  ist.  Rechtlose  Menschen  und  rechtlose  ethnische 
gruppen  darf  es  nicht  länger  geben.  Die  schlimmsten  der  zigeunerest 
feindlichen  Gesetze,  die  keine  interne  Angelegenheit,  sondern 
eine  intenationale  Schmach  sind,  müssen  unverzüglich  in  die 
?ag es Ordnung  der  Vereinigten  Nationen  aufgenommen  werden. 


Staaten,  noch  Israel,  und  weder  ebsts  kommunistischen  Lager  noch 

&±e  Westmächt ea» 

Im  Lehen  der  Individuen  rühren  zahllose  Tragödien  und 

Katastrophen  von  Mißverständnissen  her  94).  Leider  trifft  das 

94)  Darauf  beruht  ein  guter  Teil  der  gesamten  dramatischen 
Literatur;  eines  meiner  Dramen  ist  ganz  diesem  Thema 
gewidmet, 

auch  für  die  Biographien  der  Völker  und  für  die  Chronik  ihrer 
Beziehungen  zu.  Solchen  Mißverständnissen  ist  eine  schier 
unglaubliche  Zähigkeit  eigen.  Über  die  alten  Irrtümer,  von 
denen  sie  stammen,  wachsen  sie  als  wirkende  historische  Faktoa? 
ren  hinaus,  sodaß  ihre  Herkunft  in  Vergessenheit  gerät.  Die 
ItsFortbildung  des  Mißverständnisses  vollzieht  sich  in  einem 
Zustand  der  Amnäsie,  die  oft  genug  durch  Feierziehung  und 
propagandistische  Irreführung  systematisch  prolongiert  und 
hoffnungslos  abgedichtet  wird.  Vermöge  eigenen  Erkennens 
oder  hoher  Bildung  können  Einzelne  sich  dieser  wie  jeder  andern 
Verblendung  entwinden,  aber  auf  die  Massen  gewinnen  solche 
Personen  selten  Einfluß;  das  geschieht  nur  in  Zeiten  besonde- 
rer Konjunkturen,  die  den  Durchschnittsmenschen  vorübergehend 
zugänglicher  machen.  Doch  pflegen  solche  Aufhellungen  allzu 
ephemer  und  oft  von  noch  tieferem  Dunkel  gefolgt  zu  sein. 

Im  20.  Jahrhundert  sind  die  Beziehungen  zwischen  der 
arabischen  Nation  und  der  jüdischen  Nation  zu  eitenem  traurigen 
Schulbeispiel  beiderseitiger  Verständnislosigkeit  geworden. 
Jenem  jüdischen  Einwanderer  aus  Europa,  der  es  in  Israel  nur 
zu  einem  kleinen  Laden  gebracht  hat,  sind  durch  Reflexe  der 
hebräischen  Literatur  oder  zumindest  durch  das  Medium  der 
Liturgie  antike  Erinnerungen  genug  gegenwärtig, daß  er  das 
Land  mit  dem  Boden  seiner  Ahnen  auch  ohne  moderne  Propaganda 
identifiziert.  Auch  wenn  die  untermenschlichen  Lebensbedingung 
gen  der  Nazizeit  ihn  zum  Ignoranten  und  geistig  obdachlosen 
Flüchtling  gemacht  haben,  hat  er  das  Gefühl  einer  Verbundenheit 
mit  historischen  Werten  nicht  ganz  verloren.  Aber  vom  Nachbarv 
volk  hat  er  eine  nicht  nur  vage,  sondern  völlig  verdrehte  Vor- 
stellung, an  der  Propaganda  in  seinem  Lebensbereich  nicht  un- 
schuldig ist.  Er  sieht  nur  wilde,  raubgierige,  verbrecherisch 
gesinnte  Halbmenschen  und  empfindet  die  rassenmäßige  Verwandt- 
schaft mit  ihnen  als  Makel.  Er  deutet  ihre  Existenz  als  barbari- 
sches Eindringen  in  das  Land  seiner  Väter  und  trachtet  danach, 


407 

sein  Land  von  diesen  Fremden  zu  befreien,  Wohl  lernen  seine 
Kinder  in  der  hebräischen  Schule,  daß  diese  Wilden  einmal 
stolze  Königreiche  einnahmen,  viele  Bücher  schrieben  und  von 
Weisen  belehrt  wurden;  aber  mit  den  handgreiflichen  Erfahrun- 
gen kann  er  sich  das  nicht  zusammenreimen. 

Auf  der  andern  Seite  steht  es  mit  dem  Verständnis  keines- 
falls besser.  Der  arabische  -^auer  ist  auf  seiner  Scholle  gebo- 
ren und  hat  sie  weder  je  verlassen  noch  je  einen  solchen  Wunsch 
gehabt.  Auch  seine  Großeltern  und  deren  Großeltern  haben  da 
gelebt  und  nie  ist  ihm  in  den  Sinn  gekommen,  daß  es  nicht 
seit  der  Erschaffung  der  Welt  so  war.  Erst  unlängst  tauchten 
fremdartige  Leute  auf,  die  aus  Europa  sein  sollen,  aber  sie 
entfernen  sich  nicht  wieder  wie  andere  Fremde,  Und  dann  behaup- 
ten sie  noch,  es  sei  ihr  Land,  sie  seien  schon  viel  früher 
da  gewesen.  Sie  wollen  auch  alles  kaufen  und  rauben,  so  muß 
man  sie  eben  vertreiben.  Unblutig  wollen  sie  nicht  hinaus, 
darum  muß  man  so  viele  von  ihnen  niedermachen,  bis  sie  Alle 
verstehen,  daß  sie  im  Lande  nichts  zu  suchen  haben.  Eines 
Tages  aber  lassen  sie  sich  nicht  mehr,  schwingen  sich  zu 
Herren  auf,  man  muß  sie  bekriegen,  und  der  Krieg  ist 
natürlich  heilig. 

Gewiß,  wer  die  Tragödien  der  Gegenwart  gewollt  hat 
oder  sie  für  notwendig  hielt,  war  an  anständiger  Aufklärung  zx 
über  die  andere  Seite  nicht  interessiert.  Das  Fischen  im  Trüben 
versprach  bessere  Erträge.  Nach  drei  Kriegen  ist  das  System 
wohl  bakrott  genug,  aber  man  setzt  es  fort,  und  das  paßt  auch 
weitaus  Mächtigeren. 

Denn  genau  so  wie  der  arme  Bauer,  der  sein  Analphabetentum 
erst  in  dieser  Generation  abzustreifen  beginnt,  haben  arabische 
Intellektuelle  vor  den  VH  gesprochen:  Die  zionistischen  Horden 
haben  in  Palästina  keinerlei  Rechte,  sie  sind  Eindringlinge 
aus  Europa,  die  nie  im  arabischen  Palästina  waren  und  wieder  x 
v/eg  müssen,  und  man  wolle  sie  nicht  kennen  und  finde  keinen 
Grund,  mit  ihnen  zu  verhandeln.  Auch  nach  diesem  Krieg  brauche 
man  mit  ihnen  nicht  Frieden  zu  schließen.  Sie  haben  alles  nur 
geraubt.  Sie  haben  es  zurückzugeben  und  irgendwohin  zu  ver- 
schwinden. Jedenfalls  haben  sie  sich  von  ihren  neuesten 
militärischen  Besitzergreifungen  zurückzuziehen. 

Gewiß,  es  ist  ein  lichtvoller  Gedanke,  daß  der  Eroberer  * 


408 

das  Eroberte  zurückgeben  soll  und  die  Früchte  eines  Sieges 
nicht  genießen  darf .Wenn  dieses  sittliche  und  zugleich  den 
realen  Notwendigkeiten  gemäße  Prinzip  sich  durchsetzte,  auch 
von  den  Großmächten  klar  und  verpflichtend  adoptiert  würde 
und  Gemeingut  wäre,  wären  wir  schon  auf  halbem  w©ge^zu  men- 
schenwürdigem Zusammenleben.  Der  Krieg  würde  danF*herrlichen 
Prinzip  einen  Großteil  seiner  Anziehungskraft  verlieren, 
würde  nicht  mehr  lohnen.  Es  ist  doch  unwahrscheinlich,  daß 
jemand  noch  ein  Verbrechen  beginge,  das  keinen  Ertrag  mehr 
verspräche.  Im  gegebenen  Falle  ist  nur  gegn  die  Methode  der 
Anwendung,  der  recht  unv/ählerisch  mit  ethisch  unhaltbaren 
Mitteln  und  mit  höchster  Vehemenz  versuchten  Anwendung  des 
Prinzips  etwas  zu  sagen«  Man  mußt? schon  in  einer  emotionalen^ 
Verfassung  sein  wie  die  arabischen  Politiker  nach  dem 
Zusammenbruch  ihrer  jahrelang  entwickelten  Kriegspläne, 
oder  in  einer  durch  eine  unerwartete  Lage  geschaffenen 
Bedrängnis  wie  die  russischen  Führer,  um  einen  aller  Welt 
bekannten  Sachverhalt  so  darzustellen  wie  sie  es  tun  und  eine 
solche  Darstellung  zur  Grundlage  ihrer  diplomatischen  Offensive 
zu  machen.  Wird  Israel  dadurch  zum  Angreifer,  daß  man  diese  M 
Beschuldigung  durch  tausenr'ache  Wiederholung  allen  Gehirnen 
einzuhämmern  sucht,  bis  man  es  womöglich  selber  glaubt? 

Wenn  einer  von  Bewaffneten  umzingelt  ist  und  diese  ihre  ff 
Waffen  gegen  ihn  erheben,  kann  er  sich  nur  verloren  geben  oder 
sich  durch  sofortigen  Gegenangriff  verteidigen.  Selbst  wenn  auch 
er  bewaffnet  ist,  wird  er  gegen  mehrere  nur  schwache  Aussichten 
haben.  Diese  Tatsache  genügt  an  sich,  einem  unvoreingenommenen 
Richter  zu  zeigen,  daß  er  in  Notwehr  gehandelt  hat,  auch  wenn 
er  den  Angreifern  durch  den  ersten  Schuß  zuvorgekommen  ist. 
Man  sollte  meinen,  daß  ein  Normalmaß  an  Unvoreingenommenheit 
ausreiche,  um  diesen  Sachverhalt  zu  erkennen  und  anzuerkennen. 
Nur  daß  in  der  gegebenen  Lage  von  den  VN  Meinungsbildung, 
Meinungsaustausch  und  Entscheidung  in  solchem  Geiste  nicht  zu 

erhoffen  war.  Ob  eine  Behauptung  richtig  oder  falsch  befunden 
wird,  ob  Vorgänge  und  Handlungen  als  verwerflich  verurteilt 
oder  als  verdienstlich  gefeiert  werden, hängt  gerade  vor  diesem 
zu  vorbildlicher  Objektivität  berufenen  Forum  recht  wenig  von 
der  Richtigkeit  einer  Aussage  ab,  SS  ihrer  tibereinstimmung 
mit  einer  Realität  oder  von  der  an  sich  positiven  oder  negativ 

ven  ethischen  Werthaf tigkeit  von  Aktionen  und  Reaktionen. 


409 

Das  Kriterium  jeder  Angelegenheit  liegt  für  die  meisten 
Delegierten  ausschließlich  in  den  Interessen  ihrer  Regierungen» 
Was  für  diese  günstig  ist,  wird  mit  aller  lÄacht  gefordert 
und  gefördert,  was  ihren  Wünschen  und  Bestrebungen  zuwider- 
läuft, wird  bekämpft.  So  ist  die  UNO  leider  ein  diplomatischer 
Kriegsschauplatz  geworden,  statt  daß  das  Majoritätsprinzip 
in  ihr  zu  unbestechlicher  und  maximal  würdevoller  Rechtspre- 
chung führen  würde.  Nur  in  den  Motivierungen  sucht  man  sich 
auf  die  meritorische  Substanz  der  Sache  zu  stützen,  folgt  aber 
auch  darin  der  Tendenz,  die  im  voraus  festgelegt  ist. 

Trotz  dieser  beklagenswerten  Wirklichkeit  sollte  man  noch 
hoffen  dürfen,  daß  die  Delegierten  der  an  der  jeweils  behandel- 
ten Angelegenheit  nicht  direkt  interessierten  Regierungen 
die  Dinge  wie  sie  sind  tendenzlos  zu  sehen  und  zu  beurteilen 
fähig  und  bereit  sind.  Um  uns  eines  solchen  Restes  an  Illusion 
nen  zu  entledigen,  brauchen  wir  uns  nur  zu  erinnern,  daß 
selbst  diese  Erwartung  nur  in  Ausnahmsfällen  eintrifft.^  oino 
solche  Qualität  kann  der  Haltung  Kanadas,  bzhw,  dem  percönliefa 
chon  Verdienst  Lester  Pearsons  und  Paul  Martine  zuerkannt 
wordon*  In  den  meisten  Fällen  scheinbarer  Neutralität  nehmen 
indirekte  Interessen  den  Platz  der  direkten  ein  und  man 
findet  es  vorteilhafter,  ein  Stimmrecht  als  **andelsob jekt  zu 
benützen,  wofür  zumeist  weder  eine  schriftliche  noch  auch  eine 
mündliche  Abmachung  nötig  ist,  denn  der  Anspruch,  den  man  durch 
die  Abgabe  einer  Stimme  zu  Gunsten  einees  Antrages  erwirbt, 
kann  als  stillschweigend  gutgeschrieben  gelten  und  früher  oder 
später  ergibt  sich  eine  Gelegenheit,  eine  Gegenleistung  ebenso 
stillschweigend  einzukassieren.  Daraus  ergibt  sich  der  Schluß, 
daß  die  Verhandlungen  vor  dem  Weltforum  das  normale  Niveau  s±s 
eines  ordentlichen  Gerichtes  noch  nicht  erreicht  haben.  Auch 
theoretisch  nicht,  da  jeder  ein  Ankläger  oder  Angeklagter, 
ein  Staatsanwalt  oder  Verteidiger,  und  zugleich  Richter  sein  k 
kann.  Auch  die  als  selbstverständlicher  Brauch  allgemein  hin- 
genommene Blockbildung,  das  programmatisch-taktische  Einverneh- 
meojzwischen  Regierungen,  ist  objektiver  und  verantwortlicher 
Meinungsbildung  drastisch  abträglich.  Um  dessen  Paradoxie 
ermessen  zu  können,  muß  man  sich  nur  die  Absurdität  derartiger 
Abmachungen  zwischen  Richtern  vorstellen. 

In  dieser  Schrift  3$(Sf  ich  "bcsssddxs:  auf  noch  unerfüllte 

hin, 

Aufgaben  des  Haager  Gerichtshofes  ZstiS&VQfce&exx,  mit  der 


410 

besondern  Absicht,  dessen  Ausbau,  Erweiterung  und  vor  allein 
weitgehende  Aktivierung  zu  beantragen.  Unter  dieser  Voraus«s±x 
setzung  könnten  dem  internationalen  Gerichtshof         in  erster 
Linie  eine  Anzahl  von  Agenda  übergeben  werden,  die  bisher  dem 
Sicherheitsrat  und  der  Vollversammlung  vorbehalten  waren.  Die 
von  den  prozeduralen,  psychologischen  und  faktischen  Eigen- 
heiten dieser  Institutionen  völlig  verschiedenen  Prinzipien 
und  Methoden  des  Gericht-es  wären,  abgesehen  vom  Charakter 
echter  Richter  und  der  ihnen  eigenen  Auffassung,  die  bestmögli- 
che Gewähr  für  die  rechte  Behandlung  von  Aufgaben  wie  z.B. 
Peststellungsurteilen.  Zur  Erlangung  solcher  sollte  jede3£ 
Mitglied-Nation  dem  Gericht  nach  Gutdünken  Fragen  vorlegen 
dürfen,  aber  dem  Gericht  stünde  das  Recht  zu,  die  Fragen 
selbst  zu  modifizieren.  Ich  bin  fest  überzeugt,  daß  eine 
Frage  wie  die,  wer  der  Angreifer  sei,  im  internationalen 
Gerichtshof  gründlicher,  objektiver  und  kompetenter  behandelt 
werden  würde.  In  dringenden  Angelegenheiten  sollte  dem  Sicher- 
heitsrat das  Recht  zu  einstweiligen  Verfügungen  gewahrt  bleiben, 
doch  dürften  diese  für  den  Gerichtshof  nicht  bindend  sein. 
Auf  Grund  seiner  Feststellungsurteile  wären  von  der  General- 
versammlung und  vom  Sicherheitsrat  Lösungen  zu  erwarten, 
denen  ein  gewisses  Maß  an  Objektivität  gesichert  wäre.  Die 
Feststellungsurteile  hätten  also  zur  Voraussetzung  der  Verhand- 
lungen und  Entscheidungen  zu  v/erden,  analog  der  geteilten  Vera 
antwortung  innerhalb  der  Geschworenen-Gerichte;  nur  daß  die 
Funktionen  umgekehrt  verteilt  wären,  da  im  internationalen 
Gericht  den  Berufsrichtern  die  Aufgabe  der  Meinungsbildung 
auf  Grund  ihres  Wissens  und  Gewissens  zufiele. 

Für  die  Sowjetunion  schien  in  den  diplomatischen  Nachwehai 
des  arabisch-israelischen  Krieges  selbst  eine  relative  Objekti- 
vität im  voraus  unerreichbar.  Während  Amerika  in  den  Fragen  des 
-Nahen  Ostens  keinen  Grund  hatte,  gegen  eine  der  streitenden 
Parteien  schamlos  parteiisch  vorzugehen,  bzhw.  selbst  ganz 
Partei  zu  werden,  war  die  Sowjetunion  in  dieser  Sache  von 
vornherein  zu  allseitiger  Unfreiheit  verurteilt.  Durch  ihre  $sc 
Hauptrolle  in  der  Finanzierung  und  Planung  der  Riesenarbeit 
von  Assuan  und  durch  die  Ausstattung  Ägyptens  und  auch  Syriens 
mit  hochmodernen  Luftflotten  und  einer  vielfach  übertriebenen 

Bewaffnung  für  ihre  Landarmeen,  die  diese  trotz  allem  Training 

nicht  zu  benützen  wußten,  war  der  russische  Standpunkt 


411  &m 

bereits  unverrückbar  festgelegt.  Israel  mußte  als 
Angreifer  gebrandmarkt  werden,  damit  es  nach  Tunlichkeit 
auch  verurteilt  werde,  Milliarden  an  Entschädigungen  zu 
bezahlen,  um  die  USSR  direkt  oder  indirekt  für  das  zerschla- 
gene und  erbeutete  Kriegsgerät  wenigstens  teilweise  schadlos 
zu  halten.  Zugleich  war  die  Sowjetunion  infolge  der  nun  ein- 
mal übernommenen  Berater-  und  Beschützerrolle  verpflichtet, 
den  Arabern  die  militärisch  verlorenen  Territorien  diploma- 
tisch zurückzuerobern.  Darin    aber  standen  die  Russen  nicht 
nur  unter  dem  genügend  peinlichen  Druck  von  60  Millionen 
Arabern,  sondern  auch  unter  dem  von  750  Millionen  Chinesen. 
Da  diese  nicht  herbeigerufenen,  doch  aus  der  Perne  wirkenden 
Partner  den  willkommenen  Stoff  sofort  aufgriffen,  um  die 
für  die  Araber  so  übereifrigen  Sowjets  noch  des  Verrats  an 
jenen  und  des  Paktierens  mit  Amerika  zu  beschuldigen,  natür- 
lich nicht  nur  gegen  China,  sondern  auch  gegen  die  Araber, 
mußte  womöglich  noch  radikaler  alles  getan  werden,  um  den 
mächtigen  Konkurrenten  den  Wind  aus  den  Segeln  zu  nehmen. 
Die  Beschützer  hatten  ihre  Treue  sämtlichen  von  den  Chinesen 
unaufhörlich  umworbenen  Ländern  durch  unbestreitbare  Tatsachen 
zu  beweisen.  Jene  immer  wieder  zum  Vergleich  und  zur  Stellung- 
nahme aufgerufenen  und  in  eine  Art  Richterrolle  im  russisch- 
chinesischen Konflikt  eingesetzten  kleineren  Mächte  sind 
nicht  allein  die  kommunistischen  Staaten  und  die  kommunisti- 
schen Parteien,  sondern  auch  die  mehr  oder  weniger  neutralen 
Länder,  deren  Sympathien  nicht  ohne  konkrete  Bedeutung  sind, 
und  nicht  zuletzt  alle  jene  Gebiete,  in  denen  nationale  Bewe- 
gungen unter  scharfer  russischer  und  chinesischer  Beobachtung 
gären. 

Als  die  Begegnung  Johnson-Kosygin  so  gar  kein  reales  Resul- 
tat brachte  und  auch  aus  dem  idyllischen  Glassboro  nur  die  be- 
kannt inhaltslosen  Versicherungen  des  Friedenswillens  zu  hören 
waren,  i±  von  den  unveränderten  Wiederholungen  der  beidersei- 
tigen Standpunkte  begleitet,  ging  eine  tiefe,  wenn  auch  nicht 
ganz  laut  geäußerte  Enttäuschung  durch  beide  ******  Hemisphä- 
ren. V/er  sehen  und  hören  wollte,  wußte  schon  seit  geraumer  Zeit, 
an  was  für  bösen  Vorbereitungen  die  Sowjetunion  sich  mitschul- 
dig gemacht  hatte.  Sie  hatte  die  unaufhörlich  gebrüllten 
Dränungen  Naccoro  und  der  andern  arabischen  .Führer  gegen  Israel 
mit  schweigender  oder  halblauter  Ermutigung  quittiert,  I 


4-12 

die  Ankündigungen  des  Henkerstricks,  der  Abdrängung  ins  Meer, 
des  Wegwischens  von  der  Landkarte,  des  totalen  und  unbegrenzts- 
ten Krieges.  Gegen  Nassers  definitive  Ablehnung  jeder  Koexisis 
Stenz  mit  Israel  und  seine  Erklärung  des  'brennenden  Verlangst 
gens"  nach  dem  Krieg  hatte  die  Sowjetunion  nichts  einzuwenden 
gehabt.  Ihre  präzedenzlosen  Kriegslieferungen  an  Ägypten  und 
die  andern  arabischen  Staaten  begannen  konsequent  nach  der 
arabischen  Führerkonferenz  von  1964,  in  der  sie  den  Vernich- 
tungsfeldzug gegen  Israel  beschlossen.  Die  Sowjetunion  hatte 
die  seit  der  Mitte  der  50er  Jahre  von  organisierten  Einschleie 
ehern  in  Israel  verübten  Anschläge  der  Zerstörung  und  des 
Mordes  so  wenig  verurteilt  wie  schließlich  im  Mai  1967  die 
Blockade  von  Tiran,  die  Israel  bald  hätte  erdrosseln  müssen. 
Durch  ihre  hochaktive  Mitarbeit  an  den  panarabischen  Vorberei- 
tungen zum  Vernichtungskriege  gegen  die  Nation,  von  der  die 
Nazis  in  derselben  Generation  sechs  Millionen  ermordet  hatten, 
hatte  sich  die  Sowjetunion  im  Rahon  Osten  in  eine  Rolle  begetes: 
ben,  die  der  Amerikas  in  Südostasien  in  erschreckender  i-Symme- 
trie  mehr  als  entsprach.  Wäre  das  Treffen  in  jenem  stillen 
Städtchen  nicht  eine  ausgezeichnete  Gelegenheit  gewesen, 
alle  dringenden  Probleme  einschließlich  Vietnams  vorurteils- 
los aufzurollen,  v/irklich  aufzurollen,  um  in  ehrlichem  und 

e 

zielbewußtem  Handel  die  gquälte  Menschheit  dem  Heile  näher 

zu  bringen?  Warum  führte  diese  seltene  Gelegenheit  nicht  einmal 

zu  einem  Versuch  solcher  Art?  ^JML^AJUc^ 

Sollte  etwa  die  Dringlichkeit  der^Frageh  des  hiahcn  Osteae 
eine  Hast  zur  Foge  gehabt  haben,  in  der  auch  nicht  für  die 
normale  Vorbereitung  einer  solchen  Konferenz  Zeit  blieb?  War 
sie  beiderseits  oder  von  einer  Seite  wirklich  so  ungeplant 
gewesen  wie  man  behauptete  und  kam  sie  nur  durch  den  Druck 
von  Personen  und  Umständen  zustande,  sodaß  man  nichts  mit- 
brachte -ata- M<»^t»ete8bBa±iea  als  die  bekannten  Behauptungen  und 
Forderungen,  die  wegen  ihrer  Bitterkeit  durch  jene  abgestanden 
nen  Phrasen  der  Friedlichkeit  versüßt  werden  mußten,  damit  eini- 
ge Höflichkeit  gewahrt  bleibe?  Nein,  das  Scheitern  aller  &kam& 
Chancen  kam  nicht  vom  Mangel  an  Vorbereitung. 

An  dem  niedlichen  Tischchen  in  Glassboro  hatte  vielmehr 
auch  jener  unsichtbare,  aber  intensiv  fühlbare  Gast  Platz 
genommen.  Das  war  China,  nach  dem  Kosygin  nicht  hinzublicken 

wagte  und  dessen  extrem  agressiven  Plänen  und  Machenschaften 


er  durch  jedes  Wort  des  Ent 


413 

Kegenkommens  an  Johnson  nur  noch 


geholfen  hätte.  So  hatte  er  hart  und  schroff  zu  "bleihen  und 
nach  Tunlichkeit  zu  lächeln,  ohne  sich  um  die  noch  weiter 
abwärts  gleitende  Weltlage  zu  kümmern. 

Mag  sein,  daß  diese  auf  Unfreiheit  beruhende  Unzugänglich- 
keit die  Amerikaner  endlich  vor  die  Frage  stellen  wird,  ob 
die  V/eltprob  lerne  überhaupt  noch  durch  zweiseitige  Verhand- 
lungen mit  der  Sowjetunion  allein  zufrösen  sind  oder  ob  nicht  s 
China  schon  jetzt  ein  nicht  minder  wichtiger  Partner  geworden 
ist.  Ohne  dessen  Einbeziehung  wird  eine  Weltpolitik  gewiß  bald 
völlig  unmöglich  geworden  sein.^ba  China  aus  der  Ferne  und 
fast  schweigend  wohl  noch  gefährlichere,  nämlich  nicht  parier- 
bare Wirkungen  ausübt  95) »scheinen  diejenigen  recht  zu 

95)  Chinesisch  heißt  ein  handlungsloses  Wirken 
wei  v/u  weil  tun  nicht  tun;  es  wird  als  Leitsatz  politi- 
scher Weisheit  den  legendären  Herrschern  der  Frühzeit 
zugeschrieben  und  gilt  als  Maxime  weisen  Verhaltens 
überhaupt. 

behalten,  die  seit  langem  die  Heranziehung  Chinas  fordern, 
um  es  trotz  allen  Schwierigkeiten  vor  allem  zugänglich  zu 


machen.  Gegliüber  der  gegenwärtigen  Situation  dos  Nahen  Ostens 
genügt  die  inaktive  Aktivität  Chinas,  um  die  USSR  an  der  ihr 
oonct  oigonon  Mäßigung  zusthindern  und  sie  zu  einer  auch  vom 
Standpunkt  der  Weltlage  Besorgniserregenden  Radikalität  zu 
zwingen.  Um  für  diesen  ungewöhnlichen  Mangel  an  Elastizität 
noch  eine  Erklärung  von  innen  her  zu  finden,  müssen  wir  uns 
des  Umstandes  erinnern,  daß  der  Sowjetstaat  nicht  allein 
kommunistische  Interessen  hat,  sondern  auchjäer  Erbe  des  alten 
Rußland^ist;  und  daß  der  Expansionsdrang  des  Zarenreiches  einst 
den  Wabe«,  Osten  in  die  Sphäre  seiner  Interessen  energisch 
einbezogen  hatte.  Als  die  staatliche  Selbständigkeit  Israels 
begründet  war,  beeilte  sich  die  USSR  kaum  weniger  als  USA, 
den  zugleich  antiken  und  neuen  Staat  durch  diplomatische 
Anerkennung  zu  ermutigen  und  ihm  eine  f reucLschaf tliche  Haltung 
in  Aussicht  zu  stellen.  Der  anfangs  annähernd  symmetrischen 
Freundlichkeit  Amerikas  und  der  Sowjetunion  entsprach  die 
israelische  Neutralität  von  den  drei  Standpunkten  der  Logik, 
der  Ethik  und  des  politischen  Realismus.  Auch  in  weiterer  Folge 
wäre  es,  wie  jeder  Unbefangene  längst  versteht,  eben  jene 
Neutralität  gewesen,  die  Israel  als  dem  Volk  des  Buches  die 

seiner  großen  Tradition  gemäße  innere  Entwicklung  und 


414 

zugleich  die  Achtung  der  Völker  verbürgt  hätte.  Wie  selbst 

eine  völlig  durchsichtige  Schein-Neutralität  und  ein  ästhetisch. 

sehr  anfechtbares  Schielen  nach  rechts  und  links  zugleich 

fette.  Erträge  einbringt  und  immer  noch  ratsamer  ist  als  ein- 

der  äf^votischen 

seitige  Verpflichtung,  hätte  Israel  von  sfelÄ  lernen 
Leider  aber  gab  Ben  Gurion  die  Neutralität  als  Grundlage  der 
Politik  Israels  auf,  und  das  sogar  ohne  auf  einer  genauen 
Fixierung  des  Preises  zu  bestehen.  Damit  war  der  Umschwung 
in  der  Haltung  der  Sowjetregierung  eingeleitet.  Wenn  es  ur- 
sprünglich ihr  noch  nicht  herauskristallisiertes  Programm  war, 
ihre  Ziele  mit  beiden  feindlichen  Partnern  zu  erreichen 
oder  wenn  sie  damals  die  Entscheidung  zu  Gunsten  eines  von 
beiden  noch  hinausschieben  wollte,  konnte  ihre  Reaktion  auf 
den  Anschluß  Israels  an  die  amerikanische  Politik  keinem 
Schwanken  mehr  unterliegen.  Der  Staat  Israel  wurde  als  Agent 
des  Westens  gebrandmarkt,  und  bei  dieser  Ächtung  als  Begründung 
für  alle  weiteren  Angriffspläne  blieb  es,  zumal  niemand  bohaup - 
tot  noch  behaupten  kann,  daß  diese  Anklage  aus  der  Luft  gegrif- 
fen ist.  Inzwischen  raffte  Ägypten  nicht  nur  von  den  Russen 
die  überreichen  Gaben,  die  sie  in  die  arabische  Freundschaft  ± 
investierten,  sondern  auch  von  den  Amerikanern  empfing  Nasser, 
was  diese  mit  Vergnügen  hergaben,  um  ihre  Position  nicht  ganz 
an  die  USSR  zu  verlieren.  Die  Erträge  dieses  sowjetisch- 
amerikanischen  Doppellebens  kamen  den  langen  und  umfassenden 
Vorbereitungen  zu  dem  so  reichlich  angekündigten  Vernichtungs- 
krieg gegen  Israel  zugute;  der  Anteil  der  Russen  war  die  direk- 
te Rüstung,  der  nach  und  nach  geschrumpfte  Anteil  der  Amerikas 
ner  half  immerhin  indirekt. 

Der  gesamt Charakter  des  arabischen  Nationalismus  schien 
in  eben  diesen  Jahren  der  kommunistischen  Auffassung  von 
nationaler  Erhebung  als  Vorstufe  der  kommunistischen  zu  ent- 
sprechen« Aber  es  schien  wohl  nur  so.  Denn  die  lange  politi- 
sche und  diplomatische  Doppelrolle,  die  vielleicht  nicht  für  i 
immer  beendet  ist,  war  der  Ausdruck  eines  eher  rotgestrichenen 
Faschismus,  der  antiroyalisticoh  ist,  oovjoit  das  für  die  Ambi- 
tionen der  arabioohon  Führer  Inkarnation  günstig  ist  und  au 
gloick  das  bereits  dagewesene  2  national-sozialistische 
Zwittergebilde  ins  Arabische  übersetzt;  aber  auf  dieser  Linie 

auo-h  anhält,  um  nicht  etwa  den  äußerst  unerwünschten,  A  im  arabi- 
schen Bereiche  a-uck  ohne  offizielle  Genehmigung  tätigen  Eommu- 


Politik 

können. 


4-15 

nisten  wirkliche  Bewegungsfreiheit  zu  gewähren.  Die  Zwitterhaf tlgi&Z 
keit  dieses  arabischen  Rotf aschismus  scheint  Moskau  ganz  falsch, 
nämlich  nicht  realistisch,  sondern  doktrinär  zu  beurteilen,  also 
den  Grundfehler  in  der  Auffassung  von  China  hier  in  einem  andern 
Sinne  zu  wiederholen.  Dieses  getrübte  Urteil  brachte  auch  dem  Mit- 
telosten verhängnisvolle  Polgen.  Mit  ihren  frischen  Wunden  wurden 
die  arabischen  Völker  sogleich  nach  dem  jähen  Zusammenbruch  11 jähri- 
ger Kriegsvorbereitungen  für  einen  neuen  Krieg  gedrillt  und  die 
Sowjetunion  eilte  mit  neuen  Milliarden,  moderneren  Waffen  und  noch 
bessern  Kriegslehrern  herbei,  a»x3ts  Koch  1967,  nach  dem  von  den  VÜT 
erzwungenen  Waffenstillstand,  begann  die  irrsinnige  Kettenreaktion 
mit  der  Ausnützung  der  Guerillas  auf  der  einen  Seite  und  den  israe- 
lischen Vergeltungen  durch  Plugangriffe  auf  der  andern,  und  schließ- 
lich der  beinahe  direkten  Teilnahme  der  Russen,  sodaß  nur  die  unter 
amerikanisch-russischem  Hochdruck  erfolgte  Auffrischung  des  Waffen- 
stillstandes den  neuen  Ausbruch  eines  ganz  ungehemmten  Krieges  ver- 
hinderte oder  vielleicht  nur  aufschob.  Die  Bemühungen  Jarrings, 
direkte  Verhandlungen  zu  ersetzen,  sind  durch  objektive  und  wohl 
noch  mehr  durch  emotionale  Gegensätze  behindert.  Wie  kann  denn  die 
Regierung  Israels  die  eroberten  Territorien  ohne  Verhandlungen  auf- 
geben, und  vor  allem  ohne  irgend  ein  reales  Unterpfand,  das  sie 
gegen  die  phantastische  russisch-arabische  Übermacht  sichern  würde? 
Wie  alles,  was  je  über  eine  Gegenwart  gedacht  und  geschrieben  wurde, 
muß  auch  diese  Betrachtung  ohne  einen  Abschluß  bleiben. 

Da  wir  aber  alle  theoretischen  Möglichkeiten  in  Betracht  ziehen 
müssen,  denken  wir  auch  an  die,  daß  auf  der  russischen  Seite  der 
Realismus  sich  doch  noch  stärker  erweisen  wird  als  die  Neigung 
mancher  Sowjetpolitiker,  dem  arabisch-chinesischen  Diktat  zu  erlie- 
gen; so  würde  Moskau  sich  das  Vorrecht  wahren,  den  amerikanischen 
Krieg  in  Südostasien  konsequent  zu  verurteilen,  indem  es  etwas 
jenem  Krieg  Analoges  unterließe. 


416 

überg^n  ^<>t>  gpnmipr.  wpnn  nicht  etwa,  clio  tiow.jot- 

uft3bOBr4em  chinegiGch»arstbif3cfron  Diktat  erliegen  und  sich  ihrer 
Vornunft  und  doc  einzigartigen  Vorroohtoc  bornubon  lacaon 
oolltoi  Amorikao  Intervention  in  Vietnam  verurteilen  m  dürfen: 
f~Für  diesen  Fall  ist  vorauszusehen,  daß  die  Zukunft  des  ffanorT* 
Ostens  zu  einem  guten  Teil  von  Israels  eigener  Entscheidung 
abhängen  würde.  Doch  auch  diese  Aussicht  ist  ^^t^gr^e^altlos 
begrüßenswert,  weil  eine  von  zwei  entgegengesetztenfdle das 
jüdische  Volk  seit  der  Antike  beherrschen,  in  unserer  Genera*! 
tion  in  bedenklichem  Grade  die  Oberhand  gewonnen  hat.  Die  eine 
Tendenz  ist  der  Geist  der  Propheten,  ihre  Menschlichkeit,  ihre 
Ethik  und  ihr  Pazifismus.  Die  andere  ist  in  den  zahllosen  £x±k 
Kriegshelden  verkörpert,  von  Josua  M?fl x%8%  Richterzeit  bis 
zum  letzten  Widerstand  gegen  die  römische  Übermacht.  Hoch  im 
Anfang  dieses  Jahrhunderts  verstand  Suropa  unter  einem  Juden 
einen  physisch  schwachen,  zu  keinem  Kampf  tauglichen,  auch 
durch  Mangel  an  Mut  der  Selbstwehr  unfähigen  Degeneratem. 
öbzwar  es  auch  für  frühere  Epochen  an  Gegenbeispielen  nicht  fifc 
fehlt,  war  es  gerade  die  Palästina-Bewegung,  die  seit  dem 
Ende  des  vorigen  Jahrhunderts  den  Typus  umzubilden  begann. 
Aber  die  einschneidende  und  massenhafte  Änderung  kam  erst  spä* 
ter,  offenbar  im  Gefolge  der  Hitlerkatastrophe ,  in  der  erst 
gegen  Ende  der  Schlachtung  von  oeoho  Millionen  kleine  jüdische 
Gruppen  zum  aussichtslosen  Kampf  antraten«  Die  Fortsetzung  taa 
kennt  jeder.  Da  es  sicher  ist,  daß  das  Land  Israel  sowohl  als 
Zentrum  des  verstreuten  Volkes  für  seine  Erhaltung  unerläßlich 
ist  als  auch  für  die  im  Lande  Lebenden  den  letzten  Zufluchtsort 
bedeutet,  fühlen  heute  wohl  die  meisten  Juden,  daß  sie  ihr 
kleines,  von  einer  weiten  feindlichen  Umwelt  schier  erdrücktes 
Heim  um  jeden  Preis  verteidigen  müssen.Den  Selbsterhaltungs*z± 
trieb  von  Völkern  als  gesund  und  berechtigt  vorausgesetzt, 
kann  dem  jüdischen  Heldentum  eine  historische  Funktion  nicht 
abgesprochen  werden.  Die  Substanz,  das  Wesen,  die  Identität 

dieses  Volkes  ist  trotzdem  auf  der  andern  Seite  zu  finden, 
auf  der  prophetischen,  und  darum  beklagt  eine  Minorität,  der 
auch  ich  mich  zugehörig  fühle,  das  Überhandne hörnen  des  wenn 
auch  vorwiegend  defensiven  kriegerischen  Geistes.  Was  ist  von 
ihm  zu  erwarten,  wenn  er  durch  die  Ereignisse  in  eine  aus- 
schlaggebende Position  kommen  sollte? 


417 

In  diesem  Falle  wird  Israel,  wie  aus  mehreren  Erklärungen 
hervorgeht,  das  Folgende  durchführen: 

Die  1948  von  Jordanien  eroberte  und  seither  ausschließ- 
lich von  Arabern  bewohnte  Altstadt  von  Jerusalem  dem  bisher 
jüdischen  modernen  Jerusalem  als  erweiterter  Hauptstadt  ein- 
verleiben und  den  Religionsgemeinden  .und  don  RoligionogcmcindsQ 
ihre  heiligen  Stätten  zu  selbständiger  Überv/achung  übergeben; 

das  Land  westlich  vom  Jordanfluß  direkt  verwalten  oder 
dort  einen  halb  und  halb  neutralen  arabischen  Staat  errichten, 
der  die  meisten  arabischen  Flüchtlinge  aufnehmen  und  ihnen 

Staatsbürgerschaft  verleihen  soll; 

das  bestzte  Stück  des  äußersten  Südens  von  Syrien 
nicht  verlassen; 

im  Süden  den  Gaza-Streifen  annektieren  oder  neutrali- 
sieren; 

die  Sinai-Wüste  bis  an  den  Suez-Kanal  besetzt  halten. 
Für  Israel  hätten  diese  Erweiterungen  Vorteile,  die 
jedoch  kritischer  Betrachtung  nur  teilweise  standhalten, 
bzhw.  von  Nachteilen  aufgewogen  werden.  Erwähnen  wir  einige 
solcher  Vorteile:  Die  Inf iltranten,  die  durch  Jahre  das  eigene 
Leben  riskierten,  um  in  Israel  Sabotage  und.  Mord  zu  verüben, 
wären  leichter  abzuhalten,  doch  auch  leichter  zu  fassen,  weil 
sie  von  Syrien,  Ägypten  und  Jordanien  lange  Strecken  zurückzui 
legen  hätten,  um  in  das  eigentliche  Israel  zu  gelangen  und 
zu  ihren  Basen  zurückzukehren.  Tiran  wäre  vor  neuerlicher  £±h 
Blockade  gesichert.  Ein  israelisches  %s$^nzxsmdM  Militärlager 
am  Suez-Kanal  würde  gp^8ffiöä^b&^  dessen  Sperrung  verhindern 
können.  Die  syrischen  Angriffe  auf  Siedlungen  im  nördlichen 
Galiläa  wären  jedenfalls  stark  erschwert.  Der  starken  psycho- 
logischen Bindung  der  Juden  aller  Länder  an  ihr  altes  Jerusalem 
wäre  Genüge  getan. 

Dem  gegenüber  erhebt  sich  zunächst  die  Frage,  ob  das 
kleine  Volk,  das  es  schon  bisher  mit  einer  großen  arabischen 
Minorität  im  Innern  schwer  hatte  und  die  Situation  noch  vor 
kurzem  ohne  UnteroRickungsmethoden  nicht  meistern  konnte,  eines 
solchen  territorialen  Zuwachses  überhaupt  Herr  werden  könnte; 
und  ob  es  durch  ein  sei  es  strenges, sei  es  mildes  Regiment 
sich  mit  der  noch  hinzugekommenen  arabischen  Bevölkerung  Rat 
zu  schaffen  wüßte,  selbst  für  den  Fall,  daß  nicht  ansehnliche 
Massen  von  Flüchtlingen  zurückströmen  sollten.  Für  denj5<v^e^u^j. 


418 


würde  schon  die  Ausdehnung  der  neuen  Territorien  zu  einem  schwer 
lösbaren  Problem ,  kompliziert  durch  die  Verbindung  mit  Endpunkten 
weiter  Wüsten.  Garnisonen  wären  dort  viel  zu  weit  entlegen, 
Angriffen  ausgesetzt,  schwer  zu  versorgen  und  zu  verteidigen, 
leicht  abzuschneiden.  In  solchen  Bedingungen  würde,  abgesehen 
von  den  militärischen  Schwierigkeiten,  auch  die  Verwaltung  von 
Gebieten,  die  nichts  einbringen,  zu  einer  ökonomisch  unerträglie 
chen  Last.  Man  kann  sich  sogar  vorstellen,  daß  solche  Umstände 
einen  Staat,  der  trotz  den  Bemühungen  einer  fleißigen  und  begab- 
ten Bevölkerung  wirtschaftlich  noch  nicht  ganz  auf  eigenen  Füßen 
steht,  in  heillose  Abhängigkeit  vom  Ausland  und  zum  Ruin  treiben 
könnten.  Reibungen  mit  einer  so  zahlreichen  und  territorial 
ausgedehnten  Minorität  würden  mit  einiger  Wahrscheinlichkeit 
einen  Zustand  herbeiführen,  der  einer  chronischen  Entzündung 
gliche.  Die  Mobilisierung  dieser  disproportionierten  Minderheit 
als  5. Kolonne,  die  das  arabische  Ausland  unablässig  vorbereitete  , 
aber  im  Juni  1967  nicht  zustande  brachte,  wäre  durch  die  enorme 
Expansion  erleichtert.  Doch  das  sind  nur  einige  spezifische 
Schwierigkeiten,  und  prinzipielle  Einwände  sind  damit  noch  nicht 
berührt. 

Die  prinzipiellen  und  wesentlicheren  Bedenken  lassen  sich 
auf  eine  einzige  Frage  zurückführen;  es  ist  diejenige,  die  dem 
Sieger  zur  Schicksalsfrage  werden  kann:  Ist  es  für  ihn  ratsam  und 
sinnvoll,  seinen  Sieg  voll  auszunützen  oder  handelt  er  klüger, 
wenn  er  Selbstbeschränkung  übt,  um  auf  Trümpfe,  die  er  in  wunden 
Händen  hält,  freiwillig  zu  verzichten,  teilweise  zurückzugeben, 
was  nach  dem  grausamen  alten  Kriegsrecht  ihm  gehört? 

Um  auch  in  dieser  höchst  belangvollen  Frage  nicht  in  Ein- 
seitigkeit zu  geraten,  betrachten  wir  nochmals  den  Gegner  Israels. 
Genauer  definiert,  ist  es  nicht  Gegnerschaft,  denn  unter  einer 
solchen  verstehen  wir  einen  eher  sachlich  motivierten  Antagonis- 
mus von  einiger  Relativität,  der  weder  als  zeitlich  unbegrenzt 
gedacht  noch  an  die  Zielsetzung  unbedingter  Ausrottung  gebunden 
sein  muß.  Aber  in  unserer  Generation  hat  der  Hader  zwischen  den 


arabischen  Staaten,  Parteien  und  machtgierigen  Individue&^und 

wird  bekanntlich 
die  gegenseitige  Feindschaft xxsfcdbcxisa^xoEccRS  auch  blutig  und 

kriegerisch,  doch  der  alle  Gefühle  und  Erwägungen  übersteigende 
Haß  gegen  Israel  vereint  sie  alle.  Die  stärkste  der  gegenseitigen 
Beschuldigungen  ist  Mangel  an  Radikalität  in  dieser  Vernichtungs- 
wut, und  durch  Übertrumpfen  haben  sie  einander  von  1948  bis  heute 


419 

geschlagen.  Wer  diese  Definition  ihrer  Mentalität  der  ÜbertreiteH 
bung  verdächtigt,  braucht  nur  in  den  Protokollen  der  VN  nachzule- 
sen, in  die  ja  die  Wolerzogenen  und  Maßvollen  als  Vertreter  ihrer 
Länder  entsandt  werden.  Im  Stile  ihrer  infantilen  Schmähsucht 
haben  sie  dort  alle  erklärt,  niemals  mit  Israel  verhandeln  zu 
wollen,  Israels  Existenz  nie  anerkennen  zu  wollen  und  nach  wie 
vor  auf  Israels  Nicht-Existenz  zu  bestehend/Diplomaten,  die  in 
zivilisierten  Kategorien  zu  denken  pflegen,  mußten  diese  rheto- 
rische Easerei  so  auslegen,  daß  es  jenen  darum  gehe,  Israels 
staatlichen  Bestand  aus  der  Welt  zu  schaffen,  doch  in  tiefere 
Denkkategorien  steigen  die  mangelhaft  informierten  UN-Diplomaten 
nicht  hinab. Sie  wissen  nicht,  was  schon  injien  idyllischen  Zeiten 
des  britischen  Mandats  die  sogenannten  Unruhen  bedeuteten  und 
was  es  selbst  für  jüdische  Kinder  hieß,  einer  aufgehetzten  ara- 
bischen Menge  in  die  Hände  zu  fallen;  wie  es  etwa  1929  der  noch 
wehrlosen  jüdischen  Minorität  in  Hebron  erging,  wo  in  einem 
Massengrab  die  Leichen  der  von  Messern  und  Äxten  massakrierten 
Opfer  beisammenliegen  und  wo  in  einem  mir  wohlbekannten  Fall 
ein  Märt5ü?er  über  einem  Spiritusbrenner  zu  Tode  geröstet  wurdevy 
Keiner  der  neutralen  Diplomaten  wird  begriffen  haben,  was  ganz  * 
Israel  deutlich  vor  Augen  stehen  mußte,  als  ringsum  an  allen 
drei  Festlandsgrenzen  die  hochgerüsteten  und  vereinigten  arabie 
sehen  Armeen  heranrückten.  Keiner  konnte  diese  Armeen  anders 
deuten  denn  als  Vortrupp  des  erträumten  Schlachtfestes,  durch 
das  keineswegs  nur  ein  Staat  als  politische  Einheit,  sondern 
eine  Bevölkerung  physisch  liquidiert  werden  sollte,  wobei  der 
emotionalen  Befriedigung  wegen  die  Messer  und  Äxte  noch  viel 
wichtiger  gewesen  wären  als  die  zum  Plündern  mitgebrachten 
Säcke. Diese  unvergeßlichen,  für  die  betroffenen  Familien  immer 
gegenwärtigen  Erfahrungen  und  die  unablässig  wiederholten  usd 
■mit  allen  Mitteln  noch  gesteigerten  Drohungen  der  arabischen 
Führer  und  schließlich,  die  neuesten  Kriegoerklärungen  und  Abi o ha 

nungen  jeder  Priedoncbomühung  müssen  in  Betracht  gezogen  werden, 

.  „_     oder  eine  große  Minorität  ' 
wenn  man  ermessen  will,  warum  die  Majorität/\Israels  entschlossen 

ist,  den  im  David-Goliath-Kampf e  errungenen  territorialen  Trumpf 
festzuhaltend^/ 

Der  intensive  Trieb,  zu  schlachten,  gehört  leider  nicht 
einer  abgetanen  Vergangenheit  an.  Ein  Dokument,  das  schwarz  auf 
weiß  zeigt,  wie  eine  siegesgewisse  arabische  Militärmacht  sich 
diese  populäre  Begierde  zu  eigen  gemacht  und  sie  in  ihre  Planung 


4-20 

aufgenommen  hatte,  war  eine  besonders  lehrreich  Beute  israeli- 
scher Soldaten  im  sechstägigen  Krieg.  Für  das  unverminderte 
Gedeihen  der  vom  arabischen  Faschismus  gesäten  Gefühle  fehlt  es 
auch  nicht  an  neuesten  Blutzeugen,  wie  einen  von  ägyptischen 
Ixten  zerhackten  israelischen  Flieger,  und  ähnliche  Leistungen, 
zu  denen  jene  psychologischen  Tendenzen  trotz  der  Geschwindig- 
keit des  Krieges  Gelegenheit  fanden;  während  nicht  übersehen 
werden  darf,  daß  Massen  der  geschlagenen  ägyptischen  Truppen, 
die  infolge  der  von  ihren  Leuten  abgeschnittenen  Wasserversor- 
gung in  der  glühenden  Sinaiwüste  tödlichem  Durst  pr%sgegeben 
waren,  von  ihren  Feinden  Wasser  bekamen  und  in  Zusammenarbeit 
mit  dem  Roten  Kreuz  durch  Abtransport  nach  Ägypten  gerettet 
wurden.  [Tber  obwohl  wir  uns  hier  mit  der  problematischen  Lage 
befassen,  die,  durch  die  Greuel  des  arabischen  Faschismus  ge- 
schaffen, einsichtige  Beschlüsse  dos  Siogoro  derart  erschwert, 
darf  auch  die  furchtbare  Kehrseite  nicht  unent hüllt  bleiben, 
die  bis  in  die  Knochen  beschämende  Erinnerung  an  zwei  blutige 
Verbrechen,  die  israelische  Faschisten  an  Arabern  begangen  haben. 
Das  eine  spielte  sich  noch  194-8  ab,  während  des  Krieges,  in  dem 
die  noch  schwach  gerüsteten  jüdischen  Siedler  dem  allseitigen 
Ansturm  der  besser  gerüsteten  und  zahlenmäßig  weit  überlegenen  ± 
Araber  standhielten  und  den  vor  fast  zwei  Jahrtausenden  verlore- 
nen Staat  aufs  neue  begründeten.  Es  war  freilich  nicht  reguläres 
Militär,  sondern  die  vorher  von  den  Briten  schonungslos  bekämfte 
Terror-Organisation  EZL,  die  in  einem  rächenden  Überfall  von 
einem  ganzen  arabischen  Dorf,  Dir  Yassin,  nichts  am  Leben  ließ. 
Als  Jahre  später,  1956,  in  einem  der  vielen  ruhelosen  Grenzge- 
biete ein  Aufstand  der  arabischen  Minorität  in  Israel  mit  Hilfe 
der  arabischen  Staaten  befürchtet  wurde,  wurde  die  Gefahr  durch 
das  vorher  von  den  Briten  mit  Vorliebe  angewendete  Mittel  des 
Curfew  bekämpft,  das  Zivilisten  verbot,  sich  vom  Abend  bis  zum 
Morgen  außerhalb  ihres  Hauses  aufzuhalten.  Als  Araber,  die  nichts 
davon  wußten,  von  der  Feldarbeit  spät  in  ihr  Dorf  Kafr  Kassem 
heimkehrten,  stießen  sie  auf  eine  Militärabteilung,  die,  über 
ihr  plötzliches  Auftauchen  angeblich  erschreckt,  sie  alle  erschoß 
mit  Frauen  und  Kindern.  Das  Militärgericht  verhängte  über  die 
des  Mordes  schuldigen  Soldaten  unzulängliche  Kerkerstrafen,  die 
nach  vielen  erregten  Interventionen  von  unten  und  oben  noch  wei- 
ter gemildert  wurden.  Mit  einer  über  die  des  Gerichtes  auch  nur 
ein  wenig  hinausgehende  Objektivität  ist  ein  Milderungsgrund 


421 

aber  nicht  zu  finden,  auch  nicht  in  der  durch  den  gleichzeitigen 
Sinai-Feldzug  verursachten  Nervosität. 

In  der  ohnmächtigen  Erbitterung  und  Ersphütterung  über  diese 
israelischen  Greuel  erinnerte  man  sich  derS1§3$öW  Deutschen, 
die  wahrscheinlich  auch  bereit  gewesen  wären,  ihr  Leben  hinzu- 
geben, um  Auschwitz  und  die  andern  Vernichtungslager  zu  verhin- 
dern oder  deren  Abbruch  zu  erwirken.  Erst  im  Schmerz  solcher 
eigenen  Erfahrung  versteht  man  besser,  daß  die  noch  menschlich 
gebliebenen  Deutschen  damals  noch  nichts  wußten  und,  als  sie  es 
erfuhren,  ihr  Leben  umsonst  geopfert  hätten  und  nichts  geändert 
hätten;  und  beugtfc  sich  noch  tiefer  vor  jenen  viel  Größeren, 
den  Deutschen,  die  im  aktiven  Widerstand  fielen. 

Nach  Erfüllung  der  traurigen  Pflicht  des  Aufdeckens  der 
Kehrseite  können  wir  zum  Thema  zurückkehren,  dem  Problem,  wie  die 
Sieger,  soweit  sie  über  die  Zukunft  werden  entscheiden  können, 
nach  den  Geboten  der  Vernunft  und  Menschlichkeit  entscheiden 
sollen;  wobei  natürlich  auch  diese  Erörterung  ohne  optimisti- 
sche Hoffnung  auf  Gehörtwerden  erfolgt.  Wie  Allen  klar  ist, 
besteht  zwischen  den  faschistischen  Tendenzen  unter  den  Arabern 
und  denen  in  Israel  u.a.  der  fundamentale  Unterschied,  daß  das  w 
was  früher  oder  später  etwa  80  Millionen  Araber  den  2  1^2  Millio- 
nen Israels  unter  Umständen  antun  können,  nie  und  unter  keinen 
Umständen  Umkehrung  erfahren  kann.  Aber  gerade  das  ist  einer  der 
Gründe  dafür,  daß  maßvolle  Verwertung  der  dem  Sieger  gegebenen 
Möglichkeiten  dringend  zu  empfehlen  ist. 

Wer  immer  bereit  ist,  von  der  Geschichte  zu  lernen,  kann  j 
von  ihr  auf  die  Farge,  ob  volle  Ausnützung  von  Siegen  ratsam  sei, 
ein  vielfaches  %in  zur  Antwort  bekommen.  Die  Neuzeit  bietet  eine 
Reihe  hübscher  Beispiele  für  weitblickende  Selbstbeschränkung,  £ 
für  spät,  aber  reichlich  belohnten  Verzicht,  Tatsachen,  die  glän- 
zend geeignet  sind,  Individuen  und  Völker  den  anfangs  oft  schwer 
erkennbaren  Wert  des  Großmuts  zu  lehren.  Die  furchtbarste  Lehre 
läßt  sich  aus  dem  Lose  Vorderasiens  im  Altertum  ziehen,  besonders 
aus  dem  Geschick  der  Völker  Mesopotamiens,  das  eine  einzige  grau- 
sige Kettenreaktion  von  Vernichtung  und  Rache  war,  in  deren 
Pausen  hohe  Kulturen  blühten.  Jene  Zerstörungen  waren  so  gründi± 
lieh,  daß  erst  die  neuere  Archäologie  nach  und  nach  Namen  verges- 
sener Nationen  zu  Tage  fördern  kann.  Die  Idee  einer  Rücksicht, 
einer  Schonung,  eines  Lebenlassens  war  jener  Weltgegend  damals 
so  fremd,  daß  innerhalb  ihres  Horizonts  nichts  in  Betracht  kam 


4-22 

als  die  Gegenseitigkeit  der  Ausrottung  96).  Es  ist  trotzdem 

96)  Noch,  in  Alexander  lebt  diese  Tradition  fort.  Ihn  als 
Pionier  der  Humanität  zu  deuten,  ist  nicht  nur  maßlos  über- 
trieben, sondern  kraß  unberechtigt» 

in  hohem  Grade  wahrscheinlich,  daß  eine  einzige  wohlduchdachte 

Ausnahme  genügt  hätte,  den  Bann  zu  brechen  und  in  die  bodenlos 

unmenschliche  Praxis  eine  Dosis  Menschlichkeit  einzuführen. 

Könnte  das  nicht  noch  jetzt  nachgeholt  werden?  Sollte 
Israel  sich  nicht  seiner  Identität  erinnern,  coram  mundo  in  allen 
Belangen  Großmut  walten  lassen,  auf  die  Gefahr  hin,  daß  dies 
als  Schwäche  verhöhnt  würde,  und  der  unstillbaren  Feindseligkeit 
das  eigene  alte  Seelengut  und  ethische  Erbe  entgegensetzen? 

Die  Lehre  der  Großmut  und  Rücksicht  müßte  sich  auch  in|der 
gegenwärtigen  Phase  des  Ringens  um  Existenz  wiederbeleben  lassen, 
angesichts  des  Umstandes,  daß  sie  auch  im  Mittelalter  nicht 
verloren  ging  97).  Was  Israel  zu  seinem  Fortbestand  auf  seinem 

97)  Vgl.Maimonides,  "Die  starke  Hand" , äfe^'Wenn  man  eine 
Stadt  belagert,  um  sie  einzunehmen,  umschließt  man  sie  nicht 
von  den  vier  Weltrichtungen,  sondern  nur  von  drei  Weltrich- 
tungen, und  läßt  Platz  für  den  flüchtigen  und  jeden,  &er 
sich  retten  will." 

Boden  braucht,  ist  ein  modus  vivendi  mit  den  Nachbarvölkern, 
der  Abbau  des  Hasses,  der  eine  Majorität  der  Nachbarn  und  viel 
Rationalere  ihres  Verstandes  bereits  beraubt  hat  und  in  seiner 
Auswirkung  auf  Israel  dasselbe  Resultat  haben  kann.  Israel  soll 
erobern,  aber  nicht  Land  mit  Städten  und  Dörfern,  sondern 
Menschenherzen  nah  und  fern.  Ohne  die  konkreten  Eroberungen 
kann  Israel  bestimmt  leben,  ohne  die  moralischen  vielleicht  niclfc. 
<Wcnn  es  Israel  vergönnt  sein  sollte  Keine  -übermächtige »  feurige, 
auf d  Gonge  gehende  und  nioht  nur  diploinatiooho  Off onoive  absu- 
wehren»  wäre  co  in  einer  Situation,  in  doV  oo  nicht  goawungon 
wäre,  die  einganomTnenon  den  besiegten  zurückzugeben;  und  das 
wäre  der  rechte  Augenblick,  oc  freiwillig  zu  tuh»>  Nach  einer 
diplomatischen  Niederlage  unter  dem  schonungslosen  Druck  von 
Großmächten  kapitulieren  und  die  Früchte  eines  so  ungewöhnlichen 
Sieges  auch  diesmal  hergeben  zu  müssen,  müßte  als  tiefe  Demüti- 
gung empfunden  werden;  dasselbe  in  vollkommener  Freiwilligkeit  g 
getan,  wäre  Ehre  und  Größe,  keinem  Hohn  und  keiner  schäbigen 
Mißdeutung  erreichbar.  Ich  bin  von  dem  Glauben  durchdrungen,  daß 
eine  solche  Tat  unter  der  Voraussetz tung  echter  Freiwilligkeit 
höheren  realen  Wert  hätte  als  jeder  militärische  Sieg.  In  sämtli- 
chen arabischen  Staaten  gibt  es  jetzt  nur  einen  einzigen 
Bourguiba,  der  es  gewagt  hat,  zur  Mäßigung  aufzufordern  und  sich 
dem  panarabischen  Haß  auszusetzen.  Die  Tat,  die  ich  vorzuschlagen 


■HR 


M  ff  ' 


423 

wage,  würde  viele  Bourguibas  hervorbringen,  und  früher  oder 
später  eine  Bewegung, deren  Ziel  es  wäre,  den  von  einem  bankrotten 
Faschismus  verblendeten  Nationen  die  noch  sehfähigen  Menschen- 
augen zu  öffnen. 

Mein  auf  dieser  Überzeugung  beruhender  Friedensvorschlag«. 


schließt  Rückerstattung  fast  zur  Gänze  ein,  aber  nicht  zur 
Gänze,  u.zw.: 

1.  Alle  arabischen  Staaten  anerkennen  Israel;  zwischen 
ihnen  und  Israel  werden  Friedensverträge  und  Verträge  über  dip- 
lomatische Beziehungen  und  definitive  legale  und  praktische 
Beendigung  des  Wirtsc haf ts-Boykotts*m£fc&^0«^ 

2.  Die  Regierungen  von  Ägypten  (UAR),  Jordanien,  Libanon 
und  Syrien  verpflichten  sich,  Infiltration  nach  Israel\J4owie 
auch  deren  Vorbereitung  unter  schärfste,  vertraglich  definierte 
Strafen  zu  stellen  und  poli^ilich  permanent  nach  Gruppen  und 
Individuen  zu  fahnden,  die  dcr'feilt^ioii  nach  Israel  oder 
deren  Vorbereitung  verdächtig  sind. 

3.  Der  Suezkanal  und  die  Meerenge  von  Tiran  werden  mit 
Zustimmung  Ägyptens  internationalisiert  und  der  Verwaltung 
der  VN  übergeben,  zwecks  Verbürgung  freier  Durchfahrt  für  die 
Schiffe  aller  Nationen  ohne  Ausnahme.  Amerika  und  die  Sowjetunion! 
übernehmen  die  Garantie  für  die  ungestörte  Verwaltung  seitens 
der  VN  und  für  die  Freiheit  der  Schiffahrt. 

4.  Aus  den  Einnahmen  des  Suezkanals  werden  die  Kosten  der 
VN  gedeckt;  die  Überschüsse  fließen  Ägypten  zu. 

3.  Israel  gibt  Ägypten  die  Sinaihalb insel  zurück. 

6.  Israel  verläßt  die  Gaza-Region. 

7.  Israel  gibt  Jordanien  alles  vor  dem  5. Juni  1967  besessene 
Land  westlich  vom  Jordan  mit  Ausnahme  der  Altstadt  von  Jerusalem 
zurück. 

8.  Die  in  den  Punkten  5,6,7  genannten  Territorien  werden 
demilitarisiert  und  die  Demilitarisierung  wird  von  den  VIT 
garantiert. 

9.  Die  Souveränität  auf  dem  Gebiete  der  Altstadt  von 
Jerusalem  geht  an  Israel  über. 

10.  Israel  garantiert  jeder  in  Israel  wohnhaften  und  jeder 
legal  nach  Israel  gekommenen  Person  freien  Zutritt  zu  den  heili- 
gen Stätten  aller  Religionen  in  Jerusalem. 

11.  Die  Polizeigewalt  in  der  Altstadt  von  Jerusalem  **»sstt& 


424 

einschließlich  der  Beteiligung  am  Schutze  der  heiligen  Stätten 
wird  von  Israel  gemeinsam  mit  den  VN  ausgeübt;  am  Schutz  der 
heiligen  Städten  haben  die  betreffenden  Religionsgemeinden 
den  Hauptanteil,  der  durch  Verträge  zu  definieren  ist. 

12.  Israel  erstattet  die  von  Syrien  vor  dem  5. Juni  1967 
innegehabten  Territorien  an  Syrien  zurück, 

13.  Ein  juridisch  und  organisatorisch  zu  reformierender 
Beobachtungsdienst  der  Vg  (UNEJ?)  wird  in  allen  arabisch- 
israelischen Grenzgebieten  wieder  aufgenommen  und  in  Permanenz 
durchgeführt. 

14.  Zwischen  allen  arabischen  Staaten  und  Israel  wird  ein 
Nichtangriffspakt  abgeschlossen,  der  für  Streitsachen  die  Anru#n 
fung  des  Haager  Gerichtshofes  und  Verpflichtung  der  Signatare 
zur  Annahme  und  Durchführung  seiner  Urteile  vorsieht« 

Die  Altstadt  von  Jerusalem,  einer  der  empfindlichsten 
Punkte  der  Erde,  ist,  wie  jeder  zugibt,  nicht  nur  politischer 
oder  militärischer  Besitz.  Jerusalems  historische  Bedeutung  für 
Israel  läßt  sich  kaum  mit  dem  Besitz  irgend  einer  andern  Stadt 
vergleichen.  Der  fapst  hat  das  gewiß  empfunden,  als  er  trotz 
seinen  intensiven  Sympathien  für  die  Araber  noch  während  des 
sechstägigen  Krieges  die  Internationalisierung  der  Altstadt 
beantragte.  Doch  als  Lösung  wäre  ein  solcher  Zustand,  wenn  die 
organische  Verbundenheit  durch  Internationalisierung  allein 
ersetzt  werden  sollte,  nicht  minder  problematisch  als  etwa 
ein  Prankreich  ohne  Paris  oder  eine  Sowjetunion  ohne  Moskau. 

Wenn  man  über  die  Zukunft  Jerusalems  im  Namen  einer  Milliar- 
de Christen  und  für  700  Millionen  Mohammedaner  spricht,  so  mag 
das  plausibel  klingen,  doch  nur^^wenn  man  Phrasen  hinzunehmen 
pflegt,  ohne  sie  näher  zu  betrachten.  Selbst  wenn  diese  Zahlen, 
die  für  die  Mohammedaner  bestimmt  nicht  zutreffen,  als  richtig 
vorausgesetzt  werden  könnten,  wäre  es  irreführend,  die  gesamte 
Christenheit  stillschweigend  als  einen  einheitlich  gesinnten 
Sektor  der  Menschheit  hinzustellen.  Doch  sind  die  Christen  nicht 
nur  in  viele  Kirchen  geteilt,  sondern  gehören  vielen  Nationen 
und  mehreren  Rassen  an,  sowie  auch  den  politischen  Lagern, 
deren  Gegensätze  die  Probleme  der  Menschheit  bilden,  u.zw.  die 
vielen  kleinen  Probleme  und  jene  großen,  die  den  Planeten  be- 
drohen. Selbst  wenn  angenommen  werden  dürfte,  daß  z.B.  die  Bevöl« 
kerungen,  die  in  unserem  Jahrhundert  kommunistisch  geworden  sind 
nicht  aufgehört  haben,  christlich,  bzhw.  mohammedanisch  zu  sein, 


425 

"bliebe  noch  die  Frage  offen,  durch  was  für  Interessen  sie, 
wie  auch  sämtliche  unzweifelhaften  Christen  oder  Mohammedaner, 
mit  Jerusalem  verbunden  sind«  Erst  dann  kann  wohl  gefragt 
werden,  ob  ihre  Bedürfnisse  und  Wünsche  nicht  vollkommen  erfüllt 
sind,  wenn  sie  nach  Jerusalem  wallfahren  können,  sooft  sie  wol- 
len und  dort  tun  können,  was  sie  wollen.  Wie  es  eine  von  religiö- 
sen Interessen  einheitlich  beherrschte  Christenheit  in  keiner 
Geschichtsepoche  gegeben  hat,  totatehm  bestehen  auch  die  Moham- 
medaner aus  einer  arabischen  Minorität  und  einer  nicht-arabischen 
Majorität,  und  die  Araber  zerfallen  in  einen  mohammedanischen 
und  einen  christlichen  Sektor.  Die  Juden  sind  das  einzige  Element 
dessen  rassenmäßige  und  religiöse  Definitionen  von  jeher  kon- 
gruent waren  und  geblieben  sind.  In  der  hebräischen  Literatur  und 
in  den  jüdischen  Gebeten  spielt  das  Land  Israel  und  insbesondere 
Jerusalem  eine  so  zentrale  Rolle,  daß  die  auf  Ausmerzung  der  msrk 
nationalen  Erinnerungen  erpichte  Srömung  im  neueren  Judentum 
sich  ihnen  gegenüber  als  bse  machtlos  erwies. Kann  also  internatio- 
naler guter  Wille  eine  so  einzigartige  historische  Beziehung 
zu  Jerusalem  übersehen?  Daher  glaube  ich,  daß  Israel  einen 
unverlierbaren  Rechtsanspruch  auf  Jerusalem  hat. 

Dieser  Überzeugung  muß  ich  aber  einen  einschränkenden 
Schlußsatz  hinzufügen,  und  diese  Hinzufügung  erfordert  besondere 
Betonung.  Wenn  eine  unvergleichliche  Übermacht  ihren  brutalen 
Druck  durch  Drohungen  und  Tatsachen  noch  mehr  verstärken  sollte 
und  ein  ganzer  Chor  von  Nationen  von  Israel  fordern  sollte,  sein 
altes  Jerusalem  aufzugeben,  wäre  es  viel  besser,  dem  Drängen 
der  Völker  nachzugeben,  als  einen  neuen,  noch  viel  riskanteren 
Krieg  heraufzubeschwören  oder  einen  kriegerischen  Zustand 
chroniscfc(werden  zu  lassen.  Diese  unvollkommene  Welt, wie  sie  ist, 
ist  unsagbar  mächtig  und  unberechenbar.  Keine  Nation  sollte  ihre 
Kraft  überschätzen  oder  in  der  Trunkenheit  eines  Sieges  unaus- 
führbare Beschlüsse  fassen.  Ohne  ein  Minimum  an  internationaler 
Sympathie  kann  selbst  ein  großes  Volk  nic\.  leben,  umso  weniger 
ein  kleines.  Aber  ohne  das  ihm  gebührende  Jerusalem,  das  seit 
3000  Jahren  seine  legitime  Hauptstadt  ist,  kann  Israel  leben. 
Das  Leben  ist  wichtiger  als  was  in  ihm  teuer  ist.  Und  der  eigene 
Bestand  ist  nicht  die  einzige  Israel  auferlegte  Verantwortung. 
Israel  trägt  hohe  Mitverantwortung  für  das  Los  der  Menschheit 
und  muß  gegebenenfalls  schmerzliche  Opfer  bringen,  um  den 
Weltfrieden  zu  retten  und  seiner  Gefährdung  vorzubeugen. 


426 

So  manches  Memorandum  wird  zur  Zeit  seiner  Aktualität 
verworfen,  doch  kann  es  später,  auch  viel  später,  einen  von 
der  ursprünglich  erwarteten  Wirkung  verschiedenen  Wert  erlangen. 
Auf  diese  und  andere  Gefahren  hin  mußte  auch  das  vorliegende 
geschrieben  werden,  um  bald  oder  irgendwann  Nutzen  zu  bringen. 

Durch  die  Meerengen  zum  Frieden 

In  einer  Welt,  in  der  das  Recht  des  Stärkeren  einerseits 
und  die  gegenseitige  Gefährdung  der  Stärksten  anderseits 
durch  Einsicht  und  Übereinkunft  auch  nur  merklich  eingeschränkt 
wäre, könnten  Menschen  und  Völker  schon  bedeutend  freier  atmen. 
Doctjsind  brutale  Eingriffe  in  Leben  und  Arbeit  der  Nationen 
an  empfindlichen  geographischen  Punkten,  u.zw.  an  den  wichtigen 
Meerengen  möglich  und  aus  neueren  und  neuesten  Erfahrungen 
genügend|bekannt.  Solange  internationale  Beziehungen  normal 
bleiben,  ist  dieDurchf ahrt  problemlos.  Aber  ein  Mißbrauch  seitens 
einer  verwaltenden  Macht,  und  schon  die  bloße  Möglichkeit, 
einen  dieser  nahezu  unersetzlichen  Seewege^oder  für  die  Schiff- 
fahrt bestimmter  Völker  zu  sperfen,kann  zu  einem  bösen  Druck- 
mittel werden  und  verhängnisvolle  Spannungen  oder  Kriege  nach 
sich  ziehen.  In  einer  von lauernden  Gefahren  und  insbesondere 
von  gegenseitiger  Erbitterung  zu  befreienden  Familie  der 
Nationen  wäre  daher  die  Kontrolle  über  alle  Meerengen  durch 
Übergabe  an  die  VN  zu  internationalisieren. 

Daß  dem  nicht  längst  so  ist,  daß  die|für  Handel  und  Wandel 
aller  Völker  lebenswichtigen  Seewege  immer  noch  Privateigentum 
der  Nachbarstaaten  oder  imperialistischer  Großstaaten  sind, 
ist  im  Grunde  so  unbegreiflich  wie  etwa  die  Duldung  von  Sklaverei 
oder  wie  Verfolgung  wegen  einer  dogmatischen  Andersartigkeit 
oder  Hinrichtung  wegen  einer  sexuellen  Abnormalität .  Die  Absurdi- 
tät eines  solchen  Rechtstitels  ließe  sich  durch  eine  städtische 
Straße  mit  intensivem  Verkehr  veranschaulichen  und  durch  ein  an 
einer  Kreuzung  gelegenes  Haus,  dessen  Besitzer  nur  die  ihm  geneh- 
men Leute  passieren  ließe.  Es  ist  nicht  mehr  als  ein  verschim- 
meltes Gewohnheitsrecht,  dessen  Morschheit  sich  durch  plötzliche 
einseitige  Proklamationen  nicht  ändert.  Die  Schäden,  die  Gewohn- 
heiten dem  Denken  und  Wirken  der  Einzelnen  und  der  Gemeinschaften 
zufügen,  anerkennt  die  Menschheit  instinktiv,  indem  sie  unvor- 
eingenommene Köpfe,  die  vom  Joch  der  Gewohnheiten  befreien, 
teils  abhaut,  teils  krönt.  Wenn  aber  der  Bann  einer  kritiklosen 


4-27 

Gewohnheit  einmal  gebroiW  ist,  fällt  es  den  Meisten  schwer, 
zu  glauben,  daß  etwas  wie  der  abgeschaffte  Brauch  überhaupt 
jemals  bestanden  hat;  und  das  wird,  falls  wir  Glück  haben, 
in  nicht  allzu  ferner  Zukunft  für  das  Eigentum  an  den  Meerengen 
zutreffen,  das  dann  nur  noch  als  schmachvolle  Usurpation  gelten 
wird. 

Da  die  UNO  glücklicherweise  existiert  und  sowohl  abwärts 
als  aucn  aufwärts  entwicklungsfähig  ist,  fehlt  es  nicht  mehr 
an  Händen,  die  Schätze  wie  Sb&  die  internationalen  Wasserwege 
als  Eigentum  der  Menschheit  werden  verwalten  können. 

Neuerdings  hat  das  alte  Problem  zwei  Aktualisierungen 
erfahren,  deren  eine  tausende  Menschenleben  gefordert  hat, 
während  die  andere  gute  Aussichten  auf  unblutige  Beilegung  hat. 
Dem  Problem  von  Gibraltar  gebührt  chronologisch  der  Vortritt. 
Der  senile,  wenn  auch  nicht  alte,  Faschismus  Spaniens  sehnt  sich, 
nach  neuer  Popularität,  als  könnte  sie  ihm  noch  zum  Jungbrunnen 
werden.  Der  alte  Franco  soll  einen  jungen  König  ernannt  haben 
und  versucht  das  welke  Regime  durch  ein  paar  billige  demokraties 
seile  Ornamente  aufzufrischen.  Die  als  Appetit  auf  Prestige  KÖdÖt 
erklärliche  Forderung  an  das  todwunde  britische  Imperium  nach 
Rückerstattung  Gibraltars  wäre  in  dem  Falle  berechtigt,  wenn 
die  Meerenge  weder  dem  fremden  Eindringling  noch  der  Allgemein^ 
heit  gehörte,  sondern  dem  Anrainer.  Dochjsollten  wir  endlich  so 
weit  sein,  daß  dieser  Punkt  zumindest  nicht  mehr  unstrittig 
wäre.  So  schiene  es  wohl  vernünftig,  wenn  die  internationale 
Diplomatie,  besonders  diejenige,  der  Franco  seine  Anerkennung 
verdankt,  ihn  noch  ein  wenig  beruhigte,  bis  die  langst  fällige 
prinzipielle  Frage  eine  einer  gesitteten  Menschheit  würdige 
Regelung  erfährt. 

]2eue  rdings 

In  Ägypten  und  in  dessen  Nähe  ist  es  3ä®6£$  der  Mißbrauch 
durch  den  Anrainern,  nicht  ein  imperialistischer  Eingriff  aus 
der  Ferne.  Den  Suezkanal  hat  das  unabhängig  gewordene  Ägypten 
kostenlos  geerbt,  noch  kostenloser  als  die  arabischen  Eroberer 
des  Nillandes  das  Inventar  einer  uralten,  ihnen  lange  völlig 
unverständlich  gebliebenen  Hochkultur  geerbt  hatten.  Solange 
die  Gewohnheitsrechte  an  benachbarten  Wasserwegen  nicht  einmal 
Kritik  hervorriefen,  fiel  es  nichtm  besonders  auf,  wie  sich 
Nasser  in  der  noch  unbestrittenen  Bauberrarolle  benahm  und  das 
angemaßte  Recht  offen  mißbrauchte,  um  alles  Unbequeme  zu  terro- 
risieren und  Israel  zu  würgen.  Wenn  der  Haager  Gerichtshof  von 


428 


jeher  das  gewesen  wäre,  was  er  sein  sollte  und  hoffentlich 
noch  in  unserem  Jahrhundert  werden  wird,  wäre  schon  Naocors 
Mißbrauch  des  Suezkanals  als  Friedensbruch  und  Kriegshandlung 
verurteilt  worden.  Daß-**  schließlich  4*a?eh  die  Blockade  von  Xiz 
Tiran  Israel  von  Süd  und  Ost  abschnitt  und  auch  andere  Staaten  i 
ihrer  freien  Handelsrechte  beraubte,  war  eine  Agression,  etwa 
damit  vergleichbar,  daß  jemand  das  Schwarze  Meer  für  die  Sowjet« 
union  gesperrt  oder  die  atlantischen  Häfen  Frankreichs  blockiert 
hätte.  Wenn  es  überhaupt  internationale  Interventionen  gegen 
solche  Wegelagererethik  gab,  worin  bestanden  sie?  Wer  war  nicht 
heilfroh,  selbst  unbehelligt  durchfahren  zu  dürfen? 

Angesichts  des  grausamen  uherhandnehmens  einseitig  egoisti- 
scher Interessen  in  den  VN  und  des  gegenwärtigen  Verfalls  völker- 
rechtlichen Denkens  wird  es  gewiß  nicht  bald  zu  einer  prinzipi- 
ellen Revision  des  Eigentumsrechtes  an  allen  Meerengen  kommen. 
Doch  wenn  die  Friedenskonferenz  ohne  Krieg  der  Menschheit  ver- 
gönnt sein  sollte,  wäre  ein  allgemeiner  Neuaufbau  ohne  diese 
Regelung  lückenhaft  und  fast  sinnlos.  Die  große  Konferenz  wird 
sämtliche  Seewege  den  Usurpatoren  zu  entziehen  und  der  UNO  als 
Treuhänderin  der  Menschheit  zu  übergeben  haben,  um  Giftstoffe 
wie  Erbitterung  und  Verzweiflung  aus  dem  internationalen  Leben 
zu  entfernen,  ^itens  Amerikas  ist  offenbar  keine  Störung  einer 
fairen  Lösung  zubeCurchten.  Im  Gegenteil,  eine  jüngst  publi- 
zierte autoritative  iuBer^ung  kann  in  dem  Sinne  interpretiert 
werden,  daß  die  Vereinigten&taaten  im  Rahmen  eines  globalen 
Übereinkommens  auch  der  Internafcionalisierung  des  Panamakanals 
zustimmen  würden.  Da  einer  der  Wege^sum  Weltfrieden  durch  die 
internationalisierten  Meerengen  führt,  wtfcc^e  diese  Lösung  eine 
ganze  Reihe  weiterer  guter  Schritte  ermöglicfea«^ 


Bas  Hauptziel  der  Friedenskonferenz 

NachDarstellung  einer  Reihe  von  Fragen,  deren  Lösungen  als 
schwierige  Aufgaben  der  Friedenskonferenz  anzusehen  sind, 
versuchen  wir,  der  schwierigsten  aller  Menschheitsfragen  von  tes 
heute  furchtlos  in  ihr  furchtbares  Auge  zu  sehen:  Wie  kann  der  & 
Zusammenstoß  zwischen  den  drei  gefährlichsten  nuklearen  Groß- 
mächten und  ihren  Verbündeten  vermieden,  wie  können  die  aus 
ihren  wirklichen  Gegensätzen  erwachsenen  Schwierigkeiten  aufge- 
hoben oder  so  weit  verringert  werden,  daß  ihre  Bevölkerung 
und  die  der  ganzen  Erde  gerettet  werden  kann? 


429 

Vor  dem  Versuch  einer  Beantwortung  ist  schon  klar, 
daß  eben  das  Zustandekommen  einer  Friedenskonferenz  ohne  Krieg 
der  erste  Prüfstein  ist.  Wenn  unser  Aller  Not  zu  jener  Auf ersteter 
hung  der  menschlichen  Einsicht  geführt  haben  wird,  die  Verhandiii 
lungen  zwischen  den  mächtigen  Gegnern  und  zwischen  allen  Völkern 
überhaupt  ermöglicht,  wird  die  chronisch  explosionsreife  Gehäs- 
sigkeit und  Angriffswut  bereits  gemildert  sein.  Diese  Voraus- 
setzung zu  erwirken,  die  großen  und  kleinen  Völker  an  den  Verkäs 
handlungs tisch  zu  bringen,  ist  s±  an  sich  ein  Ziel,  nicht  viel 
weniger  bedeutend  als  alle  diejenigen  Aufgaben,  die  der  Wationen 
dort  harren.  Es  gibt  dazu  keinen  besseren  Auftakt  als  den  in- 
ständigen Appell  an  Einsicht  und  Logik  und  den  unermüdlichen 
Hinweis  auf  die  Tatsachen  und  auf  die  gräßliche  Alternative, 
die  ja  niemand  wirklich  wollen  kann  und  die  kein  einigermaßen 
Gesunder  wählen  wird,  wenn  irgend  eine  Hoffnung  übrig  bleibt. 
Aber  die  vielen  bisherigen  Fehlleistungen  haben  die  Lage  schon 
derart  kompliziert,  daß  eben  die  ersten  Schritte  zur  Gesundung, 
zur  Bereitschaft  und  zum  Entschluß  jetzt  als  die  größte  Schwie- 
rigkeit erscheinen.  Vor  allem  hält  nichts  auf  Erden  von  VersöhsH 
nung  intensiver  ab  als  frisches  Blut,  das  die  Lage  nicht  sehen 
läßt  wie  sie  ist  und  die  Alternative  vernebelt.  Auch  kühle,  von 

he 

unlängst  gesehenem  Unglück  nicht  direkt  betroffene  Köpfe  können 
sich  kaum  von  diesen  unheilvollen  Fernwirkungen  blutiger  Tragödi- 
en freihalten.  Wenn  trotz  so  immensen  psychologischen  Gegenkräf- 
ten auch  nur  eine  einzige  Macht  zu  gewinnen  wäre,  eine  der  Drei, 
so  stünde  ihr  ein  Weg  zur  erfolgreichen  Friedensoffensive  offen: 
Die  Andern  durch  eine  große,  heroische  Konzession  zu  gewinnen, 
durch  ein  offenes,  freimütiges  Angebot  eben  dessen,  was  sie 
bisher  von  ihr  vergeblich  gefordert  hatten.  So etwas  ist  heroisch 
zu|nennen,  denn  wenn  es  einen  Politiker  gäbe,  der  darüber,  daß  das 
Schiff  nicht  an  seinem,  sondern  am  andern  Ende  leck  ist,  sich 
nicht  freuen  würde,  sondern  den  Sinn  verstünde,  einfach  logisch 
dächte,  hätte  er  ja  das  eigene  Hinterland  gegen  sich,  denn  aus 
echten  Konzessionen  würde  man  ihm  einen  Strick  drehen.  Wenn  er 
in  seinem  Lande  nicht  besonders  hohes  Ansehen  genösse,  würde  werter 
schon  der  bloße  Versuch  zu  einer  einschneidenden  politischen 
Konzession  ihn  zu  Fall  bringen.  Ein  Wagnis  von  ähnlichen  Dimen- 
sionen unternahm  de  Gaulle,  indem  er  Algerien  aufgab,  als  er 
einsah,  daß  weiteres  Blutvergießen  gänzlich  zwecklos  sei.  Diese 
Einsicht  kam  sehr  spät,  aber  noch  nicht  zu  spät;  sie  müßte  nun 


430 

zum  Vorbild  werden.  Wir  wären  glücklich  zu  preisen,  wenn 
Einsicht  und  Mut  in  den  noch  viel  wichtigeren  Belangen  in 
ähnlichem  Geiste  die  Rettung  herbeiführten.  Nur  müßte  die 
Konzession,  die  Allen  das  Heil  brächte,  noch  viel  freiwilliger 
erfolgen,  nicht  unter  dem  Druck  eines  verlustreichen  und  zu- 
nehmend hoffnungslosen  Krieges»  Wenn  ein  solcher  Akt  von  einer 
Seite  vollbracht  wäre,  ohne  daß  der  so  handelnde  Führer  von 
den  eigenen  Leuten  als  Verräter  hingerichtet  würde,  wäre  die 
gesamte  Weltpolitik  bereits  von  Grund    auf  geändert.  Die  Gegen- 
seiten würden  leichter  verstehen,  worauf  es  ankommt,  und  hätten 
für  ihren  Hausgebrauch  etwas  höchst  Konkretes,  worauf  sie  sich 
stützen  könnten.  Dann  könnten  auch  sie  es  wagen.  Das  erste 
große  Zugeständnis  müßte  nicht  unbedingt  im  voraus  durchgeführt 
werden,  sondern  brauchte  nur  als  Beitrag  zum  Erfolg  der  einzu- 
berufenden Friedenskonferenz  verbindlich  und  feierlich  verspro- 
chen zu  werden,  unter  der  Voraussetzung  analoger  Schritte  der 
Gegnseitea.  Es  braucht  wohl  nicht  nochmals  hervorgehoben  zu 
werden,  daß  es  sich  nicht  um  Kleinigkeiten  oder  um  Angelegen- 
heiten diplomatischer  Routine  handeln  dürfte,  sonder  nur  um 
ganz  große,  für  den  Andern  oder  für  die  Andern  höchst  wertvolle 
Gaben  territorialer,  militärischer  oder  politischer  Natur.  Wie 
jeder  weiß,  sind  solche  Zugeständnisse  an  das  Ausland  in  den 
Konstitutionen  der  meisten  Länder  verboten  und  widersprechen 
dem  Eide  von  Staatsoberhäuptern  und  Regierungsmitgliedern. 
Aber  damals,  als  die  Konstitutionen  und  die  Eide  formuliert 
wurden,  war  von  Waffen,  die  das  ganze  Land  und  zugleich  alle 
andern  Länder  vernichten  können,  noch  nichts  bekannt.  Wie  tforytibna- 
de  Gaulle  in  voller  Legalität  die  Zustimmung  des  Volkes  zu  seiner! 
verständigen  und  kühnen  Tat  erlangte,  können  und  müssen  die 
wirklich  verantwortlichen  Führer  der  Weltpolitik  derjenigen 
Verpflichtungen  entbunden  werden»  die  unsinnig  und  schädlich 
geworden  sind,  da  ihre  starre  Einhaltung  zum  beispiellosen 
Unglück  des  den  Regierenden  anvertrauten  Landes  „und  jedes 
andern  Landes  werden  müßte.  Eine  einzige^Tat  solcher  Art,  in 
den  Weltmaßstab  übertragen,  wäre  der  Weg  zur  Friedenskonferenz 
und  zu  ihrem  Erfolg. 

Schon  durch  die  bloße  Möglichkeit  solcher  Taten  wäre 
virtuell  eine  neue  Geschichtsepoche  eingeleitet.  In  der  kommenden 
Ära  wären  Nationalismus  und  Patriotismus  voraussichtlich  auf 
ein  für  uns  noch  unvorstellbares  Minimum  reduziert.  Ihre  histori- 
sche Funktion  xa  des  Schutzes  von  Völkern  und  Ländern  hätten  sie 


431 

erfüllt  und  würden  daher  von  andern  Ideen  und  Beziehungen 
abgelöst  werden,  soweit  sie  sich  nicht  im  Gefolge  konservativer 
Tendenzen  als  Schatten  erloschener  Funktionen  erhielten.  Was 
wäre  es,  das  den  riesigen  von  ihnen  heute  eingenommenen  Raum 
dann  füllen  würde?  Vielleicht  wäre  es  das  den  ethnischen  und 
territorialen  Einheiten  Gemeinsame,  ein  auf  dem  Wissen  um  die 
Gefahr  und  auf  einer  gewissen  Einigung  beruhendes  Streben  nach 
Erhaltung  des  Ganzen.  Jenseits  dieses  Zieles  wären  es  Faktoren, 
die  jetzt  wohl  unserer  Phantasie,  doch  noch  nicht  einer 
Definition  zugänglich  sind. 

Die  Kategorie  der  Opfer,  die  in  voller  Freiwilligkeit 
dem  TiHrerr  Frieden  zwischen  den  drei  Hauptmächten  und  dem  der 
ganzen  Erde  darzubringen  sind,  oder  die  Größe  der  erforderli- 
chen Konzessionen  würde  ich  durch  zwei  Beispiele  darzustellen 
wagen,  wobei  zuzugeben  ist,  daß  auch  das  unter  den  gegebenen 
Umständen  ein  Wagnis  sein  muß,  schon  darum,  weil  durch  einen 
Mißerfolg  eines  der  Anfangsgründe  der  gesamte  Friedensplan 
scheitern  könnte.  Ein  solches  Beispiel  wäre  die  Erf üllung  der 
territorialen  Forderungen  Chinas  an  die  Sowjetunion^^  wird  dem 
i^eser  nicht  schwer  fallen,  nach  der  Geschichte  des  19.  Jahr  hunderte 
zurückzublicken.  Das  jeder  politischen  und  militärischen  Abwehr 
unf  äna^ge  Riesengebilde  China  war  der  nimmersatten  Habgier  der 
westlichen  Raubmächte  hoffnungslos  preisgegeben.  Sooft  es  ver- 
möge der  Überreste  seiner  Würde  und  aus  Furcht  vor  gänzlichem 
Ausgeweide twXrden  sich  zu  kriegerischer  Verteidigung  aufraffte, 
geschah  es  im  bexb  Bewußtsein  der  Aussichtslosigkeit  und  in 
dumpfer  Verzweiflung.  Jeder  jener  tragischen  Kriege  brachte  noch 
mehr  Verluste  und  Demütigungen.  Das  klassische  Beispiel  war  das 
schändliche  Unternehme»  des  Opiumkrieges,  durch  das  ein  von  der 
Raubsucht  seiner  Oberschicht  auch  seiner  Urteilskraft  beraubtes 
Britannien  in  unvergeßliches.  Schmach  versank.  Durch  diese  Verbree 
chen  war  das  geschlagene  ChinSi  gezwungen,  auch  noch  Hongkong 
herzugeben;  mit  der  vielleicht  bevorstehenden  Rückerstattung 
dieser  Kolonie  an  China  wird  der  vorletzte  oder  der  letzte 
Besitz  des  britischen  Kolonialreiches^ verloren  sein  und  das 
britische  Volk  wird  beweisen  müssen,  daß  es  kraftvoll  und  ehrbar 
auf  eigenen  Füßen  stehen  kann.  Wie  das  he\tige  England  als  Erbe 
und  bisheriger  Nutznießer  sich  zum  viktorian^schen  verhält, 
verhält  sich  leider  auch  die  Sowjetunion  zu  jehem  skrupellosen 
und  doch  innerlich  schwachen  Zarenreich,  das  einemvon  Demütigung 
zu  Demütigung  geschleuderten  Ching-China  jene  in  des* 


432 

^storischen  Erinnerung  des  Westens  fast  vergessenen  asiatischen 
Territorien  abzwang.  Es  war  seitens  Rußlands  nicht  eigentlich 
blutigerBaub,  sondern  schnöde  Erpressung  durch  parasitäre  Aus- 
nützung britishen  und  französischen  Raubmordes  ^Sollte  der 
Kommunismus  dem  Sowjetstaat  ein  nur  nach  ausgesprochen  imperia- 
listischen Begriffen  geS^tendes  Recht  verleihen?  Oder  sollte 
der  russische  Kommunismus , ^selbst  wenn  er  ideologisch  mit  dem 
chinesischen  annähernd  identisch-vWäre ,  für  China  einen  genügen- 
den Grund  bilden,  auf  die  ihm  vom  zaristischen  Rußland  so  ruhm- 
los entrissenen  Territorien  zu  verzichten^ Angesichts  des  unver- 
gleichlichen Gewinns,  den  die  gana  und  gar  fnoiwilligo  Rückgabe 
in  unserer  Zeit  der  Sowjetunion  und  der  ganzen  Menschheit 
bringen  würde,  scheint  der  Augenblick  für  diese  Tat  gekommen« 
Das  Angebot  paritätisch  und  international  überwachter  Volks- 
abstimmungen wäre  wohl  die  beste  Einleitung  zu  würdiger  Durch- 
führung dieses  Planes  zur  Begründung  des  Friedens, 

Einen  nicht  weniger  bedeutenden  Beitrag  zum  Weltfrieden 
könnte  am  Vorabend  der  erhofften  Konferenz  Amerika  leisten. 
Es  sind  nicht  eigentlich  Territorien,  die  es  zurückerstatten 
müßte,  sondern  die  Militärbasen  (S,     ),  die  der  amerikanischen 
Kriegsmacht  einen  für  Alle. und  für  sie  selbst  überaus  gefährli« 
chen  Wirkungsradius  geben|\  für  die  kommunistischen  Länder  eine 
dauernde  -Bedrohung  und  Provokation  bilden,  «äel^sie  in  unaufhörli- 
chem Alarmzustand  halten.  Wenn  Amerika  sich  großmütig  entschlösse, 
alle  diese  Basen  aufzugeben,  hätte  es  damit  nicht  allein  eine 
beispiellose  moralische  Eroberung  vollbracht,  sondern  das  wäre 
der  monumentale  Beginn  der  Abrüstung,  die  erste  Etappe  auf  dem 
Wege  aller  Renschen  zum  Frieden  und  zum  Heil. 

Es  ist  der  tiefe  und  feste  Glaube  vieler  Gutgesinnten, 
daß  sittliche  Taten  der  Einen  ebensolche  der  Andern  zur  Folge 
haben.  Solange  die  Haltung  der  Tibetaner  unklar  oder  uneinheit- 
lich bleibt,  stellt  niemand  an  China. territoriale  Ansprüche, 
und  militärische  Auslandsbasen^hat  es  nicht.  Aber  es  hat  einen 
Kurs  der  unberechenbaren  Feixfechaft,  der  rapiden  Aufrüstung  und 
hemmungslosen  Drohung,  der  fast  überall,  auch  unter  Heutralen 
und  unter  potenziellen  Bundesgenossen,  zunehmende  Besorgnis 
erregt.  Was  China  dem  Frieden  in  der  vorbereitenden  Phase  dar- 
bringen soll,  ist  weniger  konkret,  doch  nicht  weniger  bedeutend. 
Es  ist  die  radikale  Änderung  des  gesamten  Kurses  der  Agressivi- 
tät,  oder,  positiv  ausgedrückt,  der  von  Beweisen  begleitete 


433 

Beschluß  zur  Zusammenarbeit  und  zur  Abrüstung.  Dann  stünde 
dieser  unter  der  elementarenVoraussetzung  der  Allseitigkeit 
nichts  Unüberwindliches  mehr  im  Wege. 

Wenn  wir  in  diesem  Sinne  positive  einleitende  Leistungen 
und  das  Zustandekommen  der  Friedenskonferenz  voraussetzen  dürfen, 
gehen  wir  nun  an  die  Hauptfrage  heran,  mit  der  sich  die  Konferenz 
als  solche  nicht  unbedingt  beschäftigen,  die  sie  sich  aber  in 
allen  ihren  Verhandlungen  und  Maßnahmen  vor  Augen  halten  müßte, 
die  Frage  nach  der  unmittelbaren  und  ferneren  Zukunft  äbx  dieses 
kapitalistisch-kommunistischen  Planeten.  Es  sei  mir  gestattet, 
zunächst  darzustellen,  was  nicht  nur  mein  persönliches  Ideal, 
sondern  ein  gemeinsames  geistiges  Gut  vieler  Menschen  dieser 
Zeit  ist.  Es  ist  die  Aufhebung  der  Gegensätze  durch  eine  Synthe- 
se, ein  Gesellschaftssystem,  das  zwischen  den  beiden  Extremen 
die  Mitte  hält,  indem  es  von  beiden  das  Schlechte  ausschließt 
und  das  Gute  entwickelt;  wobei  unter  schlecht  dasjenige  verstand 
den  sei,  was  Leid,  Unrecht,  Unterdrückung  und  Krieg  verursacht; 
und  als  gut  bezeichnet  sei,  was  Wohlergehen  der  Renschen,  die 
Pflege  ihrer  Werte,  ihre  gegenseitige  Achtung  und  Zusammenarbeit 
und  vor  allem  den  Frieden  unter  ihnen  fördert.  Eine  solche  Mitte 
wäre  ein  diktaturloser  Sozialismus,  in  dem  zunächst  die  Boden- 
schätze, die  Schwerindustrie,  der  Transport  und  der  Großhandel 
Gemeingüter  würden  und  der  Laufes itz  teils  an  Arbeitergruppen, 
teils  an  arbeitende  Kleinbauern  überginge;  während  andere  Wirtes 
schaftszweige,  den  Ergebnissen  der  grundlegenden  Sozialisierung 
entsprechend,  in  diese  in  fernerer  Zukunft  einbezogen  werden  kön- 
nen. Die  ursprünglichen  Besitzer  sollen  nicht  der  Verelendung 
und  Erbitterung  preisgegeben, iwd w h  y  sodern  in  möglichst  pro- 
duktiver Weise  entschädigt  und  konstruktiv  versorgt  werden. 
In  der  neuen  Gesellschaft  wäre  nach  einer  gewissen  Übergangs- 
zeit extreme  Armut  ebenso  abgeschafft  wie  extremer  Reichtum. 
Freiheit  des  Denkens  wäre  durch  nichts  begrenzt,  die  des  fffrftareT^ 
Handelns  nur  durch  elementare  Interessen  der  Allgemeinheit,  wie 
das  Prinzip  der  Erhaltung  und  Förderung  von  Leben  und  Gesund- 
heit, nicht  durch  Macht-  und  Klasseninteressen. 

Doch  das  ist  nicht  mehr  als  das  Bekenntnis  zu  einem  Ideal 
und  daher  wohl  Recht  und  Pflicht  zugleich.  Es  wäre  aber  eine  g 
gefahrvolle  Illusion,  zu  hoffen,  daß  es  in  einer  absehbaren  &hxh 
Zukunft  einen  Weg  geben  könnte,  die  Gesellschaftssysteme 
Amerikas,  Rußlands  und  Chinas  auf  diesen  oder  auf  sonst  einen 
gemeinsamen  Nenner  zu  bringen. Ein  ideologischer  Ausgleich 


zwischen  dem  russischen  und  dem  chinesischen  Kommunismus 
ist  nicht  nur  theoretisch  unschwer  vorstellbar;  denn  die  Atmo- 
sphäre der  erhofften  Friedenskonferenz,  die  vom  Bewußtsein  der 
katastrophalen  Alternative  erfüllt  wäre,  würde  manche  verbar- 
rikadierten Zugänge  öffnen  und  offen  halten.  Zwischen  jedem 
von  beiden  kommunistischen  Großstaaten  und  dem  von  Amerika 
mehr  oder  weniger  repräsentierten  Westen  oder  den  beiden  zusam- 
men und  dem  Westen  ist  hingegen  in  naher  Zukunft  ein  Ausgleich 
der  Systeme  fast  undenkbar;  fast,  denn  auf  historischen  Grund- 
lagen kann  es  keine  positive  oder  negative  Voraussage  ohne  eine 
solche  Einschränkung  geben.  Unter  der  Voraussetzung,  daß  es 
überhaupt  ein  Morgen  gibt,  wäre  angesichts  der  unberechenbaren 
Dynamik  der  Geschichte  sogar  eine  Art  Rollentausch  denkbar, 
wie  er  z.B.  darin  vorgebildet  ist,  daß  der  Buddhismus  und  das 
Christentum  in  ihren  Heimatländern  später  viel  schwächer  gewordai 
und  anderswo  erstarkt  sind. Behalten  wir  also  eine  Möglichkeit 
gegenseitigen  Ausgleiches  im  Auge,  aber  setzen  wir  keine  allzu 
unzeitgemäßen  Hoffnungen  auf  diese  Unwahrscheinlichkeit ,  betrach- 
ten wir  vielmehr  eine  realere  Chance. 

In  der  bösen  Stalinzeit  machte  man  sich  auf  beiden  Seiten 
der  Front  verdächtig  und  gefährdete  sich,  wenn  man  von  Frieden 
sprach.  Dennoch  dachten  schon  damals  Viele,  die  sich  nach  dem 
von  der  Propaganda  des  Hasses  diskreditierten  Frieden  sehnten, 
an  Koexistenz.  Ist  das  nicht  die  im  Grunde  einfache  Idee,  daß 
Zwei,  die  in  ihrem  Denken  und  Leben  von  einander  völlig  verschie- 
den sind,  denselben  Planeten  bewohnen  können,  ohne  einander 
umzubringen?  Man  sollte  meinen,  daß  gegen  diese  Idee  an  sich 
nichts  einzuwenden  wäre  und  daß  logische  Argumente  gegen  sie 
nicht  zu  finden  sind;  trotzdem  sind  die  Kräfte,  die  gegen  sie 
arbeiten,  allzu  mächtig.  Zu  diesen  Gegenkräften  gehören  auch 
zwei  tief  beklagenswerte  Vorstellungen:  Die  eine  ist  die,  daß  man 
Störungen  seitens  des  Andern  nicht  zulassen  dürfe  und  verhindern 
oder  vergelten  müsse,  aber  in  seinen  Bereich  nach  Beliebet!  ein- 
greifen oder  einbrechen  dürfe,  soweit  die  Machtverhältnisse  es 
zulassen.  Die  andere  ist  die  Annahme  oder  die  Voraussetzung, 
daß  der  Andere  nicht  wirklich  Ruhe  geben  will  und  daß  man  zur 
Verteidigung  oder  zum  Angriff  immer  "bereit"  zu  sein  habe.  Die 
Wurzeln  dieser  Vorstellungen  reichen  tief  hinab,  ihre  Zähigkeit 
ist  aber  nicht  absolut  hoffnungslos;  selbst  ein  starr  und  unver- 
änderlich erscheinender  Wahn  kann  unter  unvorhoroohbaron  IJMMtftBP» 


435 

Einf lüasen  und  in  Situationen  der  Entscheidung  verschwinden. 
Wer  kennt  nicht  die  Geschichte  von  jenem  chronisch  Gelämten, 
der,  als  das  ^aus  "brannte  und  Alle  ihn  vergessen  hatten, 
aus  dem  Bett  sprang  und  sich  rettete?  Vielleicht  besteht  eine 
gewisse^  Hoffnung,  daß  schon  der  Brandgeruch  an  unserer  in 
mancher  Beziehung  gelähmten  Logik  das  gleiche  Wunder  vollbringen 
wird.  Ein  so  klassisches  Mirakel  wäre  aber  nicht  unbedingt  not- 
wendig* Im  Augenblick  der  äußersten  Gefahr  würde,  um  im  Bilde 
zu  bleiben,  teilweise  Aufhebung  der  Lähmungen  genügen,  so  daß 
der  Kranke  sich  immerhin  bis  zum  Ausgang  schleppen  könnte. 
Ohne  irreal  zu  werden,  dürfen  wir  ein  relatives  Wunder  solcher 
Art  X38CH  für  die  Menschheit  als  Ganzes  erwarten,  zumal  ihre 
mentale  Gelähmt he it  glücklicherweise  nicht  total  ist. 

In  Amerika  einerseits  und  in  der  Sowjetunion  anderseits 
war  die  Koexistenz  zeitweilig  nahe  daran,  zu  einer  offiziellen 
Formel  zu  werden,  aber  nur  in  einem  virtuellen  Sinne,  und  für 
die  Diskrepanz  zwischen  offiziellen  Reden  und  dem  realen  Ver- 
halten bildet  gegenwärtig  ferictaägte  gerade  diese  ^ormel  ein  Schul- 
beispiel. Faktisch  geht  ja  der  kalte  Krieg  mit  dem  Irrsinn  des 
Wettrüstens  weiter  und  es  schien  schon  im  Juni  1967  mehr  als 
zweifelhaft,  ob  Glassboro  etwas  an  dieser  bejammernswerten  Dyna- 
mik ändern  wird.  Die  Negativität  der  Chinesen  ist  noch  extremer, 
da  sie  es  bis  jetzt  strikt  ablehnen,  sich  auch  nur  an  der  hohlen 
Deklamation  der  Koexiste'zf  ormel  zu  beteiligen;  mit  diesem  ideolo- 
gischen Ge^iisatz  von  höchster  Bedeutung  hat  ja  der  Konflikt 
zwischen  den  beiden  kommunistischen  Großmächten  tatsächlich 
eingesetzt.  Unzeitgemäß  und  im  Widerspruch  zu  einer  gigantischen 
Realität  sind  heute  nicht  nur  die  Konstitut! onon  und  die  EidesgH 
formein  mit  ihren  Verboten  realer  Konzessionen  an  andere  Staaten. 
Nicht  minder  unzeitgemäß  und  noch  w±  weitaus  gefährlicher  ist 
die  orthodox  marxistisch-leninistische  Auffassung  von  der  Welt- 
revolution als  einer  Art  Armageddon,  einem  letzten  Krieg,  dessen 
Idee  die  kommunistische  Orthodoxie  von  der  kirchlichen  geradezu 
entlehnt  zu  haben  scheint.  Es  war  ja  schlimm  genug,  daß  die 
frühen  Ideologen  des  Kommunismus  das  Heil  überhaupt  von  einem 
Kriege  erwarteten«  obwohl  es  ein  Milderungsgrund  sein  mag, 
daß  es  der  letzte  sein  sollte. Aber  sie  wären  gewiß  nicht  so 
hirnverbrannt  gewesen,  Krieg  voauszusagen,  sogar  im  Sinne  eines 
unentrinnbar  notwendigen  Übels, «set  geradezu  als  Postulat,  wenn 
sie  die  Kriegstechnik  vorausgeahnt  hätten,  nach  deren  Anwendung 


es  weder  Sieg  noch  überhaupt  Existenz  gibt.  Selbst  die  436 
liatholicoho  Auffassung  vom  gesamten  Alten  und  Neuen  Testament 
als  der  von  Gott  stammenden  ewiggiltigen  und  in  jedem  Buchstaben 
gleich  heiligen  Wahrheit  hat  sich  ihrer  unzugänglichen  Starrheit 
längst  entledigt.  Die  Sowje£ideologen  waren,  jedenfalls  nach 
dem  Stalinregime,  realistisch  und  elastisch  genug,  um  von  ihrer 
Bibel  nur  das  aufrechtzuerhalten,  was  angesichts  der  neuen 
Wirklichkeit  noch  in  Geltung  bleiben  kann;  und  die  Armageddon- 
Idee  zu  streichen,  seit  sie  mit  einem  Selbstmord  der  Menschheit 
gleichbedeutend  geworden  ±e%-.  Seit  sie  verstanden,  daß  eine 
noch  so  relative  Koexistenz  zur  Bedingung  der  Existanz  geworden 
ist,  führten  sie  die  große  Revision  ihrer  ideologischen  Grundlage 
durch,  der  sie  die  Einheit  des  kommunistischen  Lagers  und  die 
Freundschaft  Chinas  opfern  mußten.  Sie  müooon  mit  weiteren  Opfern 
rechnen,  denn  das  Ringen  um  die  Reste  ihrer  sowieso  schon  bis 
zur  Unkenntlichkeit  eingeschränkten  Hegemonie  hat  sie  in  eine 
ausgesprochen  defensive  Rolle  gedrängt,  für  alloo  das»  wao  in 
ihrer  Politik  oinoiohtig  und  roalioticch  ist,  habon  oio  also 
oohon  bisher  oinon  gowaltigon  Proio  br^hllr-.  Sowoit  cino  Hege- 
monie der  Sowjotunion.nooh  boatohtf  wird  sie  mit  propagandistieg 


sehen, und  diplomatischen  Mitteln  ausgeübt.  Kann  also  angesichts 
des  Preises,  den  sie  für  die  Koexistenz^Eezahlt  haben,  noch  ein 
Zweifel  daran  bestehen,  daß  sie  einen  Großkrfg  wirklich 
vermeiden  wollen? 

Man  könnte  vielleicht  zwischen  zwei  Arten  von  Koexistenz 
unterscheiden«  Die  eine  wäre  nur  eine  gegenseitige  Unterlassung 
von  Störungen,  also  etwas  rein  negatives.  Die  andere  wäre  ein 
organisches  Zusammenwirken,  also  positiv.  Um  das  Ergebnis  vor- 
wegzunehmen: Es  ist  diese  letztere  Auffassung  von  Koexistenz, 
von  der  die  Menschheit  eine  bessere  Zukunft  erwarten  darf. 

In  diesem  Stadium,  in  dem  jeder  Versuch  der  Rettung  vor 
dem  Untergang  noch  gegen  den  Vorwurf  der  Utopie  verteidigt 
werden  muß,  ein  eingehendes  Programm  für  ein  solches  Zusammen- 
wirken auszuarbeiten,  wäre  ebenso  verfrüht  wie  unnötig,  weil  es, 
abgesehen  von  den  schon  bestehenden  Regeln  für  internationale 
Zusammenarbeit,  als  lebendige  Realität  sich  mit  einer  gewissen 
Spontaneität,  schrittweise  ergeben  muß.  Unglücklicherweise  ist 
es  vor  allem  das^f atale  Vorgehen  Amerikas  in  Vietnam,  das  ein 
paar  Ansätze  zu  echter,  aktiver  Koexistenz  nicht  aufkommen 
läßt,  weil  in  dieser  Lage  jede  noch  so  erwünschte  Verständigung 
mit  Amerika  für  die  USSR  zu  einer  nicht  mehr  tragbaren  Kompro- 
mittierung geworden  ist,  in  erster  Linie  zur  Materiallieferung 


437 

an  den  chinesischen  Ankläger.  Erst  die  Einstellung  aller 
militärischen  Kampfhandlungen  in  Vietnam  und  Ruhe  in  den  an- 
grenzenden Ländern  würdet  ermöglichen,  die  Friedenskonferenz  in 
Gang  zu  bringen.  Zur  Erreichung  echter  Koexistenz  als  Endziel 
bildet  ein  elementares  Minimum  an  Koexistenz,  das  modus  vivendi 
genannt  zu  werden  pflegt,  schon  eien  Voraus setung.  Je  länger  sr*ür 
alle  positiven  Schritte  hinausgeschoben  werden, und  jo  länger 
im  fornon  und  im'n^oe  Ooton  dno  militärische  Verderben  mit 
seinem  unabwendbar  waohoenden  wflcungsradius  andauert,  desto 
schwächer  werden  die  Aussichten  jedes  positiven  Bemühens«  Je 
weiter  man  auf  der  schiefen  Ebene  hinabgelangt,  desto  schwerer 
wird  der  Rückweg.  Doch  selbst  ein  zäher  kriegerischer  Konflikt 
muß  leichter  aus  der  Welt  zu  schaffen  sein,  wenn  etwas  von 
jener  positiven,  lebendigen  Koexistenz  schon  vorhanden  ist. 
Dann  wäre  zu  hoffen,  daß  feierlichen  Erklärungen  nicht  gleich- 
zeitige Handlungen  entgegenarbeiten,  in  Vietnam  seitens  Amerikas, 
im  nahen  Orient  seitens  der  Sowjetunion. 

Eine  positive,  wenn  auch  vorläufig  nicht  durch  Einzelheiten 
darstellbare  Koexistenz  müßte  der  Friedenskonferenz  als  Ziel 
vorschweben;  wenn  sie  Zustandekommen  wird,  wird  das  jetzt  erst 
andeutbare  Ziel  auch  erreichbar  werden. 

Je  optimistischer  man  wird,  desto  mehr  muß  man  sich  vor  dem 
Entgleiten  der  Maßstäbe  realistischen  Urteils  hüten.  Doch  unwill- 
kürlich denken  wir  an  die  noch  so  fernliegende  Frage  eines  über« 
nächsten  Entwicklungs Stadiums.  Theoretisch  mag  der  Gedanke 
einer  harmonischeren  Welt  in  Betracht  kommen,  in  der  große 
Ländergebiete  einen  sich  mehr  oder  weniger  natürlich  ergebenden 
ideologischen  Ausgleich  durchführen;  das  Territorium  eines 
solchen  Ausgleiches  wird  nie  die  Erde  umfassen  können,  denn  tota- 
le Unif ormität  widerspricht  den  deutlioh  orkennbaron  Entwicklungs 
gesetzen  und  vor  allem  der  menschlichen  ^atur.  Nur  unter  Druck  h" 
und  Zwang  wäre  globale  Einheitlichkeit  nicht  ganz  unmöglich, 
aber  Freiheit  und  Harmonie  unter  Druck  und  Zwang  sind  undenk- 
bar widerspruchsvoll.  Als  Möglichkeit  wäre  es  wohl  nicht  von  der  ■ 
^and  zu  weisen,  daß  der  Umfang  sozialistischer  Länder  einmal 
etwa  denjenigen  Teilen  der  Erde  entsprechen  könnte,  die  heute 
vom  ausgesprochenen  Kapitalismus  und  vom  ausgesprochenen  Kommu- 
nismus eingenommen  sind.  Man  braucht  nicht  utopisch-messianisch 
inspiriert  zu  sein,  um  sich  eine  solche  Zukunft  als  praktisch 
ungestörten  Friedenszustand  auszumalen. Noch  einfacher  kann  man  s 
sich  mit  der  Annahme  begnügen,  daß  faire  Schiedsgerichtsbarkeit 


438 

und  noch  mehr  eine  verbessete  psychische  Gesundheit  und  somit 
auch  Veredelung  der  Menschenrasse  die  nie  verschwindenden  Rei« 
bungen  auf  ein  Minimum  reduzieren  wird;  und  daß  der  Wegfall 
von  Tendenzen  zum  Raub,  zur  Unterdrückung  und  zur  Ausbeutung 
die  noch  vorhandenen  Gegensätze  zwar  nicht  aufheben,  aber 
bis  zur  Erträglichkeit  verringern  wird. 

Erst  eine  solche  Verbesserung  des  Menschen  würde  eine 
pluralistische  Menschheit  ermöglichen  und  gewährleisten,  eine 
solche,  deren  Teile  aufgehört  haben  Wörden,  einander  zu  fressen 
oder  fressen  zu  wollen.  Als  Vorläufer  des  Pluralismus  einer 
Menschheit,  die  wir  uns  lebenswillig,  lebensfähig  und  lebenswür- 
dig vorstellen,  kann  im  Prinzip  die  Demokratie  aufgefaßt  werden. 
Doch  wirkt  die  bestehende  Demokratie  eher  als  Warnung  denn  als 
Vorbild,  solange  sie  selbst  von  der  Sucht  des  gegenseitigen 
Fressens  besessen  ist.  ,    . , 

Ein  so  gereinigter  Pluralismus^ gewiß  länger  erhalten  als 
eines  der  weithin  herrschenden  und  in|sich  einheitlichen  Systeme. 
Innerhalb  seiner  hätten  diese  einander  entgegengesetzten  Systeme 
eine  Existenzberechtigung,  die  auf  einer  logischen  Punktion 
beruhen  würde,  auf  der  Herbeiführung  ±  und  Sicherung  des  Gleich- 
gewichtes. Das  wäre  also  der  globale  Pluralismus  einer  Gesell- 
schaft, deren  einander  heute  bekämpfendem  Komponenten  für  die 
Gesamtheit  notwendig  und  unentbehrlich  wären.  Und  in  eben  diesem 
Sinne,  wenn  auch  erst  virtuell,  sind  sie  das  wohl  schon  heute. 
Die  Konsequenz,  daß  die  existierenden  Systeme  in  ihrer  ßegensätz- 
lichkeit  einen  positiven  Sinn  haben,  mag  überraschen,  aber  sie 
ist  unvermeidlich.  Sie  könnte  überdies,  von  Vielen  angenommen, 
sich  schon  jetzt  günstig  auswirken.  Umso  mehr  gilt  das  für  künf- 
tige Möglichkeiten»  Die  Erkenntnis  einer  Notwendigkeit  des 
Gegenspielers  kann  eine  friedensfördernde  Kraft  werden. 

Von  Sinn  und  Bedeutung  des  Friedens  hat  die  kriegserfah- 
rene genschheit  eine  recht  vage  Vorstellung;  sie  bringt  die 
Schwäche  ihres  Begriffes  von  Frieden  ungewollt  zu  sinnfälligem 
Ausdruck,  indem  sie  ihn  rein  negativ  zu  definieren  pflegt,  als 
Zustand  ohne  Krieg.  Doch  haben  wir  eine  Ahnung  davon  in  uns, 
daß  erst  Menschen,  die  ihre  besten  Kräfte  nicht  mehr  in  gegen- 
seitigem Kampf  mißbrauchen  und  verbrauchen,  im  vollen  Sinne 
als  Menschheit  gelten  können.  Eine  solche  Menschheit  könnte 
Aufgaben  erfüllen,  die  sie  in  den  Situationen  der  gegenseiti- 
gen Paralysierung  nie  bewältigen  kann.  Die  Abwehr  aller  tödlichen 
Gefahren  erfordert  Einigung.  Auch  den  Katastrophen,  die  uns  durch 


4-39 

Verpestung  der  Erde  und  ihrer  Atmosphäre  und  durch  Übervölkerung 
drohen,  wird  nur  eine  befriedete  und  zusammenwirkende  Menschheit 
begegnen  können« 

Unter  der  Voraussetzung  der  Abschaffung  des  Krieges  als 
internationalen  Regulators  würde  die  Wissenschaft,  die  zur 
Todfeindin  des  Ftenschen  geworden  ist,  wieder  Freundschaft  mit 
uns  schließen»  Der  Abbruch  des  Rüstens  würde  schon  allein  genügst 
gen,  gewaltige  Energien  freizumachen,  die  sofort  konstruktiven 
Zwecken  zugute  kämen.  Den  unserer  Befreiung  und  Veredlung  zu- 
strebenden Kräften  würden  nicht  länger  die  größeren  Mächte  der 
Zerstörung  entgegenarbeiten.  Eine  nicht  mehr  gegen  uns,  sondern 
für  uns  arbeitende  Technologie  könnte  das  Leben  lebenswerter 
machen  als  es  jemals  gewesen  ist« 

Abschließend  sei  es  noch  klarer  zusammengefaßt:  Der  Friede 
und  die  Lösung  der  ihn  am  schwersten  gefährdenden  Probleme  ± 
sind  unerläßlich«  Ideologische  Synthese  oder  politischer  Synkre* 
tismus  sind  nicht  unerläßlich«  Sie  sind  hypothetische  Möglich- 
keiten, deren  Realisierung  sich  aus  verbesserten  Lebensbedingung 
gen  organisch  ergeben  kann«  Die  realere  Zielsetzung  ist  daher 
die  Versöhnung  der  Menschen  mit  einander,  ohne  daß  wir  auf  Auf- 
hebung ihrer  Gegensätze  bestehen;  und  Zusammenarbeit  der  mensch- 
lichen Gruppen  wie  sie  sind,  damit  der  Friede  selbst  weiterhin 
ausgleichend  und  verbessernd  wirke. 

E^-^gMA-^l£-M|  größte  politische  Errungenschaft  werden 

könnte 


In  Anbetracht  der  Grenzen,  die  jedem  Menschenwerk  gesetzt 
sind,  und  der  beschränkten  Zeitdauer  jeder  Konferenz,  soll  das 
Petitionsrecht  ergänzend,  fortsetzend  und  korrigierend  wirken, 
eine  Friedenskonferenz  in  Permanenz  bilden«  M.  Es  soll  dem 
Aufbau  des  Friedens  Elastizität  verleihen,  Erstarrung  verhindern, 
organische  Anpassung  an  veränderte  Bedingungen  ermöglichen  und 
vor  allem  dem  Prinzip  der  an  Stelle  von  Drohung  und  Gewalt 
tretenden,  auf  Einsicht  beruhenden  Rechtsprechung  dienen« 

Für  den  Ausbau  und  die  Praxis  des  Petitionsrechtes 
seien  fünf  Grundsätze  empfohlen: 

1«  Jeder  ethnischen  Gruppe  oder  jeder  Gruppe,  die  sich 

als  solche  erklärt  und  keine  oder  nur  teilweise  staatliche 

Selbständigkeit  besitzt,  wird  das  Recht  zugebilligt,  sich  in  s±x 

einer  Petition  um  Aufnahme  an  die  VW  zu  wenden« Die  Petition  muß 

von  10.000  Erwachsenen  unterzeichnet  sein  und  die  Unterschriften 
müssen  von  einer  der  Generalversammlung  der  VJüf 


440 

verantwortlichen  Kommission  für  giltig  erklärt  werden» 
Die  Aufnahme  erfolgt  nach  Untersuchung  durch  eine  Kommission 
wie  die  früher  genannte  auf  Grund  einer  Abstimmung,  die  der 
für  Abstimmungen  über  die  Aufnahme  von  Mitgliedstaaten  vorge- 
sehenen gleicht.  Doch  sind  die  Rechte  nichtstaatlicher  Gruppen 
von  denen  der  Mitgliedstaaten  verschieden.  Sie  haben  in  einem 
von  der  Generalversammlung  zu  bestätigenden  Statut  festgelegt 
zu  werden. 

Den  als  Mi tgliedsrauf genommenen  nicht staatlichen  Gruppen 
steht  kein  Petitionsrecht  mehr  zu,  sondern  das  Recht  auf 
Anträge  an  die  Generalversammlung, 

2,  Jeder  ethnischen  oder  sich  als  solche  erklärenden 
Gruppe,  die  nicht  Mitglied  der  VM  ist,  steht  das  Recht  zu, 
in  einer  Petition  Anspruch  auf,  staatliche  Selbständigkeit  zu 
erheben  und  an  eine  Nation  oder  Regierung^territcrrial%  edea? 
wirtschaftliche  Ansprüche  zu  stellen.  Petitionen  dieser  Art 
erfordern  die  Unterschriften  von  25%  der  Erwachsenen  derjenigen 
Bevölkerung,  in  deren  Namen  sie  eingebracht  werden,  und  nicht 
weniger  als  eine  Million  Unterschriften,  die  wie  in  Punkt  1 
für  giltig  erklärt  sein  müssen«  doch  ohne  dio  dort  vorgesehene 
Empfohlung»  Nach  Untersuchung  durch  eine  Kommission  und  Prüfung 
ihres  Gutachtens  kann  die  Generalversammlung  den  Antrag  oder  die 
Anträge  mit  einer  Majorität  von  neun  Zehnteln  annehmen  oder 

auf  Grund  eines  mit  einfacher  Majorität  gefaßten  Beschlusses 
dem  Internationalen  Gerichtshof  zur  Behandlung  und  Urteilsspre^k 
chung  zuweisen.  Die  Entscheidung  des  Gerichtshofes  im  Sinne  des 
Antrags  kann  nur  mit  einer  Majorität  von  drei  Vierteln  erfolgen« 
Auf  Grund  des  eigenen  Beschlusses  oder  des  vom  Internationalen 
Gerichtshof  gefällten  Urteils  übernimmt  die  Generalversammlung 
die  Verantwortung  für  die  Ausführung. 

3.  Jeder  Gruppe  in  jedem  Lande,  die  nicht  Mitglied  der  UM) 
ist,  steht  das  Recht  zu,  Beschwerden  gegen  eine  Nation  oder 
eine  Regierung  wie  auch  gegen  die  UNO  und  deren  Organe  in  einer 
Petition  vor  die  Generalversammlung  der  UHQ  zu  bringen.  Die  äsxfc 
Bestimmungen  über  die  Zahl  der  Unterschriften  und  deren  Bestäti- 
gung sind  die  gleichen  wie  in  Punkt  1.  Die  Generalversammlung 
entscheidet  über  solche  Beschwerden  entweder  selbst  mit  einer 
Majorität  von  drei  Vierteln  oder  sie  weist  sie  auf  Grund  eines 
Beschlusses,  der  nur  einfache  kajorität  erfordert,  dem  Interna- 
tionalen Gerichtshof  zur  Behandlung  und  Entscheidung  zu.  In 


441 

beiden  Fällen  übernimmt  die  generalver  Sammlung  die  Verantwortung 
für  die  Ausführung  des  Beschlusses. 

4.  Wenn  Petitionen  wie  die  in  Punkt  2  definierten  eingefezas 
bracht  werden,  jedoch  nicht  vor  Ablauf  von  10  Jahren  nach 
Abschluß  der  Friedenskonferenz,  können  sie  auch  zu  Änderungen 
von  Beschlüssen  der  Friedenskonferenz  führen. 

5.  Abgelehnte  Petitionen  können  verändert  oder  unverändert 
nach  10  Jahren  unter  den  gleichen  Bedingungen  nochmals  einge- 
bracht und  nach  Ablauf  von  je  10  Jahren  unter  den  gleichen 
Bedingungen  auch  mehrfach  wiederholt  werden.  Wenn  eine  Petition 
nicht  zur  Behandlung  gelangt,  wie  etwa  infolge  Nichtbestätigung 
der  Unterschriften,  kann  sie  unter  Einhaltung  mssäs.  der  gleichen 
Bedingungen  aHsfaa&kmal^  nach  Ablauf  von  je  10  Jah- 
ren auch  mehrmals  wiederholt  werden. 

Unter  der  Voraussetzung  unverfälschter  Anwendung  könnte 
das  Petitionsrecht  eine  der  größten  Errungenschaften  der 
Menschheit  werden. 


Durch  das  Prinzip  a©a  Gewissens  und  des  Verstandes  an  Stelle  der 


Messer,  Gewehre  und  Bomben  wäre  die  Menschheit  als  Ganzes  und  jeder 
Einzelne  von  einem  unseligen  Dilemma  befreit,  das  uns  seit  vorge«*^ 
schichtlichen  Zeiten  peinigt:  Unterdrückung  und  Ertragen  von  Unrecht 
und  Leid  ohne  Ende  oder  blutiger  Aufstand  mit  Morden  und  Gemordet»! 
werden.  Seit  unzählbaren  Jahrtausenden  wurde  jeweils  eine  der  beiden 
Scheinlösungen  praktiziert  oder  stießen  beide  aufeinander.  Da  diese 
Methode  bisher  keinen  Segen  gebracht  hat,  muß  der  aus  der  Erfahrung 
lernende  Verstand  es  mit  etwas  Heuern  versuchen.  Auch  bei  unsern  Zeit- 
genossen findet  sich  immer  wieder  nur  Entscheidung  zu  Gunsten  einer 
der  beiden  Seiten  des  alten  Dilemmas.  Manche  ausgesprochen  bedeuten- 
den Köpfe  lehren  die  Opfer  des  Unrechts  zu  dulden  und  zu  verzichten 
und  das  Heil  von  irgend  einer  abstrakten  Zukunft  zu  erwarten,  weil 
ihr  Abscheu  vor  Gewalt  und  Blutvergießen  so  stark  ist,  daß  er  sie 
hindert,  sich  ihres  Dienstes  am  Unrecht  bewußt  zu  werden.  Und  Andere 
m  denen  die  Empörung  über  die  von  Herrschenden  verübten  Verbreche*« 
lTkQ^tJiei^L^^eSSen  un>ewußt'  daß         diejenigen,  für 


die  sie  brüderliche  Gefühle  hegen,  in  die  Schlacht  treiben  und 

furchtbare  Mitschuld  auf  sich  laden.  Unklarheit  des  Gedankens  undr 
des  sprachlichen  Ausdrucks  hilft  Beiden,  irgendwo  stehen  zu  bleibe*, 
um  nicht  bis  ans  Ende  zu  denken.  Doch  da  es  um  alles  geht,  dürfen! 
wir  uns  weder  durch  vage  Implikationen  oder  durch  Inkonsequenz 
täuschen  noch  einer  der  beiden  Entscheidungen  Vorschub  leisten, 
die  direkt  oder  auf  Umwegen  zum  Untergang  führen.  Der  Triumph  der. 
Einsicht  durch  Einsetzung  des  Rechts  in  seine  sinngerechte  Funktion 
kann  das  Dilemma  überwinden  und  die  uralte  Präge  lösen. 


L_i^rni^se_ajug^dem  *'epe  zur  Abrüstung 

Furchtbare  Aufrüstung  wird  zur  Versuchung,  wenn 
selbst  Nationen,  die  Atomrüstung  lang  und  konsequent  ablehnten,"^" 
in  der  Hoffnung,  daß  nichts  sie  zu  dieser  würde  zwingen  können, 
in  Situationen  geraten,  in  denen  ihre  ehrenvolle  Haltung  überaus 
schwer  wird.  Indien  sieht  sich  mit  zunehmender  Sorge  der  unauf- 
haltsam beschleunigten  Aufrüstung  Chinas  gegenüber.  Die  Erinnerun 
an  die  realen  Kriegshandlungen  ist  noch  allzu  frisch.  Auch  nach 
Pakistan  späht  Indien  mit  begreiflicher  Unruhe.  Indien  in  der 
Bolle  einer  nuklearen  Macht,  das  wäre  trotz  allem  ein  Widerspruch 
in  sich  selbst,  denn  noch  lebt  die  in  Mahatma  Gandhi  am  reinsten 
verkörperte  Tradition  der  Gewaltlosigkeit  in  den  denkenden  Köpfen 
des  Subkontinents,  sodaß  wir  ihren  Abscheu  intensiv  mitfühlen 
können.  Ähnlich  geht  es  dem  kleinen  Israel,  dem  jede  Gewißheit 
fehlt,  daß  der  arabisch-chinesische  Druck  die  Sowjetunion  nicht 
auch  dazu  bringen  würde,  den  Arabern  aKKk  Atomwaffen  zu  liefern, 
zumal  das  ja  die  Chinesen  auch  selbst  tun  können.  Sogar  dem 


vor  um  ooino  Existenz  geht,  wordon  dio  über  dorn  Mah.cn  Osten 
lagernden  Wölken  nooh  viol  oohworor  und  düsteror.  Sogar  dorn 
heutigen  Japan,  das  sich  von  Hiroshima  und  Nagasaki  imme^r 
noch  nicht  erholen  kann,  weshalb  es  ganz  folgerichtig  an  der 
Spitze  der  Weltbewegung  gegen  das  Verbrechen  des  nuklearen 
Krieges  steht,  werden  die  Vorgänge  in  China  immer  unheimlicher» 
sodaß  der  Einfluß  derjenigen  Japaner,  die  zur  verhaßten  Rüstung 
neigen,  rapid  zunimmt.  Jeder  versteht  die  Beunruhigung  dieser 
Länder  ebenso  wie  die  Unzulänglichkeit  der  Verträge  für 
nukleare  Beschirmung,  die  ihnen  als  Ersatz  für  Selbstwehr 
geboten  werden;  jeder  versteht  auch  den  beschränkten  Wert 
einer  solchen  Zwischenlösung,  Für  diese  Länder  ist  die  all- 
gemeine Abrüstung  nicht  nur  besonders  notwendig,  sondern  auch 
besonders  dringend«  da  für  sie  oinc  andere  Lösung  noch  absurder 
wäre  als  für  die  nuklear  bewaffneten  Länder» 

Abgesehen  von  der  potenziellen  Kettenreaktion  als  Folge 
jeder  weiteren  Ausbreitung  besteht  akute  Gefährdung  in  einer 
extrem  egoistischen  Atompolitik  zweier  Mächte.  Die  Nichtunteresx 
Zeichnung  des  Vertrags  über  Unterlassung  von  Atomversuchen  in 

.....  o£üu    _  eUn,  VjtA&*MjL*> 

der  Atmosphäre  und  deren  Beschränkung /mif  unterirdische  Säume, 
den  Amerika,  Britannien  und  die  Sowjetunion  unter  Beteiligung 
vieler  nuklear  ungerüsteten  Staaten  abgeschlossen  hatten, 
bildet  für  China  und  Frankreich  eine  zur  brutalen  Fortsetzung 
der  Luftverpestung  genügende  Motivierung,  Wird  ein  schweres 
Vergehen  dadurch  aufgehoben  oder  auch  nur  gemildert,  daß  man 
sich  nicht  ausdrücklich  verpflichtet  hat,  es  zu  unterlassen? 
Zunächst  ist  daä  indiskutabel  unfair  gegen  die  Signatare,  die 
dadurch  für  ihren  guten  Willen  und  für  ihre  ethisch  vorbildliche 
Behandlung  oinor  internationalen  Angelegenheit  bestraft  werden. 
Daß  sie  auf  die  Vergiftung  der  Atmosphäre  verzichten,  schwächt 
ihre  Chancen  im  Wettrüsten  und  räumt  den  Ablehnenden  einen  Vor- 
teil ein,  der  ihnen  nicht  gebührt  und  dessen  Ausnützung  nur  eine 
neue  Auflage  des  alten  Faustrechts  bildet.  China  findet  ein 
Wort  der  Entschuldigung  oder  Erklärung  nicht  notwendig;  die  Chine- 
sen, die  dem  Abendland  für  die  an  ihnen  verübten  Verbrechen 
heimzahlen  wollen,  schlucken  diese  Pest  freilich  zunächst  selbst, 
Frankreich  benimmt  sich  etwas  französischer,  indem  es  ein  solches 
Vorgehen  mit  gedruckter  Propaganda  wenigstens  zu  beschönigen 

sucht.  Eine  so  schlechte  Sache  wird  aber  dtfeh  keine 

vxcivix  ÄCiiic  n0C]a  so 

talentierte  Darstellung  unkenntlich.  Eine  der  amtlichen 


444 

Publikationen,  "Experiences  nucleaires  fran9aises  dans  le 

Pacifique"  98)  deklamiert  das  offizielle  Credo  schon  in  den 

98)Etabli  par  le  secretariat  df  etat  a  lf  inf ormation.  La 
documentation  fran9aise  illustree.  Mensuel-hors-serie . 
juin  1966. 

ersten  Zeilen:  "maintenir  la  paix  sans  rien  conceder  qui 
compromette  l1  independance,  la  secufcite  et  V  integrite 
de  la  Patrie."  Ist  die  von  vorherein  erklärte,  als  Axiom  für 
das  Denken  und  Richtlinie  für  das  Handeln  hingestellte  Ableh- 
nung aller  Zugeständnisse  nicht  das  Echo  der  fatalen  faschisti- 
schen Kindertrompete,  mit  der  das  Benehmen  Erwachsener  schwach 
imitierenden  Zustimmung  zu  einem  Frieden,  den  Andere  durch 
Zugeständnisse  ihrerseits  zustandebringen  oder  aufrechterhalten 
mögen?  Wer  es  nicht  schon  längst  gewußt  hat,  weiß  es  auf  Grund 
aller  nun  bekannten  Tatsachen  und  Schlußfolgerungen,  daß  eben 
das  die  Mentalität  ist,  die  der  verläßliche  Wegweiser  zum 
allgemeinen  Untergang  sein  muß. 

Ist  das  nicht  der  Punkt,  auf  den  es  ankommt?  Und  gilt  das 
von  allen  Fragen,  die  jetzt  xbehandelt  werden?  Ist  nicht  das 
Thema  der  erstgggggggUnd  doch  noch  lebenden  Genfer  Abrüstungs- 
konferenz das  WBBBm  entscheidende  Thema  für  unsere  an  den  j&mts 
Rändern  mehrerer  Abgründe  wohnendes  Generation? 

Vom  Standpunkt  ihres  zentralen  Problems  ist" 
dreigeteilt: 

a)  In  der  Gruppe  der  Schwachen  wächst  die  Furcht  vor  den 
Starken,  sodaß  unter  ihnen  auch  der  Wunsch  nach  den  für  die 
Welt  und  für  sie  selbst  so  gefährlichen  Atomwaffen  zunimmt 
und  die  Neigung,  vertragsmäßige  atomische  Beschirmung  seitens 
Starker  als  Ersatz  hinzunehmen,  abnimmt; 

b)  die  Gruppe  der  bis  an  die  Zähne  bewaffneten,  doch  rela- 
tiv rücksichtsvollen  Starken  setzt  ihre  Experimente  zwecks 
weiterer  Aufrüstung  unterirdisch*  fort; 

c)  die  Gruppe  der  ebenfalls  atomisch  Gerüsteten  und  ganz 
Rücksichtslosen  fährt  in  der  Vergiftung  der  Atmosphäre  unge- 
stört fort. 

Es  scheid  durchaus  berechtigt,  we*m  die  Schwachen  fragen, 
wer  denn  den  Starken  jemals  das  Recht  auf  nukleare  Bewaffnung 
erteilt  habe,  und  warum  gerade  sie  ungerüstet  bleiben  und 
darauf  verzichten  sollen,  was  die  Andern  nicht  nur  besitzen, 
sondern  noch  verbessern  und  vermehren.  Ihnen  xist  zuzugestehen, 
daß  nicht  nur  der  Standpunkt  der  radikal  Rücksichtslosen, 


öieVaJLso 


445 

sondern  auch  die  Argumentation  der  gemäßigten  Atommächte 
nur  das  nackte  Recht  des  Stärkeren  ist.  Ebenso  unbestreitbar 
ist,  daß  der  Verzicht  seitens  der  Schwachen  als  Beitrag  zur 
allgemeinen  Sicherheit  nur  armseliges  Stückwerk  wäre.  In  unserer 
grotesken  Situation  hat  jedoch  dieses  Stückwerk,  der  Abbruch 
weiterer  Verbreitung,  einen  unanzweifelbaren  Wert,  nicht  den 
der  Heilung,  aber  den  der  ersten  Hilfe,  um  eine  Vervielfachung 
der  Gefahr  zu  verhüten,  ix^der  Abrüstung  einfach  nicht  mehr  durch- 
führbar wäre.  Dieseerste  Hilfe  kann  das  größte  Unglück  mit  einiger 
Wahrscheinlichkeit  aufschieben.  Zur  wirklichen  Abwendung  gibt  es 
nur  einen  Weg,  und  wehe  uns,  wenn  wir  uns  durch  irgendwelche 
Manöver  darüber  täuschen  lassen:  Der  einzige  Weg  ist  die 
allgemeine  und  totale  Abrüstung.  Iwvw^wlx: 

Bevor  wir  die  Frage  ihrer  Methode  erörtern,  müssen  wir 
für  das  Problem,  wie  die  unerläßliche  Allgemeinheit  der  Abrü- 
stung zu  erzielen  sei,  eine  annehmbare  Lösung  finden,  da  an  der 
Nichtbeteiligung  selbst  einer  einzigen  Macht  alles,  buchstäblich 
alles  scheitern  könnte.  Dieser  einzigen  Macht  wäre  ja  eine 
ganze  unbewaffnete  Welt  auf  Gnade  und  Ungnade  ausgeliefert, 
sodaß  kein  Staat  einer  lückenhaften  Abrüstung  zustimmen  würde 
oder  könnte.  Es  ist  also  grundfalsch,  daß  es  auch  mit  einer 
"fast  einstimmigen"  Annahme  getan  wäre.  Wir  müssen  zunächst, 
Einstellung  aller  gegenwärtig  stattfindenden  Kämpfe  und  Eintritt 
Chinas  in  die  UNO  vorausgesetzt,  an  eine  umfassende  Serie  diplo- 
matischer Aktionen  denken,  unter  Vorantritt  Amerikas  und  der 
Sowjetunion  zugleich  innerhalb  und  außerhalb  der  VM  unternommen, 
mit  dem  Ziel,  alle  Staaten  durch  das  Angebot  der  eigenen,  gründ- 
lich überwachten  totalen  Abrüstung  zur  Mitwirkung  zu  gewinnen. 
Da  außer  der  profitierenden  Rüstungsindustrie  niemand  an  der 
Rüstung  an  sich  interessiert  ist  und  diese  selbst  für  die 
schlimmste  Politik  nur  ein  Mittel  zum  Zweck  bildet,  wäre  allge- 
meine Zustimmung  und  Bereitschaft  unter  der  Voraussetzung  eines 
kühnen,  hochherzigen  Angebots  selbst  von  einer  einzigen  Seite 
keineswegs  unmöglich.  Der  Diplomatie  der  Abrüstung  stünde  gegen- 
über den  volkreichsten  Ländern  ein  schon  erwähntes  und  sicher- 
lich überzeugendes  Argument  zur  Verfügung.  Nach  allgemeiner 
Entwaffnung  muß  ihnen  eine  nie  x±  abschaffbare  Macht  verbleiben, 
die  primitivste,  doch  nach  der  Abrüstung  zu  neuer  Bedeutung 
gelangende  Macht,  die  durch  die  Zahl  der  Fäuste  bestimmt  wird, 

sowie  durch  die  Zahl  der  Messer  und  aller  Gegnstände,  die  in 
Menschenhänden  zu  Waffen  werden  können.  Kein  Argument  darf 


446 

ungenützt  bleiben,  um  die  Mitwirkung  Aller  zu  gewinnen, 
Aller  ohne  Ausnahme.  Doch  muß  mit  irgend  einer  ernsten  Lücke 
gerechnet  werden.  Rechnen  wir  pessimistisch  und  nehmen  wir  an, 
es  seien  zwei  große  Staaten,  die  ablehnen;  diplomatische  Bemü- 
hungen wie  auch  Versuche,  die  öffentliche  jjeinung  der  beiden 
Länder  zu  gewinnen,  seien  ohne  Erfolg  geblieben.  In  diesem  Falle 
wäre  internationale  Solidarität,  die  in  bedeutendem  Umfang  eben 
erst  hergestellt  wäre,  zugleich  auf  die  härteste  Probe  gestellt, 
denn  von  ihr  allein  hinge  alles  ab.  Gegen  die,  sagen  wir  zwei, 
Mächte  wäre  nach  Erschöpfung  aller  diplomatischen  Möglichkeiten 
und  aller  in  Frage  kommenden  persönlichen  Einflüsse  ein  umfassen- 
der Wirtschaftskrieg  zu  führen,  mit  allen  einem  solchen  Unterfan- 
gen eigenen  Gefahren.  Leider  ist  es  allzu  leicht,  jeden,  der 
sehen  will,  zu  überzeugen,  daß  nur  der  totale  Tod  die  Alternative 
bildet.  Wenn  also  zugleich  mit  dem  die  Gesamtheit  des  Handels, 
des  Verkehrs  und  des  Finanzwesens  einschließenden  Wirtschaftszone 
krieg  konstant  alle  Mittel  des  Überzeugens  den  Regierungen  wie 
auch  den  Bevölkerungen  gegenüber  angewendet  und  gefährliche 
Erweiterungen  konsequent  vermieden  würden,  müßten  ökonomische  ±k 
Realitäten  in  Verbindung  mit  psychologischen  entscheiden.  Da 
es  nur  ganz  wenige  wirtschaftlich  i»  vollen  Sinne  unabhängige 
Länder  gibt  und  konsequente  Isolierung  zugleich  mit  allseitigem 
moralischem  Hochdruck  selbst  solchen  reichlich  unbequem  werden 
kann,  besteht  eine  hochgradige  Wahrscheinlichkeit,  daß,  eine 
mutige  und  unbeirrbare  Haltung  der  friedenswilligen  Majorität 
vorausgesetzt,  -eteS-  alle  unblutigen  Druckmittel  zusammen  den 
Erfolg,  nämlich  die  lückenlos  allgemeine  Zustimmung  zu  gänz- 
licher Abrüstung,  herbeiführen  würden. 

Die  Methode  der  Abrüstung  und  die  Arbeiten  der  Friedens- 
konferenz 

Die  langen  Bemühungen  um  Abrüstung,  die  immer  wieder  zu 
einem  toten  Punkt  zurückgleiten,  sind  bisher  weder  durch  Zufälle 
nodo.  an  einseitigen  Intrigen  gescheitert.  Es  ist  das  teils  sachi± 
lieh  berechtigte,  teils  psychologisch  begreifliche  Mißtrauen, 
das  hinter  den  tragischen  Mißerfolgen  steckt  und  fundamentale 
Mängel  der  bisher  angewandten  Methoden  erkennen  läßt.  Wir  müssen 
also  nach  Methoden  Umschau  halten,  durch  die  jene  Fehlerquelle 
beseitigt  und  den  fortwirkenden  Intrigen  das  Hauptargument 
entzogen  würde. 

HECXBE 


In  dem  noch  nicht  publizierten  Plan  von  Dr.  Erwin  Hirsch 
(S.     )  ist  die  Ausführung  in  der  Hauptsache  neutralen  Staaten 
überantwortet •  Ihnen  werden  alle  nuklearen  Waffen  nach  coram 
mundo  auferlegter  und  übernommener  Verpflichtung  zu  restloser 
Vernichtung  anvertraut. 

In  dem  an  derselben  Stelle  zitierten  Buche|von  G.  Clark 
und  L.B,  Sohn  wird  ein  ausführlicher  Plan  entwickelt,  der  von 
einer  ÜNO-Kommission  durchgeführt  wird  und  auf  dem  Prinzip 
simultaner  und  abgestufter  Realisierung  beruht.  Dieser  Plan  ws&a. 
umfaßt  nicht  nur  die  gesamte  nukleare,  sondern  auch  die  konven- 
tionelle Bewaffnung  aller  Länder  sowie  ihre  Truppenstärke 
und  soll  in  zehn  Jahren  zu  vollendeter  Ausführung  gelangt  sein. 
Während  die  Armeen  aller  Staaten  abgebaut  werden  und  oeder  von 
ihnen  nur  eine  bescheidene  undjleicht  bewaffnete  Polizeitruppe 
behält,  organisieren  die  VN  $4fiS  eigene  Armee,  deren  Aufbau 
zugleich  mit  dem  Abbau  der  nationalen  Armeen  und  der  Abrüstung 
der  Nationen  beendet  sein  soll.  loh  möohto  mich  an  dioocr  fite: 
mit  kurzer  Wiedergabe  begnügen  und  den  Leser  an  das^erianS^e  Buch 
verweisen,  dessen  Verdienstlichkeit  ichsjifeen^rSüher  hevorgehoben 
habe;  volle  Würdigung  gebühr^au^hr^^rAusarbeitung  von  Einzel- 
heiten wie  der  ed^ej^Easßektions Systems,  dem  die  Geheimhaltung 
nuklearer  jua^r^nderer  Waffen  oder  deren  spätere  geheime  Erzeugung 

it  ontoohon  konnte).  Einige  Punkte  des  Planes  erwecken 
hingegen  hingogsn  Bedenken,  und  orfordorn  Ändorungon»  Die  schwer- 
sten Bedenken  erheben  sich  gegen  die  erschreckende  Idee,  daß  eben 
die  dem  Frieden  dienende  UNO-Armee  selbst  nuklear  bewaffnet  sein 
soll.  Es  liegt  auf  der  Hand,  daß  die  Verfasser*  ^ren  guter  Wille 
keinem  Zweifel  untcr-liu^.,.  die  voraussehbaren  Polgen  dieses  einen 
Punktes  trotfl  ihror  anorkonnonoworton  Gründliohkoit  nicht  genü- 
gend bedacht  haben.  So  müssen  ihrem  Vorschlag  vier  Forderungen 
mit  aller  Entschiedenheit  gegenübergestellt  werden: 

1)  Daß  das  gesamte  Arsenal  an  nuklearen  Bomben  vernichtet 
und  unschädlich  gemacht  werden  muß  und  daß  auch  nicht  eine  einzi- 
ge der  vorhandenen  nuklearen  Bomben  der  Vernichtung  und  Unschäd- 
lichmachung entgehen  darf,  also  keinem  Staat,  keiner  Organisation 
und  keinem  Menschen  für  irgend  einen  Zweck  übergeben  werden  darf. 

2)  Daß  die  zur  Erzeugung  nuklearer  Bomben  geeigneten  Roh- 
stoffe, die  sich  im  Besitze  von  Staaten  befinden,  von  einer 
Kommission  der  UffO  inspiziert  und  registriert  werden,  um  von 
den  betreffenden  Staaten  unter  strikter  permanenter  Aufsicht 


448 

der  UNO  ausschließlich  für  die  friedlichen  Zwecke  verwendet 
zu  werden,  die  von  der  UNO  gebilligt  werden;  und  daß  in  Fällen  x 
von  Verletzung  dieser  internationalen  Gestezeafroder  des  Verdacht 
tes  ihrer  Umgehung  die  UNO  berechtigt  und  verpflichtet  sein  soll, 
Materialien  und  gegebenenfalls  auch  Bomben  zu  beschlagnahmen 
und  Sanktionen  zu  verhängen. 

3)  Daß  Export,  Import  und  Transport  solcher  Materialien 
nur  unter  Aufsicht  der  UNO  gestattet  sei, 

4)  Daß  diese  Richtlinien  auch  für  alle  Zukunft  und  besonders 
für  Fälle  von  Konfiskationen  nuklearer  Bomben  und  der  für  ihre 
Erzeugung  verwendbaren  Materialien  zu  gelten  haben%9)). 

>Wenn  diese  vier  Punkte  überhaupt  einer  Motivierung  bedürfen 
können  ä^cht  weniger  als  fünf  Begründungen  geboten  werden, 
deren  jede>allein  genügen  dürfte: 

a)  Nach  a^lem  bisher  Vorgebrachten  undBegründeten  kann  es 
einen  legitimenNiebrauch  nuklearer  Bomben  überhaupt  nicht  geben. 
Nicht  minder  als  in\den  Händen  jeder  Regierung,  wäre  ihr  Ge- 
brauch auch  seitens  de^r  US  durch  nichts  zu  rechtfertigen, 
ein  niemels  gutzumachendes  ^erbrechen.  An  den  tatsächlichen 
Folgen  eines  nuklearen  Bombardements  würde  es  nichts  ändern, 
wennesis  von  den  VN  und  nicht  yon  einer  gewissenlosen  oder 
irregeleiteten  Regierung  käme  99. 

99)  Die  in  unserem  Abschnitt  "Möglichkeiten  der  Entstehung 
und  des  Verlaufes",  u.zw.  auf  S.     ,  in  Betracht  gezogenen 
Permutationen  würden  im  phantastischen  Fall  einer  nuklearen 
Aktion  der  UNO  noch  eine  grausame  Erweiterung  erfahren. 

Wie  trotz  aller  Vorsicht  die  für  unermeßlich  große 
Menschenmassen  tödlichen  Waffen  jederzeit  auch  durch  falschen 
Alarm,  Intrigen,  Mißbrauch  oder  Irrtum  losgehen  können,  kann  es 
solchen  Waff enV^enso  ergehen,  wenn  sie  sich  im  Besitz  der  UNO 
befinden;  wobei  der^Sicherheit  der  Welt  schwerlich  dadurch 
Genüge  getan  wäre,  da^Zivilisten  über  die  Verwendung  zu  be- 
schließen hätten  und  der  l^JO-Armee  nur  die  Ausführung  überantwor-| 
tet  wäre, 

c)  Auch  die  gegebenenf  allsNäßn  VN  gehörigen  nuklearen 
Waffen  können  gestohlen,  geraubt  ocfer  erobert  werden.  In  den 
Händen  einer  Macht,  die  kein  Territorium  besitzt,  wären  diese 
Waffen  solchen  Gefahren  in  erhöhtem  Maße  ausgesetzt. 

d)  Die  notwendige  Vorsicht  der  Aufbewahrung  und  die  auä 
dem  selben  Grunde  unvermeidliche  Kompliziertheit^sLer  Prozedur, 
die  der  etwaigen  Verwendung  vorauszugehen  hätte,  würzte  fSV 


450 

-gegenwärtige  Wettrüsten  ist  insofern  um  einen  Grad  weniger 
verwerflich,  weil  man  es  gegen  einen  im  Prinzip  gleichen  oder 
sozusagen  stärkeren  Gegner  betreibt,  sodaß  die  Hysterie  der 
Gegenseitigkeit  fast  einen  Milderungsgrund  bildet.  Während  die 
geplante  Militkssmacht  der  UNO  selbst  für  den  nicht  sehr  wahr- 
scheinlichen Fall  ms^rerer  Lücken  doch  nur  eine  proportional 
völlig  inadäquate  Gegne'xschaf t  in  Betracht  zu  ziehen  hätte. 
Es  wäre  also  nicht  allein  Widersinnig,  sondern  eine  jeder  Zweck» 
mäßigkeit  entbehrende  Imitat iohs^er  heutigen  Kriegspsychose, 
die  UNO  zu  derartigen  Rüstungen  ge&en  einen  im  Grunde  hypothetie 
sehen  Feind  mobilisieren  zu  wollen«  >. 

Doch  sei  hervorgehoben,  daß  das  nun  reichlich  erörterte 
Buch  nach  Streichung  der  verhängnisvollen  IrrtTämer  dennoch 
Achtung  als  bedeutender  Beitrag  zum  Frieden  vei^ie^^lOO )  • 

i$©x  100)  Im  Anschluß  an  dieses  Thema  und  darüber  hinaus 
seTHSüch  vorgeschlagen:  a)  Daß  jeder  Export,  Import  und  Trans- 
port von  Waffen  jeder  Art  nur  mit  Bewilligung  der  UNO  gesit- 
tet sein  soll,  b;  Daß  es  allen  Ländern  auferlegt  sei,  den 
Besitz  von  Waffen  von  Lizenzen  abhängig  zu  machen  und  unbe- 
fugten Waffenbesitz  unter  Strafe  zu  stellen,  c)  Daß  die 
Anzahl  der  Personen,  denen  Lizenzen  für  den  Besitz  von 
Waffen  ausgestellt  werden,  einen  bestimmten,  nach  gründlichem 
Studium  der  gerechtfertigten  Bedürfnisse  festzusetzenden 
Prozentsatz  der  Zivilbevölkerung  jedes  Landes  nicht  über- 
schreiten darf. 

Die  nach  Tunlichkeit  zu  internationalisierende  Regelung 
dieser  Frage  erweist  ihre  Notwendigkeit  und  Bedeutung  am 
deutlichsten  in  den  Vereinigten  Staaten,  wo  Kauf  und  Besitz 
von  Waff entykeiner^gesetzlichen  Beschränkung  unterliegt. und 
riedeo  Kind  Waffen  auch  durch  die  Poot  beziehen  kann»  Die 


J  

ErmordungpCennedys  {/dio  Entdoolmng  cinoir  Arsenal! 
co hon  Kriminalität  und  das  kaum  msk  mehr  zu  meisternde 
Überhandnehmen  von  Verbrechen  jeder  Art  hat  denkende  Publi- 
zisten veranlaßt,  auf  die  Abgründigkeit  der  Lage  hinzuweisen 
und  Einführung  von  Waffenpässen  zu  fordern.  Doch  die  Interes- 
sen von  Produzenten,  Händlern  und  Konsumenten  haben  sich  bisfe 
her  stärker  erwiesen. 

Es  sind  aber  wohl  alle  bisher  bekanntgewordenen  Friedensplä- 
ne, die  eine  schlimmen:  Schwäche  gemeinsam  haben,  nämlich  die 
mehr  oder  weniger  stillschweigende  Voraussetzung  des  Status  quo, 
dem  der  Friede  zur  Mauer  oder  zur  Festung  werden  soll.  Es  ist 
jedochsi  sonnenklar,  daß  das  sozusagen  Verewigung  eines  durch  und 
durch  ungerechten  Zustandes  bedeuten  würde,  der  unzählige  und 
unsäglich  leidende  Opfer  gefordert  hat*  und  weiterhin  fordert. 
Ich  muß  gestehen,  daß  mir  auch  die  schwerste  Ungerechtigkeit 
annehmbar  erschiene,  wenn  sie  die  einzige  Alternative  für  den 
a±±  gemeinsamen  Untergang  wäre,  wenn  also  ein  von  der  gegen- 
wärtigen Lage  gründlich  verschiedener  Friede  unerreichbar  wäre. 


451 

Das  ist  er  aber  keineswegs»  Und  wir  dürfen  von  eben  dem  aus«K&±± 
schließlichen  Standpunkt  des  Friedensinteresses  nicht  vergessen, 
daß  selbst  die  vorgocohono  exklusive  Militärmacht  nicht  imstande 
sein  kann,  derart  problematischen  Zusänden  unbegrenzte  Dauer  zu 
verleihen.  Die  meisten  pazifistischen  Autoren  verschließen  sich 
wohl  nicht  den  nach  Lösung  schreienden  Problemen,  insbesondere 
nicht  den  von  Ost  und  West  anerkannten  und  von  beiden  Seiten 
ähnlich  definierten.  Aber  angesichts  der  Größe  der  Probleme 
und  ihres  dynamischen  Charakters  scheint  es  inadäquat  und  aus- 
sichtslos, die  Lösungen  von  Komitees  und  andern  Institutionen 
zu  erwarten,  die  sowohl  der  für  solche  Aufgaben  nötigen  Autorität 
als  auch  der  unumschränkten  Ausführungsgewalt  entbehren.  Den 
nahezu  präzedenzlosen  Aufgaben  kann  nur  die  nahoau  präzedenzlose 
Friedenskonferenz  gewachsen  sein,  Institutionen  wie  die  gegen- 
wärtig bestehenden  oder  analog  hinzukommende  werden  zur  Ergänzung 
der  Friedenskonferenz  andere  bedeutende  Aufgaben  zu  bewältigen 
haben,  wie  vor  allem  die  Behandlung  von  Petitionen(S.      ).  Viel- 
leicht wäre  es  zu  empfehlen,  daß  die  Friedenskonferenz  in  der 
Methode  ihrer  Verhandlungen  eine  globale  Perspektive  wahren  soll« 
auch  in  ihrer  Behandlung  des  Einzelfalles;  während  die  Komitees 
und  andere  permanente  oder  zeitweilige  Institutionen  vom  Einzel- 
fall ausgehen,  ihn  mit  größtmöglicher  Gründlichkeit  erforschen 
und  dessen  Lösung  dem  Rahmenwerk  globalen  Friedens  und  globaler 
Wohlfahrt  einzugliedern  suchen  sollen.  Schließlich  muß  mit  solefe 
chen  Problemen  gerechnet  werden,  für  die  eine  noch  so  lange  Kon- 
ferenz nicht  genug  Zeit  hätte,  vorausgesetzt,  daß  sie  die  Lösung 
nicht  diktieren,  sondern  unter  Zustimmung  äder  Beteiligten  her- 
beiführen soll.  In  Fällen  besonders  hartnäckiger  Widerstände  ist 
nur  eine  nicht  minder  hartnäckige »geduldige  und  gründliche  Bear- 
beitung möglich,  die  das  Werk  einer  der  permanenten  Kommissionen 
sein  sollte.  Den  permanenten  Organen  werden  gewiß  auch  alle  die- 
jenigen Probleme  zufallen  müssen,  die  sich  erst  während  der 
Friedenskonferenz  oder  nach  ihr  ergeben  werden. 

Über  die  Zusammensetzung  der  Kommissionen  und  Institutionen, 
die  während  der  Konferenz  und  nach  ihr  so  bedeutende  Aufgaben 
zu  erfüllen  haben  werden,  sind  natürlich  verschiedene  Meinungen 
möglich.  Man  kann  sie  sich  aus  lauter  Fachleuten  bestehend  vor- 
stellen, aber  ebenso  auch  aus  einer  Majorität  von  Fachleuten 
und  einer  Minorität  solcher  Mitglieder,  die  kein  Fachwissen  und 
keine  organisatorischen  •©^•adiainistrativen  Fähigkeiten  zu  be- 
sitzen brauchen,  sondern  durch  hohe  persönliche  Kompetenz  als 


452 

Denker  und  Ethiker  ausgezeichnet  sind,  u.zw.  ungeachtet  ihrer 
Nationalität  und  politischen  Haltung.  Z.B.  wäre  für  Träger  des 
Friedens-Nobelpreises  eine  besondere,  vielleicht  sogar  entschei- 
dende Position  vorzusehen;  nicht  um  solche  Personen  zu  fördern 
und  ihnen  Ehre  zu  erweisen,  sondern  pro  mundo,  um  das  menschli- 
che Niveau  der  Verhandlungen  zu  heben  und  dementsprechend  das 
Vertrauen  zu  stärken  und  die  Autorität  von  Beschlüssen  für 
Frieden  und  Abrüstung  zu  erhöhen. 

Die  militärischen  Auslandsbasen 

Die  militärischen  Auslandsbasen  zerfallen  heute  in  zwei 
stark  entgegengesetzte  Kategorien,  nämlich  in  die  von  Ländern 
unfreiwillig  geduldeten  und  solche,  an  denen  die  vermietenden 
Länder  oder  zumindest  deren  Regierungen  interessiert  sind. 

In  Situationen  der  Schwäche  und  Abhängigkeit  haben  manche 
Regierungen  der  Errichtung  militärischer  Basen  in  ihren  Ländern 
mehr  oder  weniger  gezwungen  zugestimmt,  ^ach  politischen  Ände- 
rungen in  diesen  Ländern  und  Erstarken  ihres  Selbstbewußtseins 
wird  die  einstige  Abtretung  oft  als  Verrat  gebrandmarkt,  aber 
die  neue  Regierung  steht  einer  Großmacht  gegenüber,  die  nicht 
bereit  ist,  über  Recht  und  Unrecht  zu  diskutieren,  wo  es  sich 
um  bedeutsame  strategische  ^elange  handelt.  Die  Großmacht  hält» 
was  sie  hat,  in  furchtbar  festen  Händen  und  läßt  keinen  Zweifel 
darüber  entstehen,  daß  sie  es  friedlich  niemals  zurückgeben 
wird.  Gegenüber  solchen  strategischen  Wertgegenständen  wird  die 
Erbitterung  kleiner  Völker  und  der  Verlust  anderer  Sympathien 
als  minder  wichtig  angesehen. 

Die  militärischen  Basen  der  andern  Kategorie  sind  haupt- 
sächlich die  Resultate  einer  militärischen  Interessengemeinschaft 
zwischen  den  Vereinigten  Staaten  und  Ländern  der  Alten  Welt, 
deren  Regierungen  die  fremden  Stützpunkte  als  Schutz  gegen  die 
Sowjetunion  betrachten.  Das  Selbstbewußtsein  dieser  Nationen  ssk 
scheint  unter  den  Abtretungen  nicht  oder  nicht  mehr  zu  leiden; 
auch  die  moralisch  und  emotional  stärksten  Bewegungen  des  Pro- 
testes gegen  eine  solche  Regierungspolitik  sind  bisher  über 
Minoritäten  nicht  hinausgewachsen.  Die  Haltung  Prankreichs  hat 
sich  zwar  in  der  bekannten  Weise  so  weit  geändert,  daß  die  Nato- 
Basen  die  höchst  überraschenden  Konsequenzen  zu  erfahren  hatten, 
doch  ist  schwerlich  anzunehmen,  daß  Prankreichs  individueller 
Schritt  in  naher  Zukunft  Nachahmung  finden  wird. 


453 

Wahrscheinlich  ist  vielmehr,  daß  es  für  die  Zukunft 
dieser  Basen  nur  zwei  Möglichkeiten  gibt«  Entweder  werden  sie 
beim  Selbstmord  der  Menschheit  eine  bedeutende  Rolle  spielen 
oder  sie  werden  einen  ausschlaggebenden  Teil  der  internationalen 
Abrüstung  bilden.  In  einem  zielbewußten  Handel  zur  Zerstörung 
der  Zerstörungsmittel  können  sie  zu  einem  Trumpf  in  der  #and 
Amerikas  werden,  da  für  ihre  freiwillige  Rückerstattung  noch 
größere  Gegenleistungen  erwartet  werden  können. 

Die  künftige  Rolle  und  Bedeutung  der  Vereinigten  Nationen 
Der  Völkerbund  war  wohl  die  positivste  Folge  des  ersten 
Weltkriegs  gewesen,  hatte  aber  seinen  ursprünglichen  Charakter 
als  Organ  der  Siegerstaaten  nie  ganz  abstreifen  können.  Das  war 
demnach  auch  der  Ausgangspunkt  seiner  Reinkarnation  nach  dem 
zweiten  Weltkrieg,  als  die  United  Kations  Organization  in  hoff- 
nungsvoller Eintracht  zwischen  den  Westmächten  und  der  Sowjetuni 
on  errichtet  wurde.  Daß  die  neue  Organisation  auch  militärische 
Kraft  besitzen  sollte,  war  keine  präzedenzlose  Idee,  denn  eine 
militärische  Funktion  war  schon  Anfang  1935  vorausgenommen  wor- 
den, als  zur  Sicherung  einer  Volksabstimmung  eine  kleine,  aus 
Soldaten  von  vier  Mitgliedstaaten  zusammengesetzte  Truppe  in 
das  Saargebiet  einrückte.  Damals  war  wohl  der  neutrale  Charakter 
der  Truppe  als  Beschützerin  der  Freiheit  des  Plebiszits  offen- 
sichtlich. Als  aber  die  Rechtsnachfolgerin  des  Völkerbundes, 
die  UNO,  sich  in  den  Koreanischen  Krieg  drängen  ließ,  stand  ihr 
Sinn  als  Friedens Organisation  auf  dem  Kopf,  zumal  in  ihrer  Charta 
nicht  einmal  eine  formale  Ermächtigung  zu  einer  solchen  Umkehruig 
ihrer  Rolle  zu  finden  war.  Sie  war  unter  amerikanischer  Führung 
eine  der  kriegführenden  Parteien  geworden,  obwohl  sogar  ein 
anderer  Mitgliedstaat  auf  der  andern  Seite  der  Front  stand. 
Beide  Seiten  hatten  analoge  Argumente  zu  ihrer  Verfügung,  beide 
beschuldigten  einander  der  Agression  und  glaubten  an  ihre  gute 
Sache.  Jetzt,  da  neue  Konflikte  und  Probleme  eine  Reorganisation 
der  ohnedies  größten  internationalen  Macht  notwendig  mache*, 

sie  zu  den  bedeutendsten  Aufgaben  «a«  bef ähige»*/iaüssen  wir 
uns  jene  blutigen  Erfahrungen  vor  Augen  halten,  um  realistisch 
beurteilen  zu  können,  was  für  unvorhersehbare  Wendungen  in  den 
Funktionen  der  Weltorganisation  im  Bereiche  der  Möglichkeit 
liegen,  insbesondere  wenn  sie  nicht  mehr  auf  zeitweilig  von  Mit- 
gliedstaaten zur  Verfügung  gestellte  Truppen  angewiesen  bleiben, 


4-54 

sondern  eine  eigene  Armee  besitzen  wM.  Wie  weit  immer  die  Be- 
waffnung dieser  Armee  gehen  mag,  wird  sie  unter  der  Voraussetzung 
der  allgemeinen  Abrüstung,  also  unter  der  Voraussetzung  des 
Fortbestandes  der  Menschheit,  eine  Macht  besitzen,  wie  sie  noch 
nie  eine  Armee  besaß,  da  es  dann  außer  ihr  nur  leicht  bewaffnete 
Polizeitruppen  geben  wird« 

Das  ist  es  nun,  was  äußerst  grausame  Möglichkeiten  in  unser 
Blickfeld  rückt.  Auch  ohne  eigene  Raketen,  Satelliten  und 
Raumschiffe  und  ohne  eigene  A-  und  H-Bomben  wie  auch  ohne  eigene 
Kriegsindustrie  mit  Forschungslaboratorien  für  immer  weitere 
Erfindungen  zur  Massenvernichtung  stünde  kaum  noch  etwas  Reales 
im  Wege  einer  Entwicklung  der  UNO  zu  einem  uberstaat,  der  eine 
furchtbare  und  unentrinnbare  globale  Diktatur  aufrichten  könnte, 
die  schon  wegen  ihres  Umfang es  schlimmer  wäre  als  die  bisherigen 
Diktaturen,  Die  Furcht  vor  einer  solchen  überall  anwesenden 
Alleinherrschaft  ohne  Gegenspieler  würde  Völker  und  Regierungen 
befallen,  Angst  und  Hoffnungslosigkeit  würden  sich  über  den 
Erdball  breiten  und  systematische  Unterdrückung  würde  den  ver- 
zweifelten Meuchen  charakterologisch  noch  tiefer  hinabdrücken; 
statt  daß  der  Friede  die  Freiheit,  die  Aufrichtung,  die  Lebens- 
freude und  die  Höherentwicklung  brächte.  Es  ist  eine  traurige 
Pflicht,  dieses  Gespenst  heraufzubeschwören,  weil  es  deutlich 
und  aus  der  Nähe  betrachtet  werden  muß,  um  allen  um  den  Frieden 
und  um  das  Gedeihen  der  Friedensorganisation  Bemühten  als  War- 
nung gegenwärtig  zu  bleiben.  Bei  Tageslicht  besehen,  verzieht 
sich  aber  der  düstere  Schatten.  Die  Geschichte  bietet  uns  den 
guten  Trost,  daß  es  einen  Monismus  der  Macht  nie  gegeben  hat 
und  daß  eine  solche  Idee  niemals  mehr  war  als  die  unerfüllte 
Ambition  räumlich  und  zeitlich  begrenzter  Diktaturen.  Auch  die 
bloße  Erkenntnis  einer  Möglichkeit  kann  zu  einer  realen  Kraft 
werden,  indem  sie  die  Wachsamkeit  zur  Folge  hat,  die  ein  Scheu- 
sal nicht  erst  wachsen  läßt.  Machen  wir  uns  trotzdem  klar,  daß 
selbst  die  Verwirklichung  des  Angsttraumes,  in  dem  ein  Friedens- 
engel als  menschenfressendes  Ungeheuer  erscheint,  seiner  Alterna- 
tive, der  gegenseitigen  nuklearen  Ausrottung,  noch  beiweitem  vor- 
zuziehen wäre;  und  daß  wir,  wenn  unsere  Bangigkeit  vor  einem  so 
tragischen  Wandel  in  der  Rolle  der  VN  das  Friedenswerk  und  die 
Abrüstung  gefährden  oder  auch  nur  verlangsamen  sollten,  die 
Diskussion  über  die  drohende  Entartung  der  UNO  zu  verschieben 
hätten.  Wir  dürfen  zunächst  nicht  zulassen,  daß    üble  Mächte 


455 

eine  solche  Möglichkeit  ausnützen,  um  sie  in  eine  Kompromit- 
tierung der  Sache  des  Friedens  umzuf älschen.  Die  Gefahr  wird 
schwinden,  wenn  wir  von  ihrer  Entdeckung  zu  konsequenter  Abwehr 
fortschreiten  werden.  Durch  Einsicht  und  gegenseitiges  Verständ- 
nis kann  und  spll  die  UNO  viel  stärker  und  aktionsfähiger  werden 
als  sie  heute  ist,  nicht  durch  eine  ihren  Mitgliedstaaten  über- 
geordnete Stellung;  auch  Unfähigkeit  zur  Einigung  in  vitalen 
internationalen  Angelegenheiten  sollte  niemanden  in  die  Versu- 
chung bringen,  der  Weltorganisation  eine  solche  Stellung  ver- 
leihen zu  wollen.  So  würde  die  Besinnung  auf  das  eigentliche 
Ziel  gewiß  genügen,  die  ins  Auge  gefaßte  Gefahr  zu  bannen. 
Diese  Besinnung  könnte  durch  eine  positive  Formel  definiert 
werden,  wie  sie  der  die  Charta  der  VN  einleitenden  Proklamation 
entspricht  und  unter  Umständen  vorbeugend  wirken  würde,  wenn  sie 
für  Jeden  bindend  wäre  und  Jeder  sich  auf  sie  berufen  könnte, 
wenn  sie  also  Pflicht  und  Recht  zugleich  wäre:  "Dem  Frieden  und 
der  Wohlfahrt  aller  Menschen  zu  dienen,  ist  das  einzige  Ziel 
der  Organisation  der  Vereinigten  Nationen." 

Wir  sprechen  von  Fragen  der  Macht,  denn  so  verlangt  es 
die  Beziehung  der  Menschen  zur  Macht,  wie  wir  sie  in  der  uns 
bekannten  Vergangenheit  und  nicht  minder  auch  heute  beobachten. 
Genauer  ausgedrückt,  geht  es  es  sowohl  um  das  Verhältnis  des 
Mächtigen  zur  Macht  als  auch  um  das  Verlangen  nach  Macht.  Wenn 
echter  Friede  auf  Erden  herrschen  wird,  und  wenn  der  Mensch 
seine  f2?e  ige  wordenen  Kräfte  zur  eigenen  Vervollkommnung  verwertenl 
wird,  werden  Machtgier,  Sadismus  und  eine  Reihe  verwandter  Übel 
auf  eins  solches  Minimum  einschrumpfen,  daß  man  von  ihnen  wird 
sprechen  können,  wie  wir  uns  der  Hexenverbrennungen  erinnern: 
Von  der  Furcht  vor  Wiederkehr  sind  wir  frei,  ob  unsere  Sichertest 
heit  objektiv  begründet  sei  oder  nicht.  Unter  der  Voraussetzung 
einer  solchen  Entwicklung  des  Menschen  hätte  Macht  einen  völlig 
veränderten  Sinn,  denjenigen,  den  sie  heute  zumeist  nur  vor- 
täuscht, den  reinen  Sinn  eines  Dienstes  an  der  Allgemeinheit. 
Der  Mensch  ohne  Machtgier  ist  nicht  irreal,  sondern  durchaus 
vorstellbar.  Die  Ausübung  öffentlicher  Funktionen  könnte  ein 
Fach  werden.m  das  nicht  mehr  Anziehungskraft  erwiese  als 
alle  andern  Fächer,  oder  sogar  weniger.  In  dieser  Erwartung 
bestärkt  uns  der  Umstand,  daß  es  auch  Jetzt  Menschen  gibt, 
die  politische  Ämter  und  Machtpositionen  konsequent  ablehnen. 
Eine  verallgemeinerte  Erreichung  dieser  Stufe,  die  als 


P 


456 

beginnende  Heimkehr  des  Menschen  zum  eigenen  Wesen  gedeutet 
werden  könnte,  hat  das  Friedenswerk  zur  Vorausefczung  und  würde 
es  krönen«  Nur  müssen  wir  damit  rechnen,  daß  diese  Voraussetzung 
noch  nicht  gegeben  ist»  Noch  muß  die  Sache  des  Friedens  vor  dem 
Willen  zur  Macht  möglichst  gründlich  geschützt  werden«  Wachsam- 
keit im  Bewußtsein  der  Gefahr  kann  uns  davor  bewahren,  daß 

Menschenrechte  oder  andere  Rechte  Jemals  gegen  die  VN  verteidig 
digt  werden  müßten» 

Außer  ihrer  wichtigsten  Aufgabe,  der  Sicherung  des  Friedens, 
wird  die  Weltorganisation  noch  eine  Fülle  anderer  Probleme  zu 
lösen  haben,  für  die  regionale,  nationale  und  selbst  kontinen- 
tale Lösungen  ebenfalls  unzulänglich  geworden  sind»  Dazu  gehört 
die  früher  geforderte  Rettung  der  Erdbevölkerung  vor  ihrer  rapiÄ 
den  Zunahme  und  die  der  irdischen  Natur  vor  ihrer  zunehmenden 
Durchgif tung.  Die  nationalen  Regierungen  waren  es,  durch  deren 
Duldung  oder  Kurzsichtigkeit  diese  Bedrohungen  herauf  beschworen 
wurden»  Das  besagt  aber  nicht,  daß  es  heute  noch  möglich  wäre, 
die  verhängnisvolle  Lage  in  den  Bereichen  einzelner,  und  selbst 
der  größten  Nationen  rückgängig  zu  machen»  In  der  gegebenen 
Situation  hätte  dieses  Unternehmen  nur  in  globalem  Maßstab  Aus- 
sicht auf  gründlichen  Erfolg;  woraus  sich  ergibt ^suß^e^  der 
UNO  übergeben  werden  sollte.  Weiterhin  mehren  sich  noch  Fragen, 
durch  die  schon  jetzt  ein  internationaler  Notstand  geschaffen 
ist  und  in  denen  nur  von  planmäßiger  und  umfassender  Interven*±H 
tion  der  UNO  reale  Abhilfe  erwartet  werden  kann,  wie  etwa  gegen 
die  organisatorische,  politische  und  militärische  Macht  des 
Rauschgifthandels.  Auch  zu  gründlich  geplantem  Kampf  gegen  die 
Hungersnot,  die  heute  das  Leben  von  Millionen  Indern  bedroht 
und  morgen  noch  viel  weiter  um  sich  greifen  kann,  scheint  die  KB 
UNO  mehr  als  jedes  hilfsbereite  Land  berufen»  Trotz  allen 
schweren  Bedenken  und  Enttäuschungen,  die  auch  das  unwürdige 
Betragen  von  Delegierten  einschließen,  ist  die  UNO  die 
größte  Hoffnung  der  heutigen  Menschheit. 

Souveränität  als  Problem 

Es  liegt  im  problematischen  Wesen  des  Souveränitätsbegrif- 
fes, daß  jeder  Staat  in  allen  Fragen  der  Beklagte  oder  der 
Kläger  und  zugleich  der  oberste  Richter  sein  kann,  ohne  eine 
übergeordnete  Instanz,  niemandem  verantwortlich»  Sein  Handeln 
wird  nur  durch  das  eigene  Gesetz  bestimmt,  das  er  jederzeit 
auch  noch  ändern  kann»  Diese  unbegrenzte  Macht  besteht  aller- 
cfcogs  ma-rrfrx  k      m  k£gsdBaacD:o3E^  feersfee^OEX3ööX5Lxl^isS.  imix 


dings  nur  theoretisch.  Denn  da  dieser  oberste  Herr  täglich  und 
stündlich  auf  einen  andern  Herrn  stößt,  der  ebenfalls  der 
obersteist,  bzhw.  auf  mehrere,  ist  die  Konfliktsituation  gegeben, 
in  der  von  altersher  praktische  Faktoren  zu  entscheiden  pfleg- 
ten, blutig  oder  unblutig.  Für  die  Beziehungen  zwischen  den 
Staaten  bildet  die  Souveränität  an  sich  also  eine  unerschöpf- 
liche Quelle  von  Gefahren.  Sie  steht  z.B.  zur  Verbindlichkeit  xe 
von  Verträgen  schon  rein  theoretisch  in  einem  gewissen  Wider- 
spruch, da  jede  Regierung  auch  die  von  ihr  selbst  unterzeich- 
neten Verträge  aufheben  kann,  wenn  sie  ihr  unbequem  geworden 
sind. 

Die  Souveränität  hat  bisher  zwar  noch  keine  theoretische, 
aber  zwei  bedeutende  praktisch  Einschränkungen  erfahren.  Die 
eine  ergibt  sich  schon  aus  der  bloßen  Existenz  der  UNO  und 
teilweise  auch  aus  ihrer  Praxis,  in  der  eine  gewisse  Stärkung 
ihrer  Position  gegenüber  den  einzelnen  Staaten  zum  Ausdruck 
kommt.  Die  andere  Institution,  die  für  die  Selbstherrlichkeit 
der  Staaten  eine  wohltuende  Begrenzung  bedeutet,  ist  der 
Haager  Gerichtshof,  dessen  Bedeutung  voraussichtlich  im  Anstei- 
gen ist.  Das  noch  bevorstehende  Werk  des  fe  erforderlichen  Aus- 
baues Beider,  der  Völkerorganisation  und  ihres  Gerichtes, 
könnte  der  ganzen  Menschheit  hohen  Segen  bringen,  wenn  in  diesem 
Ausbau  nicht  Egoismus  entschiede,  sondern  wirkliche  Humanität; 
wenn  also  Verhandlungen  in  allen  Institutionen  der  VN  für  die 
Delegierten  nicht  nur  eine  Gelegenheit  wären,  die  Belange  ihrer 
Regierungen  recht  wirksam  zu  vertreten,  sondern  ein  Bewußtsein 
der  Mitverantwortung  für  das  Los  der  Menschheit  an  Boden  gewänne. 

Für  die  Haager  Rechteinstitution,  die  noch  nicht  zu  voller 
Entfaltung  ihrer  Möglichkeiten  gelangt  ist,  können  die  ordentli- 
chen Gerichtshöfe,  die  innerhalb  jedes  Rechtsstaates  fungieren, 
in  kleinem  Maßstab  als  Vorbilder  gelten.  Auch|sie  genießen  eine  g 
gewisse  Unabhängigkeit  von  den  eigenen  Regierungen,  und  im 
Prinzip  ist  eine  solche  Position  in  noch  höherem  Maße  dem  Inter- 
nationalen Gerichtshof  verbürgt.  Doch  so  wie  die  UNO  selbst  bisfe 
her  nur  ein  Instrument  der  in  ihr  vertretenen  Staaten  war, 
ist  auch  im  Haag  das  Bestreben  nach  absoluter  Objektivität 
eher  ein  ideales  Postulat  geblieben.  Richter,  die,  wenn  auch 
indirekt,  von  Staaten  eingesetzt  sind,  können  sich  auch  beim 
besten  Willen  nie  vollkommen  de»  Einfluß  jener  Staaten  entziehen. 
Und  ein  Staat  selbst  ist  ein  Komplex  bestimmter  Interessen, 
sodaß  der  Begriff  des  Staates  von  dem  des  Egoismus  bisher  nie 


458 

ganz  ablösbar  war. 

Dieser  offensichtlich  Schwäche  des  internationalen 
Gerichtes  gegenüber  scheint  es  empfehlenswert,  das  Kollegium 
der  fünfzehn  von  der  Generalvers ammlung  und  vom  Sicherheitsrat 
eingesetzten  Richter  durch  kooptierte  Mitglieder  zu  erweitern, 
u.zw.  unabhängig  von  ihrer  Nationalität  und  von  ihrem  Beruf. 
Die  neuen  Richter  brauchten  weder  Beruf  sjuristen  noch  Völker*^öfa 
rechtsgelehrte  zu  sein,  sondern  könnten  z.B.  Philosophen, 
Schriftsteller,  Anthropologen,  Psychologen,  Soziologen  Ethnologen 
oder  Historiker  sein  und  bedürften  keiner  Bestätigung  seitens 
einer  Regierung.  Diese  Richter  müßten  so  hohen  Vertrauens 
durch  ihre  Persönlichkeit  sowie  durch  Friedensarbeit  und  huma- 
ne Leistungen  würdig  sein.  Wie  in  einem  allgemeineren  Sinne 
schon  auf  S.    vorgesehen,  könnten  mehrere  Institutionen  der  VN 
aus  der  Mitarbeit  solcher  Köpfe  moralischen  und  praktischen 
Nutzen  ziehen. 

Dank  einer  solchen  Erweiterung  würde  die  Autorität  des 
Internationalen  Gerichtshofes  gewiß  zunehmen,  vielleicht  bis 
zu  dem  Grade,  der  ihm  ermöglichen  würde,  auch  Großmächte  zu 
richten.  Nichtsdestoweniger  sollte  die  Wahl  der  Richter  und 
die  weitere  Sicherung  ihrer  Integrität  noch  den  Gegenstand 
eingehender  Studien  und  Reformen  bilden,  damit  dieser  Gerichts- 
hof zu  Aufgaben  befähigt  werde,  wie  sie  bisher  noch  nie  ein 
Gericht  erfüllte  und  alle  streitenden  Staaten  sich  entschließen 
könnten,  sich  zur  Annahme  seines  Schiedsspruchs  mit  unwider- 
ruflicher Geltung  zu  verpflichten.  Warum  sollten  die  für  die 
Menschheit  gefährlichen  Fragen  wie  die  Berlins,  Vietnams  und 
des  nahen  Orients  von  einem  noch  weiterhin  verbesserten  Haager 
Gerichtshof  nicht  besser  entschieden  werden  können  als  durch  die 
wenn  auch  nur  psychologische  Wirkung  der  alten  oder  gar  der  neuen 
Waffen? 

Wenn  eine  UNO,  deren  Sicherheitsrat  als  Heilsbringer 
versagt,  weil  jeder  in  ihm  nur  die  eigenen  Interessen  vertritt, 
eine  tragbare  Lösung  in  der  Generalversammlung  sucht  und  trotz 
allen  Bemühungen  nicht  findet  und  es  dann  nochmals  mit  dem 
Sicherheitsrat  Sicherheitsrat  versuchen  muß,  obwohl  sich  an 
dessen  Charakter  nichts  geändert  hat,  ist  wohl  die  Zeit  gekom- 
men, eine  dritte  UNO-Institution  heranzuziehen  und  diese  zu 
schiedsgerichtlichen  Aufgaben  von  Höchster  Bedeutung  zu  befähi- 
gen und  zu  autorisieren.  Während  sowohl  im  Sicherheitsrat  als 
auch  in  der  Generalversammlung  die  Vertretung  nationaler  und 


459 

Regierungsinteressen  zulässig,  üblich  und  zu  erwarten  ist, 
sollen  solche  Interessen  vom  Internationalen  Gerichtshof 
ausgeschlossen  sein.  Theoretisch  bildet  schon  jetzt,  noch 
vor  weitereniA  seiner  Prinzipien  und  seiner  Methoden,  eine 
Rechtsidde  seine  Grundlage  und  Voraussetung,  die  Wohlfahrt 
der  menschlichen  Gesamtheit  sein  Ziel, 

Nicht  immer  weiter  in  die  Machtbereiche  der  Staaten 
eindringende  Vorstöße  einer  nach  Allmacht  strebenden  UNO,  son- 
dern eine  durch  allseitiges  und  konsequentes  Öemühem  zutexh 
erreichbaren  Vollkommenheit  entwickelte^  Rechtsprechung  wäre 
der  geeignete  Weg,  um  die  schon  aus  den  theoretischen  Wider- 
sprüchen des  Souveränitätsbegriffes  und  dann  aus  dessen  noch 
schlimmerer  Praxis  erwachsenden  Gefahren  zu  beseitigen.  Von 
Reibungen  mit  den  Machttendenzen  der  VN  würden  die  Großmächte 
naturgemäß  viel  weniger  betroffen  als  die  kleinen  Völker,  deren 
Selbstbewußtsein  die  volle  staatliche  Unabhängigkeit  viel 
schwerer  entbehren  könnte.  Am  schwersten  würden  von  weiteren 
praktischen  oder  auch  nur  theoretischen  Einschränkungen  ihrer 
Souveränität  diejenigen  neuen  Nationen  betroffen,  die  allzu  lang 
unter  Fremdherrschaften  gelitten  und  Selbständigkeit  erst  vor 
kurzem  erlangt  haben.  Die  erhöhte  Autorität  und  erweiterte 
Kompetenz  des  Internationalen  Gerichtshofes  würde  ihnen  aber 
nicht  nur  nichts  neh^men,  sondern  müßte  ihrer  politischen 
Freiheit  die  größtmögliche  Sicherheit  verleihen. 

Doch  soll  dieser  Hinweis  auf  die  Gefahren,  die,  z.T.  noch 
verborgen,  z.T.  schon  offen,  im  Begriff  der  Souveränität  ent- 
halten sind,  nicht  als  Antrag  auf  generelle  Abschaffung  aufge#aJB 
faßt  werden.  Um  ein  gesundes  Gegengewicht  gegen  die  Macht  der  VN, 
die  zusehends  wächst  und  zum  Wohle  der  Menschheit  weiter  wachsen 
soll,  dennoch  aufrechtzuerhalten,  soll  die  Souveränität  als  sol« 
che  erhalten  bleiben,  aber  sie  bedarf  im  Interesse  Aller  eine  zk 
zweifache  Beschränkung: 

I.  Die  Anrufung  des  Internationalen  Gerichtshofes  soll 
«jedem  Lande  ohne  Rücksicht  auf  dessen  UNO-Mitgliedschaf t 
freistehen,  und  mit  gewissen,  etwa  den  auf  S.  dargestellten 
Beschränkungen  auch  nichtstaatlichen  Gruppen.  Unter  der  Voraus- 
setzung von  Reformen  zwecks  Erhöhung  der  Integrität  des  Inter- 
nationalen Gerichtshofes,  etwa  der  hier  beantragten,  würde 
dessen  Rechtsspruch  Verbindlichkeit  zukommen  und  zur  Ausführung 
würde  die  UNO  alle  ihr  zu  Gebote  stehenden  Mittel  einzusetzen 


460 


haben« 


II.  In  den  die  Erhaltung  des  Lebans  auf  diesem  Planeten 
und  die  Selbsterhaltung  der  gesamten  Menschheit  direkt  betref- 
fenden Angelegenheiten  würden  die  bisher  von  den  einzelnen 
Staaten  ausgeübten^echte  auf  die  VN  übergehen.  Diese 
Angelegenheiten  sind: 

a)  Abrüstung, 


Bodens,  der  Gewässer,  der  Vegetation  und  der  Lebewesen  und 
Maßnahmen  zu  deren  Schutze. 

Alle  Staaten  sollen  sich  verpflichten,  diese  Einschrän- 
kungen ihrer  Souveränität  durch  Einbeziehung  in  ihre  GesetzgEferna 
gebung  zu  bestätigen. 

Geschichtsschreibung  und  Politik 

Wenn  man  umfassende  Geschichtswerke  oder  Studien  über 
einzelne  räumlich  und  zeitlich  begrenzte  Gebiete  der  Geschichte 
liest,  freut  man  sich,  zu  sehen,  wie  einsichtig  die  Historiker 
sind.  Sie  irren  zuweilen  unter  dem  Einfluß  zeitgenössischer  iss± 
Gesinnungen,  aber  im  allgemeinen  spüren  sie  vergangenen  Dingen 
recht  klug  nach  und  wissen  Beweggründe  menschlichen  Tuns  und 
ihre  Polgen  aufzudecken  und  zuweilen    verborgene  Zusammenhänge 
zwischen  Erscheinungen  herauszufinden.  Besonders  schön  werden 
historische  Porschungen,  wen£eslli^Melä§c115iAsf?uSÄ?er  Zeiten  be- 
gangen haben.  Wir  lesen  das  mit  Gefühlen  der  Dankbarkeit,  weil 
wir  es  für  lehrreich  halten,  als  würde  es  uns  warnen  und  vor 
künftigem  Schaden  bewahren.  Auch  manche  der  Betrachtungen  über 
neueste  Geschichte  sind  so  intelligent  geschrieben.  Wenn  wir 
aber  all  dem  die  Geschichte  gegenüberstellen,  die  wir  selbst 
beobachten  und  von  der  wir  selbst  ein  Teil  sind,  wenn  auch  ein 
fast  immer  passiver,  erschrecken  wir  vor  dem  Unterschied.  Gegen- 
über denen,  die  Geschichte  schreiben,  erscheinen  diejenigen,  die 
Geschichte  machen,  unintelligent,  ja  ihre  Beschlüsse  und  Handlun- 
gen machen  oft  den  Eindruck  von  klassischen  Pehlleistungen 
geradezu  nach  dem  Muster  der  von  den  Historikern  aufgezeigten. 
Dennoch  wäre  es,  wenn  auch  naheliegend,  ein  Trugschluß,  verallge- 
meinernd die  Gehirne  der  Historiker  für  hochentwickelt,  die  der 
Politiker  für  unterenwickelt  zu  halten.  Prophetische  Polgerung 
nach  dem  Ausgang  der  Dinge,  vaticinatio  ex  eventu.  ist  nicht  nur 
an  sich  einfacher  als  Voraussicht  oder  Vorausberechnung,  sondern 


4-61 

der  Historiker  hat  es  schon  wegen  seiner  kontemplativen 
Aufgabe  leichter  als  der  aktive  Vollbringer  einer  Aufgabe. 
Er  kann  das  Geschehene  sowieso  nicht  ungeschehen  machen,  zumal 
auch  der  Gläubigste  ein  solches  Vermögen  selbst  Gott  nicht  zu- 
schreiben kann.  Den  Historiker  lehrt  seine  Erfahrung,  sich  txsEk 
trotz  seinen  lebhaften  Wünschen  in  die  Realität  der  Vergangenheit 
zu  fügen  und  die  Dinge  hinzunehmen  wie  sie  sind  oder  zumindest 
wie  sie  ihm  zu  sein  scheinen. Der  Politiker  hingegen  befindet  x±k 
sich  immer  auf  irgend  einer  Art  Kriegsschauplatz,  kämpft  gegen 
Umstände  und  vielerlei  Kräfte,  hauptsächlich  gegen  andere  Poli- 
tiker. Er  muß  sie  bezwingen,  abwehren,  kann  sich  nie  der  Ruhe 
überlassen,  solange  die  Verantwortung  auf  ihm  lastet,  und  selbst 
Pensionierung,  Verdrängung  oder  Sturz  gewähren  ihm  zumeist  nicht 
echte  Ruhe.  Mit  den  Interessen,  die  ihn  zu  ihrem  Ausführungs- 
organ gemacht  haben,  ist  er  oft  bis  zu  völliger  Identifizierung 
verbunden.  Wenn  er  sich  irgendwann  kühn  außerhalb  seiner  selbst 
stellen  wollte  und  objektiv  zu  denken  versuchte,  könnte  ihm  ein 
solches  Experiment  teuer  zu  stehen  kommen.  Er  könnte  unversehens 
in  die  Nachbarschaft  solcher  geraten,  die  zu  verabscheuen  und 
womöglich  zu  vernichten  er  erzogen  ist  und  die  er  verurteilend 
oder  verdammend  zu  benennen  pflegt.  Auch  wenn  er  ein  gemäßigtes 
Regime  oder  ein  gemäßigtes  Bestreben  vertritt,  hat  er  nicht  minä 
der  einseitig  und  konsequent  zu  sein  als  alle  Fanatiker.  Andere 
fürchten  ihn  zwar,  aber  er  hört  im  Grunde  nie  auf,  sie  zu  furch* 
ten.  Da  sein  Leben,  wenn  er  eine  hohe  Stellung  erklommen  hat, 
aus  Besorgnis,  Planung,  Trick,  Angriff,  Verteidigung,  Abwarten 
und  Vorbereitung  besteht,  gerät  die  Entwicklung  seiner  Urteils- 
kraft notwendig  ins  Hintertreffen. 

Das  dynamische  Denken  der  Politiker  oder  die  Dynamik  der 
Politik, schien  bisher  in  der  Natur  der  Sache  zu  liegen,  wie  die 
Betrachtung  der  Dynamik  von  einem  sozusagen  festen  Punkte  dem 
historischen  Denken  eigen  zu  sein  scheint.  Als  die  eigentliche  ± 
Angelegenheit  unserer  Zeit  ergab  sich  im  Voranstehenden  die 
Präge,  ob  wir  Alle  zusammen  imstande  sein  werden,    uns  den  neuen 
Bedingungen  anzupassen  und  sowohl  sie  als  auch  uns  selbst  so  zu 
ändern,  daß  wir  dem  gemeinsamen  Untergang  entgehen.  Innerhalb 
der  Serie  notwendiger  Veränderungen  rückt  die  Unerläßlichkeit 
fundamentaler  Revisionen  des  politischen  Denkens  in  den  Vorder- 
grund. Die  zur  Erreichung  des  Zieles,  also  zur  Verhinderung  der 
Katastrophe  und  zur  Ermöglichung  des  Portlebens  erforderliche 


4-62 

Metamorphose  oder  Revolution  im  politischen  Denken  hat 
zwei  Seiten: 

a)  Das  Ideal  politischen  Denkens  muß  die  Objektivität 
werden,  die  wir  "bisher  nur  den  Historikern  zuerkannt  oder 
auferlegt  haben.  Zwischen  Objektivität  und  der  für  jede  Wissen- 
schaft proklamierten  Voraussetungslosigkeit  besteht  wohl  nicht 
Identität  noch  Parallelität,  aber  Korrelation. 

b)  Die  Beziehung  zwischen  Urteilskraft  und  Dynamik  muß 
völlige  Umkehrung  erfahren.  Das  in  der  Funktion  des  Historikers 
vorausgenommene  Prinzip  der  Überordnung  des  Urteilens  über  das 
Handeln  oder  das  analytische  Verhalten  zur  Dynamik  muß  von  der 
den  neuen  Aufgaben  gegenüberstehenden  Politik  adoptiert  werden. 

ad  a:  Objektivität  als  Prinzip  bedeutet  die  theoretische 
Aufhebung  der  Verkettung  von  Interessen  und  Politik,  die  Lösung 
der  Politik  von  den  Ketten  des  Egoismus.  Die  Konsequenzen  dieses 
Grundsatzes  führen  u.a.  zu  dem  von  praktischen  Standpunkten 
über  Patriotismus  Gesagten  zurück  (S.  ). 

ad  b:  Die  Politik  als  Ganzes,  nie  Kleine  einzelne  unter 
ihren  Richtungen,  würde  damit  eine  höhere  Stufe  betreten, 
entsprechend der  Idee  des  Menschen,  der,  von  der  Macht  des  Schick 
sals  freier,  sich  der  idealen  Rolle  des  Herrn  seiner  selbst 
und  seines  Loses  nähert.  So  hätte  der  Philosoph  als  Politiker 
keine  Ausnahme  mehr  zu  bilden. 


KACHWORT 
******** 


Der  Hörende  wird  hören» 
der  Aufhörende  aufhören. 

Ezechiel  3t  27 


und 


Utopie  und  Prophetie 

Wenn  der  Wunsch  der  Vater  des  Gedankens  isty  wenn  der 
Sohn  dem  Vater  kritiklos  nachgeht?:  und  in  die  Bereiche  der 
Phantasie  gerät,  aus  ihren  Armen  aber  nicht  mehr  den  Weg 
zurück  findet,  zeugt  er  mit  ihr  die  Utopie. 

Wenn  aber  Einer  das  Netz  des  Truges,  das  uns  gefangen 
hält,  durchreißen  und  die  dichten  Nebel  räumlicher  und  zeit- 
lich Bedingtheit  durchschreiten  kann,  wird  er  der  Realität 
gewahr.  Nur  er  ist  ganz  Realist,  ist  zum  Wissen  gelangt.  Er 
hat  nichts,  nur  das  Wort  hat  ihn.  Er  muß  es  sagen  und  kann 
es  nicht  ändern.  Es  ist  einfach  und  ist  das  Heil.  Er  bietet 
es  uns.  Warum  können  wir  nicht  hmaaqt  sehen,  was  er  uns  zeigt? 

Doch  hören  wir  seinen  Ruf.  Sammeln  wir  unsere  Kräfte, 
damit  auch  wir  uns  vom  Trug  befreien.  Der  Ruf  ist  nahe, 
folgen  wir  ihm! 


4-62  a 


Eine  Begründung  des  Prinzips  der  Gewaltlosigkeit 
Da  es  in  der  Natur  der  Gewalt  liegt,  Gewalt  hervorzubringen, 
haben  die  durch  Gewalt  erzeugten  Tatsachen  keinen  Bestand,  Und 
da  Friede  Frieden  bringt,  muß  es  ihm  eigen  sein,  Bestand  zu 
haben. 

Die  sinnfälligste  Bestätigung  des  ersten  Satzes  bietet  die 
bekannte  Kurzlebigkeit  der  auf  Gewalt  gegründeten  Herrschaft. 
Mit  einer  Regelmäßigkeit,  die  dieses  Schicksal  als  historische 
Notwendigkeit  erscheinen  läßt,  sind  alle  auf  Gewalt  gegründeten 
Mächte  untergegangen. 

So  bleibt  nur  die  Frage  übrig,  warum  sich  noch  keine  Macht 
als  dauerhaft  erwiesen  hat,  auch  nicht  im  Sinne  der  Relativität 
unserer  historischen  Erfahrung.  Die  Antwort  darauf  ist  einfach, 
doch  zugleich  niederschmetternd:  Weil  es  eine  von  Gewalt  freie 
Macht  bisher  noch  nicht  gegeben  hat. 


463 


Ein  Einblick 

Den  Anstoß  gab  die  aus  der  unmittelbaren  Wahrnehmung 
und  Beobachtung  stammende  und  von  der  innern  Erfahrung  bestätig- 
te Gewißheit,  daß  in  die  Beziehung  zwischen  dem  Menschen  und 
der  Natur  schwere  Störungen  eingreifen,  die  auf  beiden  Seiten 
der  Natur,  in  ihrem  außermensclüchen  und  in  ihrem  Mensch 
genannten  Teil,  zu  Kettenreaktionen  führen.  In  der  in  ihrem 
gesetzmäßigen  Ablauf  behinderten  Natur  hat  die  Leben  und  Tod 
ausgleichende  Dynamik  gelitten,  unzählige  Kinder  sinken 
lebensunfähig  und  gebrochen  in  den  wunden  Mutterleib  zurück. 
Unsere  einstigen  Einzelhandlungen  der  Zerstörung  des  Lebendigen 
sind  zu  Massenaktionen  geworden.  Unser  Gewissen  ist  noch  in  uns, 
aber  es  ist  machtlos,  hilft  uns  nicht  mehr.  Uns,  die  wir  das 
Geschehen  aus  seinen  Geleisen  gehoben  haben,  und  unserer  Selbst- 
sucht zu  dienen  glauben,  indem  wir  es  in  künstliche  Geleise 
übertragen,  ist  die  Welt  ringsum  nicht  mehr,  was  sie  uns  war. 
Wir  bezichtigen  uns  und  einander  einer  Schuld  und  können  trotz 
allen  Genüssen  nicht  glücklich  sein.  Wir  fühlen,  daß  ein  unserem 
Ursprung  gemäßes  Leben  uns  das  verlorene  Paradies  wiedergeben 
könnte,  in  dem  wir  bei  einiger  Genügsamkeit  Frieden  finden 
könnten.  Aber  wir  haben  ja  nicht  nur  an  der  großen  Mutter, 
sondern  auch  an  einander  lieblos  gehandelt,  Entzweiung  ist 
um  uns  und  in  uns.  Entzweit  können  wir  die  herbeigerufenen  Nöte 
nicht  meistern,  sondern  beschwören  die  höchste  Not  herauf. 
Wir  richten  die  Riesenkraft  der  Natur  gegen  den  Bruder  und 
der  Bruder  richtet  sie  gegen  uns.  Wir  rufen  ihm  zu,  er  möge 
das  Unheil  von  uns  wegwenden,  aber  er  mißtraut  uns  und  wir 
mißtrauen  ihm,  weil  wir  uns  selbst  mißtrauen. 

So  erfahren  wir,  daß  für  uns  Alle  das  bittere  Ende  gekom- 
men ist  und  daß  wir  die  Letzten  sind,  wenn  wir  nicht  nun  in 
Eile  tun,  wofür  wir  früher  Zeit  genug  hatten.  Wir  müssen 
schneller  sein  als  die  Ungeheuer,  die  kriechend,  springend 
und  sausend  herankommen.  Nein,  wir  sind  nicht  ratlos.  Noch 
haben  wir  etwas  von  einem  uralten  Erbe  in  uns,  ein  Wissen, 
das  uns  beistehen  wird,  wenn  wir  seine  Stimme  hören  können. 

Ein  Ausblick 

Falls  dieser  Spuk  vorübergehen  und  uns  noch  ein  tiefes 
Aufatmen  vergönnt  sein  sollte,  werden  wir  die  Gabe  der  Einsicht, 
die  wir  geringgeachtet  haben,  zu  schätzen  lernen.  Im  Ringen 


464 

um  das  Sein  werden  wir  ahnen,  daß  der  Inbegriff  aller  Krisen 
zugleich  der  Bankrott  des  Hasses  und  ein  Aufruf  zur  Liehe  war» 
Du  wirst  erkennen,  welch  ein  Wahn  es  war,  mich  dafür  zu  hassen, 
daß  ich  nicht  du  bin,  da  ja  die  Erde  sonst  von  lauter  Wieder- 
holungen deiner  selbst  bevölkert  und  ein  einziges  Irrenhaus 
wäre.  So  wird  es  uns  mit  euch  gehen  und  euch  mit  uns,  bis 
wir  Alle  unser  Herz  allem  Lebendigen  aufs  neue  aufschließen 
werden.  Dann  werden  wir  unsere  Kräfte  nicht  länger  im  Kampfe 
gegen  einander  vergeuden  und  werden  im  Bund  der  Liebe  frei 
und  groß  sein.  Warum  wir  Frieden  geschlossen  haben,  werden 
wir  ganz  und  gar  erst  wissen,  sobald  wir  seinen  Sinn 
tätig  erfüllen  werden. 

Mit  einem  Vers  aus  Jesaja,  32,  17,  sei  dieses  Buch 
beschlossen: 

Die  Tat  des  Rechts  wird  Frieden  werden 

Und  die  Arbeit  am  Recht  Ruhe  und  Sicherheit  für  immer. 


«■anfe 


A  WEIGHT  AND  FINISH  FOR  EVERY  TYPING  Oft  DUPLICATING  PURPOSE 


ti|peuu  riter 
pa  pers 


Ready  in  stock:  Bonds,  Copy 
Papers,  Duplicating  Papers, 
Etc.,  in  letter  and  legal  size. 


OFFICE  SUPP 


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G  •  BUSINESS  FURNITURE 


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